Hallo, kleine Pflanze, die du da so unversch├Ąmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die N├Ąhrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertr├Âpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schw├Ącher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem k├╝hlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum n├Ąchsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als w├Ąre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner Br├╝der rund um dich, doch das scheint dich nicht gro├č zu k├╝mmern. Du w├Ąchst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du K├Ânigin.

Wei├čt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Empork├Âmmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine blo├če Existenz von vielen von uns als St├Ârung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gez├Ąhlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Sch├Ânheit anerkenne?
Wei├čt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen k├Ânnten? K├╝mmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir ├Ąhnlich, meiner Intuition folgend K├Ânig meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit m├Âgliche Zukunft abzuleiten, um zu ├╝berleben. Ich ├╝berlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zur├╝ck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des Zur├╝ckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zur├╝ckschauen. Nun, ver├Ąndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder m├Âglichen Zukunft umgehen zu k├Ânnen, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je gr├Â├čer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare Gr├Â├če aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum Erf├╝llung finden.

Nun ist ein Marienk├Ąfer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gem├╝tlich gemacht. Er geh├Ârt uns nicht, und doch geh├Ârt er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird fl├╝chtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt ber├╝hrt. Mich n├Ąher an den Ursprung zur├╝ckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zur├╝ckkehren zu k├Ânnen. Hier, mit meinem K├Ârper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, fl├╝chtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je ├Ąlter und damit gewisserma├čen auch vermeintlich ÔÇ×wissenderÔÇť ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schlie├člich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man k├Ânnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier v├Âlligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewisserma├čen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle beh├Ąlt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann ÔÇ×unverantwortlichÔÇť. Nat├╝rlich, wenn man alles gut ├╝bersteht, hat man danach gute Geschichten zu erz├Ąhlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat pl├Âtzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir m├Âgen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ├╝berhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam f├╝hlen zu m├╝ssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu besch├Ąftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun w├╝rden, so dass wir sie eben ÔÇ×fremdsteuernÔÇť m├╝ssen. Wir haben sogar Vertr├Ąge erfunden daf├╝r! Obwohl man glauben k├Ânnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

Tats├Ąchlich k├Ânnen wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen k├Ânnen, dass es auch morgen so weitergehen wird. ÔÇ×Gl├╝cklich bis zum Ende aller TageÔÇť nennen wir das dann. Ja, nat├╝rlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu w├╝nschen, das ist weder wachstumsf├Ârdernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: w├Ąr ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll w├Ąr. K├Ânnen ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten ÔÇ×daÔÇť. Ich war st├Ąndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einsch├Ątzen und damit steuern zu k├Ânnen. In der Zukunft, um da entsprechend die F├Ąden zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. ÔÇ×DaÔÇť, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir ┬ánicht einmal gro├č auf, weil auch alle anderen kaum je ÔÇ×daÔÇť waren. Das war nicht nur ÔÇ×normalÔÇť, das war sogar gewisserma├čen angesehen, ein untr├╝gliches Zeichen f├╝r Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen ├Ąhnlich anf├╝hlen, erschien es f├╝r eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der sch├Ânsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon ├Âfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten ÔÇ×daÔÇť ist, hat auch kaum je Zeit daf├╝r, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ├╝brig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen l├Ąsst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du wei├čt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und pl├Âtzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs z├Âgerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszu├╝ben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir w├╝rden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich f├╝hlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszuf├╝llen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erz├Ąhlte, meinte sie, ich w├╝rde nun endlich aufh├Âren, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu r├╝cken.

Was w├╝rde ich ├Ąndern wollen, nun, da ich symbolisch ÔÇ×an die Macht gekommen warÔÇť? Nun, vielleicht w├╝rde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gew├Ąhren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu k├Ânnen, bevor der Begriff ÔÇ×FehlerÔÇť ├╝berhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung dar├╝ber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

W├Ąre das eine Welt, in der du gerne leben w├╝rdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein St├╝ck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleichtÔÇŽ und nur vielleichtÔÇŽ w├╝rdest du dann hier in deiner Ritze auch l├Ąnger weiterleben d├╝rfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse st├Âren magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wundersch├Ân.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder f├╝hlen:
Ich bin es auch.

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch gl├╝cklich geworden waren. Es ├╝berwogen die Trag├Âdien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug f├╝r ein ÔÇ×gl├╝cklich bis ans Ende ihrer TageÔÇť?

An dem Tag, an dem er die Realit├Ąt hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen sp├╝rte, sondern mit ihr unmissverst├Ąndlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fr├Âhlichen Masken zu ├╝berdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht gl├╝cklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgel├Âschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Z├╝gen jener ÔÇ×Gl├╝cklichenÔÇť abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gew├Ąhrten, in jene, die ordnungsgem├Ą├č gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexit├Ąt, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu f├╝hren. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung daf├╝r in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergek├Ąuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man w├Ąhlen durfte, urspr├╝nglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht f├╝r eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war ├╝berhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis lie├č ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der h├Âchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe f├╝r sich allein beanspruchen wollten, ihn einschr├Ąnken, ihn an sich binden wollten. ÔÇ×Nehmt!ÔÇť, schien er ihnen zu sagen, ÔÇ×Es ist genug f├╝r alle da!ÔÇť. Und lange, ├╝ber viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch nat├╝rliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem F├╝hlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unab├Ąnderliche Essenz, und unbest├Ąndige, gewisserma├čen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, warÔÇŽ verg├Ąnglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, warÔÇŽ keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu w├Ąhlen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser ver├Ąnderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und t├Âten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner nat├╝rlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch ├╝ber Jahrtausende gelernt, Wasserl├Ąufe ein St├╝ck weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste flie├čen k├Ânnen. Und doch war es auch m├Âglich, es in Anerkennung seiner urspr├╝nglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeintr├Ąchtigen. War das etwa, neben der F├Ąhigkeit, unabh├Ąngig der gerade sichtbaren Formen an die immerw├Ąhrende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die f├╝r ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum f├Ârderlich sein w├╝rden. Liebte bedingungslos, und doch stets bem├╝ht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bed├╝rftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdr├Ąngt, und damit auch anderen den Raum zu er├Âffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu flie├čen, dass die gegenseitig gef├╝hlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der ├Âffentlichen Identit├Ąt, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu besch├╝tzen vorgaben, hinter die W├Ârter, die die Identit├Ąt des Einzelnen davor sch├╝tzten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und dochÔÇŽ fand er sich best├Ątigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosit├Ąt und Freude sp├╝rte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zur├╝ckkehrte. Hier warÔÇŽ M├Âgliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewisserma├čen Wasser in seiner urspr├╝nglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen ├╝berhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen L├Âsungen suchen durfte, diese realen Bed├╝rfnisse der Betroffenen auch erf├╝llt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedr├╝ckt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zur├╝ckgefunden, oder ohne die Menschen, f├╝r die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln lie├čen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein L├Ącheln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen sch├╝rfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anf├╝hlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten w├Ąhlen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen urspr├╝nglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den n├Ąchsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuh├Âren:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und S├╝chte darin? Was k├Ânnen wir daraus f├╝r den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – F├╝hren zur Selbstverantwortung (Wie f├╝hrt man andere so, dass sie eigenst├Ąndig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterst├╝tzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vortr├Ąge/Workshops┬á– ich freu mich auf euer kommen ­čÖé

 

ÔÇ×Das ist total ├╝bergriffig, was du da machstÔÇť, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? ÔÇ×Energien gelenktÔÇť? Gar auf ÔÇ×r├╝cksichtsloseÔÇť Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien ├╝berhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum B├Âsewicht, zum T├Ąter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte Bachl├Ąufe, Str├Âme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerkl├Ąrliches Wissen der eigenen Un├╝berwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft lie├č ihn mit der Zeit alles ├╝berwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so derma├čen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern sp├╝ren zu k├Ânnen, zarte Pfl├Ąnzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verh├Ąngnisvollen Tag, etwa ├╝bergeschwappt aus den f├Ârderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so qu├Ąlend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ers├Ąuft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener G├Ąrtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem f├╝r das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich ├╝berhaupt ein, ihn f├╝r ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das m├Âglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so v├Âllig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu k├Ânnen? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben w├╝rde weitergehen. Ihr Leben w├╝rde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt w├╝rde ihn f├╝r ÔÇ×st├╝mperhafte EnergiearbeitÔÇť verurteilen. Man konnte ja auch dar├╝ber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen lie├č, was er an jenem Abend tats├Ąchlich angestellt haben k├Ânnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte f├╝r einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. F├╝r einen Moment hatte er wohl Angst versp├╝rt, ihre inneren Blockaden niemals ├╝berwinden zu k├Ânnen, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zur├╝ckgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so f├╝rchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die M├Âglichkeit der Nachfolge, und wie sehr w├╝nschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenst├Ąnde. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie w├╝rde wachsen, w├╝rde ihrer Intuition folgen, w├╝rde wieder vertrauen, wieder glauben k├Ânnen an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine Grenz├╝berschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch ├╝bertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit w├╝rde das ├ťbrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu st├Ąrken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprie├čten die ersten kleinen Tomatenpfl├Ąnzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich t├Ąglich aufs Neue ├╝ber ihre ungest├╝me Lebensfreude.

Er mochte nicht als G├Ąrtner geboren oder geschult worden sein. Aber er w├╝rde lernen.