„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame Gefühl, als wär die Küchentür grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand… anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂĽberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die Trümmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwühlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der Verdrängung und großzügigen nachträglichen Einfärbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwärend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend überdeckt mit Verbänden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saĂźen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage später saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenüber, wohl gut 10 Jahre älter als er, mit der er sich seltsam verbunden fühlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzählte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblüffende Weise ähnelte. Und wieder dieses sonderbare Gefühl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wünschte, und auch er fühlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben würde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fühlte, die einst aus Schmerz und Überforderung über Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmäßigen Platz in seinem Leben zurückerkämpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene Eindrücke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwürdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fühlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer über sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war überall. Sie alle waren überall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hätte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, für etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer äußerlichen Kampfhandlung zurückgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂĽrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dämpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂĽher oder später stets wieder in luftige Höhen fĂĽhren wĂĽrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂĽrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Ăśberall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂĽberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂĽberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spürte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die Unvergänglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der Hüllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzündeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? Wofür willst du einstehen? Wofür bist du bereit zu kämpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer Endgültigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. Dafür einzustehen, wofür es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren Widerständen dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafür reichte, und sich dort Unterstützung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spüren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der Prägungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, früher oder später zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen führen mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe füreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wählen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltäglichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzähligen kleinen Kämpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden Selbständigkeit. Für etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestärkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Warum existiert Mobbing? Was verbindet den Faschismus im Kern mit dem Kommunismus – und mit der Mafia? Warum hat die FPÖ in den letzten Jahren mehr und mehr Zulauf in Österreich? Und warum wiederholt sich – wie viele nun erneut befürchten – eigentlich die Geschichte so gerne und oft? Eine Betrachtung anhand zweier interessanter Muster in sozialen Systemen.

Die Antwort auf die letzte Frage ist meiner Meinung nach am einfachsten zu geben: weil wir uns soziales Geschehen traditionell sehr mechanisch erklären. Ein Akteur oder mehrere wenige treiben den Lauf der Geschichte voran, der Rest reagiert darauf, etwa: „Adolf Hitler war der Grund für den Faschismus“. In meiner Schulzeit wurde mir das sinngemäß so erklärt. Oder umgekehrt: hätte es ihn nicht gegeben, wäre es nie zu all dem gekommen.

Ja, ich wars! Ganz alleine habe ich die Welt ĂĽberwunden! Muahaha!
(kurze Zusammenfassung des an Schulen vermittelten Geschichtsbildes)

Wäre es tatsächlich so, wäre alles, was nötig ist, eine Wiederholung zu verhindern, Ausschau nach sich ähnlich verhaltenden Menschen zu halten und diesen tunlichst keine Bühne zu geben. Ich glaube jedoch, dass es damit nicht getan ist. Auch wenn viele möglicherweise den Kopf schütteln mögen ob dieser Aussage: ich glaube, Adolf Hitler war in gewisser Hinsicht Symptomträger eines bestimmten sozialen Musters. Er war mit Sicherheit ein besonderer Mann mit besonderen Eigenschaften, die ihn zu seiner Zeit zu dem werden ließen, der er später wurde, und ich möchte ihn nicht von seiner persönlichen Verantwortung freisprechen. Aber ohne die ganz bestimmte Umgebung, mit der er in Wechselwirkung stand, wäre ihm nicht möglich gewesen, was ihm möglich war.

Wenn wir also verhindern wollen, dass sich die Geschichte wiederholt, müssen wir neben ihm als Symptomträger auch die Umstände und sozialen Muster betrachten, die in Wechselwirkung mit seiner individuellen Person hervorgebracht haben, was wir zu verhindern suchen. Mir ist klar, dass die Sichtweise, wir wären alle Opfer gewesen, in der Nachkriegszeit vor allem für Österreich einen enormen Wert hatte, weil sie zu einer besseren Behandlung durch die Siegermächte führte. Aber sie verstellt nun, Jahrzehnte nach dem Geschehen, den klaren Blick auf die Anfänge, und bereitet damit den Nährboden für einen Neuanfang mit.

Was aber hat nun ein Adolf Hitler und der Nationalsozialismus mit Mobbing zu tun? Um dies zu verstehen, mĂĽssen wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Arten sozialer Systeme verstehen: Familien-Systeme und Rechts-Systeme.

Was ist ein Familien-System?

“Den Charakter und Wert des Menschen erkennt man, wie jeder weiĂź, unfehlbar an der Form seines Kopfes.”

Ein Familien-System schreibt seinen Mitgliedern implizit vor, wie sie sich zu verhalten haben. Das Wir-Gefühl wird durch Gleichheit im Sein und Verhalten angestrebt. Verhält sich jemand anders als erwartet, ist die Konsequenz unklar, und meist je nachdem um wen es sich handelt unterschiedlich. Entweder wird Druck auf denjenigen ausgeübt, sich wieder den anderen anzupassen, oder Druck ausgeübt, die Gruppe zu verlassen. Es gibt häufig interne Machtkämpfe darüber, wer die Gruppen-Normen definiert.

Familien-Systeme haben den Vorteil, dass sie Menschen, die sich ohnehin ähnlich sind, gut zusammenschweißen und zu gemeinsamen Leistungen anspornen können. Weil Abweichungen von der Norm nicht geduldet werden, sind Familien-Systeme jedoch nicht gut geeignet, um Innovation hervorzubringen.

Familien-Systeme entstehen ĂĽberall dort automatisch, wo nicht bewusst Rechts-Systeme eingefĂĽhrt werden, und auch dort, wo Rechts-Systeme zusammenbrechen.

Beispiele kennen die meisten aus dem persönlichen Umfeld, etwa in Teams oder einer Schulklasse. Ein weiteres sehr bekanntes und plakatives Beispiel ist z.B. die Mafia, die sich ja auch selbst den passenden Spitznamen „Familie“ gibt.

Was ist ein Rechts-System?

“Nicht töten, nicht verletzen, nicht stehlen, … ok, dann bin ich eben freundlich, das darf ich ja!”

Während im Familien-System implizit vorgeschrieben ist, wie man sich zu verhalten hat, ist in einem Rechts-System explizit festgelegt, wie man sich nicht zu verhalten hat. Im Staatswesen etwa bilden Gesetze einen Rahmen, innerhalb dessen man sich verhalten kann wie man es selbst für richtig hält – damit entsteht ein Spielraum möglichen Verhaltens und Raum für Diversität/Innovation. Bricht jemand diese Regeln, so ist klar definiert, was daraufhin passiert. Hat der Täter seine Konsequenz auf sich genommen, so ist seine Schuld getilgt, und ihm steht (zumindest in der Theorie) ein Neuanfang zu.

Ein Rechts-System funktioniert nur dann, wenn es ein Gewalt-Monopol gibt, und dieses auch gerecht und konsequent ausgeĂĽbt wird. Kommt es zu Ungleichbehandlung, oder schwindet das Vertrauen, dass Ăśbertretungen geahndet werden, wird das Gewalt-Monopol in Frage gestellt. Es kommt zu Machtwechseln oder sogar zum Zusammenbrechen des Rechts-Systems selbst und zur RĂĽckkehr zum Familien-System.

Beispiele sind Staaten wie Österreich, aber Rechts-Systeme können auch im Kleinen, etwa in Teams oder in Schulklassen errichtet werden, wie ich es mehrmals intuitiv an Schulen – ohne noch in diesen Begriffen zu denken – getan habe.

Ein weiterer interessanter Faktor: Familien-Systeme können innerhalb von Rechts-Systemen existieren, umgekehrt funktioniert dies jedoch – nach meiner Erfahrung mit dem Schulsystem – auf Dauer nicht so gut. Ein Rechts-System eröffnet einen Spielraum für Anders-Artigkeit, den ein übergeordnetes Familien-System nicht dulden kann.

Was hat das alles mit Mobbing zu tun?

“Da hält sich wohl jemand fĂĽr etwas Besseres?!”

Sehr viel! Ich bin mittlerweile ĂĽberzeugt davon, dass Mobbing als Phänomen eine mögliche natĂĽrliche Folge eines Familien-Systems ist. Ist eine Gruppe in einem Familien-System sich sehr ähnlich, so wird sie sich eher gegenĂĽber einem anderen Familien-System im AuĂźen abgrenzen (FuĂźball-Fanclubs sind ein gutes Beispiel dafĂĽr, oder auch “völkisch” geprägte Staaten). Ist sie jedoch sehr heterogen, ist die Konsequenz entweder ein mehr oder weniger offener Machtkampf um die Definitionsmacht der Normen – oder eben Mobbing: „Pass dich an oder verschwinde, damit wir alle gleich sein können“.

Wer dann jeweils tatsächlich Mobbing-Täter oder Opfer wird oder ob es stattdessen zum offenen Machtkampf zwischen Gruppen kommt, hängt wiederum viel mit individuellen Aspekten der handelnden Menschen zusammen. Aber in einem Familien-System, in dem Mobbing existiert, ist der Mobbing-Täter im Grunde meist nur Symptomträger einer tieferen Problematik. Wird der Täter dann zum Beispiel gekündigt, ohne ein funktionierendes Rechts-System aufzubauen oder die Gruppen so neu einzuteilen, dass sie tatsächlich homogen werden und relativ friedlich nebeneinander existieren können, wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später wieder zu Mobbing kommen.

Mobbing und offene Machtkämpfe sind also dort an der Tagesordnung, wo eine unterschiedliche Gruppe von Menschen zusammenkommt und kein Rechts-System existiert. Und hat dort ein Ende, wo Führungskräfte ein solches etablieren und verteidigen.

ZurĂĽck zum Faschismus

Der Faschismus im letzten Jahrhundert war für mich, sehr vereinfacht ausgedrückt, die Folge des Niedergangs eines Rechts-Systems, das vielen verschiedenen Menschen und Kulturen unter einer Herrschaft ein Miteinander ermöglicht hatte. Die alten Monarchien fielen, den Menschen ging es schlecht, das Vertrauen in eine bessere Zukunft und eine politische Elite, die die Massen dorthin führen würde, schwand. Das Gewalt-Monopol wurde immer mehr unterhöhlt. Menschen ahnten, dass irgendetwas gehörig schief lief. Aber es war zu komplex, als dass jemand tatsächlich erklären konnte was und warum, und die Hoffnungslosigkeit stieg mit der Inflation tagtäglich.

“Also ich hätte da so eine Idee…”

Und dann plötzlich der Lichtblick: jemand hatte eine einfache Erklärung, die eine Rückkehr zur eigenen Handlungsfähigkeit versprach. Alles mag zusammenbrechen, aber ich kann etwas dagegen tun. Die Kommunisten entdeckten „die Reichen“ als den Grund aller Probleme, die Faschisten „die Juden“, und beide entdeckten, dass sie eine Masse und damit überlegen waren, wenn sie nur mobil wurden. Das Gewaltmonopol war bereits zum Teil unterhöhlt, und das „Mobbing“ der erklärten Zielgruppe begann. Wer andere verachtet und sich von ihnen abgrenzt, gewinnt dadurch praktischerweise noch an eigenem Identitätsgefühl hinzu, was zu diesen Zeiten zusätzlich ein Bonus war.

Und nachdem man erst einmal begonnen hatte und feststellte, dass das Gewaltmonopol des Staates keinen Widerstand mehr bot, stand der Massenvernichtung der „Anderen“ nicht mehr viel im Wege. Es ist bezeichnend, dass es ein gewissermaßen schleichender Prozess war, wie es auch in Gruppen in denen Mobbing existiert häufig ist.

Wenn wir an unserem mechanischen Weltbild festhalten, werden wir – wie es auch in der Medizin vorkommt – immer wieder Symptomträger eines Phänomens mit den tatsächlichen Ursachen verwechseln. Deswegen halte ich es fĂĽr so wichtig, eine Sprache, ein Vokabular zu entwickeln, mit der wir diese tatsächlichen Ursachen auch beschreiben und verstehen können. Wir haben zwar zahlreiche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, Soziologie, Systemtheorie etc., aber eine VerknĂĽpfung dieser Erkenntnisse zu einer universalen sozialen Theorie, die auch fĂĽr einen Laien ohne Supercomputer hilfreich sein kann, steht noch aus.

Die große Leistung eines Adolf Hitler war es, eine Erklärung für die Misere der Massen anzubieten und sie zum Handeln zu mobilisieren, während andere sich vor der Komplexität der Situation fürchteten und keine Alternative anboten. Wer verzweifelt genug ist, und er sieht nur eine einzige Handlungsalternative, der wählt diese, egal was die Konsequenz ist.

Wer eine „Wiederholung der Geschichte“ vermeiden will, sollte also meiner Ansicht nach lernen, komplexe soziale Systeme und ihre Zusammenhänge zu verstehen, um dort, wo „einfache Lösungen“ populär werden, eine Vertrauen erweckende Alternative parat zu haben, die nicht zur Katastrophe führt.

Zur „Lage der Nation“ in Österreich

“Ich bin fĂĽr mehr direkte Demokratie!”
(solange wir mehr sind als die)

Warum hat die FPÖ in Österreich (und viele ähnliche „extremere“ Ausprägungen des politischen Spektrums weltweit) in Wahlen deutlich zugelegt? Ich glaube, das liegt daran, dass sie sich in ihren Grundzügen und ihrer offiziellen Zielsetzung  sehr stark an einem Familien-System orientiert. Andere Parteien, etwa die Grünen, bekennen sich zu mehr Diversität und Integration und anderen klassischen Vorteilen eines Rechts-Systems. Ein steigendes Misstrauen in ein Rechts-System führt zu einem Umschwung im Wahlverhalten hin zu Parteien, die eher Familien-System-Themen aufwerfen und ansprechen. Wobei zu beachten ist, dass rein strukturell jede Partei in einer Demokratie unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung bereits Aspekte eines Familien-Systems aufweist.

Nun befinden wir uns weltweit in einer sehr unübersichtlichen Entwicklung, was sich in den letzten Jahren unter Anderem anhand der Asyl-Thematik gezeigt hat. Massen von Menschen haben sich zwischen Staaten bewegt, und im Grunde war in vielen Fällen unklar, ob dies nun mit rechten Dingen zugegangen war oder nicht. Vermutlich wäre ich (und auch sonst jeder) in der verantwortlichen Position genauso überfordert gewesen, ich will hier niemandem etwas vorwerfen.

Wiederum befinden wir uns jedoch nun in einer Situation, die zu komplex erscheint, um sie in ihrer Gesamtheit deuten zu können, in der aber eine gewisse latente Angst und Unzufriedenheit in vielen Menschen brodelt. Unabhängig von der tatsächlichen Stärke des Rechts-Systems in Österreich ist es heute einfacher denn je, Falschinformationen darüber zu verbreiten, um das Vertrauen in die so wichtige Legitimation des Gewaltmonopols des Staates zu untergraben. Konstruktive Erklärungen und Handlungsalternativen zur Lösung der tatsächlichen Ursachen erscheinen rar bis nicht vorhanden, was Raum eröffnet für neue „einfache Lösungen“ im Sinne von Familien-Systemen.

FPĂ–-Plakat

“Den Charakter und Wert eines Menschen erkennt man, wie jeder weiĂź, unfehlbar am Ort seiner Geburt.”

MĂĽssen wir uns Sorgen machen?

Wenn wir den Unterschied zwischen Familien- und Rechts-Systemen als Muster akzeptieren können, dann glaube ich, dass wir zumindest aufhören sollten, unsere Energien in Nebenschauplätzen zu vergeuden. Ich bin überzeugt davon, dass sich in allen Parteien Menschen finden, die es auf ihre Weise gut meinen mit uns (sowie den einen oder anderen Betrüger). Ein Kommentar eines FPÖ-Politikers ist nicht per se besser oder schlechter als der einer anderen Partei, und alle FPÖ-Anhänger gewohnheitsmäßig als Nazis zu beschimpfen (wie ich es schon öfter erlebt habe) hilft uns nicht dabei, konstruktive Lösungen zu finden.

Die relevante Frage ist für mich, der ich eine gesunde und bereichernde Vielfalt schätze, vielmehr: stärken wir die Grundfesten eines Rechts-Systems mit dem was wir tun, oder schwächen wir sie, und geben damit Familien-Systemen mehr Raum? Tatsächlich dürfte es das Vertrauen in ein Rechts-System nicht gerade stärken, wenn zigtausende Menschen unkoordiniert und mit unklarem Rechts-Status ins Land einreisen. Der Grund dafür ist aber nicht, dass es sich ausnahmslos um schlechte Menschen handelt, sondern dass um eine solche Situation bewältigen zu können wir auch entsprechende Kapazitäten haben oder entwickeln müssen, damit im Rahmen eines Rechts-Systems umzugehen.

Es ist – wie weiter oben bereits erwähnt – durchaus zulässig und mag zuweilen auch sehr sinnvoll sein, Familien-Systeme aufrechtzuerhalten, weil diese innerhalb eines Rechts-Systems funktionieren und auch wertvoll sein können. Bedrohlich wird es dort, wo das Familien-System das Gewalt-Monopol des übergeordneten Rechts-Systems unterwandert und bedroht. Sind wir schon so weit gekommen? Es ist für mich schwierig, dies zu überblicken, was an sich bereits ein Alarm-Signal sein dürfte.

Die Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen trägt hoffentlich ein StĂĽck weit dazu bei, eine Art „Framework“ zu haben, mit dessen Hilfe sich die Situation in einem Staat, einem Team oder auch einer Schulklasse besser beurteilen lässt. Die Geschichte wiederholt sich erfahrungsgemäß nie exakt gleich, aber ähnlich wie in der Medizin wiederholt sich das Auftreten einer “Krankheit” in verschiedenster Formen meist zumindest so lange, bis wir zu unterscheiden lernen zwischen einer oberflächlichen Symptombehandlung und der Bekämpfung der tieferliegenden Ursachen. Vielleicht sind wir diesen mit der Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen einen Schritt näher gekommen. Zu hoffen wäre es.

Niklas