Der Großteil aller Menschen wird darin übereinstimmen können, dass Freiheit erstrebenswert ist. Die Übereinstimmung ist derart selbstverständlich, dass sich eine Frage in vielen Diskussionen gar nicht mehr zu stellen scheint: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Ist der Begriff tatsächlich so hinreichend erklärt, wie wir ihn verwenden? Und wenn ja: Wie kommt es dann, dass Menschen, denen „mehr“ Freiheiten zur Verfügung stehen als uns, nicht unbedingt glücklicher zu sein scheinen als wir selbst?

Objektive vs. Subjektive Freiheit

Im alltäglichen Gebrauch würden die meisten Menschen Freiheit als berechenbar definieren. Ich kann nicht nur frei sein, sondern auch freier. Mehr frei als jemand anderer. Diese Art, „Freiheit“ zu definieren, bestimmt die Strategien, die wir anwenden, um zu mehr Freiheit zu gelangen: Falls wir uns unfrei fühlen, arbeiten wir daran, uns ein Mehr an Optionen zu erarbeiten.

Wenn uns zehn Wahlmöglichkeiten in einer Situation offen stehen, sollten wir uns demnach freier fühlen als wenn uns nur drei Wahlmöglichkeiten offen stehen. Immerhin sind wir – nach unserer berechenbaren Definition – damit objektiv betrachtet freier.

Das Problem bei dieser Herangehensweise ist jedoch, dass Freiheit zwar von objektiven Möglichkeiten beeinflusst, im Kern aber eine zutiefst subjektive Wahrnehmung ist. Wenn wir zwei Menschen, A und B, in die objektiv betrachtet exakt gleiche Situation versetzen, ist die Chance groß, dass sich ihr Freiheitsempfinden sehr voneinander unterscheidet.

Ein Bereich des Lebens, der dies sehr deutlich veranschaulicht, ist die Liebe. Ich kann mir als Mann ein Verhältnis mit fünf Frauen anfangen (und natürlich auch umgekehrt usw.). Objektiv betrachtet bin ich dann womöglich „freier“ in der Auswahl, mit wem ich meine Zeit verbringen möchte. Aber wenn ich in einem Moment das Bedürfnis nach Kontakt zu einem Menschen habe, mit dem ich in diesem Moment nicht in Kontakt sein kann, werde ich mich trotz meiner vielen alternativen Möglichkeiten unfrei fühlen.

Selbst wenn der Kontakt mit nur einem einzigen Menschen „alternativlos“ und damit nach objektiven Kriterien „unfrei“ sein sollte: wenn es das ist, was ich mir in dem Moment wünsche, werde ich mich subjektiv frei fühlen.

Freiheit und stimmiger Kontakt

Was für die Liebe gilt, lässt sich auch auf so ziemlich jeden anderen Lebensbereich übertragen. Für unsere Wahrnehmung von Freiheit ist entscheidend, ob es uns möglich ist, das zu tun/kommunizieren, was sich für uns subjektiv im Moment stimmig anfühlt. Ist diese Möglichkeit gegeben, fühlen wir uns frei. Ist sie es nicht, fühlen wir uns unfrei, weitgehend unabhängig von unseren objektiven Möglichkeiten. Oder anders ausgedrückt: Solange wir in stimmigen Kontakt mit uns selbst, anderen und der Welt gehen und darin bleiben können, fühlen wir uns frei. Sobald irgendetwas uns daran hindert, fühlen wir uns unfrei.

Dabei lässt sich eine grobe Unterscheidung treffen zwischen inneren und äußeren Blockaden unserer subjektiv erlebten Freiheit. Eine äußere Blockade könnte z.B. sein, dass ich, um offiziell als Unternehmensberater tätig sein zu dürfen, dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss. Bei einer äußeren Blockade besteht die Chance, dass mich tatsächlich eine Konsequenz erwartet, die von außen kommt. In dem beschriebenen Fall z.B. eine rechtliche Strafe, falls ich ohne Berechtigung als Unternehmensberater auftrete. Diese Art von Blockade kann ich überwinden, indem ich darauf hinarbeite, die entsprechenden Voraussetzungen zu erfüllen.

Eine innere Blockade hingegen berührt Überzeugungen über die Welt bzw. mich selbst, die verhindern, dass ich in stimmigen Kontakt bleiben kann. So mag es beispielsweise dazu kommen, dass ein potentieller Kunde Interesse daran hat, mit mir zu arbeiten. Vielleicht berührt dies aber in mir die Überzeugung, dass ich es ja in Wahrheit gar nicht wert sei, dass Kunden mir vertrauen. Nun blockiere ich mich womöglich innerlich dermaßen, dass ich (unbewusst) darauf hinarbeite, dass der Auftrag nicht zustande kommt. Diese Art von Blockade kann ich überwinden, indem ich mir den -> universellen Entwicklungskreislauf zunutze mache, und für die entsprechenden Voraussetzungen sorge, meine inneren Blockaden zu überwinden.

Wovon hängt unser subjektives Freiheitsgefühl ab?

Unser subjektives Gefühl von Freiheit (das, anders als die objektive Situation unserer tatsächlichen Möglichkeiten in jedem Moment, unser Erleben bestimmt) ist damit abhängig von sechs Faktoren:

  • Bin ich fähig und willens, in stimmigen Kontakt zu treten, um zu fühlen, was ich brauche/was für mich stimmig ist?
  • Kann ich verlässlich zwischen inneren und äußeren Blockaden unterscheiden? (Siehe auch -> Filter unserer Wahrnehmung)
  • Erkenne ich, welche äußeren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese äußeren Blockaden überwinden kann?
  • Erkenne ich, welche inneren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese inneren Blockaden überwinden kann?

Der Faktor Zeit

Wie wir an diesen Faktoren feststellen können, ist auch Zeit ein relevanter Faktor. Möglicherweise erkennen wir eine äußere Blockade, und auch einen Weg, wie wir sie überwinden können, aber der Prozess würde so lange dauern, dass wir die Möglichkeit von vornherein ausschließen (z.B. „ich bin doch schon zu alt, noch eine neue Ausbildung zu beginnen“).

Es ist auch durchaus legitim, sich gegen etwas zu entscheiden, wenn der Aufwand subjektiv betrachtet in keiner konstruktiven Relation zum erwarteten Nutzen steht. Solange man sich dabei im Sinne der radikalen Selbstverantwortung auch eingesteht, dass diese subjektive Unfreiheit die Konsequenz einer Entscheidung war, die man für sich getroffen hat. Denn dies bedeutet gleichzeitig auch, dass man die Macht behält, sich zu einem anderen Zeitpunkt anders zu entscheiden, anstatt sich selbst zum Opfer der Umstände zu machen.

Welche Art von Freiheit macht nun nachhaltig glücklich?

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine subjektiv erlebte Freiheit, ein im-stimmigen-Kontakt-Sein mit sich und dem Rest der Welt nachhaltig glücklich machen kann. Oder anders ausgedrückt: frei fühlt sich derjenige, der nachhaltig tun und lassen, sagen und schweigen kann, was sich für ihn stimmig/richtig anfühlt.

Dies ist schwer quantifizierbar im Sinne eines „Mensch A ist freier als Mensch B“. Aber vielleicht ist dies ja auch gar nicht notwendig. Nur weil ich objektiv „freier“ bin als ein anderer Mensch, macht mich das ja nicht subjektiv glücklicher. Und da mein Erleben ja zutiefst subjektiv ist, ist es im Zweifelsfall ja dieses, was für mich relevant ist.

Welche Art von Freiheit macht Dich nachhaltig glücklich?

Niklas

P.S.: Ich möchte noch erwähnen, dass ich diesen Freiheitsbegriff nicht selbst entwickelt, sondern aus einem Buch übernommen habe. Ich würde an dieser Stelle gerne den Autor/den Titel des Buches anführen, auch um ihm für diesen Gedanken den Respekt und die Dankbarkeit zukommen zu lassen, die er verdient. Leider habe ich das Buch von einer Bekannten geborgt, die nun (aus Gründen, die sie mir nicht erklären wollte) nicht mehr mit mir spricht. Daher ist mir dies im Augenblick nicht möglich.

Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von Verlässlichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit Gründen
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich überfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttäuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurück in Einsamkeit
Ich wollt, ich hätt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quält und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kämpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe größter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darüber
Auf die, die Liebe lässt mich fühlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlässt

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch länger brauchen
Hab meine Brücke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fühlst
Dann öffnen wir die Dämme
In uns, um uns, tränken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelänge!
Die Dämme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geübt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

„Ich will gerade nicht mehr darüber sprechen“, meinte sie, und am anderen Ende blieb es tatsächlich still. Die Pause zog sich in die Länge, die Worte wollten sich nicht bilden. Atem besetzte die Leitung.

„Ich möchte dir etwas Seltsames beschreiben“, setzte er an, hoffend, durch eine Einleitung in Fluss zu kommen, „Je mehr ich dir zugehört habe, desto weniger konnte ich etwas fühlen.“
„Weißt du, ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr ähnlich.“

Plötzlich kehrte das Gefühl in seinen Körper zurück. Schmerzhaft.
„Ich glaube, du hast Recht“, murmelte er nachdenklich, „der einzige Unterschied war – “
Die Leitung war tot. Verzweifelt drückte er die Anruftaste. Noch einmal. Es hatte keinen Zweck.

Rationale Nachdenklichkeit wich zunehmend emotionaler Betroffenheit. Warum musste die Verbindung auch gerade jetzt abbrechen? Rastlos bewegte er sich in der Wohnung umher, setzte sich, stand wieder auf, nahm ein Buch zur Hand, las ein paar Zeilen, versuchte es noch einmal bei ihr, gab es auf. Fing an, Ordnung in der Wohnung zu schaffen, um sich zu beschäftigen, abzulenken.

Ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr ähnlich, hatte sie gesagt. Welche Verletzung? Es war doch normal, dass junge Erwachsene ab einem gewissen Alter unabhängig von ihren Eltern wurden, auf eigenen Beinen standen. Was hätte ihn daran verletzen sollen?
Du hast den Schock des Eintritts in das Arbeitsleben noch nicht ganz überwunden. Wann hatte er diesen Satz gehört, und warum zerrte er gerade dermaßen an seinem Bewusstsein? Warum Schock? Warum Verletzung, bei einem so natürlichen Übergang in die Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit?

Selbstbestimmtheit! Zeit ihres Lebens hatte man ihnen erklärt, sie müssten sich anstrengen im Leben, gute Noten nach Hause bringen, um irgendwann einen guten Job zu ergattern, genug zu verdienen, um sich keine Sorgen machen zu müssen. Und nun? Bei einem Tag mit acht Stunden Schlaf, zwei Stunden für Nahrungsaufnahme und Hygiene, acht Stunden Arbeit und eine Stunde Zeit für den Transport von und zur Arbeit waren die restlichen fünf Stunden „freier“ Zeit auch schon beinahe vernachlässigbar. Und erst das, was man gemeinhin „Urlaubszeit“ nannte: im Durchschnitt ganze fünf Wochen im Jahr, und selbst über diese Zeit durfte man im Regelfall nicht frei verfügen. Und was bekam man im Gegenzug dazu? Solange man sich diesen Bedingungen beugte, durfte man – meist – hoffen, auch im nächsten Monat und Jahr unter ähnlichen Bedingungen geduldet zu sein. Und hatte man gut gearbeitet, hatte man sich den Feierabend oder Urlaub „verdient“, hatte man sich einen Bruchteil der Zeit, die man auch ohne Arbeit zur Verfügung gehabt hätte, wieder „erarbeitet“. Welch Irrsinn so ein „normales“ Arbeitsleben im Grunde doch war, war die Grundbotschaft doch im Grunde ein „Sei, wie andere dich haben wollen, dann darfst du sein“.

„Was willst du einmal werden, wenn du mal groß bist?“ war man gefragt worden, und stolz, mit Hoffnung im Herzen, hatte man geantwortet, man werde Arzt, Techniker, Lehrer, Schriftsteller. Kinder wussten noch nichts über das große Theater, das sich Arbeitswelt nannte. Die meisten wurden am Ende irgendeine Variation der üblichen Schauspieler und spielten ihre Rollen, ob sie sich nun Buchhalter, Arzt, Lehrer oder Marketing-Mitarbeiter nannten, bis sie im Alltag vergessen konnten, dass es auch hinter den Rollen einst noch etwas Eigenständiges gegeben haben musste. Die nachdenklicheren unter ihnen schlitterten von Depression zu Depression oder vegetierten als Aussteiger dahin, die Anpacker-Typen bereiteten sich länger auf die große Krise mit 50 vor oder hatten das zweifelhafte Glück, vorher abzukratzen, bevor sie erkennen konnten, wie wenig der so einzigartigen Chance, die sie ironischerweise „ihr Leben“ nannten, sie am Ende für die Erfüllung ihrer eigenen Träume genutzt hatten. Welch geringen Unterschied ihre Existenz, ihre besondere Perspektive am Ende gehabt hatte, weil für diese Welt nur zählte, wie gut man seine Rolle spielte, nicht was man in und außerhalb der Rollen wahrnahm und mitzuteilen hatte.

Die Wunde, die Ursache für den Schock war nicht die Realität an sich gewesen, sondern dass sie es gewusst haben mussten. Dass sie jungen Menschen Hoffnung einflößten auf ein Leben als selbstbestimmter „Erwachsener“, wohl wissend um ihre eigene Unfreiheit. Wir sind euch gefolgt, dachte er erschüttert, wir sind euch vertrauensvoll gefolgt, weil wir dachten, ihr hättet den Weg der Freiheit beschritten. Dabei habt ihr euch nur tiefer in Unfreiheit begeben, um eine Illusion für uns aufrechtzuerhalten. Vielleicht dachtet ihr ja wirklich, wir würden es einmal besser haben. Dass sich das Versprechen, dass man euch als Kind gegeben hatte, zumindest für eure eigenen Kinder erfüllen würde, wenn die Welt es für euch schon nicht halten wollte. Nein, ihr habt uns nicht absichtlich getäuscht, unsere Wut richtet sich nicht gegen euch. Sie richtet sich gegen die Alternativlosigkeit, die ihr uns hinterlassen habt, weil ihr am Ende auch nicht wusstet was sonst.

Sein Handy klingelte, ihr Akku war wohl wieder aufgeladen.
„Es tut mir Leid, es liegt nicht an dir, dass ich darüber so schwer sprechen kann“, meinte sie, „aber bei dem Thema werde ich so dermaßen traurig und wütend, das will ich nicht an dir auslassen.“
„Und deswegen schweigen wir darüber?“
„Deswegen schweigen wir darüber.“
Doch dieses Mal drängten sich Fragen in ihm auf.
„Was, wenn wir uns der Wunde stellen würden?“
„Dann stellst du dich nicht nur deiner eigenen Wunde. Was glaubst du, was ich die letzten zehn Jahre deswegen alles durchgemacht habe? Menschen verbluten lieber innerlich, als das Blut sehen zu müssen. Wenn du das Schweigen brichst, reißt du überall um dich schlecht verheilte Wunden auf.“
„Also geben wir die Wunde weiter, verstümmeln irgendwann auch unsere eigenen Kinder?“
„Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, wenn du es nicht tust? Bist du auf die Einsamkeit vorbereitet, die mit der Entscheidung einhergeht? Können unsere Kinder die Konsequenzen tragen, wenn du es nicht tust?“
„Sie werden Vorbilder brauchen. Echte Vorbilder. Die es wirklich geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen. Die sich nicht nur reicher, die sich nicht nur ein bisschen sicherer fühlen können, sondern die Wunde an sich heilen konnten.“
„Ich weiß nicht, ob es ein Heilmittel gi-“

Wieder war die Verbindung abgebrochen, doch dieses Mal fühlte er eine eigenartige Ruhe in sich. Beinahe hatte er das Gefühl, den sanften Fall des Schnees hören zu können. Trat auf den Balkon, genoss die plötzliche Kälte und die Stille der Winternacht.
Warum schweigen wir noch darüber?
Warum gehen wir noch die selben Wege?
Warum schlagen wir uns tagtäglich noch immer die selben Wunden?
Es war bereits dunkel, Menschen schliefen, bereiteten ihre Körper vor für einen weiteren Tag als Schauspieler im wohl absurdesten je geschriebenen Theaterstück. Beinahe hatte er die Schwelle zum Alltag seines Zimmers bereits wieder übertreten, da packte es ihn, und er trat noch einmal forschen Schrittes auf den Balkon. Fühlte, wie sich ein Schrei den Weg aus seinem Innersten bahnte, ein Weckruf für die Verschlafenen, die ihr Leben in dem so alltäglichen Dämmerschlaf der Normalität verträumten, nach all den Eindrücken und Verformungen eines Lebens endlich Ausdruck, Sichtbarmachung, zerschmettert der Mantel des Schweigens. Niemand schien ihn zu hören, aber darum war es auch nie gegangen. Deutlich fühlte er nun das Fließen von Blut aus der frisch aufgerissenen Wunde in seinem Inneren, die seit fast zehn Jahren in ihm eiterte, schwärte und ihn schleichend vergiftete.
Es war zu spät, sie noch einmal anzurufen, deswegen tippte er stattdessen eine Nachricht:
Wenn es irgendwo in dieser Welt Heilung gibt, schrieb er, dann werden wir sie finden.

Zum ersten Mal seit Jahren schlief er wieder tief und vertrauensvoll, wie ein Kind.

Es soll Menschen geben, die in eine Familie hineingeboren werden, die ihren Bedürfnissen gut entspricht und innerhalb derer sie sich optimal entwickeln können. Eine gar nicht geringe Anzahl an Menschen jedoch sieht sich früher oder später mit dem Gefühl konfrontiert, irgendwie versehentlich „falsch abgeliefert“ worden zu sein – zumindest habe ich diese Geschichte nun mit den Jahren in unzähligen Variationen gehört – und auch im engeren Familienumfeld mehrfach (mit-)erlebt. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese „Andersgeborenen“ oft sehr unterschiedlich auf das aufkeimende Gefühl reagieren, nicht zu “passen”. In gewisser Weise lässt sich jedoch eine Art von Stufenreihenfolge herstellen, die wohl von den meisten Betroffenen – still oder auch in manchen Fällen sehr laut – durchlaufen wird.

Phase 1: Anpassung

In dieser Phase wird ein Idealbild (z.B. innerhalb einer Familie) übernommen und versucht, sich den Vorstellungen anzupassen. Je nachdem, wie gut diese Anpassung gelingt, kann sie Jahre, Jahrzehnte bis zu einem ganzen Leben aufrechterhalten werden. In dieser Phase leidet der Andersgeborene an seinem Anderssein, bemüht sich, schämt sich bei Versagen, versteckt oft nicht nur sein Anderssein sondern auch, dass es ihm Mühe kostet, den Schein des Normalen aufrechtzuerhalten. Das reale Ich, sich nackt zu zeigen, wird als sozialer Suizid wahrgenommen („niemand kann dieses wirkliche Ich lieben“), aufs Höchste gefürchtet und damit gemieden.

Beispiele dafür gibt es wohl genug: unglückliche Ehen, die aufrechterhalten werden, Söhne, die Familienunternehmen übernehmen, weil es von ihnen als Erben erwartet wird, Kinder, die Ärzte werden, weil die Eltern dies erwarten, oder auch nur eine Schule fertigmachen, um den Eltern zu gefallen, obwohl sie doch eigentlich eine Mechaniker-Lehre machen wollten.

Phase 2: Aufbruch

Irgendwann ist es dem Andersgeborenen nicht mehr möglich, den Schein der Normalität zu wahren, oft unter dem Einfluss zusätzlicher Stressfaktoren. Je nach den Reaktionen der Umwelt kann hier eine Re-Integration in die Ursprungsgruppe/-Familie stattfinden – üblicherweise sucht der Andersgeborene aus Angst, abgewiesen zu werden, jedoch selbst die Distanz, soweit es ihm möglich ist. Ein Gegenentwurf zu der „Normalität“ der Ursprungsgruppe entsteht, der jedoch oft noch ebenso starr und perfektionistisch aussehen wird. Die existentielle Not des gefühlten Ausgestoßenseins macht in dieser Phase sehr empfänglich für scheinbar stabilisierende externe Norm-Systeme: Sub-Kulturen, Sekten, extremistische Gruppierungen. Eine neue Heimat, soziale Sicherheit wird in einer neuen Gruppe gesucht, wobei die tatsächlichen Gruppennormen in der Situation der existenziellen Bedrohung in den Hintergrund treten. In dieser Phase fällt auch der klassische Hang zur Kommunenbildung – „am besten verträgt es sich doch mit Gleichgesinnten“. Die reine Beschränkung auf Gleichgesinnte führt jedoch früher oder später zu einer gewissen Ideologisierung mit einhergehenden starren Gruppennormen.

Ein mir sehr lieber Mensch hat etwa im Streit ihre Ursprungsfamilie hinter sich gelassen, um sich einer anderen Familie anzuschließen, die mehr ihrem Wesen und ihren Bedürfnissen entspricht. Mit allen Schwierigkeiten, die Gruppennormen mit sich bringen, fühlt sie sich dort trotzdem wohler als in ihrer Ursprungsfamilie, weil die Normen eher ihren Bedürfnissen entsprechen.

Phase 3: Isolation, Selbstzufriedenheit und Zynismus

Der Andersgeborene findet sich in einer Gruppe wieder, deren Normen sich von den Normen der Ursprungsgruppe unterscheiden, merkt aber mit der Zeit, dass er auch hier einem Perfektionszwang ausgesetzt ist und fängt an, sich von der Gruppe zu distanzieren. Nachdem er diese 2. Phase möglicherweise noch einige Male wiederholt hat („Vielleicht war es nicht die richtige Gruppe, Religion, …“) kommt er zu der Erkenntnis, dass es doch hauptsächlich darauf ankäme, mit sich selbst zufrieden zu sein. Er distanziert sich von allen Gruppen, die ihm Verhaltensnormen vorschreiben wollen, entwickelt dabei häufig eine gewisse Selbstzufriedenheit, ein Gefühl der Überlegenheit aufgrund seiner subjektiven Unabhängigkeit und damit einhergehend auch einen gewissen Zynismus – und versucht sich das damit einhergehende Gefühl der Einsamkeit rationell auszureden oder sich zu zerstreuen, um es nicht fühlen zu müssen.

Ich schätze, den Großteil der letzten Jahre habe ich in dieser Phase verbracht. Je nach Stimmung in einer unregelmäßigen Abfolge von gefühlter Überlegenheit bis Überheblichkeit, immer wieder unterbrochen vom Gefühl des Abgeschnitten-Seins und totaler Isolation. Wem in seinem Zynismus nichts gefährlich werden kann,  der wird auch von Liebe nur am Rande berührt. Mir ist bewusst, dass es nicht sonderlich gute Werbung für meine Person sein mag, dies öffentlich einzuräumen, und das es möglicherweise taktisch klüger wäre, dies nicht zu tun. Nur: ich bin damit gefühlt kein Einzelfall sondern eher eine (heimliche) Norm, und solange Menschen nicht ehrlich darüber sprechen können, wie sie sich selbst wahrnehmen, werden wir nicht wirklich an ein wahres Miteinander gelangen.

Phase 4: Selbstakzeptanz und Fremdakzeptanz

Der Andersgeborene hört schrittweise auf, sein Anderssein als etwas zu betrachten, das er entweder verstecken oder verteidigen muss, oder das ihn in bestimmte vordefinierte Gruppen einordnet. Er beginnt zu unterscheiden zwischen seiner allgemeingültigen Wertigkeit als Mensch mit bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten und der situationsbedingten Nützlichkeit seines Seins in bestimmten Situationen. Er beginnt zunehmend damit, herauszufinden, wie sich seine ganz speziellen Vorzüge auch für andere gewinnbringend einsetzen lassen. Gleichzeitig wird er sich fragen, welche Art von Unterstützung er braucht, um seine Schwächen als Kehrseite seiner Schwächen ausgleichen zu können. Je mehr er sich mit anderen Menschen umgibt, die sowohl sich selbst als auch andere Menschen realistisch einzuschätzen gelernt haben, desto mehr kann er sich auf ein Unterstützungsnetzwerk verlassen, das es ihm erlaubt, selbst die Grundfesten gesellschaftlicher Normen (z.B. “man muss Geld verdienen, um ‘objektiv’ wertvoll zu sein”) zu überwinden.

Vor etwas über einem Jahr habe ich eine „gute Hexe“ kennen und lieben gelernt, die wohl die größte mir bekannte Zauberkünstlerin auf dem Gebiet der bedingungslosen Liebe ist und mir mit viel Geduld und Liebe auch zu so etwas wie einer von ihr unabhängigen Selbstakzeptanz verholfen hat. Seitdem gelingt es mir immer öfter, zwischen situativen Stärken und Schwächen und meinem Wert als Mensch zu unterscheiden, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dadurch auch mit größerer innerer Ruhe zu meinem Sein mit all seinen Facetten stehen kann. Bisher konnte ich dies nur anderen zugestehen, mittlerweile klappt das auch im Großen und Ganzen ganz gut mir selbst gegenüber.

Phase 5: ?

Ich weiß nicht, ob es noch weitere Phasen gibt, doch mit meinen 27 Jahren halte ich es für vermessen, anzunehmen, bereits den ganzen Prozess durchschaut zu haben. Ebenso stellt jede Reihung von Bewältigungsstrategien natürlich eine implizite Wertung dar, und es mag sein, dass ich in 20 Jahren diese Reihung anders vornehmen würde. In dem Sinne stellt die obige Zusammenstellung nichts Anderes dar als einen Prototyp, der anderen Andersgeborenen, die sich auf dem Weg befinden, helfen soll, ihren Platz in der Welt zu finden – vor allem aber dabei zu realisieren, dass sie nicht alleine auf ihrem oft verzweifelten Weg sind. Da im Alltag kaum jemand offen über diese Prozesse spricht, passiert es rasch, sich als tragischen Einzelfall, vielleicht gar als „Verrückten“ wahrzunehmen, der seine „Schrullen“ besser wieder unterdrücken sollte. Aber im Grunde sind wir alle auf dem Weg, und die “Verrückten” vielleicht auch nur den einen kleinen Schritt weiter, der uns noch zu verstehen verwehrt ist.

Ich hatte in der Vergangenheit stets das Glück, in wichtigen Momenten Wegbegleiter um mich zu haben, die es mir in Gesprächen, als Buch und in den meisten Fällen einfach durch die Art, ihr Leben zu leben, erlaubt haben, mein Anderssein mit den Jahren nicht nur als Besonderheit, sondern auch als enormen Wert zu erfahren. So habe ich lange nicht verstanden, warum viele meiner Mitmenschen manche für mich so offensichtliche Situationen so völlig anders einschätzten als ich, oder warum ich in seltenen Momenten in einen Zustand völliger Einsamkeit und Isolation von der Welt fallen kann. Heute bin ich mir relativ sicher, dass es neben den gesellschaftlich anerkannten fünf Sinnen noch mindestens einen weiteren gibt, nämlich den emotionalen Spürsinn – der es mir einerseits ermöglicht, feinste Stimmungsnuancen im Raum wahrzunehmen, andererseits aber auch „überladen“ kann, was zu genannten Isolationserfahrungen führt. Dadurch, dass dieser Sinn kaum anerkannt ist und darüber nicht gesprochen wird, ist er auch bei vielen Menschen wohl nicht so trainiert wie etwa der Sehsinn und wird daher nicht als solcher erkannt oder mit intuitiver Körpersprachewahrnehmung erklärt (über Jahre dachte ich, ich sei einfach gut im Lesen von Körpersprache oder Mimik, bis ich feststellte, dass ich Stimmungen auch ohne Menschen zu sehen fühlen kann, in extremen Fällen sogar über mehrere Hundert Kilometer Distanz). Grundsätzlich kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass die Anlage dazu bei den meisten oder sogar allen Menschen vorhanden ist.

Eine dieser Wegbegleiterinnen, die ich ausnahmsweise an dieser Stelle auch persönlich erwähnen möchte, ist meine Stiefmutter, der ich es wohl zu verdanken habe, meiner Intuition mittlerweile mehr zu vertrauen als gesellschaftlichen Normen darüber, was existieren kann und was nicht. Über viele Jahre war sie (nach einer sehr hitzigen Ablehnungsphase meiner Familie ihr gegenüber) stets in ihrer sehr tiefsinnigen Art zur Stelle, wenn meine bisheriger rationaler Verstand aus Überforderung Erfahrungen als Einbildung brandmarken wollte. Es gab noch viele andere, die mich über die Jahre unterstützt haben, aber sie war in gewisser Weise das Epizentrum der Selbstakzeptanz für mich.

Alleine aus meiner Familiengeschichte heraus sehe ich jedoch auch, dass Menschen wie sie es sehr schwer haben, auch gesamtgesellschaftlich anerkannt zu werden. Sie werden kaum je Unmengen an Geld verdienen, obwohl ihre Dienste wertvoller anzusehen sind als pures Gold, weil es ihnen schwerfällt, formalisierte und damit oft ein Stück weit „abgetötete“ Ausbildungen durchzustehen. Es sind Menschen, die auf sich allein gestellt in einer formalen und gewinnorientierten Welt rasch als Versager scheinen und doch – mit der richtigen Unterstützung – zu den großen Weisen und Führern einer nach Menschen wie ihnen darbenden Welt werden würden. Wie diese Unterstützungssysteme aussehen könnten oder werden, weiß ich (noch) nicht, aber ich glaube, es wäre gut, sie zu haben, weil uns als Gesellschaft sonst viel Wertvolles unnötig verloren geht.

Ich habe mich lang als Andersgeborener gefühlt, als Nirgendwohin-Passer, aber mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es oft nur meine eigenen Ängste waren, die mich von der Liebe und Akzeptanz anderer ferngehalten haben, die mir geraten haben, meine Stimme nicht zu erheben, wo doch offene Ohren auf ein gut gewähltes Wort hofften.

Vielleicht kommt nach der Phase der Selbstakzeptanz auch jene der Dankbarkeit. Nämlich jener, genau dort hineingeboren zu werden, wo das eigene Leben seinen Anfang und seinen Weg nahm, der mich zu dem Tisch führte, an dem ich heute sitze und diese Zeilen schreibe. Und wenn ich dann meine Lebensgeschichte mit jener anderer Menschen vergleiche, jener, die „richtig abgeliefert“ wurden, kann ich es nur als einen Glücksfall erkennen, ein Andersgeborener zu sein. Denn so schwierig es war, ist und wohl weiter sein wird, so immens reich macht es mich auch.

Niklas

P.S.: An dieser Stelle noch ein Lob einem ganz besonderen Andersgeborenen, der in den letzten Wochen leider von dieser Welt gegangen ist und dem ich sehr viel verdanke. Er ist wohl einer der wenigen Menschen, die ich kenne, dem ich es glaube, wenn mir erzählt wird, er sei in Frieden gegangen. Danke, Romeo – ich werde deine Fackel weitertragen.

Abends, gegen neun, an der Donaulände, mit den Fingern über die Saiten streichelnd, sanfte Schwingungen in die windstille Luft zaubernd. Würde ich ihn abweisen, ihn, der mich – etwas schüchtern – bittet, sich zu mir setzen zu dürfen, nichts mehr von mir und meinesgleichen erwartend? Ob ich denn etwas gegen Syrer habe, fragt er, einen Rest Körperspannung aufrechterhaltend, gerade genug, sich im Notfall rasch außer Reichweite zu bringen, sich dann erleichtert neben mir niederlassend, als ich verneine und ihn verwundert ansehe. Schlechte Erfahrungen graben tiefe Gräben. Lehren Misstrauen.

Er beginnt zu erzählen, immer wieder unterbrochen durch die bange Frage, ob er mich belästigen würde, um dann erleichtert fortzufahren. Erzählt von seiner Familie, seinem Sohn, den Prüfungen Allahs in diesem ihm so fremden Land, die ihm das Herz schwer werden lassen. Den letzten Rest des Geldes habe er zusammengekratzt, um irgendwie hier anzukommen – nun muss er tagtäglich darum kämpfen, die siebzehn Euro für die Übernachtung in Traun zusammenzukratzen. Er hofft auf eine Arbeit, irgendeine Art von Arbeit, putzen, kochen, egal. Fürchtet, die siebzehn Euro eines Tages nicht zusammenzubringen. Die Unterkunft bietet ohnehin kaum mehr als einen Unterschlupf: kein Strom, immerhin jedoch fließendes Wasser. Ohne Unterkunft ist es schwer, Körperhygiene aufrechtzuerhalten, und ohne Hygiene kein Job. Ohne die Aussicht auf einen Job keine Hoffnung.

Immer wieder kontrolliert er auf seinem Smartphone die Uhrzeit, bittet mich um eine Kontrollmessung. Ab 21:00 darf er sein Fasten brechen, die Überreste der Mahlzeit eines freundlichen Herrn, der sie ihm vor einigen Stunden überlassen hat, essen. Es sind nur wenige Bissen und er ist ein kräftiger junger Mann, trotzdem bietet er mir an, mit ihm zu speisen. Ich nehme nach einigem höflichen Hin- und Her ein Stück Ente und lasse ihm den Rest, möchte nicht, dass er an seiner Großherzigkeit verhungert. Unangenehm drängt sich die Erkenntnis auf, dass ich ungleich ihm jederzeit nach Hause gehen kann, wo ein voller Kühlschrank, ein warmes Bett und freundliche Menschen auf mich warten. Trotz der unübersehbaren Unterschiede unserer Lebenssituationen bewahrt er ein erstaunliches Ausmaß von Würde. Für einige wenige Stunden verblasst die materielle Wirklichkeit, und wir begegnen uns in einer Tiefe, wie sie nur im Vergänglichen erfahrbar wird.

Er sei enttäuscht von der Gesellschaft hier, erzählt er. In seiner Heimat werde niemand, der an die Tür einer Moschee klopft und hungrig um Hilfe bittet, abgewiesen. Hier in Linz hat er im Umkreis von einem Kilometer an sechs Kirchen geklopft – in manchen Fällen blieben die Türen verschlossen, in anderen wurde er beschimpft, er solle sich wegscheren. Man muss nicht Deutsch können, um Abneigung zu verstehen. Ich erzähle ihm, die Kirchen hier in Linz seien schon etwas älter, stammen aus anderen Zeiten. Sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er bereits Ähnliches vermutet hat. Das Gesetz der Gastfreundschaft seiner Heimat wurde hier längst privatisiert, auf den jeweils anderen projiziert, bis es von der Regel zur Ausnahme einer neuen Regel der Selbstbezogenheit wurde. Doch im Grunde, so führt er weiter aus, brauche er die Gesellschaft und ihre „Segnungen“ auch gar nicht. Ein Stück Land, auf dem er in Frieden mit seiner Familie wohnen und es bebauen könne, das wäre sein Traum.

Dafür jedoch brauche er als ersten Schritt die 18 Euro für ein Zugticket nach Wien, die er sich stückweise jeden Tag zusammensparen will. Dort in Wien wohnt ein weiterer Syrer, ein Jugendfreund, der sich mit einem Kebabladen selbstständig gemacht habe. Dort könne er sicherlich arbeiten, im Notfall schwarz, da er keine Dokumente bei sich hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass diese Art von Abhängigkeitsverhältnis für ihn gefährlich werden könnte, aber er winkt ab, es sei ein Jugendfreund, in Syrien sei das anders. Ich sehe, dass es möglicherweise die letzte Hoffnung ist, an die er sich klammert. Ich gebe ihm das Geld für die Zugfahrt, spürend, dass es ihn Überwindung kosten wird zu fahren, die letzte Hoffnung einem Realitätscheck zu unterziehen.

Es ist kühl geworden, und dämmrig, er macht sich auf, den letzten Zug nach Traun zu erwischen. Ich schenke ihm meine Jacke, die ich vor Jahren auf Reisen gekauft habe und die mich seither begleitet hat. Mir wird nicht kalt werden, und ich möchte, dass er die Wärme unserer Begegnung weiter spüren kann. Sie soll sein Herz wärmen, wenn die Umgebung es nicht vermag. Er mag naiv sein, aber er wirkt mir wie ein herzensguter Mensch. Er erklärt mir eine islamische Verabschiedungsformel, wir umarmen uns, und er geht aus meinem Leben.

Mein rationaler Verstand weiß, dass es eine Grenze des Möglichen gibt, und dass diese Grenze gewahrt werden muss. Doch wenn wir einem Menschen tatsächlich als Menschen begegnen… Ich ahne, warum wir zu unserem eigenen Schutz versuchen, Menschen wie ihn bereits an fernen Grenzen aufzuhalten, sie gesichtslose Nummern bleiben zu lassen. Und doch… hat die Begegnung Spuren hinterlassen, hat berührt, hat beschenkt, hat einen Namen und ein Gesicht.

Assalam Alaikum, Daniel.

Immer wieder in meinem Leben komme ich an den Punkt, dass ich feststelle (oder mir von anderen Menschen rückgemeldet wird), dass ich offensichtlich in manchen Bereichen sehr extreme Charakterzüge oder Verhaltensweisen besitze. Beispielsweise bin ich außerordentlich gut darin, in Systemen zu denken, was sich unter anderem auch in einer sehr ausgeprägten Emphatiefähigkeit für soziale Systeme wie Institutionen, Familien, Beziehungen bis hin zu ganzen Gesellschaften äußert. Oft, wenn mir jemand sein Leid in solchen (Beziehungs-)Strukturen klagt, finde ich rasch effektive Lösungsmöglichkeiten. Interessanterweise versagt dieselbe Fähigkeit teilweise völlig, sobald ich selbst von einer Situation so betroffen bin, dass ich derjenige sein müsste, der zu handeln hätte. Während ich anderen gegenüber eine sehr emphatische Haltung einnehmen kann und ihre „Schwächen“ so umzudeuten vermag, dass sie sich gestärkt fühlen, kann ich das für mich selbst nur selten. Während ich in guten Phasen durchaus auch stolz auf meine Fähigkeiten sein kann, gelingt mir das in niedergeschlageneren Phasen nur sehr eingeschränkt, was zu oft extremen Selbstverurteilungen führt.

Ein weiteres Beispiel, das mir wiederholt auffiel, ist meine Unfähigkeit, mir momentane emotionale Zustände später auch als Gefühl wieder zu vergegenwärtigen. Wenn ich mit jemandem einen Streit habe, kann ich mich eine Woche später zwar auf logischer Ebene daran erinnern, aber mir fehlt dazu das negative Gefühl, und es fällt mir sehr schwer, die Wut und den Ärger dann weiter aufrechtzuerhalten. Das ist in den meisten Fällen eine sehr angenehme Eigenschaft und wird als Fähigkeit, zu verzeihen, interpretiert, aber in den wenigen Situationen, in denen mir Menschen tatsächlich Schaden zufügen, muss ich aktiv Energie aufwenden, um ihnen nicht ständig wieder alles verziehen zu haben und mich wieder mit ihnen zu treffen, als ob nie etwas Schlimmes passiert wäre. Eine weitere oft problematischere Auswirkung davon (zumindest aus meiner Sicht betrachtet, die meisten meiner Freunde haben sich wohl schon daran gewöhnt) ist es auch, dass es mir dadurch schwer fällt, mich an positive Verbundenheit mit Menschen, die ich gerne habe, zu erinnern. Ich weiß zwar auf logischer Ebene, dass ich eine Familie und Freunde habe, die mich unterstützen, wenn ich sie brauche, und wenn ich sie treffe, fühle ich eine tiefe Verbundenheit mit ihnen. Aber wenn ich dann beispielsweise alleine in meiner Wohnung bin und nicht weiter weiß, fühle ich die Verbundenheit, die so nötig wäre, dann nicht. Ich kann sie mir zwar mit Logik ein Stück weit zurückholen, aber das ist natürlich nicht dasselbe.

Vor einigen Tagen, als mir diese ganzen Prozesse wieder einmal in ihrer ganzen Auswirkungen bewusst geworden sind und ich gemerkt habe, wie sehr ich auch unter ihnen leiden kann, hat mir meine Freundin einige schöne Worte gesagt – sinngemäß ein „genau dafür mag ich dich“. Und hat mir erklärt, was ich ohnehin eigentlich weiß und anderen in meiner Situation gerne als Rat weitergebe, aber für mich selbst nicht leisten kann: alles, was Menschen zu den Menschen macht, die sie sind, kann je nach Situation positiv wie negativ sein. Und sie hat natürlich Recht. In gewisser Weise sind wir Menschen ja alle schon alleine deswegen unvollkommen, weil jede starke Charakterausprägung uns immer sowohl Vor- als auch Nachteile verschafft. Das macht uns ja einzigartig. Und trotzdem gibt es in mir offensichtlich einen Bewertungsprozess, der mich dafür verurteilt, nicht nur in jeder Situation positive Charakter-Eigenschaften zu haben.

Flexibles und starres Verhalten

Ich glaube, um diesen Bewertungsprozess zu verstehen, muss ich zuerst einmal einen anderen Gedanken ausführen – den des flexiblen Charakters oder des flexiblen Verhaltens. Es gibt ja möglicherweise zu einer jeden Situation eine Art von „perfekter Reaktion“, die ein 100%iges Verstehen darstellen würde. Wenn ich jetzt auf einen Impuls von außen, z.B. „Freund weint“ immer mit derselben Reaktion, z.B. „Kopf streicheln“ reagieren würde, so sorgt das zwar für eine gewisse Berechenbarkeit, aber wird ihm nicht immer hilfreich sein. Wenn ich immer vorhersehbar und gleich reagiere, kann jemand, der genau diese Reaktion braucht, in solchen Situationen zu mir kommen. Es gibt ja zum Beispiel Menschen, die versuchen, immer alles optimistisch zu sehen. Das kann in vielen Situationen hilfreich sein, aber manchmal auch dazu führen, dass sich jemand mit einer Problematik nicht verstanden oder alleingelassen fühlt. Und hier kommt dann das ins Spiel, was ich in Ermangelung eines sinnvollen anderen Begriffs „flexibles Verhalten“ nennen würde, nämlich eine (bewusste oder unbewusste) Auswahl aus verschiedenen möglichen Reaktionen basierend auf dem, was man für richtig hält.

Weil dieses flexible Verhalten üblicherweise in den meisten Fällen hilfreicher sein wird als ein starres Verhaltensmuster, ist es mir ein Anliegen, da möglichst viel zu lernen. Offensichtlich existiert aber in meinem Kopf ein Anteil, der da einen absoluten Bewertungsmaßstab anlegt und von mir absolute Flexibilität und perfekte Reaktionen auf Anforderungen meiner Umwelt verlangt, was wohl schwer bis unmöglich zu erreichen ist. Es ist interessant, wie dieser Anteil in mir es immer wieder fertigbringt, mir faktisch unmöglich zu erreichende Ziele als „Mindestanforderung“, um geliebt oder auch nur akzeptiert zu werden, zu verkaufen.

Intuition oder Methodik?

Nun kommen wir langsam auch ein Stück weit zurück zum Thema Pädagogik oder auch zur Therapie und vielen weiteren Disziplinen. Ein Lehrer ist für seinen Schüler nicht sonderlich hilfreich, wenn er ihm völlig unabhängig von der Situation immer sagt, der Schüler solle doch als Hausübung einen Aufsatz von 100 Wörtern schreiben, genauso wenig wie ein Therapeut hilfreich sein wird, der unabhängig von der Situation dem Patienten immer sagt, er solle doch mal weinen, das helfe immer. Der Lehrer wie der Therapeut wird aus einer Fülle an möglichen Verhaltensweisen die auswählen, die er für am geeignetsten hält, in der speziellen Situation und mit dem speziellen Menschen vor ihm hilfreich zu sein.

Weil es irgendwie auch zum Thema passt und gestern in einem Gespräch aufkam: ich glaube, es macht einen ziemlichen Unterschied, ob ich diese Entscheidungen bewusst, d.h. rational nach bestimmten Kriterien treffe, oder intuitiv/unbewusst. Es gibt dabei jedoch wohl sogar zwei Möglichkeiten des Intuitiven. Einerseits gibt es das intuitive Erspüren der Bedürfnisse des Anderen, aber dieses intuitive Erspüren basiert auf den bisherigen Erfahrungen. Sowohl in der Pädagogik wie auch in der Therapie gibt es eine Unzahl an Methoden, die zum Teil als der Intuition überlegen angesehen werden, doch ich glaube, diese Unterscheidung ist unsinnig. Sinnvoller wäre es, die Erfahrungen, die den Methoden zugrunde liegen, in seinen Erfahrungsschatz zu integrieren, um dann mit diesem vergrößerten Erfahrungsschatz wieder intuitiv arbeiten zu können. Dazu kann es manchmal hilfreich sein, Methoden bewusst auszuprobieren und sich an Raster und Konzepte zu halten, weil einzelne Methoden immer auch die Aufmerksamkeit anders bündeln.

Problematisch wird es wohl dann, wenn die Nützung der Methoden zu einer gewissen Starrheit führt. Gestern diskutierten einige Studenten der Theatertherapie beispielsweise darüber, was es bedeute, wenn ein Patient in der Therapie die Hand des Therapeuten berühren will, und ein Konsens schien zu sein, dass dies eine Grenzüberschreitung und Rollenvermischung und damit abzulehnen sei. Dass darin eine gewisse Gefahr zu sehen ist, kann ich nachvollziehen, aber mit dieser Gefahr ist auch ein gewisses positives Potential verbunden. Strikt auf dieser Regel zu beharren, würde demnach eine gewisse Starrheit im Verhalten des Therapeuten nach sich ziehen und ihm damit möglicherweise die Möglichkeit verwehren, seinem Patienten wirklich zu helfen. Dass natürlich hinter dieser „Methode“ oder Grundregel einige sehr wichtige Überlegungen stecken werden, ist mir klar. Aber wirklich hilfreich wird es wohl sein, die Erfahrung, die zu dieser Regel geführt hat, nachzuvollziehen, um dann aus einem größeren Erfahrungsschatz heraus wieder intuitiv arbeiten zu können.

Entwicklung des Charakters

Systemisch betrachtet ist das eigene Verhalten für sich betrachtet ja selten problematisch. Eine Problematik kommt meist erst dann dazu, wenn sich ein Mensch innerhalb eines sozialen Systems befindet, das daran Anstoß nimmt. So kann beispielsweise ein Kind innerhalb seiner Ursprungsfamilie völlig ausgeglichen und harmlos sein, weil es sich in einem System mit anderen Menschen befindet, das sein Verhalten durch ihr Verhalten ausgleicht. Das selbe Kind kann in anderen Settings (etwa im Kindergarten, in der Schule, mit neuen Freunden, …) völlig anecken, weil a) das Umfeld noch keine Verhaltensweisen erlernt hat, mit seinem Verhalten konstruktiv umzugehen und b) es selbst noch eine Verhaltensweisen erlernt hat, mit dem Verhalten der Umwelt konstruktiv umzugehen.

Ein Kind lernt in den meisten Fällen wohl relativ rasch, dass bestimmte Verhaltensweisen in manchem Umfeld erwünschter sind als andere, und wird damit wählen, aus einem Bündel an möglichen Verhaltensweisen dann diejenigen auszuwählen, die für die Situation als „passend“ erscheinen. Ein Stück weit und durchaus positiv betrachtet sind wir damit alle Schauspieler, die immer nur einen Ausschnitt unseres ganzen Charakters zeigen. Je mehr Vertrauen wir in unser Umfeld haben, desto mehr eröffnen wir ihnen dann weitere Charakterzüge. Ich glaube, ein grundsätzlicher Prozess lässt sich dabei herausfiltern: ein Kind wächst in seiner Ursprungsfamilie auf, was eine sehr spezielle Ausprägung des Charakters hervorruft – eben jene, die in dieser Familie Sinn macht (“ursprüngliche Ausprägung”). Irgendwann wird es dann (z.B. durch Kindergarten, Schule, Arbeitswelt) eine Art “verallgemeinertes” Verhaltensmuster erlernen, das der Standard-Modus wird (“angepasste Ausprägung”). Mit der Zeit wird das Kind aber auch die Erfahrung machen, dass es verschiedene Aspekte seines Charakters in verschiedenen sozialen Beziehungen und Systemen ausleben und damit je nach Umfeld unterschiedliche Rollen spielen kann (“differenzierte Ausprägung”).

Problematisch wird es auch dann, wenn Kinder (oder auch Erwachsene) mit Verhalten konfrontiert werden, das sie in keinem Umfeld selbst nachspüren und ausleben können. Was macht etwa ein neunjähriges Kind, das zufällig auf offener Straße eine Vergewaltigung mitbekommen hat, dem die Begriffe dafür noch völlig fehlen? In irgendeiner Weise wird es Räume suchen, dies zu verarbeiten. Mit Glück findet es verständnisvolle Erwachsene, die es anleiten, diese Verarbeitung in nicht-destruktiver Art zu vollziehen – im Regelfall wird es bei vielen Erwachsenen jedoch auf wenig Verständnis stoßen, eher im Sinne von „das darfst du ja noch gar nicht sehen“ oder „das kommt erst nächstes Jahr laut Lehrplan“ oder wie auch immer. Nur: diese unverarbeiteten Erlebnisse bahnen sich ihren Weg – entweder blockieren sie geistige Energie, schaffen Albträume usw., entladen sich in entsprechenden Aktionen nach außen, etwa indem Situationen „nachgespielt“ werden, oder wandern tief ins Innere, um dann in unregelmäßigen Abständen für Probleme zu sorgen. Dann landen wir rasch bei den sogenannten “Schatten”, den verdrängten Anteilen im Menschen.

Intuition, Methode, Intuition

In dem eingangs erwähnten Gespräch habe ich mich auch wieder daran erinnert, dass ich vor einigen Jahren eine Phase hatte, in der ich mich für alle Menschen interessiert habe, weil ich eines jeden Geschichte interessant fand und für erzählenswert hielt. Es war eine Zeit, in der ich viele Stunden damit verbrachte, mit fremden Menschen zu sprechen und mich an ihrer Vielfalt zu erfreuen. Heute merke ich, dass ich das nur noch selten mit erwachsenen Menschen kann und manchmal – ohne es bewusst zu wollen – auf andere Menschen irgendwie herabsehe. Es ist, als hätte ich meine „Mindeststandards“, ohne es selbst wirklich zu merken, deutlich angehoben, und zwar so weit, dass ich sie selbst oft gar nicht mehr erfüllen kann. Die Sache ist nur die, dass sich Menschen auch ein Stück weit daran anpassen, wie man ihnen entgegentritt. Früher war ich überrascht, wie viele interessante Menschen ich in Fremden gefunden habe, heute bin ich manchmal überrascht, wie langweilig die meisten Menschen aussehen und ihr Leben dahinzuleben scheinen. Und fast glaube ich dann wirklich, dass es auch so ist.

In Wahrheit aber dürfte es sich um eine bequeme Ausrede handeln, die sich mein kreativer Kopf dafür zurechtgelegt hat, keine Menschen mehr ansprechen zu müssen. Gibt ja nichts zu sehen, warum also hinschauen? Ich glaube, ein Stück weit geht es auch um ein recht tiefsitzendes psychologisches Phänomen bei mir: es ist leicht, sich aus einer Position der Stärke heraus anderen zu öffnen. Wenn man sich dann mal nicht so gut, nicht so gehalten fühlt, könnten das ja auch andere sehen, und das geht ja gar nicht. Eine wirkliche Öffnung funktioniert nur in beide Richtungen. Das, was ich vor Jahren gut konnte, war nur Methode, war mehr krampfhaftes Ansprechen fremder Menschen, um mir selbst zu beweisen, dass ich es ja doch kann, dass ich auch in diesem Bereich gut bin, weil man ja überall und immer gut und besser sein muss, um überhaupt geliebt werden zu können. Oder zumindest habe ich das wohl tatsächlich geglaubt, und selbst meine doch sehr ausgeprägte Logik hat mir dagegen nichts genützt.

In gewissem Sinne habe ich vor dieser Phase für mich festgestellt, dass ich vom Grundcharakter her so introvertiert bin, dass es mir im Wege steht, und meine Intuition mir dementsprechend rät, Menschen und tieferen Verbindungen eher aus dem Weg zu gehen. Als mir das mit ungefähr 14, 15 Jahren bewusst geworden war, habe ich versucht, das über die Methode des „Ich spreche jeden an, weil alle sind ja interessant“ zu verändern, und ein Stück weit hat es ja auch geklappt. Nur war das dann mit der Integrierung in eine neue, erfahrenere Intuition irgendwie nicht so erfolgreich, weil meine Intuition mir immer noch in den meisten Fällen rät, Menschen nicht anzusprechen, obwohl es wahrscheinlich nach wie vor viele interessante Gesprächspartner gibt. Manchmal jedoch, vor allem wenn die Sonne scheint und ich mich im Grunde gut und wohl fühle, geht es mittlerweile auch von selbst, und das freut mich noch viel mehr als all das bemühte Ich-muss-das-jetzt-schaffen, dass ich früher an mir hatte. Ein großer Erfolg, vielleicht noch ein größerer, als seinen Charakter zu verändern, ist es ja, seinen bestehenden Charakter zu erweitern – ihn einerseits als solchen akzeptieren zu können, ihm aber weitere Möglichkeiten zur Hand zu geben, auf verschiedenste Situationen zu reagieren – ansonsten besteht ja auch die Gefahr von voneinander relativ unabhängigen “Doppelleben”, wie etwa des betrunkenen Hannes und des nüchternen Hannes, die sehr unterschiedliche Charakterzüge nur in dem jeweiligen Zustand ausleben “dürfen”.

Vielleicht bin ich im Grunde auch einfach ein introvertierterer Mensch, der damit auch andere Qualitäten mitbringt, die extrovertiertere nicht so haben. Ich kann zum Beispiel ziemlich gut zuhören. Es ist oft schwer, die Anteile in mir zu übertönen, die mich dafür manchmal hassen wollen, dass ich bin, wie ich bin. Aber je tiefer ich in meinen Gesprächen zu anderen Menschen komme und je mehr ich ihnen zuhöre, desto mehr erkenne ich, dass ich auch damit nicht alleine bin in dieser Welt. Diese Anteile haben wir wohl alle in uns, nur sind vielleicht nicht alle auch so aufmerksam, sie zu hören und ihr eigenes Verhalten auch als Folge jener Anteile zu reflektieren. In dem Sinne bin ich dann wieder froh, zu sein, wer ich bin, und die Menschen um mich zu haben, die ich um mich habe.

Danke an euch alle.

Niklas

Jetzt sitzen wir also da, wir zwei. Auf dieser dämlichen Stiege, während immer wieder einige Besoffene an uns vorbeitorkeln und mehr oder weniger erfolgreich ihren Weg gehen. Du sitzt hinter mir. Hältst mich. Weißt, spürst wohl, was gleich passieren wird. Geh weg. Wenn du es weißt, dann geh doch weg hier. Es gibt hier nichts zu sehen.

Natürlich, du bleibst. War ja irgendwie klar. Ich will dir sagen, dass du gehen sollst, will dir sagen, dass du verschwinden sollst. Komm später wieder. Wenn es vorbei ist. Wenn ich wieder ich bin. Aber natürlich ist es bereits zu spät. Verdammt, ich seh fast nichts mehr. Blöde Tränen. Natürlich fängt jetzt auch noch meine Nase an zu laufen, so dass ich kaum noch ein Wort rausbringe. Und natürlich hast du ein Taschentuch für mich. Schaust mich mit diesem Blick an, der so unerträglich für mich ist, weil er sagt: Es ist ok. Aber es ist eben nicht ok. Ich bin nicht ok. Versteh das endlich. Verschwende deine Zeit nicht mit mir. Nicht mit diesem ich. Komm später wieder.

Nun ist der Moment also da, und ich bin ihm wehrlos ausgeliefert. Bin dir wehrlos ausgeliefert. Etwas in mir unternimmt einen letzten Versuch, aufzustehen, sich wegzureißen, aber die Knie knicken mir weg, und ich plumpse halb auf dich drauf, halb in dich rein, in deine Arme, in deinen Schutz. Du willst mich schützen vor dem, was gleich kommt, dabei weißt du nicht, dass du es bist, die Schutz braucht. Das, was gleich kommt, kann niemand ertragen. Du denkst, du hast schon viel gesehen, hast schon viele Lasten getragen. Diese Wut. Es ist diese entsetzliche Wut, diese Raserei, die dich in wenigen Augenblicken zerfetzen wird wie Papier. Du kennst sie nicht. Gleich wird sie kommen. Warte nicht. Schau mich nicht so liebevoll an. Lüg nicht. Den Blick kenn ich doch. Den, der sagt: es ist gut. Aber nichts ist gut. Lüg mich nicht an.

Und dann kommt sie, meine Wut – und geht einfach wieder. Verraucht, verpufft, verschwindet. Als wäre sie nur eine Rauchbombe gewesen. Und als der Nebel sich lichtet, bleiben nur wir. Du lebst noch. Ich auch. Da laufen immer noch Besoffene an uns vorbei.

Weißt du, sage ich zu dir, ich glaube, eigentlich fühl ich mich ziemlich einsam. Ich will noch mehr sagen, aber plötzlich überkommt mich reines Gefühl, und ich kann nicht mehr sprechen. Jetzt ist da ein Loch, wo mal eine Mauer war, und sie sieht da rein. Da, wo die Schatten sind. Und immer noch läuft sie nicht weg.

Hey, den da kenn ich!, flüstert sie lächelnd, und zeigt auf den allerältesten Schatten in meinem Herzen. Das ist doch die Einsamkeit, oder? Und die Einsamkeit steckt ihren Kopf raus aus dem Loch und sagt ihr höflich Guten Tag. Das macht man schließlich so, wenn man einsam ist und bleiben will. Immer schön höflich sein zu anderen, die Etikette wahren. Guten Tag!, ruft nun auch aus ihrem Herzen ein Schatten, der mir bekannt vorkommt. Auch da ist wohl irgendwo ein Loch hineingeraten. Verrückte Welt! Weiß sie denn nicht, wie gefährlich das sein kann?

Weißt du noch, als ich dir damals gesagt habe, ich würd dich manchmal gern über meine Schulter werfen, in meine Höhle tragen und nie wieder loslassen?, sage ich. Ja, meint sie, schöne Vorstellung. Weißt du, ich hab versucht, das lustig zu sagen, damit du darüber lachst. Weils natürlich Quatsch ist. Du willst ja frei sein, so wie jeder andere auch, sage ich zu ihr, und sie meint nur: Ne schöne Vorstellung ist es trotzdem.

Während wir so miteinander reden, feiern unsere Schatten ein Fest miteinander, und die eine Einsamkeit in uns stellt fest, dass sie eigentlich ganz gut mit der anderen zusammenpasst. Dass es doof klingt, sich trotzdem Einsamkeit zu nennen, und dass sie jetzt lieber Herr und Frau Zweisamkeit gerufen werden wollen. Dass sie sich so gerne und häufig sehen wollen, dass es ziemlich impraktikabel erscheint, die Löcher in den Mauern wieder zuzumauern, weswegen die eben gleich offen bleiben. Das ist eigentlich gar nicht so unpraktisch auch für die anderen Schatten in uns, die so nun auch mal ans Licht kommen können.

Ich weiß nicht, wie lange wir nun schon auf dieser seltsamen Stiege sitzen. Da laufen immer noch Besoffene vorbei, machen immer noch dieselben unlustigen Witze im Vorbeigehen. Weißt du, ich glaube, ich brauch dich irgendwie, sage ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit zu ihr. Aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm so. Vielleicht kann man auch mal jemanden brauchen. Vielleicht darf man das ja wirklich. Ich sehe ihr in die Augen, suche, finde eine Antwort, die Wunden in mir heilt, von deren Existenz ich bislang nicht einmal ahnte. Du darfst hoffen.

Und natürlich habe ich Angst. Ich hab ja schon viel zu oft vergeblich gehofft. Aber vielleicht – und nur vielleicht – kann Freiheit in dieser Welt doch mehr bedeuten als Einsamkeit. Mit der Hoffnung kommt die Erinnerung zurück: an Leidenschaft, an Verzehren, an Liebe. Du darfst hoffen, hat sie mir gesagt, und mir in ihrer eigenen Hoffnung den Weg gewiesen.

Da laufen immer noch Besoffene vorbei, ziellos in ihren einsamen Steigerungen. Aber für uns gibt es nun Hoffnung. Wir stehen auf, gehen nach Hause. Ja, es gibt nun ein Zuhause für uns. Ich weiß noch gar nicht so genau, was das eigentlich ist, ein Zuhause. Aber ich glaube, es kann sich schön anfühlen. Wo der Glaube doch versagt, gibt sie mir Hoffnung. Wo auch die Hoffnung versagt, da ist sie trotzdem noch da. Und das ist irgendwie die allerschönste Hoffnung von allen.

Dies ist der zweite Teil eines Textes, den ich für den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte. Ein Hinweis für die Hetze-Jäger, die das Internet mittlerweile unsicher machen: in diesem Text versetze ich mich in die Rolle eines Agitators mit der Persönlichkeits-Struktur, die ich im ersten Text beschreibe. Er gibt nicht meine Vorstellung einer besseren Welt wider. Es ist erschreckend, wie einfach es ist, solche Hetze zu schreiben, denn Vorbilder findet man auch in der aktuellen Politik genug. Etwa, dass es sich mittlerweile fast quer über die Parteienlandschaft etabliert hat, Migranten als “problematisch” zu bezeichnen (ob als kriminell oder als Kostenfaktor), bevor sie überhaupt irgendetwas angestellt haben. Plötzlich müssen sie beweisen, dass sie konstruktive Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sein werden. Und selbst die, die sich positiv hervorheben, ändern nichts an dem unterschwelligen Gefühl. Einer der Grundsätze der Rechtssprechung, der uns vom Stalinismus und Hitlerdeutschland unterscheidet, ist nicht nur gefährdet, sondern zumindest für bestimmte Gruppen offensichtlich bereits weitgehend abgeschafft: Auf Wiedersehen, Unschuldsvermutung.

Die haben geglaubt, gehofft, es sind ja doch nur ein paar Wahnsinnige – aber sie haben sich geirrt, meine Freunde! Wir sind bei über 30%! Denn es geht nicht darum, wer Recht hat, wer Recht gebrochen hat, und wer es wieder zusammenflicken soll. Es geht ums gute, rechte Gefühl! Ums hoffnungsvolle Gefühl, dass unsere Wahrheit sich gegen die Lügen der Mächtigen am Ende doch durchsetzen wird. Wir bringen Bewegung ins Land!

Als erstes nehmen wir uns der Schmarotzer an, die unserem Volk das Blut aussaugen: die Ausländer! Diese waren uns ja immer schon verdächtig – und zu Recht! Unsere lustigen Gutmenschen da meinen dann immer, de sind ja gar ned so schlimm. Die sind ja gar ned alle kriminell. Aber geht’s darum? Nein! Es geht ums Gefühl! Ist ja wurscht, ob die jetzt schon was angestellt haben. De sind trotzdem alle kriminell in Wahrheit. Das werden wir denen schon noch nachweisen.

Des Problem war ja bisher immer, dass de Mächtigen das verhindert haben. Die haben ja immer verhindert, dass das einfache Volk autonom denkt und wird. Und die, die des ändern wollten, so wie zum Beispiel da Nikolaus Tesla mit seiner Energiemaschine, de habns glei moi umbracht. So is des nämlich, de Mächtigen biegen sich de Wahrheit schon a bisserl hin wies de brauchen. (Spöttisch) Na, den haben mir ned umbracht den Tesla. Der is vo selber gstorbn. Ja sicher! Und was war mim Hitler damals? Is der a vo selber gstorbn, vo eigener Hand wahrscheinlich a nu, wollns uns das erzählen? (Bestimmt) Der hat was fürd Wirtschaft tan der Mann, des war halt nu a Visionär seiner Zeit. Hat a bisserl mehr Straßen baut wie da Pühringer heute. Der hat international gedacht! In Infrastruktur investiert! Hat auf Tausend Jahr ind Zukunft bauen wollen und ned nur bis zur nächsten Wahl!

Des mid de Wahlen is ja gefühlt sowieso a Topfn. De schachern si de Posten zu, dass a Graus is, und wos habn wir Wähler davon? Nix! De könnma eigentlich glei abschaffen a. Spar ma si de ganzen Posten vo Bundesrat bis Parlament, de sitzen jo eh nur da und lesen Zeitung. Zeitung lesen! Als wenns damit das Volk weiterbringen würden! Habns mal de Sendung Parlament auf ORF 2 gseng? Nein? Habns nix verpasst!

Aber jetzt wird sowieso olles anders. Wir gehen nach Fähigkeiten. Die meisten Frauen haben halt eher die Fähigkeit zum Kochen vom Herrn mitbekommen, und putzen könnens a ganz gut, die Damen. Zumindest besser wie die Männer, und irgendwer muss das ja machen. Dann iss ja deppert, wenn das derjenige macht, der das nicht so gut kann! Das ist angewandte Wirtschaftskompetenz, meine Damen und Herren! Und die richtigen Männer brauchen wir bald wieder für ganz andere Aufgaben. Sie wissen schon.(Verschwörerisches Zwinkern ins Publikum) Die Mächtigen wollen uns was erzählen von Rechtsstaatlichkeit, obwohls doch in Wahrheit a völliger linker Haufen ist! Da stimmt doch etwas nicht! Da muss ein Mann mit echtem Rechts-Bewusstsein doch aufstehen und sagen: Ich glaube, da muss sich etwas ändern! Ich sage euch heute: da wird sich auch etwas ändern!

Die wollen uns weißmachen, dass es keine Probleme gibt in diesem Land, dass alles friedlich ist. Dass es der Wirtschaft gut geht, oder zumindest besser als sonstwo, und damit uns allen. Aber könnt ihr das auch fühlen? Nein! Sind es Stümper, die uns führen? (Verächtlich) Haben sie vielleicht einfach Pech gehabt in ihren Entscheidungen? Nein! Alle habens studiert! Auf Steuerkosten! Haben wir zahlt! Sie halten sich für schlau. Aber wir haben sie durchschaut! Wir befinden uns längst im dritten Weltkrieg. Geführt mit den Waffen der kulturellen wie finanziellen Unterwanderung! Aber wir sind wir, nicht ihr, und wir wollen wir bleiben! Und deswegen, all ihr anderen: schleichts euch ham!

Und wenn diese ganzen Ausländer an unsere Grenzen klopfen, wir werden ihnen von unseren stabilen Mauern deutschstämmiger Handwerkskunst aus zusehen. Wir werden auf sie runterspucken können, auf diese Unterwanderer, damits auch gleich sehen, wer auch menschlich über ihnen steht. Und wenn wir sie innerhalb unserer Grenzen vorfinden: wir werden sie verhaften müssen, wenns so deppert sind, si reinzuschleichen statt raus. Ned Deutsch glernt, kein Integrationswille. Da siagt mas wieder! Abschieben in ihre Heimat wollten wir sie ursprünglich nur, human wollten wir sein. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten! Aber die Mächtigen wollen es nicht! Also gut, werden wir Lager bauen müssen, um sie unterzubringen. Hat sich ja auch früher schon bewährt. Da werden die Mächtigen schön schauen, wie schnell da die Asylströme versiegen werden, wenn erst die rechten Maßnahmen getroffen werden!

(Zum Publikum) Der freundliche Herr in der ersten Reihe, wie heißen Sie? Der gibt mir irgendwie auch ein schlechtes Gefühl. Der gefährdet uns die Volksgesundheit mit seinem schlechten Gefühl! Wahrscheinlich fühlt er sich auch noch unschuldig, der feine Herr! Kommen Sie, was haben Sie angestellt? Na, irgendwas müssen Sie schon angestellt haben – woher sonst kommt denn mein Gefühl? Können Sie Ihre Unschuld beweisen? Nein? Sehen Sie! (wendet sich ab, murmelt zu sich selbst) Gerade war ich noch gut drauf gewesen. (Zum Herrn im Publikum) Na, Ihren Namen habe ich ja nun, den Rest werden wir schon herausfinden. Freuen Sie sich auf Besuch. Da sind wir mittlerweile sehr effizient geworden…

(Geht zurück zum Mikro. Pause. Räuspern.)

Da solls wohl tatsächlich Menschen geben, die sagen, sie sind unzufrieden mit dem, was wir jetzt machen. Dass sie das so nicht gewollt haben. Ich mein, wirklich? Wir waren ja jetzt nicht gerade heimlich unterwegs mit unseren Ansichten und Plänen für die Zukunft. Aber darum braucht das Volk ja wohl gute Führer, die ihm auch offiziell die Verantwortung abnehmen, die viel zu schwer auf ihm wiegt. Bald, meine Lieben, bald hammas gschafft, und ihr könnt euer Gewissen wieder für immer schlafen legen.

Ich wünsche bis dahin noch angenehme Träume. Funktioniert übrigens am allerbesten, wenns Ihre Augen weiter geschlossen halten… Dankeschön!

Dies ist der erste Teil eines Textes, den ich für den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte.

Vor einigen Tagen war ich ein bester Freund aller Zeiten. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Einige Minuten später war ich das größte Arschloch. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Wieder einige Minuten später war ich dann der empathischste Mensch der Welt. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Und dann schuld daran, dass sie sich schlecht fühlt. Erraten: Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Sie, das ist eine ehemalige Freundin von mir. Was hat sich verändert, während ich insgesamt wohl so eine Stunde gleichmütig aus dem Fenster geschaut habe? Die meisten Menschen würden wohl davon ausgehen, dass ich irgendetwas an meinem Aus-dem-Fenster-Schauen verändert habe, um die wechselnden Gefühlszustände zu rechtfertigen. Aber damit liegen sie in diesem Fall falsch. Ich habe nichts getan. Und war ihrer Ansicht nach trotzdem verantwortlich an allem Positiven und allem Negativen, das ihr passiert ist.

Das ist nämlich der interessante Punkt: In ihrer Gedankenwelt kommt sie selbst als Handelnde kaum vor. Die Welt passiert ihr. Ich habe fast vier Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe dann in schlauen Büchern gelesen, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln soll. Borderline. Aber was ist das überhaupt, eine Persönlichkeitsstörung? Wer definiert, was „gestört“ ist und was nicht? Wer ist berechtigt, Menschen derart einzuteilen? Bin ich berechtigt, sie dafür zu verurteilen, dass sie schlicht anders ist als ich? Ist sie dann nicht ebenso berechtigt, mich dazu verurteilen, weil ich schlicht anders bin als sie?

Denn irgendwann, wenn man viel Zeit mit ihr verbringt, fängt man an, es selbst zu glauben, was einem so vorgeworfen wird. Man fängt an, seinem eigenen Urteil nicht mehr so ganz zu trauen. Sich zu verteidigen, zu versuchen, es ihr Recht zu machen, weil irgendetwas muss man doch angestellt haben, um so ein Verhalten zu rechtfertigen. Vielleicht unbewusst? Ohne es zu wollen? Ich muss ja wohl doch irgendetwas gemacht haben. Woher sonst käme ihr Gefühl?

Irgendwann bin ich dann gegangen, weil es mit der Zeit wirklich gefährlich wurde. Wenn man ständig damit rechnen muss, ohne Vorwarnung stundenlang angeschrien zu werden, ohne etwas dafür oder dagegen machen zu können, entwickelt man eine Art von Paranoia. Man ist ständig unter Adrenalin. Kann nachts nicht mehr schlafen. Fängt an, sich vorzustellen, sie würde in ihrer Wut irgendwelche Sachen in der gemeinsamen Wohnung kaputtzumachen, obwohl sie das wohl tatsächlich nie machen würde. Fängt also an, selbst irgendwie verrückt zu werden, sich von einer gemeinsamen, nachvollziehbaren Realität zu verabschieden. Ich traf dann die Entscheidung, mich lieber von ihr zu verabschieden, bevor dieser Prozess zu weit gegangen war.

Einige Zeit später hab ich sie dann wiedergetroffen. Ein Freund hatte mir von den Friedens-Mahnwachen erzählt, die überall organisiert werden. Da gabs allerhand zu hören gegen den Krieg, den Kapitalismus, gegen das System, das Schuld an allem sei. Etwa von einem jungen Mann mit Dreadlocks, von außen betrachtet wohl eher politisch links einzuordnen, der trägt eine fabelhafte Kapitulismuskritik vor, die er wohl 1:1 aus „Mein Kampf“ zitiert haben könnte. Der nächste wird gleich ein wenig direkter und schimpft gemütlich gegen die Juden, die sowieso an allem Schuld sind. Ich fühle mich an meine ehemalige Freundin erinnert. Tatsächlich ist sie unter den Zuhörern, klatscht begeistert mit, scheint sich sichtbar wohl, unter ihresgleichen zu fühlen. Bin ich etwa Jude, ohne es zu wissen? Vielleicht darf man mir deswegen grundlos die Schuld an allem in die Schuhe schieben? Dann ist es ja offensichtlich ok, wenn man den Rednern in ihrer Einmütigkeit Glauben schenken darf. Aber wäre ich Mitglied einer weltumspannenden Judenverschwörung, sollte ich wohl zumindest einen anderen Juden persönlich kennen. Und mir vermutlich auch ein wenig cooler vorkommen. Immerhin wäre ich dann laut den geschätzten Vortragenden beinahe allmächtig.

Es ist ja anstrengend genug, wenn eine Freundin dir die Ohren volljammert, was für ein Arschloch du bist, obwohl du nichts angestellt hast. Aber was, wenn das zur Normalität wird? Schuld sind ja immer nur die „bösen Mächtigen“. Die Welt, die passiert den Machtlosen. Aber was, wenn diese gefühlt Machtlosen selbst an die Macht kommen? Dann versuchen, die bösen Verschwörer auszuschalten, um die Öffentlichkeit zu schützen? Mich plötzlich jemand ganz offiziell zum Verschwörer bestimmt und mich verhaftet, obwohl ich weiter nichts anderes tue, als aus dem Fenster zu schauen und meinen Gedanken nachzuhängen? Nur, weil es sich für ihn so richtig anfühlt? Unser Bildungssystem ist tatsächlich ganz schön kaputt, wenn es den Jungen nicht vermitteln kann, wo uns das wieder hinführen möchte.

Ich bin dann ans Mikrophon, hab mich durchgekämpft, hab versucht, die Leute zur Vernunft aufzurufen. Wehret den Anfängen und so.
„Was soll schon passieren? Wir haben ja nichts angestellt! Aber die sollen mal büßen!“, rief ein Mann aus den hinteren Reihen, und die Menge klatschte begeistert.
„Tut mir Leid, Stimme der Vernunft“, meinte ein alter Mann, der ein wenig verschämt dreinblickte, zu mir. „Ich glaube, deine Zeit ist abgelaufen.“

Ich sah die johlende Menge vor mir, die schweigende Masse der Teilnahmslosen hinter mir, und musste ihm ernüchtert rechtgeben. Ich hätte noch viel zu sagen gehabt. Aber meine Zeit war abgelaufen. Der öffentliche Raum gehörte nun anderen.