So, nun hat es doch um einiges lĂ€nger gedauert, bevor ich wieder dazu komme, den nĂ€chsten Newsletter auszuschicken. So einiges ist passiert, und auch die (nahe) Zukunft sieht mittlerweile sehr ansprechend aus. Aber der Reihe nach 🙂

Buch-VerkĂ€ufe/RĂŒckmeldungen bisher sehr gut

  • Ich habe ĂŒberrascht festgestellt, dass ich offensichtlich eine Funktion bei Amazon aktiviert habe, die es einem jeden ermöglicht, die eBook-Version unbegrenzt kostenlos zu lesen. Je nach Anzahl der gelesenen Seiten bekomme ich dann aus einer Art Fond anteilig Tantiemen ausbezahlt. Also die Info gerne auch weiterleiten! Man kann kostenlos das ganze Buch lesen, auch wenn man keinen Kindle besitzt! Es gibt dazu eine Art Browser-Kindle-Reader, den man ĂŒber Amazon nĂŒtzen kann.Wobei natĂŒrlich die Taschenbuch-Variante um einiges lĂ€ssiger ist, und mit 15€ ist die ja auch durchaus leistbar.
  • 99 Menschen haben die 5 Tage-kostenlos-downloaden-eBook-Aktion im November genutzt. Auch wenn damit mein Ziel von 100 verfehlt wurde, darf man wohl durchaus zufrieden sein 🙂
  • Seit Verkaufsstart habe ich >60 Exemplare des Buches verkauft, zum grĂ¶ĂŸten Teil direkt. Zumindest derzeit kommt es auch weiterhin alle paar Tage vor, dass jemand ein weiteres Exemplar haben will. Damit sind meine Druckkosten schon nach 2 Monaten zum Großteil abgedeckt.
  • Die RĂŒckmeldungen zum Buch sind durch die Bank sehr positiv, und es wird offensichtlich auch weiterempfohlen.
  • Was leider noch nicht so klappt, ist das Hinterlassen von Amazon-Rezensionen, obwohl ziemlich viele gemeint habe sie machen das gerne. Wobei mir auch rĂŒckgemeldet worden ist, dass einige das Buch wie einen guten Wein genießen – in kleinen “Schlucken”, um jede Geschichte auch gut “einwirken” zu lassen. Möglicherweise sind die meisten auch schlicht noch nicht “durch” mit dem Buch. Wobei ich diese z.B. schon ziemlich genial fand (Auszug hier):Eine Schatzkiste voller Erfahrungen und Erlebnissen, zumeist aus einer fast neutralen ErzĂ€hlperspektive geschildert, gibt dem Leser genau deshalb umso mehr Raum, SICH selbst einzuschwingen, hinein zu versetzen, sich wieder zu finden
 in all die kleinen, oftmals unauffĂ€lligen, leisen Geschichten, die das Leben eben so schreibt.Das Erstlingswerk des jungen Autors hat bei mir daheim einen fixen Platz auf meinem NachtkĂ€stchen gefunden. Da darf es nun liegen und wirken. Ich lese – mit Bedacht – nur ab und an eine der vielen Geschichten. Ärgere mich manchmal ĂŒber gewisse „Enden“…weine vor Freude, mich verstanden zu sehen…spĂŒre Traurigkeit und Schmerz…lache laut auf, weil Menschen ja wirklich manchmal so extrem komisch und seltsam handeln, denken, fĂŒhlen.Niklas BaumgĂ€rtlers Sprache empfinde ich persönlich als einzigartige Mischung aus mĂ€rchenhaft blumig und knallhart analytisch.

    Meine 18jĂ€hrige Tochter hat auch schon darin geschmökert und vor allem die Story „Ein kleines grĂŒnes Pony“ bot uns beiden die Gelegenheit, generationsĂŒbergreifend ĂŒber Frauenthemen zu diskutieren…abendfĂŒllend und schön.

    Deshalb meine ich, dass das Buch geeignet ist fĂŒr Leser im Alter von 18 bis 105. Zirka.
    Habt Freude daran, ich lege es euch wĂ€rmstens ans Herz!”

     

  • Nach einigen Lesungen, die auch gut angekommen sind, spiele ich gerade mit dem Gedanken, mittelfristig einige der Geschichten “vorzulesen” und in der Form auf YouTube zu stellen. Falls da jemand Lust hat, sich stimmlich zu beteiligen: sehr gerne! Einfach melden 🙂

Tai Chi Kurs im FreiRaumWels wird gut angenommen

  • Der Tai Chi-Kurs, den ich im FreiRaumWels kostenlos anbiete, wird gut angenommen, auch wenn aufgrund der Feiertage bisher nur 2 Termine stattgefunden haben. Der nĂ€chste Termin ist der Montag, 21.1. um 18:30. Wenn alle kommen, die bisher schonmal da waren oder sich vorangemeldet haben, sind wir mit mir dann schon zu 7.
  • NĂ€chste Woche startet dann auch der Kurs fĂŒr Mitarbeiter einer Bank. Wer fĂŒr seine Mitarbeiter auch einen buchen will – einfach kontaktieren.

Aufnahme von 13 eigenen Songs

  • Diese Woche war meine Schwester fĂŒr zwei Tage zu Besuch und wir haben ziemlich nonstop 13 unserer selbst geschriebenen Songs aufgenommen. Einige erste RĂŒckmeldungen von Freunden/Bekannten denen ich die Aufnahmen zukommen habe lassen sind sehr positiv.
  • Deswegen werde ich im Laufe der nĂ€chsten Wochen/Monate wohl die Aufnahmen ĂŒber YouTube zur VerfĂŒgung stellen. Ihr findet die entsprechenden Links dann auf der Bunterrichten-FB-Seite. Kann aber noch ein wenig dauern, ich mach grad ziemlich viel gleichzeitig, und das hat gerade nicht oberste PrioritĂ€t.

Neue Artikel/Geschichten

Zwei weitere Leseproben aus dem Buch

Heute mal zwei sehr Mut-Macher-Geschichten, auch weil sie thematisch meine letzten paar Wochen schön wiederspiegeln. Und nochmal der Link zum Buch, wo man es kaufen bzw. auch einfach online lesen kann:

#16 Verbindungsprobleme

#16 Verbindungsprobleme

Es begann harmlos in der Straßenbahn. Eine junge Frau, ganz ins GesprĂ€ch mit einer Freundin vertieft, war beim Aussteigen in die sich bereits schließende SchiebetĂŒr geraten. Doch anstatt sich zu Ă€rgern, lachte sie darĂŒber und brachte ihn damit selbst zum Schmunzeln. FĂŒr den kurzen Moment, indem sie sich nun so gegenseitig anlĂ€chelten, bevor die Menge an missmutigen Menschen hinter ihr sie aus seiner Sicht schob, fĂŒhlte er ein GefĂŒhl von Verbundenheit mit dieser jungen Frau. FĂŒr den Bruchteil einer Sekunde waren sie Vertraute, fĂŒhlten sich weniger allein im Strudel der Zivilisation.

Noch den ganzen Tag ĂŒber fĂŒhlte er die Nachwirkungen dieses kurzen Zusammentreffens. Erst am nĂ€chsten Tag erkannte er an dem Fehlen des GefĂŒhls der Geborgenheit, wie einsam er sich tagtĂ€glich eigentlich inmitten all dieser Menschen fĂŒhlte.

Doch die Begegnung mit dieser jungen Frau, die er möglicherweise nie wieder sehen wĂŒrde, hatte ihn tiefer berĂŒhrt, als ihm anfangs bewusst war. Seine Schritte wurden sicherer, sein Gang aufrechter, und er fand plötzlich, inspiriert von dieser Begegnung, auch in sich den Mut, den Passanten in die Augen zu sehen. Viele wichen seinem Blick verschĂ€mt aus. Andere jedoch nahmen die Einladung an, und ihre Gesichter hellten mit dem seinen auf. Je öfter er Menschen ein LĂ€cheln schenkte, desto wohler wurde ihm ums Herz, desto verbundener fĂŒhlte er sich mit der Welt, die ihn umgab.

Es war fast, als wĂ€re der Schleier der Zivilisation von der Welt gefallen, um das wahre Antlitz der Menschen, die sich in ihr tummelten, zu enthĂŒllen. Das LĂ€cheln, das er aussandte, kam in vielen Nuancen zu ihm zurĂŒck. So manches Mal war es ein Ausdruck reinster Freude, manchmal melancholisch, und manchmal erzĂ€hlten ihm die Augen der LĂ€chelnden Geschichten von höchster Not und Verzweiflung. Und doch war ein jedes LĂ€cheln ihm lieb, ihm kostbar, weil es eine Verbindung schuf, die Freude verdoppelte und Leid leichter ertragen ließ. Es war ein beinahe göttliches Geschenk, und er ein Prophet, der es verkĂŒndete und unter die Menschen brachte.

Einst, als er aus seinem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kannte, ausgezogen war, um in die Stadt zu ziehen, hatte er lernen mĂŒssen, dass die StĂ€dter irritiert reagierten, wenn er sie grĂŒĂŸte und anlĂ€chelte. Hatte gelernt, sich an die unnahbare Masse anzupassen. Nun, innerlich gefestigt durch die Verbundenheit, die er durch die Masken der Passanten erspĂŒrt hatte, hatte sich etwas in ihm verĂ€ndert.

Und ausgehend von diesem jungen Mann, der tagein, tagaus durch die Straßen der Stadt zog, entstand bald eine regelrechte Lawine. Langsam, fast unmerklich, einer nach dem anderen, legten die StĂ€dter ihren schweren Panzer ab und begannen, fast schĂŒchtern, Kontakt mit ihren Mitmenschen aufzunehmen. Die GesprĂ€che in den öffentlichen Verkehrsmitteln wurden hĂ€ufiger, die Hilfsbereitschaft nahm zu, und die Menschen wirkten glĂŒcklicher.

Die junge Frau hatte er nie wieder gesehen. Doch ihr LĂ€cheln, Geschenk eines Augenblicks, verließ ihn nie mehr. Und mit einem jeden Augenpaar, das sich mit dem seinen traf, verstand er besser. Dass er nicht der einzige war, der den inneren Ruf vernommen hatte. Dass es wohl in einem jeden Menschen eine leise Stimme gab, die ihn die Liebe zu seinen Mitmenschen fĂŒhlen ließ.

Und obwohl es ebenso in einem jeden Menschen die Stimme der Angst gab, die ihn davor zurĂŒckschrecken ließ, seine Mitmenschen, seinen NĂ€chsten, wirklich zu lieben: Ein jedes LĂ€cheln hatte die Macht, die feine Balance zwischen Liebe und Angst zugunsten der Liebe zu verĂ€ndern. Hatte die Macht, die Angst zu ĂŒberwinden, die die Menschen voneinander trennte, um zwischen ihnen BrĂŒcken der Begegnung zu erbauen.

Und damit die Macht, in vielen kleinen Augenblicken die Welt zu verÀndern.

#95 Inseln im Alltag

Gegen sechs Uhr zogen die beiden los. Der eine hatte sich zurechtgemacht, Jeans, Sakko, schön gestriegelt, gepflegt. Hatte sich eine schwarze Kiste umgeschnallt, die er nun abwechselnd laut lachend und vorsichtig auftretend – sichtlich nervös – ĂŒber die BrĂŒcke trug. Der andere, im Kontrast, mit weit hinabhĂ€ngenden Hosen, gemĂŒtlichem Pullover und der charakteristischen Halskette aus geschliffenem Holz. SorgfĂ€ltig auftretend, das Gewicht des Rucksacks und der lĂ€nglichen schwarzen Tasche tĂ€nzelnd mit seinen nackten FĂŒĂŸen ausbalancierend, scherzte auch er mit dem Freund. Sie hatten sich erst vor einigen Wochen zum ersten Mal getroffen und auf Anhieb verstanden. Nun war die Zeit reif, sich auch kennenzulernen.

WĂ€hrend der Freund sich neben eine Ă€ltere Dame auf eine der zahlreich vorhandenen BĂ€nke setzte, durchsuchte er seinen Rucksack. NatĂŒrlich hatte er in seiner Vorfreude wieder einmal nicht daran gedacht, Papier mitzunehmen, auf dem genug Platz war. GlĂŒcklicherweise fand er einen Klebestreifen und fertigte kurzerhand selbst eine Lösung. Ein paar alte Farbstifte waren alles, was zusĂ€tzlich noch notwendig war. Am Ende nutzte er den ĂŒbrig gebliebenen Platz auf dem mit Hilfe des Klebestreifens kunstvoll vergrĂ¶ĂŸertem Papier, um noch einen lachenden Smiley hinzuzufĂŒgen. Die Ă€ltere Dame blickte dem Treiben interessiert zu und ließ sich den Plan erklĂ€ren. Sie könne zwar nur ein bisschen Englisch, aber „Hugs“ sei definitiv nicht richtig, das wĂŒrde niemand verstehen, meinte sie. Und ob der junge Mann mit seinem improvisierten Free-Hugs-Plakat denn schwul sei, dass er bereit war, wildfremde MĂ€nner einfach so zu umarmen?

Etwa zwei Minuten spĂ€ter kamen ein Ă€lterer Herr und eine Frau auf ihn zu und umarmten ihn ĂŒberschwĂ€nglich. Ein kurzes GesprĂ€ch spĂ€ter hatte er eine Visitenkarte des Mannes und eine Einladung zu einem Symposium in seiner Tasche verstaut. Eine Frau stoppte ihr Rad, umarmte ihn und erzĂ€hlte, sie hĂ€tte so einen langen Tag gehabt, das wĂ€re das Beste, was ihr heute noch hĂ€tte passieren können. Eine Gruppe fĂŒr den DurchschnittseuropĂ€er schwer dem korrekten Lande zuordbarer Asiaten passierte ihn in höflichem Sicherheitsabstand. Blieb dann einige Meter entfernt stehen, zĂŒckte kollektiv diverse Handys und Tablets und schickte diejenige junge Frau, die sich am wenigsten dagegen wehrte, fĂŒr eine Umarmung zu ihm, wĂ€hrend der Rest der Gruppe die Begegnung johlend filmte. Immer wieder kamen junge Frauen und MĂ€nner aus dem nahen McDonalds-Restaurant gerannt und wollten ihn ebenso umarmen.

Die Ă€ltere Dame war mittlerweile verschwunden (wohl auch, da ihre Argumente, niemand wĂŒrde „Hugs“ verstehen und man mĂŒsse schwul sein, das zu machen, nicht mehr haltbar schienen) und der Freund mittlerweile aufgestanden. „Komm, trau dich, so unentschlossen herumstehend siehst du noch viel dĂ€mlicher aus!“, meinte er lachend zu dem gestriegelten Freund. Zwei Minuten spĂ€ter waren es nun zwei junge MĂ€nner, die in den nĂ€chsten Stunden Momente der Innigkeit, des Innehaltens mit Fremden wechselten. Manche der Umarmten suchten danach rasch das Weite, fast beschĂ€mt ĂŒber ihren Mut, andere blieben eine Weile und ließen sich auf ein GesprĂ€ch ein.

Zwei junge MĂ€dchen und ein Junge blieben am lĂ€ngsten, und als er meinte, es wĂŒrde langsam dunkel und niemand könne die Plakate mehr lesen, waren sie begeistert, als aus den schwarzen Taschen Musikinstrumente zum Vorschein kamen. Über eine Stunde spielten sie noch gemeinsam Lied ĂŒber Lied, bis es spĂ€t geworden war und ein aus vollen Kehlen gebrĂŒlltes „I wĂŒ ham noch FĂŒrstenföd!“ das Ende ankĂŒndigte. Herzlich verabschiedete man sich voneinander, tauschte Kontaktdaten aus, freute sich auf ein mögliches baldiges Wiedersehen. Erst jetzt erkannten sie, dass sie bislang voneinander nicht einmal die Namen gewusst hatten.

Aber auf den Inseln im Alltag herrschten eben andere Gesetze.

 

Ich hoffe ihr hattet auch einige schönen Wochen bisher – meine waren trotz einer etwas hartnĂ€ckigen ErkĂ€ltung großteils super 🙂
Bis zum nÀchsten Mal!

Niklas

Hallo liebe bunterrichten-Freunde,

es gibt so einiges zu erzĂ€hlen – hier eine erste Übersicht:

Komplett-Überarbeitung der Webseite

So manchem wird wohl schon aufgefallen sein, dass sich die bunterrichten-Webseite im Laufe der letzten Wochen stark verĂ€ndert hat. Das wird auch in Zukunft noch so weitergehen, aber der grĂ¶ĂŸte Brocken ist erstmal geschafft.

Wer den Verlauf nachvollziehen möchte, kann dies hier tun. Das ist der Link zum Anfang einer Artikel-Serie, innerhalb der ich einige Hintergrund-Informationen zum Prozess zusammengeschrieben habe. Mag ja den einen oder anderen interessieren.

Achtung: alle bisherigen Abonnenten werden in den nĂ€chsten Tagen in die Mail-Liste des neuen Newsletters ĂŒbertragen, die alten Beitrags-Benachrichtigungen verfallen. Du bekommst damit nicht mehr sofort eine Mail, wenn ein neuer Beitrag einer bestimmten Kategorie erscheint, sondern stattdessen 1x alle 1-2 Wochen eine Art “Zusammenfassung” des Geschehens. Man kann sich wie bisher einfach ĂŒber den Link in der Mail davon abmelden, wenn man keine Benachrichtigungen mehr erhalten möchte.

Mein erstes Buch: “Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter”

Die wichtigste Neuigkeit, oder zumindest die, auf die ich am meisten stolz bin: in gut 4 Wochen erscheint mein erstes Buch! Es trĂ€gt den stolzen Titel “Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter”, und wenn man den vielen Testlesern glauben darf, ist es “verdammt gut” geworden 🙂

Im Laufe der nĂ€chsten Wochen werde ich dann ĂŒber diesen Newsletter jeweils 2 Geschichten aus dem Buch veröffentlichen, eine davon mit Illustration meiner lieben Freundin Kordula, die einige der Geschichten fĂŒr das Buch illustriert hat.

Hier gleich mal die ersten zwei, zum Vorfreude wecken:

#Niemand hÀtte etwas tun können

#12 Niemand hÀtte etwas tun können

Er war ein Niemand der Straße. Einer der Gesichtslosen, die der unaufmerksame Passant sofort als Penner aus seiner Wahrnehmung verbannte. Der gedankenverloren Melodien aus besseren Tagen nachsann und sich selbst auf seiner alten, nicht mehr stimmbaren Gitarre begleitete.

Lange schon hatte er verstanden, dass es ohnehin niemanden interessierte, wie gut er spielte oder wie genau er einen Ton traf. Manche warfen ihm etwas in den Hut, andere gingen achtlos an ihm vorbei, aber was er tat, interessierte niemanden. Das Geld, das gerade eben zum BesĂ€nftigen des Hungers reichte, bekam er bedingungslos. Alles, was er darĂŒber hinaus brauchte, etwa um die Miete fĂŒr ein Zimmer zu bezahlen oder gar so etwas wie tatsĂ€chlich beachtet zu werden, war ihm seit zu vielen Jahren verwehrt geblieben, als dass er sich noch Hoffnungen darauf machte.

Umso mehr verwunderte es ihn nun, als er aufblickte und ein junges MĂ€dchen mit vielleicht neunzehn Jahren vor sich stehen sah. Eine Weile lauschte sie still seiner Musik, und fast fĂŒhlte er so etwas wie eine Verbindung zwischen ihnen aufkommen.

Doch das war natĂŒrlich lĂ€cherlich. Das MĂ€dchen war gut gekleidet, kam sichtlich aus einem völlig anderen Umfeld als er selbst. Vielleicht war sie eine Sozialarbeiterin, die ihm eine Freude machen wollte. Eigentlich war es ihm ja auch gleichgĂŒltig. Er spielte, sie hörte zu, und der Regen, der auf das Wellblech seines Unterstandes trommelte, lieferte den Rhythmus fĂŒr seine Melodien.

Erst als sie bereits lange gegangen war, kam ihm ein Gedanke, fĂŒr den sein sozial eingerostetes Empfinden zu lange gebraucht hatte, ihn zu formen, als dass er noch etwas unternehmen hĂ€tte können: Nur ein Mal in seinem Leben hatte er solch traurige Augen an solch einem Kind gesehen. Es war eine Traurigkeit gewesen, die ihn trotz all der Jahre der Lethargie nun in einer Weise zu ĂŒberfluten drohte, wie es der nie zu enden scheinende Regen niemals vermocht hatte.

Es waren dieselben Augen wie damals gewesen. Damals, als er zu beschÀftigt gewesen war, in diese Augen zu blicken, um das drohende Ende zu sehen. Er hÀtte sie retten können, damals. HÀtte seine Frau retten können, und sich selbst mit ihr. Doch er war zu beschÀftigt gewesen. Nun lag sie unter der Erde, und er war von einem Jemand zu einem Niemand geworden.

Ein Niemand, der gerade die Chance, den Fehler seines Lebens wiedergutzumachen, verstreichen lassen hatte, weil er die Kluft zwischen diesem Kind und sich selbst als zu weit gewÀhnt hatte. Es waren dieselben Augen gewesen. Augen, die still nach Hilfe schrien. Sie war zu ihm gekommen, weil sie sich in seinen Augen erkannte.

Überall glaubte er nun sie zu sehen, als Schatten im Nebel, entlang der Ufer des Flusses stehen, bereit, sich hineinzustĂŒrzen, oder auf den Schienen liegend. Er rief in die Dunkelheit, verfolgte Schatten, doch er wusste, dass er sie nicht finden wĂŒrde.

In ein paar Tagen wĂŒrde er in einer der Gratis-Zeitungen lesen, dass ein junges MĂ€dchen tot aufgefunden worden war, aus gutem Hause, ohne ersichtlichen Grund, und Tage darauf wĂŒrde die Welt sie vergessen haben. Doch ihn wĂŒrden diese Augen verfolgen, wohin er auch wanderte.

Denn zum ersten Mal seit Jahren hÀtte Niemand etwas tun können.

Diese und mehr Geschichten findest du in meinem Buch “Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter”.

#42 Das Amulett

„Möge es dich begleiten“, hatte der Freund gemeint, und ihm das Amulett in die Hand gedrĂŒckt, „ich habe es dir aus Nepal mitgebracht“. Es war nicht irgendein Mann gewesen, sondern derjenige, dessen Geschichten ihn stets beeindruckt hatten. Geschichten von fernen LĂ€ndern, von sozialen Projekten.

Es war der Mann gewesen, der „Ingenieure ohne Grenzen“ ins Leben rufen wollte, eine Schwesterorganisation der bekannten Ärzte ohne Grenzen, die freiwillige Ingenieure aller Nationen um sich versammeln wĂŒrde, um in Ă€rmeren LĂ€ndern fĂŒr eine flĂ€chendeckende Versorgung mit Wasser, Strom und weiterer Infrastruktur zu sorgen.

Alle paar Monate jedoch wĂŒrde er zurĂŒckkehren, zu jenem Ort, an dem sich ihre Wege immer wieder aufs Neue zu kreuzen pflegten. Nun wĂŒrde er wieder fĂŒr einige Monate abreisen, und den JĂŒngeren trĂ€umend zurĂŒcklassen, selbst ebenso eines Tages die Welt zu verĂ€ndern.

Jeden Morgen, wenn er aufwachte, wĂŒrde er es nun um seinen Hals fĂŒhlen, das Amulett des Älteren, und von einer Zukunft trĂ€umen, in der er selbst einer jener MĂ€nner sein wĂŒrde. Sein Geist begleitete ihn durch den Tag, leitete ihn durch schwierige Entscheidungen, war da fĂŒr ihn wie ein gĂŒtiger Vater. Lange hörte er nichts von dem Anderen, und doch fĂŒhlte er sich nicht allein gelassen, fĂŒhlte sich beschĂŒtzt, begĂŒnstigt, beinahe auserwĂ€hlt. Hatte nicht er jenes Amulett erhalten, war es nicht seine Bestimmung, dem Älteren nachzufolgen, Großes zu leisten?

Und so hatte er dann auch seine Ängste ĂŒberwunden, war in die Ferne gereist, um das Leid mit eigenen Augen zu sehen, von dem der Freund so oft gesprochen hatte. Es war nicht genug, sich ĂŒber etwas zu beschweren. Nein, er wĂŒrde handeln, wĂŒrde helfen, wĂŒrde heilen und gesund machen. Also bereiste er ferne LĂ€nder, gab den Armen und suchte ihre NĂ€he. Suchte, einer von ihnen zu werden, auf dass er sie aufrichten, dass er ihnen Hoffnung schenken konnte.

Das Amulett war immer bei ihm, schenkte ihm Kraft, wo der Wille schwach zu werden drohte. Was war sein Leid gegen das Leiden der mittellosen Massen, was war seine selbstgewÀhlte Marter gegen die Machtlosigkeit der Trostlosen? Er war so schwach, so lÀcherlich schwach angesichts des Leids, das ihm entgegenschwappte! Sein Wille musste eisern sein, durfte die Hoffnung nicht aufgeben, musste den Massen ein Leuchtfeuer der Hoffnung im Dunkel ihrer Armut sein.

Und so lernte er mit der Zeit, das Leiden auszuhalten, ihm zu widerstehen und den Massen zu helfen. Sich und ihnen geistige FreirÀume in ihrer Not zu schaffen, von denen aus sie ihr Schicksal in die Hand nehmen konnten. In einem umgebauten Bus fuhr er in die Favelas, um den Armen TrÀume zu schenken.

Als er Jahre spĂ€ter wieder zu jenem Ort, an dem er einst das Amulett erhalten hatte, zurĂŒckkehrte, wirkte er gezeichnet von seinen Erfahrungen in der Fremde. Doch die Jahre hatten ihm auch tiefe LachgrĂŒbchen geschenkt, und sein Schritt, nun etwas gefestigter, war von kraftvoller Federung.

Kaum jemand erkannte in ihm noch den JĂŒngling von einst mit der unsicheren Stimme und den vertrĂ€umten Augen. Das Lederband, mit dem er das Amulett einst um seinen Hals befestigt hatte, war gerissen, das Amulett verloren, doch der Geist des Älteren noch lebendig wie am ersten Tag.

Und so war es fĂŒr ihn ein Schock, den Anderen so an jenem Ort wiederzutreffen, an dem er vor so vielen Jahren einst das Amulett erhalten, das ihn auf seinen Weg gebracht hatte. Der alte Freund, der ihm den Weg gewiesen, wirkte verstört, sein Blick war gehetzt und der untere Teil seines Gesichtes auf seltsame Art und Weise nach vorne verschoben.

Er hatte genĂŒgend Zeit in den Untiefen der Favelas verbracht, um zu erahnen, was geschehen war. Irgendwann auf seiner Reise musste der Ältere den gefĂ€hrlichen Lockungen erlegen sein, die ihm von Entspannung und Frieden flĂŒsterten. Opium vielleicht. Oder Heroin. Seine Hand umklammerte das kleine Halsband in der Tasche, das er von dem Artensano in Bolivien fĂŒr den Freund erstanden hatte, und das er dem großen Vorbild als Zeichen seiner Dankbarkeit hatte schenken wollen.

Als er es dem Älteren umlegte, klĂ€rten sich die Wolken in dessen Augen fĂŒr kurze Zeit. Ein LĂ€cheln zog sich ĂŒber sein Gesicht, als er die LachgrĂŒbchen des JĂŒngeren ausmachte.
„Danke, dass du mich wieder zu lachen gelehrt hast“, sagte der Ältere.
„Danke, dass du mich einst zu leiden gelehrt hast“, erwiderte der JĂŒngere.

Und zusammen staunten sie ĂŒber die unergrĂŒndlichen KreislĂ€ufe des Lebens, die sie beide, das Leiden und das Lachen, immer wieder zusammenzufĂŒhren pflegte.

Diese und mehr Geschichten findest du in meinem Buch “Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter”.

Ich brauche eure Hilfe – und was auch du davon hast

Ab Erscheinungsdatum ist das Buch fĂŒr 5 Tage lang als eBook kostenlos auf Amazon downloadbar. Das sollten möglichst viele Menschen, die sich dafĂŒr interessieren könnten, im Vorfeld mitbekommen. Bitte erzĂ€hl daher Freunden & Bekannten davon, bzw. teile diesen Newsletter mit deinen sozialen Netzwerken. Du kannst dafĂŒr auch diesen Link benutzen, der fĂŒhrt direkt zum Facebook–Beitrag, den du dann mit einem Klick an dein Netzwerk teilen kann:

Jeder, der auf Amazon eine Bewertung zum Buch schreibt (was nach Download der kostenlosen eBook-Version möglich ist) und mir den Link zur Bewertung als Nachweis per Mail zukommen lĂ€sst, erhĂ€lt von mir als Dankeschön einen Rabatt-Gutschein von 2€ auf die Taschenbuch-Version.

Ab 100+ so zustandegekommenen Bewertungen erhĂ€ltst du von mir als Dankeschön stattdessen einen Rabatt-Gutschein von 4€ auf die Taschenbuch-Version. So haben wir alle was davon.

Ich werde – weil ich Spam-Mails ebensowenig mag wie andere auch – einen jeden meiner Freunde & Bekannten genau 1x direkt anschreiben. Wer weiter ĂŒber das genaue Erscheinungsdatum informiert werden möchte: bitte entweder selbststĂ€ndig hier vorbeischauen, was es Neues gibt, oder rechts den Newsletter abonnieren. Und auch gerne andere auf diese Möglichkeit aufmerksam machen. Wenn das zumindest jeder Zweite von euch macht, hat das Buch realistische Chancen, das Publikum zu erreichen, das es auch verdient hat.

Ich werde 250-300 Taschenbuch-Exemplare drucken lassen, daher man kann auch Exemplare bei mir direkt erwerben. Vorbestellungen (eine Mail mit Name + Anzahl der gewĂŒnschten Exemplare reicht) werden bevorzugt behandelt und kommen womöglich (je nachdem, wie lange der Druck dauert) sogar schon vor dem offiziellen Release-Termin an. In dem Fall erhalten alle Vorbesteller von mir entsprechend Nachricht.

So, das wars erstmal von mir. Bis bald!
Niklas

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glĂŒcklich geworden waren. Es ĂŒberwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug fĂŒr ein „glĂŒcklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die RealitĂ€t hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spĂŒrte, sondern mit ihr unmissverstĂ€ndlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu ĂŒberdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glĂŒcklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den ZĂŒgen jener „GlĂŒcklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewĂ€hrten, in jene, die ordnungsgemĂ€ĂŸ gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen KomplexitĂ€t, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu fĂŒhren. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafĂŒr in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekĂ€uter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wĂ€hlen durfte, ursprĂŒnglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht fĂŒr eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war ĂŒberhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe fĂŒr sich allein beanspruchen wollten, ihn einschrĂ€nken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug fĂŒr alle da!“. Und lange, ĂŒber viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natĂŒrliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem FĂŒhlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabĂ€nderliche Essenz, und unbestĂ€ndige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war
 vergĂ€nglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war
 keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wĂ€hlen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser verĂ€nderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natĂŒrlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch ĂŒber Jahrtausende gelernt, WasserlĂ€ufe ein StĂŒck weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprĂŒnglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeintrĂ€chtigen. War das etwa, neben der FĂ€higkeit, unabhĂ€ngig der gerade sichtbaren Formen an die immerwĂ€hrende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die fĂŒr ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein wĂŒrden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemĂŒht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die BedĂŒrftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrĂ€ngt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefĂŒhlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen IdentitĂ€t, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschĂŒtzen vorgaben, hinter die Wörter, die die IdentitĂ€t des Einzelnen davor schĂŒtzten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch
 fand er sich bestĂ€tigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe NervositĂ€t und Freude spĂŒrte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurĂŒckkehrte. Hier war
 Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprĂŒnglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen ĂŒberhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen BedĂŒrfnisse der Betroffenen auch erfĂŒllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrĂŒckt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂŒckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂŒr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein LĂ€cheln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schĂŒrfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfĂŒhlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wĂ€hlen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂŒnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nÀchsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂŒchte darin? Was können wir daraus fĂŒr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂŒhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂŒhrt man andere so, dass sie eigenstĂ€ndig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂŒtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter VortrĂ€ge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

Nun also war der letzte Tag angebrochen.
Bis hierher hatte er es ganz gut ausgehalten. Hatte sich beschĂ€ftigt. Schließlich gab es noch so viel zu tun. Einkaufen. AufrĂ€umen. Abschließen, was knapp ein Jahr zuvor begonnen worden war. Ein Ende finden, das tragbar war, ĂŒbertragbar, in ein neues Jahr, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen. Das hier wĂŒrde weitergehen. Er wĂŒrde weitergehen. Nur die Wege, die wĂŒrden sich trennen.

Als die anderen eintrafen, wurde viel gesprochen, wurde wenig gesagt. Rasch merkte er, dass er niemals fertig werden wĂŒrde mit all dem, was er sich vorgenommen hatte. Einige der Kinder fingen von sich aus an, sich nĂŒtzlich zu machen. Manche Eltern erschienen, bereits frĂŒher als erwartet. Die RĂ€umlichkeiten, mit denen er ursprĂŒnglich geplant gehabt hatte ,standen nun spontan doch nicht zur VerfĂŒgung. Improvisieren. Sich beschĂ€ftigen. Nicht nachdenken. Bald war es vorbei.

Als der Junge die Gitarre aus der Hand gab, strahlte er, ein Lichtblick, verkannt im allgemeinen Trubel. Wochenlang hatte er auf diesen Moment hingeĂŒbt gehabt, hatte mit sich gerungen, ob er sich trauen sollte oder nicht. Hatte sich getraut. GlĂŒckwunsch! Auch die anderen kleinen Darbietungen der Kinder waren nun durch. Der Moment. Nun war es also soweit.

Eine Woche lang hatte er sich hingesetzt und sich jeden Tag vorgestellt, was er ihnen noch sagen wĂŒrde. Eine kleine Rede hatte er sich vorgestellt. „Was ich euch noch sagen wollte“. Was blieb zu sagen, in den wenigen Minuten? Wie in Worte fassen, was ihn schier zerriss?

Als er ansetzte zu sprechen, wurde es stiller, und als die Versammelten erkannten, dass er nicht laut sprechen wĂŒrde, völlig still. Es war schwierig zu sprechen, jedes Wort ein Kampf. Und plötzlich, in die Stille, das Klatschen einer der Jugendlichen. Er verlor irritiert den Faden, alles ZeitgefĂŒhl, und brachte seine Rede rascher zu Ende als geplant, weil er wĂ€hnte, bereits Stunden gesprochen zu haben.

SpĂ€ter entspannte sich die Stimmung etwas, und einige der Erwachsenen saßen recht gemĂŒtlich zusammen, wĂ€hrend die Kinder nebenbei spielten. Er fĂŒhlte sich elend, freute sich darauf, dass alles vorbei sein wĂŒrde, wollte es sich aber nicht anerkennen lassen.
„Ich bin heute ein wenig ĂŒberfordert“, meinte er entschuldigend.
„Ja, warum hast du uns denn dann nicht um Hilfe gebeten?“, hatte eine Ă€ltere Dame geantwortet.

Ja, warum nicht? Die Frage kam ihm nun, Monate spĂ€ter, wieder in den Sinn, und die Antwort, die ihm in den Sinn kam, war irritierend: es war ihm schlicht gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte die unausgesprochene Überforderung aller mit der Situation gespĂŒrt, und offenbar ganz automatisch versucht, sie fĂŒr alle anderen auszuhalten. Hatte anderen Sicherheit schenken wollen, wo er doch innerlich selbst derart zerrissen gewesen war.

Das war, rĂŒckblickend betrachtet, auch der wahre Grund gewesen, warum sich schlussendlich die Wege getrennt hatten. Er war nicht bereit oder fĂ€hig gewesen, seine eigenen Begrenzungen anzuerkennen, und entsprechend zu handeln. Er hĂ€tte frĂŒher fĂŒr ĂŒberschaubarere VerhĂ€ltnisse sorgen mĂŒssen, aber er hatte sich davor gescheut. Oder um Hilfe bitten mĂŒssen, und auch das war ihm offensichtlich damals noch nicht gelungen. Wozu diese ohmĂ€chtigen Allmachts-Fantasien von Ich-komme-schon-zurecht?

SpĂ€ter hatte man ihm erzĂ€hlt, der klatschende Jugendliche wĂ€re ehrlich begeistert gewesen von seinen Worten. Gern hĂ€tte er dem Jungen nachtrĂ€glich dafĂŒr gedankt.

Ein bisschen lĂ€cherlich fĂŒhlte er sich schon. Seit lĂ€ngerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsĂ€chlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes PhĂ€nomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und ĂŒber die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafĂŒr aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes GegenĂŒber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfĂ€hrigere GefĂ€hrten fĂŒr seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geĂŒbt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwĂŒhlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale StĂ€rke, als ĂŒberragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwĂŒnschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdĂ€chtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner ÜberschĂ€tzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese hĂ€ufig AbhĂ€ngigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst ĂŒberflĂŒssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spĂŒrte er auch, dass es nun kein ZurĂŒck mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefĂŒhlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfĂŒhlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lĂ€chelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

Es war einmal eine junge Frau, die in der NĂ€he eines großen Waldes eine kleine HĂŒtte hatte, in der sie seit ihrer Jugend lebte. Wenn die ersten Nebel aufzogen, pflegte sie jedes Jahr in den Wald zu gehen und einen guten Vorrat fĂŒr den Winter anzulegen, damit sie nicht frieren musste. Als sie also eines Tages aufwachte und die prĂ€chtigen Farben der BlĂ€tter um sie erblickte, machte sie sich auf den Weg. Es war ein schöner, langer Sommer gewesen, nun freute sie sich auf eine ruhige Zeit, immer schön nah am knisternden Feuer. Und viel, viel Zeit.

Nach einer Weile des Wanderns war sie an der Stelle im Wald angekommen, wo sie guten Fund vermutet hatte, und tatsĂ€chlich gab es auch dieses Jahr wieder eine FĂŒlle an gutem, trockenem Holz. Sie sammelte einige StĂŒcke zusammen und band sie mit dem alten Seil, das sich in langen Jahren bewĂ€hrt hatte, zusammen.

Auf dem Heimweg traf sie einen Ă€lteren Herrn, der einen Baum prĂŒfend ansah. „Junge Dame“, rief er ihr zu, „ich sehe, Sie haben bereits gutes, brennbares Holz gefunden? WĂŒrden Sie so freundlich sein, mir davon abzugeben? Sehen Sie, ich bin ein alter Mann, und fĂŒr mich ist der Weg sehr weit.“ Die junge Frau freute sich, behilflich sein zu können, und brachte ihm das Feuerholz noch bis zu seiner HĂŒtte, bevor sie sich wieder auf den Weg zurĂŒck in den Wald machte, um fĂŒr sich selbst Nachschub zu holen.

Nur wenig spĂ€ter traf sie ein kleines MĂ€dchen, das sich an einem großen Stock abschleppte. „Na, wo soll es denn hingehen?“, fragte sie sie. „Nach Hause zu meinen Eltern“, erwiderte das MĂ€dchen, „mein Vater ist krank und meine Mutter pflegt ihn, also bleibe nur ich ĂŒbrig, um Holz fĂŒr den Winter zu suchen“. „Na dann lass mich dir helfen“, sagte die junge Frau, und begleitete das MĂ€dchen nach Hause. „Hier, nimm noch diese StĂŒcke hinzu! FĂŒr mich ist es doch viel leichter, neues zu holen.“

Bald darauf war sie schon beinahe an ihrer Lieblingsstelle im Wald angelangt, als sie einen jungen Mann traf, der mit nur mĂ€ĂŸigem Erfolg einen Baumstumpf kleinzukriegen versuchte. „Wenn du noch zehn Minuten mit mir mitgehst, findest du bessere Arbeit fĂŒr deine Axt“, schlug sie ihm vor, „und mit dem Korb, den ich geflochten habe, können wir auch mehr transportieren“. Der junge Mann war sichtlich erfreut, und die gemeinsame Arbeit ging ihnen gut von der Hand. Nachdem sie die ersten drei Körbe voll zu dem jungen Mann nach Hause gebracht hatten, war er mĂŒde und bat sie, am nĂ€chsten Morgen wiederzukommen, damit sie gemeinsam auch ihren Bedarf decken wĂŒrden können.

Als sie am nĂ€chsten Morgen an der HĂŒtte klopfte, öffnete ihr eine alte Frau. „Hier wohnt kein junger Mann“, meinte sie ĂŒberrascht. „Aber wer hat mit mir dann gestern das ganze Holz hier abgeladen?“, fragte die junge Frau ebenso erstaunt. „Das weiß ich nicht, ich war nicht zuhause, Liebste. Bezahlt habe ich dafĂŒr wie jedes Jahr im Voraus, und das Holz wird dann eben frĂŒher oder spĂ€ter geliefert“.

Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte die Frau, wĂ€hrend sie sich wieder einmal auf den Weg in den Wald machte. In den letzten Tagen war es spĂŒrbar kĂ€lter geworden, und sie hatte noch kein einziges StĂŒck Holz fĂŒr ihre eigene HĂŒtte nach Hause bringen können. Sie traute ihren Augen kaum, als sie an ihre Stelle kam: der Ort war doch tatsĂ€chlich weitrĂ€umig umzĂ€unt. Als sie nĂ€hertrag, erkannte sie ein Schild, auf dem etwas von einem neuen EigentĂŒmer stand, und dass das Betreten verboten sei.

Jetzt reicht es aber, dachte die Frau und wollte kurzerhand die Absperrung ĂŒberwinden, doch eine Stimme wies sie zurĂŒck: „Nicht so rasch, meine Liebe! Dies hier ist Privatgrund. Kein Zugang!“ Der Gesichtsausdruck des WĂ€chters sagte ihr, dass ein Diskutieren wenig Sinn haben wĂŒrde, trotzdem setzte sie an: „Aber das war immer schon mein – “
„Gewöhnen Sie sich daran. Ist alles rechtens. Wenn Sie wollen, hab ich’s auch schriftlich irgendwo hier.“
„Nein Danke, ich glaub’s Ihnen auch so.“

Ihr fröstelte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich die Farbe der BlĂ€tter immer mehr einem prophetischen Braun angenĂ€hert hatte. Plötzlich fĂŒhlte sie sich alt, verdorrt, wie ein alter Baum, den der Winter ĂŒberrascht und der seine LebenssĂ€fte nicht rechtzeitig in die Wurzeln retten hatte können. Die Pilze auf den alten BaumstĂ€mmen ĂŒberlebten eigentlich immer irgendwie. Nicht so ihr Wirt.

„Sie können auch Holz kaufen. Ist nicht allzu teuer.“, meinte der WĂ€chter, den wohl ihre Verzweiflung nun doch zu rĂŒhren schien.
Nein, konnte sie nicht. Sie war bisher stets ohne Geld ausgekommen, hatte nie gelernt, wie es zu erlangen sei. Wozu auch? Die Welt sorgte fĂŒr ihre Geschöpfe. So war es bisher doch immer gewesen! Wortlos drehte sie sich um und ging stolpernden Schrittes zurĂŒck in Richtung ihrer HĂŒtte.

Sie musste sich in ihrer Überforderung verlaufen haben, denn auch nach einigen Stunden des Wanderns fand sie sich noch nicht zuhause wieder. An einigen HĂŒtten hatte sie angeklopft und gefragt, ob sie sich wohl eine Weile aufwĂ€rmen dĂŒrfe, aber niemand hatte ihr aufgemacht, niemand schien gewillt, wertvolle WĂ€rme mit ihr zu teilen. Was gĂ€be ich jetzt fĂŒr ein warmes Feuerchen zuhause!, dachte sie verbittert. Doch das Holz hier war feucht, zu nichts nutze, und es war fraglich, ob sie in der KĂ€lte noch rechtzeitig nach Hause finden wĂŒrde, um ihre kaum mehr fĂŒhlbaren Glieder aufwĂ€rmen zu können. Hier war ich noch nie, dachte sie verblĂŒfft. Und die ganze Hilflosigkeit ihrer Situation ĂŒberwĂ€ltigte sie dermaßen, dass sie in das nasskalte Gras sank und mit einer seltsam gefĂŒhllosen Verwunderung erkannte, dass sie nicht mehr imstande sein wĂŒrde, noch einmal aufzustehen.

Erste Schneeflocken bedeckten das Tal, bedeckten die einsame Gestalt und ihr Schicksal. Vereinzelt stiegen Rauchschwaden aus den HĂŒtten hervor, wo man eng zusammengekuschelt zusammensaß und von einem warmen FrĂŒhling trĂ€umte.

„Ich will gerade nicht mehr darĂŒber sprechen“, meinte sie, und am anderen Ende blieb es tatsĂ€chlich still. Die Pause zog sich in die LĂ€nge, die Worte wollten sich nicht bilden. Atem besetzte die Leitung.

„Ich möchte dir etwas Seltsames beschreiben“, setzte er an, hoffend, durch eine Einleitung in Fluss zu kommen, „Je mehr ich dir zugehört habe, desto weniger konnte ich etwas fĂŒhlen.“
„Weißt du, ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr Ă€hnlich.“

Plötzlich kehrte das GefĂŒhl in seinen Körper zurĂŒck. Schmerzhaft.
„Ich glaube, du hast Recht“, murmelte er nachdenklich, „der einzige Unterschied war – “
Die Leitung war tot. Verzweifelt drĂŒckte er die Anruftaste. Noch einmal. Es hatte keinen Zweck.

Rationale Nachdenklichkeit wich zunehmend emotionaler Betroffenheit. Warum musste die Verbindung auch gerade jetzt abbrechen? Rastlos bewegte er sich in der Wohnung umher, setzte sich, stand wieder auf, nahm ein Buch zur Hand, las ein paar Zeilen, versuchte es noch einmal bei ihr, gab es auf. Fing an, Ordnung in der Wohnung zu schaffen, um sich zu beschÀftigen, abzulenken.

Ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr Àhnlich, hatte sie gesagt. Welche Verletzung? Es war doch normal, dass junge Erwachsene ab einem gewissen Alter unabhÀngig von ihren Eltern wurden, auf eigenen Beinen standen. Was hÀtte ihn daran verletzen sollen?
Du hast den Schock des Eintritts in das Arbeitsleben noch nicht ganz ĂŒberwunden. Wann hatte er diesen Satz gehört, und warum zerrte er gerade dermaßen an seinem Bewusstsein? Warum Schock? Warum Verletzung, bei einem so natĂŒrlichen Übergang in die SelbststĂ€ndigkeit und Selbstbestimmtheit?

Selbstbestimmtheit! Zeit ihres Lebens hatte man ihnen erklĂ€rt, sie mĂŒssten sich anstrengen im Leben, gute Noten nach Hause bringen, um irgendwann einen guten Job zu ergattern, genug zu verdienen, um sich keine Sorgen machen zu mĂŒssen. Und nun? Bei einem Tag mit acht Stunden Schlaf, zwei Stunden fĂŒr Nahrungsaufnahme und Hygiene, acht Stunden Arbeit und eine Stunde Zeit fĂŒr den Transport von und zur Arbeit waren die restlichen fĂŒnf Stunden „freier“ Zeit auch schon beinahe vernachlĂ€ssigbar. Und erst das, was man gemeinhin „Urlaubszeit“ nannte: im Durchschnitt ganze fĂŒnf Wochen im Jahr, und selbst ĂŒber diese Zeit durfte man im Regelfall nicht frei verfĂŒgen. Und was bekam man im Gegenzug dazu? Solange man sich diesen Bedingungen beugte, durfte man – meist – hoffen, auch im nĂ€chsten Monat und Jahr unter Ă€hnlichen Bedingungen geduldet zu sein. Und hatte man gut gearbeitet, hatte man sich den Feierabend oder Urlaub „verdient“, hatte man sich einen Bruchteil der Zeit, die man auch ohne Arbeit zur VerfĂŒgung gehabt hĂ€tte, wieder „erarbeitet“. Welch Irrsinn so ein „normales“ Arbeitsleben im Grunde doch war, war die Grundbotschaft doch im Grunde ein „Sei, wie andere dich haben wollen, dann darfst du sein“.

„Was willst du einmal werden, wenn du mal groß bist?“ war man gefragt worden, und stolz, mit Hoffnung im Herzen, hatte man geantwortet, man werde Arzt, Techniker, Lehrer, Schriftsteller. Kinder wussten noch nichts ĂŒber das große Theater, das sich Arbeitswelt nannte. Die meisten wurden am Ende irgendeine Variation der ĂŒblichen Schauspieler und spielten ihre Rollen, ob sie sich nun Buchhalter, Arzt, Lehrer oder Marketing-Mitarbeiter nannten, bis sie im Alltag vergessen konnten, dass es auch hinter den Rollen einst noch etwas EigenstĂ€ndiges gegeben haben musste. Die nachdenklicheren unter ihnen schlitterten von Depression zu Depression oder vegetierten als Aussteiger dahin, die Anpacker-Typen bereiteten sich lĂ€nger auf die große Krise mit 50 vor oder hatten das zweifelhafte GlĂŒck, vorher abzukratzen, bevor sie erkennen konnten, wie wenig der so einzigartigen Chance, die sie ironischerweise „ihr Leben“ nannten, sie am Ende fĂŒr die ErfĂŒllung ihrer eigenen TrĂ€ume genutzt hatten. Welch geringen Unterschied ihre Existenz, ihre besondere Perspektive am Ende gehabt hatte, weil fĂŒr diese Welt nur zĂ€hlte, wie gut man seine Rolle spielte, nicht was man in und außerhalb der Rollen wahrnahm und mitzuteilen hatte.

Die Wunde, die Ursache fĂŒr den Schock war nicht die RealitĂ€t an sich gewesen, sondern dass sie es gewusst haben mussten. Dass sie jungen Menschen Hoffnung einflĂ¶ĂŸten auf ein Leben als selbstbestimmter „Erwachsener“, wohl wissend um ihre eigene Unfreiheit. Wir sind euch gefolgt, dachte er erschĂŒttert, wir sind euch vertrauensvoll gefolgt, weil wir dachten, ihr hĂ€ttet den Weg der Freiheit beschritten. Dabei habt ihr euch nur tiefer in Unfreiheit begeben, um eine Illusion fĂŒr uns aufrechtzuerhalten. Vielleicht dachtet ihr ja wirklich, wir wĂŒrden es einmal besser haben. Dass sich das Versprechen, dass man euch als Kind gegeben hatte, zumindest fĂŒr eure eigenen Kinder erfĂŒllen wĂŒrde, wenn die Welt es fĂŒr euch schon nicht halten wollte. Nein, ihr habt uns nicht absichtlich getĂ€uscht, unsere Wut richtet sich nicht gegen euch. Sie richtet sich gegen die Alternativlosigkeit, die ihr uns hinterlassen habt, weil ihr am Ende auch nicht wusstet was sonst.

Sein Handy klingelte, ihr Akku war wohl wieder aufgeladen.
„Es tut mir Leid, es liegt nicht an dir, dass ich darĂŒber so schwer sprechen kann“, meinte sie, „aber bei dem Thema werde ich so dermaßen traurig und wĂŒtend, das will ich nicht an dir auslassen.“
„Und deswegen schweigen wir darĂŒber?“
„Deswegen schweigen wir darĂŒber.“
Doch dieses Mal drÀngten sich Fragen in ihm auf.
„Was, wenn wir uns der Wunde stellen wĂŒrden?“
„Dann stellst du dich nicht nur deiner eigenen Wunde. Was glaubst du, was ich die letzten zehn Jahre deswegen alles durchgemacht habe? Menschen verbluten lieber innerlich, als das Blut sehen zu mĂŒssen. Wenn du das Schweigen brichst, reißt du ĂŒberall um dich schlecht verheilte Wunden auf.“
„Also geben wir die Wunde weiter, verstĂŒmmeln irgendwann auch unsere eigenen Kinder?“
„Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, wenn du es nicht tust? Bist du auf die Einsamkeit vorbereitet, die mit der Entscheidung einhergeht? Können unsere Kinder die Konsequenzen tragen, wenn du es nicht tust?“
„Sie werden Vorbilder brauchen. Echte Vorbilder. Die es wirklich geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen. Die sich nicht nur reicher, die sich nicht nur ein bisschen sicherer fĂŒhlen können, sondern die Wunde an sich heilen konnten.“
„Ich weiß nicht, ob es ein Heilmittel gi-“

Wieder war die Verbindung abgebrochen, doch dieses Mal fĂŒhlte er eine eigenartige Ruhe in sich. Beinahe hatte er das GefĂŒhl, den sanften Fall des Schnees hören zu können. Trat auf den Balkon, genoss die plötzliche KĂ€lte und die Stille der Winternacht.
Warum schweigen wir noch darĂŒber?
Warum gehen wir noch die selben Wege?
Warum schlagen wir uns tagtÀglich noch immer die selben Wunden?
Es war bereits dunkel, Menschen schliefen, bereiteten ihre Körper vor fĂŒr einen weiteren Tag als Schauspieler im wohl absurdesten je geschriebenen TheaterstĂŒck. Beinahe hatte er die Schwelle zum Alltag seines Zimmers bereits wieder ĂŒbertreten, da packte es ihn, und er trat noch einmal forschen Schrittes auf den Balkon. FĂŒhlte, wie sich ein Schrei den Weg aus seinem Innersten bahnte, ein Weckruf fĂŒr die Verschlafenen, die ihr Leben in dem so alltĂ€glichen DĂ€mmerschlaf der NormalitĂ€t vertrĂ€umten, nach all den EindrĂŒcken und Verformungen eines Lebens endlich Ausdruck, Sichtbarmachung, zerschmettert der Mantel des Schweigens. Niemand schien ihn zu hören, aber darum war es auch nie gegangen. Deutlich fĂŒhlte er nun das Fließen von Blut aus der frisch aufgerissenen Wunde in seinem Inneren, die seit fast zehn Jahren in ihm eiterte, schwĂ€rte und ihn schleichend vergiftete.
Es war zu spÀt, sie noch einmal anzurufen, deswegen tippte er stattdessen eine Nachricht:
Wenn es irgendwo in dieser Welt Heilung gibt, schrieb er, dann werden wir sie finden.

Zum ersten Mal seit Jahren schlief er wieder tief und vertrauensvoll, wie ein Kind.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen falsch zu stellen
Was hell ist, zu ergrellen
Bis blind wir alle sind
Die Namen sind gerufen
Sie fĂŒhlen sich berufen
Und geben ihren Rat

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Liebe wirft schon Schatten
Kalt, kÀlter wird der Atem
Wir bauen Kathedralen
Herrlich auszumalen
Kommen feierlich, zu beten
Geh‘n leise, schuldig, und betreten
Wir wohnen  nicht mehr hier.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich völlig zu verlieren
In zweien, dreien, vieren
Bis einsam wir uns wiederfinden
Erinnern uns der Lieder
Doch die Herzen schweigen wieder
Hat wohl nicht sollen sein

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich Zukunft auszumalen
Mit Worten, Geist und Zahlen
Sich in Zukunft zu verlieren
Nur Vergangenheit zu spĂŒren
Hör die Gegenwart, sie spricht:

Halt ein, du Wanderer auf Zeit
Lass hinter dir der Zukunft Eitelkeit!
Hör, was mein Moment dir spricht
Getrau dich, schau mein Angesicht!
Ich bin die Wahl, die du gern fliehst
Bin Potential, das du nicht siehst
Der Mensch – ein LĂ€ufer – lĂ€uft geschwind
Was kĂŒmmert’s ihn, wohin er ging?
Nun, wenn er will, so soll er leiden
Wer bin ich, Mensch, ihn dir zu neiden
Den Augenblick, den ich dir schenke
NĂŒtz ihn, lass ihn, fĂŒhle, denke –
Schenke, teile, liebe, gebe
Ruhe, schlafe, mĂŒh dich, strebe
Am Ende: alles einerlei
Irgendwann bin ich vorbei

Wie schnell es manchmal gehen mag
FĂŒr einen Augenblick zu spĂŒren
Was fĂŒr Leben wir so fĂŒhren
Welche Opfer wir erbringen
Welch‘ GefĂŒhle wir bezwingen
Weil wir glauben, dass wir sollten
Vielleicht auch glauben, dass wir wollten
Hab‘n wir uns doch “lĂ€ngst entschieden”
Und so geschickt den Augenblick vermieden

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen neu zu stellen
Und bangend Herzen zu erhellen
Das Licht zieht Motten an
Sie fĂŒhlen sich berufen
Solch Liebe zu verfluchen
Und geben ihren Rat
Doch Liebe ist und bleibt
Ein Akt der wiederkehrend Tat

„Ich habe ein neues Auto, da wird die Couch nicht reinpassen“, meinte er zu dem Freund, doch der winkte ab. „Die passt schon rein!“
Also waren sie zu der angegebenen Adresse gefahren, hatten geklingelt, und ein leicht abwesender junger Mann hatte geöffnet.
„Das ist sie also“, sagte der Freund, und: „Das ist sie“, der EigentĂŒmer. Und: „Sobald sie aus der TĂŒr ist, will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben.“
„Die passt niemals in mein Auto“, warnte er den Freund, doch der gab sich zuversichtlich: „NatĂŒrlich passt sie rein, du wirst schon sehen.“

Einige Minuten spĂ€ter standen sie vor der verschlossenen TĂŒr der Wohnung, nachdem sich der ursprĂŒngliche EigentĂŒmer mit einem Grinsen verabschiedet hatte.
„Und wie bringen wir sie jetzt die Treppe herunter?“, fragte er, Böses ahnend, den Freund, der einen weiteren Freund nannte. Ein Passant bot seine Hilfe an, und so truegen sie nun zu viert die Couch die zwei Stockwerke herunter in den Vorgarten.
„Lasst uns das Auto holen“, meinte er, und zum Freund, der unentschlossen dreinsah, „Wie groß ist die Chance, dass vier Diebe gleichzeitig hier in diesen Vorgarten kommen und in den paar Sekunden die Couch wegschleppen werden?“

NatĂŒrlich passte die Couch nicht in das Auto, nicht einmal ansatzweise, auch wenn der Freund darauf bestand, es zumindest zu probieren, was dem  Auto erste Gebrauchsspuren zufĂŒgte.
„Dann holen wir eben den Rollwagen“, entschied der Freund.
„Und schieben die Couch die ganze Strecke bis zu dir nach Hause?“, fragte er unglĂ€ubig.

Es musste ein ungewöhnlicher Anblick fĂŒr die Passanten gewesen sein, als drei lachende MĂ€nner mit einer Couch auf einem Rollwagen durch die ganze Stadt liefen, aber niemand sprach sie darauf an, wohl weil von außen schwerlich zu erkennen war, ob es ein ausgelassenes oder ein irrsinniges Lachen war. Angekommen in der Wohnung des Freundes entstand nun das nĂ€chste Problem: Die Couch passte nicht in den Lift, und als auch dieses Problem durch viel Schieben und der Hilfe eines zufĂ€llig vorbeikommenden Inders gelöst worden war, passte sie nicht durch die EingangstĂŒr der Wohnung.
„So, perfekt“, meinte der Freund, als auch dieses Problem mit ein wenig sanfter Gewalt ĂŒberwunden war.
„Die Couch besetzt gut 50% deiner WohnflĂ€che.“
„Meine neue Wohnung wird grĂ¶ĂŸer sein.“
“Dein Optimismus grenzt an Idiotie.”
“Die Dummen haben das GlĂŒck.”

„Ich brauche deine Hilfe!“, rief der Freund einige Wochen spĂ€ter durch das Telefon, „Ich muss heute abend ausgezogen sein!“
„Und das fĂ€llt dir erst jetzt ein?“, fragte er unglĂ€ubig.
„Hilfst du mir oder hilfst du mir nicht?“
„NatĂŒrlich. Wann soll ich da sein?“

Als er eintraf, hatte der Freund den Großteil seiner Sachen bereits gepackt, bis auf-
„Die Couch!“, rief er, sich erinnernd, aus. „Was machen wir mit der Couch?“
„Ein Freund wird sie morgen abholen. Heute hat er keine Zeit mehr.“
„Aber du musst doch heute die Wohnung ausrĂ€umen!“
„Wir stellen sie wo fĂŒr ihn unter.“

Einige Stunden spĂ€ter, als der Rest der Sachen des Freundes verstaut war, trieb jener GlĂŒckspilz noch spontan zwei Helfer auf, um die Couch auf dem Rollwagen aus der Wohnung zu bringen.
„Wohin bringen wir das Ding?“, fragte einer der Helfer, misstrauisch, als er sich auf einem kleinen Feldweg wiederfand.
„Ich wĂŒrde sie zum Supermarkt stellen, da kommen tagtĂ€glich viele Menschen vorbei. Irgendwer freut sich bestimmt darĂŒber“, meinte der Freund.
„Ich dachte, dein Bekannter holt sie sich morgen?“
„Vielleicht stellen wir sie auch hier hin. Hier ist es schön ĂŒberdacht und sie wird nicht kaputt, wenn es regnet.“
„Hast du zumindest eine Announce auf Ebay ode so geschaltet?“
„Das werde ich noch.“
„Mit ‚Selbstabholung unter der BrĂŒcke‘?“
Der Helfer erntete ein anerkennendes Grinsen.
„Wir verstehen uns.“

Zwei Tage spĂ€ter konnte ein Ă€lterer Mann sein GlĂŒck kaum glauben: da stand doch tatsĂ€chlich eine saubere, gemĂŒtlich aussehnde Couch unter seiner LieblingsbrĂŒcke, die man sogar in ein gemĂŒtliches Bett umwandeln konnte! Das war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Gott meinte es am Ende also doch gut mit ihm. Es wĂŒrde wieder aufwĂ€rts gehen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren auf der Straße schlief er ruhig und ohne Angst ein, vertrauensvoll sich hingebend der DĂ€mmerung, voller Hoffnung auf den Anbeginn eines neuen Lebensabschnitts.

Abends, gegen neun, an der DonaulĂ€nde, mit den Fingern ĂŒber die Saiten streichelnd, sanfte Schwingungen in die windstille Luft zaubernd. WĂŒrde ich ihn abweisen, ihn, der mich – etwas schĂŒchtern – bittet, sich zu mir setzen zu dĂŒrfen, nichts mehr von mir und meinesgleichen erwartend? Ob ich denn etwas gegen Syrer habe, fragt er, einen Rest Körperspannung aufrechterhaltend, gerade genug, sich im Notfall rasch außer Reichweite zu bringen, sich dann erleichtert neben mir niederlassend, als ich verneine und ihn verwundert ansehe. Schlechte Erfahrungen graben tiefe GrĂ€ben. Lehren Misstrauen.

Er beginnt zu erzĂ€hlen, immer wieder unterbrochen durch die bange Frage, ob er mich belĂ€stigen wĂŒrde, um dann erleichtert fortzufahren. ErzĂ€hlt von seiner Familie, seinem Sohn, den PrĂŒfungen Allahs in diesem ihm so fremden Land, die ihm das Herz schwer werden lassen. Den letzten Rest des Geldes habe er zusammengekratzt, um irgendwie hier anzukommen – nun muss er tagtĂ€glich darum kĂ€mpfen, die siebzehn Euro fĂŒr die Übernachtung in Traun zusammenzukratzen. Er hofft auf eine Arbeit, irgendeine Art von Arbeit, putzen, kochen, egal. FĂŒrchtet, die siebzehn Euro eines Tages nicht zusammenzubringen. Die Unterkunft bietet ohnehin kaum mehr als einen Unterschlupf: kein Strom, immerhin jedoch fließendes Wasser. Ohne Unterkunft ist es schwer, Körperhygiene aufrechtzuerhalten, und ohne Hygiene kein Job. Ohne die Aussicht auf einen Job keine Hoffnung.

Immer wieder kontrolliert er auf seinem Smartphone die Uhrzeit, bittet mich um eine Kontrollmessung. Ab 21:00 darf er sein Fasten brechen, die Überreste der Mahlzeit eines freundlichen Herrn, der sie ihm vor einigen Stunden ĂŒberlassen hat, essen. Es sind nur wenige Bissen und er ist ein krĂ€ftiger junger Mann, trotzdem bietet er mir an, mit ihm zu speisen. Ich nehme nach einigem höflichen Hin- und Her ein StĂŒck Ente und lasse ihm den Rest, möchte nicht, dass er an seiner Großherzigkeit verhungert. Unangenehm drĂ€ngt sich die Erkenntnis auf, dass ich ungleich ihm jederzeit nach Hause gehen kann, wo ein voller KĂŒhlschrank, ein warmes Bett und freundliche Menschen auf mich warten. Trotz der unĂŒbersehbaren Unterschiede unserer Lebenssituationen bewahrt er ein erstaunliches Ausmaß von WĂŒrde. FĂŒr einige wenige Stunden verblasst die materielle Wirklichkeit, und wir begegnen uns in einer Tiefe, wie sie nur im VergĂ€nglichen erfahrbar wird.

Er sei enttĂ€uscht von der Gesellschaft hier, erzĂ€hlt er. In seiner Heimat werde niemand, der an die TĂŒr einer Moschee klopft und hungrig um Hilfe bittet, abgewiesen. Hier in Linz hat er im Umkreis von einem Kilometer an sechs Kirchen geklopft – in manchen FĂ€llen blieben die TĂŒren verschlossen, in anderen wurde er beschimpft, er solle sich wegscheren. Man muss nicht Deutsch können, um Abneigung zu verstehen. Ich erzĂ€hle ihm, die Kirchen hier in Linz seien schon etwas Ă€lter, stammen aus anderen Zeiten. Sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er bereits Ähnliches vermutet hat. Das Gesetz der Gastfreundschaft seiner Heimat wurde hier lĂ€ngst privatisiert, auf den jeweils anderen projiziert, bis es von der Regel zur Ausnahme einer neuen Regel der Selbstbezogenheit wurde. Doch im Grunde, so fĂŒhrt er weiter aus, brauche er die Gesellschaft und ihre „Segnungen“ auch gar nicht. Ein StĂŒck Land, auf dem er in Frieden mit seiner Familie wohnen und es bebauen könne, das wĂ€re sein Traum.

DafĂŒr jedoch brauche er als ersten Schritt die 18 Euro fĂŒr ein Zugticket nach Wien, die er sich stĂŒckweise jeden Tag zusammensparen will. Dort in Wien wohnt ein weiterer Syrer, ein Jugendfreund, der sich mit einem Kebabladen selbststĂ€ndig gemacht habe. Dort könne er sicherlich arbeiten, im Notfall schwarz, da er keine Dokumente bei sich hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass diese Art von AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis fĂŒr ihn gefĂ€hrlich werden könnte, aber er winkt ab, es sei ein Jugendfreund, in Syrien sei das anders. Ich sehe, dass es möglicherweise die letzte Hoffnung ist, an die er sich klammert. Ich gebe ihm das Geld fĂŒr die Zugfahrt, spĂŒrend, dass es ihn Überwindung kosten wird zu fahren, die letzte Hoffnung einem RealitĂ€tscheck zu unterziehen.

Es ist kĂŒhl geworden, und dĂ€mmrig, er macht sich auf, den letzten Zug nach Traun zu erwischen. Ich schenke ihm meine Jacke, die ich vor Jahren auf Reisen gekauft habe und die mich seither begleitet hat. Mir wird nicht kalt werden, und ich möchte, dass er die WĂ€rme unserer Begegnung weiter spĂŒren kann. Sie soll sein Herz wĂ€rmen, wenn die Umgebung es nicht vermag. Er mag naiv sein, aber er wirkt mir wie ein herzensguter Mensch. Er erklĂ€rt mir eine islamische Verabschiedungsformel, wir umarmen uns, und er geht aus meinem Leben.

Mein rationaler Verstand weiß, dass es eine Grenze des Möglichen gibt, und dass diese Grenze gewahrt werden muss. Doch wenn wir einem Menschen tatsĂ€chlich als Menschen begegnen
 Ich ahne, warum wir zu unserem eigenen Schutz versuchen, Menschen wie ihn bereits an fernen Grenzen aufzuhalten, sie gesichtslose Nummern bleiben zu lassen. Und doch… hat die Begegnung Spuren hinterlassen, hat berĂŒhrt, hat beschenkt, hat einen Namen und ein Gesicht.

Assalam Alaikum, Daniel.