Der Großteil aller Menschen wird darin übereinstimmen können, dass Freiheit erstrebenswert ist. Die Übereinstimmung ist derart selbstverständlich, dass sich eine Frage in vielen Diskussionen gar nicht mehr zu stellen scheint: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Ist der Begriff tatsächlich so hinreichend erklärt, wie wir ihn verwenden? Und wenn ja: Wie kommt es dann, dass Menschen, denen „mehr“ Freiheiten zur Verfügung stehen als uns, nicht unbedingt glücklicher zu sein scheinen als wir selbst?

Objektive vs. Subjektive Freiheit

Im alltäglichen Gebrauch würden die meisten Menschen Freiheit als berechenbar definieren. Ich kann nicht nur frei sein, sondern auch freier. Mehr frei als jemand anderer. Diese Art, „Freiheit“ zu definieren, bestimmt die Strategien, die wir anwenden, um zu mehr Freiheit zu gelangen: Falls wir uns unfrei fühlen, arbeiten wir daran, uns ein Mehr an Optionen zu erarbeiten.

Wenn uns zehn Wahlmöglichkeiten in einer Situation offen stehen, sollten wir uns demnach freier fühlen als wenn uns nur drei Wahlmöglichkeiten offen stehen. Immerhin sind wir – nach unserer berechenbaren Definition – damit objektiv betrachtet freier.

Das Problem bei dieser Herangehensweise ist jedoch, dass Freiheit zwar von objektiven Möglichkeiten beeinflusst, im Kern aber eine zutiefst subjektive Wahrnehmung ist. Wenn wir zwei Menschen, A und B, in die objektiv betrachtet exakt gleiche Situation versetzen, ist die Chance groß, dass sich ihr Freiheitsempfinden sehr voneinander unterscheidet.

Ein Bereich des Lebens, der dies sehr deutlich veranschaulicht, ist die Liebe. Ich kann mir als Mann ein Verhältnis mit fünf Frauen anfangen (und natürlich auch umgekehrt usw.). Objektiv betrachtet bin ich dann womöglich „freier“ in der Auswahl, mit wem ich meine Zeit verbringen möchte. Aber wenn ich in einem Moment das Bedürfnis nach Kontakt zu einem Menschen habe, mit dem ich in diesem Moment nicht in Kontakt sein kann, werde ich mich trotz meiner vielen alternativen Möglichkeiten unfrei fühlen.

Selbst wenn der Kontakt mit nur einem einzigen Menschen „alternativlos“ und damit nach objektiven Kriterien „unfrei“ sein sollte: wenn es das ist, was ich mir in dem Moment wünsche, werde ich mich subjektiv frei fühlen.

Freiheit und stimmiger Kontakt

Was für die Liebe gilt, lässt sich auch auf so ziemlich jeden anderen Lebensbereich übertragen. Für unsere Wahrnehmung von Freiheit ist entscheidend, ob es uns möglich ist, das zu tun/kommunizieren, was sich für uns subjektiv im Moment stimmig anfühlt. Ist diese Möglichkeit gegeben, fühlen wir uns frei. Ist sie es nicht, fühlen wir uns unfrei, weitgehend unabhängig von unseren objektiven Möglichkeiten. Oder anders ausgedrückt: Solange wir in stimmigen Kontakt mit uns selbst, anderen und der Welt gehen und darin bleiben können, fühlen wir uns frei. Sobald irgendetwas uns daran hindert, fühlen wir uns unfrei.

Dabei lässt sich eine grobe Unterscheidung treffen zwischen inneren und äußeren Blockaden unserer subjektiv erlebten Freiheit. Eine äußere Blockade könnte z.B. sein, dass ich, um offiziell als Unternehmensberater tätig sein zu dürfen, dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss. Bei einer äußeren Blockade besteht die Chance, dass mich tatsächlich eine Konsequenz erwartet, die von außen kommt. In dem beschriebenen Fall z.B. eine rechtliche Strafe, falls ich ohne Berechtigung als Unternehmensberater auftrete. Diese Art von Blockade kann ich überwinden, indem ich darauf hinarbeite, die entsprechenden Voraussetzungen zu erfüllen.

Eine innere Blockade hingegen berührt Überzeugungen über die Welt bzw. mich selbst, die verhindern, dass ich in stimmigen Kontakt bleiben kann. So mag es beispielsweise dazu kommen, dass ein potentieller Kunde Interesse daran hat, mit mir zu arbeiten. Vielleicht berührt dies aber in mir die Überzeugung, dass ich es ja in Wahrheit gar nicht wert sei, dass Kunden mir vertrauen. Nun blockiere ich mich womöglich innerlich dermaßen, dass ich (unbewusst) darauf hinarbeite, dass der Auftrag nicht zustande kommt. Diese Art von Blockade kann ich überwinden, indem ich mir den -> universellen Entwicklungskreislauf zunutze mache, und für die entsprechenden Voraussetzungen sorge, meine inneren Blockaden zu überwinden.

Wovon hängt unser subjektives Freiheitsgefühl ab?

Unser subjektives Gefühl von Freiheit (das, anders als die objektive Situation unserer tatsächlichen Möglichkeiten in jedem Moment, unser Erleben bestimmt) ist damit abhängig von sechs Faktoren:

  • Bin ich fähig und willens, in stimmigen Kontakt zu treten, um zu fühlen, was ich brauche/was für mich stimmig ist?
  • Kann ich verlässlich zwischen inneren und äußeren Blockaden unterscheiden? (Siehe auch -> Filter unserer Wahrnehmung)
  • Erkenne ich, welche äußeren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese äußeren Blockaden überwinden kann?
  • Erkenne ich, welche inneren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese inneren Blockaden überwinden kann?

Der Faktor Zeit

Wie wir an diesen Faktoren feststellen können, ist auch Zeit ein relevanter Faktor. Möglicherweise erkennen wir eine äußere Blockade, und auch einen Weg, wie wir sie überwinden können, aber der Prozess würde so lange dauern, dass wir die Möglichkeit von vornherein ausschließen (z.B. „ich bin doch schon zu alt, noch eine neue Ausbildung zu beginnen“).

Es ist auch durchaus legitim, sich gegen etwas zu entscheiden, wenn der Aufwand subjektiv betrachtet in keiner konstruktiven Relation zum erwarteten Nutzen steht. Solange man sich dabei im Sinne der radikalen Selbstverantwortung auch eingesteht, dass diese subjektive Unfreiheit die Konsequenz einer Entscheidung war, die man für sich getroffen hat. Denn dies bedeutet gleichzeitig auch, dass man die Macht behält, sich zu einem anderen Zeitpunkt anders zu entscheiden, anstatt sich selbst zum Opfer der Umstände zu machen.

Welche Art von Freiheit macht nun nachhaltig glücklich?

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine subjektiv erlebte Freiheit, ein im-stimmigen-Kontakt-Sein mit sich und dem Rest der Welt nachhaltig glücklich machen kann. Oder anders ausgedrückt: frei fühlt sich derjenige, der nachhaltig tun und lassen, sagen und schweigen kann, was sich für ihn stimmig/richtig anfühlt.

Dies ist schwer quantifizierbar im Sinne eines „Mensch A ist freier als Mensch B“. Aber vielleicht ist dies ja auch gar nicht notwendig. Nur weil ich objektiv „freier“ bin als ein anderer Mensch, macht mich das ja nicht subjektiv glücklicher. Und da mein Erleben ja zutiefst subjektiv ist, ist es im Zweifelsfall ja dieses, was für mich relevant ist.

Welche Art von Freiheit macht Dich nachhaltig glücklich?

Niklas

P.S.: Ich möchte noch erwähnen, dass ich diesen Freiheitsbegriff nicht selbst entwickelt, sondern aus einem Buch übernommen habe. Ich würde an dieser Stelle gerne den Autor/den Titel des Buches anführen, auch um ihm für diesen Gedanken den Respekt und die Dankbarkeit zukommen zu lassen, die er verdient. Leider habe ich das Buch von einer Bekannten geborgt, die nun (aus Gründen, die sie mir nicht erklären wollte) nicht mehr mit mir spricht. Daher ist mir dies im Augenblick nicht möglich.

Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwüstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschüttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  Füßen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch für ihn in weite Ferne gerückt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit später wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre später, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur äußere, vergängliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glücklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem Jüngeren erzählt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die Führung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spürbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glücklich, erzählte er nun dem Jüngeren, der sich lächelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner Hände nichts mehr übrig war.

Der Jüngere schwieg, weil seine Worte nur ungenügend ausdrücken konnten, was er als Wahrheit in sich erspürte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hängen daher ihr Glück nicht an Vergängliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverständlich ist, freut sich über jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergänglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes Glück oder deinen eigenen Selbstwert daran hängst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrückst.

Um all dies klar und unmissverständlich auszudrücken, fehlten dem Jüngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprägt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurückzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum Jüngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er längst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spürten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die Gefährten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurückzulegen, der sich stimmig anfühlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstützen, den jeweils nächsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafür wahre Freunde da?

Vor einigen Jahren durchlebte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich mich für ein glückliches Leben entschieden hatte. Wie diese glückliche Phase exakt begann, ist in den Untiefen meiner Erinnerung verloren gegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, mich dafür entschieden zu haben, Glück in die Welt auszustrahlen, und jegliche Reaktionen meiner Umwelt positiv zu interpretieren.

Die Konsequenzen waren unglaublich. Über Monate, Jahre traf ich kaum je einen Menschen, mit dem ich negative Erfahrungen gemacht hätte. Lernte fast tagtäglich wunderbare neue Menschen kennen, und fühlte mich im Großen und Ganzen pudelwohl mit mir selbst und meiner Umgebung. Mein Selbst-Vertrauen war groß, und noch größer war mein Welt-Vertrauen.

Jahre später sorgte ein ähnlich ausgeprägtes Urvertrauen in das Gute in der Welt dafür, dass ich in meiner Naivität die Möglichkeit politischer Intrigen und Machtkämpfe in meinem Arbeits-Umfeld völlig ausblendete, selbst als die Anzeichen dafür für jeden anderen offensichtlich gewesen wären. Es folgte eine längere Zeit, in der ich versuchte, mit diesem „realistischeren“ Weltbild klarzukommen. Eine wichtige Zeit, in der ich viel über die Komplexität des menschlichen Seins und Miteinanders gelernt habe. Aber glücklicher hat mich diese Zeit nicht gemacht.

Oft dachte ich an jene Zeit vor einigen Jahren zurück, als völlig unabhängig von äußeren Umständen in mir stets die Sonne zu scheinen schien, und fragte mich, warum es mir nun, Jahre später, so viel schwerer fiel, diesen unbeschwerten Zustand erneut zu erreichen. Natürlich hatten sich auch einige Umstände seit damals geändert: viele meiner besten Freunde hatten sich ebenso verändert, oder lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt von mir. Ich war voll ins Arbeitsleben eingetreten, die „Schonzeit“ des Studiums war nun offensichtlich vorbei.

Und doch… irgendetwas schien mir falsch daran zu sein, hier nur eine Art „natürlichen Verlauf“ eines Lebens nachgezeichnet zu sehen. Vor allem aber auch frustrierend: was für eine Verarschung war ein Leben, das einen erst 20-25 Jahre lang zeigte, wie sich Glück anfühlen kann, um dann nochmal 3-4x so lang zu sagen „Sry, diese Phase ist jetzt vorbei für dich“?

Und dann begann mich eine noch sehr nebulöse Idee nicht mehr loszulassen: dass unsere Identität und Weltbild möglicherweise gewissermaßen Filter darstellen – die wir bewusst kontrollieren lernen können.

Filter unserer Wahrnehmung

Ich stellte mir die Frage erneut, warum ich vor einigen Jahren jeden Tag unglaublich geniale Begegnungen hatte und jetzt nicht mehr. War es tatsächlich nur an meiner Entscheidung gelegen, die Welt positiv zu betrachten? Erschufen wir durch unsere Erwartungen – wie es manche behaupteten – tatsächlich erst die objektive Wirklichkeit?

Es schien irgendwie unrealistisch, davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre die Anzahl an sympathischen Menschen objektiv so dermaßen verringert hatte. Was also, wenn ich schlicht die Fähigkeit eingebüßt hatte, sie wahrzunehmen? Angenommen, auch heute würden sich ca. gleich viele geniale Menschen in meinem Umfeld bewegen, aber ich wäre gewissermaßen „blind“ für sie geworden: würde ich dann nicht in meiner subjektiven Wahrnehmung keine sehen, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus da waren? Ich hatte sie gewissermaßen aus meinem subjektiven Erleben „ausgefiltert“. Und da mein subjektives Erleben mein tatsächliches Erleben darstellte, erlebte ich die Welt eben nun nicht mehr so interessant und voll sympathischer Menschen als früher.

Dies würde sich selbst dann nicht ändern, wenn in meinem Umfeld aus irgendeinem äußeren Grund plötzlich doppelt so viele sympathische Menschen herumlaufen würden – ich würde sie trotzdem nicht sehen können, weil ich dann eben doppelt so viele Menschen aus meinem bewussten Erleben ausfiltern würde. Oder umgekehrt: wenn ich mehr sympathische Menschen treffen möchte, reicht es nicht, auf bessere Zeiten zu hoffen – ich muss stattdessen meinen Filter „säubern“ bzw. neu einstellen.

Das hatte ich wohl damals ohne es zu wissen richtig gemacht: ich hatte meine Filter darauf eingestellt gehabt, mir hauptsächlich positive Seiten der Welt zu zeigen. Vermutlich passierte damals ebenso viel Negatives und Positives wie jetzt auch, aber damals hatte ich durch meine Entscheidung das Negative ausgefiltert, und dadurch fast nur Positives erlebt.

Nun, die letzten Wochen, habe ich ganz bewusst damit experimentiert, und festgestellt, dass das Phänomen beständig ist: wenn ich meine Filter bewusst zu lenken beginne, verändert sich mein subjektives Erleben entsprechend. Ich beginne wieder, Möglichkeiten wahrzunehmen, die ich die letzten Jahre von vornherein herausgefiltert hatte. Treffe plötzlich wieder unzählige interessante Menschen. Irgendetwas muss dran sein an meinem Filter-Konzept…

Unser mehrstufiges Filtersystem

Die Schwierigkeit, mit diesen Filtern zu arbeiten, ist, dass wir sie meistens unbewusst einsetzen. Unsere bewusste subjektive Wahrnehmung ist ja bereits vorgefiltert, daher ist es schwierig, den Filterungs-Prozess überhaupt zu bemerken.

Glücklicherweise kann uns der Vergleich unseres Erlebens mit unserem vergangenen Erleben (wie oben beschrieben) helfen, oder auch der Vergleich mit anderen Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als wir. Ein eher depressiv „gefilterter“ Mensch wird in der Welt andere Möglichkeiten wahrnehmen als ein positiv „gefilterter“ Mensch, und uns mit anderen zu vergleichen, zeigt uns die Realität auf, dass ein jeder Mensch filtert.

Da ich erst dabei bin, mit dem Konzept der Filter zu experimentieren, hier nur eine Art erste Skizze, wie unsere Filter-Hierarchie nach meinen ersten Experimenten und Reflexionen aufgebaut sein könnte:

Ganz unten finden wir die Welt, wie sie ist.

Unsere Sinne sind der erste Wahrnehmungs-Filter. Alles, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können, bleibt uns verborgen. Daraus entsteht unsere Wahrnehmung, gewissermaßen die Rohe Summe an Sinnes-Eindrücken.

Diese große Anzahl an Sinnes-Eindrücken wird nun eingeordnet in bekannte Muster, um sie zu deuten. Unser Bewusstsein nimmt diese ja nicht in Roh-Form wahr, sondern in ihrer angenommenen „Bedeutung“. Es kann nur deuten, was es einordnen kann. Kann es Sinnes-Eindrücke nicht einordnen, so entsteht Unklarheit/Überforderung. Dieser Filter ist gewissermaßen unser Bild von der Welt.

Ein weiterer Filter ist unsere eigene Identität. Möglicherweise deuten wir unsere Wahrnehmung korrekt, dass ein Mensch an unserer Stelle nun diese oder jene Handlungsmöglichkeiten hätte, aber wir als der Mensch, der wir sind, schränken diese weiter ein, um unsere Identität nicht infrage stellen zu müssen. Beispielsweise mag die Deutung der Situation aufgrund der Vorfilterung anzeigen, dass ein Anschreien des Gegenübers angebracht wäre, aber als „Mensch, der nie andere anschreit“ (=Identität) tun wir das nicht.

Ein bewusstes Verändern der Filter

Erfolgreiche Menschen haben möglicherweise einfach ein konstruktiveres Filter-System, das ihnen Möglichkeiten sichtbar macht, die andere aus dem bewussten Erleben herausfiltern würden. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich, wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, eine Zeit lang (korrekterweise) gemeint habe, ich „mache mich gerade selbstständig“. Diese Identität filtert die tatsächlichen Möglichkeiten in einer Situation anders, als würde ich von mir selbst behaupten, ich „bin selbstständig“. Vielleicht fällt es mir beispielsweise als „neuer“ Selbstständiger schwerer, für meine Angebote Geld zu verlangen, als es mir als Selbstständiger (ohne den Zusatz “bin gerade dabei es zu werden) fallen würde.

Wie aber verändert man nun tatsächlich seine Filter? Das kommt meiner Ansicht nach ein Stück weit auf die Art des Filters an, den man verändern möchte. Möchte man seine Sinnes-Filter verändern, kann man direkt seine Sinne verfeinern. Etwa wenn jemand, der gerne Wein trinkt, einen feineren Gaumen bekommen möchte, oder ein Musiker sein Gehör trainiert.

Will jemand seinen Filter verändern, der die Einordnung und Deutung der Wahrnehmung betrifft, so wird er sich damit beschäftigen, alternative und komplexere „Muster“ zu erlernen, um seine Wahrnehmung verfeinert zu den Deutungen zuordnen zu können, die ihnen entsprechen. In meinem Fall beispielsweise habe ich die letzten Jahre gelernt, auch die „dunkle Seite“ des menschlichen Miteinanders wahrnehmen und korrekter deuten/einschätzen zu können. Es hat mich in der Zeit nicht glücklicher gemacht, aber mich in stimmigeren Kontakt mit der Welt gebracht. Man könnte sagen, meine Deutungen der Wahrnehmung ist realistischer geworden, weil ich mehr Möglichkeiten habe, sie in verschiedene zur Verfügung stehende Muster einzuordnen und entsprechend zu deuten.

Geht es um den Filter der eigenen Identität, so kann der universelle Entwicklungskreislauf, über den ich bereits viel geschrieben habe, hilfreich sein. Kaum jemand schafft es auf Dauer, gegen das eigene Selbstbild zu handeln, deshalb ist es wichtig, auch diesen Filter genau zu betrachten.

Die drei Filter bauen gewissermaßen aufeinander auf – jemand, der beispielsweise nur einen sehr groben Sinn für Emotionen hat, z.B. nur subjektiv „gute“ von „schlechten“ unterscheiden kann, dessen Einordnung der Sinnes-Informationen wird (in diesem Bereich) auch nur eine geringe Komplexität erreichen können. Wenn dieser Jemand nun lernt, feiner zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, so wird es ihm auch leichter fallen, seine  Umgebung einschätzen zu lernen. Meine Sensibilität für Emotionen ist beispielsweise extrem ausgeprägt, jene für das Riechen lächerlich gering.

„Glück“ filtern?

Ist an diesem zugegebenermaßen noch etwas nebulösen Filter-Modell etwas dran, so würde es für mich gut erklären, warum ich vor einigen Jahren schlicht durch Entscheidung eine so glückliche Zeit erlebt habe: ich hatte bewusst meinen Filter der Deutung der Welt so „eingestellt“, dass ich überall Schönheit und Möglichkeit wahrnahm, und die „negativeren“ Interpretationen der Welt schlicht herausgefiltert hatte. Das machte es einfach, an das Gute in der Welt zu glauben, und einfach für die Welt, mir mein Weltbild zu bestätigen, weil ich das Positive, das ich in der Welt annahm, auch selbst ausstrahlte.

Es machte mich aber auch verwundbar, von der „dunklen Seite“ des Menschlichen, die ich dabei ausfilterte, überrumpelt zu werden. Es verhinderte, dass ich die Fähigkeit zur Einordnung und Deutung entwickelte, aus den für andere wohl offensichtlichen Anzeichen in meiner Umgebung schlau zu werden und mich entsprechend für die bevorstehenden Kämpfe zu rüsten. Gewissermaßen zog ich fröhlich, nichtsahnend und unbewaffnet in einen Krieg gegen gut vorbereitete Gegner – den ich natürlich haushoch verlor.

Es waren schmerzliche Erfahrungen, aber auch wertvolle: die Welt nur positiv zu filtern, reicht nicht. Man muss auch die andere, „dunklere“ Seite sehen können, um gerüstet zu sein. Muss – wie es in einigen Kampfkünsten so schön heißt – lernen zu kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen.

Die Welt an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Unsere subjektive Welt jedoch, die Welt, die wir erleben, für die sind wir mitverantwortlich, weil unsere Filter sie gestalten.

Niklas

P.S.: Nächsten Dienstag, 19:00, halte ich im FreiRaumWels einen Vortrag über den universellen Entwicklungskreislauf, die Wochen drauf auch noch weitere. Bitte weitersagen – und natürlich auch selbst vorbeischauen, wenn sichs irgendwie ausgeht 🙂

„Es wäre alles viel leichter, wenn du nur anders wärst.“ Warum uns dieser Satz nicht weiterbringt – und was stattdessen hilft: Der Welt erlauben, sich in unserem Sinne zu verändern.

Im Grunde sind für mich vier Faktoren dafür verantwortlich, ob die Veränderungen stattfinden, die wir uns wünschen:

Sind wir bereit hinter den Vorhang des „Zufalls“ zu blicken?

Ach, warum nur habe ich so viel Pech? Würde es doch eine Möglichkeit geben, das zu ändern!

Es gibt viele Menschen, die sind durchaus zufrieden damit, sich von den Wogen mitreißen zu lassen, die sie „Zufall“ nennen. Passiert ihnen etwas, das sie als „negativ“ erleben, so nennen sie es „Pech“. Passiert ihnen etwas, das sie als „positiv“ erleben, so nennen sie es „Glück“.

Der aufmerksame Leser hat vermutlich schon entdeckt, dass ich mehrere Mal die Phrase „passiert ihnen“ verwendet habe. Menschen, die so denken, betrachten sich je nach Ausgang einer Situation als Opfer oder auch Nutznießer des Schicksals, dem sie ausgeliefert sind. Jemand oder etwas im Außen handelt, und sie sind den Konsequenzen dieses Handelns ausgeliefert.

„Zufall“ ist jedoch im Grunde nur eine Umschreibung für einen Vorgang, den wir (noch) nicht verstehen. Für einen blutigen Anfänger ist der Aktienhandel mehr oder weniger ein Glücks-Spiel, für jemanden mit mehr Erfahrung ein berechenbares Risiko. Einen Volleyball in die gewünschte Richtung zu baggern ist für den Anfänger ein Glücksspiel, für den Profi vorhersehbar.

Wer sich wie ich für Geschichte interessiert, wird feststellen, dass es zu allen Zeiten Phänomene gegeben hat, die sich niemand erklären konnte und die als „Zufall“ oder „göttliche Fügung“ betrachtet wurden. Irgendwann wurde dann durch engagierte Interessierte mehr und mehr Licht in diese „Blackboxen“ gebracht, und damit erhöhte sich die Chance, dem „Zufall“ höhere Wahrscheinlichkeiten für das Eintreffen des gewünschten Ausganges abzuringen.

Ich möchte damit keinesfalls ausschließen, dass es nicht durchaus etwas wie „göttliche Fügung“ geben könnte – mein Ziel ist es nicht, gläubige Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Umschreibungen im Alltag ein wenig zu inflationär gebraucht werden, und es für manche Menschen durchaus sinnvoll wäre, sich zu fragen wie die „Mechanik“ eines zufälligen Ereignisses tatsächlich zustande kam. Vor allem dann, wenn die “Zufälligkeit” eines Ereignisses sehr subjektiv zu sein scheint.

Noch einmal: Was wir „Zufall“ nennen, sind Vorgänge, die wir bisher noch in zu geringer Komplexität erforscht haben. Sind wir bereit, uns der Erkenntnis zu stellen, die hinter dem Etikett „Zufall“ auf uns wartet? Die Antwort entscheidet darüber, ob wir das erste Hindernis zur Veränderung überwinden und uns aus der Opfer-Rolle befreien.

Damit können wir handeln.

Durchschauen wir die Illusion der direkten Kontrolle anderer?

Meist ist die sichtbare Veränderung die wir uns wünschen außerhalb von uns selbst zu finden. Wir wollen mehr Geld auf dem Konto, dass der Mitarbeiter endlich bessere Leistungen erbringt, dass die Kollegin aufhört uns zu mobben oder die Regierung zur Abwechslung einmal sinnvolle Gesetze verabschiedet. Mit uns selbst ist ja alles in Ordnung, aber die Welt da draußen müsste doch einsehen, dass…

Das Problem dabei ist jedoch, dass ein jeder dieser Menschen, die wir gerne verändert hätten, einen eigenen Kopf hat, mit eigenen Gedanken. Und vielleicht sogar im selben Moment davon träumen, dass wir uns endlich ändern, damit ihre Welt erträglicher wird. In der Informatik wäre das ein klassischer „Deadlock“, bei dem nichts mehr weitergeht, weil jeder darauf angewiesen ist, dass der andere endlich was macht, bevor er selbst handelt. Und so vergeht die Zeit, ohne dass Veränderung eintritt…

Andere hingegen versuchen den direkten Weg, andere zu beeinflussen, etwa indem sie Chef eines anderen werden und sich der Illusion hingeben, dieser würde nun machen was man wolle, eben weil man Chef sei oder weil man ihn bezahle. Was hierbei ausgeblendet wird ist wiederum eine Art „Blackbox“, die in dem Mitarbeiter abläuft und ihn im Endergebnis dazu führt für den Chef zu tun was dieser verlangt. Solang der Chef aber diese Blackbox nicht tiefer versteht wird es ihm möglicherweise eines Tages ergehen wie Kristen Hadeed in ihrem Buch „Permission to screw up“ anschaulich beschreibt: „ohne Vorwarnung“ kündigen auf einen Schlag 75% der Belegschaft. Autsch!

Wir können andere Menschen zu einem bestimmten Punkt beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Wir können lernen, den Grad unserer Möglichkeit Einfluss zu nehmen zu erhöhen, indem wir die Komplexität aushalten, tiefer in ihre „Blackbox“ zu sehen (manche nennen das auch „sich besser kennenlernen“). Aber 100%ige Kontrolle dabei erreichen zu wollen halte ich für nicht sinnvoll.

Was wir jedoch durchaus kontrollieren (= direkt steuern) können, ist uns selbst: unser Körper, unsere Emotionen, unser Geist. Und hierbei finden wir paradoxerweise auch den Schlüssel zur Veränderung im Außen. Wie das funktioniert?

Öffnen wir Räume für Innovationen oder motivieren wir nur?

Warnhinweis: Wenn wir Räume öffnen, könnten wir auch positiv überrascht werden.

Am einfachsten als mentales Bild darzustellen ist dies, wenn wir uns um alle Menschen eine Art 3-dimensionale Form vorstellen, die jeweils an die Formen der anderen Menschen anliegt. Diese Formen stellen unser Sein im Alltag dar, das wir gewöhnt sind. Wenn ich nun jemanden direkt verändern will, so stoße ich mit Druck in seine Form vor, was ihn zu Abwehr-Reaktionen ermuntern wird: Druck erzeugt Gegendruck. Verändere ich jedoch meine Form, indem ich zwischen seiner Form und meiner Raum eröffne, so lade ich ihn damit ein, sich durch die Veränderung seiner alten Form an meine neue Form anzupassen, um wieder einen stimmigen Kontakt zwischen uns herzustellen. Dies hat gleich 3 Vorteile:

  • Der Andere tut es freiwillig und in seinem Tempo, es kostet mich weniger Kraftanstrengung
  • Diejenigen, die gegen meine Veränderung sind, bleiben auf Distanz
  • Ich schenke meiner Umwelt Raum, mich positiv zu überraschen

Anstatt meine Energie und Zeit zu vergeuden, jemanden an einen Ort zu schieben, den er gar nicht erreichen will, lade ich ihn stattessen ein und mache den Weg frei. Menschen, die meine Veränderung nicht mit mir mitgehen können oder wollen, zeigen dies, indem sie auf Distanz bleiben und nicht erneut Kontakt suchen (ich verschwende meine Energie nicht an Menschen, die dies ohnehin nicht schätzen). Indem ich Raum öffne, können andere mich auf Arten beschenken, an die ich selbst gar nicht gedacht hätte, hätte ich ihr Verhalten steuern wollen.

Dies ist übrigens – kurz zusammengefasst – eines der Geheimnisse meines Erfolges als Lehrer. Ich bringe Schüler nicht direkt dazu zu tun was ich für richtig halte, sondern öffne ihnen Raum, das, was ich von ihnen verlange (Grenzen des geöffneten Raumes), auf dem für sie passendsten Weg zu erreichen. Weil es ihr Weg ist den sie selbst gewählt haben, muss ich sie auch nicht von außen motivieren (=“anschieben“), sie bewegen sich selbstständig durch eigenen Impuls.

Wenn der Schlüssel zur Veränderung in uns selbst liegt und allen zugänglich ist, warum wenden ihn dann so wenige Menschen an? Um dies zu verstehen, müssen wir uns dem Phänomen der Anhaftung widmen.

Unterliegen wir der Anhaftung?

Was soll die blöde Frage? Natürlich brauch ich das alles noch!

Haftung zu haben, also wo befestigt zu sein, ist an sich ein neutraler Zustand ohne Wertung. Problematisch wird es, wenn wir uns in Bewegung setzen wollen und gleichzeitig noch irgendwo anhaften. Wer seine Hand noch auf der Türklinke hat und nicht loslassen will, gleichzeitig aber vor hat jetzt 20 km zu laufen, der wird nicht weit kommen (oder die Tür mitschleppen müssen).

So plump dieses Beispiel auch gewählt ist: genau so agieren tagtäglich Millionen von Menschen weltweit. Wir „wollen“ aufhören zu rauchen, trotzdem aber hin und wieder „beim Fortgehen“ eine rauchen. Wir „wollen“ den Sixpack-Körper, aber trotzdem den ganzen Tag nur Computer spielen oder im Büro sitzen und uns nicht bewegen. Oder, subtiler: wir wollen uns das Verhalten unseres Partners nicht mehr gefallen lassen, aber sind nicht bereit, ihn im Ernstfall zu verlassen. Wir wollen, dass eine Kollegin aufhört uns zu mobben – sind aber nicht bereit, ihr deutlich zu machen, dass sie Grenzen übertritt, weil wir kein “Menschen der herumschreit” sein wollen.

Die meisten Menschen, die davon sprechen was sie wollen, setzen ihr „Wollen“ deswegen nicht in Handlungen um, weil diese Handlungen voraussetzen, dass sie bestimmte Anhaftungen aufgeben, ohne die sie fürchten nicht auskommen zu können. Wer aber zu vielen Anhaftungen erliegt, wird bewegungsunfähig und damit – um im vorherigen bildlichen Beispiel mit den Kugeln zu bleiben) unfähig, Raum für Veränderungen zu schaffen.

Wer also beispielsweise einer klassischeren Vorstellung des Lehrer-Seins anhaftet, wird Schwierigkeiten haben, ähnliches mit Kindern zu erleben wie es mir geschenkt wurde. Nicht weil es dieser Person grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern weil die Identifikation (=Anhaftung) mit einem bestimmten Bild vom Lehrer-Sein die Verhaltensweisen verbietet, die notwendig wären, um einen solchen Raum zu öffnen.

Wie man sich von seinen Anhaftungen befreien kann füllt ganze Bibliotheken voller Bücher, deswegen erspare ich mir diesen Aspekt vorerst. Aber eigene Anhaftungen als Ursache anzuerkennen, warum die Welt noch nicht so ist wie man sie gerne hätte hilft schon einmal ungemein, die Verantwortlichkeiten klarer zu sehen.

Wie wir die Welt verändern

Wie verändern wir nun also unsere Welt? Wir anerkennen, dass Glück, Pech und Zufall nur Umschreibungen sind für „noch (!) nicht verstanden“ – und ein Auftrag, tiefer zu forschen. In diese „Blackbox“ zu blicken hilft uns später, gute und passende Räume für Veränderung zu eröffnen.

Wir anerkennen ebenso die Grenzen dieses Zuganges, und das wir was außerhalb von uns selbst ist nur beeinflussen, niemals vollends kontrollieren können.

Wir anerkennen, dass der energieeffizienteste Weg, Veränderung im Außen zu bewirken, eine Veränderung in und an uns selbst ist, mit der wir Zwischen-Räume eröffnen, die das Außen auf kreative Weise füllen kann.

Und letztlich anerkennen wir, dass wir dort, wo wir dies nicht vermögen, eine konstruktive Veränderung durch unsere eigenen inneren Anhaftungen blockieren – und es selbst in der Hand haben, diese aufzulösen, wo die Veränderung die wir uns erwünschen dieses Opfer wert scheint.

Die Welt verändert sich nicht für uns. Aber sie verändert sich, und wenn wir ihr den passenden Raum dafür schenken, auch durchaus in unserem Sinne.

Niklas

P.S.: Wenn euch dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich, wenn ihr ihn mit anderen Menschen teilt, denen er auch gefallen könnte 😉

Farben segeln um uns nieder
Das Leben gibt und nimmt rasch wieder
Was gestern war, wird morgen sein
Der Halt am Jetzt gebiert die Pein
Erfreu dich an der Farben Pracht
Das Ende naht, es naht mit Macht
Ein Anfang bricht in deinen Raum

Weiße fällt, wirbelt uns nieder
Wir sammeln uns, wir singen Lieder
Dunkel wird‘s, die Flammen brechen
Nun möge sich der Sommer rächen
Beizeiten sind wir hoch geflogen
In alle Winde wir zerstoben
Sieh!, nun schwindet letzter Halt

Neckisch Kitzeln, sanftes Regen
Es streckt sich, weitet sich das Leben
Unter Decken, unterm Grund
Wächst die Sehnsucht nach dem Und
Nach dem Mehr hinter den Zeilen
Forsch und ungezwungen eilen
Federn über leeres Blatt

Nun komm‘n wir an, nach alter Weise
Der Sonne  Wärme trägt uns leise
Ins Schattenspiel, naiv wir sind
Glaub‘n, wir wär‘n für immer Kind!
Und die Schatten würd’n schwinden
Wenn wir nur die Augen binden
Wenn wir warten nur auf Morgen
Wird Kummer fern sein, fort die Sorgen
Ein‘ Sommer lang! Soll es nur halten
So viel Müh, nun lass verwalten
Halten, greifen sie, bewahren
Und wenn es auch nur Schatten waren

Rhythmen ziehen ihre Kreise
Bald schon wird es wieder leise
Freude, Schmerz, vergeblich Ringen
Entfernt noch in Erinn’rung klingen
Vom Streben bleibt nur Schall und Rauch
Lass ziehen, Kind, lass ziehen!
Den Schmerz, den jedes Ende braucht
Wenn Anfang bricht in deinen Raum

„Ich habe ein neues Auto, da wird die Couch nicht reinpassen“, meinte er zu dem Freund, doch der winkte ab. „Die passt schon rein!“
Also waren sie zu der angegebenen Adresse gefahren, hatten geklingelt, und ein leicht abwesender junger Mann hatte geöffnet.
„Das ist sie also“, sagte der Freund, und: „Das ist sie“, der Eigentümer. Und: „Sobald sie aus der Tür ist, will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben.“
„Die passt niemals in mein Auto“, warnte er den Freund, doch der gab sich zuversichtlich: „Natürlich passt sie rein, du wirst schon sehen.“

Einige Minuten später standen sie vor der verschlossenen Tür der Wohnung, nachdem sich der ursprüngliche Eigentümer mit einem Grinsen verabschiedet hatte.
„Und wie bringen wir sie jetzt die Treppe herunter?“, fragte er, Böses ahnend, den Freund, der einen weiteren Freund nannte. Ein Passant bot seine Hilfe an, und so truegen sie nun zu viert die Couch die zwei Stockwerke herunter in den Vorgarten.
„Lasst uns das Auto holen“, meinte er, und zum Freund, der unentschlossen dreinsah, „Wie groß ist die Chance, dass vier Diebe gleichzeitig hier in diesen Vorgarten kommen und in den paar Sekunden die Couch wegschleppen werden?“

Natürlich passte die Couch nicht in das Auto, nicht einmal ansatzweise, auch wenn der Freund darauf bestand, es zumindest zu probieren, was dem  Auto erste Gebrauchsspuren zufügte.
„Dann holen wir eben den Rollwagen“, entschied der Freund.
„Und schieben die Couch die ganze Strecke bis zu dir nach Hause?“, fragte er ungläubig.

Es musste ein ungewöhnlicher Anblick für die Passanten gewesen sein, als drei lachende Männer mit einer Couch auf einem Rollwagen durch die ganze Stadt liefen, aber niemand sprach sie darauf an, wohl weil von außen schwerlich zu erkennen war, ob es ein ausgelassenes oder ein irrsinniges Lachen war. Angekommen in der Wohnung des Freundes entstand nun das nächste Problem: Die Couch passte nicht in den Lift, und als auch dieses Problem durch viel Schieben und der Hilfe eines zufällig vorbeikommenden Inders gelöst worden war, passte sie nicht durch die Eingangstür der Wohnung.
„So, perfekt“, meinte der Freund, als auch dieses Problem mit ein wenig sanfter Gewalt überwunden war.
„Die Couch besetzt gut 50% deiner Wohnfläche.“
„Meine neue Wohnung wird größer sein.“
“Dein Optimismus grenzt an Idiotie.”
“Die Dummen haben das Glück.”

„Ich brauche deine Hilfe!“, rief der Freund einige Wochen später durch das Telefon, „Ich muss heute abend ausgezogen sein!“
„Und das fällt dir erst jetzt ein?“, fragte er ungläubig.
„Hilfst du mir oder hilfst du mir nicht?“
„Natürlich. Wann soll ich da sein?“

Als er eintraf, hatte der Freund den Großteil seiner Sachen bereits gepackt, bis auf-
„Die Couch!“, rief er, sich erinnernd, aus. „Was machen wir mit der Couch?“
„Ein Freund wird sie morgen abholen. Heute hat er keine Zeit mehr.“
„Aber du musst doch heute die Wohnung ausräumen!“
„Wir stellen sie wo für ihn unter.“

Einige Stunden später, als der Rest der Sachen des Freundes verstaut war, trieb jener Glückspilz noch spontan zwei Helfer auf, um die Couch auf dem Rollwagen aus der Wohnung zu bringen.
„Wohin bringen wir das Ding?“, fragte einer der Helfer, misstrauisch, als er sich auf einem kleinen Feldweg wiederfand.
„Ich würde sie zum Supermarkt stellen, da kommen tagtäglich viele Menschen vorbei. Irgendwer freut sich bestimmt darüber“, meinte der Freund.
„Ich dachte, dein Bekannter holt sie sich morgen?“
„Vielleicht stellen wir sie auch hier hin. Hier ist es schön überdacht und sie wird nicht kaputt, wenn es regnet.“
„Hast du zumindest eine Announce auf Ebay ode so geschaltet?“
„Das werde ich noch.“
„Mit ‚Selbstabholung unter der Brücke‘?“
Der Helfer erntete ein anerkennendes Grinsen.
„Wir verstehen uns.“

Zwei Tage später konnte ein älterer Mann sein Glück kaum glauben: da stand doch tatsächlich eine saubere, gemütlich aussehnde Couch unter seiner Lieblingsbrücke, die man sogar in ein gemütliches Bett umwandeln konnte! Das war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Gott meinte es am Ende also doch gut mit ihm. Es würde wieder aufwärts gehen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren auf der Straße schlief er ruhig und ohne Angst ein, vertrauensvoll sich hingebend der Dämmerung, voller Hoffnung auf den Anbeginn eines neuen Lebensabschnitts.

Diese Barfuß-Geschichte kannst du dir jetzt auch vorlesen lassen: Link zum “Hörbuch”.

Irgendwann früher, in glücklichen Tagen, da gab es das noch: das Besondere. Als wir uns mit Nachbarskindern im Schlamm wälzten und noch die Zeit fanden, danach drei Tage krank zu sein. Stundenlang Gesteinsbrocken aneinander klopften in der sinnlosen Hoffnung, darin wertvolle Kristalle zu entdecken. Sechs Stunden am Straßenrand an einer unbelebten Siedlungsstraße warteten, um Zeichnungen zu verkaufen, ohne uns darum zu kümmern, ob die Einnahmen reichten, einen Lebensunterhalt zu bestreiten. Damals waren wir jung, naiv. Vielleicht auch glücklich, manchmal zumindest. Aber was das Wichtigste war: Wir hatten uns immer genug neue Geschichten zu erzählen.

Irgendwann nützen sich Geschichten nämlich ab. Selbst die absurdesten Erlebnisse werden schal, vorhersehbar, wenn sie zu oft erzählt werden. Wir wissen schon, wie die Geschichten ausgehen, und wir kennen den Schmerz, der uns erwartet. Bei manchen dauert es ein wenig länger, aber irgendwann erwischt sie einen doch, die Weisheit, und dann weiß man einfach, was zu tun ist, um das Unglück zu vermeiden. Wer im nassen Schlamm spielt, ist danach vielleicht krank, also lässt man es eben. Früher dachten wir, man müsse kämpfen für ein gutes Leben. Heute wissen wir: es geht auch anders, einfacher, bequemer. Da gibt es eine Anzahl an Bedürfnissen und eine Anzahl an Möglichkeiten, sie zu befriedigen, um sich im Grunde wohl zu fühlen. Wir waren mal hungrig nach so etwas wie einem tieferen Sinn, nach einer größeren Geschichte. Aber es gibt auch effektivere, schmerzlosere Varianten, ein aufgeblasenes Ego zu befriedigen.

Und am Ende: was bleibt? Zellen, Bausteine, alles vergeht, auch das Ego. Er ist friedlich eingeschlafen, werden wir uns erzählen, oder: Sie hatte ein gutes Leben, weil man das eben so sagt in Situationen, in denen wir uns sonst nichts zu sagen haben. Platzhalter für die Geschichten, die wir uns am Ende nicht voneinander erzählen können. Es gab so viel, was wir uns zu erzählen hatten, als wir jung waren, und wir wunderten uns, warum die Erwachsenen so selten die Zeit fanden, uns zuzuhören. Nun, selbst erwachsen, verstehen wir endlich. Unsere Geschichten waren zu aufregend, zu anstrengend für die Welt der Erwachsenen. Wer findet schon im Alltag noch die Zeit, solche Geschichten zu erleben?

Bei uns gab es ausgekochte Bösewichter, peinliche Missgeschicke, Gerade-noch-Sieger und wirklich frustrierte Verlierer, die nicht immerzu im nächsten Moment entdeckten, dass sie dem Sieger den Sieg gut gönnen konnten. Wir wussten, dass die Bösen mindestens so wichtig waren wie die Guten, weil es sonst keinen Kampf, keine Spannung gegeben hätte. Igendwann trocknete das Blut, heilten die blauen Flecken, und wenn wir – wie so oft – am Ende gar nicht mehr wussten, wie sich alles zugetragen hatte, erfanden wir eben Geschichten drumherum, schmückten sie aus, bis sie völlig fantastisch waren und mit dem Geschehenen nur noch wenig zu tun hatten. Jetzt, erwachsen, verstehen wir, dass das politisch nicht allzu korrekt war. Wir alle haben Bedürfnisse, und es gibt keine wirklich Bösen mehr, nur noch Kommunikationsschwierigkeiten. Und auch keine Geschichten mehr. Heute beeindrucken uns Daten, Fakten, Nachprüfbares.

Wie war dein Tag heute?, sagen wir heute zueinander, den Frage-Charakter längst einem Aussagesatz geopfert, und beenden irritiert das Gespräch, sobald jemand die Floskel als Frage misszuverstehen droht. Das Übliche, antworten wir mit dem ebenso üblichen Grinsen, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob uns „das Übliche“ nicht mit den Jahren zu wenig wird. Irgendwann, so sagen wir uns, muss man ja auch mal erwachsen werden, mal Verantwortung übernehmen und etwas richtig machen. Also nehmen wir brav die Feder zur Hand und schreiben sie ab, die Geschichte eines erfolgreichen Menschen, Buchstabe für Buchstabe. Damit wir uns irgendwann erzählen können, er „hatte ein gutes Leben“, und anerkennend nicken können, dass derjenige immerhin bis zur Seite X gekommen ist mit dem Abschreiben.

Und doch sind es jene anderen Geschichten, nach denen wir uns sehnen. Jene, die wir uns bei der Beerdigung eines Menschen nur über jenen einen Menschen erzählen können, kopfschüttelnd und doch bewundernd. Die sich in Rechtschreibung und Grammatik wohl an die Konventionen der einzig wahren Geschichte eines geglückten Lebens halten, aber in Ausdruck und Inhalt Überraschendes offenbaren. Floskeln in Wort und Leben sind unsterblich, aber sie gehören uns nicht, weisen nicht auf ihren Verwender. Wagen wir, einzigartig zu sein oder begnügen wir uns einzig mit der Bequemlichkeit, artig zu sein – so oder so: am Ende sind es nicht die Leben, die wir glauben gelebt zu haben, die bleiben, sondern die Geschichten, die wir einander darüber erzählt haben, der Sinn, dem wir jenen Leben gaben. Ich hab mir nen neuen Saftmixer bestellt!, erzählen wir uns heute beinahe aufgeregt, und: Andrea hat dich eingeladen, ihren Beitrag zu liken.

Wir waren mal hungrig nach größeren Geschichten.

Weißer Sandstrand. Palmen, mit einer Hängematte dazwischen. Wolkenloser Himmel, wolkenloses Leben. Sogar das türkisblaue Meer ist ruhig. Nichts, was die Idylle stören kann. „Da möchte ich hin“, steht in großen, roten Lettern auf dem Plakat des Reisebüros. Ja, dachte er, da möchte ich hin. Das musste ein Leben sein! Auf ‘ner Hängematte, irgendwo im Süden, mit einem guten Buch, ‘nem Drink und das Leben so einfach zu schaukeln wie die Hängematte, in der man sich befand. Das war ein Leben! Und er, wie immer, nur vor einem Abbild eines Lebens stehend, das er gerne gelebt hätte. Schön, wenn man klar sehen konnte, was man zum Glück brauchte. 1569 Euro. Hin und zurück. Wobei er ja nur den Hinflug brauchte. Wer wollte schon zurück in diese Betonwüste, in der er dahinvegetierte, wenn er Palmen und Strände haben konnte?

Er wusste, er hatte das Geld nicht. Einen Job hatte er, in dem er angeblich ganz gut verdienen sollte, aber Geld? Jeden Monat wurde ihm eine bestimmte Zahl auf einem Konto gutgeschrieben, und er hatte nicht das Gefühl, auf großem Fuß zu leben, aber im Grunde blieb am Ende selten etwas übrig. Sein ganzes Leben hatte er Geld, aber immer nur gehabt. Es waren die kleinen Preise, die ihn um das große Geld brachten, hatte ihm seine Großmutter mal zu erklären versucht, aber wie konnte man sie dann als „klein“ bezeichnen? Das war doch sicher Betrug, und offen zu betrügen, das konnte sich wohl kein Unternehmen auf Dauer leisten. Trotzdem, es war wie verhext: nach jeder Gehaltserhöhung blieb am Ende des Monats doch wieder nur derselbe traurige Restbetrag übrig. Definitiv keine 1569 Euro. Man mochte so vieles, und hatte doch nur so wenig Geld…

Doch der Wunsch blieb. Da möchte ich hin, rumorte es in seinem Kopf, bis er realisierte, dass ihn hier und jetzt nichts hielt und dass es keinen Sinn hatte, zu warten. Auch in einem Jahr würde er keine 1569 Euro zusammengespart haben. Aber er hatte eine Kreditkarte und einen Kreditrahmen. Das sollte reichen. Rasch, bevor seine eingefahrenen Gewohnheiten ihn stoppen konnten, tippte er die Nummer des Reisebüros ein, die auf dem Plakat abgedruckt war. Zwölf Minuten später war das Geschäft perfekt. In drei Wochen würde er fliegen. Zwei Wochen Mittelamerika. Mit seinen bald 35 Jahren war es an der Zeit, das tun zu können, was man wollte. Auch wenn es sich nur um Urlaub süßes Nichtstun am Strand handelte.

Dort angekommen, stellte er seine Sachen im Apartment ab, nahm ein Buch aus seiner Reisebibliothek und ließ sich in eine der bereitgestellten Hängematten plumpsen. Es war tatsächlich wie auf dem Plakat – von einer bestimmten Perspektive aus betrachtet. Von so ziemlich allen anderen Perspektiven aus war dieser Ort wohl einst wunderschön gewesen, man mochte sich frei gefühlt haben. Aber das musste lange her gewesen sein. Nun war alles perfekt durchdesignt, der Tagesablauf vorgeschlagen und man bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, wenn man die Angebote des Veranstalters nicht annahm. Die Einheimischen, wohl auf Leistungsbasis bezahlt und auf entspannungshungrige Erlebnistouristen trainiert, hatten diese traurigen Augen… rund um seine Hängematte begannen nun weitere Touristen mit ihren täglichen angeleiteten „Wellness-Übungen“, die auf ihn irgendwie nicht sonderlich entspannend wirkten. Es war schwer, sich auf sein Buch zu konzentrieren, wenn neben einem ständig wer auf seinem Wellness-Trip vorbeischlauchte.

Aber im Grunde lag es nicht an den anderen. Was ihn nervte, nervte ihn an ihm selbst: warum war er hier? Sein Buch lesen konnte er auch zuhause. Eine Hängematte kostete ihn einige Zehner, und Bäume gab es auch zuhause genug. Warum also war er hier? Hier möchte ich sein, hatte er sich gedacht, aber war es dabei wirklich um diesen oder überhaupt irgendeinen Ort gegangen? Nein, stellte er nun fest. Es ihm um das Gefühl gegangen, im Urlaub zu sein. Doch was bedeutete „Urlaub“ eigentlich für ihn? Sich umsehend, die sich immer noch abstrampelnden Touristen um ihn leicht irritiert betrachtend, wusste er, dass das Gefühl unabhängig von einem Ort sein musste. Dieser Ort löste es zumindest nicht aus. Aber was dann? Und dann erinnerte er sich an das letzte Mal, als er sich verliebt gefühlt hatte. Das war lange her. Doch ja, damals hatte er sich frei gefühlt. Urlaub, das war wohl sowas wie Freiheit mit einem Anfang und einem Ende.

Plötzlich musste er laut lachen. Was nun ihrerseits die Touristen, die um seine Hängematte ihre Wellness-Übungen absolvierten, irritierte. Fast wäre er aus der Hängematte gekippt, so laut musste er lachen. Urlaub, das ist das, was im Kopf passiert, hatte ihm die Großmutter mal erklärt, und er hatte sie ausgelacht. Natürlich, für Menschen der Aufbaugeneration, die sich nur wenig leisten konnten, war es ein schönes Credo. Aber natürlich konnte sie es nicht ernst gemeint haben, oder? Und doch, auch ihre nachfolgenden Worte machten nun mehr Sinn: Urlaub – wie Freiheit – kann dir niemand geben. Da hilft kein Wellness-Instruktor und kein Sandstrand. Dafür braucht’s auch nichts davon. Urlaub wie Freiheit sind einfach da, wenn man sich für sie entscheidet. Die um ihn werkelnden Touristen und Mitarbeiter des Apartments sahen ihn immer noch entgeistert an, hielten ihn wohl für leicht verrückt, einfach ohne ersichtlichen Grund loszulachen. Ich nehm‘ mir mal Urlaub von euch allen, dachte er vergnügt, blendete sie erfolgreich aus seiner Wahrnehmung aus und las weiter in seinem Buch. Urlaub ist das, was im Kopf passiert, dachte er, die Worte im Singsang denkend, und prustete erneut los. Sein Kopf fühlte sich ziemlich… leer an, so leicht, als würde er schweben. Verliebt. In sich selbst.

Und irgendwie in diese ganze verrückte Welt.

Wie jeden Tag liefen die kleinen Angstmonster mit ihren Freunden, den Schäm-Dich-Monstern und den Zweifel-Monstern, an ihren liebsten Ort, um zu spielen. In der Nähe der großen, leuchtenden Kugel, von der alles entsprang, im Innersten, dort fühlten sie sich wohl.

Manchmal löste sich ein Gedanke oder ein Gefühl von der leuchtenden Kugel los, um sanft in Richtung Gehirn, Herz oder sogar Zunge zu schweben. Gespannt beobachteten die Gefühlsmonster dann das ebenso leuchtende Kügelchen, und schlossen Wetten ab, in welche Richtung es sich wohl bewegen würde. Sie hatten kleine Wegweiser aufgestellt, um den Überblick nicht zu verlieren. Und weil manche der Gefühlsmonster eben Spaßvögel waren, vertauschten sie diese Wegweiser manchmal, um zu sehen, was passieren würde. Manchmal landete ein Gedanke, der noch gar nicht fertig herangewachsen war, dann bereits auf der Zunge. Oder ein Gefühl, dass für das Herz bestimmt gewesen war, landete im Gehirn, wo es gar nicht hingehörte. Aber die Gefühlsmonster störte das nicht weiter, solange sie ihren Spielplatz für sich hatten. Sie waren wie Kinder, die weder an ein Gestern noch an ein Morgen dachten. Alles, was ihnen zählte, war, Spaß zu haben. Und sie hatten großen Spaß.

Irgendwann – die große Uhr neben der Lichtkugel musste wohl so etwa auf 2-3 Jahre gezeigt haben, hatten sie entdeckt, dass die Gedanken und Gefühle vorzüglich schmeckten, und so stritten sie fortan um diese Leckerbissen. Manche Kügelchen erreichten damit nie ihr Ziel, andere pupsten sie wieder aus, nur um verblüfft festzustellen, dass die so verzehrten und verzerrten Lichtkügelchen nun gar nicht mehr so leuchteten und lustig umhersprangen. Wenn diese dann ihr Ziel erreichten, gab es oft kleinere und manchmal sogar größere Beben im Innersten, in dem sie lebten. Aber sie schmeckten zu lecker, um aufzuhören.

Eines Morgens jedoch wurden sie von einem unglaublichen Getöse geweckt, und stellten fest, dass von der großen Kugel nun ein dicker Strahl zum Herz und von dort aus noch weiter in die Ferne führte. Das älteste der Gefühlsmonster wurde gerufen, um zu entscheiden, was denn nun zu tun sei. Er befahl, den Strahl eine Weile in Ruhe zu lassen. Nach einigen Monaten stellten sie fest, dass der Strahl etwas dicker geworden war. Der Älteste ging vorsichtig darauf zu, berührte ihn, kostete einen Happen. Eine außerordentliche Spezialität! Sogleich wurden alle Angst-Monster, alle Schäm-Dich-Monster und die Zweifel-Monster gerufen, um ein Festmahl zu feiern.

Nach dem Essen (von dem Strahl war nicht mehr viel übrig) wurde ausgiebig gepupst, wie es sich für echte Gefühls-Monster gehörte, und bewundernd beobachteten sie, wie ihr gemeinsames Produkt in Richtung Herzen entschwebte, um mit einem gewaltigen Beben auch die letzten Überreste des einst hellen Strahls verdampfen zu lassen. „Nun, das wäre erledigt“, meinte der Älteste zufrieden, „aber falls wir wieder einmal so etwas finden, wollen wir es ‚Liebe‘ nennen? Wir wissen ja jetzt, was zu tun ist. Problem gelöst.“ Im Laufe der Jahre wiederholte sich das Phänomen noch einige Male, was die Gefühlsmonster jedes Mal aufs Höchste erfreute. Denn die Liebe schmeckte ihnen vorzüglich.

Eines Tages jedoch, als sie sich gerade wieder einmal bereit gemacht hatten, eine besonders delikat aussehnde Liebe zu verspeisen, erschien plötzlich eine ganze Meute fremder Gefühlsmonster im Innersten. Gute Gastgeber, die sie waren, boten sie ihnen an, mitzunaschen, doch diese lehnten ab. Sie seien hier, um Liebe zu finden, nicht um sie aufzuessen. Es sei ja ok, hin und wieder ein wenig davon zu knabbern, sie munde ja auch sehr. Aber wenn man nicht aufpasse, dann fresse man sie eben doch allzu rasch auf, und es dauere immer länger, bis sie auf natürlichem Wege nachwachse. Deswegen seien sie gekommen, um diese Liebe zu retten, bevor sie noch ganz ausstürbe. „Man muss heute schon auch über den Tellerrand des eigenen Appetits denken“, meinte ein weißhaariges fremdes Angstmonster. Es sei ein sehr fragiles Gleichgewicht, das zu erhalten oder gar zu fördern ihre Aufgabe sei.

Die Gefühlsmonster waren irritiert. Wie sollte das funktionieren? Doch die Besucher hatten einen Plan: “Wir arbeiten jetzt alle für den Umweltschutz. Pflegt eure Liebe. Wenn ihr liebe-volle Gedanken und Gefühle nascht, passt auf, dass sie sich danach nicht statt Richtung Herz in Richtung Zunge bewegen, wenn sie doch noch zu klein sind, um ausgesprochen zu werden. Leitet sie. Werdet ihre Lotsen. Nährt eure Liebe, pflegt sie. Wenn ihr das tut, und wir ebenso, wird unsere Liebe stark sein und bleiben.”
Die Gefühlsmonster waren erstaunt. „Unsere Liebe?“, fragten sie.
„Ja!“, meinten die Fremden, “Wir waren auch erst überrascht. Bis wir begriffen haben, dass die Liebe das einzige ist, was unser Innerstes mit anderen Innersten, wie dem euren, verbinden kann. Nun können wir endlich mal die Welt erkunden! Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Innerste es da draußen noch geben mag?”
„Das ist ja phantastisch!“, meinten die Gefühlsmonster, und malten sich eine goldene Zukunft aus.
„Lasst uns einen Pakt schließen!“, rief der fremde Älteste feierlich, „Wollen wir die Liebe, die uns verbindet, hegen und pflegen?“
„Ja!“, brüllten alle Gefühlsmonster voller Begeisterung, und ihr gemeinsamer Pups entschwand rasch Richtung Zunge. Da war Angst der Angstmonster dabei in diesem Ja, Scham der Schäm-Dich-Monster, und Zweifel der Zweifel-Monster. Aber auch die Festigkeit und Tragfähigkeit einer Liebe, die gerade eben unter Naturschutz gestellt worden war.

„Ich liebe dich“, sagte sie, bereit, die Angst, die Scham und die Zweifel, die mitschwangen, zunehmend als unverrückbare, unveränderliche Tatsachen anzunehmen.

„Auch ich liebe dich“, sagte er, weil er fühlte, dass es die Wahrheit war, und es sinnlos war, es zu leugnen. Eine Wahrheit, die ihn ängstigte, für die er sich manchmal schämte und an der er in schwachen Momenten zweifelte, verzweifelte. Aber vielleicht würden gerade jene Gefühlsmonster, die ihm so oft nachts den Schlaf raubten, ihm helfen können, seine Liebe zu ihr lebendig und stark zu halten.

Gute Arbeit, Jungs, dachte er, die Stärke der Verbindung zu ihr fühlend, und dann, zu ihrem Innersten hin: Ich liebe dich. Bis tief in sein Herz konnte er spüren, wie auch ihr Innerstes vor Glück erbebte. Richtig gute Arbeit, Jungs.
Weiter so.

In den letzten Wochen war ich auf “Heimaturlaub” in Österreich, war viel unterwegs und hatte nicht immer die Zeit bzw. den Internetzugang, um neue Geschichten zu veröffentlichen. Ab heute geht es wieder wöchentlich weiter.

Da lag sie nun, auf diesem harten Boden, der eigentlich auch hätte kalt sein müssen, denn immerhin war der Frühling noch lange nicht angebrochen. Wahrscheinlich war er auch kalt, doch sie fühlte nichts davon. Genauer gesagt fühlte sie im Grunde genommen gar nichts. Sie konnte die um ihren gefallenen Körper umherschwänzelnden Menschen beobachten, die besorgten Gesichter, den Mann, der bereits zum wiederholten Male hastig in sein Handy tippte und es danach kopfschüttelnd zu seinem Ohr zurückführte. Vielleicht hatte er versucht, den Notruf zu wählen. Oder er war dabei, seine Freunde anzurufen, um der erste zu sein, der ihnen die Neuigkeit erzählte. Wobei er dann sein Handy vermutlich eher dazu verwendet hätte, die Situation auf Video festzuhalten. Es handelte sich bei ihm wohl tatsächlich um einen jener Menschen, die sich selbst für sozial genug hielten, um in Krisensituationen zumindest den Anschein erwecken zu wollen, dass sie Hilfe holen wollten.

Sie sah all diese Menschen, aufgeregte und weniger aufgeregte, Menschen, für die ihr eigener Fall die Sensation des Abends zu sein schien, und andere, die ihren regungslosen Körper als einen völlig natürlichen Teil des Programms hielten. Sie sah die Männer in den roten Westen sich eilig einen Weg durch die apathische Masse der Feiernden bannen, sah den Notarzt, der etwas auf sie einredete, was sie nicht verstand, und die Helfer, die ihren Körper berührten, als könnten sie ihm dadurch die gewünschte Reaktion entlockten. Sie sah all dies und mehr, aber sie fühlte nichts.

Während der kleinen Trupp sie auf einer Bahre aus dem Festbereich schob, vorbei an kopfschüttelnden Menschen und den üblichen Kommentaren und Blicken, schweifte ihr inneres Auge zurück an jenen Ort, an dem ihr gesellschaftlicher Aufstieg begonnen hatte, zu jenem Moment, der aus einer durchschnittlichen jungen Frau eine völlig andere hatte werden lassen. Seine einst wohl üppig vorhandene Haarpracht war zu einem sanften Silberkranz verblasst – das war das Erste gewesen, was ihr an ihm aufgefallen war. Sie sah die Überreste seiner einstigen Frisur, aber dachte an den Zenit seiner Haarpracht. Etwas war an diesem Mann, etwas Besonderes. Sein Lächeln verriet, dass er ihre Gedanken erraten hatte. „Folgen Sie mir“, meinte er, „sie werden es nicht bereuen.“

Also war sie seinem Rat gefolgt und hatte gelernt, zu glänzen. Für einen Modeschöpfer hatte sie ihn zu Beginn gehalten, obwohl er immer betonte, er „schaffe Menschen, keine Mode“. Bereits nach einigen Wochen war ihr aufgefallen, dass ihr plötzlich Passanten bewundernde Blicke nachwarfen. Sie hatte festgestellt, dass es ihr Spaß machte, andere Menschen zu verzaubern, ihre Blicke bewusst zu lenken, ihre Gedanken nicht nur zu lesen, sondern auch zu steuern. Bald wusste sie, wie sie sich zu bewegen hatte, um den Mann mit der lässig zurückgeschobenen Sonnenbrille dazu zu bewegen, überrascht einzuatmen, wusste sie, wie sie die schimpfende alte Dame dazu bringen konnte, über die Jugend von heute positiver zu denken. Sie lernte die Menschen lesen, lernte ihre Bedürfnisse auf einen Blick zu erfassen und ihnen zu geben, was sie wollten, um zu bekommen, was sie wollte. Das Leben war überraschend einfach, sobald man es einmal verstanden hatte.

Nach einigen Monaten war sie derart beliebt geworden, dass sie sich vor Anfragen kaum mehr retten konnte. Hier war eine Charity-Veranstaltung, da war eine Reporterin, der sie ihre Styling-Tipps verraten sollte, dort ein Lifestyle-Magazin, das sich für ihr Beziehungsleben interessierte. Allen wusste sie zu sagen, was sie hören wollten, allen wusste sie zu geben, was sie von ihr haben wollten. Es war perfekt, wäre da nur nicht diese seltsame Leere gewesen, die sich ihr von Zeit zu Zeit aufdrängte, dieser kleine Freiraum in ihr selbst, der anfing, sie zu beobachten, während sie die Anfragen der anderen wie im Schlaf abarbeitete. Es war dieser kleine Bereich ihres Ich gewesen, den sie angefangen hatte zu hassen, weil er ihr innerlich zuschrie, dass etwas falsch laufe, dass das Leben nicht dazu da war, es perfekt durchautomatisiert ablaufen zu lassen. Irgendwann hatte sie angefangen, zurückzuschreien, ihn niederzukämpfen, diesen widerspenstigen Teil in ihr, der ihrem Glück im Wege stand. Und Stück für Stück hatte sie diesen lästigen Teil in ihr vernichtet.

Und nun musste sie staunend feststellen, dass es mit ihr zu Ende gehen würde, und dass es sie nicht weiter kümmerte. Was würde bleiben von einem Leben ohne feste Standpunkte, von der Beliebtheit, die sie sich mit Beliebigkeit erkauft hatte? Schmerzhaft wurde es ihr bewusst: Nichts.

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