„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Ich arbeite als innere Geburtshelferin. Meine Aufgabe ist es, eine förderliche Umgebung fĂŒr  innere Entwicklungen zu schaffen. Ich muss sagen, es ist ein sehr interessanter Beruf, weil ich durch meine Arbeit viel mit den AbsurditĂ€ten des Menschlichen zu tun habe.

­­­Da wurde den Menschen ein gigantisches Spektrum an möglichen GefĂŒhlszustĂ€nden mitgegeben, da ist in allem was sie beobachten können klar aufgezeigt, dass VerĂ€nderung einen gewissen sich wiederholenden Ablauf dieser GefĂŒhlszustĂ€nde voraussetzt – fast als wĂ€re es ein Schummelzettel, um kontrollieren zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist – und was machen die Menschen? Sie teilen das Spektrum in „gut“ und „schlecht“ auf und weigern sich, die GefĂŒhlszustĂ€nde der zweiten Kategorie zu erleben. Weigern sich! Einfach so! Und behaupten dann gleichzeitig ernsthaft vor anderen Menschen, sie wĂŒrden sich doch „sooo sehr“ eine VerĂ€nderung wĂŒnschen.

Das Aufkommen meiner Profession war die notwendige Antwort auf das Dilemma, das daraus entstand. Ich und meine KollegInnen, wir halfen den Menschen, die bereit dafĂŒr waren, sich den notwendigen Entwicklungsprozessen zu öffnen. Was dann passierte, war umso skurriler: mit der Zeit teilte sich die Menschheit auf in jene, die dafĂŒr offen waren, und jenen, die es sich der eigenen Ansicht nach nicht leisten konnten. Mehr oder weniger zufĂ€llig wurden ein Teil der ersten Gruppe mit großartigen Ehrungen versehen, wĂ€hrend der Rest dieser Gruppe fĂŒr absonderlich oder gar krank gehalten wurde. Das war nun doch ein sehr seltsames PhĂ€nomen: diejenigen, die am meisten litten (ohne es zu fĂŒhlen, weil sie schlicht „steckengeblieben“ waren), schauten herab auf die „Kranken“, von denen sie sich abgrenzen wollten. Aber beteten jene an, die die „Krankheit“ bereits durchschritten hatten, wollten sein wie sie, ohne selbst den notwendigen Weg zu gehen. Wollten-

Nun habe ich mich in historischen Anekdoten verrannt! Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit, ich bin noch ein wenig verĂ€rgert ĂŒber meinen letzten Klienten. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Klient selbst war fĂŒr einen Menschen der sogenannten „modernen“ Generation erstaunlich aufgeschlossen fĂŒr meine Arbeit. Er war bereit und freute sich darauf, seine inneren RĂ€umlichkeiten, die fĂŒr sein zukĂŒnftiges Sein zu eng geworden waren, aufzugeben und umzugestalten. Wir hatten bereits eine ansprechende Farbwahl getroffen und den Grundriss gezeichnet, nun war alles was uns noch zu tun blieb die Zeit und Energie aufzuwenden, um der VerĂ€nderung auch Raum zu geben.

Leider war mein Klient in einem Umfeld aufgewachsen, das kein sehr ausgeprĂ€gtes VerstĂ€ndnis fĂŒr tiefe VerĂ€nderungsprozesse hatte. Als mein Klient sich nun gemeinsam mit mir in seine inneren RĂ€umlichkeiten zurĂŒckziehen wollte um diese nach seinen zukĂŒnftigen BedĂŒrfnissen neu zu gestalten, fing seine  Umwelt an ihn aufrĂŒtteln, ihn aus seiner „Lethargie“ reißen zu wollen. Weil er seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtete, wurde er im Außen vermisst, und nun standen zahlreiche seiner Freunde bereit, ihn vor mir zu „erretten“. Anfangs ignorierten wir diese „Erdbeben“ noch recht erfolgreich, aber irgendwann wurden ihm die Ă€ußeren AnstĂ¶ĂŸe zu viel, und mein Klient fing an, sich mit ihren Klagen zu beschĂ€ftigen. Er fing an, mir zu misstrauen, glaubte seinen alten Freunden, er wĂ€re „depressiv“ geworden, und dies dĂŒrfe natĂŒrlich nicht sein!

Ich arbeite professionell, ich drĂ€nge mich nicht auf, wo ich nicht mehr willkommen bin – also ging ich. Er fand – mit UnterstĂŒtzung seiner Außenwelt – langsam wieder zurĂŒck in sein vorheriges Leben. Manchmal, wenn ich die Zeit finde, beobachte ich ihn. Er sieht nicht unbedingt unglĂŒcklich aus, aber dort, wo er GlĂŒck fĂŒhlt, wirkt er ebenso gehemmt, ist in ihm zu wenig Platz dafĂŒr. Wohl weil er sich am Ende doch gegen den Schmerz entschieden hat, der auch den Raum fĂŒr die Freude erweitert.

WĂ€re ich ein Mensch und fĂ€hig, menschliche GefĂŒhle zu fĂŒhlen, so wĂŒrde ich mich wohl unverstanden fĂŒhlen. Ich bin nicht der Schmerz, nicht die Apathie, nicht die Auswegslosigkeit, diese sind Fakten dieser Welt, an denen auch ich nicht rĂŒtteln kann. Ich bin Geburtshelferin, bin diejenige, die Menschen unterstĂŒtzt, das notwendige Spektrum an GefĂŒhlszustĂ€nden zu durchlaufen, um Raum in sich fĂŒr die Freude die sie sich wĂŒnschen zu schaffen. Ich bin gefĂŒrchtet, obwohl ich doch die Lösung bin. Skurrile Welt! Aber wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!
Ich bin die Depression, Geburtshelferin innerer Entwicklungsprozesse.
Kennen wir uns schon?

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote FĂ€den sich ergeben
WĂ€hrend Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
LĂ€rm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂŒttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂŒcklich ĂŒberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂŒnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂŒde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, drĂ€nge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den TrÀger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂŒtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂŒrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂŒrde

Es begann harmlos in der Straßenbahn. Eine junge Frau, ganz ins GesprĂ€ch mit einer Freundin vertieft, war beim Aussteigen in die sich bereits schließende SchiebetĂŒr geraten. Doch anstatt sich zu Ă€rgern, lachte sie darĂŒber und brachte ihn damit selbst zum Schmunzeln. FĂŒr den kurzen Moment, indem sie sich nun so gegenseitig anlĂ€chelten, bevor die Menge an missmutigen Menschen hinter ihr sie aus seiner Sicht schob, fĂŒhlte er ein GefĂŒhl von Verbundenheit mit dieser jungen Frau. FĂŒr den Bruchteil einer Sekunde waren sie Vertraute, fĂŒhlten sich weniger allein in all dem Strudel der Zivilisation. Und noch den ganzen Tag ĂŒber fĂŒhlte er die Nachwirkungen dieses kurzen Zusammentreffens. Erst am nĂ€chsten Tag erkannte er an dem Fehlen des GefĂŒhls der Geborgenheit, wie einsam er sich tagtĂ€glich eigentlich inmitten all dieser Menschen fĂŒhlte.

Doch die Begegnung mit dieser jungen Frau, die er möglicherweise nie wieder sehen wĂŒrde, hatte ihn tiefer berĂŒhrt, als ihm anfangs bewusst war. Seine Schritte wurden sicherer, sein Gang aufrechter, und er besaß plötzlich, inspiriert von dieser Begegnung, den Mut, den Passanten in die Augen zu sehen. Viele wichen seinem Blick verschĂ€mt aus, andere jedoch nahmen die Einladungen an, und ihre Gesichter hellten mit dem seinen auf. Je öfter er Menschen ein LĂ€cheln schenkte, desto wohler wurde ihm ums Herz, desto verbundener fĂŒhlte er sich mit der Welt, die ihn umgab.

Es war fast, als wĂ€re der Schleier der Zivilisation von der Welt gefallen, um das wahres Antlitz der Menschen, aus denen sie bestand, zu enthĂŒllen. Das LĂ€cheln, das er aussandte, kam in vielen Nuancen zu ihm zurĂŒck. So manches Mal war es ein Ausdruck reinster Freude, manchmal melancholisch, und manchmal erzĂ€hlten ihm die Augen der LĂ€chelnden Geschichten von höchster Not und Verzweiflung. Und doch war ein jedes LĂ€cheln ihm lieb, ihm kostbar, weil es eine Verbindung schuf, die Freude verdoppelte und Leid leichter ertragen ließ. Es war ein beinahe göttliches Geschenk, und er ein Prophet, der es verkĂŒndete und unter die Menschen brachte.

Einst, als er aus seinem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kannte, ausgezogen war, um in die Stadt zu ziehen, hatte er lernen mĂŒssen, dass die StĂ€dter irritiert reagierten, wenn er sie grĂŒĂŸte und anlĂ€chelte, und hatte gelernt, sich an die unnahbare Masse anzupassen. Nun, innerlich gefestigt durch die Verbundenheit, die er durch die Masken der Passanten erspĂŒrt hatte, hatte sich etwas in ihm verĂ€ndert. Und ausgehend von diesem jungen Mann, der tagein, tagaus durch die Straßen der Stadt zog, entstand bald eine regelrechte Lawine. Langsam, fast unmerklich, einer nach dem anderen legten die StĂ€dter ihren schweren Panzer ab und begannen, fast schĂŒchtern, Kontakt mit ihren Mitmenschen aufzunehmen. Die GesprĂ€che in den öffentlichen Verkehrsmitteln wurden hĂ€ufiger, die Hilfsbereitschaft nahm zu und die Menschen wirkten glĂŒcklicher.

Die junge Frau jedoch hatte er nie wieder gesehen. Doch ihr LĂ€cheln, Geschenk eines Augenblicks, verließ ihn nicht mehr. Und mit einem jeden Augenpaar, das sich mit dem seinen traf, verstand er besser. Dass er nicht der einzige war, der den inneren Ruf vernommen hatte, dass es wohl in einem jeden Menschen eine leise Stimme gab, die ihm die Liebe zu seinen Mitmenschen fĂŒhlen ließ. Und obwohl wenn es ebenso in einem jeden Menschen die Stimme der Angst gab, die ihn davor zurĂŒckschrecken ließ, seine Mitmenschen, seinen NĂ€chsten, wirklich zu lieben: Ein jedes LĂ€cheln hatte die Macht, die feine Balance zwischen Liebe und Angst zugunsten der Liebe zu verĂ€ndern. Hatte die Macht, die Angst zu ĂŒberwinden, die die Menschen voneinander trennte.

Und damit die Macht, in vielen kleinen Augenblicken die Welt zu verÀndern.

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