Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblĂŒfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dĂŒrfen, wenn man seine Schwierigkeiten ĂŒberwunden hat. Dabei wĂ€r es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man UnterstĂŒtzung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die UnterstĂŒtzung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwĂŒrdigen Telefonat noch in der HĂ€ngematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis gehabt. So eine merkwĂŒrdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und wĂŒrden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form fĂŒr diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie ĂŒber den jĂŒngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, fĂŒr ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es fĂŒr sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr fĂŒrchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemĂŒtlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfĂ€nglich an der OberflĂ€che betrachtet. Und doch hatte er sofort gespĂŒrt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂŒr fĂŒr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der OberflĂ€che betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂŒher, noch ungeĂŒbter, hatte er sich bisweilen ĂŒberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er spĂ€ter bereute. Nur um frĂŒher oder spĂ€ter festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich ĂŒber seine Grenzen fĂŒhren wĂŒrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂŒbergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂŒtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂŒssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des GesprĂ€chs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wĂŒst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit lÀngerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso ĂŒber die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hĂ€tten sein können, ein verdĂ€chtig Ă€hnliches? Was wĂŒrde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham UnterstĂŒtzung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste AnsĂ€tze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fĂŒhlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂŒck weit war es die letzten Jahre ĂŒber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂŒtzung bat, wenn es um AlltĂ€gliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂŒblicherweise zurĂŒckgezogen. Bis er – gestĂ€rkt und bewehrt mit einer erzĂ€hlenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂŒr Kontakt fĂŒhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂŒr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemĂ€ĂŸ eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins VerĂ€ndern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelĂ€chelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂŒr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂŒsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der OberflĂ€che, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere OberflĂ€che” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden wĂŒrden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dĂŒrfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fĂŒhlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewĂ€ltigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und WertschĂ€tzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den AnsprĂŒchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genĂŒgte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite fĂŒr denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die FĂŒlle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene UnzulÀnglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von VerlÀsslichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit GrĂŒnden
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich ĂŒberfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttÀuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurĂŒck in Einsamkeit
Ich wollt, ich hÀtt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quĂ€lt und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kÀmpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe grĂ¶ĂŸter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darĂŒber
Auf die, die Liebe lĂ€sst mich fĂŒhlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlÀsst

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch lÀnger brauchen
Hab meine BrĂŒcke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fĂŒhlst
Dann öffnen wir die DÀmme
In uns, um uns, trÀnken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelÀnge!
Die DĂ€mme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geĂŒbt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

In den letzten Tagen wurde fĂŒr mich ein altes Thema wieder sehr aktuell: wie umgehen mit unverlĂ€sslichen Mitmenschen? Als jemand, dessen Freundeskreis zu einem großen Teil aus eher „alternativen“ Menschen besteht, und sich auch entsprechend tendenziell zu „Freigeister“-Frauen hingezogen fĂŒhlt, habe ich in meinem Leben ziemlich oft mit diesem Thema zu tun gehabt. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass ich vor allem in meiner Jugend und als junger Erwachsener bisweilen ebenso nicht sonderlich verlĂ€sslich war. Im folgenden Beitrag möchte ich einerseits darĂŒber schreiben, was meiner Erfahrung nach ĂŒberhaupt die hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit sind, welche Auswirkungen UnverlĂ€sslichkeit auch auf andere haben kann, und wie man mit unverlĂ€sslichen Menschen umgehen kann, ohne dauerhaft selbst darunter leiden zu mĂŒssen.

Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit

0. Implizierte Erwartungen

Ich habe diesem Grund die Ziffer 0 zugewiesen, weil es sich im Grunde um keine wirkliche UnverlÀsslichkeit handelt, sondern mehr um eine einseitig empfundene. Aber implizierte Erwartungen passieren hÀufig, deswegen verdienen sie es meiner Ansicht nach, erwÀhnt zu werden.

Das einfachste Beispiel dafĂŒr sind Beziehungen. Auch wenn es einige relativ universelle Vorstellungen davon gibt, was vom anderen erwartbar ist, wenn man “in einer Beziehung ist”, kommen dazu im Regelfall noch unzĂ€hlige Erwartungen hinzu, die gefĂŒhlt “so selbstverstĂ€ndlich sind, dass man darĂŒber gar nicht mehr reden braucht” – und die naturgemĂ€ĂŸ prompt enttĂ€uscht werden, weil sie beispielsweise aufgrund der eigenen familiĂ€ren Vorgeschichte geprĂ€gt wurden, die der jeweils andere natĂŒrlich nicht 1:1 so miterlebt hat.

Daher unterscheide ich fĂŒr mich sehr klar zwischen impliziten und expliziten Abmachungen. Die Einhaltung von expliziten, klaren Abmachungen ist mir sehr wichtig, aber ich bin niemandem böse, wenn er implizite, nie klar kommunizierte Erwartungen nicht erfĂŒllt – und auch nicht sehr verstĂ€ndnisvoll, wenn mir jemand vorwirft, seine impliziten, nie kommunizierten Erwartungen nicht erfĂŒllt zu haben. Der Rest des Artikels bezieht sich dementsprechend auf explizite Abmachungen.

1. Unklare Kommunikation

Es mag kurios klingen, aber der vermutlich hĂ€ufigste Grund fĂŒr (empfundene) UnverlĂ€sslichkeit ist  schlicht unklare Kommunikation. Jemand geht aufgrund einer unklar formulierten Abmachung davon aus, dass sich der andere auf eine bestimmte Art und Weise verhalten wird („das ist ohnehin klar, da brauche ich nicht genauer nachfragen), und empfindet es dann als unverlĂ€sslich, wenn der andere sich anders verhĂ€lt als erwartet (ohne dass dieser merkt, dass er damit als „unverlĂ€sslich“ rĂŒberkommt, weil seine Version der Wahrheit fĂŒr ihn ebenso „völlig klar“ ist). Beispielsweise meinte eine Freundin von mir unlĂ€ngst, sie sei „Anfang August“ in Oberösterreich und wĂŒrde mich dann gerne treffen. Ich ging (warum auch immer) vom 1./2. August aus, und war dann irritiert, dass sie in der Zeit nicht erreichbar war, wo sie doch meinte, sie will mich gerne sehen. Sie war entsprechend ĂŒber meine Irritation irritiert 😉

An dieser Stelle sei noch erwĂ€hnt, was fĂŒr mich – neben allgemeiner Ignoranz ĂŒber mögliche Konsequenzen – die hĂ€ufigsten zwei GrĂŒnde fĂŒr unklare Kommunikation sind:

  1. man will sich noch nicht festlegen und Optionen offen lassen, und
  2. man will den anderen nicht verletzen.

2. Mangelnde SelbsteinschÀtzung/Organisation/Disziplin

Der zweite hĂ€ufige Grund fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit ist in mangelnder SelbsteinschĂ€tzung, Organisationstalent oder Disziplin zu finden. Wer nicht einschĂ€tzen kann, ab wann er seine Ressourcen und sich selbst ĂŒberfordert, wird sich regelmĂ€ĂŸig ĂŒberfordern, und zumindest einigen seiner eingegangen Abmachungen nicht gewachsen sein. Wer nicht gut darin ist, sich selbst zu organisieren, wird selbst bei allgemeiner Machbarkeit ĂŒberfordert sein. Und wem die Selbst-Disziplin dazu fehlt, wird eventuell frĂŒher aufgeben als notwendig, oder sich leicht ablenken lassen.

3. Nicht Nein sagen können

Grund Nummer drei ist verwandt mit mangelnder Selbst-EinschĂ€tzung, aber ich möchte ihn hier extra herausheben: Nicht gut darin zu sein, Nein zu sagen. Wer nie gelernt hat, bewusst, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht will/leisten kann, wird sich frĂŒher oder spĂ€ter selbst ĂŒberfordern, und eingegangene Abmachungen beim besten Willen nicht einhalten können. Oder anders ausgedrĂŒckt: Nur wer gelernt hat, Nein zu sagen, kann auch mit gutem Gewissen Ja sagen. Dieser Aspekt hat natĂŒrlich auch stark mit dem Ausmaß der persönlichen AbhĂ€ngigkeit von anderen zu tun. Je abhĂ€ngiger ich von der UnterstĂŒtzung eines Menschen/einer Institution bin, desto eher werde ich bereit sein, nach außen Ja zu sagen, auch wenn mein Innerstes mir zu einem Nein rĂ€t.

4. Verkettete AbhÀngigkeiten auf unverlÀssliche Menschen basieren

Grund Nummer vier ist jener, dass ich mich auf andere verlasse, die selbst unverlÀsslich sind, und damit verkettete AbhÀngigkeiten eingehe. Ein simples Beispiel: mein Bruder hat mich und meine (mittlerweile) Ex-Freundin zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie gefragt, ob sie Zeit und Lust hat, mitzukommen, sie sagt Ja, und ich gebe meinem Bruder Bescheid, dass wir kommen werden. Am besagten Tag schafft meine Ex-Freundin es nicht rechtzeitig aus dem Bett, und ich stehe vor der Wahl:

  1. Auf sie zu warten und selbst zu spÀt zu kommen
  2. Ohne sie zu fahren, selbst pĂŒnktlich zu kommen, aber ohne – wie ausgemacht – mit meiner Ex-Freundin
  3. WĂŒtend etc. zu reagieren und meiner Ex-Freundin Druck zu machen

Keine Option ist sonderlich befriedigend, vor allem wenn man öfter in eine solche Situation kommt, wie es mir regelmĂ€ĂŸig passiert ist. Obwohl ich mich selbst sehr darum bemĂŒhte, verlĂ€sslich zu sein, wurde ich von anderen aufgrund von verketteten AbhĂ€ngigkeiten oft trotzdem als unverlĂ€sslich wahrgenommen (vor allem von meiner Familie, die meine reale persönliche UnverlĂ€sslichkeit von frĂŒher noch in Erinnerung hatten).

Ich habe als junger Erwachsener relativ rasch verstanden, dass meine eigene UnverlĂ€sslichkeit Menschen, die mir wichtig sind, nervt, und negative Konsequenzen nach sich zieht. Aber dann nochmal knapp 10 Jahre gebraucht, um das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten fĂŒr mich so halbwegs zufriedenstellend zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die wie ich ziemlich viele “Hippie-Freunde” haben, mit dieser Schwierigkeit zu kĂ€mpfen haben.

Einige LösungsansĂ€tze fĂŒr das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten

Nun, man kann schlicht darauf verzichten, verkettete AbhÀngigkeiten einzugehen. Aber recht viel braucht man dann nicht mehr vom Leben zu erwarten. Keine zufriedenstellende Lösung also.

Zweiter Ansatz: lernen, zwischen verlÀsslichen und unverlÀsslichen Menschen zu unterscheiden, und sich nur noch auf die zweite Art von Menschen verlassen. Das funktioniert tatsÀchlich auch ganz gut so. Aber was tun, wenn es um unverlÀssliche Menschen geht, die einem nahe stehen, etwa Familienmitglieder, der beste Freund, oder eine Frau, die man zutiefst liebt?

Aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte muss ich drittens davon ausgehen, dass ich unverlĂ€ssliche Menschen gewissermaßen geradezu „anziehe“, schon alleine aus dem Grund, weil ich traditionell dafĂŒr gesorgt habe, dass diese Menschen nicht das volle Ausmaß der Konsequenzen ihrer UnverlĂ€sslichkeit erleiden mussten. Und dann habe ich mich stĂ€ndig darĂŒber geĂ€rgert (meist ohne es an den jeweiligen unverlĂ€sslichen Menschen direkt auszulassen), dass sich nichts an ihrem Verhalten Ă€nderte. In aller Ehrlichkeit: meine alte Angewohnheit, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden, war auch nicht sonderlich hilfreich.

Was trage ich selbst zur UnverlÀsslichkeit des Anderen bei?

Daher im Sinne der radikalen Selbstverantwortung die oft unangenehmen Fragen: Was trage ich selbst zum Verhalten der anderen Person bei? Was habe ich selbst dazu beigetragen, in die unangenehme Situation gekommen zu sein, in der ich mich jetzt aufgrund der UnverlÀsslichkeit des Anderen befinde?

Wenn man sich bemĂŒht, ehrliche Antworten auf diese Fragen zu finden, finden sich oft auch Antworten, die helfen, aus diesen unangenehmen Erfahrungen zu lernen:

  • Möglicherweise hat der Andere unklar kommuniziert, aber ich habe es auch unterlassen, genauer nachzufragen.
  • Möglicherweise tut sich der andere schwer damit, Absprachen auch einzuhalten, aber ich habe es auch zugelassen, dass verkettete AbhĂ€ngigkeiten entstehen, die meine PlĂ€ne wie ein Kartenhaus einstĂŒrzen lassen wenn er unverlĂ€sslich wird, indem ich keinen Notfallplan entwickelt habe, obwohl ich schon weiß, dass dieser Mensch nicht der verlĂ€sslichste ist.
  • Möglicherweise lernt der andere einfach nicht aus seinen Fehlern, aber ich helfe ihm auch nicht dabei, weil ich ihn, um ihn nicht zu verletzen, vor dem Ausmaß meiner EnttĂ€uschung und Wut darĂŒber schĂŒtze. Oder, weil ich das GefĂŒhl habe, nicht ohne ihn leben zu können, nicht die notwendigen Konsequenzen fĂŒr mich ziehe.

Das Kernproblem hintern den Kernproblemen

Die möglichen GrĂŒnde fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit, die ich oben beschrieben habe, sind fĂŒr mich im Grunde nur Facetten eines dahinterstehenden Kernproblems: Darf ich mein Leben so leben, wie ich es fĂŒr richtig halte, und traue ich mich auch, dies zu tun?

Wenn ich auf diese Fragen mit ganzem Herzen mit Ja antworten kann, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Vorlieben und Ressourcen Ja und Nein zu Anfragen antworten, die an mich gestellt werden, und entsprechende PrioritÀten setzen. Ich kann klar, authentisch und ehrlich kommunizieren. Ich kann, wo dies notwendig ist, auch in Konflikt gehen, um dieses mir angestammte Recht auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu verteidigen.

Aber wer von uns ist tatsÀchlich soweit, dies 100%ig von sich behaupten zu können?

Wie ich mittlerweile mit unverlÀsslichen Menschen umgehe

Emotionen wie Wut, EnttĂ€uschung etc. zu zeigen und auszudrĂŒcken, ist aus zwei GrĂŒnden wichtig: einerseits hilft es einem selbst, sie „rauszubekommen“ und nicht zu unterdrĂŒcken, andererseits hilft es dem Anderen, nachzuvollziehen, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Aber Emotionen auszudrĂŒcken alleine ist oft zu wenig. Es braucht auch Konsequenzen, die dem Anderen unabhĂ€ngig von Emotionen ermöglichen, die Zukunft verlĂ€sslich vorherzusehen. Im Grunde sind Erwachsene „große Kinder“, und in einer komplexen Welt freuen sie sich ebenso ĂŒber ein wenig Vorhersehbarkeit.

Im Idealfall ist die Vorhersehbarkeit entsprechend den realen MachtverhĂ€ltnissen formuliert, und erzeugt nicht wieder neue verkettete AbhĂ€ngigkeiten. Nehmen wir z.B. an, ich habe mir fĂŒr heute mit einer Freundin ausgemacht, dass wir gemeinsam schwimmen gehen, aber ich erreiche sie nicht, und sie meldet sich auch nicht zurĂŒck.

Was ich mittlerweile im Regelfall mache, ist ihr eine Nachricht nach dem Muster „Ich erreiche dich leider nicht. Wenn ich bis 14:30 nichts von dir höre, mache ich mir mit jemand anderem etwas aus.“ Das beschrĂ€nkt meinen Ärger ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit zeitlich, und verhindert, dass ich (wie frĂŒher oft passiert) stundenlang herumwarte, und dann dem Anderen innerlich vorwerfe, meinen Tag versaut zu haben.

Heute konkret war ich dann doch auch mal ziemlich genervt von einer Freundin, die (im Gegensatz zu meinen anderen Freunden, die mittlerweile erstaunlich verlĂ€sslich geworden sind, seit ich sie so behandle) es geschafft hat, einige Tage in Folge unverlĂ€sslich/unerreichbar zu sein. Sie hat dann doch ausnahmsweise eine „Doppel-Behandlung“ in Form meiner deutlichen Genervtheit + Darlegung der Konsequenzen erhalten (ĂŒblicherweise reicht mittlerweile letzteres), und die Botschaft dĂŒrfte wohl mittlerweile angekommen sein.

HauptsĂ€chlich war ich aber auch deswegen so genervt, weil ich eine andere Entscheidung von ihr abhĂ€ngig gemacht hatte, also verkettete AbhĂ€ngigkeiten auf jemanden aufgebaut hatte, der sich in dieser Situation als unverlĂ€sslich herausgestellt hat – meine Wut war also auch ein StĂŒck weit selbst verursacht.

Wer das bei aller Genervtheit ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit anderer nie vergisst, erinnert sich dabei auch an eine wichtige Konsequenz aus dem Faktum, dass ein Teil der Misere selbst verursacht ist: ich habe damit auch selbst die Macht, etwas daran zu Ă€ndern. Radikale Selbstverantwortung kann schon auch ziemlich hilfreich sein 🙂

In dem konkreten Fall habe ich nun die verkettete AbhĂ€ngigkeit aufgelöst, und mir eine schöne Alternative geschaffen, falls der ursprĂŒngliche Plan so nichts wird – und wenig ĂŒberraschend hat sich die verbliebene Wut auch weitgehend aufgelöst.

Niklas

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

Vor einigen Monaten stieß ich zum ersten Mal ĂŒber einen TEDxTalk auf einen Vortragenden namens Simon Sinek, der ĂŒber ein sehr simples, aber doch geniales Konzept sprach. Mittlerweile finden sich im Internet zahlreiche Blog-BeitrĂ€ge und Interpretationen darĂŒber. Auch die bunterrichten-Plattform orientiert sich in ihrer Gestaltung an seinem „Goldenen Kreis“. Aber was meint er damit ĂŒberhaupt? Und wie kann uns sein Goldener Kreis helfen, a) passendere Mitarbeiter fĂŒr unser Team zu finden und b) mit den vorhandenen besser zusammenzuarbeiten?

Der „Goldene Kreis“

Die Idee ist einfach, aber sehr mÀchtig: Unsere Kommunikation lÀsst sich in drei Sinn-Stufen einteilen, und zwar danach, welche der drei Fragen Was, Wie oder Warum sie zu beantworten sucht.

Er beschreibt unsere Angewohnheit, in den meisten FĂ€llen ĂŒber das Was zu sprechen, bevor wir ĂŒber das Wie (wenn ĂŒberhaupt) endlich zum Warum kommen, und rĂ€t, die Reihenfolge umzudrehen: Zuerst das Warum zu klĂ€ren, dann das Wie, dann erst das Was.

Vor allem relevant wird dieser Rat dort, wo das GegenĂŒber nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne zur VerfĂŒgung stellt, etwa wenn man jemanden neu kennenlernt, oder in der Werbung. Am Beispiel von dieser Web-Plattform:

Warum: Menschen helfen aufzublĂŒhen. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen ein Samenkorn steckt, das – wenn die Umgebung mitspielt – aufblĂŒhen und dieser Umwelt große Freude bereiten kann.
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass dies im Header bzw. in den ersten 2-3 SĂ€tzen auf der Startseite zu finden ist – die Chance ist damit groß, dem Erstbesucher in den ersten 5-10 Sekunden auf diese Information hinzuweisen.

Wie: Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es eine der effektivsten Methoden, dieses Samenkern zum AufblĂŒhen zu bringen, ist, dem Menschen zu vermitteln, als der gesehen zu werden, der er ist. Dazu braucht es etwas, das ich fĂŒr mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe. Nun ist es fĂŒr die meisten Menschen schwierig, mit mehr als ein paar wenigen Menschen gleichzeitig in stimmigem Kontakt zu bleiben. Deshalb halte ich es auch fĂŒr wichtig, sich in indirektem stimmigen Kontakt zu ĂŒben, bei dem anhand der Reaktionen derer, mit denen man in direktem stimmigen Kontakt ist, auf andere geschlossen werden kann.
Ich helfe Menschen, in stimmigem Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen, damit sie in  ihrem jeweiligen sozialen Umfeld im Sinne aller Entscheidungen treffen und AblÀufe entwerfen können.
Die Antwort auf das Wie ist auf der Startseite sowie auf der 2. Seite nach der Startseite zu finden.

Was: Ich treffe mich mit Menschen 1:1 und bin zusĂ€tzlich mittel- bis langfristig mit ihnen im laufenden schriftlichen Kontakt. Außerdem gibt es noch ein Archiv von Blog-BeitrĂ€gen zum Thema sowie eine kleine Community mit anderen Interessierten, die als Ressource zur VerfĂŒgung steht.

WĂŒrde ich jemanden neu kennenlernen und nur eine Minute Zeit haben ihm zu erklĂ€ren worum es mir geht, was könnte er mit der Antwort auf die Was-Frage anfangen? Sie macht in Kombination mit dem Rest schon ihren Sinn, aber der Rest ist nach einem derart langweiligen Was schon gar nicht mehr interessant. Die Antwort auf Warum-Fragen kann jedoch Lust auf mehr machen.

Warum funktioniert das Warum?

Wenn wir annehmen, dass es sehr hilfreich sein kann, mit dem Warum zu starten, entsteht fĂŒr mich eine interessante Folge-Frage: Warum funktioniert es eigentlich  so gut, mit dem Warum zu beginnen?

Die Antwort liegt meiner Ansicht nach darin, dass die Antworten auf diese Fragen einer impliziten Hierarchie unterliegen. Diese Hierarchie ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen auf einer darunterliegenden Ebene ĂŒber aus der ĂŒbergeordneten Ebene abgeleitete Kriterien aufzulösen. Das klingt jetzt sehr kompliziert, deswegen ein Beispiel:

Ein neuer Lehrer kommt in ein bestehendes Kollegium. Frisch von der pĂ€dagogischen Hochschule gekommen, ist er motiviert, alles neu und besser zu machen, und eckt prompt an den bestehenden Strukturen an damit. „Wir machen das anders hier“, bekommt er zu hören, und rasch entsteht ein Konflikt ĂŒber das Was des pĂ€dagogischen Tuns. Bleiben wir auf der Ebene des Was, so steht Meinung gegen Meinung. Begeben wir uns jedoch eine Ebene höher, auf das Wie, so finden wir vielleicht einen ĂŒbergeordneten Zugang, auf den sich die Konfliktparteien einigen können. Wird dies vollbracht, so können die unterschiedlichen ZugĂ€nge zur Umsetzung des Wie durch vom ĂŒbergeordneten Wie abgeleiteten Kriterien objektiver beurteilt werden.

Angenommen, der neue Kollege und das bestehende Kollegium einigen sich darauf, dass es wichtig ist, dass sich die SchĂŒler als Individuum gesehen fĂŒhlen. Danach können sie gemeinsam beurteilen, ob ihre unterschiedlichen AnsĂ€tze, den  Unterricht zu gestalten, diesem Kriterium mehr oder weniger gut entsprechen. Möglicherweise wird dann etwa sichtbar, dass beide AnsĂ€tze, der alte wie der neue, dem Kriterium gut entsprechen und damit auch gut nebeneinander existieren können.

Zugehörigkeit durch ein gemeinsames Warum

Aus dem Handeln eines Menschen ist oft nicht klar ersichtlich, was seine BeweggrĂŒnde fĂŒr dieses Handeln sind. In der Folge bewerten wir sein Handeln basierend auf den Annahmen, die wir treffen. Wenn das Handeln des anderen unserem Warum zuwiderlĂ€uft (oder wir es annehmen), so wird die handelnde Person als nicht unserer Gruppe zugehörig empfunden, wird zum Gegenspieler.

Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, mĂŒsste es doch eigentlich sehr einfach sein, stattdessen einfach mit dem Warum zu beginnen, und so eine gemeinsame Basis in einem Team herzustellen. Dies ist durchaus auch möglich, aber einfach ist es nicht. Der Grund dafĂŒr liegt fĂŒr mich darin, dass nur wenigen Menschen klar ist, warum sie tun, was sie tun. Klingt unglaublich, aber dĂŒrfte nach meinen Beobachtungen durchaus der RealitĂ€t entsprechen.

Ich selbst, der ich doch – soweit ich das beurteilen kann – vergleichsweise sehr viel Zeit damit verbringe nachzudenken, zu reflektieren, zu lesen, zu schreiben, kĂ€mpfe nun seit gut 1,5 Jahren mit dieser Fragestellung. Mittlerweile bin ich auch so halbwegs zufrieden mit meiner Antwort, vor allem weil sie – anders als vor 2-3 Monaten – nicht mehr mehrere A4-Seiten benötigt, um erklĂ€rt zu werden.

Warum bin ich Lehrer? Direktor? Warum bin ich Teamleiter? Warum habe ich dieses Unternehmen gegrĂŒndet? Diesen Sozialverein? Wenn es mir gelingt, diese Frage fĂŒr mich zu beantworten, so erleichtere ich es damit anderen herauszufinden ob sie sich mit dieser Antwort ebenso identifizieren können. Können sie es nicht und handelt es sich nicht nur um ein MissverstĂ€ndnis in Worten und Deutungen, so wird eine Zusammenarbeit auf Dauer kaum fruchtbar sein. Ist aber eine grundsĂ€tzliche Übereinstimmung im Warum gegeben, so können unterschiedliche Meinungen ĂŒber das Wie oder ein weit unwichtigeres Was befruchtend fĂŒr Innovationen sein.

Die meisten von uns nehmen an, dass die Antwort auf diese Fragen ohnehin so klar ist, dass sie es nicht wert ist, gestellt zu werden. Was dazu fĂŒhrt dass wir uns so hĂ€ufig missverstehen, weil wir – unhinterfragt – annehmen, dass ein jeder von uns zu der gleichen Antwort kommen muss.  Damit beschrĂ€nken wir jedoch auch implizit unsere Möglichkeiten des Miteinanders.

LĂ€sst sich ein gemeinsames Warum auch herstellen?

Laut Simon Sinek ist das GefĂŒhl, von Menschen mit Ă€hnlichen Wertvorstellungen umgeben zu sein, essentiell fĂŒr ein gegenseitiges Vertrauen und der Bereitschaft, auch Neues auszuprobieren – und seine AusfĂŒhrungen machen meiner Ansicht nach auch durchaus Sinn.

Wirklich interessant ist jedoch die Kombination mit seinem Konzept vom Goldenen Kreis, weil es bedeuten wĂŒrde, dass wir sehr oft von Menschen mit Ă€hnlichen Wertvorstellungen umgeben sind, es aber nicht erkennen können, weil wir ĂŒber das Was statt ĂŒber das Warum sprechen. Beispielsweise gehe ich (optimistischerweise) davon aus, dass die meisten Menschen, die von Beruf Lehrer sind, sich mit meinem Warum, Menschen zu helfen aufzublĂŒhen, identifizieren können. Die wenigsten wĂŒrden wohl von sich behaupten, sie wĂ€ren Lehrer geworden, um zu verhindern, dass Menschen das Beste aus ihren Anlagen und Chancen machen. Aus ihren Handlungen (Was) alleine ist dies aber nicht immer eindeutig zu erkennen.

Eine Hierarchie-Ebene darunter,  beim Wie, werden viele Lehrer schon nicht mehr mit mir einig sein. Vielleicht noch damit, dass es Menschen gut tut, gesehen zu werden, aber dass dies einen stimmigen Kontakt voraussetzt, da wird es wohl schon problematischer. Weniger noch bei der Frage ob dies wĂŒnschenswert sei, sondern eher bei der Frage der praktischen Umsetzbarkeit: Das wĂ€re schön und sinnvoll, aber wer soll das leisten?

Und spĂ€testens beim Was lĂ€sst sich dann trefflich darĂŒber streiten was denn nun die schlauesten Umsetzungen von all dem darstellt.

Und noch eine Ebene darĂŒber

Das Konzept von Warum, Wie und Was als Hierarchie-Ebenen lĂ€sst sich in beide Richtungen weiterfĂŒhren. So basiert etwa mein Warum, Menschen helfen aufzublĂŒhen, auf der stillschweigenden Annahme und meinem Weltbild (= Vorstellung, wie diese Welt funktioniert, noch ohne Wertung), dass in Menschen Potential angelegt ist, das mit Hilfe einer konstruktiven Umwelt inneres und Ă€ußeres Wachstum ermöglicht. Jemand anderer basiert sein Warum vielleicht auf dem Weltbild, dass der Mensch ein leeres GefĂ€ĂŸ ist, das von außen „befĂŒllt“ werden muss, und wird zu anderen SchlĂŒssen kommen. Der Fantasie sind damit kaum Grenzen gesetzt, das Konzept weiterzufĂŒhren. Mit der Hierarchie von Warum, Wie und Was kann man jedoch schonmal viel erreichen.

Viel Freude damit!

Niklas

Lange hat er geschlafen, Tage, Monate, Jahre. Kaum kann er sich noch erinnern, wie er hierhergekommen ist in diese Zelle. Den Raum hat er bereits ausgemessen, hat die Festigkeit der GitterstĂ€be geprĂŒft, anhand des wandernden Schattens abgeleitet, in welcher Himmelsrichtung sich das Fenster befindet. Die Waffen haben sie ihm abgenommen, doch die mĂ€chtigste, seinen Körper, haben sie ihm lassen. Anfangs hat er noch mit den FingernĂ€geln Zeichen in die SteinwĂ€nde gekratzt, hat versucht, die Tage zu zĂ€hlen, FluchtplĂ€ne zu schmieden, seinen angestammten Platz wiedereinzunehmen. Mit Sicherheit wĂŒrde man ihn vermissen. „VerrĂ€ter!“, hat man ihn gerufen, und „Mörder!“, doch an die ihm vorgeworfenen Taten kann er sich kaum mehr erinnern. LĂ€ngst sind sie im Nebel des Vergessens verschwunden. Hat er Unrecht begangen? Erneut quĂ€lt ihn die Frage aller Fragen: Ist es gerechtfertigt gewesen, ihn hier all die Jahre einzusperren? Und: was ist mit dem König? Wer beschĂŒtzt ihn? Wer beschĂŒtzt nun das Land?

Es hat nie eine Gerichtsverhandlung gegeben. Eines Tages sind sie gekommen, haben ihn fĂŒr nicht mehr notwendig erklĂ€rt und ihn abgefĂŒhrt. Ihm seine Waffen abgenommen, ihm das Wort verboten und endlich ihn weggesperrt. „Nun herrscht Frieden“, haben sie erklĂ€rt, die Diplomaten mit ihren bunten GewĂ€ndern und noblen Titeln, „Ein Krieger ist dem Frieden nur im Weg“. Antworten hat er nicht können, die Diplomaten haben ihm das Wort verboten, und als er dagegen aufbegehren und den König warnen will, sagen sie nur – mit dem herablassenden Blick des Erwachsenen, der einem tobenden Kind gedankenlos zusieht – „Sehen Sie, MajestĂ€t, genau wie wir vorhergesehen haben. Wollen Sie sich von einem Barbaren wie ihm beraten lassen? Nie wird es mit ihm dauerhaften Frieden geben“. Der König wirkt hilflos, ĂŒberfordert, stimmt zu, ihn wegzufĂŒhren. Bevor sie ihn packen, sieht er noch einmal zu dem geliebten Herrscher hinauf, der nun wieder umringt ist von den Diplomaten, den EinflĂŒsterern. Er will schreien, toben, doch der Wille des Königs ist Gesetz, und er lĂ€sst sich mit hĂ€ngendem Kopf abfĂŒhren in die Zelle, in der er seit jenem denkwĂŒrdigen Tag dahinvegetiert.

Einige Male am Tag wird ihm Essen gereicht, und anhand der spĂ€rlichen Worte, die dabei ausgetauscht werden, bekommt er mit, was sich im Königreich abspielt. Diplomatische Beziehungen mit anderen Königreichen werden auf- und wieder abgebaut, die Wirtschaft blĂŒht und verwelkt in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden wieder. Immer wieder gibt es kleinere ÜberfĂ€lle an den Grenzen, doch die Kriminellen, so erzĂ€hlt man sich, seien selbst arm dran und wenn man ihnen nur VerstĂ€ndnis entgegenbrĂ€chte, wĂŒrden sie schon wieder damit aufhören. Sie hĂ€tten ja nur Hunger wie alle anderen auch, und als weiser König mĂŒsse man ihnen mit GĂŒte begegnen. Des Kriegers Seele rebelliert bei jenen Worten; er wĂŒrde die Eindringlinge zurĂŒckschlagen lassen, und erst dann mit den Armen legale Hilfe vereinbaren. Er kann das Leid hungriger MĂ€uler nachvollziehen, aber warum es zulassen, dass anderen, den Menschen an den Grenzregionen, dadurch noch mehr Leid geschieht? Doch des Königs Wort ist Gesetz, und ihm fĂŒhlt er sich verpflichtet.

Eines Tages jedoch bleibt der alte Mann, der ihm ansonsten stets seine Nahrung reicht, aus, und er fĂŒhlt, dass etwas geschehen sein muss. Seine Sinne schĂ€rfen sich, er beginnt sich vorzubereiten. Das Wort des Königs hĂ€lt ihn hier, nicht diese Zelle, und er fĂŒhlt, dass der König in Gefahr ist. Bald hat er die GitterstĂ€be des Fensters freigegraben, findet einen Hebel und bricht sie heraus. Klettert durch das Fenster und erblickt ein verwĂŒstetes Land. Der Alte, der immer das Essen gebracht hat, liegt erschlagen im Eingangsbereich des GefĂ€ngnisses, das Essen ist ihm entglitten. Der Krieger schließt ihm die Augen, macht sich auf den Weg zum König. Gute, sanfte Menschen sterben. Wo ist die Armee? Wo ist der König, sie zu beschĂŒtzen?

Beinahe unbehelligt erreicht er das Königsschloss. Die wenigen, die sich ihm in den Weg stellen wollen, weichen vor seinem wĂŒtenden Blick zurĂŒck, suchen sich leichtere Opfer. Als der Krieger das Tor zum Thronsaal erreicht, hört er die Stimme des Königs dahinter. Er lebt! Nun wird alles gut!
„Also ich bin mir ziemlich sicher, Schreie gehört zu haben.“, hört er die Stimme des Königs.
„MajestĂ€t, das ist unmöglich. Der RĂ€uber BedĂŒrfnisse sind erfĂŒllt worden. Wir haben den Konflikt gewaltfrei gelöst. Sie werden in Frieden wieder abziehen. Die Berichte mĂŒssen falsch sein.“

Der Krieger tritt das Tor auf und sieht die Diplomaten zusammenzucken.
„Seid ihr völlig verrĂŒcktgeworden?“, donnert er mit machtvoller Stimme, bereit, sie Kraft seiner Arme in StĂŒcke oder zumindest vom König wegzureißen, doch sie machen diesem Gott des Krieges Platz.
„Ich sage doch, ich höre Schreie“, meint der König selbstzufrieden, „der Krieger schreit herum. Das RĂ€tsel ist gelöst!“
„MajestĂ€t! Draußen vor dem Schloss werden Menschen wie Hunde abgeschlachtet! Eure Untertanen sind schwach, wehren sich nicht einmal, meinen, die BedĂŒrfnisse der RĂ€uber nach Blut seien eben auch wichtig. Was habt ihr getan?“
„Nicht allzu viel“, meint der König, leicht irritiert, „die meiste Zeit haben wir darĂŒber philosophiert, wie viel besser es uns allen gehen wird, wenn wir alle gelernt haben, auf Gewalt zu verzichten.“
„MajestĂ€t! Die HĂ€lfte eurer Bauern ist tot, und die Ernte der anderen wird gerade von RĂ€ubern verzehrt oder einfach im Zerstörungsrausch verbrannt! Wir werden alle hungern mĂŒssen – auch diese RĂ€uber – wenn wir sie nicht sofort aufhalten! Gebt mir den Befehl, und zwar sofort, oder ich kann fĂŒr nichts mehr garantieren.“
„Na, wir wollen uns nicht streiten, mein lieber Krieger, das schickt sich nicht fĂŒr einen weisen König. Bitte, dann stellt eben die Ordnung wieder her.“
„Danke, MajestĂ€t!“, sagt der Krieger und verließ den Thronsaal, um rasch eine Miliz zusammenzustellen.
„Wo waren wir?“, sagt der König, verblĂŒfft feststellend, dass sich seine Diplomaten sehr plötzlich in alle Winkel verkrochen haben. „Wovor habt ihr Angst, wo wir doch jahrelang ohne Gewalt vorgegangen sind und uns nur Freunde dabei erworben haben?“

Zwei Tage spĂ€ter ist alles vorbei. Die RĂ€uber sind weitgehend an die Grenzen zurĂŒckgeschlagen, die letzten Feuer werden gelöscht und die Menschen kommen zurĂŒck aus den Bergen und WĂ€ldern, wo sie sich versteckt haben. Das Land wird ĂŒberleben, denkt der Krieger hoffnungsvoll, aber es war knapp.
„Gute Arbeit, Krieger“, sagt der König, neben ihm auf seinem königlichen Pony (all die guten Pferde wurden von den RĂ€ubern gestohlen oder geschlachtet, um sie zu essen), „aber was machen wir jetzt mit den Gefangenen?“
„Wir bringen sie an die Grenze und lassen sie frei“, sagt der Krieger, „und dann schicken wir einige eurer Diplomaten mit, um friedliche Beziehungen aufzubauen. Nun, da sie wissen, dass wir bereit sind, sie im Feld zu schlagen, werden sie auch bereit sein, wirklich mit uns zu reden.“
„Es war ein großer Sieg, Krieger. Wir wollen ihn feiern.“
„Es ist eine große Tragödie, MajestĂ€t. Tausende Menschen sind unnötig gestorben. Wir wollen trauern.“
„Eine Trauerfeier also. Damit ist es beschlossen.“, schließt der König, und reitet voran in Richtung Schloss. Viel ist zu tun, das Land wird im Wiederaufbau FĂŒhrung brauchen.

Der Krieger bleibt zurĂŒck am Fuße des HĂŒgels, von dem aus er beinahe das ganze Königreich ĂŒberblicken kann. Einst hat es eine Zeit gegeben, da hat er den Kampf geliebt. Die Hitze des Moments, die Sekundenbruchteile, die zwischen Leben und Tod entscheiden können. Heute zieht er sich lieber zurĂŒck, als anzugreifen und greift nur ungern zum Schwert. Aber das Land vor ihm und die Menschen in ihm ĂŒberblickend, weiß er auch um die Notwendigkeit, es zu beschĂŒtzen. Er wird tun, was notwendig ist, aber ohne Hass, ohne Wunsch nach Vergeltung. Rasch reißt er sich aus seinen Gedanken. Auf, mein liebes Pferd! Der König braucht uns!, und mit dem verzĂŒckten LĂ€cheln des zum ersten Mal Erkennenden: Ja, es ist wahr! Wir haben unseren Platz in der Welt wiedergefunden. Der Krieger ist zurĂŒckgekehrt ins Land, und hat den Krieg vertrieben.

Es soll Menschen geben, die in eine Familie hineingeboren werden, die ihren BedĂŒrfnissen gut entspricht und innerhalb derer sie sich optimal entwickeln können. Eine gar nicht geringe Anzahl an Menschen jedoch sieht sich frĂŒher oder spĂ€ter mit dem GefĂŒhl konfrontiert, irgendwie versehentlich „falsch abgeliefert“ worden zu sein – zumindest habe ich diese Geschichte nun mit den Jahren in unzĂ€hligen Variationen gehört – und auch im engeren Familienumfeld mehrfach (mit-)erlebt. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese „Andersgeborenen“ oft sehr unterschiedlich auf das aufkeimende GefĂŒhl reagieren, nicht zu “passen”. In gewisser Weise lĂ€sst sich jedoch eine Art von Stufenreihenfolge herstellen, die wohl von den meisten Betroffenen – still oder auch in manchen FĂ€llen sehr laut – durchlaufen wird.

Phase 1: Anpassung

In dieser Phase wird ein Idealbild (z.B. innerhalb einer Familie) ĂŒbernommen und versucht, sich den Vorstellungen anzupassen. Je nachdem, wie gut diese Anpassung gelingt, kann sie Jahre, Jahrzehnte bis zu einem ganzen Leben aufrechterhalten werden. In dieser Phase leidet der Andersgeborene an seinem Anderssein, bemĂŒht sich, schĂ€mt sich bei Versagen, versteckt oft nicht nur sein Anderssein sondern auch, dass es ihm MĂŒhe kostet, den Schein des Normalen aufrechtzuerhalten. Das reale Ich, sich nackt zu zeigen, wird als sozialer Suizid wahrgenommen („niemand kann dieses wirkliche Ich lieben“), aufs Höchste gefĂŒrchtet und damit gemieden.

Beispiele dafĂŒr gibt es wohl genug: unglĂŒckliche Ehen, die aufrechterhalten werden, Söhne, die Familienunternehmen ĂŒbernehmen, weil es von ihnen als Erben erwartet wird, Kinder, die Ärzte werden, weil die Eltern dies erwarten, oder auch nur eine Schule fertigmachen, um den Eltern zu gefallen, obwohl sie doch eigentlich eine Mechaniker-Lehre machen wollten.

Phase 2: Aufbruch

Irgendwann ist es dem Andersgeborenen nicht mehr möglich, den Schein der NormalitĂ€t zu wahren, oft unter dem Einfluss zusĂ€tzlicher Stressfaktoren. Je nach den Reaktionen der Umwelt kann hier eine Re-Integration in die Ursprungsgruppe/-Familie stattfinden – ĂŒblicherweise sucht der Andersgeborene aus Angst, abgewiesen zu werden, jedoch selbst die Distanz, soweit es ihm möglich ist. Ein Gegenentwurf zu der „NormalitĂ€t“ der Ursprungsgruppe entsteht, der jedoch oft noch ebenso starr und perfektionistisch aussehen wird. Die existentielle Not des gefĂŒhlten Ausgestoßenseins macht in dieser Phase sehr empfĂ€nglich fĂŒr scheinbar stabilisierende externe Norm-Systeme: Sub-Kulturen, Sekten, extremistische Gruppierungen. Eine neue Heimat, soziale Sicherheit wird in einer neuen Gruppe gesucht, wobei die tatsĂ€chlichen Gruppennormen in der Situation der existenziellen Bedrohung in den Hintergrund treten. In dieser Phase fĂ€llt auch der klassische Hang zur Kommunenbildung – „am besten vertrĂ€gt es sich doch mit Gleichgesinnten“. Die reine BeschrĂ€nkung auf Gleichgesinnte fĂŒhrt jedoch frĂŒher oder spĂ€ter zu einer gewissen Ideologisierung mit einhergehenden starren Gruppennormen.

Ein mir sehr lieber Mensch hat etwa im Streit ihre Ursprungsfamilie hinter sich gelassen, um sich einer anderen Familie anzuschließen, die mehr ihrem Wesen und ihren BedĂŒrfnissen entspricht. Mit allen Schwierigkeiten, die Gruppennormen mit sich bringen, fĂŒhlt sie sich dort trotzdem wohler als in ihrer Ursprungsfamilie, weil die Normen eher ihren BedĂŒrfnissen entsprechen.

Phase 3: Isolation, Selbstzufriedenheit und Zynismus

Der Andersgeborene findet sich in einer Gruppe wieder, deren Normen sich von den Normen der Ursprungsgruppe unterscheiden, merkt aber mit der Zeit, dass er auch hier einem Perfektionszwang ausgesetzt ist und fĂ€ngt an, sich von der Gruppe zu distanzieren. Nachdem er diese 2. Phase möglicherweise noch einige Male wiederholt hat („Vielleicht war es nicht die richtige Gruppe, Religion, 
“) kommt er zu der Erkenntnis, dass es doch hauptsĂ€chlich darauf ankĂ€me, mit sich selbst zufrieden zu sein. Er distanziert sich von allen Gruppen, die ihm Verhaltensnormen vorschreiben wollen, entwickelt dabei hĂ€ufig eine gewisse Selbstzufriedenheit, ein GefĂŒhl der Überlegenheit aufgrund seiner subjektiven UnabhĂ€ngigkeit und damit einhergehend auch einen gewissen Zynismus – und versucht sich das damit einhergehende GefĂŒhl der Einsamkeit rationell auszureden oder sich zu zerstreuen, um es nicht fĂŒhlen zu mĂŒssen.

Ich schĂ€tze, den Großteil der letzten Jahre habe ich in dieser Phase verbracht. Je nach Stimmung in einer unregelmĂ€ĂŸigen Abfolge von gefĂŒhlter Überlegenheit bis Überheblichkeit, immer wieder unterbrochen vom GefĂŒhl des Abgeschnitten-Seins und totaler Isolation. Wem in seinem Zynismus nichts gefĂ€hrlich werden kann,  der wird auch von Liebe nur am Rande berĂŒhrt. Mir ist bewusst, dass es nicht sonderlich gute Werbung fĂŒr meine Person sein mag, dies öffentlich einzurĂ€umen, und das es möglicherweise taktisch klĂŒger wĂ€re, dies nicht zu tun. Nur: ich bin damit gefĂŒhlt kein Einzelfall sondern eher eine (heimliche) Norm, und solange Menschen nicht ehrlich darĂŒber sprechen können, wie sie sich selbst wahrnehmen, werden wir nicht wirklich an ein wahres Miteinander gelangen.

Phase 4: Selbstakzeptanz und Fremdakzeptanz

Der Andersgeborene hört schrittweise auf, sein Anderssein als etwas zu betrachten, das er entweder verstecken oder verteidigen muss, oder das ihn in bestimmte vordefinierte Gruppen einordnet. Er beginnt zu unterscheiden zwischen seiner allgemeingĂŒltigen Wertigkeit als Mensch mit bestimmten Eigenschaften und FĂ€higkeiten und der situationsbedingten NĂŒtzlichkeit seines Seins in bestimmten Situationen. Er beginnt zunehmend damit, herauszufinden, wie sich seine ganz speziellen VorzĂŒge auch fĂŒr andere gewinnbringend einsetzen lassen. Gleichzeitig wird er sich fragen, welche Art von UnterstĂŒtzung er braucht, um seine SchwĂ€chen als Kehrseite seiner SchwĂ€chen ausgleichen zu können. Je mehr er sich mit anderen Menschen umgibt, die sowohl sich selbst als auch andere Menschen realistisch einzuschĂ€tzen gelernt haben, desto mehr kann er sich auf ein UnterstĂŒtzungsnetzwerk verlassen, das es ihm erlaubt, selbst die Grundfesten gesellschaftlicher Normen (z.B. “man muss Geld verdienen, um ‘objektiv’ wertvoll zu sein”) zu ĂŒberwinden.

Vor etwas ĂŒber einem Jahr habe ich eine „gute Hexe“ kennen und lieben gelernt, die wohl die grĂ¶ĂŸte mir bekannte ZauberkĂŒnstlerin auf dem Gebiet der bedingungslosen Liebe ist und mir mit viel Geduld und Liebe auch zu so etwas wie einer von ihr unabhĂ€ngigen Selbstakzeptanz verholfen hat. Seitdem gelingt es mir immer öfter, zwischen situativen StĂ€rken und SchwĂ€chen und meinem Wert als Mensch zu unterscheiden, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dadurch auch mit grĂ¶ĂŸerer innerer Ruhe zu meinem Sein mit all seinen Facetten stehen kann. Bisher konnte ich dies nur anderen zugestehen, mittlerweile klappt das auch im Großen und Ganzen ganz gut mir selbst gegenĂŒber.

Phase 5: ?

Ich weiß nicht, ob es noch weitere Phasen gibt, doch mit meinen 27 Jahren halte ich es fĂŒr vermessen, anzunehmen, bereits den ganzen Prozess durchschaut zu haben. Ebenso stellt jede Reihung von BewĂ€ltigungsstrategien natĂŒrlich eine implizite Wertung dar, und es mag sein, dass ich in 20 Jahren diese Reihung anders vornehmen wĂŒrde. In dem Sinne stellt die obige Zusammenstellung nichts Anderes dar als einen Prototyp, der anderen Andersgeborenen, die sich auf dem Weg befinden, helfen soll, ihren Platz in der Welt zu finden – vor allem aber dabei zu realisieren, dass sie nicht alleine auf ihrem oft verzweifelten Weg sind. Da im Alltag kaum jemand offen ĂŒber diese Prozesse spricht, passiert es rasch, sich als tragischen Einzelfall, vielleicht gar als „VerrĂŒckten“ wahrzunehmen, der seine „Schrullen“ besser wieder unterdrĂŒcken sollte. Aber im Grunde sind wir alle auf dem Weg, und die “VerrĂŒckten” vielleicht auch nur den einen kleinen Schritt weiter, der uns noch zu verstehen verwehrt ist.

Ich hatte in der Vergangenheit stets das GlĂŒck, in wichtigen Momenten Wegbegleiter um mich zu haben, die es mir in GesprĂ€chen, als Buch und in den meisten FĂ€llen einfach durch die Art, ihr Leben zu leben, erlaubt haben, mein Anderssein mit den Jahren nicht nur als Besonderheit, sondern auch als enormen Wert zu erfahren. So habe ich lange nicht verstanden, warum viele meiner Mitmenschen manche fĂŒr mich so offensichtliche Situationen so völlig anders einschĂ€tzten als ich, oder warum ich in seltenen Momenten in einen Zustand völliger Einsamkeit und Isolation von der Welt fallen kann. Heute bin ich mir relativ sicher, dass es neben den gesellschaftlich anerkannten fĂŒnf Sinnen noch mindestens einen weiteren gibt, nĂ€mlich den emotionalen SpĂŒrsinn – der es mir einerseits ermöglicht, feinste Stimmungsnuancen im Raum wahrzunehmen, andererseits aber auch â€žĂŒberladen“ kann, was zu genannten Isolationserfahrungen fĂŒhrt. Dadurch, dass dieser Sinn kaum anerkannt ist und darĂŒber nicht gesprochen wird, ist er auch bei vielen Menschen wohl nicht so trainiert wie etwa der Sehsinn und wird daher nicht als solcher erkannt oder mit intuitiver Körpersprachewahrnehmung erklĂ€rt (ĂŒber Jahre dachte ich, ich sei einfach gut im Lesen von Körpersprache oder Mimik, bis ich feststellte, dass ich Stimmungen auch ohne Menschen zu sehen fĂŒhlen kann, in extremen FĂ€llen sogar ĂŒber mehrere Hundert Kilometer Distanz). GrundsĂ€tzlich kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass die Anlage dazu bei den meisten oder sogar allen Menschen vorhanden ist.

Eine dieser Wegbegleiterinnen, die ich ausnahmsweise an dieser Stelle auch persönlich erwĂ€hnen möchte, ist meine Stiefmutter, der ich es wohl zu verdanken habe, meiner Intuition mittlerweile mehr zu vertrauen als gesellschaftlichen Normen darĂŒber, was existieren kann und was nicht. Über viele Jahre war sie (nach einer sehr hitzigen Ablehnungsphase meiner Familie ihr gegenĂŒber) stets in ihrer sehr tiefsinnigen Art zur Stelle, wenn meine bisheriger rationaler Verstand aus Überforderung Erfahrungen als Einbildung brandmarken wollte. Es gab noch viele andere, die mich ĂŒber die Jahre unterstĂŒtzt haben, aber sie war in gewisser Weise das Epizentrum der Selbstakzeptanz fĂŒr mich.

Alleine aus meiner Familiengeschichte heraus sehe ich jedoch auch, dass Menschen wie sie es sehr schwer haben, auch gesamtgesellschaftlich anerkannt zu werden. Sie werden kaum je Unmengen an Geld verdienen, obwohl ihre Dienste wertvoller anzusehen sind als pures Gold, weil es ihnen schwerfĂ€llt, formalisierte und damit oft ein StĂŒck weit „abgetötete“ Ausbildungen durchzustehen. Es sind Menschen, die auf sich allein gestellt in einer formalen und gewinnorientierten Welt rasch als Versager scheinen und doch – mit der richtigen UnterstĂŒtzung – zu den großen Weisen und FĂŒhrern einer nach Menschen wie ihnen darbenden Welt werden wĂŒrden. Wie diese UnterstĂŒtzungssysteme aussehen könnten oder werden, weiß ich (noch) nicht, aber ich glaube, es wĂ€re gut, sie zu haben, weil uns als Gesellschaft sonst viel Wertvolles unnötig verloren geht.

Ich habe mich lang als Andersgeborener gefĂŒhlt, als Nirgendwohin-Passer, aber mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es oft nur meine eigenen Ängste waren, die mich von der Liebe und Akzeptanz anderer ferngehalten haben, die mir geraten haben, meine Stimme nicht zu erheben, wo doch offene Ohren auf ein gut gewĂ€hltes Wort hofften.

Vielleicht kommt nach der Phase der Selbstakzeptanz auch jene der Dankbarkeit. NĂ€mlich jener, genau dort hineingeboren zu werden, wo das eigene Leben seinen Anfang und seinen Weg nahm, der mich zu dem Tisch fĂŒhrte, an dem ich heute sitze und diese Zeilen schreibe. Und wenn ich dann meine Lebensgeschichte mit jener anderer Menschen vergleiche, jener, die „richtig abgeliefert“ wurden, kann ich es nur als einen GlĂŒcksfall erkennen, ein Andersgeborener zu sein. Denn so schwierig es war, ist und wohl weiter sein wird, so immens reich macht es mich auch.

Niklas

P.S.: An dieser Stelle noch ein Lob einem ganz besonderen Andersgeborenen, der in den letzten Wochen leider von dieser Welt gegangen ist und dem ich sehr viel verdanke. Er ist wohl einer der wenigen Menschen, die ich kenne, dem ich es glaube, wenn mir erzĂ€hlt wird, er sei in Frieden gegangen. Danke, Romeo – ich werde deine Fackel weitertragen.

Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzĂ€hlen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmĂ€ĂŸig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mĂ€ĂŸiger wurde.  Die Wiederholungen hĂ€uften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile fĂŒr jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie fĂŒr sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie wĂŒrde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen mĂŒssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem GesprÀch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden KrÀften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne fĂŒr ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre GefĂŒhle könnten verletzt werden, wenn man ihr das GefĂŒhl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschĂ€tzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts fĂŒr sie tun konnten.

Am nĂ€chsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon lĂ€nger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk fĂŒr sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverĂ€ndert zu sein. Und doch fĂŒhlte es sich anders an – genauer gesagt fĂŒhlte es sich nicht an. Sie war taub gegenĂŒber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fĂŒhlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fĂŒhlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amĂŒsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen ĂŒber die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein StĂŒck ertrĂ€glicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich fĂŒr Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlĂ€ssigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen fĂŒr das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein StĂŒck Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genĂŒge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dĂŒrfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so ĂŒblich war – am Ende nicht gewagt.

Die folgenden vier Schritte sind nicht als mechanische Struktur zu sehen, die abzuarbeiten ist, sondern vielmehr als Leitfaden, welche Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation sich fĂŒr mich als hilfreich herausgestellt haben. In manchen GesprĂ€chen mag sich die Reihenfolge umkehren, oder einzelne Schritte stellen sich als unnötig heraus. Nichtsdestotrotz stellt die Reihenfolge einen gewissen aufeinander aufbauenden Ablauf dar, der sinnvoll sein kann. Sinn und Zweck dieses Artikels soll es nicht sein, eine erschöpfende Handlungsanweisung fĂŒr problemlösende Kommunikation zu liefern – dazu gehört mehr, als einen Artikel zu lesen: Achtsamkeit, Übung, Erfahrung, und das Finden der eigenen passenden Worte. Vielleicht kann dieser Artikel jedoch als Startpunkt einer Reise fungieren, indem er auf interessante Orte auf dem Weg hinweist, die es sich zu betrachten lohnt.

  1. Eigene mentale/emotionale Offenheit bewerten

Der erste, sehr wichtige Schritt fĂŒr eine heilende Kommunikation, die eine gewisse Tiefe erreichen kann, ist sich die Frage zu stellen, ob ich mich gerade ĂŒberhaupt bereit dazu fĂŒhle. Wenn ich mit meinem GesprĂ€chspartner in meine oder seine Tiefen eintauche, brauche ich in mir Platz fĂŒr das, was wir gemeinsam dort finden könnten. Dies ist schwer möglich, wenn ich weiß, dass ich in drei Minuten meinen Bus erwischen muss, oder mit meinen eigenen Gedanken so beschĂ€ftigt bin, dass in mir kein Platz fĂŒr Unvorhergesehenes mehr ist. Was in solchen Situationen ĂŒblicherweise passiert, ist ein stillschweigendes Ignorieren des Anliegens des Anderen, um sich auf die eigene Sache konzentrieren zu können. Oder jemand scheint auf den Anderen einzugehen, ist im Kopf jedoch schon bei dem Bus, den er erreichen soll, und Ă€rgert sich, dass der andere das nicht verstehen will (ĂŒblicherweise ohne ihn darauf hinzuweisen).

Was sich in solchen Situationen als fĂŒr mich hilfreich herausgestellt hat, ist mir fĂŒr einen kurzen Moment klar zu werden, ob ich gerade genug Aufmerksamkeit fĂŒr ein tiefes GesprĂ€ch habe oder nicht. Ist dies der Fall, kann ich mich darauf einlassen und alles andere hintanstellen. Bin ich in Wahrheit zu sehr in meiner eigenen Welt, um in mir Platz fĂŒr Tiefe zu finden, kann ich das offen sagen. Wenn ich merke, dass mein GesprĂ€chspartner ein großes BedĂŒrfnis nach meiner Aufmerksamkeit hat, kann ich vorschlagen, eine Zeit zu finden, zu der ich mich voll seinem Anliegen widmen kann. Damit kann er sich in seinem BedĂŒrfnis nach Kommunikation gehört fĂŒhlen und sich sicher sein, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit tatsĂ€chlich schenken will. NatĂŒrlich ist es dann auch wichtig, mich an diese „Verabredung“ zu halten, damit mein GesprĂ€chspartner nicht das GefĂŒhl bekommt, ich wolle ihn nur abwimmeln.

Nun kann es vorkommen, dass ich tatsĂ€chlich keine Lust habe, mich mit manchen Menschen zu unterhalten, sie also tatsĂ€chlich „abwimmeln“ möchte. Das passiert mir hĂ€ufig mit jenen (meist jungen) Menschen, die mich auf der Straße ansprechen, um mir Spenden-Abos diverser wohltĂ€tiger Vereine „verkaufen“ wollen. Viele Menschen greifen in solchen Situationen gerne zu kleinen „NotlĂŒgen“ wie „Ich bin bereits Spender“ oder „Ich muss in 2 Minuten meinen Zug erwischen und habe leider keine Zeit“, weil jene „VerkĂ€ufer“ von Spendenangeboten geĂŒbt darin sind, den anderen dazu zu bringen, sich schuldig zu fĂŒhlen, weil man nicht bereit ist, 10 Euro pro Monat fĂŒr arme Kinder/den Regenwald/
 zu spenden. Im Grunde sind die Zusammentreffen mit jenen Menschen wunderbare Möglichkeiten, den ersten Schritt zu ĂŒben. Die meisten von uns sind es gewohnt, „gut“ sein zu wollen, selbst wenn es ĂŒber unsere KapazitĂ€ten geht, und sowohl Spenden-VerkĂ€ufer wie auch Freunde/Bekannte/Fremde in Not spielen ĂŒblicherweise auf dieser Klaviatur.

Das Problem dabei ist, dass es fĂŒr den Spenden-VerkĂ€ufer und seine Organisation zwar kurzfristig gut ist, wenn er mich dazu bringt, monatlich 10 Euro zu spenden, nur wenn ich dabei ĂŒber meine KapazitĂ€ten gehe (finanziell, mental oder emotional im GesprĂ€ch selbst) werde ich es spĂ€ter eher bereuen und in Zukunft weniger gewillt sein, mich auf Ă€hnliche GesprĂ€che einzulassen. Menschen tendieren dann dazu, die Schuld fĂŒr die eigene Überforderung demjenigen zuzuschieben, der sie ausgelöst hat, obwohl die Ursache in ihnen selbst und ihrem Verhalten liegt. Ich kann einem ĂŒberfallsartigem Erscheinen eines SpendenverkĂ€ufers auch begegnen, indem ich ihm von Anfang an klar erklĂ€re, dass nichts, was er sagt, mich dazu bringen wird, ihm hier und jetzt ein Spenden-Abo abzukaufen, aber ich mir gerne 15 Minuten Zeit nehme, mit ihm ĂŒber die Organisation zu sprechen. Üblicherweise trennt dies als angenehmer Nebeneffekt auch jene, die wirklich hinter ihrer Organisation stehen von jenen, die diese Arbeit fĂŒr die Provision machen.

  1. Emotionale Resonanz herstellen

Ist eine gewisse Offenheit fĂŒr Tiefe vorhanden, kann es möglich sein, in emotionale Resonanz zu gehen: ich fĂŒhle, was der andere fĂŒhlt, und er fĂŒhlt, was ich fĂŒhle, sehr direkt und unmittelbar. Ich muss dazu nicht wissen, was seine konkreten GrĂŒnde und Erfahrungen sind, diese Art der Kommunikation verlĂ€uft auf rein emotionaler Ebene. Über die konkrete Situation zu sprechen kann allerdings helfen, dem GesprĂ€chspartner ein exakteres Bild von den davon ausgelösten Emotionen zu schaffen. Ist diese emotionale Resonanz erreicht, sind oft nicht viele Worte notwendig, um ein tiefes GefĂŒhl von BerĂŒhrt-Sein auszulösen. Es ist der Zustand der Ergriffenheit, der auch manchmal entsteht, wenn man besondere Lieder hört, Texte liest, Bilder oder Filme ansieht.

Es fĂŒhlt sich an, als finde man sich im GegenĂŒber wieder, und der GesprĂ€chspartner fĂŒhlt sich wirklich verstanden, unabhĂ€ngig davon, ob man die konkrete Situation ĂŒberhaupt verstanden hat. Es geht in der emotionalen Resonanz ĂŒberhaupt nicht darum, ob ein GefĂŒhl in UmstĂ€nden begrĂŒndet oder der Zusammenhang zwischen Situation und Emotion nachvollziehbar ist, sondern rein um das wertfreie Nachvollziehen der GefĂŒhle des Anderen und deren IntensitĂ€t. Diese „Technik“, die offenbar vor allem Frauen intuitiv anwenden, kann oft schon ausreichen, um sich besser, verstandener zu fĂŒhlen.

Emotionale Resonanz alleine kann jedoch auch zu einer Art „Falle“ werden. Sie erhöht die KapazitĂ€t des GesprĂ€chspartners, mit einer Situation umzugehen, verringert damit aber auch die Chance, dass dieser aktiv wird, um etwas an den auslösenden Strukturen zu verĂ€ndern. Hier kommt Schritt 3 ins Spiel.

  1. Konkrete Situation nachvollziehen

Wir haben es nun geschafft, emotionale Resonanz herzustellen und die Tragweite der GefĂŒhle unseres GesprĂ€chspartners zu erahnen. Über die auslösenden UmstĂ€nde wissen wir bisher jedoch nur sehr wenig: VerstĂ€ndnisfragen können uns helfen, uns auch konkret in die Situation des GegenĂŒbers hineinzudenken. In der vertrauensvollen AtmosphĂ€re, die Schritt 2 uns ermöglich hat, können wir nun auch „schwierige“ Fragen stellen, wenn wir es schaffen, sie nicht als versteckte Bewertung sondern als tatsĂ€chliche Neugier zu vermitteln. Diese „schwierigen“ Fragen alleine können eine als unlösbares Problem wahrgenommene Situation hinterfragen, ins Wanken bringen. Das Schönste, was mir mit einem scheinbar unlösbaren Problem passieren kann, ist wenn ich feststelle, dass Teile der Fakten, die das Problem darstellen, vielleicht in Wahrheit nur Annahmen sind.

Neugier braucht jedoch Zeit und inneren Raum, Antworten aufnehmen zu können. Auch fĂŒr diesen Schritt ist es wichtig, in Schritt 1 gut auf sich geachtet zu haben. Unter (Zeit-)Druck steigt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass die Neugier, mit der Fragen gestellt werden, in vorgefasste Bewertungen umschlĂ€gt. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich meinen GesprĂ€chspartner frage, was ein anderer Mensch in einer Situation wohl alles mit seiner Aussage gemeint haben könnte oder ob ich ihm sage, ich glaube, er hat X gemeint.

Wichtig zu beachten ist bei diesem Schritt auch, dass meine Kommunikation rein auf neugierigen Fragen basiert und ich (noch) keinen Rat gebe. Durch die Enttarnung mancher problematischen „Fakten“ als bloße Annahmen gebe ich meinem GesprĂ€chspartner bereits die Chance, auch ohne meine Hilfe zu eigenen Lösungen zu gelangen.

  1. Rat anbieten

Nun haben wir emotionale Resonanz hergestellt und sind durch neugieriges Nachfragen gemeinsam zu einem ungefĂ€hren Bild der konkreten Situation gelangt. Durch die Enttarnung mancher „Fakten“ als Annahmen ist möglicherweise eine noch komplexere Situation entstanden, die zwar kein unlösbares Problem mehr darstellt, aber immer noch eine Überforderung. Ich kann nun anbieten, einen Rat zu geben, wenn mein GesprĂ€chspartner dies möchte (wenn die Schritte 1-3 gut gelaufen sind, wird er an dieser Stelle oftmals sogar selbst darum bitten). Wichtig dabei erscheint es mir, den Rat auf eine Weise zu geben, der ihn als Option erscheinen lĂ€sst, nicht als einzig möglichen Weg. Ob mein GesprĂ€chspartner den Rat annehmen möchte (oder ĂŒberhaupt einen hören will) bleibt ihm ĂŒberlassen. Es handelt sich um ein Geschenk, aus freien StĂŒcken gegeben, aus freien StĂŒcken ablehnbar. Die Verantwortung (und damit die Entscheidung) ĂŒber den tatsĂ€chlich zu wĂ€hlenden Weg bleibt bei dem, der auch tatsĂ€chlich handeln muss.

Das Problem mit „guten RatschlĂ€gen“ (MĂ€nner sind hier besonders gefĂ€hrdet) ist, dass sie oft angeboten werden, ohne vorher in emotionaler Resonanz gewesen zu sein und ĂŒberhaupt das konkrete Problem verstanden zu haben. Der Rat ist damit zwar oft gut gemeint, aber leider dann unpassend fĂŒr die tatsĂ€chliche Situation und tatsĂ€chliche Betroffenheit des GesprĂ€chspartners.

Selbstverantwortung nachhaltig fördern

Wer die obigen Zeilen aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass alle vier Schritte stark auf dem Prinzip aufbauen, die Selbstverantwortung beider GesprĂ€chspartner zu fördern, anstatt gegenseitige AbhĂ€ngigkeiten aufzubauen. Das mag dem eigenen Ego nicht unbedingt schmeicheln, das gerne gute RatschlĂ€ge geben und sich dafĂŒr geachtet fĂŒhlen möchte. Aber ich glaube, dass sowohl der Hilfesuchende als auch der Hilfegebende auf Dauer glĂŒcklicher ist, wenn beide sich bei Bedarf freiwillig auf problemlösende Kommunikation einlassen können anstatt in einer AbhĂ€ngigkeitsbeziehung zueinander zu stehen, die beide Seiten in ihrer Autonomie einschrĂ€nkt.

Was ich hier beschrieben habe, basiert hauptsĂ€chlich auf meinen Erfahrungen mit Erwachsenen, lĂ€sst sich aber zum grĂ¶ĂŸten Teil auch mit Jugendlichen und Kindern anwenden. Alleine wenn Erwachsene lernen, gegenĂŒber Kindern den ersten Schritt mehr zu beachten, ist schon viel erreicht.

Niklas

P.S.: Vor allem an meine Viel-Leser: ich habe möglicherweise in den nĂ€chsten Tagen und Wochen die Möglichkeit, fĂŒr ein Magazin fĂŒr Lehrer Artikel zu verfassen, und habe mich gefragt, welche Themen sich wohl dafĂŒr am besten eignen bzw. möglichst viele (Regelschul-)Lehrer interessieren könnten. Falls jemand einen Tipp dazu hat, bin ich fĂŒr jeden Ratschlag dankbar. Danke!

In meinen ersten beiden Artikeln ĂŒber Klarheit, Klarheit und AutoritĂ€t bzw. Klarheit und Risiko, ging es um die Kommunikation mit anderen Menschen. Die Serie ĂŒber Klarheit wĂŒrde allerdings nicht vollstĂ€ndig sein ohne einen Artikel ĂŒber die Kommunikation mit unserem hĂ€ufigsten GesprĂ€chspartner: uns selbst.

Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich alles klar und die möglichen Wege vorgezeichnet erscheinen. Die KomplexitĂ€t, die Wirren der Lebendigkeit treten in den Hintergrund, und was wir sehen können, sind sehr simple Entscheidungen oder Möglichkeiten. Das tatsĂ€chliche GefĂŒhl dazu lĂ€sst sich – finde ich – schwer beschreiben, weswegen ich versuchen werde, Beispiele anzufĂŒhren:

Nach beinahe zwei Jahren, die ich mit einer Ex-Freundin zusammen war, dafĂŒr gekĂ€mpft habe, es irgendwie zu schaffen, mich mit SchuldgefĂŒhlen herumgeschlagen habe, war plötzlich klar, dass ein Ende ĂŒberfĂ€llig war. In jenem Moment der Klarheit legte sich der Sturm der GefĂŒhle, der mich in Geiselhaft gehalten und mit den Atem geraubt hatte, und vor mir tauchte ein gangbarer Weg aus den Fluten des Sollens und MĂŒssens.

Nach einigen Wochen fiebrigen Arbeitens, um unter widrigsten Bedingungen gute Arbeit zu leisten, plötzlich die Erkenntnis, dass es nicht an meiner Person lag, dass mein Ziel hier nicht zu erreichen war, sondern an den Strukturen, in denen ich mich bewegte. Und dass es sinnlos war, hier weiter Energie zu opfern, wenn sich die Strukturen nicht Ă€ndern wĂŒrden. Der gangbare Weg war also, konstruktive StrukturĂ€nderungen vorzuschlagen und bei Ablehnung die Konsequenzen zu ziehen.

Kein Weg zurĂŒck

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein Moment der Klarheit nicht mehr zurĂŒcknehmen lĂ€sst, selbst wenn ich es mir wĂŒnschen wĂŒrde. Manchmal werde ich es wider besseren Wissens trotzdem versuchen, aber im Grunde impliziert Klarheit meist bereits eine Entscheidung. Im zweiten Beispiel war es fĂŒr mich von außen betrachtet nicht unbedingt von Vorteil, zu kĂŒndigen. Aber sobald mir klar geworden war, dass die Entscheidung auf einer möglichen Änderung der Strukturen basieren wĂŒrde mĂŒssen, verstummten die anderen Stimmen, die fĂŒr die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Bequemlichkeit zustĂ€ndig waren. Ich habe von außen betrachtet mit dieser KĂŒndigung ziemlich draufgezahlt, sogar einen Teil meines schon ausbezahlten Gehalts zurĂŒckzahlen mĂŒssen. Aber wer wirkliche Klarheit erlebt, kann sie nicht mehr zurĂŒcknehmen, auch wenn es Angst macht.

Nun, einige Wochen spĂ€ter, habe ich eine neue Stelle in Aussicht, die meinen BedĂŒrfnissen wohl besser entsprechen wird. Kurzfristig hat mir die Erfahrung der Klarheit eher Nachteile gebracht, mittel- bis langfristig bringt sie mich bisher auf meinem Lebensweg voran. Ich bin froh, die kurz- und langfristigen Auswirkungen dieser inneren Klarheit schon mehrere Male durchgemacht zu haben. So kann ich guten Gewissens hoffen, das Richtige zu tun, wenn ich ihr folge.

Ins Ungewisse

Innere Klarheit bedeutet keineswegs immer, dass ich genau weiß, was mich erwarten wird. TatsĂ€chlich bringt sie mich in vielen FĂ€llen eher in eine große Ungewissheit und angstvolle Situation, die nicht nur mich, sondern auch Menschen, die mir etwas bedeuten, mitbetreffen kann. Vermutlich ist die Angst vor den Auswirkungen auf andere Menschen eine noch grĂ¶ĂŸere Hemmschwelle, zu wirklicher Klarheit zu gelangen als die Angst vor den Auswirkungen auf einen selbst. Ein Familienvater, der in sich entdeckt, dass er sich zu einer anderen Frau hingezogen fĂŒhlt, fĂŒhlt sich nicht nur fĂŒr sich selbst, sondern auch fĂŒr seine Frau und seine Kinder verantwortlich. Da lebt es sich leichter mit einem diffusen GefĂŒhl von „irgendetwas ist da“ als der klaren Erkenntnis von „Ich will mich dieser Frau nĂ€hern“. Ersteres lĂ€sst sich unterdrĂŒcken, verstecken, leugnen. Zweiteres wird zur drĂ€ngenden Frage, die eine Antwort sucht.

Das Interessante daran ist, dass ich wiederholt festgestellt habe, dass diese drĂ€ngenden Fragen (in welcher Hinsicht auch immer) ab einer gewissen Klarheits-„Stufe“ auch von anderen als Verunsicherung gefĂŒhlt werden können. Der Familienvater, der niemanden beunruhigen möchte, beunruhigt dann genau weil er sich nicht klar wird, was er da tatsĂ€chlich fĂŒhlt, seine Familie, die spĂŒrt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist und ihn beschĂ€ftigt. Vielleicht wird ihn seine Frau oder sein Sohn sogar darauf ansprechen, doch da er sich selbst nicht im Klaren darĂŒber ist, wird er sie nicht mit etwas belasten wollen, was vielleicht gar nichts ist. Nur: ob da etwas ist und welche Konsequenzen dieses „etwas“ haben kann, ist nur ĂŒber Klarheit herauszufinden. Das beĂ€ngstigendste fĂŒr Menschen ist meist ist das Ungewisse.

Wird sich der Mann klar darĂŒber, dass er tatsĂ€chlich mit jener Frau schlafen möchte, kann er vielleicht gemeinsam mit seiner Frau ĂŒberlegen, wie dieses BedĂŒrfnis so zu erfĂŒllen ist, dass sich niemand allzu verletzt fĂŒhlen muss. Vielleicht erzĂ€hlt sie ihm in jenem GesprĂ€ch sogar, dass sie seit ein paar Monaten eine AffĂ€re hat, aber sich bisher noch nicht getraut hat, es anzusprechen. Vielleicht erkennen sie plötzlich beide, dass sie sich seit Jahren auseinandergelebt haben, und nichts mehr fĂŒreinander empfinden, aber nicht den Mut gehabt haben, sich dies einzugestehen. Vielleicht erkennen sie auch, dass sie sehr wohl etwas fĂŒreinander empfinden, aber vom Alltag zu ĂŒberwĂ€ltigt waren, dies auch auszudrĂŒcken – nun wollen sie ein bisschen weniger arbeiten, um mehr Zeit fĂŒr sich zu haben.

Klarheit eröffnet ungeahnte Möglichkeiten

In unseren Zeiten ist es ja sehr modern, gerne alles positiv formulieren zu wollen, und negative Formulierungen zu vermeiden. Klarheit kĂŒmmert sich nicht wirklich um jene Mode, sie funktioniert in beide Richtungen. Ich kann mir klar werden, was ich wirklich will (positive Formulierung), aber genauso gut auch klar werden, was ich nicht will (negative Formulierung).

Ein PhĂ€nomen, das mir schon öfter aufgefallen ist, ist jene, dass Menschen sich scheuen, zu Klarheit zu gelangen, weil sie das GefĂŒhl haben, dass ein konsequentes Handeln anhand jener Klarheit unmöglich ist. Jene die Klarheit verhindernde Gedanken fangen gerne an mit „Ich kann doch nicht einfach
“ oder Ă€hnlichen Satzkonstruktionen. Klarheit zeigt gangbare Wege auf, und wer sich vor den Wegen fĂŒrchtet, wird ein Interesse daran haben, Klarheit zu vermeiden. Wenn ich mich entscheiden kann, in einer fĂŒr mich bequemen Situation zu bleiben, oder in einem Moment der Klarheit zu dem Schluss komme, diese bequeme Situation zu verlassen um ins Ungewisse aufzubrechen, werden sich die meisten Menschen fĂŒr die Bequemlichkeit entscheiden, solange der Leidensdruck noch gut auszuhalten ist. Die Lösungen, zu denen Klarheit uns hinfĂŒhren kann, sind in dem Moment, in dem wir den ersten Schritt setzen, oft noch un-denkbar und damit zu fantastisch, um RealitĂ€t werden zu können. Und doch zeigt mir die Erfahrung, dass ich im Nachhinein jene Zeit, in der ich mich innerlich gegen eine klare Entscheidung gewehrt habe, meist als verlorene Zeit betrachtet habe und es schade fand, nicht frĂŒher den Mut gehabt zu haben, meiner Intuition zu folgen.

Klarheit und die anderen

Klarheit zuzulassen und ihrem Ruf zu folgen bedeutet fĂŒr mich nicht, ohne RĂŒcksicht auf andere fĂŒr die ErfĂŒllung meiner BedĂŒrfnisse zu sorgen. Wenn ich in einer Beziehung klar erkenne, dass ich Lust fĂŒr eine andere Frau verspĂŒre, bedeutet das fĂŒr mich nicht, dass ich dieser Lust ohne RĂŒcksicht auf die GefĂŒhle meiner Partnerin nachgehen muss. Aber sobald mir klar wird, was ich will, kann ich dieses BedĂŒrfnis auch viel klarer mit ihr kommunizieren und muss nicht mehr hoffen, dass sie a) errĂ€t, was ich möchte, ohne dass ich es aussprechen muss oder b) zustimmt, ohne zu wissen, was ich eigentlich meine, weil ich der Meinung bin, sie könnte das nie wirklich gut heißen. Ich kann ausgehend von meiner inneren Klarheit kommunizieren, was ich will, und was mir dabei auch in Bezug auf meine Partnerin wichtig ist (z.B. dass sie weiß, dass die Lust fĂŒr jene andere Frau keine Auswirkung auf meine Lust und Liebe fĂŒr sie haben muss, oder dass mir ganz allgemein wichtig ist, mir ihr auch ĂŒber solche Themen reden zu können).

In meiner Erfahrung ist dort, wo ich fĂŒr mich selbst zu Klarheit gelangt bin und auch bereit bin, ausgehend von dieser Klarheit zu kommunizieren, sehr viel möglich, was ĂŒblicherweise fĂŒr absolut surreal gehalten wird, sei es in Beziehungen, im Familienleben oder auch im Berufsleben.

Klarheit und Überforderung

Es gibt Situationen, in denen meine innere Klarheit eine Überforderung darstellen kann – fĂŒr mich selbst und fĂŒr andere, wobei ersteres meiner Erfahrung nach seltener vorkommt. In bestimmten Situationen kann zweiteres jedoch durchaus auch „gefĂ€hrlich“ sein: wĂŒrde ich in einer Diktatur leben, zu einer klaren Erkenntnis gelangen und offen darĂŒber schreiben, kann mich das vielleicht den Kopf kosten. Bin ich als Frau bereit, mit meiner eigenen SexualitĂ€t offen umzugehen und sind viele meiner Familienmitglieder, Freunde und Bekannte damit sehr ĂŒberfordert, kann es zu Repressionen fĂŒhren. Erkenne ich als Mitarbeiter in einer Institution einen Missstand und spreche ihn klar und offen an, kann das zu meiner Entlassung fĂŒhren.

Dies ist keine Warnung vor der Klarheit, die ich fĂŒr sehr wertvoll halte, sondern eine Warnung vor einer Gesellschaft, die noch einen langen Weg zurĂŒckzulegen hat, bis sie den Wert der Klarheit erkennen wird. Wir leben (auch wenn einige Gegenteiliges behaupten) in einem Land, in dem ich öffentlich schreiben kann, was ich fĂŒr richtig halte. Ich hoffe, dass sie Frau, die ihrer inneren Klarheit folgend, die BedĂŒrfnisse ihrer eigene SexualitĂ€t anerkennen will, auf ihrer Reise auch Menschen kennenlernen wird, die sie in ihrer Klarheit unterstĂŒtzen. Dass der Mitarbeiter, der gekĂŒndigt wurde, weil er die Wahrheit klar und fĂŒr alle ersichtlich anspricht, beruflich weiterkommt. Wir sind als Gesellschaft (denke ich) noch nicht so weit, Klarheit, Ehrlichkeit und AuthentizitĂ€t ĂŒber oder zumindest gleichwertig zu Bequemlichkeit und Anpassung zu stellen.

Innere Klarheit braucht Mut, sich seinen Ängsten zu stellen und Verantwortung fĂŒr sein Leben zu ĂŒbernehmen. Sie ist unbequem, fĂŒr einen selbst und fĂŒr andere, die von Ängsten zu profitieren gelernt haben. Aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der innere Klarheit, Mut und Selbstverantwortung wertgeschĂ€tzt werden. Wir sind noch lange nicht soweit, dass dies flĂ€chendeckend der Fall ist. Aber jeder Weg beginnt bekanntlich mit einem ersten Schritt, und alle großen VerĂ€nderungen in der Geschichte sind ursprĂŒnglich mal von einer kleinen Gruppe inspirierter Menschen ausgegangen.

Niklas