Nun also war der letzte Tag angebrochen.
Bis hierher hatte er es ganz gut ausgehalten. Hatte sich besch├Ąftigt. Schlie├člich gab es noch so viel zu tun. Einkaufen. Aufr├Ąumen. Abschlie├čen, was knapp ein Jahr zuvor begonnen worden war. Ein Ende finden, das tragbar war, ├╝bertragbar, in ein neues Jahr, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen. Das hier w├╝rde weitergehen. Er w├╝rde weitergehen. Nur die Wege, die w├╝rden sich trennen.

Als die anderen eintrafen, wurde viel gesprochen, wurde wenig gesagt. Rasch merkte er, dass er niemals fertig werden w├╝rde mit all dem, was er sich vorgenommen hatte. Einige der Kinder fingen von sich aus an, sich n├╝tzlich zu machen. Manche Eltern erschienen, bereits fr├╝her als erwartet. Die R├Ąumlichkeiten, mit denen er urspr├╝nglich geplant gehabt hatte ,standen nun spontan doch nicht zur Verf├╝gung. Improvisieren. Sich besch├Ąftigen. Nicht nachdenken. Bald war es vorbei.

Als der Junge die Gitarre aus der Hand gab, strahlte er, ein Lichtblick, verkannt im allgemeinen Trubel. Wochenlang hatte er auf diesen Moment hinge├╝bt gehabt, hatte mit sich gerungen, ob er sich trauen sollte oder nicht. Hatte sich getraut. Gl├╝ckwunsch! Auch die anderen kleinen Darbietungen der Kinder waren nun durch. Der Moment. Nun war es also soweit.

Eine Woche lang hatte er sich hingesetzt und sich jeden Tag vorgestellt, was er ihnen noch sagen w├╝rde. Eine kleine Rede hatte er sich vorgestellt. ÔÇ×Was ich euch noch sagen wollteÔÇť. Was blieb zu sagen, in den wenigen Minuten? Wie in Worte fassen, was ihn schier zerriss?

Als er ansetzte zu sprechen, wurde es stiller, und als die Versammelten erkannten, dass er nicht laut sprechen w├╝rde, v├Âllig still. Es war schwierig zu sprechen, jedes Wort ein Kampf. Und pl├Âtzlich, in die Stille, das Klatschen einer der Jugendlichen. Er verlor irritiert den Faden, alles Zeitgef├╝hl, und brachte seine Rede rascher zu Ende als geplant, weil er w├Ąhnte, bereits Stunden gesprochen zu haben.

Sp├Ąter entspannte sich die Stimmung etwas, und einige der Erwachsenen sa├čen recht gem├╝tlich zusammen, w├Ąhrend die Kinder nebenbei spielten. Er f├╝hlte sich elend, freute sich darauf, dass alles vorbei sein w├╝rde, wollte es sich aber nicht anerkennen lassen.
ÔÇ×Ich bin heute ein wenig ├╝berfordertÔÇť, meinte er entschuldigend.
ÔÇ×Ja, warum hast du uns denn dann nicht um Hilfe gebeten?ÔÇť, hatte eine ├Ąltere Dame geantwortet.

Ja, warum nicht? Die Frage kam ihm nun, Monate sp├Ąter, wieder in den Sinn, und die Antwort, die ihm in den Sinn kam, war irritierend: es war ihm schlicht gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte die unausgesprochene ├ťberforderung aller mit der Situation gesp├╝rt, und offenbar ganz automatisch versucht, sie f├╝r alle anderen auszuhalten. Hatte anderen Sicherheit schenken wollen, wo er doch innerlich selbst derart zerrissen gewesen war.

Das war, r├╝ckblickend betrachtet, auch der wahre Grund gewesen, warum sich schlussendlich die Wege getrennt hatten. Er war nicht bereit oder f├Ąhig gewesen, seine eigenen Begrenzungen anzuerkennen, und entsprechend zu handeln. Er h├Ątte fr├╝her f├╝r ├╝berschaubarere Verh├Ąltnisse sorgen m├╝ssen, aber er hatte sich davor gescheut. Oder um Hilfe bitten m├╝ssen, und auch das war ihm offensichtlich damals noch nicht gelungen. Wozu diese ohm├Ąchtigen Allmachts-Fantasien von Ich-komme-schon-zurecht?

Sp├Ąter hatte man ihm erz├Ąhlt, der klatschende Jugendliche w├Ąre ehrlich begeistert gewesen von seinen Worten. Gern h├Ątte er dem Jungen nachtr├Ąglich daf├╝r gedankt.