Zerbrochener Felsbrocken

Er war seit Monaten nur noch selten in jener Wohnung gewesen, seit er begonnen hatte, an ihrer Seite Wurzeln zu schlagen, Raum einzunehmen. Nun, da er im Zuge des Umzugs StĂŒck fĂŒr StĂŒck seiner Vorgeschichte, verewigt in all jene Objekte die das alte Zimmer ausfĂŒllten, ausgerĂ€umt und auf seine zukĂŒnftige NĂŒtzlichkeit ĂŒberprĂŒft hatte, war er dem Moment zunehmend nĂ€her gekommen, wo er sich mit dem Felsbrocken beschĂ€ftigen wĂŒrde mĂŒssen.

Der Felsbrocken war das Symbol gewesen, dass auch der Vater bereit sei, seinen Teil der Verantwortung zu tragen. In einem Moment der Verbundenheit hatten sie ihn aus dem Fluss geholt und gemeinsam nach Hause gebracht, sichtbares Zeichen einer neuen, gesĂŒnderen Ordnung zwischen ihnen.

Nun, einige Monate spĂ€ter, wĂ€hrend das Zimmer rundherum sich mehr und mehr leerte, wurde ihm die AbsurditĂ€t des Ganzen mehr und mehr sichtbar: Der Felsbrocken, die Schwere, die Verantwortung fĂŒr die er stand, war wieder einmal nur bei ihm liegen geblieben, trotz aller hoffnungsvollen Worte und Versprechungen, dass von nun an alles anders werden wĂŒrde. Der Kontakt zu jenem anderen war mittlerweile vollends abgebrochen. Die Schwere, der große Brocken, war ihm geblieben.

Auf ihr Anraten hatte er den Felsbrocken von seinem Platz entfernt, ihn mitgenommen, auch wenn dieser fast zu schwer war, ihn alleine weiter als einige Meter zu schleppen. Ins Auto damit. Dorthin, wo er hingehört. Zu ihm. Einfach in den Garten legen. Oder vor seine Einfahrt. Dann musste jener zumindest einmal auch diese Schwere ertragen, wenn er mit dem Auto rauskommen wollte. Aber durfte man so etwas ĂŒberhaupt? Vielleicht ĂŒbersah der Andere ja den Felsen einfach und fuhr ungebremst dagegen…? Schadenersatzforderungen waren in diesem Fall wohl gar nicht so abwegig.
„Der bleibt nicht in deinem Auto. Oder hier bei uns. Das ist nicht gut fĂŒr dich und uns“, hatte seine GefĂ€hrtin gemeint, und natĂŒrlich Recht damit gehabt. Also doch einfach zu seinem Vater bringen?

Doch da war da noch ein Nachflimmern einiger SĂ€tze, die dieser ihm irgendwann gesagt hatte. Davon, dass seine Mutter sich einst durch ihre Krankheit und ihren Tod aus der Verantwortung gestohlen hĂ€tte, und dass er doch eigentlich auch auf sie wĂŒtend sein mĂŒsse. Aber durfte man das? Was konnte sie fĂŒr ihre Krankheit, ihren Tod? Und doch.. war da ein Funken Wahrheit zu finden. Womöglich  nicht so, wie der Vater es meinte. Aber trotzdem hatte auch seine Mutter einen Teil des Felsbrockens verdient. Auf die ihre Art.

Einige Tage spĂ€ter fuhr er mit seiner GefĂ€hrtin zu dem nahe gelegenen Fluss. Eine kleine BrĂŒcke fĂŒhrte darĂŒber, womöglich ein geeigneter Ort fĂŒr ihr Vorhaben, den Felsen endlich aufzubrechen. Er war derart massiv, dass es wie ein absurdes Unterfangen wirkte. Konnte es tatsĂ€chlich gelingen? Und doch
 aus genĂŒgend großer Höhe womöglich
?

Der Anblick des fallenden Felsbrockens, sein Zerbersten und das donnernde GerÀusch dabei brannten sich in seine Erinnerung ein als ein glorreicher Moment der Befreiung.
„Welchen Teil gehört fĂŒr dich denn zu deinem Vater?“, fragte sie ihn. „Welcher zu deiner Mutter?“
Den zu seiner Mutter konnte er sofort ausmachen. Der wĂŒrde gut zu ihrem Grabstein passen. Der grĂ¶ĂŸere Rest des Felsbrockens erschien ihm jedoch unfair groß im Vergleich, wurde seinem Vater nicht gerecht. Die noch kleineren Splitter schienen dagegen zu klein.
Der Große muss noch einmal brechen, wurde ihm klar.

Wieder auf die andere Seite der BrĂŒcke, barfuß durch den Fluss gewatet, den verbliebenen grĂ¶ĂŸeren Teil des Felsbrockens holend, wieder auf die BrĂŒcke, und er ließ den Brocken nochmals fallen. Zahlreiche Splitter sprengten sich nochmals ab.
„Und jetzt?“, fragte sie ihn.

Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass er niemals fertig werden wĂŒrde, einem jeden seinen gerechten Teil zukommen zu lassen. Er selbst hatte wohl seinen Teil verdient, sein Vater, seine Mutter, aber ebenso ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern und immer so weiter, gar nicht zu sprechen von allen möglichen weiteren Menschen die einen im Laufe eines Lebens so beeinflussten. Und selbst wĂŒrde ihm diese Aufgabe gelingen – was hĂ€tte er damit erreicht? Machte es wirklich freier wenn man wusste warum man unfrei war, sich BegrĂŒndungen dafĂŒr aus einer Vergangenheit logisch herleiten konnte?

„Der Felsen bleibt hier“, meinte er zu ihr, fĂŒhlend, wie die Schwere des Felsbrockens, der Schuld, des Schmerzes von seinen Schultern genommen worden war, wenn er ihn nur loszulassen vermochte. Warum irgendjemanden anderen weiter damit belasten? Er brauchte nichts mehr von ihnen.

Kurz fand er in sich den Impuls, sich ein Andenken an jenen denkwĂŒrdigen Moment mitzunehmen, ein kleines StĂŒck des einst so schwerwiegend erscheinenden Brockens. Aber das hĂ€tte eine Erfahrung entehrt, die da ganz war, nicht nur eine stĂŒckweise Erleichterung, von viel zu schwer zu weniger schwer.

Was, wenn man tatsĂ€chlich einfach aufhörte, irgendwelche Felsbrocken an irgendjemanden verteilen zu wollen, weil man glaubte es sei ja so unfair dass man ihn selber tragen mĂŒsse und der andere nicht? Denn die unbequeme Wahrheit war am Ende doch jene: er selbst hatte den Felsbrocken damals mit nach Hause geschleppt. Es war seine eigene Idee gewesen, ihn gemeinsam aus dem Fluss zu holen, und er hatte ihn sich behalten wollen. Nun war auch er es, der ihn gehen lassen musste. Diese Verantwortung konnte ihm niemand abnehmen.

Denn sonst, so fĂŒhlte er es mittlerweile recht deutlich, wĂ€re man ja wie jemand, der einen Roman liest der ihm nicht gefĂ€llt, wissend dass er auch nicht besser wird, trotzdem weiterliest und sich dann beschwert dass das Buch schlecht war. Man konnte auch einfach das Buch weglegen und ein anderes lesen. Oder selbst eins schreiben, mit ĂŒberraschenden Wendungen und viel mehr Freude drin. Oder sogar ganz wagemutig sein, all die BĂŒcher hinter sich lassen, die TĂŒr aufmachen und mal rausfinden wie das Leben so ist wenn man sich mal wieder ungefiltert drauf einlĂ€sst.

Vermutlich war das dann gar nicht mehr so schwer.

Der Großteil aller Menschen wird darin ĂŒbereinstimmen können, dass Freiheit erstrebenswert ist. Die Übereinstimmung ist derart selbstverstĂ€ndlich, dass sich eine Frage in vielen Diskussionen gar nicht mehr zu stellen scheint: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Ist der Begriff tatsĂ€chlich so hinreichend erklĂ€rt, wie wir ihn verwenden? Und wenn ja: Wie kommt es dann, dass Menschen, denen „mehr“ Freiheiten zur VerfĂŒgung stehen als uns, nicht unbedingt glĂŒcklicher zu sein scheinen als wir selbst?

Objektive vs. Subjektive Freiheit

Im alltĂ€glichen Gebrauch wĂŒrden die meisten Menschen Freiheit als berechenbar definieren. Ich kann nicht nur frei sein, sondern auch freier. Mehr frei als jemand anderer. Diese Art, „Freiheit“ zu definieren, bestimmt die Strategien, die wir anwenden, um zu mehr Freiheit zu gelangen: Falls wir uns unfrei fĂŒhlen, arbeiten wir daran, uns ein Mehr an Optionen zu erarbeiten.

Wenn uns zehn Wahlmöglichkeiten in einer Situation offen stehen, sollten wir uns demnach freier fĂŒhlen als wenn uns nur drei Wahlmöglichkeiten offen stehen. Immerhin sind wir – nach unserer berechenbaren Definition – damit objektiv betrachtet freier.

Das Problem bei dieser Herangehensweise ist jedoch, dass Freiheit zwar von objektiven Möglichkeiten beeinflusst, im Kern aber eine zutiefst subjektive Wahrnehmung ist. Wenn wir zwei Menschen, A und B, in die objektiv betrachtet exakt gleiche Situation versetzen, ist die Chance groß, dass sich ihr Freiheitsempfinden sehr voneinander unterscheidet.

Ein Bereich des Lebens, der dies sehr deutlich veranschaulicht, ist die Liebe. Ich kann mir als Mann ein VerhĂ€ltnis mit fĂŒnf Frauen anfangen (und natĂŒrlich auch umgekehrt usw.). Objektiv betrachtet bin ich dann womöglich „freier“ in der Auswahl, mit wem ich meine Zeit verbringen möchte. Aber wenn ich in einem Moment das BedĂŒrfnis nach Kontakt zu einem Menschen habe, mit dem ich in diesem Moment nicht in Kontakt sein kann, werde ich mich trotz meiner vielen alternativen Möglichkeiten unfrei fĂŒhlen.

Selbst wenn der Kontakt mit nur einem einzigen Menschen „alternativlos“ und damit nach objektiven Kriterien „unfrei“ sein sollte: wenn es das ist, was ich mir in dem Moment wĂŒnsche, werde ich mich subjektiv frei fĂŒhlen.

Freiheit und stimmiger Kontakt

Was fĂŒr die Liebe gilt, lĂ€sst sich auch auf so ziemlich jeden anderen Lebensbereich ĂŒbertragen. FĂŒr unsere Wahrnehmung von Freiheit ist entscheidend, ob es uns möglich ist, das zu tun/kommunizieren, was sich fĂŒr uns subjektiv im Moment stimmig anfĂŒhlt. Ist diese Möglichkeit gegeben, fĂŒhlen wir uns frei. Ist sie es nicht, fĂŒhlen wir uns unfrei, weitgehend unabhĂ€ngig von unseren objektiven Möglichkeiten. Oder anders ausgedrĂŒckt: Solange wir in stimmigen Kontakt mit uns selbst, anderen und der Welt gehen und darin bleiben können, fĂŒhlen wir uns frei. Sobald irgendetwas uns daran hindert, fĂŒhlen wir uns unfrei.

Dabei lĂ€sst sich eine grobe Unterscheidung treffen zwischen inneren und Ă€ußeren Blockaden unserer subjektiv erlebten Freiheit. Eine Ă€ußere Blockade könnte z.B. sein, dass ich, um offiziell als Unternehmensberater tĂ€tig sein zu dĂŒrfen, dafĂŒr bestimmte Voraussetzungen erfĂŒllen muss. Bei einer Ă€ußeren Blockade besteht die Chance, dass mich tatsĂ€chlich eine Konsequenz erwartet, die von außen kommt. In dem beschriebenen Fall z.B. eine rechtliche Strafe, falls ich ohne Berechtigung als Unternehmensberater auftrete. Diese Art von Blockade kann ich ĂŒberwinden, indem ich darauf hinarbeite, die entsprechenden Voraussetzungen zu erfĂŒllen.

Eine innere Blockade hingegen berĂŒhrt Überzeugungen ĂŒber die Welt bzw. mich selbst, die verhindern, dass ich in stimmigen Kontakt bleiben kann. So mag es beispielsweise dazu kommen, dass ein potentieller Kunde Interesse daran hat, mit mir zu arbeiten. Vielleicht berĂŒhrt dies aber in mir die Überzeugung, dass ich es ja in Wahrheit gar nicht wert sei, dass Kunden mir vertrauen. Nun blockiere ich mich womöglich innerlich dermaßen, dass ich (unbewusst) darauf hinarbeite, dass der Auftrag nicht zustande kommt. Diese Art von Blockade kann ich ĂŒberwinden, indem ich mir den -> universellen Entwicklungskreislauf zunutze mache, und fĂŒr die entsprechenden Voraussetzungen sorge, meine inneren Blockaden zu ĂŒberwinden.

Wovon hĂ€ngt unser subjektives FreiheitsgefĂŒhl ab?

Unser subjektives GefĂŒhl von Freiheit (das, anders als die objektive Situation unserer tatsĂ€chlichen Möglichkeiten in jedem Moment, unser Erleben bestimmt) ist damit abhĂ€ngig von sechs Faktoren:

  • Bin ich fĂ€hig und willens, in stimmigen Kontakt zu treten, um zu fĂŒhlen, was ich brauche/was fĂŒr mich stimmig ist?
  • Kann ich verlĂ€sslich zwischen inneren und Ă€ußeren Blockaden unterscheiden? (Siehe auch -> Filter unserer Wahrnehmung)
  • Erkenne ich, welche Ă€ußeren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese Ă€ußeren Blockaden ĂŒberwinden kann?
  • Erkenne ich, welche inneren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese inneren Blockaden ĂŒberwinden kann?

Der Faktor Zeit

Wie wir an diesen Faktoren feststellen können, ist auch Zeit ein relevanter Faktor. Möglicherweise erkennen wir eine Ă€ußere Blockade, und auch einen Weg, wie wir sie ĂŒberwinden können, aber der Prozess wĂŒrde so lange dauern, dass wir die Möglichkeit von vornherein ausschließen (z.B. „ich bin doch schon zu alt, noch eine neue Ausbildung zu beginnen“).

Es ist auch durchaus legitim, sich gegen etwas zu entscheiden, wenn der Aufwand subjektiv betrachtet in keiner konstruktiven Relation zum erwarteten Nutzen steht. Solange man sich dabei im Sinne der radikalen Selbstverantwortung auch eingesteht, dass diese subjektive Unfreiheit die Konsequenz einer Entscheidung war, die man fĂŒr sich getroffen hat. Denn dies bedeutet gleichzeitig auch, dass man die Macht behĂ€lt, sich zu einem anderen Zeitpunkt anders zu entscheiden, anstatt sich selbst zum Opfer der UmstĂ€nde zu machen.

Welche Art von Freiheit macht nun nachhaltig glĂŒcklich?

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine subjektiv erlebte Freiheit, ein im-stimmigen-Kontakt-Sein mit sich und dem Rest der Welt nachhaltig glĂŒcklich machen kann. Oder anders ausgedrĂŒckt: frei fĂŒhlt sich derjenige, der nachhaltig tun und lassen, sagen und schweigen kann, was sich fĂŒr ihn stimmig/richtig anfĂŒhlt.

Dies ist schwer quantifizierbar im Sinne eines „Mensch A ist freier als Mensch B“. Aber vielleicht ist dies ja auch gar nicht notwendig. Nur weil ich objektiv „freier“ bin als ein anderer Mensch, macht mich das ja nicht subjektiv glĂŒcklicher. Und da mein Erleben ja zutiefst subjektiv ist, ist es im Zweifelsfall ja dieses, was fĂŒr mich relevant ist.

Welche Art von Freiheit macht Dich nachhaltig glĂŒcklich?

Niklas

P.S.: Ich möchte noch erwĂ€hnen, dass ich diesen Freiheitsbegriff nicht selbst entwickelt, sondern aus einem Buch ĂŒbernommen habe. Ich wĂŒrde an dieser Stelle gerne den Autor/den Titel des Buches anfĂŒhren, auch um ihm fĂŒr diesen Gedanken den Respekt und die Dankbarkeit zukommen zu lassen, die er verdient. Leider habe ich das Buch von einer Bekannten geborgt, die nun (aus GrĂŒnden, die sie mir nicht erklĂ€ren wollte) nicht mehr mit mir spricht. Daher ist mir dies im Augenblick nicht möglich.

Gestern hielt ich im FreiRaumWels einen meiner VortrĂ€ge, „FĂŒhren zur Selbstverantwortung“. In einem Teil des Vortrages spreche ich auch ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“, das ich vor einigen Jahren mal in einer VS-Klasse erfunden hatte, um den SchĂŒlern die Angst vor dem Fehlermachen zu nehmen. Wie so oft, kam mir dann, wĂ€hrend ich darĂŒber sprach, eine simple, aber doch sehr mĂ€chtige Erkenntnis ĂŒber die Natur des Fehlers. Abends sah ich mir dann noch eine Dokumentation ĂŒber das Leben des Buddhas an, und plötzlich passten viele Puzzle-Teile perfekt aufeinander. Die Erkenntnis will ich euch natĂŒrlich nicht vorenthalten…

Die relative Natur des Fehlers

Bevor er zum „ausgewachsenen“ Fehler wird, durchlĂ€uft er – bildlich gesprochen – mehrere Entwicklungsstufen. Er beginnt als Intention. Jemand hat die Absicht, etwas zu erreichen. Der nĂ€chste Schritt ist die Auswahl der vermutlich geeignetsten Handlungsweise. Diese muss nicht notwendigerweise bewusst stattfinden, sie kann beispielsweise auch aus Gewohnheit entstehen. Danach erfolgt die Umsetzung der Handlung, und schlussendlich die Bewertung der Konsequenzen nach den Kriterien der Intention. Habe ich mein Ziel erreicht? Gibt es eine Abweichung vom Ziel, und wenn ja, wie ausgeprĂ€gt ist diese Abweichung? Daraus ergibt sich, ob ich „richtig“ gehandelt habe, oder aber auch, wie dramatisch mein Fehler (meine Abweichung vom Ziel) war.

Im Alltag wird wohl kaum jegliche Intention und Handlung dermaßen genau durchdacht werden, stattdessen wird wohl viel unbewusst ablaufen. Diese sehr genaue Betrachtungsweise ermöglicht jedoch einige interessante Beobachtungen und Überlegungen ĂŒber die Natur des Fehlers.

  1. Die Möglichkeit, einen „Fehler“ zu machen, entsteht erst durch die Beurteilung des Endergebnisses nach bestimmten Kriterien. Ohne diese (nicht notwendigerweise rationalen) Beurteilungskriterien wĂŒrde es uns unmöglich sein, Fehler als solche ĂŒberhaupt zu erkennen. Unsere Welt wĂ€re gewissermaßen „Fehler-los“.
  2. Wir können Beurteilungskriterien vor, wĂ€hrend oder/und nach der Handlung anwenden, und werden möglicherweise zu verschiedenen Bewertungen gelangen. Es könnte beispielsweise sein, dass wir wĂ€hrend einer Handlung zur Bewertung „falsch“ kommen und daraufhin die Handlung abbrechen, obwohl das Endergebnis durchaus positiv fĂŒr uns gewesen wĂ€re.
  3. Unterschiedliche Menschen können unterschiedliche Bewertungskriterien fĂŒr die gleichen Intentionen annehmen.
  4. Unterschiedliche Menschen können selbst bei ĂŒbereinstimmenden Bewertungskriterien zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
  5. Dies fĂŒhrt zur Frage: welchen Menschen ĂŒbertragen wir die Macht ĂŒber unser Handeln zu, zu bewerten, was ein „Fehler“ ist und was nicht? Warum genau diesen Menschen? Und warum tun wir das ĂŒberhaupt?

All diese Überlegungen zeigen uns eines auf: Fehler sind etwas Relatives. Selbst die exakt gleiche Handlung zur Erreichung der exakt gleichen Intention mag von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich als korrekt, als Fehler oder auch als große Innovation interpretiert werden.

Abweichung: Die gemeinsame Voraussetzung von Fehler und Innovation

Ein Fehler und eine Innovation sind in ihrem “Embryo-Stadium” noch kaum zu unterscheiden: beide stellen lediglich eine Abweichung von der erwarteten oder sonst ĂŒblichen Handlungsweise dar. Dazu ein sehr simples Beispiel aus der Welt der Sprache: meine Ex-Freundin schreibt – ebenso wie ich – sehr gerne, und sie hat ein Talent dafĂŒr, Wörter zu erfinden, die es „nicht gibt“, aber sich beim Lesen trotzdem stimmig anfĂŒhlen. Eines meiner Lieblingswörter, die sie erfunden hat, ist „AngefĂŒhl“, z.B. verwendet fĂŒr „im AngefĂŒhl der Trennung“. Als strenger Lehrer, mit dem Wörterbuch als Kriterium an der Hand, mag man das Wort nun Ă€hnlich rot markieren wie mein Schreibprogramm das gerade gemacht hat – fĂŒr mich hingegen ist es eine wunderschöne neue Wortschöpfung, eine Innovation. Wer aber entscheidet jetzt darĂŒber, ob aus einer Abweichung ein Fehler oder eine Innovation wird?

Suchen wir nach einer Antwort auf diese Frage, kommen wir kaum um die Frage nach MachtverhĂ€ltnissen herum. Derjenige, von dessen Wohlwollen/UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, hat eine gewisse Macht, meine Handlungen in richtig/Falsch einzuteilen.

Das Interessante daran ist, dass diese Macht nicht aktiv ausgeĂŒbt werden muss, indem mir jemand stĂ€ndig sagt, was ich nicht schon wieder falsch gemacht habe. Es reicht, wenn ich vermute, dass jemand, von dessen UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, mein Verhalten als fehlerhaft ansehen wird. Es entsteht gewissermaßen eine Art Internalisierung der Bewertung des anderen, die dann irgendwann unabhĂ€ngig von den tatsĂ€chlichen Bewertungen des Anderen in mir ablĂ€uft. Die RelativitĂ€t des Fehlers geht verloren, er wird zu einem absoluten Fehler.

In der Folge passiert noch etwas sehr Interessantes: der Zeitpunkt der Bewertung verschiebt sich nach vorne. Habe ich ursprĂŒnglich noch ergebnisoffen gehandelt, und ist mein Handeln danach als fehlerhaft (oder auch nicht) bewertet worden, so findet dieser (interne) Bewertungsprozess nun zunehmend bereits wĂ€hrend der Handlung, und irgendwann auch schon vor der Handlung statt. Um das Risiko zu minimieren, negative Konsequenzen durch denjenigen erleben zu mĂŒssen, von dessen UnterstĂŒtzung man abhĂ€ngig ist, wird irgendwann jede Abweichung vom erfahrungsgemĂ€ĂŸ „richtigen“ (= keine negativen oder sogar positive Konsequenzen) Verhalten vermieden. Eine absolute innere Blockade wurde geboren: “Das ist nun mal einfach so.”

Innovation und Schaumamoi

In den im Nachhinein betrachtet bisher schönsten Jahren meines Lebens (auf deren Lebenseinstellung ich mich – hoffentlich – nun langsam wieder hinbewege) dominierte eine Grundformel meinen Alltag: „Schau ma moi, wos passiert“, also gewissermaßen eine radikale Neugier, die sich jeglicher Vor-Bewertung möglicher Folgen entzog. Nicht alle Konsequenzen meiner Handlungen waren positiv, manche waren durchaus auch negativ, aber selten in meinem Leben fĂŒhlte ich mich einerseits derart frei und andererseits derart glĂŒcklich.

Was ich meinen SchĂŒlern spĂ€ter ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“ beibrachte, praktizierte ich damals tagtĂ€glich selbst: ich tat, was sich richtig anfĂŒhlte, und sah mir am Ende – nicht ohne eine gewisse Neugier – an, was dabei rauskam. Oft kam ohnehin viel Gutes dabei raus, und wenn etwas nicht ideal gelaufen war, war das Ergebnis oft Grund zur Heiterkeit und Basis zahlreicher humorvoller Geschichten, die man miteinander teilen konnte.

Dieses Schaumamoi war möglicherweise der grĂ¶ĂŸte Schatz, den ich jemals besessen hatte. Jahre spĂ€ter, nach eingehender BeschĂ€ftigung mit allen möglichen religiösen Texten und vor allem auch östlicher Philosophie, finde ich ziemlich viel davon in buddhistischen Texten wieder, die von einem Loslassen der Anhaftung an gewĂŒnschte Folgen des eigenen Tuns sprechen. Sie sprechen nicht darĂŒber, nichts mehr wollen zu dĂŒrfen, sondern darĂŒber, sich von der Notwendigkeit zu lösen, dass dieses Wollen exakt so wie gewollt RealitĂ€t wird. Gewissermaßen ein Handeln mit einem Schaumamoi, und am Ende einem wertneutralen Herausfinden, was denn nun tatsĂ€chlich geschehen ist. Nicht ein Ende des Tuns, sondern eine Reduzierung der Wichtigkeit der erwĂŒnschten Konsequenzen des Tuns. Was sich praktischerweise auch gut deckt mit den Lehren des Taoismus, mit denen ich mich oft sehr gut identifizieren kann.

Die Illusion der BestÀndigkeit

Ein Aspekt aus der östlichen Philosophie (woher exakt ich den nun habe ist mir entfallen, aber das Woher fĂŒr mich auch irrelevant, solange das Was Sinn ergibt), der mir besonders gefĂ€llt, ist die Erkenntnis, dass alles gleichzeitig ewig und vergĂ€nglich ist. Es wird möglicherweise immer (oder zumindest noch fĂŒr lange Zeit) Jahreszeiten geben, aber dieser Sommer fĂŒr sich ist einzigartig, und dem Kreislauf von Entstehen/Vergehen unterworfen. In unserer Wahrnehmung wird es noch viele Montage geben, gewissermaßen ist “der Montag” als Konzept damit „ewig“, aber jeder Montag fĂŒr sich ist einzigartig. Ich werde in meinem Leben wohl noch viele Menschen kennenlernen, und der Kontakt mit Menschen ist gewissermaßen ewig, weil immer wiederkehrend, aber die einzelnen Menschen und die einzelnen Begegnungen und Momente mit ihnen sind einzigartig. Damit ist gleichzeitig jeder Moment unendlich wertvoll, und ein möglicher Neuanfang, aber auch jeglichem Druck, etwas ganz Großes aus ihm zu machen, enthoben: er ist auch ewig, wiederkehrend. Ihn „verschwendet“ zu haben (der Bezug zum „Fehler“ mag hier auffallen) hat keine große Relevanz, weil er (in anderer Form) wiederkehren wird.

Es gibt damit unabhĂ€ngig von der Situation, in der ich mich befinde, keinen Grund zur Hoffnungslosigkeit, weil jeder Moment die Chance eines radikalen (“radix” = Wurzel) Neuanfangs in sich birgt. Ich kann in jedem Moment einfach aufstehen, aus dem Haus gehen, und ein völlig neues Leben beginnen – wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu ertragen. Meine Anhaftungen (=Fixierung auf erwĂŒnschte Konsequenzen meiner Handlungen) sind somit meine einzigen realen Blockaden meiner absoluten Freiheit.

Ein SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler

In Bezug auf unser Thema des Fehlers ist das Durchschauen dieser Illusion der BestĂ€ndigkeit ein möglicher SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler. Denn eine Vor-Bewertung oder WĂ€hrend-Bewertung einer Handlung macht nur dann Sinn, wenn wir das Endergebnis verlĂ€sslich vorhersagen können. WĂ€re die Welt bestĂ€ndig und keinem Wandel unterworfen, so wĂŒrde eine solche Vorhersage tatsĂ€chlich immer Nutzen bringen, weil wir damit die Welt und ihre Wirkungsgesetze zunehmend besser verstehen könnten.

Da sich die Welt trotz ihres ewigen Aspekts aber auch stets im Wandel befindet, ist eine Vor- oder WĂ€hrend-Beurteilung eine Verkennung der RealitĂ€t, eine gewissermaßen selbst auferlegte Machtlosigkeit. Wir gehen davon aus, dass unser Verhalten, oft genug als „Fehler“ rĂŒckgemeldet, gewissermaßen „absolut“ ein Fehler sein muss, und versuchen dann, diese Fehler von vornherein zu vermeiden, um damit die Konsequenzen, die wir fĂŒrchten, zu vermeiden – bis wir uns irgendwann möglicherweise kaum mehr erinnern können, wie wir ĂŒberhaupt zu dem Schluss gekommen sind, dass ein Verhalten „falsch“ sein mĂŒsse.

Das Problem dabei ist (neben vielen anderen), dass Fehler, wie eingangs erwĂ€hnt, im Grunde immer nur relativ, nur situativ als solche bewertet werden können. Was unsere Eltern uns, als wir Kinder waren, als „falsch“ eingetrichtert haben, mag fĂŒr damals durchaus hilfreich und sinnvoll gewesen sein, aber ist es das nun als Erwachsener immer noch? Oder vielleicht war es auch damals schon nicht konstruktiv, aber wir waren als Kinder eben zu abhĂ€ngig von den Eltern, um widersprechen zu können – aber sind wir das immer noch?

Das GefÀngnis der Erwartungen

Vermutlich haben wir uns alle im Laufe unseres Lebens ein gewisses Maß an Erwartungshaltungen von richtig/falsch angeeignet, die von unseren AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen geprĂ€gt sind. Das ist nicht zwingend etwas Negatives, war wohl oft auch notwendige Überlebens-Strategie

Dort jedoch, wo wir zu erahnen beginnen, dass wir uns dadurch selbst blockieren, mag die Frage sinnvoll sein, wer im Bereich dieser Blockaden die Hoheit ĂŒber die Bewertung besitzt: wir selbst, die wir uns durchaus auch bewusst fĂŒr ein Schaumamoi entscheiden können, um herauszufinden, welche Handlungen sich fĂŒr uns stimmig anfĂŒhlen? Oder vielmehr jemand, von dem wir glauben, abhĂ€ngig zu sein, und von dem wir glauben, dass er bestimmte Verhaltensweisen wĂŒnscht oder ablehnt? Im letzteren Fall steht uns – zumindest als Erwachsenen – die Möglichkeit offen, mit den betroffenen Personen offen ĂŒber ihre tatsĂ€chlichen BedĂŒrfnisse zu kommunizieren, anstatt unseren Verhaltens-Spielraum möglicherweise unnötigerweise weiter basierend auf Annahmen einzuschrĂ€nken. Oft haben sich diese im Laufe der Zeit verĂ€ndert, oder wir haben sie von vornherein nicht treffend interpretiert. Oder aber die (erlebte) AbhĂ€ngigkeit von den betroffenen Personen kann reduziert werden, etwa indem man sich einen neuen/zusĂ€tzlichen Arbeitgeber sucht, oder weitere Freunde kennenlernt, um die AbhĂ€ngigkeit von den Meinungen des besten Freundes zu reduzieren. Vielleicht auch einen Konflikt wagt, und feststellt, dass sich die MachtverhĂ€ltnisse mit der Zeit verĂ€ndert haben.

Diese Überlegungen erinnern mich ein bisschen an ein sehr schönes Bild, das mein Tai Chi Lehrer RenĂ© oft benutzt hat. Er ließ sich von einem Freiwilligen an den Handgelenkten fassen, und zeigte, wie verkrampft jemand dabei werden konnte, weil er glaubte, nun „gefangen“ zu sein. Entspannte er seinen Körper, so konnte er wunderbar vorzeigen, so war er im Grunde ĂŒberhaupt nicht gefangen, konnte sich immer noch sehr frei umherbewegen, oder je nach Wunsch auch denjenigen, der ihn an den Handgelenken packte, gerade aufgrund der dadurch entstandenen Verbindung seinerseits kontrollieren. Die Verkrampfung in solch einer Situation ist eine automatische Reflexhandlung, die uns das GefĂŒhl gibt, unfrei zu sein. Bewusstes Entspannen und Zulassen können zeigt auf, welche Freiheiten wir eigentlich trotz aller angeblichen “EinschrĂ€nkungen” haben.

Da unsere Erwartungen, unsere – Ă€hnlich reflexartige – Angewohnheit, Bewertungen schon vor oder wĂ€hrend einer Handlung vorzunehmen, um negative Konsequenzen seitens denen, von denen wir uns abhĂ€ngig glauben, zu vermeiden, gewissermaßen „in uns“ stattfindet, können wir sie auch aktiv beeinflussen. Mein „Meditationswort“ dafĂŒr ist dieses irgendwann entstandene „Schau ma moi, wos passiert“, aber im Grunde braucht es das nicht – ich finde es nur lustig (Humor hilft definitiv!), und es versetzt mich recht zuverlĂ€ssig zurĂŒck in jene Zeit, in der ich diese Praxis ganz natĂŒrlich sehr meisterhaft beherrscht habe.

Warum ich sie ĂŒberhaupt ein StĂŒck weit verlernt habe? Nun, der Einstieg ins „echte“ Berufsleben war sicher ein Faktor. Vielleicht musste ich sie auch erst verlernen, dann mĂŒhsam neu erlernen, um sie auch anderen vermitteln zu können, die nicht diese natĂŒrlich entstandene Vorerfahrung mitbringen, wer weiß?

Niklas

P.S.: Einige AnkĂŒndigungen, genaueres dazu gibts wie gewohnt unter VortrĂ€ge/Workshops

  • NĂ€chste Woche Montags, 19:00, gibt’s im FreiRaumWels den dritten Vortrag meiner kleinen Vortragsreihe. Diesmal geht’s um Familien- und Rechts-Systeme: systemische Ursachen der Entstehung von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen (die sich interessanterweise sehr Ă€hneln), und auch, was das fĂŒr unsere aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Österreich bedeuten mag.
  • Das Konzept dazu steht noch nicht ganz konkret, aber ich werde wohl in Wels eine Art “Filiale” vom Tai Chi Kurs meines Lehrers RenĂ© aufbauen, nachdem mir einige rĂŒckgemeldet haben, sie hĂ€tten Interesse, wollen aber nicht nach Braunau fahren deswegen. Hab mir mal gesagt, bei 3 Interessenten wĂŒrd ich das machen, 2 haben sich schon gemeldet. Wir wohl kein reiner Tai Chi-Kurs werden, sondern Ă€hnlich wie bei René’s Kurs auch viele Aspekte wie Auflösung von Blockaden, Entspannung, Philosophie dahinter etc. werden. Genauere Infos folgen wie gewöhnt unter VortrĂ€ge/Workshops, bei grundsĂ€tzlichem Interesse wĂ€r eine Vormerkung bei mir sinnvoll, dann kann ich das besser planen, bzw. vielleicht auch mögliche Termine so abstimmen, dass möglichst viele Interessenten Zeit dafĂŒr finden können.
  • Unsere ResonanzWörter-Übungsgruppe Öffentliches Sprechen jeweils Sonntags, 18:00 im FreiRaumWels wird langsam eine bestĂ€ndigere Gruppe, jetzt waren wir schon 2x zu viert, das zĂ€hlt dann schon fast als „Öffentlichkeit“. Wer Lust hat mal vorbeizuschauen, sehr gerne, ist auch echt immer sehr spaßig gewesen bisher. Da das Zusammentreffen ausfĂ€llt, falls nicht genug Besucher zusammenkommen, bitte bei Interesse bei mir (per SMS z.B.) melden, damit ich bei Nicht-Zustandekommen auch absagen kann, sonst steht wer vor verschlossener TĂŒr, das wĂ€r schade 😉

Vor einigen Tagen hörte ich einigen Menschen zu, die ĂŒber ein muslimisches MĂ€dchen mit Kopftuch diskutierten und wie ihm zu helfen sei, mehr persönliche Freiheit zu erlangen. Es wurden einige interessante Argumente angefĂŒhrt (etwa, dass ein muslimisches Jugendangebot bzw. das Tragen des Kopftuches fĂŒr ein muslimisches MĂ€dchen ein Mehr an Freiheit bedeuten kann, weil es sich damit außerhalb des Familiensystems bewegen kann), es kam allerdings auch zum Ausdruck, dass es oft eben leider nicht gelĂ€nge, besagten Menschen zu mehr persönlicher Freiheit zu verhelfen. Und wĂ€hrend ich weiter zuhörte, kam mir ein interessanter Gedanke: die Familie ist – vor allem in eher traditionell angehauchteren Familien – ein weitgehend geschlossenes Macht-System.

Das PhÀnomen des leeren Blickes

Um zu erklĂ€ren, was ich damit meine, muss ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen. Ich unterhalte mich sehr gerne mit Zeugen Jevovas oder anderen Vertretern der Straßenbekehrer, weil ich – wenn ich nicht gerade in Eile bin – mich sehr fĂŒr verschiedene Perspektiven zum Thema Glauben und Leben allgemein interessiere. Mit der Zeit ist mir jedoch aufgefallen, dass meine GesprĂ€chspartner unter den Straßenbekehrern oftmals Menschen sind, die oft gar nicht so viel ĂŒber die – angeblichen – Grundlagen ihres jeweiligen Glaubens (also Bibel, Koran, 
) zu wissen scheinen, sollten sie auf jemanden wie mich treffen, der die jeweiligen Werke interessiert gelesen hat und vertiefte Fragen zu stellen weiß.

Wirklich interessant wird es fĂŒr mich jedoch, wenn ich anfange, ihnen gewisse Fragen zu stellen, die geeignet wĂ€ren, ihren (oft sonderbar oberflĂ€chlich wirkenden) Glauben zu erschĂŒttern, die beispielsweise WidersprĂŒche in den Texten behandeln. Dann habe ich bereits mehrmals ein PhĂ€nomen beobachtet, dass ich fĂŒr mich das „PhĂ€nomen des leeren Blickes“ nenne: jemand scheint mich gar nicht mehr hören zu können, sobald ich gewisse Aspekte anspreche. Wechsle ich zurĂŒck auf ein „einfacheres“ Thema, lĂ€uft das GesprĂ€ch wie gehabt weiter, als wĂŒrde meinem GesprĂ€chspartner gar nicht auffallen, was gerade Seltsames geschehen ist.

Mit der Zeit habe ich dazu fĂŒr mich die Hypothese entwickelt, dass ich – mehr oder weniger zufĂ€llig – mit meinen Fragen die Aspekte des Glaubens des Anderen berĂŒhrt oder in Frage gestellt habe, die die Grundfesten ausmachen, jene, die er nicht hinterfragen kann, weil er dafĂŒr seinen Glauben gewissermaßen von außen betrachten mĂŒsste, und dazu ist er (noch) nicht bereit oder fĂ€hig.

Ursachen des PhÀnomens

Ich habe mich bereits wiederholt gefragt, warum diese an sich sehr intelligent und wissbegierig wirkenden Menschen offenbar an einigen „wunden Punkten“ nicht fĂ€hig oder willig scheinen, sich bzw. ihren Glauben „von außen“ zu betrachten, und meine derzeitige „Arbeitshypothese“ lĂ€uft daraus hinauf, dass sie sich durch ein Hinterfragen „von außen“ eben auch außerhalb der hinterfragten Gruppe oder Gruppen-IdentitĂ€t stellen, und dass die Konsequenzen dieser potentiellen Trennung untragbar erscheinen. Derjenige, der nicht wagt, bestimmte Aspekte seines Seins oder Tuns zu hinterfragen, befindet sich damit in AbhĂ€ngigkeit der Gruppen, als deren Teil er diesen Aspekt aufrechterhĂ€lt.

Weil dies sehr abstrakt formuliert ist, ein einfaches Beispiel: das 12-jĂ€hrige MĂ€dchen, das auf Wunsch ihrer Familie oder ihrer Glaubensrichtung Kopftuch trĂ€gt, ist faktisch von seiner Familie abhĂ€ngig. Es darf in Österreich als zu junge Jugendliche noch nicht arbeiten, was eine gewisse physisch/finanzielle AbhĂ€ngigkeit zur Familie bedingt, zudem ist es emotional, sozial und in seiner IdentitĂ€t wahrscheinlich noch nicht fĂ€hig, unabhĂ€ngig von ihrer Familie zu leben, was bedeutet, dass ihre Familie (als der Gruppe, von der sie abhĂ€ngig ist) die Grenzen ihrer FreirĂ€ume definiert. Selbst wenn ihre generelle Glaubensrichtung in Österreich kaum reelle Macht besitzt und sie nicht zum Tragen des Kopftuches zwingen kann, kann ihre Familie es tun, wenn sie glaubt, dass dies aus religiösen GrĂŒnden richtig ist, oder auch einfach aus dem Grund, weil es der Familie so recht oder bequem ist. Es wird ihr nichts nĂŒtzen, wenn in Österreich das Recht der Frau auf Selbstbestimmung in der Verfassung steht. Solange sie sich in direkter AbhĂ€ngigkeit zu anderen MĂ€chten befindet, haben diese anderen MĂ€chte Vorrang.

Trifft dieses MĂ€dchen nun eine engagierte Sozialarbeiterin oder Freundin oder wen auch immer, die es ihr ermöglicht, auch andere Möglichkeiten fĂŒr sich ertrĂ€umen zu können, bricht dieser Akt der UnterstĂŒtzung zwar einen Teil der AbhĂ€ngigkeit auf, vor allem den emotionalen und sozialen, indem das „Monopol“ der Familie aufgebrochen wird – aber wie oft wird es vorkommen, dass das MĂ€dchen in die Lage versetzt wird, sich auch finanziell/physisch aus ihrer AbhĂ€ngigkeit lösen zu können? Zudem: wie stark darf es darauf vertrauen, dass diese UnterstĂŒtzung von außerhalb der Familie auch verlĂ€sslich aufrechterhalten wird? Wird die Sozialarbeiterin auch in zwei Jahren noch an ihrer Seite sein? Wird die staatliche UnterstĂŒtzung weiter ausbezahlt werden, wird sie (falls sie schon etwas Ă€lter ist und sich traut, gegen den Willen der Familie einen Job anzunehmen) den Job behalten, die UnabhĂ€ngigkeit von der Familie dauerhaft aufrechterhalten können?

Das Beispiel des 12-jĂ€hrigen muslimischen MĂ€dchens ist plakativ gewĂ€hlt. Im Grunde geht das PhĂ€nomen jedoch noch viel weiter. Abseits der medialen Aufmerksamkeit betrifft es im Grunde einen jeden Menschen, ist er hier geboren oder nicht, ist er 6, 12, 18 oder 53: worin besteht meine AbhĂ€ngigkeit, steht sie mir im Weg, und: kann bzw. wie kann ich sie ĂŒberwinden? AbhĂ€ngigkeit an sich muss nicht per se problematisch sein, kann auch eine Art von Geborgenheit bedeuten. Das Problem entsteht dort, wo notwendige Entwicklungen und Ablösungsprozesse nicht durchgemacht werden können – und abstrakt formuliert ist damit immer dann zu rechnen, wenn geschlossene Systeme von Macht und AbhĂ€ngigkeit in Form eines Monopols auftreten.

In dem Sinne halte ich es fĂŒr sehr interessant, wenn es Migranten möglichst schwer gemacht werden soll, Arbeit zu finden, obwohl Arbeit zu finden und damit Denk-, Rede- wie Handlungsmöglichkeiten fĂŒr die Arbeitenden zu erweitern womöglich der rascheste Weg wĂ€re, problematische traditionelle/familiĂ€re Machtstrukturen zu durchbrechen. Denn wer physisch/finanziell direkt abhĂ€ngig ist von einem autoritĂ€ren Familienoberhaupt, der mag sich trauen, selbststĂ€ndig zu denken, aber dem Oberhaupt zu widersprechen oder gar ihm zuwiderhandeln, dazu muss derjenige schon großen Mut besitzen.

„GrĂ¶ĂŸere“ geschlossene Macht-Systeme

Ich habe in diesem Artikel bisher weitgehend familiĂ€re Macht-Systeme beschrieben, aber im Grunde lassen sich die beschriebenen PhĂ€nomene auch gut auf grĂ¶ĂŸere Systeme umlegen, seien es Glaubens-Systeme oder auch Gesellschafts-Systeme. Vor gar nicht allzu langer Zeit war es auch bei uns lebensgefĂ€hrlich, gewissen Glaubens-Dogmen öffentlich zu widersprechen. Offene Kritik am herrschenden Gesellschafts- wie Wirtschaftssystem ist zwar an sich hier in Österreich durchaus „erlaubt“ und sogar ganz gern gesehen, allerdings interessanterweise innerhalb gewisser Grenzen, ab denen wiederum das PhĂ€nomen des leeren Blicks anzutreffen ist. Es ist beispielsweise fĂŒr den Großteil meiner Bekannten durchaus akzeptabel, GehĂ€lter zwischen 1000 und 3000-4000 Euro zu verdienen, sich vorzustellen, 10000 Euro im Monat zu verdienen (unabhĂ€ngig davon, ob die eigene Leistung es rechtfertigen wĂŒrde), fĂ€llt den meisten der von mir dazu Befragten jedoch wiederum schwierig. Oder sich zu fragen, ob man „Leistung“ denn ĂŒberhaupt mit Hilfe von Geld „messen“ kann und ob es damit ĂŒberhaupt so etwas wie eine „gerechte“ Bezahlung geben kann.

Aus der Perspektive geschlossener sowie offener Macht-Systeme (offen = kein strenges Monopol auf AbhĂ€ngigkeiten) heraus entstehen einige interessante Parallelen zwischen aktuellen Diskussionen und geschichtlicher Entwicklungslinien. Etwa die kontroverse Bibel-Übersetzung durch bzw. um Martin Luther hier in Europa und der Annahme, man könne den Qu’ran nur im Original, auf Arabisch verstehen, und auch nur dann, wenn man genĂŒgend gelehrt sei (wobei fraglich ist, wer aus welchen GrĂŒnden bestimmen darf und bestimmt, wer denn als „gelehrt“ bzw. „glĂ€ubig“ gelte).

Ist die oben beschriebene Perspektive der geschlossenen Macht-Systeme korrekt, so geht es am Kern-Problem vorbei, Menschen anderen Glaubens (oder anderer Tradition, anderer Ideologie im Allgemeinen) davon ĂŒberzeugen zu wollen, dass die eigene Ansicht die (fĂŒr alle Beteiligten) sinnvollere sei, weil der andere – solange er sich in existenzieller AbhĂ€ngigkeit befindet – mir gar nicht folgen kann. Die Frage wird vielmehr, wie es möglich sein kann, einem jeden Menschen eine Existenzform zu ermöglichen, die es ihm ermöglicht, sich aus ehemals geschlossenen Macht-Systemen zu befreien, wie es also möglich ist, diese geschlossenen Macht-Systeme aufzubrechen, Alternativen zu schaffen, ohne notwendigerweise das Herkunfts-System und möglicherweise wertvoller Teilaspekte desselben gleich mitzuzerstören.

Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, mein GesprÀchspartner also nicht nur frei denken, sondern auch frei sprechen und handeln kann, wird eine Diskussion mehr als ein Monolog sein können.

Niklas

Die folgenden vier Schritte sind nicht als mechanische Struktur zu sehen, die abzuarbeiten ist, sondern vielmehr als Leitfaden, welche Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation sich fĂŒr mich als hilfreich herausgestellt haben. In manchen GesprĂ€chen mag sich die Reihenfolge umkehren, oder einzelne Schritte stellen sich als unnötig heraus. Nichtsdestotrotz stellt die Reihenfolge einen gewissen aufeinander aufbauenden Ablauf dar, der sinnvoll sein kann. Sinn und Zweck dieses Artikels soll es nicht sein, eine erschöpfende Handlungsanweisung fĂŒr problemlösende Kommunikation zu liefern – dazu gehört mehr, als einen Artikel zu lesen: Achtsamkeit, Übung, Erfahrung, und das Finden der eigenen passenden Worte. Vielleicht kann dieser Artikel jedoch als Startpunkt einer Reise fungieren, indem er auf interessante Orte auf dem Weg hinweist, die es sich zu betrachten lohnt.

  1. Eigene mentale/emotionale Offenheit bewerten

Der erste, sehr wichtige Schritt fĂŒr eine heilende Kommunikation, die eine gewisse Tiefe erreichen kann, ist sich die Frage zu stellen, ob ich mich gerade ĂŒberhaupt bereit dazu fĂŒhle. Wenn ich mit meinem GesprĂ€chspartner in meine oder seine Tiefen eintauche, brauche ich in mir Platz fĂŒr das, was wir gemeinsam dort finden könnten. Dies ist schwer möglich, wenn ich weiß, dass ich in drei Minuten meinen Bus erwischen muss, oder mit meinen eigenen Gedanken so beschĂ€ftigt bin, dass in mir kein Platz fĂŒr Unvorhergesehenes mehr ist. Was in solchen Situationen ĂŒblicherweise passiert, ist ein stillschweigendes Ignorieren des Anliegens des Anderen, um sich auf die eigene Sache konzentrieren zu können. Oder jemand scheint auf den Anderen einzugehen, ist im Kopf jedoch schon bei dem Bus, den er erreichen soll, und Ă€rgert sich, dass der andere das nicht verstehen will (ĂŒblicherweise ohne ihn darauf hinzuweisen).

Was sich in solchen Situationen als fĂŒr mich hilfreich herausgestellt hat, ist mir fĂŒr einen kurzen Moment klar zu werden, ob ich gerade genug Aufmerksamkeit fĂŒr ein tiefes GesprĂ€ch habe oder nicht. Ist dies der Fall, kann ich mich darauf einlassen und alles andere hintanstellen. Bin ich in Wahrheit zu sehr in meiner eigenen Welt, um in mir Platz fĂŒr Tiefe zu finden, kann ich das offen sagen. Wenn ich merke, dass mein GesprĂ€chspartner ein großes BedĂŒrfnis nach meiner Aufmerksamkeit hat, kann ich vorschlagen, eine Zeit zu finden, zu der ich mich voll seinem Anliegen widmen kann. Damit kann er sich in seinem BedĂŒrfnis nach Kommunikation gehört fĂŒhlen und sich sicher sein, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit tatsĂ€chlich schenken will. NatĂŒrlich ist es dann auch wichtig, mich an diese „Verabredung“ zu halten, damit mein GesprĂ€chspartner nicht das GefĂŒhl bekommt, ich wolle ihn nur abwimmeln.

Nun kann es vorkommen, dass ich tatsĂ€chlich keine Lust habe, mich mit manchen Menschen zu unterhalten, sie also tatsĂ€chlich „abwimmeln“ möchte. Das passiert mir hĂ€ufig mit jenen (meist jungen) Menschen, die mich auf der Straße ansprechen, um mir Spenden-Abos diverser wohltĂ€tiger Vereine „verkaufen“ wollen. Viele Menschen greifen in solchen Situationen gerne zu kleinen „NotlĂŒgen“ wie „Ich bin bereits Spender“ oder „Ich muss in 2 Minuten meinen Zug erwischen und habe leider keine Zeit“, weil jene „VerkĂ€ufer“ von Spendenangeboten geĂŒbt darin sind, den anderen dazu zu bringen, sich schuldig zu fĂŒhlen, weil man nicht bereit ist, 10 Euro pro Monat fĂŒr arme Kinder/den Regenwald/
 zu spenden. Im Grunde sind die Zusammentreffen mit jenen Menschen wunderbare Möglichkeiten, den ersten Schritt zu ĂŒben. Die meisten von uns sind es gewohnt, „gut“ sein zu wollen, selbst wenn es ĂŒber unsere KapazitĂ€ten geht, und sowohl Spenden-VerkĂ€ufer wie auch Freunde/Bekannte/Fremde in Not spielen ĂŒblicherweise auf dieser Klaviatur.

Das Problem dabei ist, dass es fĂŒr den Spenden-VerkĂ€ufer und seine Organisation zwar kurzfristig gut ist, wenn er mich dazu bringt, monatlich 10 Euro zu spenden, nur wenn ich dabei ĂŒber meine KapazitĂ€ten gehe (finanziell, mental oder emotional im GesprĂ€ch selbst) werde ich es spĂ€ter eher bereuen und in Zukunft weniger gewillt sein, mich auf Ă€hnliche GesprĂ€che einzulassen. Menschen tendieren dann dazu, die Schuld fĂŒr die eigene Überforderung demjenigen zuzuschieben, der sie ausgelöst hat, obwohl die Ursache in ihnen selbst und ihrem Verhalten liegt. Ich kann einem ĂŒberfallsartigem Erscheinen eines SpendenverkĂ€ufers auch begegnen, indem ich ihm von Anfang an klar erklĂ€re, dass nichts, was er sagt, mich dazu bringen wird, ihm hier und jetzt ein Spenden-Abo abzukaufen, aber ich mir gerne 15 Minuten Zeit nehme, mit ihm ĂŒber die Organisation zu sprechen. Üblicherweise trennt dies als angenehmer Nebeneffekt auch jene, die wirklich hinter ihrer Organisation stehen von jenen, die diese Arbeit fĂŒr die Provision machen.

  1. Emotionale Resonanz herstellen

Ist eine gewisse Offenheit fĂŒr Tiefe vorhanden, kann es möglich sein, in emotionale Resonanz zu gehen: ich fĂŒhle, was der andere fĂŒhlt, und er fĂŒhlt, was ich fĂŒhle, sehr direkt und unmittelbar. Ich muss dazu nicht wissen, was seine konkreten GrĂŒnde und Erfahrungen sind, diese Art der Kommunikation verlĂ€uft auf rein emotionaler Ebene. Über die konkrete Situation zu sprechen kann allerdings helfen, dem GesprĂ€chspartner ein exakteres Bild von den davon ausgelösten Emotionen zu schaffen. Ist diese emotionale Resonanz erreicht, sind oft nicht viele Worte notwendig, um ein tiefes GefĂŒhl von BerĂŒhrt-Sein auszulösen. Es ist der Zustand der Ergriffenheit, der auch manchmal entsteht, wenn man besondere Lieder hört, Texte liest, Bilder oder Filme ansieht.

Es fĂŒhlt sich an, als finde man sich im GegenĂŒber wieder, und der GesprĂ€chspartner fĂŒhlt sich wirklich verstanden, unabhĂ€ngig davon, ob man die konkrete Situation ĂŒberhaupt verstanden hat. Es geht in der emotionalen Resonanz ĂŒberhaupt nicht darum, ob ein GefĂŒhl in UmstĂ€nden begrĂŒndet oder der Zusammenhang zwischen Situation und Emotion nachvollziehbar ist, sondern rein um das wertfreie Nachvollziehen der GefĂŒhle des Anderen und deren IntensitĂ€t. Diese „Technik“, die offenbar vor allem Frauen intuitiv anwenden, kann oft schon ausreichen, um sich besser, verstandener zu fĂŒhlen.

Emotionale Resonanz alleine kann jedoch auch zu einer Art „Falle“ werden. Sie erhöht die KapazitĂ€t des GesprĂ€chspartners, mit einer Situation umzugehen, verringert damit aber auch die Chance, dass dieser aktiv wird, um etwas an den auslösenden Strukturen zu verĂ€ndern. Hier kommt Schritt 3 ins Spiel.

  1. Konkrete Situation nachvollziehen

Wir haben es nun geschafft, emotionale Resonanz herzustellen und die Tragweite der GefĂŒhle unseres GesprĂ€chspartners zu erahnen. Über die auslösenden UmstĂ€nde wissen wir bisher jedoch nur sehr wenig: VerstĂ€ndnisfragen können uns helfen, uns auch konkret in die Situation des GegenĂŒbers hineinzudenken. In der vertrauensvollen AtmosphĂ€re, die Schritt 2 uns ermöglich hat, können wir nun auch „schwierige“ Fragen stellen, wenn wir es schaffen, sie nicht als versteckte Bewertung sondern als tatsĂ€chliche Neugier zu vermitteln. Diese „schwierigen“ Fragen alleine können eine als unlösbares Problem wahrgenommene Situation hinterfragen, ins Wanken bringen. Das Schönste, was mir mit einem scheinbar unlösbaren Problem passieren kann, ist wenn ich feststelle, dass Teile der Fakten, die das Problem darstellen, vielleicht in Wahrheit nur Annahmen sind.

Neugier braucht jedoch Zeit und inneren Raum, Antworten aufnehmen zu können. Auch fĂŒr diesen Schritt ist es wichtig, in Schritt 1 gut auf sich geachtet zu haben. Unter (Zeit-)Druck steigt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass die Neugier, mit der Fragen gestellt werden, in vorgefasste Bewertungen umschlĂ€gt. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich meinen GesprĂ€chspartner frage, was ein anderer Mensch in einer Situation wohl alles mit seiner Aussage gemeint haben könnte oder ob ich ihm sage, ich glaube, er hat X gemeint.

Wichtig zu beachten ist bei diesem Schritt auch, dass meine Kommunikation rein auf neugierigen Fragen basiert und ich (noch) keinen Rat gebe. Durch die Enttarnung mancher problematischen „Fakten“ als bloße Annahmen gebe ich meinem GesprĂ€chspartner bereits die Chance, auch ohne meine Hilfe zu eigenen Lösungen zu gelangen.

  1. Rat anbieten

Nun haben wir emotionale Resonanz hergestellt und sind durch neugieriges Nachfragen gemeinsam zu einem ungefĂ€hren Bild der konkreten Situation gelangt. Durch die Enttarnung mancher „Fakten“ als Annahmen ist möglicherweise eine noch komplexere Situation entstanden, die zwar kein unlösbares Problem mehr darstellt, aber immer noch eine Überforderung. Ich kann nun anbieten, einen Rat zu geben, wenn mein GesprĂ€chspartner dies möchte (wenn die Schritte 1-3 gut gelaufen sind, wird er an dieser Stelle oftmals sogar selbst darum bitten). Wichtig dabei erscheint es mir, den Rat auf eine Weise zu geben, der ihn als Option erscheinen lĂ€sst, nicht als einzig möglichen Weg. Ob mein GesprĂ€chspartner den Rat annehmen möchte (oder ĂŒberhaupt einen hören will) bleibt ihm ĂŒberlassen. Es handelt sich um ein Geschenk, aus freien StĂŒcken gegeben, aus freien StĂŒcken ablehnbar. Die Verantwortung (und damit die Entscheidung) ĂŒber den tatsĂ€chlich zu wĂ€hlenden Weg bleibt bei dem, der auch tatsĂ€chlich handeln muss.

Das Problem mit „guten RatschlĂ€gen“ (MĂ€nner sind hier besonders gefĂ€hrdet) ist, dass sie oft angeboten werden, ohne vorher in emotionaler Resonanz gewesen zu sein und ĂŒberhaupt das konkrete Problem verstanden zu haben. Der Rat ist damit zwar oft gut gemeint, aber leider dann unpassend fĂŒr die tatsĂ€chliche Situation und tatsĂ€chliche Betroffenheit des GesprĂ€chspartners.

Selbstverantwortung nachhaltig fördern

Wer die obigen Zeilen aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass alle vier Schritte stark auf dem Prinzip aufbauen, die Selbstverantwortung beider GesprĂ€chspartner zu fördern, anstatt gegenseitige AbhĂ€ngigkeiten aufzubauen. Das mag dem eigenen Ego nicht unbedingt schmeicheln, das gerne gute RatschlĂ€ge geben und sich dafĂŒr geachtet fĂŒhlen möchte. Aber ich glaube, dass sowohl der Hilfesuchende als auch der Hilfegebende auf Dauer glĂŒcklicher ist, wenn beide sich bei Bedarf freiwillig auf problemlösende Kommunikation einlassen können anstatt in einer AbhĂ€ngigkeitsbeziehung zueinander zu stehen, die beide Seiten in ihrer Autonomie einschrĂ€nkt.

Was ich hier beschrieben habe, basiert hauptsĂ€chlich auf meinen Erfahrungen mit Erwachsenen, lĂ€sst sich aber zum grĂ¶ĂŸten Teil auch mit Jugendlichen und Kindern anwenden. Alleine wenn Erwachsene lernen, gegenĂŒber Kindern den ersten Schritt mehr zu beachten, ist schon viel erreicht.

Niklas

P.S.: Vor allem an meine Viel-Leser: ich habe möglicherweise in den nĂ€chsten Tagen und Wochen die Möglichkeit, fĂŒr ein Magazin fĂŒr Lehrer Artikel zu verfassen, und habe mich gefragt, welche Themen sich wohl dafĂŒr am besten eignen bzw. möglichst viele (Regelschul-)Lehrer interessieren könnten. Falls jemand einen Tipp dazu hat, bin ich fĂŒr jeden Ratschlag dankbar. Danke!

Weißer Sandstrand. Palmen, mit einer HĂ€ngematte dazwischen. Wolkenloser Himmel, wolkenloses Leben. Sogar das tĂŒrkisblaue Meer ist ruhig. Nichts, was die Idylle stören kann. „Da möchte ich hin“, steht in großen, roten Lettern auf dem Plakat des ReisebĂŒros. Ja, dachte er, da möchte ich hin. Das musste ein Leben sein! Auf ‘ner HĂ€ngematte, irgendwo im SĂŒden, mit einem guten Buch, ‘nem Drink und das Leben so einfach zu schaukeln wie die HĂ€ngematte, in der man sich befand. Das war ein Leben! Und er, wie immer, nur vor einem Abbild eines Lebens stehend, das er gerne gelebt hĂ€tte. Schön, wenn man klar sehen konnte, was man zum GlĂŒck brauchte. 1569 Euro. Hin und zurĂŒck. Wobei er ja nur den Hinflug brauchte. Wer wollte schon zurĂŒck in diese BetonwĂŒste, in der er dahinvegetierte, wenn er Palmen und StrĂ€nde haben konnte?

Er wusste, er hatte das Geld nicht. Einen Job hatte er, in dem er angeblich ganz gut verdienen sollte, aber Geld? Jeden Monat wurde ihm eine bestimmte Zahl auf einem Konto gutgeschrieben, und er hatte nicht das GefĂŒhl, auf großem Fuß zu leben, aber im Grunde blieb am Ende selten etwas ĂŒbrig. Sein ganzes Leben hatte er Geld, aber immer nur gehabt. Es waren die kleinen Preise, die ihn um das große Geld brachten, hatte ihm seine Großmutter mal zu erklĂ€ren versucht, aber wie konnte man sie dann als „klein“ bezeichnen? Das war doch sicher Betrug, und offen zu betrĂŒgen, das konnte sich wohl kein Unternehmen auf Dauer leisten. Trotzdem, es war wie verhext: nach jeder Gehaltserhöhung blieb am Ende des Monats doch wieder nur derselbe traurige Restbetrag ĂŒbrig. Definitiv keine 1569 Euro. Man mochte so vieles, und hatte doch nur so wenig Geld


Doch der Wunsch blieb. Da möchte ich hin, rumorte es in seinem Kopf, bis er realisierte, dass ihn hier und jetzt nichts hielt und dass es keinen Sinn hatte, zu warten. Auch in einem Jahr wĂŒrde er keine 1569 Euro zusammengespart haben. Aber er hatte eine Kreditkarte und einen Kreditrahmen. Das sollte reichen. Rasch, bevor seine eingefahrenen Gewohnheiten ihn stoppen konnten, tippte er die Nummer des ReisebĂŒros ein, die auf dem Plakat abgedruckt war. Zwölf Minuten spĂ€ter war das GeschĂ€ft perfekt. In drei Wochen wĂŒrde er fliegen. Zwei Wochen Mittelamerika. Mit seinen bald 35 Jahren war es an der Zeit, das tun zu können, was man wollte. Auch wenn es sich nur um Urlaub sĂŒĂŸes Nichtstun am Strand handelte.

Dort angekommen, stellte er seine Sachen im Apartment ab, nahm ein Buch aus seiner Reisebibliothek und ließ sich in eine der bereitgestellten HĂ€ngematten plumpsen. Es war tatsĂ€chlich wie auf dem Plakat – von einer bestimmten Perspektive aus betrachtet. Von so ziemlich allen anderen Perspektiven aus war dieser Ort wohl einst wunderschön gewesen, man mochte sich frei gefĂŒhlt haben. Aber das musste lange her gewesen sein. Nun war alles perfekt durchdesignt, der Tagesablauf vorgeschlagen und man bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, wenn man die Angebote des Veranstalters nicht annahm. Die Einheimischen, wohl auf Leistungsbasis bezahlt und auf entspannungshungrige Erlebnistouristen trainiert, hatten diese traurigen Augen
 rund um seine HĂ€ngematte begannen nun weitere Touristen mit ihren tĂ€glichen angeleiteten „Wellness-Übungen“, die auf ihn irgendwie nicht sonderlich entspannend wirkten. Es war schwer, sich auf sein Buch zu konzentrieren, wenn neben einem stĂ€ndig wer auf seinem Wellness-Trip vorbeischlauchte.

Aber im Grunde lag es nicht an den anderen. Was ihn nervte, nervte ihn an ihm selbst: warum war er hier? Sein Buch lesen konnte er auch zuhause. Eine HĂ€ngematte kostete ihn einige Zehner, und BĂ€ume gab es auch zuhause genug. Warum also war er hier? Hier möchte ich sein, hatte er sich gedacht, aber war es dabei wirklich um diesen oder ĂŒberhaupt irgendeinen Ort gegangen? Nein, stellte er nun fest. Es ihm um das GefĂŒhl gegangen, im Urlaub zu sein. Doch was bedeutete „Urlaub“ eigentlich fĂŒr ihn? Sich umsehend, die sich immer noch abstrampelnden Touristen um ihn leicht irritiert betrachtend, wusste er, dass das GefĂŒhl unabhĂ€ngig von einem Ort sein musste. Dieser Ort löste es zumindest nicht aus. Aber was dann? Und dann erinnerte er sich an das letzte Mal, als er sich verliebt gefĂŒhlt hatte. Das war lange her. Doch ja, damals hatte er sich frei gefĂŒhlt. Urlaub, das war wohl sowas wie Freiheit mit einem Anfang und einem Ende.

Plötzlich musste er laut lachen. Was nun ihrerseits die Touristen, die um seine HĂ€ngematte ihre Wellness-Übungen absolvierten, irritierte. Fast wĂ€re er aus der HĂ€ngematte gekippt, so laut musste er lachen. Urlaub, das ist das, was im Kopf passiert, hatte ihm die Großmutter mal erklĂ€rt, und er hatte sie ausgelacht. NatĂŒrlich, fĂŒr Menschen der Aufbaugeneration, die sich nur wenig leisten konnten, war es ein schönes Credo. Aber natĂŒrlich konnte sie es nicht ernst gemeint haben, oder? Und doch, auch ihre nachfolgenden Worte machten nun mehr Sinn: Urlaub – wie Freiheit – kann dir niemand geben. Da hilft kein Wellness-Instruktor und kein Sandstrand. DafĂŒr braucht’s auch nichts davon. Urlaub wie Freiheit sind einfach da, wenn man sich fĂŒr sie entscheidet. Die um ihn werkelnden Touristen und Mitarbeiter des Apartments sahen ihn immer noch entgeistert an, hielten ihn wohl fĂŒr leicht verrĂŒckt, einfach ohne ersichtlichen Grund loszulachen. Ich nehm‘ mir mal Urlaub von euch allen, dachte er vergnĂŒgt, blendete sie erfolgreich aus seiner Wahrnehmung aus und las weiter in seinem Buch. Urlaub ist das, was im Kopf passiert, dachte er, die Worte im Singsang denkend, und prustete erneut los. Sein Kopf fĂŒhlte sich ziemlich
 leer an, so leicht, als wĂŒrde er schweben. Verliebt. In sich selbst.

Und irgendwie in diese ganze verrĂŒckte Welt.

Ist ja zum GlĂŒck nix passiert.
Den Satz hatte sie schon öfter gehört seit jener Nacht. NatĂŒrlich, es hĂ€tte noch schlimmer kommen können. Er hĂ€tte auch nicht mehr von ihr ablassen können. HĂ€tte eine Waffe mithaben können. HĂ€tte schneller als sie sein können, als sie rannte. So hatte er sich mit dem MP3-Player zufriedengegeben, dem sie ihm in der ersten Schrecksekunde ins Gesicht geworfen hatte, und war geflĂŒchtet. Hatte dann wohl doch Angst bekommen, dass jemand eingreifen wĂŒrde. Oder hatte ihren Freund gesehen, der von der anderen Seite des Sees gerannt kam. GlĂŒck im UnglĂŒck gehabt, wie man so schön sagte. War ja nix passiert.

Wenigen hatte sie erzĂ€hlt, dass sie seitdem nachts oft nicht mehr schlafen konnte. Dass sie Fremden nun grundsĂ€tzlich misstrauisch gegenĂŒberstand, dass sie allem Fremden ein gewisses Misstrauen entgegenbrachte. Nachts traute sie sich kaum mehr alleine vor die TĂŒr. Überall konnte er lauern, der Fremde, der doch nur wie ein harmloser Jogger wie viele andere ausgesehen hatte, bis er sie von hinten anfiel und sie zu Boden riss, der böse Wolf im Schafsfell. Nein, ihr Körper hatte keinen nennenswerten Schaden davongetragen – wohl aber ihr Vertrauen in die Welt. Die Errungenschaften der Freiheit, ĂŒberallhin reisen zu können, ĂŒberall hingehen zu können, wichen Zynismus, wo die Angst hinzukam, ĂŒberall ohne Vorwarnung gepackt, ausgeraubt, verletzt, vergewaltigt oder sogar getötet zu werden. Es war ein stiller Terror, einer, der nur selten als Schlagzeile seinen Weg in die Zeitungen fand, weil er zu alltĂ€glich war, um noch Bedauern oder Schock zu erwecken, aber umso effektiver. Nach den AnschlĂ€gen von Paris gab es weltweite Reaktionen, was fĂŒr eine Sauerei es gewesen sei. Nach dem Anschlag auf ihr Grundvertrauen hatte die Welt nur Schulterklopfer fĂŒr sie ĂŒber gehabt.

Irgendwie bist du ja auch ein wenig selber schuld.
Sie hatte sich verwirrt gefĂŒhlt, vertrieben aus einer noch halbwegs heilen Welt, in der zwar vieles ungerecht, aber doch noch nicht alles aus den Fugen schien. Plötzlich war die Illusion einer gewaltfreien, liebevollen Welt mit Macht ĂŒber ihren Kopf zusammengebrochen, und ihr Menschenbild gleich mit. Wenn Menschen zu so etwas fĂ€hig waren
 wer war dann noch sicher? Und so hatte sie Schutz gesucht – bei Freunden, bei Verwandten, bei Fremden, aber die Antwort war stets Ă€hnlich wie wenig hilfreich: selber schuld, wenn du um die Zeit noch da rausgehst, wo dir doch schon gesagt wurde, wie gefĂ€hrlich es nachts dort ist. Na klar! Es war also kein grundsĂ€tzliches Problem, dass es da draußen Menschen gab, die andere, die ihnen nichts getan hatten, anfielen, ausraubten, vielleicht sogar vergewaltigten, sondern nur ein Problem, dass es Menschen gab, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Irgendwann hatte sie es eingesehen, dass es hier niemanden gab, der ihr glauben wollte, dass sie sich vielleicht doch zu Recht als Opfer fĂŒhlte, und noch spĂ€ter beinahe akzeptiert, dass sie wohl auch keines gewesen war. Wer so dumm war, um die Zeit an jenem Ort zu gehen, war auch echt selbst schuld, wenn ihm was passierte.

Was kann man schon machen

Und natĂŒrlich konnte man auch nichts machen. Der Mann war ins Dunkel der Nacht verschwunden, und ĂŒbrig blieb nur eine verzweifelte junge Frau, die nicht verstehen wollte, warum das eben zum Leben „dazugehörte“, wie man ihr zu erklĂ€ren suchte. Was wĂŒrde es schon Ă€ndern, wenn man den Mann fand und vor Gericht stellte?, wurde sie gefragt. Nun, es wĂŒrde der Welt zeigen, dass es gesellschaftlich unerwĂŒnscht ist, andere Menschen einfach so auszurauben und zu vergewaltigen, meinte sie. WĂŒrde vielleicht verhindern helfen, dass ich vom Ausnahmezustand zum Normalfall werde. Das ist Brasilien, meinten sie, nicht Europa. Genau deswegen, meinte sie. Genau aus diesem Grund.

Vor einigen Wochen erzĂ€hlte mir meine Tante von einer immer wiederkehrenden Erfahrung, die mir interessant schien. Sie erzĂ€hlte es in alltĂ€glichem Tonfall, als wĂ€re es die normalste Sache der Welt und unbedeutend, aber ich glaube, sie sprach von etwas Besonderem. Wir sprachen darĂŒber, wie es sei, selbst Kinder zu haben, und sie meinte, es sei ganz schön anstrengend, aber hergeben wĂŒrde man sie dann doch nicht mehr wollen. Zum Beispiel zu Mittag, da wĂŒrden sie oft von der Schule heimkommen und einfach mal Dampf ablassen, weil sie das in der Schule ja nicht könnten. Das mĂŒsse man schon aushalten als Mutter, und nicht persönlich nehmen, auch wenn es manchmal schwer war. Danach waren sie den Rest der Zeit wieder sehr friedlich und liebevoll zueinander.

Ebenso vor einigen Wochen las ich in einem Forum verschiedene Ansichten darĂŒber, warum SchĂŒler oder Studenten immer wieder an ihre (ehemalige) Schule zurĂŒckkehren, um dort ein Massaker anzurichten. Normalerweise wird dann darauf verwiesen, dass in den USA eben der Zugang zu Waffen ein leichter sei, und es deswegen dort mehr solche Exzesse der Gewalt gebe, und wahrscheinlich trĂ€gt der leichte Zugang jenen Waffen seinen Part dazu bei, dass Jugendliche und junge Erwachsene aus ihren Gewaltfantasien tatsĂ€chliche Gewalt werden lassen können. Aber es stellt sich die Frage, ob eine restriktivere Waffenpolitik allein das Problem lösen wĂŒrde. Was ist die Ursache, der Auslöser der Gewaltakte? In ebendiesem Forum wurden allerhand Studien zitiert, wonach Affen (und so auch der Mensch, wie sie meinten) von Grund auf brutal seien, wenn sie die Freiheit dazu bekommen. Aber das erklĂ€rt nicht, warum eine große Masse an Menschen eben keine Massaker verĂŒbt, obwohl sie in einigen Momenten ebenso die reale Möglichkeit hĂ€tten.

Letzte Woche fiel mir dann ein Buch von Alice Miller in die HĂ€nde, in dem sie sinngemĂ€ĂŸ schreibt, die Gewalt der Erwachsenen sei eine Folge von in der eigenen Kindheit erlebtem Schmerz, der unter verschiedensten Normen und Wein-Nicht-Ansagen verschĂŒttet und nie ausgelebt wurde. Ihre These war wohl, dass der Mensch nicht notwendigerweise zur Gewalt neige, wenn man ihn nur vor der an ihm ausgeĂŒbten Gewalt schĂŒtze oder ihm nachtrĂ€glich den Raum öffne, die ihm angetane Gewalt und den daraus folgenden Schmerz anzuerkennen. Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass es jemals möglich oder vielleicht ĂŒberhaupt sinnvoll sein wird, junge Menschen vor jeglichem Schmerz fernzuhalten. Aber ihnen einen Raum zu öffnen, in dem sie diesen Schmerz ausdrĂŒcken können, halte ich fĂŒr eine interessante Sache.

Nach oben buckeln, nach unten Treten

Wenn wir davon ausgehen – wie meine Tante erzĂ€hlte – dass in durchschnittlichen Schulen dieser Raum oder auch nur irgendein Raum, der diesem Raum Platz bieten könnte, nur sehr bedingt existiert, wird vormals völlig unverstĂ€ndliches Verhalten mancher Kinder vielleicht nachvollziehbarer. Möglicherweise ist ein Teil ihres Verhaltens eine Konsequenz der Tatsache, dass der direkte Weg, der Ausdruck des Schmerzes, ihnen zu lange verwehrt wurde, weswegen sie sich andere Wege suchen, ihn auszudrĂŒcken. Vielleicht in der Projektion auf andere Kinder, die ohne ersichtlichen Grund provoziert werden, und wenn sie reagieren, als die bösen TĂ€ter beschimpft werden, stellvertretend fĂŒr die wirklichen Verursacher, die unantastbar scheinen (zum Beispiel die Eltern). Es gibt in Österreich ja das schöne Wort „Nach oben buckeln, nach unten treten“, das in diesem Fall auf einen tieferen Zusammenhang deuten könnte, als ĂŒblicherweise damit ausgedrĂŒckt wird. Der eigene Schmerz, der selbst nicht ausgedrĂŒckt werden kann, wird im Schmerz des „Getretenen“ gesucht und ĂŒber Empathie nachempfunden. Besondere Grausamkeit könnte in diesem Sinne nichts anderes sein als das verzweifelte BedĂŒrfnis, im Ausdruck des Anderen einen Ausdruck des eigenen unterdrĂŒckten Schmerzes auszulösen – um ihn so sichtbar zu machen.

Aber kann ich den Raum ĂŒberhaupt halten?

Jene, die bereits ein oder mehrere Male das Wagnis eingegangen sind, Kindern einen Raum zu öffnen, den sie relativ frei fĂŒllen können, werden wohl Ă€hnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben – nun können Reaktionen auftreten, die ĂŒberfordern, und die man dann gerne wieder wie sonst auch unterdrĂŒcken, in andere Zeiten und RĂ€ume schieben möchte. Es kann zu Gewaltakten kommen. Es kann dazu kommen, dass das Verhalten der Kinder unangenehme eigene Erfahrungen aufrĂŒhrt, dass sie sich auf eine Art und Weise verhalten, die die Erwachsenen selbst “kaum ansehen” können – vielleicht weil es sie an den eigenen Schmerz erinnert, der nie Platz fand, bearbeitet zu werden?

Eine sehr weise Frau, die sich viel mit therapeutischem Arbeiten beschĂ€ftigt, sagte mir einmal, ein Therapeut hĂ€tte im Grunde zwei Aufgaben. Einen Raum zu kreieren, indem der Patient sich sicher genug fĂŒhlt, sich zu öffnen. Und dann den sicheren Raum zu halten, egal, was in der Leere dieses Raumes zutage tritt. Es gibt offenbar viele Menschen, die die erste Aufgabe gut meistern, aber nur wenige, die auch der zweiten gewachsen sind. Es ist wohl nichts, was man jemandem vermitteln oder lehren kann, sondern hat eher damit zu tun, seine eigene Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. Hat man dies nicht, kann der ans Licht gebrachte Schmerz des Patienten dazu fĂŒhren, dass der Therapeut, an den eigenen unterdrĂŒckten Schmerz erinnert, den er nicht erinnern will, unbewusst so handelt, dass er diesen selbst nicht fĂŒhlen muss – also das Spiel wiederholt und damit nur eine weitere Schicht Aufzuarbeitendes ĂŒber den ursprĂŒnglichen Schmerz legt.

Die BĂŒchse der Pandora

ZurĂŒck zu unserer Schulsituation kann dies bedeuten, dass wir mit dem Öffnen eines Raumes, der eben nicht jede Regung einer â€žĂŒbertriebenen“ Reaktion sofort unterdrĂŒckt, sondern sie auch zulassen kann, eine Art BĂŒchse der Pandora öffnen. Denn es könnte fĂŒr viele Kinder, die nicht zufĂ€llig das GlĂŒck haben, eine verstĂ€ndnisvolle Mutter wie meine Tante zu haben, der einzige Ort sein, an dem sie ihren Schmerz zum Ausdruck bringen können. Es dĂŒrfte selbst fĂŒr den weisesten Lehrer ein Ding der Unmöglichkeit oder zumindest eine sehr große Überforderung sein, diesen Raum in jedem Fall und jederzeit so halten zu können, dass der unterdrĂŒckte Schmerz, der in solchen freien RĂ€umen seinen Weg bahnt, jederzeit in sicherem Rahmen ausgedrĂŒckt werden kann. Aber es erscheint mir eine interessante Überlegung, ob es nicht möglich wĂ€re, eine Art von Institution zu erfinden, die diese Aufgabe innerhalb eines freien Arbeitens unterstĂŒtzt.

An der Schule im Norden Deutschlands, an der ich letztes Jahr gearbeitet habe, gab es das sogenannte Lösungskomitee, in dem Konflikte, die die Kinder nicht unter sich lösen konnten, behandelt wurden, und in vielen FĂ€llen funktionierte es auch ganz gut. Aber wenn wir davon ausgehen, dass an der oben aufgeworfenen These etwas dran ist (nĂ€mlich, dass ein Teil unseres Handelns dem Zweck dient, einen Grund zu haben, unseren unausdrĂŒckbaren Schmerz ausdrĂŒcken zu dĂŒrfen), so stellt sich mir die Frage, ob ein Lösungskomitee, das jeweils hauptsĂ€chlich den aktuellen Fall untersucht, nicht zu wenig weit greift, weil es die Handelnden im Hintergrund des Geschehens nicht einbeziehen kann. Was mir vorschwebt, ist eine Art geschĂŒtzter Raum, in dem es eben nicht peinlich, sondern mutig ist, seinen Schmerz auszudrĂŒcken, der aber auch fĂŒr die anderen in diesem Raum die Sicherheit bietet, nicht in Gefahr zu geraten. Denn oftmals scheint es viel mehr um die (öffentliche) Anerkennung des Schmerzes zu gehen denn um das Finden eines Schuldigen. Das Anerkennen scheint auch die Funktion zu erfĂŒllen, dem Schmerz eine Art von mehr als einem Meschen geteilter RealitĂ€t zuzugestehen, ihn aus der Ebene der möglichen Einbildung in die allgemein akzeptierte Wirklichkeit zu hieven.

Jene Institution mĂŒsste es also ermöglichen, einen subjektiv gefĂŒhlten Schmerz wertfrei anerkennen zu lassen, egal wie absurd er erscheint. So könnte der sich verletzt fĂŒhlende die Möglichkeit haben, seinen Schmerz auch fĂŒhlen zu dĂŒrfen, selbst wenn er von dem „TĂ€ter“ (der sich seiner „Tat“ wohl in vielen FĂ€llen gar nicht bewusst ist) gehört hat, er solle sich nicht so anstellen, so schlimm sei es ja wohl nicht. Ausgesprochen von einem Menschen, von dem der so Verletzte abhĂ€ngig ist (etwa den Eltern), wĂ€re es fĂŒr mich gut nachvollziehbar, wie aus einem nicht fĂŒhlbaren Schmerz spĂ€ter die Lust an der Gewalt erwĂ€chst – um sie zumindest an anderen sichtbar zu machen. Vielleicht sogar ebenso unter einem abwertenden „Stell dich nicht so an“, um die eigene Situation noch realistischer nachspielen zu können
 eine solche Institution wĂŒrde es auch gar nicht nötig haben, einen “Schuldigen” fĂŒr den Schmerz zu bestimmen. Ihre Aufgabe bestĂŒnde nur darin, Schmerz einen Raum zu geben, so dass er in er Welt des Verletzten seien rechtmĂ€ĂŸigen Platz einnehmen darf und somit auch verarbeitet werden kann.

Das Ausmaß des unterdrĂŒckten Schmerzes

Um zurĂŒck zu der Frage zu kommen, warum manche Menschen an ihre alte Schule oder UniversitĂ€t zurĂŒckgehen, um dort Menschen zu erschießen: es wird viele individuelle GrĂŒnde geben. Aber einer, der sie möglicherweise alle vereint, könnte sein, dass diese Menschen keinen geeigneten Raum fanden, ihren Schmerz auf eine Weise auszudrĂŒcken, der niemanden schaden musste, also ihn in „Rohform“ fĂŒhlen zu dĂŒrfen, bevor sie ihn an anderen Menschen nachspielen zu mĂŒssen glaubten. So zynisch es klingen mag, aber von einer gewissen Sichtweise aus betrachtet Ă€hnelt der Mord an unschuldigen Menschen in dieser Hinsicht ein StĂŒck weit dem Rollenspiel kleiner Kinder, die das Erlebte Nachspielen – nur eben in diesem Fall mit tödlichen Konsequenzen.

Als ich mit 14, 15 ziemlich regelmĂ€ĂŸig an Selbstmord dachte und mir vorstellte, wie die Welt wohl reagieren wĂŒrde, war ich in meiner Schulklasse nicht alleine mit meinen Gedanken, sondern eher ein Teil einer Art „Community“. Es war beinahe normal, sich umbringen zu wollen. Durch einige gute Freunde, das Schreiben und auch meine Gitarre fand ich irgendwann genug Möglichkeiten, mich auch anderweitig auszudrĂŒcken. Aber in meiner vorherigen UnfĂ€higkeit, dies zu tun, unterschied ich mich wohl nicht viel von jenen Massenmördern. Wenn man die Anzahl jener eher auto-aggressiven Menschen wie mich zur Zahl der eher nach außen aggressiven Menschen hinzuzĂ€hlt, erhĂ€lt man wohl einen beeindruckend großen Ausschnitt der Gesellschaft.

Alleine deswegen wird es womöglich besser sein, einen Raum in der Schule zu öffnen, in dem auch der Schmerz Platz finden kann und sich auf die Leistung auswirken darf. Denn den eigenen Schmerz zu akzeptieren benötigt neben einem wohlwollenden GegenĂŒber (das zum Beispiel auch ein Tagebuch sein kann) vor allem eines: Zeit. Es wird kaum möglich sein, mit dem Öffnen der RĂ€ume auch ein perfektes Therapie-Umfeld mitzuerschaffen, aber vielleicht gelingt es zumindest, die Leere dieser RĂ€ume ein bisschen lĂ€nger auszuhalten, als wir es sonst tun wĂŒrden, und ein bisschen schlimmeres Verhalten auszuhalten, als wir es fĂŒr angebracht halten. Das mag anstrengend klingen (und ist es auch). Aber können wir davon ausgehen, dass Kinder in jeder Familie den Freiraum vorfinden werden, sich ihrem Schmerz zu stellen? Wohl eher nicht (mehr). Alles, was keinen Ausdruck finden darf, hinterlĂ€sst jedoch einen umso tieferen Eindruck, formt einen Menschen mit.

Oft mag es deshalb langfristig besser sein, im Jetzt einen Raum trotz offensichtlich absurden Verhaltens zu halten (und jenes nicht persönlich zu nehmen). Sich hinzustellen und einen sicheren Raum zu schaffen fĂŒr den Ausdruck des Schmerzes in der Urform, wird wohl zu ĂŒberraschenden Entwicklungen fĂŒhren. Vielleicht ermöglichen wir es so zumindest einigen Menschen, ihn nicht an anderen ausleben zu mĂŒssen und damit nur ein weiterer Multiplikator der schmerz-vollen Geschichte der Menschheit zu sein.

Niklas

Dies ist der zweite Teil eines Textes, den ich fĂŒr den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte. Ein Hinweis fĂŒr die Hetze-JĂ€ger, die das Internet mittlerweile unsicher machen: in diesem Text versetze ich mich in die Rolle eines Agitators mit der Persönlichkeits-Struktur, die ich im ersten Text beschreibe. Er gibt nicht meine Vorstellung einer besseren Welt wider. Es ist erschreckend, wie einfach es ist, solche Hetze zu schreiben, denn Vorbilder findet man auch in der aktuellen Politik genug. Etwa, dass es sich mittlerweile fast quer ĂŒber die Parteienlandschaft etabliert hat, Migranten als “problematisch” zu bezeichnen (ob als kriminell oder als Kostenfaktor), bevor sie ĂŒberhaupt irgendetwas angestellt haben. Plötzlich mĂŒssen sie beweisen, dass sie konstruktive Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sein werden. Und selbst die, die sich positiv hervorheben, Ă€ndern nichts an dem unterschwelligen GefĂŒhl. Einer der GrundsĂ€tze der Rechtssprechung, der uns vom Stalinismus und Hitlerdeutschland unterscheidet, ist nicht nur gefĂ€hrdet, sondern zumindest fĂŒr bestimmte Gruppen offensichtlich bereits weitgehend abgeschafft: Auf Wiedersehen, Unschuldsvermutung.

Die haben geglaubt, gehofft, es sind ja doch nur ein paar Wahnsinnige – aber sie haben sich geirrt, meine Freunde! Wir sind bei ĂŒber 30%! Denn es geht nicht darum, wer Recht hat, wer Recht gebrochen hat, und wer es wieder zusammenflicken soll. Es geht ums gute, rechte GefĂŒhl! Ums hoffnungsvolle GefĂŒhl, dass unsere Wahrheit sich gegen die LĂŒgen der MĂ€chtigen am Ende doch durchsetzen wird. Wir bringen Bewegung ins Land!

Als erstes nehmen wir uns der Schmarotzer an, die unserem Volk das Blut aussaugen: die AuslĂ€nder! Diese waren uns ja immer schon verdĂ€chtig – und zu Recht! Unsere lustigen Gutmenschen da meinen dann immer, de sind ja gar ned so schlimm. Die sind ja gar ned alle kriminell. Aber geht’s darum? Nein! Es geht ums GefĂŒhl! Ist ja wurscht, ob die jetzt schon was angestellt haben. De sind trotzdem alle kriminell in Wahrheit. Das werden wir denen schon noch nachweisen.

Des Problem war ja bisher immer, dass de MĂ€chtigen das verhindert haben. Die haben ja immer verhindert, dass das einfache Volk autonom denkt und wird. Und die, die des Ă€ndern wollten, so wie zum Beispiel da Nikolaus Tesla mit seiner Energiemaschine, de habns glei moi umbracht. So is des nĂ€mlich, de MĂ€chtigen biegen sich de Wahrheit schon a bisserl hin wies de brauchen. (Spöttisch) Na, den haben mir ned umbracht den Tesla. Der is vo selber gstorbn. Ja sicher! Und was war mim Hitler damals? Is der a vo selber gstorbn, vo eigener Hand wahrscheinlich a nu, wollns uns das erzĂ€hlen? (Bestimmt) Der hat was fĂŒrd Wirtschaft tan der Mann, des war halt nu a VisionĂ€r seiner Zeit. Hat a bisserl mehr Straßen baut wie da PĂŒhringer heute. Der hat international gedacht! In Infrastruktur investiert! Hat auf Tausend Jahr ind Zukunft bauen wollen und ned nur bis zur nĂ€chsten Wahl!

Des mid de Wahlen is ja gefĂŒhlt sowieso a Topfn. De schachern si de Posten zu, dass a Graus is, und wos habn wir WĂ€hler davon? Nix! De könnma eigentlich glei abschaffen a. Spar ma si de ganzen Posten vo Bundesrat bis Parlament, de sitzen jo eh nur da und lesen Zeitung. Zeitung lesen! Als wenns damit das Volk weiterbringen wĂŒrden! Habns mal de Sendung Parlament auf ORF 2 gseng? Nein? Habns nix verpasst!

Aber jetzt wird sowieso olles anders. Wir gehen nach FĂ€higkeiten. Die meisten Frauen haben halt eher die FĂ€higkeit zum Kochen vom Herrn mitbekommen, und putzen könnens a ganz gut, die Damen. Zumindest besser wie die MĂ€nner, und irgendwer muss das ja machen. Dann iss ja deppert, wenn das derjenige macht, der das nicht so gut kann! Das ist angewandte Wirtschaftskompetenz, meine Damen und Herren! Und die richtigen MĂ€nner brauchen wir bald wieder fĂŒr ganz andere Aufgaben. Sie wissen schon.(Verschwörerisches Zwinkern ins Publikum) Die MĂ€chtigen wollen uns was erzĂ€hlen von Rechtsstaatlichkeit, obwohls doch in Wahrheit a völliger linker Haufen ist! Da stimmt doch etwas nicht! Da muss ein Mann mit echtem Rechts-Bewusstsein doch aufstehen und sagen: Ich glaube, da muss sich etwas Ă€ndern! Ich sage euch heute: da wird sich auch etwas Ă€ndern!

Die wollen uns weißmachen, dass es keine Probleme gibt in diesem Land, dass alles friedlich ist. Dass es der Wirtschaft gut geht, oder zumindest besser als sonstwo, und damit uns allen. Aber könnt ihr das auch fĂŒhlen? Nein! Sind es StĂŒmper, die uns fĂŒhren? (VerĂ€chtlich) Haben sie vielleicht einfach Pech gehabt in ihren Entscheidungen? Nein! Alle habens studiert! Auf Steuerkosten! Haben wir zahlt! Sie halten sich fĂŒr schlau. Aber wir haben sie durchschaut! Wir befinden uns lĂ€ngst im dritten Weltkrieg. GefĂŒhrt mit den Waffen der kulturellen wie finanziellen Unterwanderung! Aber wir sind wir, nicht ihr, und wir wollen wir bleiben! Und deswegen, all ihr anderen: schleichts euch ham!

Und wenn diese ganzen AuslĂ€nder an unsere Grenzen klopfen, wir werden ihnen von unseren stabilen Mauern deutschstĂ€mmiger Handwerkskunst aus zusehen. Wir werden auf sie runterspucken können, auf diese Unterwanderer, damits auch gleich sehen, wer auch menschlich ĂŒber ihnen steht. Und wenn wir sie innerhalb unserer Grenzen vorfinden: wir werden sie verhaften mĂŒssen, wenns so deppert sind, si reinzuschleichen statt raus. Ned Deutsch glernt, kein Integrationswille. Da siagt mas wieder! Abschieben in ihre Heimat wollten wir sie ursprĂŒnglich nur, human wollten wir sein. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten! Aber die MĂ€chtigen wollen es nicht! Also gut, werden wir Lager bauen mĂŒssen, um sie unterzubringen. Hat sich ja auch frĂŒher schon bewĂ€hrt. Da werden die MĂ€chtigen schön schauen, wie schnell da die Asylströme versiegen werden, wenn erst die rechten Maßnahmen getroffen werden!

(Zum Publikum) Der freundliche Herr in der ersten Reihe, wie heißen Sie? Der gibt mir irgendwie auch ein schlechtes GefĂŒhl. Der gefĂ€hrdet uns die Volksgesundheit mit seinem schlechten GefĂŒhl! Wahrscheinlich fĂŒhlt er sich auch noch unschuldig, der feine Herr! Kommen Sie, was haben Sie angestellt? Na, irgendwas mĂŒssen Sie schon angestellt haben – woher sonst kommt denn mein GefĂŒhl? Können Sie Ihre Unschuld beweisen? Nein? Sehen Sie! (wendet sich ab, murmelt zu sich selbst) Gerade war ich noch gut drauf gewesen. (Zum Herrn im Publikum) Na, Ihren Namen habe ich ja nun, den Rest werden wir schon herausfinden. Freuen Sie sich auf Besuch. Da sind wir mittlerweile sehr effizient geworden


(Geht zurĂŒck zum Mikro. Pause. RĂ€uspern.)

Da solls wohl tatsĂ€chlich Menschen geben, die sagen, sie sind unzufrieden mit dem, was wir jetzt machen. Dass sie das so nicht gewollt haben. Ich mein, wirklich? Wir waren ja jetzt nicht gerade heimlich unterwegs mit unseren Ansichten und PlĂ€nen fĂŒr die Zukunft. Aber darum braucht das Volk ja wohl gute FĂŒhrer, die ihm auch offiziell die Verantwortung abnehmen, die viel zu schwer auf ihm wiegt. Bald, meine Lieben, bald hammas gschafft, und ihr könnt euer Gewissen wieder fĂŒr immer schlafen legen.

Ich wĂŒnsche bis dahin noch angenehme TrĂ€ume. Funktioniert ĂŒbrigens am allerbesten, wenns Ihre Augen weiter geschlossen halten
 Dankeschön!

Dies ist der erste Teil eines Textes, den ich fĂŒr den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte.

Vor einigen Tagen war ich ein bester Freund aller Zeiten. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Einige Minuten spĂ€ter war ich das grĂ¶ĂŸte Arschloch. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Wieder einige Minuten spĂ€ter war ich dann der empathischste Mensch der Welt. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Und dann schuld daran, dass sie sich schlecht fĂŒhlt. Erraten: Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Sie, das ist eine ehemalige Freundin von mir. Was hat sich verĂ€ndert, wĂ€hrend ich insgesamt wohl so eine Stunde gleichmĂŒtig aus dem Fenster geschaut habe? Die meisten Menschen wĂŒrden wohl davon ausgehen, dass ich irgendetwas an meinem Aus-dem-Fenster-Schauen verĂ€ndert habe, um die wechselnden GefĂŒhlszustĂ€nde zu rechtfertigen. Aber damit liegen sie in diesem Fall falsch. Ich habe nichts getan. Und war ihrer Ansicht nach trotzdem verantwortlich an allem Positiven und allem Negativen, das ihr passiert ist.

Das ist nĂ€mlich der interessante Punkt: In ihrer Gedankenwelt kommt sie selbst als Handelnde kaum vor. Die Welt passiert ihr. Ich habe fast vier Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe dann in schlauen BĂŒchern gelesen, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln soll. Borderline. Aber was ist das ĂŒberhaupt, eine Persönlichkeitsstörung? Wer definiert, was „gestört“ ist und was nicht? Wer ist berechtigt, Menschen derart einzuteilen? Bin ich berechtigt, sie dafĂŒr zu verurteilen, dass sie schlicht anders ist als ich? Ist sie dann nicht ebenso berechtigt, mich dazu verurteilen, weil ich schlicht anders bin als sie?

Denn irgendwann, wenn man viel Zeit mit ihr verbringt, fĂ€ngt man an, es selbst zu glauben, was einem so vorgeworfen wird. Man fĂ€ngt an, seinem eigenen Urteil nicht mehr so ganz zu trauen. Sich zu verteidigen, zu versuchen, es ihr Recht zu machen, weil irgendetwas muss man doch angestellt haben, um so ein Verhalten zu rechtfertigen. Vielleicht unbewusst? Ohne es zu wollen? Ich muss ja wohl doch irgendetwas gemacht haben. Woher sonst kĂ€me ihr GefĂŒhl?

Irgendwann bin ich dann gegangen, weil es mit der Zeit wirklich gefĂ€hrlich wurde. Wenn man stĂ€ndig damit rechnen muss, ohne Vorwarnung stundenlang angeschrien zu werden, ohne etwas dafĂŒr oder dagegen machen zu können, entwickelt man eine Art von Paranoia. Man ist stĂ€ndig unter Adrenalin. Kann nachts nicht mehr schlafen. FĂ€ngt an, sich vorzustellen, sie wĂŒrde in ihrer Wut irgendwelche Sachen in der gemeinsamen Wohnung kaputtzumachen, obwohl sie das wohl tatsĂ€chlich nie machen wĂŒrde. FĂ€ngt also an, selbst irgendwie verrĂŒckt zu werden, sich von einer gemeinsamen, nachvollziehbaren RealitĂ€t zu verabschieden. Ich traf dann die Entscheidung, mich lieber von ihr zu verabschieden, bevor dieser Prozess zu weit gegangen war.

Einige Zeit spĂ€ter hab ich sie dann wiedergetroffen. Ein Freund hatte mir von den Friedens-Mahnwachen erzĂ€hlt, die ĂŒberall organisiert werden. Da gabs allerhand zu hören gegen den Krieg, den Kapitalismus, gegen das System, das Schuld an allem sei. Etwa von einem jungen Mann mit Dreadlocks, von außen betrachtet wohl eher politisch links einzuordnen, der trĂ€gt eine fabelhafte Kapitulismuskritik vor, die er wohl 1:1 aus „Mein Kampf“ zitiert haben könnte. Der nĂ€chste wird gleich ein wenig direkter und schimpft gemĂŒtlich gegen die Juden, die sowieso an allem Schuld sind. Ich fĂŒhle mich an meine ehemalige Freundin erinnert. TatsĂ€chlich ist sie unter den Zuhörern, klatscht begeistert mit, scheint sich sichtbar wohl, unter ihresgleichen zu fĂŒhlen. Bin ich etwa Jude, ohne es zu wissen? Vielleicht darf man mir deswegen grundlos die Schuld an allem in die Schuhe schieben? Dann ist es ja offensichtlich ok, wenn man den Rednern in ihrer EinmĂŒtigkeit Glauben schenken darf. Aber wĂ€re ich Mitglied einer weltumspannenden Judenverschwörung, sollte ich wohl zumindest einen anderen Juden persönlich kennen. Und mir vermutlich auch ein wenig cooler vorkommen. Immerhin wĂ€re ich dann laut den geschĂ€tzten Vortragenden beinahe allmĂ€chtig.

Es ist ja anstrengend genug, wenn eine Freundin dir die Ohren volljammert, was fĂŒr ein Arschloch du bist, obwohl du nichts angestellt hast. Aber was, wenn das zur NormalitĂ€t wird? Schuld sind ja immer nur die „bösen MĂ€chtigen“. Die Welt, die passiert den Machtlosen. Aber was, wenn diese gefĂŒhlt Machtlosen selbst an die Macht kommen? Dann versuchen, die bösen Verschwörer auszuschalten, um die Öffentlichkeit zu schĂŒtzen? Mich plötzlich jemand ganz offiziell zum Verschwörer bestimmt und mich verhaftet, obwohl ich weiter nichts anderes tue, als aus dem Fenster zu schauen und meinen Gedanken nachzuhĂ€ngen? Nur, weil es sich fĂŒr ihn so richtig anfĂŒhlt? Unser Bildungssystem ist tatsĂ€chlich ganz schön kaputt, wenn es den Jungen nicht vermitteln kann, wo uns das wieder hinfĂŒhren möchte.

Ich bin dann ans Mikrophon, hab mich durchgekÀmpft, hab versucht, die Leute zur Vernunft aufzurufen. Wehret den AnfÀngen und so.
„Was soll schon passieren? Wir haben ja nichts angestellt! Aber die sollen mal bĂŒĂŸen!“, rief ein Mann aus den hinteren Reihen, und die Menge klatschte begeistert.
„Tut mir Leid, Stimme der Vernunft“, meinte ein alter Mann, der ein wenig verschĂ€mt dreinblickte, zu mir. „Ich glaube, deine Zeit ist abgelaufen.“

Ich sah die johlende Menge vor mir, die schweigende Masse der Teilnahmslosen hinter mir, und musste ihm ernĂŒchtert rechtgeben. Ich hĂ€tte noch viel zu sagen gehabt. Aber meine Zeit war abgelaufen. Der öffentliche Raum gehörte nun anderen.