Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblĂŒfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dĂŒrfen, wenn man seine Schwierigkeiten ĂŒberwunden hat. Dabei wĂ€r es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man UnterstĂŒtzung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die UnterstĂŒtzung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwĂŒrdigen Telefonat noch in der HĂ€ngematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis gehabt. So eine merkwĂŒrdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und wĂŒrden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form fĂŒr diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie ĂŒber den jĂŒngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, fĂŒr ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es fĂŒr sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr fĂŒrchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemĂŒtlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfĂ€nglich an der OberflĂ€che betrachtet. Und doch hatte er sofort gespĂŒrt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂŒr fĂŒr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der OberflĂ€che betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂŒher, noch ungeĂŒbter, hatte er sich bisweilen ĂŒberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er spĂ€ter bereute. Nur um frĂŒher oder spĂ€ter festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich ĂŒber seine Grenzen fĂŒhren wĂŒrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂŒbergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂŒtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂŒssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des GesprĂ€chs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wĂŒst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit lÀngerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso ĂŒber die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hĂ€tten sein können, ein verdĂ€chtig Ă€hnliches? Was wĂŒrde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham UnterstĂŒtzung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste AnsĂ€tze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fĂŒhlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂŒck weit war es die letzten Jahre ĂŒber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂŒtzung bat, wenn es um AlltĂ€gliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂŒblicherweise zurĂŒckgezogen. Bis er – gestĂ€rkt und bewehrt mit einer erzĂ€hlenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂŒr Kontakt fĂŒhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂŒr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemĂ€ĂŸ eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins VerĂ€ndern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelĂ€chelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂŒr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂŒsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der OberflĂ€che, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere OberflĂ€che” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden wĂŒrden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dĂŒrfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fĂŒhlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewĂ€ltigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und WertschĂ€tzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den AnsprĂŒchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genĂŒgte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite fĂŒr denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die FĂŒlle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene UnzulÀnglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwĂŒstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschĂŒttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  FĂŒĂŸen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch fĂŒr ihn in weite Ferne gerĂŒckt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit spĂ€ter wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre spĂ€ter, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur Ă€ußere, vergĂ€ngliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glĂŒcklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem JĂŒngeren erzĂ€hlt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die FĂŒhrung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spĂŒrbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glĂŒcklich, erzĂ€hlte er nun dem JĂŒngeren, der sich lĂ€chelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner HĂ€nde nichts mehr ĂŒbrig war.

Der JĂŒngere schwieg, weil seine Worte nur ungenĂŒgend ausdrĂŒcken konnten, was er als Wahrheit in sich erspĂŒrte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hĂ€ngen daher ihr GlĂŒck nicht an VergĂ€ngliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverstĂ€ndlich ist, freut sich ĂŒber jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergĂ€nglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes GlĂŒck oder deinen eigenen Selbstwert daran hĂ€ngst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrĂŒckst.

Um all dies klar und unmissverstĂ€ndlich auszudrĂŒcken, fehlten dem JĂŒngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprĂ€gt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurĂŒckzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum JĂŒngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er lÀngst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spĂŒrten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die GefĂ€hrten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurĂŒckzulegen, der sich stimmig anfĂŒhlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstĂŒtzen, den jeweils nĂ€chsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafĂŒr wahre Freunde da?

Ein bisschen lĂ€cherlich fĂŒhlte er sich schon. Seit lĂ€ngerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsĂ€chlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes PhĂ€nomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und ĂŒber die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafĂŒr aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes GegenĂŒber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfĂ€hrigere GefĂ€hrten fĂŒr seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geĂŒbt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwĂŒhlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale StĂ€rke, als ĂŒberragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwĂŒnschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdĂ€chtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner ÜberschĂ€tzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese hĂ€ufig AbhĂ€ngigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst ĂŒberflĂŒssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spĂŒrte er auch, dass es nun kein ZurĂŒck mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefĂŒhlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfĂŒhlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lĂ€chelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

Nun war es also soweit.
Nach all den Jahren, in denen sie sich doch mit einer gewissen RegelmĂ€ĂŸigkeit getroffen hatten, war es immer schwieriger geworden, noch Zeit fĂŒreinander zu finden. Man war umgezogen, hatte geheiratet, war Vater oder Mutter geworden, und auch im Allgemeinen ein anderer Mensch. Noch war ein Rest lebendig von jener wunderbaren Anziehungskraft, die sie alle einst vereint hatte, von der Wurzel der liebgewonnen Traditionen. Doch mehr und mehr wurde fĂŒhlbar, dass irgendetwas seltsam hohl geworden war, die realen Erfahrungen den freudigen Erwartungen an die ZusammenkĂŒnfte nicht mehr genĂŒgten.
Endlich wieder ein Spieleabend. Und am Ende dann doch nicht, ein mĂŒder Abklatsch alter Traditionen. Spiele waren genĂŒgend vorhanden, auch die Menschen hatten sich versammelt, doch gespielt wurde immer weniger.

Und dann hatte er zufĂ€llig den anderen alten Freund wiedergetroffen, an den er Tage zuvor oft mit Wehmut gedacht hatte. Auch mit ihm verband ihn die Erinnerung an andere Zeiten, als sie noch zu dritt beinahe jeden Tag miteinander verbracht hatten. Spielend, erforschend die Welt mit lockeren Lachmuskeln und dem GefĂŒhl, die Welt stĂ€nde jenen offen, die sich an und in sie wagten. Auch heute noch kamen sie hin und wieder zusammen, aßen gemeinsam und erzĂ€hlten sich von frĂŒher, als alles noch anders war. Doch die Frequenz ihrer ZusammenkĂŒnfte hatte sich verĂ€ndert. Anstatt beinahe tĂ€glich trafen sie sich nun nur noch etwa alle 2-3 Monate. Und ohne große Überraschung stellte er fest, dass es nicht daran lag, dass sie alle zu viel zu tun hatten. Sondern daran, dass sie sich anders als frĂŒher kaum mehr etwas zu sagen hatten.

War dies also der natĂŒrliche Verlauf menschlicher Beziehungen? Man lernte sich kennen, erfreute sich eine Zeit lang aneinander, bis man sich auseinanderlebte? Die Erfahrung schien die These zu bestĂ€tigen, und doch wehrte sich ein Teil von ihm dagegen, dies als absolute Wahrheit zu akzeptieren. Denn er hatte auch Ausnahmen von der Regel erlebt, und erlebte sie auch heute noch immer wieder. Was unterschied jene Ausnahmen also, und war es möglich, aus den Ausnahmen die Regel zu machen?

Eine alte Bekannte durchbrach seine Gedankenspiele mit einem LĂ€cheln, setzte sich zu ihm. Immer schon hatte er eine Verbindung zu dieser Frau gefĂŒhlt, wann immer er sie erblickt hatte, aber nie war es zu mehr als kurzen GesprĂ€chsfetzen gekommen, begleitet von einem losen GespĂŒr fĂŒr das Potential einer tieferen Verbindung. Doch dieses Mal war es anders. Rasch war die Musik des Lokals in den Hintergrund getreten, und Stunden spĂ€ter fand er sich in tiefem Austausch von Seelen wieder, der ihm eine Antwort auf die Frage schenkte, die ihn so beschĂ€ftigt hatte:

Der Spieleabend, das war eine nĂŒtzliche Form gewesen, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, um dem lebendigen und wertvollen Kontakt, der ihm vorausgegangen war, auch im Alltag zu stĂŒtzen. Über lange Zeit hatte er seine Funktion erfĂŒllt, aber nun, beinahe 10 Jahre spĂ€ter, waren sie der Form entwachsen wie Kinder ihrer Kleidung. Vielleicht war es an der Zeit, ihn als nicht mehr passende Form aufzugeben, und eine neue, passendere Form zu finden. Denn die Essenz ihrer Verbindung, die Vorfreude auf ein Wiedersehen, eine Erneuerung des Kontaktes, war noch immer spĂŒrbar.

Ja, nun war es also soweit, das Alte sterben zu lassen, um neue Formen zu gebÀren.
Zeit, sich wieder mehr von dem inneren Ja leiten zu lassen, das doch die Urmutter jenes Kontaktes gewesen war.

Zur Abwechslung wieder mal ein Gedicht, inspiriert von einer lieben Freundin, die mittlerweile seit 6 Jahren wieder in ihrer Heimat, der TĂŒrkei, lebt, und mich nach langer Zeit wieder mal kontaktiert hat..

Freund! Manch Jahr ists her
Seit wir zuletzt uns trafen
Gib Nachricht drum mir, rasch, erzÀhl!
Wie ists dir wohl ergangen?
Warn wir doch einst so unerzogen
Lachend spielten wir dies Spiel
Das doch mit Ernst so deprimiert
Leben! Wie es uns gefiel!

Wolln wir uns nicht wieder treffen?
Gar zu weit bist du nun fort
Alter Freund, du gingst, zu Tanzen
Bringst Kunde mir nun von dem Lied?
Wie kommt es, dass dein lÀchelnd Auge
TrĂŒber wirkt nun als es schien
Wie kommt es, dass dein Gang so heiter
Kaum beherzt mehr scheint zu sein?
Erkennst du mich denn gar nicht wieder?
Wurde ich gar falsch verbunden?

Ach! Ich wĂŒrde doch so gerne
Verbringen mit dir schöne Stunden
Doch da sind Eltern, alt geworden
Familie, Arbeit, Sicherheit
Warum aufgeben, noch einmal
Drehen fest am Rad des Lebens?
Dann lieber bleiben, fest ertragen
Lernen all die kleinen Wunden
Sie sind ja doch nicht allzu tief

Ich kenn sie schon, die kleinen Wunden
Die mich selbst beinah bezwungen
Die mich schwÀchten nur durch Zahl
Ein Tropfen nur vom Blut des Mutes
Tagein, tagaus verliert das Herz
Bis es aufhört ganz zu schlagen
Und nur noch halbherzig man lebt

Das Alter fÀllt den Abenteurer
TĂŒckisch lockt des Zögerns Bann
Nie fÀllt es an auf graden Wegen
Umschleicht dich, sucht sich willig Ziel

Nimmt dir erst diesen, dann den andern
Und macht dir alte Freunde so
Schritt fĂŒr Schritt zur Last
Du kÀmpfst mit ihm, befreist den einen
Siehst alsbald den anderen fallen
Bis du ĂŒbrig bleibst allein

Angreifbar, gebeugten RĂŒckens
Stimmst schlussendlich doch du ein
FĂŒgst dich ein mit grimmig Nicken
In die allgemeine Pein

Sieh! Rettung liegt nicht im Bekannten
Nicht in der RĂŒckschau liegt die Kraft
Sie liegt in dem Noch-nicht-vorhanden
Dem Alter trotzt nur neuer Saft

Drum frag‘ ich dich heut‘, alter Freund
Was kann dich noch bewegen?
Was lockt dein Herz, was lenkt den Schritt
Was kann das Alter stunden?
Denn findest du nur Gestern vor
So bist du falsch verbunden

Ach! WĂ€rs noch gestern dĂŒnkt mir nun
Erinnernd einst verbrachter Stunden
Da liefen wir, als ob von Sinnen
Von DĂ€chern zu bekunden
Der Freundschaft ewig schworen wir
Sie jetzt und einst zu halten
Wie konnt ich glauben, Augenblick nur
Sie könne je erkalten

So nimm dies Wort, mein treuer Freund
Obwohl wir uns entfernten
Als Zeichen neu entflammter Glut
Wie einst entzĂŒcktem Herzen
Die Furcht du hast genommen mir
Das Alter hilfst du stunden
Und mögen wir manch Fehler haben
Und mags ein Gott bekunden
Die Freundschaft zu dir ist mir lieb
Wir sind nicht falsch verbunden

„Ich habe ein neues Auto, da wird die Couch nicht reinpassen“, meinte er zu dem Freund, doch der winkte ab. „Die passt schon rein!“
Also waren sie zu der angegebenen Adresse gefahren, hatten geklingelt, und ein leicht abwesender junger Mann hatte geöffnet.
„Das ist sie also“, sagte der Freund, und: „Das ist sie“, der EigentĂŒmer. Und: „Sobald sie aus der TĂŒr ist, will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben.“
„Die passt niemals in mein Auto“, warnte er den Freund, doch der gab sich zuversichtlich: „NatĂŒrlich passt sie rein, du wirst schon sehen.“

Einige Minuten spĂ€ter standen sie vor der verschlossenen TĂŒr der Wohnung, nachdem sich der ursprĂŒngliche EigentĂŒmer mit einem Grinsen verabschiedet hatte.
„Und wie bringen wir sie jetzt die Treppe herunter?“, fragte er, Böses ahnend, den Freund, der einen weiteren Freund nannte. Ein Passant bot seine Hilfe an, und so truegen sie nun zu viert die Couch die zwei Stockwerke herunter in den Vorgarten.
„Lasst uns das Auto holen“, meinte er, und zum Freund, der unentschlossen dreinsah, „Wie groß ist die Chance, dass vier Diebe gleichzeitig hier in diesen Vorgarten kommen und in den paar Sekunden die Couch wegschleppen werden?“

NatĂŒrlich passte die Couch nicht in das Auto, nicht einmal ansatzweise, auch wenn der Freund darauf bestand, es zumindest zu probieren, was dem  Auto erste Gebrauchsspuren zufĂŒgte.
„Dann holen wir eben den Rollwagen“, entschied der Freund.
„Und schieben die Couch die ganze Strecke bis zu dir nach Hause?“, fragte er unglĂ€ubig.

Es musste ein ungewöhnlicher Anblick fĂŒr die Passanten gewesen sein, als drei lachende MĂ€nner mit einer Couch auf einem Rollwagen durch die ganze Stadt liefen, aber niemand sprach sie darauf an, wohl weil von außen schwerlich zu erkennen war, ob es ein ausgelassenes oder ein irrsinniges Lachen war. Angekommen in der Wohnung des Freundes entstand nun das nĂ€chste Problem: Die Couch passte nicht in den Lift, und als auch dieses Problem durch viel Schieben und der Hilfe eines zufĂ€llig vorbeikommenden Inders gelöst worden war, passte sie nicht durch die EingangstĂŒr der Wohnung.
„So, perfekt“, meinte der Freund, als auch dieses Problem mit ein wenig sanfter Gewalt ĂŒberwunden war.
„Die Couch besetzt gut 50% deiner WohnflĂ€che.“
„Meine neue Wohnung wird grĂ¶ĂŸer sein.“
“Dein Optimismus grenzt an Idiotie.”
“Die Dummen haben das GlĂŒck.”

„Ich brauche deine Hilfe!“, rief der Freund einige Wochen spĂ€ter durch das Telefon, „Ich muss heute abend ausgezogen sein!“
„Und das fĂ€llt dir erst jetzt ein?“, fragte er unglĂ€ubig.
„Hilfst du mir oder hilfst du mir nicht?“
„NatĂŒrlich. Wann soll ich da sein?“

Als er eintraf, hatte der Freund den Großteil seiner Sachen bereits gepackt, bis auf-
„Die Couch!“, rief er, sich erinnernd, aus. „Was machen wir mit der Couch?“
„Ein Freund wird sie morgen abholen. Heute hat er keine Zeit mehr.“
„Aber du musst doch heute die Wohnung ausrĂ€umen!“
„Wir stellen sie wo fĂŒr ihn unter.“

Einige Stunden spĂ€ter, als der Rest der Sachen des Freundes verstaut war, trieb jener GlĂŒckspilz noch spontan zwei Helfer auf, um die Couch auf dem Rollwagen aus der Wohnung zu bringen.
„Wohin bringen wir das Ding?“, fragte einer der Helfer, misstrauisch, als er sich auf einem kleinen Feldweg wiederfand.
„Ich wĂŒrde sie zum Supermarkt stellen, da kommen tagtĂ€glich viele Menschen vorbei. Irgendwer freut sich bestimmt darĂŒber“, meinte der Freund.
„Ich dachte, dein Bekannter holt sie sich morgen?“
„Vielleicht stellen wir sie auch hier hin. Hier ist es schön ĂŒberdacht und sie wird nicht kaputt, wenn es regnet.“
„Hast du zumindest eine Announce auf Ebay ode so geschaltet?“
„Das werde ich noch.“
„Mit ‚Selbstabholung unter der BrĂŒcke‘?“
Der Helfer erntete ein anerkennendes Grinsen.
„Wir verstehen uns.“

Zwei Tage spĂ€ter konnte ein Ă€lterer Mann sein GlĂŒck kaum glauben: da stand doch tatsĂ€chlich eine saubere, gemĂŒtlich aussehnde Couch unter seiner LieblingsbrĂŒcke, die man sogar in ein gemĂŒtliches Bett umwandeln konnte! Das war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Gott meinte es am Ende also doch gut mit ihm. Es wĂŒrde wieder aufwĂ€rts gehen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren auf der Straße schlief er ruhig und ohne Angst ein, vertrauensvoll sich hingebend der DĂ€mmerung, voller Hoffnung auf den Anbeginn eines neuen Lebensabschnitts.

Schon als kleiner Junge war Fabian immer als derjenige aufgefallen, der nicht so recht mit den anderen Kindern der Nachbarschaft zurechtkam. Immer schon war er von den Menschen um ihn als Sonderling, als EinzelgĂ€nger wahrgenommen worden. Auch spĂ€ter, als er schon lĂ€ngst von zuhause ausgezogen war, hatte sich wenig daran geĂ€ndert, außer, dass er mit der rĂ€umlichen Trennung von seiner Familie die letzten sozialen Kontakte hinter sich gelassen zu haben schien.

Irgendwann musste er eine Arbeit gefunden haben, denn er verließ tĂ€glich pĂŒnktlich um sieben Uhr seine Wohnung und kehrte erst am Abend wieder zurĂŒck. Doch niemand wusste genau, was er denn nun eigentlich tatsĂ€chlich den ganzen Tag tat, denn er sprach nur selten. Und wenn er sprach, sprach er mit Vögeln. „Der hat doch einen Vogel!“, pflegten die Nachbarn zu sagen, und lĂ€chelten ĂŒber ihren eigenen Wortwitz. TatsĂ€chlich hatten sie ihn jedoch lĂ€ngst als harmlosen Sonderling akzeptiert, der zwar niemandem etwas antun wĂŒrde, aber auch völlig schwachsinnig sein musste.

Eines Tages jedoch, als einer der Nachbarn mit seinem kleinen Sohn im Park spazieren ging und der Kleine interessiert den Spinner Fabian betrachtete, fiel ihm auf, dass sich da tatsĂ€chlich so etwas Ähnliches wie ein GesprĂ€ch vor seinen Augen abspielte. Einer der Vögel hopste vor Fabian umher, und Fabian gestikulierte mit seinen HĂ€nden, ohne den Vogel dabei zu erschrecken. Dabei tauschten sie seltsame Laute aus – als wĂŒrden sie tatsĂ€chlich sprechen. Aber das war natĂŒrlich lĂ€cherlich.

Viele jedoch fanden es auch melancholisch, traurig, tröstlich, Jahre spĂ€ter, als Fabian’s Tagebuch nach seinem Tode schließlich in Buchform veröffentlicht wurde. Jenem hatte er, der sich in Gesellschaft der Menschen nie wohlgefĂŒhlt hatte, seine vielen philosophischen Diskussionen mit den Vögeln, die ja weit umhergekommen waren und dementsprechend weise sein mussten, anvertraut. All die Betrachtungen ĂŒber die Freiheit, das Fliegen, das Unverstandensein und das GlĂŒck, jemanden zu finden, der einen tatsĂ€chlich verstehen konnte, ob dies nun ein geliebter Mensch oder ein geliebter Vogel war.

Besonders rĂŒhrend wurden auch die EintrĂ€ge aufgenommen, in denen Fabian seine Begegnungen mit einem jungen Vogel, der sich einen FlĂŒgel gebrochen hatte, beschrieb. Wie sich die beiden verbunden gefĂŒhlt hatten, als Wesen mit der Sehnsucht nach den Wolken, und wie er dem Vogel geholfen hatte, seinen Traum zu erfĂŒllen und den Wind wieder unter den FlĂŒgeln zu spĂŒren. Wie er seinem gefiederten Freund ziehen ließ, wohl wissend, dass er es ihm nie gleichtun wĂŒrde können.

Doch der Vogel hatte ihn fortan jeden FrĂŒhling aufs Neue besucht und ihm von seinen Reisen erzĂ€hlt, hatte ihm das Leben lebenswert und voller Wunder erscheinen lassen. Ob Fabian’s Vogel nun tatsĂ€chlich existierte oder nur in seiner Einbildung – mochte es nicht schön sein, ebenso einen solchen Vogel zu haben, der die Fantasie beflĂŒgelte?

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