Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschÀmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die NĂ€hrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwĂ€cher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kĂŒhlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nĂ€chsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wÀre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner BrĂŒder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kĂŒmmern. Du wĂ€chst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezĂ€hlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? KĂŒmmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir Ă€hnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu ĂŒberleben. Ich ĂŒberlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurĂŒck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des ZurĂŒckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurĂŒckschauen. Nun, verĂ€ndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je grĂ¶ĂŸer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare GrĂ¶ĂŸe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum ErfĂŒllung finden.

Nun ist ein MarienkĂ€fer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemĂŒtlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flĂŒchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berĂŒhrt. Mich nĂ€her an den Ursprung zurĂŒckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurĂŒckkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flĂŒchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je Ă€lter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behĂ€lt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. NatĂŒrlich, wenn man alles gut ĂŒbersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzĂ€hlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ĂŒberhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fĂŒhlen zu mĂŒssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschĂ€ftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun wĂŒrden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ mĂŒssen. Wir haben sogar VertrĂ€ge erfunden dafĂŒr! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

TatsĂ€chlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „GlĂŒcklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natĂŒrlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wĂŒnschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wĂ€r ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wĂ€r. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war stĂ€ndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschĂ€tzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die FĂ€den zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen Ă€hnlich anfĂŒhlen, erschien es fĂŒr eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafĂŒr, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ĂŒbrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lĂ€sst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuĂŒben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir wĂŒrden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fĂŒhlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufĂŒllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzĂ€hlte, meinte sie, ich wĂŒrde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rĂŒcken.

Was wĂŒrde ich Ă€ndern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht wĂŒrde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewĂ€hren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ ĂŒberhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darĂŒber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

WĂ€re das eine Welt, in der du gerne leben wĂŒrdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein StĂŒck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht
 und nur vielleicht
 wĂŒrdest du dann hier in deiner Ritze auch lĂ€nger weiterleben dĂŒrfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fĂŒhlen:
Ich bin es auch.

Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwĂŒstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschĂŒttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  FĂŒĂŸen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch fĂŒr ihn in weite Ferne gerĂŒckt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit spĂ€ter wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre spĂ€ter, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur Ă€ußere, vergĂ€ngliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glĂŒcklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem JĂŒngeren erzĂ€hlt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die FĂŒhrung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spĂŒrbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glĂŒcklich, erzĂ€hlte er nun dem JĂŒngeren, der sich lĂ€chelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner HĂ€nde nichts mehr ĂŒbrig war.

Der JĂŒngere schwieg, weil seine Worte nur ungenĂŒgend ausdrĂŒcken konnten, was er als Wahrheit in sich erspĂŒrte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hĂ€ngen daher ihr GlĂŒck nicht an VergĂ€ngliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverstĂ€ndlich ist, freut sich ĂŒber jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergĂ€nglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes GlĂŒck oder deinen eigenen Selbstwert daran hĂ€ngst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrĂŒckst.

Um all dies klar und unmissverstĂ€ndlich auszudrĂŒcken, fehlten dem JĂŒngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprĂ€gt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurĂŒckzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum JĂŒngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er lÀngst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spĂŒrten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die GefĂ€hrten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurĂŒckzulegen, der sich stimmig anfĂŒhlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstĂŒtzen, den jeweils nĂ€chsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafĂŒr wahre Freunde da?

„Ich will gerade nicht mehr darĂŒber sprechen“, meinte sie, und am anderen Ende blieb es tatsĂ€chlich still. Die Pause zog sich in die LĂ€nge, die Worte wollten sich nicht bilden. Atem besetzte die Leitung.

„Ich möchte dir etwas Seltsames beschreiben“, setzte er an, hoffend, durch eine Einleitung in Fluss zu kommen, „Je mehr ich dir zugehört habe, desto weniger konnte ich etwas fĂŒhlen.“
„Weißt du, ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr Ă€hnlich.“

Plötzlich kehrte das GefĂŒhl in seinen Körper zurĂŒck. Schmerzhaft.
„Ich glaube, du hast Recht“, murmelte er nachdenklich, „der einzige Unterschied war – “
Die Leitung war tot. Verzweifelt drĂŒckte er die Anruftaste. Noch einmal. Es hatte keinen Zweck.

Rationale Nachdenklichkeit wich zunehmend emotionaler Betroffenheit. Warum musste die Verbindung auch gerade jetzt abbrechen? Rastlos bewegte er sich in der Wohnung umher, setzte sich, stand wieder auf, nahm ein Buch zur Hand, las ein paar Zeilen, versuchte es noch einmal bei ihr, gab es auf. Fing an, Ordnung in der Wohnung zu schaffen, um sich zu beschÀftigen, abzulenken.

Ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr Àhnlich, hatte sie gesagt. Welche Verletzung? Es war doch normal, dass junge Erwachsene ab einem gewissen Alter unabhÀngig von ihren Eltern wurden, auf eigenen Beinen standen. Was hÀtte ihn daran verletzen sollen?
Du hast den Schock des Eintritts in das Arbeitsleben noch nicht ganz ĂŒberwunden. Wann hatte er diesen Satz gehört, und warum zerrte er gerade dermaßen an seinem Bewusstsein? Warum Schock? Warum Verletzung, bei einem so natĂŒrlichen Übergang in die SelbststĂ€ndigkeit und Selbstbestimmtheit?

Selbstbestimmtheit! Zeit ihres Lebens hatte man ihnen erklĂ€rt, sie mĂŒssten sich anstrengen im Leben, gute Noten nach Hause bringen, um irgendwann einen guten Job zu ergattern, genug zu verdienen, um sich keine Sorgen machen zu mĂŒssen. Und nun? Bei einem Tag mit acht Stunden Schlaf, zwei Stunden fĂŒr Nahrungsaufnahme und Hygiene, acht Stunden Arbeit und eine Stunde Zeit fĂŒr den Transport von und zur Arbeit waren die restlichen fĂŒnf Stunden „freier“ Zeit auch schon beinahe vernachlĂ€ssigbar. Und erst das, was man gemeinhin „Urlaubszeit“ nannte: im Durchschnitt ganze fĂŒnf Wochen im Jahr, und selbst ĂŒber diese Zeit durfte man im Regelfall nicht frei verfĂŒgen. Und was bekam man im Gegenzug dazu? Solange man sich diesen Bedingungen beugte, durfte man – meist – hoffen, auch im nĂ€chsten Monat und Jahr unter Ă€hnlichen Bedingungen geduldet zu sein. Und hatte man gut gearbeitet, hatte man sich den Feierabend oder Urlaub „verdient“, hatte man sich einen Bruchteil der Zeit, die man auch ohne Arbeit zur VerfĂŒgung gehabt hĂ€tte, wieder „erarbeitet“. Welch Irrsinn so ein „normales“ Arbeitsleben im Grunde doch war, war die Grundbotschaft doch im Grunde ein „Sei, wie andere dich haben wollen, dann darfst du sein“.

„Was willst du einmal werden, wenn du mal groß bist?“ war man gefragt worden, und stolz, mit Hoffnung im Herzen, hatte man geantwortet, man werde Arzt, Techniker, Lehrer, Schriftsteller. Kinder wussten noch nichts ĂŒber das große Theater, das sich Arbeitswelt nannte. Die meisten wurden am Ende irgendeine Variation der ĂŒblichen Schauspieler und spielten ihre Rollen, ob sie sich nun Buchhalter, Arzt, Lehrer oder Marketing-Mitarbeiter nannten, bis sie im Alltag vergessen konnten, dass es auch hinter den Rollen einst noch etwas EigenstĂ€ndiges gegeben haben musste. Die nachdenklicheren unter ihnen schlitterten von Depression zu Depression oder vegetierten als Aussteiger dahin, die Anpacker-Typen bereiteten sich lĂ€nger auf die große Krise mit 50 vor oder hatten das zweifelhafte GlĂŒck, vorher abzukratzen, bevor sie erkennen konnten, wie wenig der so einzigartigen Chance, die sie ironischerweise „ihr Leben“ nannten, sie am Ende fĂŒr die ErfĂŒllung ihrer eigenen TrĂ€ume genutzt hatten. Welch geringen Unterschied ihre Existenz, ihre besondere Perspektive am Ende gehabt hatte, weil fĂŒr diese Welt nur zĂ€hlte, wie gut man seine Rolle spielte, nicht was man in und außerhalb der Rollen wahrnahm und mitzuteilen hatte.

Die Wunde, die Ursache fĂŒr den Schock war nicht die RealitĂ€t an sich gewesen, sondern dass sie es gewusst haben mussten. Dass sie jungen Menschen Hoffnung einflĂ¶ĂŸten auf ein Leben als selbstbestimmter „Erwachsener“, wohl wissend um ihre eigene Unfreiheit. Wir sind euch gefolgt, dachte er erschĂŒttert, wir sind euch vertrauensvoll gefolgt, weil wir dachten, ihr hĂ€ttet den Weg der Freiheit beschritten. Dabei habt ihr euch nur tiefer in Unfreiheit begeben, um eine Illusion fĂŒr uns aufrechtzuerhalten. Vielleicht dachtet ihr ja wirklich, wir wĂŒrden es einmal besser haben. Dass sich das Versprechen, dass man euch als Kind gegeben hatte, zumindest fĂŒr eure eigenen Kinder erfĂŒllen wĂŒrde, wenn die Welt es fĂŒr euch schon nicht halten wollte. Nein, ihr habt uns nicht absichtlich getĂ€uscht, unsere Wut richtet sich nicht gegen euch. Sie richtet sich gegen die Alternativlosigkeit, die ihr uns hinterlassen habt, weil ihr am Ende auch nicht wusstet was sonst.

Sein Handy klingelte, ihr Akku war wohl wieder aufgeladen.
„Es tut mir Leid, es liegt nicht an dir, dass ich darĂŒber so schwer sprechen kann“, meinte sie, „aber bei dem Thema werde ich so dermaßen traurig und wĂŒtend, das will ich nicht an dir auslassen.“
„Und deswegen schweigen wir darĂŒber?“
„Deswegen schweigen wir darĂŒber.“
Doch dieses Mal drÀngten sich Fragen in ihm auf.
„Was, wenn wir uns der Wunde stellen wĂŒrden?“
„Dann stellst du dich nicht nur deiner eigenen Wunde. Was glaubst du, was ich die letzten zehn Jahre deswegen alles durchgemacht habe? Menschen verbluten lieber innerlich, als das Blut sehen zu mĂŒssen. Wenn du das Schweigen brichst, reißt du ĂŒberall um dich schlecht verheilte Wunden auf.“
„Also geben wir die Wunde weiter, verstĂŒmmeln irgendwann auch unsere eigenen Kinder?“
„Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, wenn du es nicht tust? Bist du auf die Einsamkeit vorbereitet, die mit der Entscheidung einhergeht? Können unsere Kinder die Konsequenzen tragen, wenn du es nicht tust?“
„Sie werden Vorbilder brauchen. Echte Vorbilder. Die es wirklich geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen. Die sich nicht nur reicher, die sich nicht nur ein bisschen sicherer fĂŒhlen können, sondern die Wunde an sich heilen konnten.“
„Ich weiß nicht, ob es ein Heilmittel gi-“

Wieder war die Verbindung abgebrochen, doch dieses Mal fĂŒhlte er eine eigenartige Ruhe in sich. Beinahe hatte er das GefĂŒhl, den sanften Fall des Schnees hören zu können. Trat auf den Balkon, genoss die plötzliche KĂ€lte und die Stille der Winternacht.
Warum schweigen wir noch darĂŒber?
Warum gehen wir noch die selben Wege?
Warum schlagen wir uns tagtÀglich noch immer die selben Wunden?
Es war bereits dunkel, Menschen schliefen, bereiteten ihre Körper vor fĂŒr einen weiteren Tag als Schauspieler im wohl absurdesten je geschriebenen TheaterstĂŒck. Beinahe hatte er die Schwelle zum Alltag seines Zimmers bereits wieder ĂŒbertreten, da packte es ihn, und er trat noch einmal forschen Schrittes auf den Balkon. FĂŒhlte, wie sich ein Schrei den Weg aus seinem Innersten bahnte, ein Weckruf fĂŒr die Verschlafenen, die ihr Leben in dem so alltĂ€glichen DĂ€mmerschlaf der NormalitĂ€t vertrĂ€umten, nach all den EindrĂŒcken und Verformungen eines Lebens endlich Ausdruck, Sichtbarmachung, zerschmettert der Mantel des Schweigens. Niemand schien ihn zu hören, aber darum war es auch nie gegangen. Deutlich fĂŒhlte er nun das Fließen von Blut aus der frisch aufgerissenen Wunde in seinem Inneren, die seit fast zehn Jahren in ihm eiterte, schwĂ€rte und ihn schleichend vergiftete.
Es war zu spÀt, sie noch einmal anzurufen, deswegen tippte er stattdessen eine Nachricht:
Wenn es irgendwo in dieser Welt Heilung gibt, schrieb er, dann werden wir sie finden.

Zum ersten Mal seit Jahren schlief er wieder tief und vertrauensvoll, wie ein Kind.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen falsch zu stellen
Was hell ist, zu ergrellen
Bis blind wir alle sind
Die Namen sind gerufen
Sie fĂŒhlen sich berufen
Und geben ihren Rat

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Liebe wirft schon Schatten
Kalt, kÀlter wird der Atem
Wir bauen Kathedralen
Herrlich auszumalen
Kommen feierlich, zu beten
Geh‘n leise, schuldig, und betreten
Wir wohnen  nicht mehr hier.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich völlig zu verlieren
In zweien, dreien, vieren
Bis einsam wir uns wiederfinden
Erinnern uns der Lieder
Doch die Herzen schweigen wieder
Hat wohl nicht sollen sein

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich Zukunft auszumalen
Mit Worten, Geist und Zahlen
Sich in Zukunft zu verlieren
Nur Vergangenheit zu spĂŒren
Hör die Gegenwart, sie spricht:

Halt ein, du Wanderer auf Zeit
Lass hinter dir der Zukunft Eitelkeit!
Hör, was mein Moment dir spricht
Getrau dich, schau mein Angesicht!
Ich bin die Wahl, die du gern fliehst
Bin Potential, das du nicht siehst
Der Mensch – ein LĂ€ufer – lĂ€uft geschwind
Was kĂŒmmert’s ihn, wohin er ging?
Nun, wenn er will, so soll er leiden
Wer bin ich, Mensch, ihn dir zu neiden
Den Augenblick, den ich dir schenke
NĂŒtz ihn, lass ihn, fĂŒhle, denke –
Schenke, teile, liebe, gebe
Ruhe, schlafe, mĂŒh dich, strebe
Am Ende: alles einerlei
Irgendwann bin ich vorbei

Wie schnell es manchmal gehen mag
FĂŒr einen Augenblick zu spĂŒren
Was fĂŒr Leben wir so fĂŒhren
Welche Opfer wir erbringen
Welch‘ GefĂŒhle wir bezwingen
Weil wir glauben, dass wir sollten
Vielleicht auch glauben, dass wir wollten
Hab‘n wir uns doch “lĂ€ngst entschieden”
Und so geschickt den Augenblick vermieden

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen neu zu stellen
Und bangend Herzen zu erhellen
Das Licht zieht Motten an
Sie fĂŒhlen sich berufen
Solch Liebe zu verfluchen
Und geben ihren Rat
Doch Liebe ist und bleibt
Ein Akt der wiederkehrend Tat

Abends, gegen neun, an der DonaulĂ€nde, mit den Fingern ĂŒber die Saiten streichelnd, sanfte Schwingungen in die windstille Luft zaubernd. WĂŒrde ich ihn abweisen, ihn, der mich – etwas schĂŒchtern – bittet, sich zu mir setzen zu dĂŒrfen, nichts mehr von mir und meinesgleichen erwartend? Ob ich denn etwas gegen Syrer habe, fragt er, einen Rest Körperspannung aufrechterhaltend, gerade genug, sich im Notfall rasch außer Reichweite zu bringen, sich dann erleichtert neben mir niederlassend, als ich verneine und ihn verwundert ansehe. Schlechte Erfahrungen graben tiefe GrĂ€ben. Lehren Misstrauen.

Er beginnt zu erzĂ€hlen, immer wieder unterbrochen durch die bange Frage, ob er mich belĂ€stigen wĂŒrde, um dann erleichtert fortzufahren. ErzĂ€hlt von seiner Familie, seinem Sohn, den PrĂŒfungen Allahs in diesem ihm so fremden Land, die ihm das Herz schwer werden lassen. Den letzten Rest des Geldes habe er zusammengekratzt, um irgendwie hier anzukommen – nun muss er tagtĂ€glich darum kĂ€mpfen, die siebzehn Euro fĂŒr die Übernachtung in Traun zusammenzukratzen. Er hofft auf eine Arbeit, irgendeine Art von Arbeit, putzen, kochen, egal. FĂŒrchtet, die siebzehn Euro eines Tages nicht zusammenzubringen. Die Unterkunft bietet ohnehin kaum mehr als einen Unterschlupf: kein Strom, immerhin jedoch fließendes Wasser. Ohne Unterkunft ist es schwer, Körperhygiene aufrechtzuerhalten, und ohne Hygiene kein Job. Ohne die Aussicht auf einen Job keine Hoffnung.

Immer wieder kontrolliert er auf seinem Smartphone die Uhrzeit, bittet mich um eine Kontrollmessung. Ab 21:00 darf er sein Fasten brechen, die Überreste der Mahlzeit eines freundlichen Herrn, der sie ihm vor einigen Stunden ĂŒberlassen hat, essen. Es sind nur wenige Bissen und er ist ein krĂ€ftiger junger Mann, trotzdem bietet er mir an, mit ihm zu speisen. Ich nehme nach einigem höflichen Hin- und Her ein StĂŒck Ente und lasse ihm den Rest, möchte nicht, dass er an seiner Großherzigkeit verhungert. Unangenehm drĂ€ngt sich die Erkenntnis auf, dass ich ungleich ihm jederzeit nach Hause gehen kann, wo ein voller KĂŒhlschrank, ein warmes Bett und freundliche Menschen auf mich warten. Trotz der unĂŒbersehbaren Unterschiede unserer Lebenssituationen bewahrt er ein erstaunliches Ausmaß von WĂŒrde. FĂŒr einige wenige Stunden verblasst die materielle Wirklichkeit, und wir begegnen uns in einer Tiefe, wie sie nur im VergĂ€nglichen erfahrbar wird.

Er sei enttĂ€uscht von der Gesellschaft hier, erzĂ€hlt er. In seiner Heimat werde niemand, der an die TĂŒr einer Moschee klopft und hungrig um Hilfe bittet, abgewiesen. Hier in Linz hat er im Umkreis von einem Kilometer an sechs Kirchen geklopft – in manchen FĂ€llen blieben die TĂŒren verschlossen, in anderen wurde er beschimpft, er solle sich wegscheren. Man muss nicht Deutsch können, um Abneigung zu verstehen. Ich erzĂ€hle ihm, die Kirchen hier in Linz seien schon etwas Ă€lter, stammen aus anderen Zeiten. Sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er bereits Ähnliches vermutet hat. Das Gesetz der Gastfreundschaft seiner Heimat wurde hier lĂ€ngst privatisiert, auf den jeweils anderen projiziert, bis es von der Regel zur Ausnahme einer neuen Regel der Selbstbezogenheit wurde. Doch im Grunde, so fĂŒhrt er weiter aus, brauche er die Gesellschaft und ihre „Segnungen“ auch gar nicht. Ein StĂŒck Land, auf dem er in Frieden mit seiner Familie wohnen und es bebauen könne, das wĂ€re sein Traum.

DafĂŒr jedoch brauche er als ersten Schritt die 18 Euro fĂŒr ein Zugticket nach Wien, die er sich stĂŒckweise jeden Tag zusammensparen will. Dort in Wien wohnt ein weiterer Syrer, ein Jugendfreund, der sich mit einem Kebabladen selbststĂ€ndig gemacht habe. Dort könne er sicherlich arbeiten, im Notfall schwarz, da er keine Dokumente bei sich hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass diese Art von AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis fĂŒr ihn gefĂ€hrlich werden könnte, aber er winkt ab, es sei ein Jugendfreund, in Syrien sei das anders. Ich sehe, dass es möglicherweise die letzte Hoffnung ist, an die er sich klammert. Ich gebe ihm das Geld fĂŒr die Zugfahrt, spĂŒrend, dass es ihn Überwindung kosten wird zu fahren, die letzte Hoffnung einem RealitĂ€tscheck zu unterziehen.

Es ist kĂŒhl geworden, und dĂ€mmrig, er macht sich auf, den letzten Zug nach Traun zu erwischen. Ich schenke ihm meine Jacke, die ich vor Jahren auf Reisen gekauft habe und die mich seither begleitet hat. Mir wird nicht kalt werden, und ich möchte, dass er die WĂ€rme unserer Begegnung weiter spĂŒren kann. Sie soll sein Herz wĂ€rmen, wenn die Umgebung es nicht vermag. Er mag naiv sein, aber er wirkt mir wie ein herzensguter Mensch. Er erklĂ€rt mir eine islamische Verabschiedungsformel, wir umarmen uns, und er geht aus meinem Leben.

Mein rationaler Verstand weiß, dass es eine Grenze des Möglichen gibt, und dass diese Grenze gewahrt werden muss. Doch wenn wir einem Menschen tatsĂ€chlich als Menschen begegnen
 Ich ahne, warum wir zu unserem eigenen Schutz versuchen, Menschen wie ihn bereits an fernen Grenzen aufzuhalten, sie gesichtslose Nummern bleiben zu lassen. Und doch… hat die Begegnung Spuren hinterlassen, hat berĂŒhrt, hat beschenkt, hat einen Namen und ein Gesicht.

Assalam Alaikum, Daniel.

Es war einmal eine kleine Blume namens Lunea Löwenzahn. Sie war sehr stolz auf ihren schönen Namen, den ihre Eltern ihr gegeben hatten, und war sicher, dass sie eines Tages so wunderschön blĂŒhen wĂŒrde wie sie. Aber weil es draußen noch so kalt war, versteckte sie sich noch unter der Erde. Dort war es wohlig warm, und in dem kleinen Samen fĂŒhlte sie sich sicher. So verbrachte sie einen langen Winter. Du wirst sehen, hatten ihre Eltern-Blumen zu ihr gesagt, eines Tages kommt der FrĂŒhling, und dann wirst auch du so wunderschöne BlĂŒtenblĂ€tter haben wie wir. Aber erst wird es Winter sein, kalt sein. Du wirst dich fragen, ob es den FrĂŒhling ĂŒberhaupt wirklich gibt. Doch keine Sorge: auch dein FrĂŒhling kommt bestimmt.

Lunea machte sich keine Sorgen ĂŒber den Winter, so wohlig warm war ihr in ihrem Samenkern. Manchmal naschte sie von einem vorbeikommenden Regentropfen, der in die Erde gesickert war, und freute sich darĂŒber, dass sie so schön beschĂŒtzt war vor der KĂ€lte. Eines Tages aber war auf einmal alles anders. Es war, als hĂ€tte sie etwas gekitzelt. Etwas kribbelte in ihr, ließ ihr keine Ruhe. War das der FrĂŒhling? Nun wurde sie neugierig. Ihr ganzes Leben hatte sie in dem kleinen Samenkern verbracht. Dort drin war sie beschĂŒtzt vor der Welt da draußen. Aber nun, mit diesem seltsamen Kribbeln, fĂŒhlte sie sich auch ein bisschen eingesperrt. Es war auch so furchtbar wenig Platz hier drin! Und irgendwie war es auch langweilig. Lunea gĂ€hnte, streckte sich und plötzlich passierte es: der Samenkern platzte!

Sofort kugelte sich die kleine Blume wieder zusammen, aber es war zu spĂ€t – der schĂŒtzende Samenkern war geplatzt, und jetzt war sie der Welt schutzlos ausgeliefert. Zusammengekugelt wartete sie ab. Sicherlich wĂŒrde sie nun gleich sterben mĂŒssen, fĂŒr ihre Ungeschicklichkeit bezahlen. Aber keine bösen Monster fraßen sie auf. Das einzige, was sie fĂŒhlen konnte, war eine ungewohnte WĂ€rme, die sie so noch nie gefĂŒhlt hatte. War das die Sonne, von der ihre Eltern erzĂ€hlt hatten? War das der FrĂŒhling?

Der Samenkern war nun nutzlos fĂŒr sie geworden. Sie streckte sich ein wenig mehr und schĂŒttelte ihn ab. Alles war plötzlich viel intensiver: die Wassertropfen und die Erde, an denen sie naschte, die WĂ€rme, das Rumoren der vorbeigrabenden RegenwĂŒrmer. Ein unbĂ€ndiger Drang erfasste sie, sich zu strecken, immer weiter, höher, zu wachsen! Einige Tage spĂ€ter durchbrach sie die Erde und atmete zum ersten Mal frische Luft. Es war fast zu viel fĂŒr sie. So viel GrĂŒn und Blau und Rot und Gelb! In der Erde war ja alles dunkel gewesen. Und statt dem Rumoren der RegenwĂŒrmer hörte sie nun: Musik! Das Flattern der Schmetterlinge, das Zwitschern der Vögel, das Schreien der Kinder, die ĂŒber die Wiese tobten. Vor allem aber: sie war nicht allein. Zum ersten Mal sah sie ihre Verwandten, all die Blumen in tausenden Formen und Farben. Da wurde ihr das Herz ganz warm, und plötzlich entdeckte sie, dass auch in ihr eine farbenprĂ€chtige gelbe BlĂŒte steckte.

Da stand vor ihr ein Kind mit nachdenklichen Augen und streckte seine Hand nach ihr aus, um sie zu pflĂŒcken. Plötzlich bekam sie Angst, wĂŒnschte sich zurĂŒck in ihren Samenkern, wo es keine HĂ€nde gab, die nach ihr griffen. Was nutzten ihr all die Farben, all die Musik, all der FrĂŒhling, wenn der rasche Ruck einer Hand alles beenden konnte? Doch Lunea hatte GlĂŒck: das Kind ĂŒberlegte es sich anders, rannte zurĂŒck zu den anderen Kindern, um mit ihnen weiter zu toben.

Es war Sommer geworden, Herbst. Erneut ĂŒberfiel sie ein seltsames GefĂŒhl. Sie fĂŒhlte sich trĂ€ge, mĂŒde, wollte schlafen. Grau war sie geworden, Kinder hatte sie bekommen, und Samenkörner in alle Winde verstreut. An einem nebeligen Herbsttag erkannte sie, dass sie sterben wĂŒrde wie der FrĂŒhling, der Sommer und ihre Eltern vor ihr. FĂŒr einen Moment wĂŒnschte sie sich, nie ihr Samenkorn verlassen zu haben, nie ihr Leben fĂŒr einen FrĂŒhling gegeben zu haben. Es machte ihr Angst, sterben zu mĂŒssen, es machte sie traurig. Was, wenn sie lĂ€nger gewartet hĂ€tte, auf einen anderen FrĂŒhling? Nein. Dies war ihr FrĂŒhling gewesen. Der nĂ€chste wĂŒrde ihren Kindern gehören. Bestimmt fĂŒrchteten sie sich in ihren winzigen Samenkörnern, tief in der Erde, wie auch sie sich damals gefĂŒrchtet hatte.

Keine Angst, Kinder, dachte Lunea Löwenzahn, auch euer FrĂŒhling kommt bestimmt.

Vor ein paar Tagen schrieb ich hier ĂŒber Klarheit und AutoritĂ€t. Schon wĂ€hrend des Schreibens wurde mir klar, dass der Begriff „Klarheit“ mehr als einen Artikel verdienen wird. Nun also zu Teil 2:

Die LĂŒcken in der Kommunikation

Wie bereits im vorherigen Artikel beschrieben, basiert ein großer Teil unserer Kommunikation auf Annahmen, die unser Geist trifft. Anhand einiger Eckpunkte, die wir zu verstehen glauben, vervollstĂ€ndigt unsere Wahrnehmung das Wahrgenommene, um zu einem wahrscheinlichen VerstĂ€ndnis der RealitĂ€t oder des Gesagten zu kommen. Kurz gesagt: je weniger wir tatsĂ€chlich wissen, desto mehr Arbeit hat diese AutovervollstĂ€ndigung. Nun stellt sich die spannende Frage, wie diese „AutovervollstĂ€ndigung“ denn eigentlich ablĂ€uft. Und hierbei scheinen zumindest zwei PhĂ€nomene zu wirken.

Das erste PhĂ€nomen ist jenes der Ähnlichkeit. Vorurteile, im Positiven wie im Negativen, fallen etwa in diese Kategorie. Ein Mensch, den wir noch nicht kennen, wird anhand einiger Kriterien, die wir wahrzunehmen glauben, mit unseren Erfahrungen mit Ă€hnlichen Menschen verglichen. Dabei dĂŒrfte es ebenso eine sehr individuelle (und vermutlich ebenso auf vergangene Erfahrungen oder GlaubenssĂ€tze basierende) Auswahl der relevanten Kriterien geben, nach denen wir die anderen Menschen in Kategorien einteilen. So ist Abstammung und Migrationshintergrund fĂŒr manche Menschen ein Top-Level-Kriterium, fĂŒr mich weniger. Ich mag Menschen mit Dreadlocks oder die barfuß herumlaufen ĂŒblicherweise besonders gerne. Wie alle Vorurteile sind jene Urteile zumeist eher statisch und schwer zu Ă€ndern. Treffe ich einen Menschen mit Dreadlocks der mir unsympathisch ist, werde ich nicht alle Dreadlock-Menschen als unsympathisch ansehen. Lernt meine Uroma einen „AuslĂ€nder“ kennen, der â€žĂŒberraschend nett“ ist, wird sie nicht ihr Grundurteil ĂŒber AuslĂ€nder sofort anpassen.

Das zweite PhĂ€nomen ist jenes der Emotionen oder Stimmungen. Je nachdem, wie ich mich fĂŒhle, interpretiere ich das Un-Gesagte anders. Ein klassisches Beispiel ist die Stille. FĂŒhle ich mich von einem Menschen, den ich liebe, unverstanden, werde ich seine Stille anders interpretieren als wenn ich mich ihm sehr verbunden fĂŒhle. Interessanterweise können offensichtlich nur sehr wenige Menschen unterscheiden, welche Emotionen, die sie gerade fĂŒhlen, mit ihrem jeweiligen GesprĂ€chspartner zu tun haben. Wenn ich beispielsweise Angst habe, meine Arbeitsstelle zu verlieren, werde ich die Worte und vor allem die Bedeutung zwischen den Worten eines GesprĂ€chspartners anders interpretieren als wenn ich gerade eine Beförderung bekommen habe.

Vor- und Nachteile von KommunikationslĂŒcken

Die beiden oben genannten PhĂ€nomene (und vor allem das zweite) werden durch unklare Wahrnehmung und Kommunikation verstĂ€rkt – wobei ich unter „unklar“ alles verstehe, was ich „nicht sicher“ weiß bzw. glaube zu wissen und wo diese „AutovervollstĂ€ndigung“ in Kraft tritt. WĂ€hrend die Folgen von Vorurteilen noch ein StĂŒck weit vorhersehbar – weil stabil – sind, sind jene von Stimmungen es oftmals nicht. Im Grunde kann man aber zusammenfassend sagen, dass die AutovervollstĂ€ndigung in einer positiven Grundstimmung eher positive Geschichten ĂŒber das Wahrgenommene erfinden wird als in einer negativen Grundstimmung und umgekehrt. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind versuchte zu „timen“, wann ich meiner Mutter von einer schlechten Note und wann ich ihr von einer guten erzĂ€hlte – vermutlich kennen die meisten meiner Leser jene „Tricks“ in irgendeiner Form.

TatsĂ€chlich könnte man sagen, dass unklare Kommunikation ein StĂŒck weit das Risiko erhöht, dass sich der andere negative Geschichten vervollstĂ€ndigt – aber auch die Chance, dass er sich positive Geschichten vervollstĂ€ndigt, die uns in besserem Licht darstellen, als wir tatsĂ€chlich sind. WĂ€hrend klare Kommunikation versucht, nachvollziehbare, verlĂ€ssliche und emotional neutrale Fakten zu schaffen, hofft unklare Kommunikation eher auf eine emotional positive AutovervollstĂ€ndigung.

Was dabei interessant erscheint, ist der Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Folgen von klarer oder unklarer Kommunikation. Langfristig wird der Vorteil von zu positiven Geschichten ĂŒblicherweise aufgehoben durch die eher zu negativen Geschichten, die wir uns selbst in negativeren Phasen erzĂ€hlen. Kurzfristig aber kann es durchaus von Vorteil fĂŒr den Kommunizierenden sein, unklar zu kommunizieren, um die Fantasie des GesprĂ€chspartners anzuregen, sich positive Möglichkeiten auszumalen. Etwa fĂŒr einen One-Night-Stand, der am nĂ€chsten Tag vielleicht gar nicht mehr so schön wirkt – aber dann ist man ja schon weg
 unklare Kommunikation kann auch ganz bewusst eingesetzt werden, um auf Reaktionen zu testen. Ein Freund erzĂ€hlte mir etwa, er hĂ€tte im Fernsehen Angela Merkel beobachtet, die im Parlament sehr diffus gesprochen hatte und dann plötzlich sehr klar wurde – er meinte, sie hĂ€tte wohl herausfinden wollen, welche Variante klarer Ansagen bei ihrem Publikum besser ankommen wĂŒrde, bevor sie klar wurde.

Klare Kommunikation in Institutionen fördern

In Institutionen hat man ĂŒblicherweise nicht nur eine Nacht, sondern mehrere Wochen, Monate bis Jahre miteinander zu tun, und die positiven Geschichten aufgrund von unklarer Kommunikation, die mit der Zeit auch mal in ihren negativen Widerpart umschlagen, „zahlen sich nicht aus“. Nicht nur gleichen sich Vor- und Nachteile mit der Zeit aus, der Fall von 150% toll zu 150% mies schmerzt auch mehr. Zudem erhöht sich die Ineffizienz der Kommunikation exponentiell mit der Anzahl der Mitarbeiter der Institution.

Was klare Kommunikation in Institutionen tendenziell fördern kann, ist die Schriftlichkeit wichtiger Kommunikation. So zwingt Schriftlichkeit zum Nachdenken ĂŒber Formulierungen, erleichtert Transparenz und die Verbreitung von Kommunikationsergebnissen und ermöglicht es auch, zu einem spĂ€teren Zeitpunkt nachzusehen, was eigentlich beschlossen wurde. Allerdings ist es hierbei wichtig, sich eine der wichtigsten Lektionen der Etablierung des Internets als Kommunikationsplattform in Erinnerung zu rufen: nur weil mehr produziert wird, heißt das nicht, dass auch mehr gelesen wird. Es gibt ein individuell unterschiedliches, aber doch bei jedem Menschen vorhandenes Limit an Information, das er aufzunehmen bereit ist. Klare Kommunikation, die Unwichtiges weglĂ€sst, kann helfen, aber auch ehrlich darĂŒber zu sprechen, ab wann es schlicht „zu viel“ ist. Wenig ist so problematisch als die Situation, dass ein jeder fleißig Informationen verschickt und niemand darĂŒber spricht, dass sie nicht gelesen wird. So glauben alle, dass alle wissen, aber wissen nicht, dass kaum jemand weiß. Schlecht.

Ein zweites großes Problem, das in schriftlicher Kommunikation auftreten kann, ist, dass alle glauben, dass sie sich einig sind, es aber nicht sind. Schulkonzepte freier Schulen sind dafĂŒr besonders anfĂ€llig: um niemanden der GrĂŒnder und UnterstĂŒtzer zu verlieren, wird so lange daran herumgefeilt, bis alle zufrieden mit den Formulierungen sind und alle sich darin „wiederfinden“, eine Umschreibung fĂŒr „jeder kann darin seine Ansichten sehen und glaubt, dass sie völlig klar sind“. Wenn sich dann unterschiedliche Ansichten in der Praxis zeigen, kann jeder darauf verweisen, dass es „im Konzept völlig anders steht“. Wenn sich zwei Menschen, die einem Konzept zugestimmt haben, darĂŒber streiten, ob es auch so umgesetzt wird wie da drin steht, ist die Chance groß, dass das Konzept unklar formuliert wurde. Klarheit wĂŒrde bedeuten, dass sich beide sehr rasch einig werden könnten, ob das der Fall ist oder nicht, und zwar an konkreten Kriterien, die beide bewerten können.

Aber da an freien Schulen tendenziell gerne friedliebende Menschen zusammenkommen die nicht allzu gerne streiten, wird da beim Schreiben des Konzepts gerne die Feel-Good-Variante prĂ€feriert – was in der GrĂŒndungsphase meist noch gut gehen kann, aber in der Praxis zu eigentlich vermeidbaren Katastrophen fĂŒhrt. WĂ€hrend der Aufbruchsstimmung der SchulgrĂŒndung werden die LĂŒcken im Konzept noch hoffnungsvoll autovervollstĂ€ndigt – in der Praxis, unter Druck, kann davon nicht mehr ausgegangen werden. Die Menschen, die es in friedlichen Zeiten vermieden haben, klare Formulierungen zu finden (mit allen Konflikten, die das mit sich bringen kann), werden sie nun, in einer AtmosphĂ€re des Misstrauens, damit anfangen?

Zusammengefasst könnte man sagen, dass unklare Kommunikation den Interpretationsspielraum des GesprĂ€chspartners öffnet, wĂ€hrend klare Kommunikation die AutovervollstĂ€ndigung entlastet. Je mehr letztere in Aktion tritt, desto mehr erhöhen sich die Chancen, dass etwas extremer wahrgenommen wird als in einer klaren Kommunikation. Dies kann einem Menschen in kurzfristigen Bekanntschaften egoistisch betrachtet sogar „mehr bringen“ als klar zu kommunizieren, der Effekt hebt sich jedoch langfristig auf bzw. wird vor allem in Beziehungen mit mehr als zwei Menschen (wie in Institutionen) von anderen problematischen Effekten begleitet.

Dies war der zweite Teil meiner kleinen Serie zum Thema Klarheit und Kommunikation. In KĂŒrze folgt – hoffentlich – Nummer drei.

Niklas

Jetzt sitzen wir also da, wir zwei. Auf dieser dĂ€mlichen Stiege, wĂ€hrend immer wieder einige Besoffene an uns vorbeitorkeln und mehr oder weniger erfolgreich ihren Weg gehen. Du sitzt hinter mir. HĂ€ltst mich. Weißt, spĂŒrst wohl, was gleich passieren wird. Geh weg. Wenn du es weißt, dann geh doch weg hier. Es gibt hier nichts zu sehen.

NatĂŒrlich, du bleibst. War ja irgendwie klar. Ich will dir sagen, dass du gehen sollst, will dir sagen, dass du verschwinden sollst. Komm spĂ€ter wieder. Wenn es vorbei ist. Wenn ich wieder ich bin. Aber natĂŒrlich ist es bereits zu spĂ€t. Verdammt, ich seh fast nichts mehr. Blöde TrĂ€nen. NatĂŒrlich fĂ€ngt jetzt auch noch meine Nase an zu laufen, so dass ich kaum noch ein Wort rausbringe. Und natĂŒrlich hast du ein Taschentuch fĂŒr mich. Schaust mich mit diesem Blick an, der so unertrĂ€glich fĂŒr mich ist, weil er sagt: Es ist ok. Aber es ist eben nicht ok. Ich bin nicht ok. Versteh das endlich. Verschwende deine Zeit nicht mit mir. Nicht mit diesem ich. Komm spĂ€ter wieder.

Nun ist der Moment also da, und ich bin ihm wehrlos ausgeliefert. Bin dir wehrlos ausgeliefert. Etwas in mir unternimmt einen letzten Versuch, aufzustehen, sich wegzureißen, aber die Knie knicken mir weg, und ich plumpse halb auf dich drauf, halb in dich rein, in deine Arme, in deinen Schutz. Du willst mich schĂŒtzen vor dem, was gleich kommt, dabei weißt du nicht, dass du es bist, die Schutz braucht. Das, was gleich kommt, kann niemand ertragen. Du denkst, du hast schon viel gesehen, hast schon viele Lasten getragen. Diese Wut. Es ist diese entsetzliche Wut, diese Raserei, die dich in wenigen Augenblicken zerfetzen wird wie Papier. Du kennst sie nicht. Gleich wird sie kommen. Warte nicht. Schau mich nicht so liebevoll an. LĂŒg nicht. Den Blick kenn ich doch. Den, der sagt: es ist gut. Aber nichts ist gut. LĂŒg mich nicht an.

Und dann kommt sie, meine Wut – und geht einfach wieder. Verraucht, verpufft, verschwindet. Als wĂ€re sie nur eine Rauchbombe gewesen. Und als der Nebel sich lichtet, bleiben nur wir. Du lebst noch. Ich auch. Da laufen immer noch Besoffene an uns vorbei.

Weißt du, sage ich zu dir, ich glaube, eigentlich fĂŒhl ich mich ziemlich einsam. Ich will noch mehr sagen, aber plötzlich ĂŒberkommt mich reines GefĂŒhl, und ich kann nicht mehr sprechen. Jetzt ist da ein Loch, wo mal eine Mauer war, und sie sieht da rein. Da, wo die Schatten sind. Und immer noch lĂ€uft sie nicht weg.

Hey, den da kenn ich!, flĂŒstert sie lĂ€chelnd, und zeigt auf den allerĂ€ltesten Schatten in meinem Herzen. Das ist doch die Einsamkeit, oder? Und die Einsamkeit steckt ihren Kopf raus aus dem Loch und sagt ihr höflich Guten Tag. Das macht man schließlich so, wenn man einsam ist und bleiben will. Immer schön höflich sein zu anderen, die Etikette wahren. Guten Tag!, ruft nun auch aus ihrem Herzen ein Schatten, der mir bekannt vorkommt. Auch da ist wohl irgendwo ein Loch hineingeraten. VerrĂŒckte Welt! Weiß sie denn nicht, wie gefĂ€hrlich das sein kann?

Weißt du noch, als ich dir damals gesagt habe, ich wĂŒrd dich manchmal gern ĂŒber meine Schulter werfen, in meine Höhle tragen und nie wieder loslassen?, sage ich. Ja, meint sie, schöne Vorstellung. Weißt du, ich hab versucht, das lustig zu sagen, damit du darĂŒber lachst. Weils natĂŒrlich Quatsch ist. Du willst ja frei sein, so wie jeder andere auch, sage ich zu ihr, und sie meint nur: Ne schöne Vorstellung ist es trotzdem.

WĂ€hrend wir so miteinander reden, feiern unsere Schatten ein Fest miteinander, und die eine Einsamkeit in uns stellt fest, dass sie eigentlich ganz gut mit der anderen zusammenpasst. Dass es doof klingt, sich trotzdem Einsamkeit zu nennen, und dass sie jetzt lieber Herr und Frau Zweisamkeit gerufen werden wollen. Dass sie sich so gerne und hĂ€ufig sehen wollen, dass es ziemlich impraktikabel erscheint, die Löcher in den Mauern wieder zuzumauern, weswegen die eben gleich offen bleiben. Das ist eigentlich gar nicht so unpraktisch auch fĂŒr die anderen Schatten in uns, die so nun auch mal ans Licht kommen können.

Ich weiß nicht, wie lange wir nun schon auf dieser seltsamen Stiege sitzen. Da laufen immer noch Besoffene vorbei, machen immer noch dieselben unlustigen Witze im Vorbeigehen. Weißt du, ich glaube, ich brauch dich irgendwie, sage ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit zu ihr. Aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm so. Vielleicht kann man auch mal jemanden brauchen. Vielleicht darf man das ja wirklich. Ich sehe ihr in die Augen, suche, finde eine Antwort, die Wunden in mir heilt, von deren Existenz ich bislang nicht einmal ahnte. Du darfst hoffen.

Und natĂŒrlich habe ich Angst. Ich hab ja schon viel zu oft vergeblich gehofft. Aber vielleicht – und nur vielleicht – kann Freiheit in dieser Welt doch mehr bedeuten als Einsamkeit. Mit der Hoffnung kommt die Erinnerung zurĂŒck: an Leidenschaft, an Verzehren, an Liebe. Du darfst hoffen, hat sie mir gesagt, und mir in ihrer eigenen Hoffnung den Weg gewiesen.

Da laufen immer noch Besoffene vorbei, ziellos in ihren einsamen Steigerungen. Aber fĂŒr uns gibt es nun Hoffnung. Wir stehen auf, gehen nach Hause. Ja, es gibt nun ein Zuhause fĂŒr uns. Ich weiß noch gar nicht so genau, was das eigentlich ist, ein Zuhause. Aber ich glaube, es kann sich schön anfĂŒhlen. Wo der Glaube doch versagt, gibt sie mir Hoffnung. Wo auch die Hoffnung versagt, da ist sie trotzdem noch da. Und das ist irgendwie die allerschönste Hoffnung von allen.

Wie jeden Tag liefen die kleinen Angstmonster mit ihren Freunden, den SchĂ€m-Dich-Monstern und den Zweifel-Monstern, an ihren liebsten Ort, um zu spielen. In der NĂ€he der großen, leuchtenden Kugel, von der alles entsprang, im Innersten, dort fĂŒhlten sie sich wohl.

Manchmal löste sich ein Gedanke oder ein GefĂŒhl von der leuchtenden Kugel los, um sanft in Richtung Gehirn, Herz oder sogar Zunge zu schweben. Gespannt beobachteten die GefĂŒhlsmonster dann das ebenso leuchtende KĂŒgelchen, und schlossen Wetten ab, in welche Richtung es sich wohl bewegen wĂŒrde. Sie hatten kleine Wegweiser aufgestellt, um den Überblick nicht zu verlieren. Und weil manche der GefĂŒhlsmonster eben Spaßvögel waren, vertauschten sie diese Wegweiser manchmal, um zu sehen, was passieren wĂŒrde. Manchmal landete ein Gedanke, der noch gar nicht fertig herangewachsen war, dann bereits auf der Zunge. Oder ein GefĂŒhl, dass fĂŒr das Herz bestimmt gewesen war, landete im Gehirn, wo es gar nicht hingehörte. Aber die GefĂŒhlsmonster störte das nicht weiter, solange sie ihren Spielplatz fĂŒr sich hatten. Sie waren wie Kinder, die weder an ein Gestern noch an ein Morgen dachten. Alles, was ihnen zĂ€hlte, war, Spaß zu haben. Und sie hatten großen Spaß.

Irgendwann – die große Uhr neben der Lichtkugel musste wohl so etwa auf 2-3 Jahre gezeigt haben, hatten sie entdeckt, dass die Gedanken und GefĂŒhle vorzĂŒglich schmeckten, und so stritten sie fortan um diese Leckerbissen. Manche KĂŒgelchen erreichten damit nie ihr Ziel, andere pupsten sie wieder aus, nur um verblĂŒfft festzustellen, dass die so verzehrten und verzerrten LichtkĂŒgelchen nun gar nicht mehr so leuchteten und lustig umhersprangen. Wenn diese dann ihr Ziel erreichten, gab es oft kleinere und manchmal sogar grĂ¶ĂŸere Beben im Innersten, in dem sie lebten. Aber sie schmeckten zu lecker, um aufzuhören.

Eines Morgens jedoch wurden sie von einem unglaublichen Getöse geweckt, und stellten fest, dass von der großen Kugel nun ein dicker Strahl zum Herz und von dort aus noch weiter in die Ferne fĂŒhrte. Das Ă€lteste der GefĂŒhlsmonster wurde gerufen, um zu entscheiden, was denn nun zu tun sei. Er befahl, den Strahl eine Weile in Ruhe zu lassen. Nach einigen Monaten stellten sie fest, dass der Strahl etwas dicker geworden war. Der Älteste ging vorsichtig darauf zu, berĂŒhrte ihn, kostete einen Happen. Eine außerordentliche SpezialitĂ€t! Sogleich wurden alle Angst-Monster, alle SchĂ€m-Dich-Monster und die Zweifel-Monster gerufen, um ein Festmahl zu feiern.

Nach dem Essen (von dem Strahl war nicht mehr viel ĂŒbrig) wurde ausgiebig gepupst, wie es sich fĂŒr echte GefĂŒhls-Monster gehörte, und bewundernd beobachteten sie, wie ihr gemeinsames Produkt in Richtung Herzen entschwebte, um mit einem gewaltigen Beben auch die letzten Überreste des einst hellen Strahls verdampfen zu lassen. „Nun, das wĂ€re erledigt“, meinte der Älteste zufrieden, „aber falls wir wieder einmal so etwas finden, wollen wir es ‚Liebe‘ nennen? Wir wissen ja jetzt, was zu tun ist. Problem gelöst.“ Im Laufe der Jahre wiederholte sich das PhĂ€nomen noch einige Male, was die GefĂŒhlsmonster jedes Mal aufs Höchste erfreute. Denn die Liebe schmeckte ihnen vorzĂŒglich.

Eines Tages jedoch, als sie sich gerade wieder einmal bereit gemacht hatten, eine besonders delikat aussehnde Liebe zu verspeisen, erschien plötzlich eine ganze Meute fremder GefĂŒhlsmonster im Innersten. Gute Gastgeber, die sie waren, boten sie ihnen an, mitzunaschen, doch diese lehnten ab. Sie seien hier, um Liebe zu finden, nicht um sie aufzuessen. Es sei ja ok, hin und wieder ein wenig davon zu knabbern, sie munde ja auch sehr. Aber wenn man nicht aufpasse, dann fresse man sie eben doch allzu rasch auf, und es dauere immer lĂ€nger, bis sie auf natĂŒrlichem Wege nachwachse. Deswegen seien sie gekommen, um diese Liebe zu retten, bevor sie noch ganz ausstĂŒrbe. „Man muss heute schon auch ĂŒber den Tellerrand des eigenen Appetits denken“, meinte ein weißhaariges fremdes Angstmonster. Es sei ein sehr fragiles Gleichgewicht, das zu erhalten oder gar zu fördern ihre Aufgabe sei.

Die GefĂŒhlsmonster waren irritiert. Wie sollte das funktionieren? Doch die Besucher hatten einen Plan: “Wir arbeiten jetzt alle fĂŒr den Umweltschutz. Pflegt eure Liebe. Wenn ihr liebe-volle Gedanken und GefĂŒhle nascht, passt auf, dass sie sich danach nicht statt Richtung Herz in Richtung Zunge bewegen, wenn sie doch noch zu klein sind, um ausgesprochen zu werden. Leitet sie. Werdet ihre Lotsen. NĂ€hrt eure Liebe, pflegt sie. Wenn ihr das tut, und wir ebenso, wird unsere Liebe stark sein und bleiben.”
Die GefĂŒhlsmonster waren erstaunt. „Unsere Liebe?“, fragten sie.
„Ja!“, meinten die Fremden, “Wir waren auch erst ĂŒberrascht. Bis wir begriffen haben, dass die Liebe das einzige ist, was unser Innerstes mit anderen Innersten, wie dem euren, verbinden kann. Nun können wir endlich mal die Welt erkunden! Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Innerste es da draußen noch geben mag?”
„Das ist ja phantastisch!“, meinten die GefĂŒhlsmonster, und malten sich eine goldene Zukunft aus.
„Lasst uns einen Pakt schließen!“, rief der fremde Älteste feierlich, „Wollen wir die Liebe, die uns verbindet, hegen und pflegen?“
„Ja!“, brĂŒllten alle GefĂŒhlsmonster voller Begeisterung, und ihr gemeinsamer Pups entschwand rasch Richtung Zunge. Da war Angst der Angstmonster dabei in diesem Ja, Scham der SchĂ€m-Dich-Monster, und Zweifel der Zweifel-Monster. Aber auch die Festigkeit und TragfĂ€higkeit einer Liebe, die gerade eben unter Naturschutz gestellt worden war.

„Ich liebe dich“, sagte sie, bereit, die Angst, die Scham und die Zweifel, die mitschwangen, zunehmend als unverrĂŒckbare, unverĂ€nderliche Tatsachen anzunehmen.

„Auch ich liebe dich“, sagte er, weil er fĂŒhlte, dass es die Wahrheit war, und es sinnlos war, es zu leugnen. Eine Wahrheit, die ihn Ă€ngstigte, fĂŒr die er sich manchmal schĂ€mte und an der er in schwachen Momenten zweifelte, verzweifelte. Aber vielleicht wĂŒrden gerade jene GefĂŒhlsmonster, die ihm so oft nachts den Schlaf raubten, ihm helfen können, seine Liebe zu ihr lebendig und stark zu halten.

Gute Arbeit, Jungs, dachte er, die StĂ€rke der Verbindung zu ihr fĂŒhlend, und dann, zu ihrem Innersten hin: Ich liebe dich. Bis tief in sein Herz konnte er spĂŒren, wie auch ihr Innerstes vor GlĂŒck erbebte. Richtig gute Arbeit, Jungs.
Weiter so.

Als Ausgleich fĂŒr die lange Wartezeit gibts dieses Mal eine besonders lange, dreiseitige Geschichte. Ich hoffe, das ist in eurem Sinne 🙂

Sie war schön. Ihr schlafender Körper, nicht ganz von dem weißen Laken verdeckt, wirkte friedlich. Einen Moment lang blieb er im TĂŒrrahmen stehen und beobachtete sie zĂ€rtlich. Vor lauter Erschöpfung hatte sie das Licht brennen lassen. Aus dem Off des Fernsehers rauschten belanglose Worte zu ihm, irgendetwas mit „Kaufen Sie jetzt!“, das ĂŒbliche Schnattern aufgeregter Fernseh-VerkĂ€ufer. Hatte wohl auch vergessen, den Fernseher auszuschalten. Ob sie den VerkĂ€ufer wohl auch in ihren TrĂ€umen noch wahrnahm? Dann bewegte sie sich, und er konnte die Konturen ihres Körpers unter dem Laken erahnen. Sie war wirklich schön.

Als er die TĂŒr langsam schloss, um das Geplapper des VerkĂ€ufers nicht mehr hören zu mĂŒssen, wurde ihm erst bewusst, dass er gerade eine fĂŒr ihn ungewohnte Entscheidung getroffen hatte. Etwas hatte sich verĂ€ndert. Lange noch stand er dort, sinnierend, woran es lag, dass er sich irgendwie seltsam fĂŒhlte, freier, menschlicher. Bis er feststellte, dass er sie begehrt hatte. In dem kurzen Moment, als sie sich unter ihren Laken bewegt hatte, hatte er den Impuls gespĂŒrt, zu ihr zu gehen. Durch ihr Haar zu streicheln. Sich an sie zu kuscheln. Ihren Körper an dem seinen zu spĂŒren, sie zu liebkosen, sie sanft aus ihrem Schlaf zu wecken und ihr auf eine Weise zu begegnen, die ihnen bisher verschlossen gewesen war.

Auch die noch Schlafende hĂ€tte es genossen. Er wusste, dass er seit langem zĂ€rtliche GefĂŒhle fĂŒr sie hegte, und sie fĂŒr ihn. Wusste, dass sie ihn seit langem erwartete, in ihren TrĂ€umen von ihm trĂ€umte, wĂ€hrend er, nur einige Meter entfernt und doch so fern, seinen verwirrten Gedanken nachjagte. Eine Entscheidung zu treffen versuchte, die seinem Geist zu viel abverlangte, ihn zu sehr verwirrte, zu viele GrundsĂ€tze in Frage stellte, als dass er hĂ€tte Ja sagen können. Und so waren sie sich nahe gekommen, aber nie zu nahe, so hatten sie sich geliebt und gehasst, nie so recht wissend, warum eigentlich. Nun wusste er es. Etwas hatte sich verĂ€ndert. Er begehrte sie. Hatte sie immer begehrt. Doch nun konnte er es ihr offen zeigen. Sagen. Nun konnte er handeln.

FrĂŒh schon, als Kind, hatte er die Lust in sich entdeckt. Ebenso frĂŒh hatte er gelernt, sie tief in sich zu vergraben zu mĂŒssen. Es war wider die Natur, so zu lieben, hatten sie ihm erklĂ€rt. Aber sie war da, war nicht zu leugnen. Er hatte nur einen Platz fĂŒr sie gefunden, der vor der Welt sicher gewesen war. Tief in seinem Inneren hatte er sie verwahrt, und jede kleinste Regung angstvoll ĂŒberwacht. Da war sie nun wieder, diese furchterregende Macht, die ihn schon als kleiner Junge fasziniert hatte, dieser Hauch des Göttlichen, diese schaffende wie vernichtende Kraft. Sie hatten Angst vor ihr gehabt. Das wurde ihm nun, so viele Jahre spĂ€ter, schlagartig bewusst. Hatten Angst davor, was sie zu schaffen vermocht hĂ€tten, was sie in ihrem blinden Schaffen zu zerstören vermocht hĂ€tten. Auch seine Eltern hatten diese Macht wohl einst in sich verspĂŒrt, und auch sie hatten sich gehĂŒtet, ihr in sich Raum zu geben.

Die Hand immer noch auf der TĂŒrklinke, den schlafenden Körper auf dem Bett zĂ€rtlich vor seinem geistigen Auge betrachtend, spĂŒrte er in sich nun diese alles erschaffende Macht aufwallen. Und er stellte fest, dass die Angst fort war. Sie schlief friedlich, und er ließ sich durchströmen von dieser unbĂ€ndigen Kraft, die die meisten seiner Mitmenschen wohl nur in dunklen Ahnungen wahrnehmen wĂŒrden. Sein Körper fĂŒhlte sich seltsam durchlĂ€ssig an, als wĂ€re er nur ein GefĂ€ĂŸ, um etwas in sich zu halten, das den eigentlichen Wert darstellte. Und nun, wĂ€hrend er merkte, dass sein Körper sich mehr und mehr entspannte und sich mehr und mehr seiner inneren Blockaden als unnötige Illusionen eines „Guten“ entblĂ¶ĂŸten, fĂŒhlte er etwas in ihm, das er in Ermangelung besserer Worte als „Seele“ erkannte, obwohl Worte ebenso doch nur leere GefĂ€ĂŸe fĂŒr etwas sein konnten, das tatsĂ€chlich so viel reicher war.

Er fĂŒhlte, wie sein Innerstes in Richtung des schlafenden Körpers zu fließen begann, der in seinem friedlichen TrĂ€umen all den einengenden Illusionen des Tages entflohen war, fĂŒhlte, dass es schön sein musste, so ineinander zu fließen, zu schaffen, zu sein. Aber etwas in ihm war diesem so ursprĂŒnglichen, kindlichen BedĂŒrfnis nach Einheit bereits entwachsen. Etwas in ihm hatte gelernt, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutete. Und sie war noch nicht bereit. ZĂ€rtlich verließen seine Gedanken ihr Zimmer und er kehrte erfrischt zurĂŒck zu seinem Herzen.

Dort erwartete sie ihn bereits, sie, die seine Liebe mit der Offenheit eines Herzens, dem die Narben des Lebens eine seltene Tiefe geschenkt hatten, empfing. Tief in ihr Herz blickend, hatte er seine eigene Tiefe wiederentdeckt, und jenen lĂ€ngst vergessenen Raum des Schaffens. Und, den Raum öffnend, dass die vermeintlich unbezĂ€hmbare Bestie in seinem Herzen ihm ein Freund sein können wĂŒrde. Vielleicht wĂŒrde sie ihn einst noch zu anderen Herzen fĂŒhren als dem ihren. Die Liebe, die ihm offenbarte, dass er mehr war als das GefĂ€ĂŸ seines Körpers, war eine wilde, unbĂ€ndige Kraft, die in ihrem Schaffensdrang gerne die Schönheit der bisherigen Schöpfung außer Acht ließ. Aber je tiefer ihre Freundschaft werden wĂŒrde, desto besser wĂŒrden sie sich verstehen. Und immer besser wĂŒrde es ihm gelingen, diese Macht in ihm so einzusetzen, dass sie mehr Nutzen als Schaden anrichtete. DafĂŒr waren Freunde schließlich da.

Er hatte in ihr Herz geblickt, und auch in ihrem Herzen eine wunderbare kleine Freundin erblickt, die ein wenig verschĂŒchtert, und im Lichte des plötzlichen Tageslichts blinzelnd, in die Welt hinausstarrte. Die Lust war auch in ihr, und auch sie wĂŒrde sich nach und nach ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in ihrem Herzen zurĂŒckerkĂ€mpfen. ZĂ€rtlich hatte ihre Lust dem Freund in ihm die Hand gereicht, noch ein wenig unsicher und verwirrt von dem langen Schlaf, aus dem sie erwacht war. Gemeinsam wanderten sie nun, und sie zeigte ihm das Herz, in dem sie wohnte, und er ihr das seine. Gemeinsam trĂ€umten sie davon, wie es wohl wĂ€re, nicht mehr alleine zu sein und einen Freund zu haben, mit dem sie ihre Welt teilen konnten. Bis sie voller Freude feststellten, dass sie bereits wach waren, lebten, liebten.

LĂ€chelnd erwachte er aus seiner inneren Welt, an sie und ihre innere Freundin denkend, sich glĂŒcklich fĂŒhlend, ihre starke Verbindung fĂŒhlend. Leise tönte sein Handy. Eine SMS von ihr. „Mein Herz ist gerade bei dir, fĂŒhlt dein Herz schlagen“, hatte sie geschrieben. Wir sind eben doch alle verbunden, dachte er schmunzelnd, nur vergessen wir es viel zu oft. Wie gut, dass es tief in uns allen einen Freund gab, der uns daran erinnerte. Den die Über-MĂ€chte dieser Welt zum Schweigen bringen, in die Tiefe verbannen, einen Bestie nennen, aber niemals ganz zu vernichten vermochten.

Er dachte noch einmal an den schlafenden Körper im Nebenzimmer zurĂŒck. Da war Liebe fĂŒr diese Seele in ihm, aber ihr Herz blieb ihm verschlossen, pflichtbewusst einen Bewohner bewachend, vor dessen Macht sie sich fĂŒrchtete. Sie war schön. Aber sie war noch nicht bereit. Er wĂŒrde da sein fĂŒr diese zarte Seele, die noch der Illusion erlegen war, sie mĂŒsste andere Seelen zurechtweisen, um die vermeintliche Bedrohung in ihr zu bekĂ€mpfen. Vielleicht wĂŒrde auch sie irgendwann bereit sein, Liebe in Freiheit zu schenken und zu empfangen, erkennen, dass Freiheit Verantwortung nicht nur bedingte, sondern auch voraussetzte. Dass Liebe in Freiheit zu schenken nicht eine abgeschmackte, verantwortungslose Version einer „vernĂŒnftigen“ Beziehung war, sondern vielleicht die höchste aller KĂŒnste, die es zu erlernen galt.

Tief einatmend, beglĂŒckt ausatmend, fĂŒhlte er ihren köstlichen Duft, freute sich, sie in einigen Tagen wiederzusehen. Doch fĂŒr Liebe, in Freiheit gegeben, war Distanz, auch zeitliche, nur eine weitere Illusion unter vielen. Und schon spĂŒrte er ihre NĂ€he, ihr Herz im Rhythmus des seinen klopfend, und er wusste, dass sie ebenfalls gerade an ihn dachte, ihn in ihrem Herzen fĂŒhlte. Waren sie bereit? Er wusste es nicht. Ein KĂŒnstler konnte sich in den verschiedenen Techniken ĂŒben, aber die Erschaffung des Kunstwerks war am Ende immer ein Akt des Mutes, der hoffnungsvollen Überforderung. Sich selbst vergessen, sich selbst aufgeben, sich selbst als vergĂ€ngliches GefĂ€ĂŸ wahrnehmen und zu reinen Fließen zu werden. Niemand fĂŒhlte sich wohl jemals vollends bereit. Aber es fĂŒhlte sich richtig an, an sie zu denken, ihr bedingungslos seine Liebe zu schenken und die ihre ebenso frei zu empfangen, auch wenn er es sich nicht erklĂ€ren konnte, warum, und auch wenn viele seiner Freunde ihm rieten, doch kein unnötiges Risiko einzugehen.

Menschen mĂŒssen doch erst lernen, sich Liebe zu verdienen, meinten sie. Doch es fĂŒhlte sich richtig an. Sein Einwand wirkte klĂ€glich im Angesicht der Statistiken der Kritiker, die rieten, zu misstrauen, sich Respekt zu verschaffen, bevor man ĂŒberhaupt an so etwas wie Liebe denken sollte. Aber es fĂŒhlte sich eben richtig fĂŒr ihn an, und als er seinen inneren Freund dazu befragte, klopfte ihm der aufmunternd auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. Er wĂŒrde tun, was sich richtig anfĂŒhlte. Auf seine Verantwortung. Die Welt war unfrei genug. Es war unverantwortlich, auch noch die Freiheit der Liebe zu unterbinden. Sie wĂŒrde es verstehen. WĂŒrde mit ihm fĂŒhlen, mit ihm Schritt fĂŒr Schritt schaffen, leiden und manchmal, mit ein wenig GlĂŒck und Demut, auch feiern können. Weil es richtig war. Weil es wichtig war. Weil er die Liebe zwischen ihnen fließen gespĂŒrt hatte und verstanden hatte, dass diese Macht, dieses Fließen stĂ€rker sein konnte als alle Illusionen des Unmöglichen.

„Wollen wir?“, fragte er sie hoffnungsvoll in Gedanken, und die Antwort erklang nur einen Moment spĂ€ter in seinem Herzen, trug die Erinnerung an ihren herrlichen Duft mit sich, war alles was er sich erhofft hatte, alles, was er fĂŒr den Augenblick von ihr brauchte, um weiter glauben, weiter hoffen zu können:
„Ja.“

P.S.: Eine wunderbare junge Frau hat sich vor einigen Tagen von dieser Geschichte inspirieren lassen und selbst eine sehr empfehlenswerte Antwort-Geschichte aus weiblicher Sicht veröffentlicht, die ich euch nicht vorenthalten will. Ihr findet sie hier.