„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote FĂ€den sich ergeben
WĂ€hrend Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
LĂ€rm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂŒttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂŒcklich ĂŒberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂŒnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂŒde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, drĂ€nge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den TrÀger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂŒtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂŒrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂŒrde

Lange hat er geschlafen, Tage, Monate, Jahre. Kaum kann er sich noch erinnern, wie er hierhergekommen ist in diese Zelle. Den Raum hat er bereits ausgemessen, hat die Festigkeit der GitterstĂ€be geprĂŒft, anhand des wandernden Schattens abgeleitet, in welcher Himmelsrichtung sich das Fenster befindet. Die Waffen haben sie ihm abgenommen, doch die mĂ€chtigste, seinen Körper, haben sie ihm lassen. Anfangs hat er noch mit den FingernĂ€geln Zeichen in die SteinwĂ€nde gekratzt, hat versucht, die Tage zu zĂ€hlen, FluchtplĂ€ne zu schmieden, seinen angestammten Platz wiedereinzunehmen. Mit Sicherheit wĂŒrde man ihn vermissen. „VerrĂ€ter!“, hat man ihn gerufen, und „Mörder!“, doch an die ihm vorgeworfenen Taten kann er sich kaum mehr erinnern. LĂ€ngst sind sie im Nebel des Vergessens verschwunden. Hat er Unrecht begangen? Erneut quĂ€lt ihn die Frage aller Fragen: Ist es gerechtfertigt gewesen, ihn hier all die Jahre einzusperren? Und: was ist mit dem König? Wer beschĂŒtzt ihn? Wer beschĂŒtzt nun das Land?

Es hat nie eine Gerichtsverhandlung gegeben. Eines Tages sind sie gekommen, haben ihn fĂŒr nicht mehr notwendig erklĂ€rt und ihn abgefĂŒhrt. Ihm seine Waffen abgenommen, ihm das Wort verboten und endlich ihn weggesperrt. „Nun herrscht Frieden“, haben sie erklĂ€rt, die Diplomaten mit ihren bunten GewĂ€ndern und noblen Titeln, „Ein Krieger ist dem Frieden nur im Weg“. Antworten hat er nicht können, die Diplomaten haben ihm das Wort verboten, und als er dagegen aufbegehren und den König warnen will, sagen sie nur – mit dem herablassenden Blick des Erwachsenen, der einem tobenden Kind gedankenlos zusieht – „Sehen Sie, MajestĂ€t, genau wie wir vorhergesehen haben. Wollen Sie sich von einem Barbaren wie ihm beraten lassen? Nie wird es mit ihm dauerhaften Frieden geben“. Der König wirkt hilflos, ĂŒberfordert, stimmt zu, ihn wegzufĂŒhren. Bevor sie ihn packen, sieht er noch einmal zu dem geliebten Herrscher hinauf, der nun wieder umringt ist von den Diplomaten, den EinflĂŒsterern. Er will schreien, toben, doch der Wille des Königs ist Gesetz, und er lĂ€sst sich mit hĂ€ngendem Kopf abfĂŒhren in die Zelle, in der er seit jenem denkwĂŒrdigen Tag dahinvegetiert.

Einige Male am Tag wird ihm Essen gereicht, und anhand der spĂ€rlichen Worte, die dabei ausgetauscht werden, bekommt er mit, was sich im Königreich abspielt. Diplomatische Beziehungen mit anderen Königreichen werden auf- und wieder abgebaut, die Wirtschaft blĂŒht und verwelkt in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden wieder. Immer wieder gibt es kleinere ÜberfĂ€lle an den Grenzen, doch die Kriminellen, so erzĂ€hlt man sich, seien selbst arm dran und wenn man ihnen nur VerstĂ€ndnis entgegenbrĂ€chte, wĂŒrden sie schon wieder damit aufhören. Sie hĂ€tten ja nur Hunger wie alle anderen auch, und als weiser König mĂŒsse man ihnen mit GĂŒte begegnen. Des Kriegers Seele rebelliert bei jenen Worten; er wĂŒrde die Eindringlinge zurĂŒckschlagen lassen, und erst dann mit den Armen legale Hilfe vereinbaren. Er kann das Leid hungriger MĂ€uler nachvollziehen, aber warum es zulassen, dass anderen, den Menschen an den Grenzregionen, dadurch noch mehr Leid geschieht? Doch des Königs Wort ist Gesetz, und ihm fĂŒhlt er sich verpflichtet.

Eines Tages jedoch bleibt der alte Mann, der ihm ansonsten stets seine Nahrung reicht, aus, und er fĂŒhlt, dass etwas geschehen sein muss. Seine Sinne schĂ€rfen sich, er beginnt sich vorzubereiten. Das Wort des Königs hĂ€lt ihn hier, nicht diese Zelle, und er fĂŒhlt, dass der König in Gefahr ist. Bald hat er die GitterstĂ€be des Fensters freigegraben, findet einen Hebel und bricht sie heraus. Klettert durch das Fenster und erblickt ein verwĂŒstetes Land. Der Alte, der immer das Essen gebracht hat, liegt erschlagen im Eingangsbereich des GefĂ€ngnisses, das Essen ist ihm entglitten. Der Krieger schließt ihm die Augen, macht sich auf den Weg zum König. Gute, sanfte Menschen sterben. Wo ist die Armee? Wo ist der König, sie zu beschĂŒtzen?

Beinahe unbehelligt erreicht er das Königsschloss. Die wenigen, die sich ihm in den Weg stellen wollen, weichen vor seinem wĂŒtenden Blick zurĂŒck, suchen sich leichtere Opfer. Als der Krieger das Tor zum Thronsaal erreicht, hört er die Stimme des Königs dahinter. Er lebt! Nun wird alles gut!
„Also ich bin mir ziemlich sicher, Schreie gehört zu haben.“, hört er die Stimme des Königs.
„MajestĂ€t, das ist unmöglich. Der RĂ€uber BedĂŒrfnisse sind erfĂŒllt worden. Wir haben den Konflikt gewaltfrei gelöst. Sie werden in Frieden wieder abziehen. Die Berichte mĂŒssen falsch sein.“

Der Krieger tritt das Tor auf und sieht die Diplomaten zusammenzucken.
„Seid ihr völlig verrĂŒcktgeworden?“, donnert er mit machtvoller Stimme, bereit, sie Kraft seiner Arme in StĂŒcke oder zumindest vom König wegzureißen, doch sie machen diesem Gott des Krieges Platz.
„Ich sage doch, ich höre Schreie“, meint der König selbstzufrieden, „der Krieger schreit herum. Das RĂ€tsel ist gelöst!“
„MajestĂ€t! Draußen vor dem Schloss werden Menschen wie Hunde abgeschlachtet! Eure Untertanen sind schwach, wehren sich nicht einmal, meinen, die BedĂŒrfnisse der RĂ€uber nach Blut seien eben auch wichtig. Was habt ihr getan?“
„Nicht allzu viel“, meint der König, leicht irritiert, „die meiste Zeit haben wir darĂŒber philosophiert, wie viel besser es uns allen gehen wird, wenn wir alle gelernt haben, auf Gewalt zu verzichten.“
„MajestĂ€t! Die HĂ€lfte eurer Bauern ist tot, und die Ernte der anderen wird gerade von RĂ€ubern verzehrt oder einfach im Zerstörungsrausch verbrannt! Wir werden alle hungern mĂŒssen – auch diese RĂ€uber – wenn wir sie nicht sofort aufhalten! Gebt mir den Befehl, und zwar sofort, oder ich kann fĂŒr nichts mehr garantieren.“
„Na, wir wollen uns nicht streiten, mein lieber Krieger, das schickt sich nicht fĂŒr einen weisen König. Bitte, dann stellt eben die Ordnung wieder her.“
„Danke, MajestĂ€t!“, sagt der Krieger und verließ den Thronsaal, um rasch eine Miliz zusammenzustellen.
„Wo waren wir?“, sagt der König, verblĂŒfft feststellend, dass sich seine Diplomaten sehr plötzlich in alle Winkel verkrochen haben. „Wovor habt ihr Angst, wo wir doch jahrelang ohne Gewalt vorgegangen sind und uns nur Freunde dabei erworben haben?“

Zwei Tage spĂ€ter ist alles vorbei. Die RĂ€uber sind weitgehend an die Grenzen zurĂŒckgeschlagen, die letzten Feuer werden gelöscht und die Menschen kommen zurĂŒck aus den Bergen und WĂ€ldern, wo sie sich versteckt haben. Das Land wird ĂŒberleben, denkt der Krieger hoffnungsvoll, aber es war knapp.
„Gute Arbeit, Krieger“, sagt der König, neben ihm auf seinem königlichen Pony (all die guten Pferde wurden von den RĂ€ubern gestohlen oder geschlachtet, um sie zu essen), „aber was machen wir jetzt mit den Gefangenen?“
„Wir bringen sie an die Grenze und lassen sie frei“, sagt der Krieger, „und dann schicken wir einige eurer Diplomaten mit, um friedliche Beziehungen aufzubauen. Nun, da sie wissen, dass wir bereit sind, sie im Feld zu schlagen, werden sie auch bereit sein, wirklich mit uns zu reden.“
„Es war ein großer Sieg, Krieger. Wir wollen ihn feiern.“
„Es ist eine große Tragödie, MajestĂ€t. Tausende Menschen sind unnötig gestorben. Wir wollen trauern.“
„Eine Trauerfeier also. Damit ist es beschlossen.“, schließt der König, und reitet voran in Richtung Schloss. Viel ist zu tun, das Land wird im Wiederaufbau FĂŒhrung brauchen.

Der Krieger bleibt zurĂŒck am Fuße des HĂŒgels, von dem aus er beinahe das ganze Königreich ĂŒberblicken kann. Einst hat es eine Zeit gegeben, da hat er den Kampf geliebt. Die Hitze des Moments, die Sekundenbruchteile, die zwischen Leben und Tod entscheiden können. Heute zieht er sich lieber zurĂŒck, als anzugreifen und greift nur ungern zum Schwert. Aber das Land vor ihm und die Menschen in ihm ĂŒberblickend, weiß er auch um die Notwendigkeit, es zu beschĂŒtzen. Er wird tun, was notwendig ist, aber ohne Hass, ohne Wunsch nach Vergeltung. Rasch reißt er sich aus seinen Gedanken. Auf, mein liebes Pferd! Der König braucht uns!, und mit dem verzĂŒckten LĂ€cheln des zum ersten Mal Erkennenden: Ja, es ist wahr! Wir haben unseren Platz in der Welt wiedergefunden. Der Krieger ist zurĂŒckgekehrt ins Land, und hat den Krieg vertrieben.

„Kannst du es sehen?“, fragte sie das MĂ€dchen, „das grĂŒne Pony? Wie es auf der Weide steht, den Kopf beugt, um Gras zu fressen, das ebenso grĂŒn ist wie es selbst, und mit jedem BĂŒschel immer grĂŒner wird, bis es kaum mehr zu erkennen ist?“
„Ich kann es sehen!“, rief das MĂ€dchen entzĂŒckt aus, „ja, wahrhaftig, ich sehe es!“
„Lies weiter, Liebling!“, forderte die Ältere sie auf, und gespannt folgte sie dem Aufruf.
Als das grĂŒne Pony sich an dem Gras sattgefressen hatte, galoppierte es zu dem nahegelegenen See, um zu trinken. Erst als es sich hinabbeugte, bemerkte es selbst, wie grĂŒn es von all dem Gras geworden war, und erschrak. All die anderen Ponys waren braun, schwarz oder weiß geblieben, nur es selbst hatte seine Farbe verĂ€ndert. Es schĂ€mte sich, so anders zu sein, und lief fort.
Das MĂ€dchen blickte von der Geschichte auf.
„Armes Pony, es muss sich sehr einsam fĂŒhlen!“
„Ja, und es glaubt, dass niemand es mögen kann. Aber lies weiter, Kind!“

Nachdem es eine Weile gelaufen war, kam es an einen Fluss, an dem ein sehr altes Pony zu schlafen schien. BedĂ€chtig, es nicht zu wecken, wollte das kleine grĂŒne Pony an ihm vorbeischleichen, doch das alte Pony wachte auf. Erschrocken wollte das grĂŒne Pony erst davonlaufen, doch der Blick des alten war freundlich.
„Wen haben wir denn hier?“, wunderte sich das alte Pony, “welch interessante FĂ€rbung dein Fell hat!“
Das grĂŒnen Pony schĂ€mte sich erneut fĂŒr sein Anderssein, doch das alte lĂ€chelte nur gutmĂŒtig und lud es auf einen Spazier-Galopp ein. Nachdem sie so eine Weile schweigend nebeneinander her galoppiert waren, meinte das alte Pony: „Ich bin ein sehr altes Pony, mein Kind.“
„Das kann ich sehen!“, lachte das kleine grĂŒne Pony auf.
„Sehr alte Ponys haben schon viel gesehen. Aber noch nie habe ich ein grĂŒnes Pony gesehen.“
„Bin ich so schrecklich?“, war das kleine grĂŒne Pony erneut zerknirscht.
„Im Gegenteil, Liebes! Was glaubst du, warum ich dort am Ufer vor mich hingedöst habe? In meinem Alter gibt es nicht mehr viel, was mich ĂŒberraschen kann. Irgendwann hat man alles schon einmal gesehen. Aber ein grĂŒnes Pony“, er lachte wiehernd, „das habe ich noch nie gesehen! Da wollte ich dich kennenlernen.“
„Ihr findet mich also nicht hĂ€sslich, weil ich kein schönes braunes, schwarzes oder weißes Fell habe? Wie kann das sein? Alle anderen finden mich doch sicherlich hĂ€sslich!“
„Ich halte dich fĂŒr einzigartig, Kind. Das kann dir ein Fluch sein, oder ein Segen. FĂŒr mich bist du das schönste kleine Pony, das ich je gesehen hab. Eben weil du grĂŒn bist, eben weil du besonders bist. Kannst du dir vorstellen, wie viele weiße, braune und schwarze Ponys ich in meinem Ponyleben schon gesehen habe? Hunderte! Aber ein grĂŒnes Pony ist etwas Besonderes.“
Da war das kleine grĂŒne Pony gar nicht mehr so traurig, dass es vom Gras fressen selbst grĂŒn wurde, sondern stolz darauf, etwas ganz Besonderes zu sein.

„Das ist eine schöne Geschichte.“, schloss das kleine MĂ€dchen, nachdem es zu Ende gelesen hatte, „aber was wollt Ihr mir damit sagen? Es ist eine Geschichte, nichts weiter. Was soll mir ein grĂŒnes Fantasie-Pony helfen, das nicht einmal existiert?“
„Aber es existiert! Du hast es ganz deutlich gesehen, in deiner Fantasie.“
„In meiner Fantasie! Aber es war nicht real!“
„Was ist deine RealitĂ€t als die Fantasie, die du dir von ihr zurechtmachst? Das grĂŒne Pony existiert fĂŒr dich nur nicht in der RealitĂ€t, weil deine Fantasie es nicht zulĂ€sst. Das Leben, dass du dir wĂŒnscht, erscheint fĂŒr dich nur nicht realistisch, weil deine Fantasie es nicht zulĂ€sst.“
„Wollt ihr etwa behaupten, alles Denkbare wĂ€re möglich?“
Die Ältere schrieb etwas unter die Geschichte des grĂŒnen Ponys.
„Lest diesen Satz!“
Alles Denkbare ist mögliche RealitÀt.
„Nun hast du es gelesen, nun hast du es gedacht“, meinte die Ältere mit verschlagenem Grinsen, „Du kannst dich gegen die Erkenntnis wehren, aber sie wird sich ihren Weg in dein Denken bahnen. Und zunehmend wirst du erkennen, dass deine WĂŒnsche und TrĂ€ume so real sind wie unser grĂŒnes Pony, so berechtigt sind wie unser grĂŒnes Pony.“
Alles Denkbare ist mögliche RealitÀt.
Einen Moment lang zögerte sie, hielt inne, weigerte sich, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Dann jedoch brachen alle inneren WiderstĂ€nde, alle Konditionierungen einer jahrtausendealten UnterdrĂŒckung, alle DĂ€mme einer Fantasie, die die Grundpfeiler der Gesellschaft fĂŒr die nĂ€chsten Jahrhunderte ins Wanken bringen wĂŒrden.
Vielleicht ist es möglich, dass auch wir Frauen ĂŒber unser Leben entscheiden können.
Die Gedanken ĂŒberschlugen sich nun, rasten in ihrem verwirrten Geist umher, schufen neue Möglichkeiten, neue Ängste und wieder neue Möglichkeiten, ihnen zu begegnen.
Vielleicht bin ich etwas Besonderes, gerade weil ich eine Frau bin.
Doch wieder kamen sie auf, die alten Ängste, die alten GefĂŒhle von Scham, mit denen sie von den MĂ€nnern, aber auch vielen „ehrbaren“ Frauen konfrontiert worden war, weil sie anders war, anders dachte, weil sie es wagte, anders zu denken und zunehmend auch anders zu sein als ihre Geschlechtsgenossinnen.
Ich bin wie das grĂŒne Pony, erkannte sie plötzlich, Ich kann tatsĂ€chlich alles sein, was ich mir vorstellen kann.

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Er war bis zu jenem Tag kein sonderlich auffĂ€lliger Bursche gewesen. Andere ein wenig zu schubsen oder ihnen ihre Sachen wegzunehmen, um sie zu einer Verfolgungsjagd quer durch die Schule aufzufordern, das konnte er schon nachvollziehen, aber Gewalt als solche hatte er stets abgelehnt. Das war etwas fĂŒr Vollidioten gewesen, die sich nicht anders zu helfen wussten. Bis zu jenem verhĂ€ngnisvollen Tag.

Markus hatte ihm die MĂŒtze weggenommen, er hatte ihn quer durchs SchulgelĂ€nde verfolgt und sie hatten einen Heidenspaß dabei gehabt. Irgendwann jedoch, als ihm die Puste ausgegangen war, hatte es ihm gereicht, und er wollte seine MĂŒtze zurĂŒck haben, schließlich war der Herbst im Kommen und es wurde langsam kĂ€lter. Jedermann hier an der Schule wusste, dass es einen Punkt gab, an dem es reichte, und dass es zum guten Ton gehörte, an diesem Punkt das Spiel zu beenden. Was den anderen dazu geritten hatte, trotzdem weiterzumachen, wusste er bis heute nicht. Aber er wusste, dass er genug hatte, dass ihm trotz der Verfolgungsjagd langsam kalt wurde und er die MĂŒtze, die rechtmĂ€ĂŸig ihm gehörte, nun endlich wiederhaben wollte. Der Spaß war vorbei, es ging nicht mehr ums Spielen, ums KrĂ€ftemessen. Es ging darum, wem die MĂŒtze rechtmĂ€ĂŸig gehörte, und der Fall war eigentlich klar gewesen. Doch Markus wollte noch nicht aufgeben. Von dem, was danach geschah, wusste er nur noch BruchstĂŒcke.

Irgendwo tief in ihm war eine entsetzliche Flamme aufgelodert, die ihn brannte, die ihn Ă€ngstigte, die ihm flĂŒsterte, dass sein Recht hier mit FĂŒĂŸen getreten wurde und dass es nur einen Weg gab, das Recht wiederherzustellen: es selbst in die Hand zu nehmen. Nicht zu warten, bis einer der Erwachsenen zu Hilfe kam, um den Streit beilegen zu können, nein! In diesem entsetzlichen Moment war der Andere kein MitschĂŒler mehr, der sich einen Streich erlaubt und eine Grenze ĂŒbersehen hatte. Nein, in diesem Moment hatte er gefĂŒhlt, dass Markus nach anderen Regeln spielte, sich an andere Gesetze hielt als er selbst, und sich ihm ĂŒberlegen fĂŒhlte, gerade weil er sich nicht daran hielt. Warum sollte er sich Markus gegenĂŒber zurĂŒckhalten? Und dann, als ihm
dieser Gedanke kam, war eine letzte Sicherung, die ihn noch zurĂŒckgehalten hatte, durchgebrannt.

Markus musste die VerĂ€nderung in seinem Blick bemerkt haben, denn in dem Sekundenbruchteil, indem er sich auf ihn stĂŒrzte, warf er die MĂŒtze weit von sich, als wollte er damit sagen, dass es vorbei war. Doch es ging in diesem Moment nicht mehr um die MĂŒtze, sondern um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, notfalls mit Gewalt, wie sein Großvater zu sagen pflegte. Und all die jahrelang unterdrĂŒckte Wut seines Lebens, die er stets zurĂŒckgehalten hatte, entlud sich in diesem einen Schlag, diesem einzigen Mal, indem er die Kontrolle verloren hatte. Dem Schlag, der Markus das Kiefer brach, ihn gegen die Wand schleuderte und dort bewusstlos zusammensacken ließ, der ihm ein TriumpfgebrĂŒll entlockte, das jenem eines Tieres Ă€hnelte. Bevor er realisierte, dass sich sein MitschĂŒler nicht mehr rĂŒhrte und ihm klar wurde, dass er soeben einen Menschen niedergestreckt, schwer verletzt oder sogar getötet hatte.

Als Markus Wochen spĂ€ter wieder in der Schule erschien, wirkte er von den Erlebnissen gezeichnet, war still geworden und mied es, andere anzusprechen. Auch dem Mörder, wie er mittlerweile hinter vorgehaltener Hand von den anderen Kindern genannt wurde, war es nicht viel besser ergangen. Sie hatten Angst vor ihm, all die anderen Kinder, Angst vor einem weiteren Wutausbruch. Das war keine Rangelei gewesen, bei der der Sieger an Respekt gewann, es war ein Kampf ohne Regeln gewesen. Wie seltsam die Welt doch war! Er hatte doch gesiegt –
oder doch verloren?

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Ich habe das GlĂŒck, hier in Brasilien einen (zumindest aus meiner laienhaften Perspektive) sehr erfahrenen Menschen auf dem Gebiet der KampfkĂŒnste kennengelernt zu haben, der neben Capoeira auch zahlreiche andere mehr oder weniger bekannte KĂŒnste beherrscht. Als wir ĂŒber Bruce Lee’s Buch (Tao of Jeet Kune Do) diskutierten, dass ich gerade lese, entwickelten sich einige interessante Diskusionen ĂŒber pĂ€dagogische Themen.

Bruce Lee schreibt in seinem Buch, es sei nötig, eine Kampfkunst zu lernen, aber ebenso sei es nötig, die Kampfkunst am Ende wieder zu verlernen, weil ihre Grenzen einschrĂ€nkend sein können. Der mĂ€chtigste Kampfstil sei kein Stil. Da warf sich fĂŒr mich die Frage auf, warum man nicht sogleich stillos bleibt. Mein Freund erklĂ€rte es mir: der Sinn hinter den bestimmten Bewegungen ist es nicht, die Bewegungen genau so auszufĂŒhren. Die genaue AusfĂŒhrung kann jedoch helfen, diejenige Erfahrung zu sammeln, die zur Aneignung des individuellen Stils, des Stils ohne Stil, fĂŒhren kann. Kampfkunst ist somit (auch) Selbsterfahrung.

Schattenboxen

Mein Freund meinte, er kenne einige sehr gute KĂ€mpfer, die er zwar fĂŒr ihre FĂ€higkeiten im Kampf respektiere, aber nicht als Mensch. KĂ€mpfer, die in der Technik bleiben, eine Technik verkörpern, anstatt die Technik als Werkzeug ihrer Selbstwerdung nutzen, verachte er. Eine Technik, ein bestimmter Tritt oder Schlag, kann anzeigen, was möglich ist, welche Grade der Entwicklung der KĂ€mpfer noch erreichen kann, welche Bewegungen und welche Körperkontrolle ihm (anderen, und damit zumindest theoretisch auch ihm) zugĂ€nglich wĂ€ren. Techniken, FĂ€higkeiten sind damit mögliche Ziele in der Entwicklung des Selbst, der Möglichkeiten des Selbst, aber keine Endziele an sich. In einem Kampf geht es nicht um die perfekte AusfĂŒhrung eines Trittes, sondern um die Nutzung der zur VerfĂŒgung stehenden Mittel, zur Nutzung des Ichs, zur ÜberwĂ€ltigung des Gegners.

Umgelegt auf eine Schulsituation wĂŒrde dies bedeuten, dass das Ziel nicht das perfekte Lernen einer Sprache, das perfekte Ziehen eines Kreises mit dem Zirkel sein kann. Diese Dinge sind Techniken, deren Erlernen sicher wichtig sein kann, aber sie sind nur sekundĂ€re Ziele. Nur wenige wĂŒrden als Lebensziel das Zeichnen von perfekten Kreisen angeben – vermutlich einige mehr, KĂŒnstler oder Architekt zu werden. Wen interessiert es ausserhalb einer Schule wirklich, ob ich alle Vokabeln zum Thema FrĂŒchte auf Englisch auswendig kann? Aber ob ich mich mit jemandem, der mir wichtig ist und nur diese Sprache spricht, unterhalten kann, kann wichtig fĂŒr mich sein. Wichtig fĂŒr mich, fĂŒr meine Selbstwerdung.

Vom Finger und vom Mond

Eine Technik ist der Weg zum eigentlichen Ziel, nicht das Ziel selbst. Sie hilft, das Selbst so zu formen, hilft, so zu werden, dass das Ziel erreicht werden kann. In der Kampfkunst finden wir diese Grundkonzepte in das Training inkludiert: ein Endziel (ÜberwĂ€ltigung des Gegners), dazu geeignete Techniken der Selbstwerdung und die Möglichkeit des Feedbacks am Endziel (der Übungskampf). Doch selbst wenn der KĂ€mpfer den Gegner bezwingen sollte, wartet bereits ein weiterer auf ihn. Irgendwann wird er wieder verlieren und muss weiter trainieren, weiter wachsen. Es gibt keinen Endsieg.

Das tiefer versteckte eigentliche Endziel ist der fortwĂ€hrende Prozess der Selbstwerdung, die durch die Erfahrung, zu unterliegen und dem darauffolgenden Training bewerkstelligt wird. Wer immer nur siegt, hat keinen Grund zur Werdung mehr. Es wird gekĂ€mpft, um zu siegen, aber der Ausgang des Kampfes ist unwichtig. Es wird gespielt, um zu siegen, aber wer am Ende vorne ist, ist irrelevant im Sinne eines gut/schlecht, nur relevant als qualitative RĂŒckmeldung, in welchen Bereichen ich mein Spiel, meine Technik, verbessern kann.

BrĂŒder im Schmerze

Kampfkunst erfĂŒllt auch eine weitere interessante Funktion: Schmerz. Wer Kampfkunst ausĂŒbt, bekommt irgendwann einen Tritt in den Bauch, einen Schlag ins Gesicht. Schmerzhaft, wie diese Erfahrungen sind, ermöglichen sie doch (im Rahmen der reversiblen, also nicht dauerhaften Verletzungen und Schmerzen) erst Empathie. Wer nie Schmerzen erlitten hat, kann sich nicht empathisch in seinen Gegner einfĂŒhlen, wird es dementsprechend schwerer haben, sich in einer kopflosen Situation gegen Gewalt zu entscheiden. So paradox es klingen mag, werden Menschen, die in ihrem Leben oft gekĂ€mpft haben, auf eine sehr viel kalibriertere Art und Weise agieren als jemand, der sich zum ersten Mal in seinem Leben dazu gezwungen sieht, Gewalt anzuwenden, um sein Leben oder das ihm wichtiger Personen zu schĂŒtzen.

FlĂ€chendeckendes Training in den KampfkĂŒnsten, unterstĂŒtzt durch die entsprechende Geisteshaltung, dass der einzige, der einen Kampf nicht verlieren kann, derjenige ist, der nicht kĂ€mpft, könnte somit vielleicht nicht die Gewalt selbst einschrĂ€nken, wohl aber die oft schrecklichen Folgen. Als ich jung war, kletterten wir alle auf diverse BĂ€ume, heute sind KindergĂ€rtnerInnen rechtlich verantwortlich, wenn dabei etwas passiert und verbieten es natĂŒrlich. Es ist keine Überraschung, dass ich dann vor etwa zwei Jahren ein Kind antraf, dass von einem Baum gefallen war und nun einige Monate ein Korsett zum Schutz des RĂŒckens tragen musste. Es hatte nie lernen dĂŒrfen, zu fallen.

Kinder klettern auf BĂ€ume. Wenn nicht im Kindergarten, dann eben woanders. Es wird immer Situationen geben, in denen Gewalt angewendet werden wird. Wir können alles Mögliche verbieten, aber weder ist das Erklettern von BĂ€umen noch eine Schusswaffe fĂŒr sich problematisch, wird dies erst durch den Menschen und seine Entscheidungen dahinter. Anscheinend gibt es hier in Brasilien einiges an KampfpĂ€dagogik, die mit Kindern arbeitet und ihnen durch Kampfkunst ein friedvolles Miteinander beibringt.

Ein Kampf gegen Gewalt. Irgendwie passend.

Niklas