Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblüfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dürfen, wenn man seine Schwierigkeiten überwunden hat. Dabei wär es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man Unterstützung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die Unterstützung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwürdigen Telefonat noch in der Hängematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespältiges Verhältnis gehabt. So eine merkwürdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und würden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form für diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie über den jüngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, für ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es für sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr über Gebühr fürchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemütlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfänglich an der Oberfläche betrachtet. Und doch hatte er sofort gespürt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines Gespür für jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der Oberfläche betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. Früher, noch ungeübter, hatte er sich bisweilen überrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er später bereute. Nur um früher oder später festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich über seine Grenzen führen würde. Bis er wieder einmal jene Grenzen übergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schützte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu müssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des Gesprächs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wüst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit längerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso über die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hätten sein können, ein verdächtig ähnliches? Was würde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham Unterstützung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste Ansätze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fühlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein Stück weit war es die letzten Jahre über zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um Unterstützung bat, wenn es um Alltägliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich üblicherweise zurückgezogen. Bis er – gestärkt und bewehrt mit einer erzählenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug für Kontakt fühlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die Haustür hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemäß eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins Verändern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelächelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest für Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man müsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der Oberfläche, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere Oberfläche” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden würden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dürfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fühlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewältigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und Wertschätzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den Ansprüchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genügte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite für denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die Fülle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene Unzulänglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Es war ein Tag wie jeder andere gewesen. Gegen 6:15 hatte der Wecker geklingelt, gegen 6:20 war er dann – noch etwas schlaftrunken, wie jeden Morgen – aufgestanden, hatte seine Wäsche gepackt und war ins Bad geschlurft. Nach dreieinhalb Minuten intensiven Zähneputzens (eine halbe Minute zusätzlich zur empfohlenen Putz-Zeit von drei Minuten konnte nicht schaden) hatte er die Dusche betreten, um sich in einem Wechsel von kaltem und warmem Wasser auch noch den letzten Schlaf aus den Gliedern waschen zu lassen. Danach war er – nun bereits halbwegs ansprechbar – weiter in die Küche getrottet, um sich den tagtäglichen Kaffee zu bereiten, und auch das Müsli mit einer erlesenen Auswahl an Früchten war bereits bereit, verspeist zu werden. Wie jeden Morgen hatte er sich dann an den Esstisch gesetzt, hatte den Kaffee und das Müsli neben seinem Laptop platziert, den Laptop angeworfen und würde nun die wichtigsten Emails durchgehen, bevor er sich den neuesten Nachrichten aus aller Herren Länder zuwandte.

Doch ein kleines Symbol an seiner Taskleiste zeigte anhand einiger weißer und grauer Balken an, dass die Verbindungsqualität nicht nur gerade noch bei etwa 20% des Optimums liegen musste (erkennbar daran, dass nur einer der fünf Balken weiß gefärbt war), nein, quer über den Balken prangte nun auch noch ein gelbes Dreieck mit einem Ausrufezeichen darauf. Mit einem gequälten Seufzer klickte er das Symbol an, und die Vermutungen bestätigten sich: „Verbindungsprobleme“.

Dies brachte seinen Tagesablauf nun allerdings gehörig durcheinander. Weil er wusste, dass er jeden Morgen zumindest die wichtigsten Emails durchlas, hatte er es gestern Abend unterlassen. Nun würde er uninformiert an seinem Arbeitsplatz erscheinen. Auch über die Entwicklungen der Weltgeschichte würde er nun nicht informiert sein. Doch woran mochte es liegen? Er beschloss, seine Frühstückszeit, die er in weiser Voraussicht immer etwas länger ansetzte als nötig, um unnötige Stresssituationen zu vermeiden, zu nutzen, um das Problem zu lösen.

Nachdem er jedoch den Router neu gestartet, Windows eine Diagnose erstellen lassen und auch sonst alle möglichen kleinen Tricksereien ausprobiert hatte, musste er einsehen, dass er es ohne Hilfe in der kurzen Zeit wohl nicht mehr schaffen würde. Ein Anruf beim Internet-Anbieter versetzte ihn in eine Warteschleife, deren Ende nicht absehbar war, woraufhin er frustriert auflegte. Als er auf seine Uhr blickte, stellte er zu seinem Erschrecken fest, dass er in all der Aufregung auch noch seinen üblichen Bus verpasst hatte. Genervt verschlang er die Reste seines gesunden Müslis und schlürfte den Kaffee aus. Nun würde er auch noch zu Fuß zum Bahnhof laufen müssen.

Während er nun in Richtung Bahnhof hetzte, achtete er darauf, nicht in die Gesichter der vorbeiströmenden Passanten zu sehen, um nicht auch noch in ein Gespräch verwickelt zu werden. Dort angekommen, musste er feststellen, dass sein Zug gerade abgefahren war, und der nächste erst in knapp dreißig Minuten losfahren würde. Dreißig Minuten auf einem dämlichen Bahnhof, und nichts zu tun, das hatte ihm gerade noch gefehlt! Er setzte sich auf eine der eisernen Bänke, die im Winter eigentlich immer viel zu kalt waren, sich darauf zu setzen. Es war ihm ein Rätsel, warum sie trotzdem in fast allen Bahnhöfen und Haltestellen aufgestellt worden waren.

Da ihm bereits nach kürzester Zeit langweilig (und kalt!) wurde, wandte er sich an einen anderen Passagier, der sich neben ihn gesetzt hatte und der ebenso bereits anfing, sein Hinterteil in alle Richtungen zu bewegen, um die Kälte zumindest gleichmäßig zu verteilen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten – er war es nicht mehr gewöhnt, mit Fremden außerhalb von Facebook und LinkedIn zu sprechen – entwickelte sich ein Gespräch über den Sinn oder Unsinn der eisernen Bänke an den Bahnhöfen. Es mochte kein weltbewegendes Thema sein, warum Bahnhofsreisenden der Hintern abfrieren sollte, und doch fühlte es sich irgendwie gut, irgendwie richtig an…
Plötzlich erkannte er mit seinen 36 Jahren zum ersten Mal, dass ihm morgens weniger das Internet abging, sondern jemand, mit dem er auch tatsächlich sprechen konnte. Dass diese Begegnungen glücklicherweise überall dort, wo sich Menschen aufhielten, nur auf ihn warteten.

Und dass damit er selbst – und nicht sein Laptop – es in der Hand hatte, wie verbunden er sich auch in Zukunft mit seinen Mitmenschen fühlen würde.

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Es ist keine besondere Fähigkeit, die ihn auszeichnet, eher der Mangel an einer Fähigkeit, die unsere Zeiten so definiert wie kaum eine andere: der Fähigkeit, all die Menschen um uns auszublenden und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Mensch mit dem gedankenverlorenen Blick vor uns mag ein Genie sein, doch er blockiert uns den Weg zu unserer Kekspackung, und alles Weitere ist für uns in diesem Moment uninteressant. Wenn er nicht den Anstand besitzt, in Anbetracht unseres konzentrierten Blicks sofort zur Seite zu weichen, so wird er eben aus dem Weg geräumt. Immerhin schließt der Supermarkt in einigen Minuten, und man hat ja noch viel zu tun. Was ist daran so schwierig zu verstehen?

Man muss immerhin noch die Tiefkühlpizza in den Ofen schieben, sich die letzten YouTube-Videos reinziehen und seinen Status auf Facebook mit einigen Links aufwerten, die man geteilt hat. Irgendwelche Hilfsaufrufe für humane Projekte in Ländern, deren Namen man kaum aussprechen kann, funktionieren immer. Solche Dinge bringen Likes, und die Anzahl an Likes ist die Währung der modernen Zeit. Wer will nicht gemocht, wer möchte nicht von Hunderten, Tausenden geliebt werden? Nur diesem einen jungen Mann fehlt wohl jegliches Feingefühl für das, was der gebildete moderne Liebhaber von Anglizismen gerne als „Networking“ bezeichnet. Hat wohl eine der sogenannten „freien Schulen“ besucht, in denen die das völlig falsch verstanden haben mit der sozialen Kompetenz, und haben das mit den alten Gesprächen verwechselt.

Dieser eine retardierte Kauz ist es also, der nicht nur die Geduld zu besitzen scheint, darauf zu warten, dass andere Menschen im Supermarkt mit ihren Einkäufen fertig werden und von selbst den Weg frei machen. Nein, er besitzt auch noch die Unverschämtheit, mit Menschen, die er gar nicht kennt, zu sprechen, ohne ihnen zuerst eine Facebook-Freundschaftsanfrage geschickt zu haben! Niemand kann sich auf solch ein Gespräch vorbereiten, man weiß nicht, wo er herkommt, was er arbeitet und wer seine Freunde sind. Tatsächlich gibt es so viel, dass man über ihn nicht wissen kann, dass es ein fast unübersehbares Risiko ist, auf seine offensichtlichen Gesprächs-Anfragen einzugehen. Man könnte in einem solchen Gespräch tatsächlich Dinge erfahren, die man gar nicht hören wollte!

Wie wir mehr oder weniger normalen Menschen wissen, ist es natürlich Quatsch, zu erwarten, dass in einer solch unsicheren Situation tatsächlich jemand auf eine Gesprächs-Anfrage positiv antworten wird. Wer jedoch jetzt davon ausgegangen ist, dass dieser Junge lernfähig sei, der irrt gewaltig. Während die meisten Abweichler schnell erkennen, dass sich die Zeiten lang geändert haben und dass es doch eigentlich nur Vorteile bietet, alles über einen Menschen wissen zu können, ohne ihn jemals treffen zu müssen, spricht dieser Mann einfach munter weiter Menschen an. Fast, als würde er tatsächlich Freude daran haben.

Hin und wieder gelingt es dem Gesprächs-Terroristen auch noch tatsächlich, vor allem ältere Damen und Herren, die nicht mehr rüstig genug sind, ihm zu entfliehen, in seine Gespräche zu verwickeln. Diese werden sodann oftmals selbst zu gefährlichen Gesprächspartnern, die sich jedoch meist durch ihr freundliches Lächeln schon von fern verraten. Welcher normale Mensch würde schon einen Fremden anlächeln? Machen Sie einen großen Bogen um diese Mitbürger, werte Mitstreiter für einen effizienten Alltag – der Junge könnte ansteckend sein. Und versuchen Sie auf keinen Fall, etwas über seine Beweggründe herauszufinden – damit laufen Sie nur in seine Falle!

Der Verein für Gesprächssicherheit im Alltag warnt ausdrücklich vor diesem jungen Mann mit dem freundlichen Lächeln, das schon so vielen zum Verhängnis wurde, als er die wehrlosen Opfer ungefragt und auf offener Straße in Gespräche verwickelte. Da der Täter darauf verzichtet hat, ein Online-Profil anzulegen, wissen wir kaum etwas über ihn und können Ihnen auch keine Personenbeschreibung oder gar Umgehungs-App anbieten, doch versuchen Sie, verdächtigen Personen fernzubleiben, wenn Ihnen ihre effiziente und störungsfreie Alltagsgestaltung ebenso wichtig ist wie uns.

Ihr Verein der Freunde des störungsfreien Alltags

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Nachdem mir ein Freund bereits jahrelang ständig von Falko Peschel vorschwärmt und ihn in seiner Bachelorarbeit auch ständig zitiert, war ich doch mittlerweile relativ neugierig darauf, was dieser Mensch wohl zu sagen hatte. Während der Planung meiner Reiseroute war mir aufgefallen, dass die Schule, die Falko leitet, direkt zwischen zwei anderen Schulen, die ich ohnehin besuchen wollte, lag, also schrieb ich ihn einfach an, ob ich nicht am Weg vorbeikommen könne. Er brachte noch den Einwand, dass es ein wenig Quatsch sei, eine Schule ohne Kinder besuchen zu wollen (wobei er auch irgendwie Recht hatte), aber mich interessierte vor allem er als Mensch selbst, der sich (wohl oft gegen Widerstände) eine Schule aufgebaut hatte, von der er überzeugt war.

Vieles, was wir sprachen, hat mich zum Nachdenken gebracht, und die Früchte dieses Nachdenkens werden wohl noch eine Weile dauern, bis sie tatsächlich reif sind. Manches, was ich hier schreibe, ist wohl auch meine eigene Interpretation von Dingen, die Falko selbst nie so gesagt oder gemeint hat, in diesen Fällen sei es mir verziehen – ich rekonstruiere das Gespräch gerade aus meinen notwendigerweise unvollständigen Aufzeichnungen.

Kinder dürfen lernen

Einer der interessanteren Aussagen traf Falko darüber, dass in vielen Schulen eine unheilvolle Unterscheidung zwischen Lernen und Spiel getroffen werde, in der das Lernen als etwas Schwieriges und Lästiges, das Spiel als etwas Schönes und Erstrebenswertes dargestellt werde. Nachdem den Kindern erklärt wird, dass sie sich frei entscheiden dürfen, ob sie (überzeichnet dargestellt) etwas Lästiges arbeiten oder etwas Spannendes spielen wollen, sind die Erzieher dann kurzfristig erfreut, dass sich die Kinder für das Spiel entscheiden, und langfristig frustriert, dass sie sich kaum für das Lernen entscheiden. Dann werden Spiel- und Lernphasen oftmals künstlich getrennt, um beides zu ermöglichen. Laut Falko liegt das Problem jedoch viel mehr in dem Brauch, dem Lernen nicht den intrinsischen Wert und die Freude zu lassen, das es ermöglicht. Kinder im Schulalter wollen ja an die Schule, um zu lernen.

Authentizität

Dies hängt eng mit dem Problem der Authentizität zusammen. Eltern und Betreuer wissen (im Regelfall), dass es gewisse öffentliche Prüfungsvorschreibungen gibt, seien es externe Prüfungen oder interne. Ein häufiger Weg (den ich auch auf meiner Schulbesuchstour gesehen habe) ist es, auf eine Art von Scheinfreiheit zu bauen, die den Kindern Wahlfreiheiten überlässt, aber dann, falls Schüler sich nicht an die (zumindest in den Hinterköpfen der Betreuer/Eltern existierenden) Entwicklungs-„Vorschriften“ halten, doch mit ein wenig Druck zu kommen. Fairer wäre es da wohl, von vornherein zu sagen, dass es diese und jene Vorgaben von außen gibt (die Prüfungen dabei extern abhalten zu lassen, ist die logische Konsequenz und teilweise auch gelebte Praxis davon) und diese auch als solche transparent zu machen.

Freiheit und Erwartungen

Freie Schulen stehen stets vor der Schwierigkeit, das Verhältnis von Freiheit und Erwartungen, das sie in Regelschulen als zu sehr in Richtung strikter Erwartungen ausgeprägt empfinden, neu zu definieren. Es ist ein Verhältnis, von dem offensichtlich die Mehrheit der Eltern und Betreuer sehr voneinander abweichende Vorstellungen haben. Es ist wohl diese Frage, deren Beantwortung über den Fortbestand vieler freien Schulen bestimmt.

Da es wohl nie eine allgemeingültige Antwort geben wird, ist eine Beantwortung der Frage nach dem Grad der Freiheit ein Balanceakt, der Mut zur Klarheit erfordert. Die Frage „Darf ich das?“ und die sich daraus ableitende Frage „Darf ich ihm/ihr das durchgehen lassen?“, die sich den Eltern und Betreuern unweigerlich stellen, offen zu lassen, erscheint hier viel schädlicher als sich mutig für ein Ja oder ein Nein zu entscheiden. War die Entscheidung falsch getroffen, ist es möglich, sich zu entschuldigen. Wird gar keine Entscheidung gefällt, aus Angst, falsch zu handeln, kann dies alle Beteiligten entmachten und immer mehr lähmen sowie frustrieren.

Leistungsvergleiche mit anderen Schulen

Falko misst sich an dem Anspruch, dass seine Schule, auch wenn sie anders arbeitet als eine Regelschule und viele Fähigkeiten schulen mag, die an einer Regelschule gar nicht beachtet werden, in denjenigen Aspekten, der sich eine Regelschule rühmt, zumindest gleich gut mit ihr abschneidet. Wenn ein Kind in einer offenen Schule zwar sehr gute soziale Umgangsformen erlernt hat, aber in der achten Klasse noch immer nicht bis zehn rechnen kann, dann wird ein Vergleich mit einer Regelschule (auch für Eltern potentieller neuer Mitschüler) immer schwieriger. Ein Ziel sollte es demnach schon sein, dass die Leistungen der Schüler einer Alternativschule nicht hinter jenen der Regelschule zurückfallen.

Jahrgangsübergreifende Klassen

Interessant sind auch seine Ansichten zu jahrgangsübergreifenden Klassen. Er stimmt zwar zu, dass es Vorteile habe, etwa dass sich mit der Zeit ein relativ fixer „zivilisatorischer Stamm“ bildet, der eine relativ gefestigte Kultur bietet, in die neue Schüler eintreten können. Die ansonsten fast unabwendbare Chaos-Phase beim Zusammenfinden einer Gemeinschaft wird so abgemildert oder sogar ganz verhindert. Er weist jedoch auch darauf hin, dass es den Nachteil hat, dass sich die Interessensgebiete der Schüler dann teilweise kaum noch überschneiden, so dass Erstklässler oft nicht interessiert, was Viertklässler fesselt. Noch schwieriger sei es jedoch für die Viertklässler, das „Gestammel“ der Erstklässler bei den ersten Präsentationen auszuhalten.

Pädagogik des leeren Blattes

Da ich kein einziges seiner Bücher gelesen habe, wird das Folgende vielleicht für manche Viel-Leser kaum interessant sein, für mich war es ziemlich spannend. In dieser Grundschule wird auf so ziemlich alle fertigen Materialien und Lehrbücher verzichtet. Alles, was verfügbar ist, sind leere Blätter, Rohmaterialien und die Werkzeuge, aus diesen etwas Sinnvolles zu machen. Dies hat zum einen den Effekt, die Kreativität ganz anders zu fordern und ermöglicht auch eine ganz andere Differenzierung als fertig vorgeplante Lehrgänge. Zum anderen sorgt es dafür, dass die Räumlichkeiten ungewöhnlich aufgeräumt und angenehm leer wirken. Während in anderen Schulen alle Kästen fast platzen vor Montessori-Material und Ähnlichem, herrscht hier ein völlig anderes Bild. Auch finanziell macht dieses Vorgehen bei den Preisen von „echtem“ Montessori-Material und Ähnlichem ziemlich Sinn.

Interessant fand ich auch, dass er meinte, auf diese Art und Weise ist an jedem Produkt der Schüler sein aktueller Lernstand in vielen Bereichen ablesbar und mit dem Lernstand vergangener Produkte vergleichbar, ohne besondere Prüfungen notwendig zu machen.

Entschlackte Lehrpläne

Da sich alle möglichen Lehrer und Eltern immer wieder darüber aufregen, wie vollgestopft doch die vielen Lehrpläne seien, und wie wenig Platz für andere interessante Dinge sie doch lassen würden, rät er, sich einfach anzusehen, was von den Lehrplänen a) geprüft und b) sinnvoll sei, und den Rest einfach wegzulassen. Was sinnvoll sei und wie diese Ziele erreicht werden können, könne mit den Schülern in eigens dafür abgehaltenen (individuellen) Lernkonferenzen abgesprochen werden. Was geprüft werde, ist dann relevant, wenn Prüfungen gemacht werden wollen.

Empathische Demokratie

Im Nachhinein besonders interessant, weil ich eben mit einer Pädagogin einer anderen Schule über die Möglichkeit, eine „soziokratische“ Schule zu entwickeln, gesprochen habe, ist seine Erzählung, dass die Schüler seiner Schule ein sehr gutes Gespür dafür entwickelt haben, wie es den anderen Schülern geht, und versuchen, die Bedürfnisse der anderen in ihre Entscheidungen einzubinden – gelebte Solidarität also. Auch gibt es in der Schule laut Falko keinerlei Gewalt oder Aggressionen. Natürlich habe ich es nicht selbst beobachten können (er hatte schon Recht, dass es „Quatsch ist, eine Schule ohne Kinder zu besuchen“) – aber warum sollte er lügen?

Abschließendes

Ich war ehrlich überrascht, wie unkompliziert es möglich war, Falko zu besuchen, vor allem, obwohl ich doch aufgrund meiner Tour kein sonderlich gut einkalkulierbarer Gast war (ich sollte ihn vorher anrufen, erreichte ihn jedoch nicht und war dann einfach vor seiner Tür). Ich wurde sogar spontan zum Abendessen eingeladen, und all das, obwohl die Liste an Hospitanten anscheinend für die nächsten eineinhalb Jahre reicht. Falls du das liest, Falco, danke nochmal für alles, und ich hoffe, wir sehen uns irgendwann mal wieder.

Niklas