Nun war es also soweit.
Nach all den Jahren, in denen sie sich doch mit einer gewissen RegelmĂ€ĂŸigkeit getroffen hatten, war es immer schwieriger geworden, noch Zeit fĂŒreinander zu finden. Man war umgezogen, hatte geheiratet, war Vater oder Mutter geworden, und auch im Allgemeinen ein anderer Mensch. Noch war ein Rest lebendig von jener wunderbaren Anziehungskraft, die sie alle einst vereint hatte, von der Wurzel der liebgewonnen Traditionen. Doch mehr und mehr wurde fĂŒhlbar, dass irgendetwas seltsam hohl geworden war, die realen Erfahrungen den freudigen Erwartungen an die ZusammenkĂŒnfte nicht mehr genĂŒgten.
Endlich wieder ein Spieleabend. Und am Ende dann doch nicht, ein mĂŒder Abklatsch alter Traditionen. Spiele waren genĂŒgend vorhanden, auch die Menschen hatten sich versammelt, doch gespielt wurde immer weniger.

Und dann hatte er zufĂ€llig den anderen alten Freund wiedergetroffen, an den er Tage zuvor oft mit Wehmut gedacht hatte. Auch mit ihm verband ihn die Erinnerung an andere Zeiten, als sie noch zu dritt beinahe jeden Tag miteinander verbracht hatten. Spielend, erforschend die Welt mit lockeren Lachmuskeln und dem GefĂŒhl, die Welt stĂ€nde jenen offen, die sich an und in sie wagten. Auch heute noch kamen sie hin und wieder zusammen, aßen gemeinsam und erzĂ€hlten sich von frĂŒher, als alles noch anders war. Doch die Frequenz ihrer ZusammenkĂŒnfte hatte sich verĂ€ndert. Anstatt beinahe tĂ€glich trafen sie sich nun nur noch etwa alle 2-3 Monate. Und ohne große Überraschung stellte er fest, dass es nicht daran lag, dass sie alle zu viel zu tun hatten. Sondern daran, dass sie sich anders als frĂŒher kaum mehr etwas zu sagen hatten.

War dies also der natĂŒrliche Verlauf menschlicher Beziehungen? Man lernte sich kennen, erfreute sich eine Zeit lang aneinander, bis man sich auseinanderlebte? Die Erfahrung schien die These zu bestĂ€tigen, und doch wehrte sich ein Teil von ihm dagegen, dies als absolute Wahrheit zu akzeptieren. Denn er hatte auch Ausnahmen von der Regel erlebt, und erlebte sie auch heute noch immer wieder. Was unterschied jene Ausnahmen also, und war es möglich, aus den Ausnahmen die Regel zu machen?

Eine alte Bekannte durchbrach seine Gedankenspiele mit einem LĂ€cheln, setzte sich zu ihm. Immer schon hatte er eine Verbindung zu dieser Frau gefĂŒhlt, wann immer er sie erblickt hatte, aber nie war es zu mehr als kurzen GesprĂ€chsfetzen gekommen, begleitet von einem losen GespĂŒr fĂŒr das Potential einer tieferen Verbindung. Doch dieses Mal war es anders. Rasch war die Musik des Lokals in den Hintergrund getreten, und Stunden spĂ€ter fand er sich in tiefem Austausch von Seelen wieder, der ihm eine Antwort auf die Frage schenkte, die ihn so beschĂ€ftigt hatte:

Der Spieleabend, das war eine nĂŒtzliche Form gewesen, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, um dem lebendigen und wertvollen Kontakt, der ihm vorausgegangen war, auch im Alltag zu stĂŒtzen. Über lange Zeit hatte er seine Funktion erfĂŒllt, aber nun, beinahe 10 Jahre spĂ€ter, waren sie der Form entwachsen wie Kinder ihrer Kleidung. Vielleicht war es an der Zeit, ihn als nicht mehr passende Form aufzugeben, und eine neue, passendere Form zu finden. Denn die Essenz ihrer Verbindung, die Vorfreude auf ein Wiedersehen, eine Erneuerung des Kontaktes, war noch immer spĂŒrbar.

Ja, nun war es also soweit, das Alte sterben zu lassen, um neue Formen zu gebÀren.
Zeit, sich wieder mehr von dem inneren Ja leiten zu lassen, das doch die Urmutter jenes Kontaktes gewesen war.

Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, GegenĂŒber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrĂ€ngt, dass Geschichten Wort fĂŒr Wort errungen werden. Dass das Erleben flĂŒchtig ist und nur die RĂŒckschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz ĂŒbrig ist sich zu entfalten, an letzten SchrĂ€ubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was lĂ€ngst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hĂ€tte auch gehen können, vielleicht auch sollen. WĂ€re das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemĂ€ĂŸ „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch ĂŒberstieg die Überforderung meine KrĂ€fte. Ich wollte dich nicht hĂ€ngen lassen, blieb fĂŒr dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner KrĂ€fte erwachte plötzlich ein neues BedĂŒrfnis in mir: gesehen werden. GewertschĂ€tzt fĂŒr das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhĂ€ngiges BedĂŒrfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu mĂŒssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darĂŒber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach ĂŒber dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hĂ€tte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, wĂŒrde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so wĂŒrde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die HĂŒlle meines Ă€ußeren Lebens mir lĂ€sst. Ich wĂŒrde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten BedĂŒrfnissen und Formen. Die grĂ¶ĂŸte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wĂ€re nichts gewesen, als hĂ€tten wir uns nicht lĂ€ngst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wĂ€r vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.

Warum existiert Mobbing? Was verbindet den Faschismus im Kern mit dem Kommunismus – und mit der Mafia? Warum hat die FPÖ in den letzten Jahren mehr und mehr Zulauf in Österreich? Und warum wiederholt sich – wie viele nun erneut befĂŒrchten – eigentlich die Geschichte so gerne und oft? Eine Betrachtung anhand zweier interessanter Muster in sozialen Systemen.

Die Antwort auf die letzte Frage ist meiner Meinung nach am einfachsten zu geben: weil wir uns soziales Geschehen traditionell sehr mechanisch erklĂ€ren. Ein Akteur oder mehrere wenige treiben den Lauf der Geschichte voran, der Rest reagiert darauf, etwa: „Adolf Hitler war der Grund fĂŒr den Faschismus“. In meiner Schulzeit wurde mir das sinngemĂ€ĂŸ so erklĂ€rt. Oder umgekehrt: hĂ€tte es ihn nicht gegeben, wĂ€re es nie zu all dem gekommen.

Ja, ich wars! Ganz alleine habe ich die Welt ĂŒberwunden! Muahaha!
(kurze Zusammenfassung des an Schulen vermittelten Geschichtsbildes)

WĂ€re es tatsĂ€chlich so, wĂ€re alles, was nötig ist, eine Wiederholung zu verhindern, Ausschau nach sich Ă€hnlich verhaltenden Menschen zu halten und diesen tunlichst keine BĂŒhne zu geben. Ich glaube jedoch, dass es damit nicht getan ist. Auch wenn viele möglicherweise den Kopf schĂŒtteln mögen ob dieser Aussage: ich glaube, Adolf Hitler war in gewisser Hinsicht SymptomtrĂ€ger eines bestimmten sozialen Musters. Er war mit Sicherheit ein besonderer Mann mit besonderen Eigenschaften, die ihn zu seiner Zeit zu dem werden ließen, der er spĂ€ter wurde, und ich möchte ihn nicht von seiner persönlichen Verantwortung freisprechen. Aber ohne die ganz bestimmte Umgebung, mit der er in Wechselwirkung stand, wĂ€re ihm nicht möglich gewesen, was ihm möglich war.

Wenn wir also verhindern wollen, dass sich die Geschichte wiederholt, mĂŒssen wir neben ihm als SymptomtrĂ€ger auch die UmstĂ€nde und sozialen Muster betrachten, die in Wechselwirkung mit seiner individuellen Person hervorgebracht haben, was wir zu verhindern suchen. Mir ist klar, dass die Sichtweise, wir wĂ€ren alle Opfer gewesen, in der Nachkriegszeit vor allem fĂŒr Österreich einen enormen Wert hatte, weil sie zu einer besseren Behandlung durch die SiegermĂ€chte fĂŒhrte. Aber sie verstellt nun, Jahrzehnte nach dem Geschehen, den klaren Blick auf die AnfĂ€nge, und bereitet damit den NĂ€hrboden fĂŒr einen Neuanfang mit.

Was aber hat nun ein Adolf Hitler und der Nationalsozialismus mit Mobbing zu tun? Um dies zu verstehen, mĂŒssen wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Arten sozialer Systeme verstehen: Familien-Systeme und Rechts-Systeme.

Was ist ein Familien-System?

“Den Charakter und Wert des Menschen erkennt man, wie jeder weiß, unfehlbar an der Form seines Kopfes.”

Ein Familien-System schreibt seinen Mitgliedern implizit vor, wie sie sich zu verhalten haben. Das Wir-GefĂŒhl wird durch Gleichheit im Sein und Verhalten angestrebt. VerhĂ€lt sich jemand anders als erwartet, ist die Konsequenz unklar, und meist je nachdem um wen es sich handelt unterschiedlich. Entweder wird Druck auf denjenigen ausgeĂŒbt, sich wieder den anderen anzupassen, oder Druck ausgeĂŒbt, die Gruppe zu verlassen. Es gibt hĂ€ufig interne MachtkĂ€mpfe darĂŒber, wer die Gruppen-Normen definiert.

Familien-Systeme haben den Vorteil, dass sie Menschen, die sich ohnehin Ă€hnlich sind, gut zusammenschweißen und zu gemeinsamen Leistungen anspornen können. Weil Abweichungen von der Norm nicht geduldet werden, sind Familien-Systeme jedoch nicht gut geeignet, um Innovation hervorzubringen.

Familien-Systeme entstehen ĂŒberall dort automatisch, wo nicht bewusst Rechts-Systeme eingefĂŒhrt werden, und auch dort, wo Rechts-Systeme zusammenbrechen.

Beispiele kennen die meisten aus dem persönlichen Umfeld, etwa in Teams oder einer Schulklasse. Ein weiteres sehr bekanntes und plakatives Beispiel ist z.B. die Mafia, die sich ja auch selbst den passenden Spitznamen „Familie“ gibt.

Was ist ein Rechts-System?

“Nicht töten, nicht verletzen, nicht stehlen, … ok, dann bin ich eben freundlich, das darf ich ja!”

WĂ€hrend im Familien-System implizit vorgeschrieben ist, wie man sich zu verhalten hat, ist in einem Rechts-System explizit festgelegt, wie man sich nicht zu verhalten hat. Im Staatswesen etwa bilden Gesetze einen Rahmen, innerhalb dessen man sich verhalten kann wie man es selbst fĂŒr richtig hĂ€lt – damit entsteht ein Spielraum möglichen Verhaltens und Raum fĂŒr DiversitĂ€t/Innovation. Bricht jemand diese Regeln, so ist klar definiert, was daraufhin passiert. Hat der TĂ€ter seine Konsequenz auf sich genommen, so ist seine Schuld getilgt, und ihm steht (zumindest in der Theorie) ein Neuanfang zu.

Ein Rechts-System funktioniert nur dann, wenn es ein Gewalt-Monopol gibt, und dieses auch gerecht und konsequent ausgeĂŒbt wird. Kommt es zu Ungleichbehandlung, oder schwindet das Vertrauen, dass Übertretungen geahndet werden, wird das Gewalt-Monopol in Frage gestellt. Es kommt zu Machtwechseln oder sogar zum Zusammenbrechen des Rechts-Systems selbst und zur RĂŒckkehr zum Familien-System.

Beispiele sind Staaten wie Österreich, aber Rechts-Systeme können auch im Kleinen, etwa in Teams oder in Schulklassen errichtet werden, wie ich es mehrmals intuitiv an Schulen – ohne noch in diesen Begriffen zu denken – getan habe.

Ein weiterer interessanter Faktor: Familien-Systeme können innerhalb von Rechts-Systemen existieren, umgekehrt funktioniert dies jedoch – nach meiner Erfahrung mit dem Schulsystem – auf Dauer nicht so gut. Ein Rechts-System eröffnet einen Spielraum fĂŒr Anders-Artigkeit, den ein ĂŒbergeordnetes Familien-System nicht dulden kann.

Was hat das alles mit Mobbing zu tun?

“Da hĂ€lt sich wohl jemand fĂŒr etwas Besseres?!”

Sehr viel! Ich bin mittlerweile ĂŒberzeugt davon, dass Mobbing als PhĂ€nomen eine mögliche natĂŒrliche Folge eines Familien-Systems ist. Ist eine Gruppe in einem Familien-System sich sehr Ă€hnlich, so wird sie sich eher gegenĂŒber einem anderen Familien-System im Außen abgrenzen (Fußball-Fanclubs sind ein gutes Beispiel dafĂŒr, oder auch “völkisch” geprĂ€gte Staaten). Ist sie jedoch sehr heterogen, ist die Konsequenz entweder ein mehr oder weniger offener Machtkampf um die Definitionsmacht der Normen – oder eben Mobbing: „Pass dich an oder verschwinde, damit wir alle gleich sein können“.

Wer dann jeweils tatsĂ€chlich Mobbing-TĂ€ter oder Opfer wird oder ob es stattdessen zum offenen Machtkampf zwischen Gruppen kommt, hĂ€ngt wiederum viel mit individuellen Aspekten der handelnden Menschen zusammen. Aber in einem Familien-System, in dem Mobbing existiert, ist der Mobbing-TĂ€ter im Grunde meist nur SymptomtrĂ€ger einer tieferen Problematik. Wird der TĂ€ter dann zum Beispiel gekĂŒndigt, ohne ein funktionierendes Rechts-System aufzubauen oder die Gruppen so neu einzuteilen, dass sie tatsĂ€chlich homogen werden und relativ friedlich nebeneinander existieren können, wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit frĂŒher oder spĂ€ter wieder zu Mobbing kommen.

Mobbing und offene MachtkĂ€mpfe sind also dort an der Tagesordnung, wo eine unterschiedliche Gruppe von Menschen zusammenkommt und kein Rechts-System existiert. Und hat dort ein Ende, wo FĂŒhrungskrĂ€fte ein solches etablieren und verteidigen.

ZurĂŒck zum Faschismus

Der Faschismus im letzten Jahrhundert war fĂŒr mich, sehr vereinfacht ausgedrĂŒckt, die Folge des Niedergangs eines Rechts-Systems, das vielen verschiedenen Menschen und Kulturen unter einer Herrschaft ein Miteinander ermöglicht hatte. Die alten Monarchien fielen, den Menschen ging es schlecht, das Vertrauen in eine bessere Zukunft und eine politische Elite, die die Massen dorthin fĂŒhren wĂŒrde, schwand. Das Gewalt-Monopol wurde immer mehr unterhöhlt. Menschen ahnten, dass irgendetwas gehörig schief lief. Aber es war zu komplex, als dass jemand tatsĂ€chlich erklĂ€ren konnte was und warum, und die Hoffnungslosigkeit stieg mit der Inflation tagtĂ€glich.

“Also ich hĂ€tte da so eine Idee…”

Und dann plötzlich der Lichtblick: jemand hatte eine einfache ErklĂ€rung, die eine RĂŒckkehr zur eigenen HandlungsfĂ€higkeit versprach. Alles mag zusammenbrechen, aber ich kann etwas dagegen tun. Die Kommunisten entdeckten „die Reichen“ als den Grund aller Probleme, die Faschisten „die Juden“, und beide entdeckten, dass sie eine Masse und damit ĂŒberlegen waren, wenn sie nur mobil wurden. Das Gewaltmonopol war bereits zum Teil unterhöhlt, und das „Mobbing“ der erklĂ€rten Zielgruppe begann. Wer andere verachtet und sich von ihnen abgrenzt, gewinnt dadurch praktischerweise noch an eigenem IdentitĂ€tsgefĂŒhl hinzu, was zu diesen Zeiten zusĂ€tzlich ein Bonus war.

Und nachdem man erst einmal begonnen hatte und feststellte, dass das Gewaltmonopol des Staates keinen Widerstand mehr bot, stand der Massenvernichtung der „Anderen“ nicht mehr viel im Wege. Es ist bezeichnend, dass es ein gewissermaßen schleichender Prozess war, wie es auch in Gruppen in denen Mobbing existiert hĂ€ufig ist.

Wenn wir an unserem mechanischen Weltbild festhalten, werden wir – wie es auch in der Medizin vorkommt – immer wieder SymptomtrĂ€ger eines PhĂ€nomens mit den tatsĂ€chlichen Ursachen verwechseln. Deswegen halte ich es fĂŒr so wichtig, eine Sprache, ein Vokabular zu entwickeln, mit der wir diese tatsĂ€chlichen Ursachen auch beschreiben und verstehen können. Wir haben zwar zahlreiche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, Soziologie, Systemtheorie etc., aber eine VerknĂŒpfung dieser Erkenntnisse zu einer universalen sozialen Theorie, die auch fĂŒr einen Laien ohne Supercomputer hilfreich sein kann, steht noch aus.

Die große Leistung eines Adolf Hitler war es, eine ErklĂ€rung fĂŒr die Misere der Massen anzubieten und sie zum Handeln zu mobilisieren, wĂ€hrend andere sich vor der KomplexitĂ€t der Situation fĂŒrchteten und keine Alternative anboten. Wer verzweifelt genug ist, und er sieht nur eine einzige Handlungsalternative, der wĂ€hlt diese, egal was die Konsequenz ist.

Wer eine „Wiederholung der Geschichte“ vermeiden will, sollte also meiner Ansicht nach lernen, komplexe soziale Systeme und ihre ZusammenhĂ€nge zu verstehen, um dort, wo „einfache Lösungen“ populĂ€r werden, eine Vertrauen erweckende Alternative parat zu haben, die nicht zur Katastrophe fĂŒhrt.

Zur „Lage der Nation“ in Österreich

“Ich bin fĂŒr mehr direkte Demokratie!”
(solange wir mehr sind als die)

Warum hat die FPÖ in Österreich (und viele Ă€hnliche „extremere“ AusprĂ€gungen des politischen Spektrums weltweit) in Wahlen deutlich zugelegt? Ich glaube, das liegt daran, dass sie sich in ihren GrundzĂŒgen und ihrer offiziellen Zielsetzung  sehr stark an einem Familien-System orientiert. Andere Parteien, etwa die GrĂŒnen, bekennen sich zu mehr DiversitĂ€t und Integration und anderen klassischen Vorteilen eines Rechts-Systems. Ein steigendes Misstrauen in ein Rechts-System fĂŒhrt zu einem Umschwung im Wahlverhalten hin zu Parteien, die eher Familien-System-Themen aufwerfen und ansprechen. Wobei zu beachten ist, dass rein strukturell jede Partei in einer Demokratie unabhĂ€ngig von ihrer ideologischen Ausrichtung bereits Aspekte eines Familien-Systems aufweist.

Nun befinden wir uns weltweit in einer sehr unĂŒbersichtlichen Entwicklung, was sich in den letzten Jahren unter Anderem anhand der Asyl-Thematik gezeigt hat. Massen von Menschen haben sich zwischen Staaten bewegt, und im Grunde war in vielen FĂ€llen unklar, ob dies nun mit rechten Dingen zugegangen war oder nicht. Vermutlich wĂ€re ich (und auch sonst jeder) in der verantwortlichen Position genauso ĂŒberfordert gewesen, ich will hier niemandem etwas vorwerfen.

Wiederum befinden wir uns jedoch nun in einer Situation, die zu komplex erscheint, um sie in ihrer Gesamtheit deuten zu können, in der aber eine gewisse latente Angst und Unzufriedenheit in vielen Menschen brodelt. UnabhĂ€ngig von der tatsĂ€chlichen StĂ€rke des Rechts-Systems in Österreich ist es heute einfacher denn je, Falschinformationen darĂŒber zu verbreiten, um das Vertrauen in die so wichtige Legitimation des Gewaltmonopols des Staates zu untergraben. Konstruktive ErklĂ€rungen und Handlungsalternativen zur Lösung der tatsĂ€chlichen Ursachen erscheinen rar bis nicht vorhanden, was Raum eröffnet fĂŒr neue „einfache Lösungen“ im Sinne von Familien-Systemen.

FPÖ-Plakat

“Den Charakter und Wert eines Menschen erkennt man, wie jeder weiß, unfehlbar am Ort seiner Geburt.”

MĂŒssen wir uns Sorgen machen?

Wenn wir den Unterschied zwischen Familien- und Rechts-Systemen als Muster akzeptieren können, dann glaube ich, dass wir zumindest aufhören sollten, unsere Energien in NebenschauplĂ€tzen zu vergeuden. Ich bin ĂŒberzeugt davon, dass sich in allen Parteien Menschen finden, die es auf ihre Weise gut meinen mit uns (sowie den einen oder anderen BetrĂŒger). Ein Kommentar eines FPÖ-Politikers ist nicht per se besser oder schlechter als der einer anderen Partei, und alle FPÖ-AnhĂ€nger gewohnheitsmĂ€ĂŸig als Nazis zu beschimpfen (wie ich es schon öfter erlebt habe) hilft uns nicht dabei, konstruktive Lösungen zu finden.

Die relevante Frage ist fĂŒr mich, der ich eine gesunde und bereichernde Vielfalt schĂ€tze, vielmehr: stĂ€rken wir die Grundfesten eines Rechts-Systems mit dem was wir tun, oder schwĂ€chen wir sie, und geben damit Familien-Systemen mehr Raum? TatsĂ€chlich dĂŒrfte es das Vertrauen in ein Rechts-System nicht gerade stĂ€rken, wenn zigtausende Menschen unkoordiniert und mit unklarem Rechts-Status ins Land einreisen. Der Grund dafĂŒr ist aber nicht, dass es sich ausnahmslos um schlechte Menschen handelt, sondern dass um eine solche Situation bewĂ€ltigen zu können wir auch entsprechende KapazitĂ€ten haben oder entwickeln mĂŒssen, damit im Rahmen eines Rechts-Systems umzugehen.

Es ist – wie weiter oben bereits erwĂ€hnt – durchaus zulĂ€ssig und mag zuweilen auch sehr sinnvoll sein, Familien-Systeme aufrechtzuerhalten, weil diese innerhalb eines Rechts-Systems funktionieren und auch wertvoll sein können. Bedrohlich wird es dort, wo das Familien-System das Gewalt-Monopol des ĂŒbergeordneten Rechts-Systems unterwandert und bedroht. Sind wir schon so weit gekommen? Es ist fĂŒr mich schwierig, dies zu ĂŒberblicken, was an sich bereits ein Alarm-Signal sein dĂŒrfte.

Die Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen trĂ€gt hoffentlich ein StĂŒck weit dazu bei, eine Art „Framework“ zu haben, mit dessen Hilfe sich die Situation in einem Staat, einem Team oder auch einer Schulklasse besser beurteilen lĂ€sst. Die Geschichte wiederholt sich erfahrungsgemĂ€ĂŸ nie exakt gleich, aber Ă€hnlich wie in der Medizin wiederholt sich das Auftreten einer “Krankheit” in verschiedenster Formen meist zumindest so lange, bis wir zu unterscheiden lernen zwischen einer oberflĂ€chlichen Symptombehandlung und der BekĂ€mpfung der tieferliegenden Ursachen. Vielleicht sind wir diesen mit der Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen einen Schritt nĂ€her gekommen. Zu hoffen wĂ€re es.

Niklas

Zur Abwechslung wieder mal ein Gedicht, inspiriert von einer lieben Freundin, die mittlerweile seit 6 Jahren wieder in ihrer Heimat, der TĂŒrkei, lebt, und mich nach langer Zeit wieder mal kontaktiert hat..

Freund! Manch Jahr ists her
Seit wir zuletzt uns trafen
Gib Nachricht drum mir, rasch, erzÀhl!
Wie ists dir wohl ergangen?
Warn wir doch einst so unerzogen
Lachend spielten wir dies Spiel
Das doch mit Ernst so deprimiert
Leben! Wie es uns gefiel!

Wolln wir uns nicht wieder treffen?
Gar zu weit bist du nun fort
Alter Freund, du gingst, zu Tanzen
Bringst Kunde mir nun von dem Lied?
Wie kommt es, dass dein lÀchelnd Auge
TrĂŒber wirkt nun als es schien
Wie kommt es, dass dein Gang so heiter
Kaum beherzt mehr scheint zu sein?
Erkennst du mich denn gar nicht wieder?
Wurde ich gar falsch verbunden?

Ach! Ich wĂŒrde doch so gerne
Verbringen mit dir schöne Stunden
Doch da sind Eltern, alt geworden
Familie, Arbeit, Sicherheit
Warum aufgeben, noch einmal
Drehen fest am Rad des Lebens?
Dann lieber bleiben, fest ertragen
Lernen all die kleinen Wunden
Sie sind ja doch nicht allzu tief

Ich kenn sie schon, die kleinen Wunden
Die mich selbst beinah bezwungen
Die mich schwÀchten nur durch Zahl
Ein Tropfen nur vom Blut des Mutes
Tagein, tagaus verliert das Herz
Bis es aufhört ganz zu schlagen
Und nur noch halbherzig man lebt

Das Alter fÀllt den Abenteurer
TĂŒckisch lockt des Zögerns Bann
Nie fÀllt es an auf graden Wegen
Umschleicht dich, sucht sich willig Ziel

Nimmt dir erst diesen, dann den andern
Und macht dir alte Freunde so
Schritt fĂŒr Schritt zur Last
Du kÀmpfst mit ihm, befreist den einen
Siehst alsbald den anderen fallen
Bis du ĂŒbrig bleibst allein

Angreifbar, gebeugten RĂŒckens
Stimmst schlussendlich doch du ein
FĂŒgst dich ein mit grimmig Nicken
In die allgemeine Pein

Sieh! Rettung liegt nicht im Bekannten
Nicht in der RĂŒckschau liegt die Kraft
Sie liegt in dem Noch-nicht-vorhanden
Dem Alter trotzt nur neuer Saft

Drum frag‘ ich dich heut‘, alter Freund
Was kann dich noch bewegen?
Was lockt dein Herz, was lenkt den Schritt
Was kann das Alter stunden?
Denn findest du nur Gestern vor
So bist du falsch verbunden

Ach! WĂ€rs noch gestern dĂŒnkt mir nun
Erinnernd einst verbrachter Stunden
Da liefen wir, als ob von Sinnen
Von DĂ€chern zu bekunden
Der Freundschaft ewig schworen wir
Sie jetzt und einst zu halten
Wie konnt ich glauben, Augenblick nur
Sie könne je erkalten

So nimm dies Wort, mein treuer Freund
Obwohl wir uns entfernten
Als Zeichen neu entflammter Glut
Wie einst entzĂŒcktem Herzen
Die Furcht du hast genommen mir
Das Alter hilfst du stunden
Und mögen wir manch Fehler haben
Und mags ein Gott bekunden
Die Freundschaft zu dir ist mir lieb
Wir sind nicht falsch verbunden

Ich arbeite als innere Geburtshelferin. Meine Aufgabe ist es, eine förderliche Umgebung fĂŒr  innere Entwicklungen zu schaffen. Ich muss sagen, es ist ein sehr interessanter Beruf, weil ich durch meine Arbeit viel mit den AbsurditĂ€ten des Menschlichen zu tun habe.

­­­Da wurde den Menschen ein gigantisches Spektrum an möglichen GefĂŒhlszustĂ€nden mitgegeben, da ist in allem was sie beobachten können klar aufgezeigt, dass VerĂ€nderung einen gewissen sich wiederholenden Ablauf dieser GefĂŒhlszustĂ€nde voraussetzt – fast als wĂ€re es ein Schummelzettel, um kontrollieren zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist – und was machen die Menschen? Sie teilen das Spektrum in „gut“ und „schlecht“ auf und weigern sich, die GefĂŒhlszustĂ€nde der zweiten Kategorie zu erleben. Weigern sich! Einfach so! Und behaupten dann gleichzeitig ernsthaft vor anderen Menschen, sie wĂŒrden sich doch „sooo sehr“ eine VerĂ€nderung wĂŒnschen.

Das Aufkommen meiner Profession war die notwendige Antwort auf das Dilemma, das daraus entstand. Ich und meine KollegInnen, wir halfen den Menschen, die bereit dafĂŒr waren, sich den notwendigen Entwicklungsprozessen zu öffnen. Was dann passierte, war umso skurriler: mit der Zeit teilte sich die Menschheit auf in jene, die dafĂŒr offen waren, und jenen, die es sich der eigenen Ansicht nach nicht leisten konnten. Mehr oder weniger zufĂ€llig wurden ein Teil der ersten Gruppe mit großartigen Ehrungen versehen, wĂ€hrend der Rest dieser Gruppe fĂŒr absonderlich oder gar krank gehalten wurde. Das war nun doch ein sehr seltsames PhĂ€nomen: diejenigen, die am meisten litten (ohne es zu fĂŒhlen, weil sie schlicht „steckengeblieben“ waren), schauten herab auf die „Kranken“, von denen sie sich abgrenzen wollten. Aber beteten jene an, die die „Krankheit“ bereits durchschritten hatten, wollten sein wie sie, ohne selbst den notwendigen Weg zu gehen. Wollten-

Nun habe ich mich in historischen Anekdoten verrannt! Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit, ich bin noch ein wenig verĂ€rgert ĂŒber meinen letzten Klienten. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Klient selbst war fĂŒr einen Menschen der sogenannten „modernen“ Generation erstaunlich aufgeschlossen fĂŒr meine Arbeit. Er war bereit und freute sich darauf, seine inneren RĂ€umlichkeiten, die fĂŒr sein zukĂŒnftiges Sein zu eng geworden waren, aufzugeben und umzugestalten. Wir hatten bereits eine ansprechende Farbwahl getroffen und den Grundriss gezeichnet, nun war alles was uns noch zu tun blieb die Zeit und Energie aufzuwenden, um der VerĂ€nderung auch Raum zu geben.

Leider war mein Klient in einem Umfeld aufgewachsen, das kein sehr ausgeprĂ€gtes VerstĂ€ndnis fĂŒr tiefe VerĂ€nderungsprozesse hatte. Als mein Klient sich nun gemeinsam mit mir in seine inneren RĂ€umlichkeiten zurĂŒckziehen wollte um diese nach seinen zukĂŒnftigen BedĂŒrfnissen neu zu gestalten, fing seine  Umwelt an ihn aufrĂŒtteln, ihn aus seiner „Lethargie“ reißen zu wollen. Weil er seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtete, wurde er im Außen vermisst, und nun standen zahlreiche seiner Freunde bereit, ihn vor mir zu „erretten“. Anfangs ignorierten wir diese „Erdbeben“ noch recht erfolgreich, aber irgendwann wurden ihm die Ă€ußeren AnstĂ¶ĂŸe zu viel, und mein Klient fing an, sich mit ihren Klagen zu beschĂ€ftigen. Er fing an, mir zu misstrauen, glaubte seinen alten Freunden, er wĂ€re „depressiv“ geworden, und dies dĂŒrfe natĂŒrlich nicht sein!

Ich arbeite professionell, ich drĂ€nge mich nicht auf, wo ich nicht mehr willkommen bin – also ging ich. Er fand – mit UnterstĂŒtzung seiner Außenwelt – langsam wieder zurĂŒck in sein vorheriges Leben. Manchmal, wenn ich die Zeit finde, beobachte ich ihn. Er sieht nicht unbedingt unglĂŒcklich aus, aber dort, wo er GlĂŒck fĂŒhlt, wirkt er ebenso gehemmt, ist in ihm zu wenig Platz dafĂŒr. Wohl weil er sich am Ende doch gegen den Schmerz entschieden hat, der auch den Raum fĂŒr die Freude erweitert.

WĂ€re ich ein Mensch und fĂ€hig, menschliche GefĂŒhle zu fĂŒhlen, so wĂŒrde ich mich wohl unverstanden fĂŒhlen. Ich bin nicht der Schmerz, nicht die Apathie, nicht die Auswegslosigkeit, diese sind Fakten dieser Welt, an denen auch ich nicht rĂŒtteln kann. Ich bin Geburtshelferin, bin diejenige, die Menschen unterstĂŒtzt, das notwendige Spektrum an GefĂŒhlszustĂ€nden zu durchlaufen, um Raum in sich fĂŒr die Freude die sie sich wĂŒnschen zu schaffen. Ich bin gefĂŒrchtet, obwohl ich doch die Lösung bin. Skurrile Welt! Aber wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!
Ich bin die Depression, Geburtshelferin innerer Entwicklungsprozesse.
Kennen wir uns schon?

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote FĂ€den sich ergeben
WĂ€hrend Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
LĂ€rm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂŒttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂŒcklich ĂŒberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂŒnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂŒde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, drĂ€nge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den TrÀger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂŒtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂŒrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂŒrde

„Warst du jetzt eigentlich schon bei einem Psychologen?“
Als wĂ€re es gegebene Sache, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Dass an seinem Erleben etwas nicht ganz oder auch ĂŒberhaupt nicht richtig war. „Es gibt heutzutage schon gute Medikamente“ hatten die beiden ihm gesagt, hatten ihm in ihrer FĂŒrsorge angeboten zu helfen. Wollten ja nur, dass es ihm gut gehe. Es sei alles nicht weiter schlimm. Er mochte ein wenig angeknackst sein, aber das könne man reparieren. Einrenken. Geradebiegen. Dann wĂŒrde es ihm besser gehen.

Nein, er war noch nicht bei einem Psychologen gewesen.
Ja, er fĂŒhlte sich manchmal mĂŒde und erschöpft, wenn er sich intensiv mit Emotionen befasste, seien es seine eigenen oder jene anderer, die sich ihm anvertraut hatten. Nicht immer glich sein Energielevel den ruhigen Wassern eines Sees an einem windstillen Tag, konstant, verlĂ€sslich, abgewogen und angepasst an die Notwendigkeiten des jeweiligen Tages vorportioniert. Sein Leben und Erleben war ein stĂŒrmischeres, ein ungeschĂŒtzteres, war.. gewissermaßen nĂ€her dran an der eigenen Natur. Er litt stĂ€rker unter der KĂ€lte der Winter, und er freute sich mehr ĂŒber das sanfte Kitzeln der Sonnenstrahlen. Verließ sich in vielen FĂ€llen auf die oft beinahe unheimliche Weisheit seiner Intuition, ihn durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu leiten, dorthin, wo rationaler Verstand allein versagte. Mochte Narben davontragen, mochte – im Außen wie im Innen – berĂŒhrt, verĂ€ndert, gestaltet werden in seinem Tun, mochte oftmals weniger ĂŒber den Dingen stehen denn mitten unter ihnen. Aber was war daran denn so dermaßen falsch?

Er war durchaus bereit zu glauben, man könne ihn mit den richtigen Medikamenten gut „einstellen“, die Anstrengungen seiner emotionalen Betroffenheit, die er in sich und mit der Welt oftmals spĂŒrte, reduzieren, um ihm seinen Alltag zu erleichtern. Ihn bereiter zu machen fĂŒr jene andere Welt, in die er zuweilen nur mit MĂŒhe zu passen schien, jene Welt des „Das ist nun einmal so“, die ihm, seinem Erleben und seiner Erfahrung so fremd war. Es mochte möglich sein, ihn mit Hilfe der richtigen Medikamente und Therapien zu „heilen“, aber heilen wovon eigentlich? Wer profitierte denn davon? Er selbst, indem er die Tiefe seines bisherigen Erlebens zugunsten eines reduzierteren, funktionaleren Lebens aufgab, obwohl ihm doch gerade jene Tiefe bei aller damit verbundenen Anstrengung im Grunde die schönsten Momente seines Lebens geschenkt hatte?

Verstanden hĂ€tte er es, wenn er sich in seiner Besonderheit als unfĂ€hig erwiesen hĂ€tte, selbststĂ€ndig zu leben. Wenn er – wie so manche seiner Bekannten – etwa jahrelang den Verwandten und Freunden finanziell oder emotional „auf der Tasche liegen“ musste. TatsĂ€chlich war es jedoch eher umgekehrt – er war finanziell seit Jahren unabhĂ€ngig und kĂŒmmerte sich auch emotional mehr um andere, als dass jene sich um ihn zu kĂŒmmern hatten. NatĂŒrlich, er gab weniger aus als die meisten seiner Mitmenschen, war achtsamer im Umgang mit seinen Ressourcen, brauchte daher auch kaum ein Einkommen – aber war denn dies allein ein Verbrechen? Wenn er selbst also kein Problem mit seinem besonderen Erleben hatte und als Folge dieses Erlebens auch niemanden belĂ€stigte, warum also der so „fĂŒrsorgliche“ Rat, sich doch behandeln zu lassen, um eine angeblich „positive“ VerĂ€nderung zu bewirken?

Die einzig logische Antwort, die ihm nach lĂ€ngerem Nachdenken einfiel, so verwegen sie ihm auch klang, war eine riesige Angst vor dem Neuen, dem Fremden. Er war wohl so manchem Freund, manchen Familienmitglied ĂŒber die Jahre fremd geworden, indem er Wege beschritten hatte, auf die der jeweils andere ihm nicht mehr zu folgen vermochte oder folgen wollte. War unabhĂ€ngig geworden in einer Weise, die alte Strukturen in Frage stellte. Strukturen, die ohne ihn als haltende StĂŒtze plötzlich brĂŒchig zu werden drohten. Hatte ZusammenhĂ€nge gesehen, die es ihm nun verbaten, weiterzumachen wie bisher. Konnte nicht stagnieren, verharren. Es war ihm notwendig, Schritte zu setzen, in Bewegung zu kommen, auch wenn sein Geist noch nicht fĂ€hig war, das oder ĂŒberhaupt ein Ziel zu benennen, auch wenn jeder Schritt schmerzen mochte: er vertraute seiner Intuition. Und anders als viele seiner Mitmenschen kam er trotz aller Hindernisse trotzdem frĂŒher oder spĂ€ter dann auch tatsĂ€chlich in Bewegung.

Was fĂŒr eine Hexenjagd, dachte er plötzlich, und mit dem Wort erlangte er die Klarheit, nach der er wochenlang gesucht hatte, nachdem man ihm zum ersten Mal die Frage nach dem Psychologen gestellt hatte. Denn warum sonst hatte man die angeblich so bösartigen „Hexen“ Jahrhunderte lang verfolgt, denn aus Angst vor ihren tieferen Einsichten, der Freiheit und damit der Macht ĂŒber sich selbst, die sie angeblich daraus zu ziehen vermochten? Hatte argumentative Wege gefunden, das Rechtsprinzip der Unschuldsvermutung zu verkehren. „Warst du jetzt eigentlich schon bei einem Psychologen?“, mehrmals nun gehört, war ja wenig mehr als eine höflichere Form von: Hast du jetzt eigentlich schon an deiner NormalitĂ€t gezweifelt? Und die unterschwellige Annahme, dass eine Abweichung von einer angenommenen „NormalitĂ€t“ alleine bereits ein zu lösendes Problem darstellte.

Wo war denn nun eigentlich die Grenze zu ziehen zwischen der „NormalitĂ€t“ und dem Außen, und wovon oder von wem wurde sie gezogen? Waren die Grenzen der „NormalitĂ€t“ nicht auch ein Produkt der Art der Strukturierung einer Gesellschaft, und damit auch eine Frage der Machtverteilung? Was, wĂŒrden all die „Hexen“ nicht zum Psychologen gehen um geheilt zu werden, sondern zu anderen, erfahreneren „Hexen“, um zu lernen, ihre Einzigartigkeit konstruktiv nutzen zu können anstatt sie wegwĂŒnschen weg-therapieren zu mĂŒssen?

Aber wo waren sie nun zu finden, all die anderen „Hexen“? Verteilt auf die IrrenhĂ€user der Welt, in den Ausspeisungen der karikativen Einrichtungen, in den Zeitungsmeldungen ĂŒber die jĂ€hrliche Selbstmordstatistik? Ängstlich und oft scheiternd versuchend, ihr Sein zu verleugnen, sich einzufĂŒgen in eine Welt, in der kein Platz fĂŒr sie zu finden war? Die Methoden waren durchaus verfeinert worden in den letzten paar Jahrhunderten, und eine medikamentöse Behandlung zur Ausrottung gewisser Besonderheiten konnte man mit gutem Willen als humaner ansehen als die Ausrottung eines ganzen Menschen, und doch erkannte er nicht ohne gewissem Schauder altbekannte Muster.

„Warst du jetzt eigentlich schon bei einem Psychologen?“, erneut. Lauernd.
Nein, und an sich sah er auch keinen Grund, einen zu besuchen. Wohl aber, gut auf sich zu achten und auch seine ihm eigenen Besonderheiten wertzuschĂ€tzen und zu lernen, sie konstruktiv einzusetzen. Denn was waren sie am Ende anderes als beeindruckende FĂ€higkeiten, fast jenem gleichkommend, was gemeinhin und unverstandenerweise als Magie bezeichnet wurde? Es konnte ganz schön verstörend sein, als „Hexe“, als „Abnormal“ angesehen zu werden, aber in gewisser Weise hatte ihn die Jagd erst dazu gebracht, seinen besonderen Wert und seine FĂ€higkeiten klarer wahrzunehmen. Warum das Spiel nicht umdrehen?

Und in einem ihm typischen Anflug der Erkenntnis der AbsurditĂ€t der ihn umgebenden Ordnungen, dem Rausch der Freiheit, die ihm seine Erkenntnis wie so oft ermöglichte, erkannte er als den Grund warum er bekĂ€mpft, reduziert werden sollte, verblĂŒfft seine eigene Überlegenheit in diesem Spiel. Doch er kannte das Terrain besser, war tiefer eingedrungen in die Höhen und AbgrĂŒnde der menschlichen Existenz als seine HĂ€scher.

„Warst du jetzt endlich mal bei einem Psychologen?“
„Nein, danke, mir geht’s gut soweit. Und dir?“
“Gut, gut. Wie immer halt”
“Das klingt aber gar nicht gut. Vielleicht solltest du mal einen aufsuchen…”

Und gegen Ende zu
Da pflegt man sich zu fragen
Ob nicht der Rucksack gar zu schwer
Ihn voller Hast zu tragen

Dann bleibt am Rande Schritt fĂŒr Schritt
Was einst noch schien so wichtig
Und statt es vollen Rucksack’s Ziel
Wird Ziel nun was ist richtig

Beginnt die Zeit der Ernte doch
Was immer man gesÀt
An Freude, Hass und and’ren Tand
Reich FrĂŒchte nun es trĂ€gt

So wĂŒnsch ich, Wanderer auf Zeit
Dir Kunst, Geschmack und Seele
Und wenn manch Frucht auch bitter schmeckt
Dass du dich nicht dran quÀlest

Mensch wandert manchen finstr’en Ort
Auch du hast’s nicht vermieden
Schau nur getrost dein Leben’s Werk
Ich hoff, du bist zufrieden

„Das ist total ĂŒbergriffig, was du da machst“, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? „Energien gelenkt“? Gar auf „rĂŒcksichtslose“ Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien ĂŒberhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum Bösewicht, zum TĂ€ter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte BachlĂ€ufe, Ströme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerklĂ€rliches Wissen der eigenen UnĂŒberwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft ließ ihn mit der Zeit alles ĂŒberwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so dermaßen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern spĂŒren zu können, zarte PflĂ€nzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verhĂ€ngnisvollen Tag, etwa ĂŒbergeschwappt aus den förderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so quĂ€lend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ersĂ€uft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener GĂ€rtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem fĂŒr das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich ĂŒberhaupt ein, ihn fĂŒr ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das möglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so völlig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu können? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben wĂŒrde weitergehen. Ihr Leben wĂŒrde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt wĂŒrde ihn fĂŒr „stĂŒmperhafte Energiearbeit“ verurteilen. Man konnte ja auch darĂŒber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen ließ, was er an jenem Abend tatsĂ€chlich angestellt haben könnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte fĂŒr einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. FĂŒr einen Moment hatte er wohl Angst verspĂŒrt, ihre inneren Blockaden niemals ĂŒberwinden zu können, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zurĂŒckgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so fĂŒrchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die Möglichkeit der Nachfolge, und wie sehr wĂŒnschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenstĂ€nde. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie wĂŒrde wachsen, wĂŒrde ihrer Intuition folgen, wĂŒrde wieder vertrauen, wieder glauben können an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine GrenzĂŒberschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch ĂŒbertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit wĂŒrde das Übrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu stĂ€rken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprießten die ersten kleinen TomatenpflĂ€nzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich tĂ€glich aufs Neue ĂŒber ihre ungestĂŒme Lebensfreude.

Er mochte nicht als GĂ€rtner geboren oder geschult worden sein. Aber er wĂŒrde lernen.

„Funktioniert der noch?“, fragte der erste Fahrgast, auf den Anker deutend, „Mir scheint, es fehlt ihm ein wenig an Halt!“
Der KapitĂ€n lĂ€chelte schweigend. Durch viele StĂŒrme hatte ihn jener Anker sicher gefĂŒhrt, hatte ihn gehalten, wenn die Wellenberge drohend auf das Schiff zurasten.
„TatsĂ€chlich!“, meinte nun ein weiterer Fahrgast, „KapitĂ€n! Da haben sich Algen angesetzt. Oder Seetang! GrĂŒnes Zeug eben! Igitt! So glitschig, wie das ist, rutscht der doch sicher ab!“
Er seufzte. „Nun lassen Sie die Beschaffenheit meines Ankers doch bitte meine Sorge sein.“
„NatĂŒrlich, KapitĂ€n. Wir wollten uns nur nĂŒtzlich machen.“

Schweigend steuerte er das Boot durch die ruhige See, in Gedanken versunken. Was wussten diese Menschen schon von dem Singen, das die Luft erfĂŒllte, wenn er an der alten Kurbel hantierte? Von den Geschichten, die in jenem ‚grĂŒnen Zeugs‘ zu entdecken waren? Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinen GĂ€sten vorzufĂŒhren, was sie verkannt hatten, beinahe drĂ€ngte es ihn – doch im Grunde wusste er, dass sie unfĂ€hig sein wĂŒrden, das Wunder wahrzunehmen. Der Anker sang nicht auf Befehl, und die Wunder, die er aus den Tiefen des Ozeans an die OberflĂ€che brachte, waren nicht allen als solche ersichtlich. Seine Magie war nur mit Geduld wahrzunehmen. Es war schade. Gerne hĂ€tte er ihnen den Zauber vorgefĂŒhrt.

Weiter drangen sie in ihn, doch am nĂ€chsten Hafen anzuhalten und sich einen funktionierenden Ersatz zu besorgen, und je mehr sie in ihn drangen, je mehr sie ihm ihre Argumente auseinandersetzten, desto verunsicherter wurde er. Was, wenn sie nun doch Recht hatten? Schließlich ließ er sich doch hinreißen und versuchte, an der Kurbel zu drehen, doch der erhoffte Gesang blieb aus. Mit ohrenbetĂ€ubendem Quietschen sank der Anker in die Tiefe, schien aber keinen Grund zu finden, denn das Boot stieß weiter ungehindert durchs Wasser.
„Was haben wir gesagt?“, meinte der erste Fahrgast ĂŒberlegen.
„Es ist doch nur zu Ihrem Besten, KapitĂ€n. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp an Land, tauschen das alte Teil fĂŒr ein Funktionierendes, und sind sofort wieder in See. Das tut niemandem weh und hilft allen.“
Was, wenn sie Recht haben, dachte der KapitĂ€n verunsichert. Was, wenn ich uns alle in Gefahr bringe mit meiner Sturheit? Es war schon seltsam. Noch nie hatte er sich auf See gefĂŒrchtet, seit er den neuen Anker montiert hatte, und nun…

Er fixierte das Steuerruder; fĂŒr die nĂ€chsten zwei Stunden konnte er Aufmerksamkeit erĂŒbrigen, nichts lag vor dem Boot als offene, glatte See. WĂ€hrend die FahrgĂ€ste weiter aufgebracht ĂŒber die richtige Funktionsweise eines guten Ankers diskutierten, ging er zurĂŒck, um mit dem bisher so verlĂ€sslichen StĂŒck alleine zu sein. Warum muss ich mich von dir trennen?, fragte er sich traurig, und TrĂ€nen stiegen ihm ins wettergegerbte Gesicht. Er liebte diesen Anker, der ihm Halt schenkte, wo Halt notwendig war, und Bewegungsfreiheit, wo er ManeuvrierfĂ€higkeit brauchte. Der ihm sang, wenn er sich einsam fĂŒhlte auf hoher See, sang von den tiefsten Tiefen der Ozeane, die er mit seinem Boot durchkreuzte, der ihm bisweilen Souveniers aus jenen Tiefen an die OberflĂ€che brachte.

Plötzlich drĂ€ngte sich ihm ein mentales Bild auf, durch all seine Sorgen und Ängste hindurch: einer der FahrgĂ€ste, wie er den‘ Seetang‘, mit dem er sich beim BerĂŒhren des Ankers ‚befleckt‘ hatte, angeekelt an der Reling abzuwischen versuchte. Sie sind nicht wie wir, ĂŒberwĂ€ltigte ihn heiß die Erkenntnis, sie wollen nur sicher ĂŒber den Ozean kommen. Sie wollen nicht sehen, was unter der OberflĂ€che zu finden ist, sie wollen nicht hören, wovon du singst. Aber ich will es, muss es! Und wenn du keinen Grund mehr findest, an den du uns binden kannst, weil du in Tiefen vorstĂ¶ĂŸt, die niemand vor dir errungen hat – bleib bei mir! Die wichtigste Verbindung ist mir nicht die an einen sicheren Grund, sondern jene zwischen uns! Bleib! Wir werden sie sicher in den Hafen bringen, unsere GĂ€ste, wo sie ihren Freunden Karten schreiben von ihren ‘Abenteuern’ auf See. Dann werde ich dich auswerfen, und du wirst fĂŒr mich singen, von all dem, was kaum ein Menschen Auge wagt zu erblicken, und ich werde an dir festhalten, auf dass du furchtlos tiefer vorstoßen kannst, wissend um meinen Halt wie ich um den deinen. Wir werden uns halten, durch StĂŒrme wie durch ruhige See, und unsere FahrgĂ€ste werden schimpfen und lachen ĂŒber uns, aber das wird uns egal sein, denn sie sind nicht wie wir, sie können nicht verstehen, oder vielleicht wollen sie, trauen sie sich auch nicht. Mein Anker, mein zauberhafter Anker, ich bleibe dir verbunden!

Und mit einem Male ertönte ein leises Summen, beinahe ein Ton, wie aus den tiefsten Tiefen der Ozeane, entfernt. Seine FahrgĂ€ste schienen nichts gehört zu haben, sie fachsimpelten eifrig weiter ĂŒber Funktionsweisen verschiedenster Teile eines Bootes. Sich erinnernd an frĂŒhere Fahrten begann er zu pfeifen, zu singen, zu frohlocken, und der Ton aus der Tiefe begleitete ihn, ließ ihn nicht mehr los. Wie schön, dich wieder um mich zu haben, dachte er beglĂŒckt, und all die Angst und die Zweifel fielen von ihm fort, wie sie es immer getan hatten und wohl auch immer tun wĂŒrden.