„Betreten verboten“.
Etwas an jenem Ort ließ ihn innehalten. Da war… Kraft zu finden in den tosenden Wassermassen, die durch das Wasserkraftwerk strömten. Der innere Widerstand, der Drang zur Konformität mit Regelungen, war heute nur seltsam abgeschwächt in ihm zu vernehmen. Und so folgte er ihr. Über den unter dem Andrang der durch tagelangen Regen und der einsetzenden Schneeschmelze angeschwollenen Fluten leicht schwankende Übergang aus Beton. Auf jene kleine mit Felsen bestückte Insel. Inmitten alles mitreißender Wassermassen, im Auge jenes Sturms, ließen sie sich nieder.

Hier, eigentümlich entrückt jener Welt des Alltäglichen, schien das Unaussprechliche Form annehmen zu können: Er hatte damals einen ungerechten Frieden akzeptiert, um jenen zu schützen, den er sich bedingungslos zu lieben verpflichtet wähnte. Nicht weil er Angst vor seinem Gegenüber gehabt hatte. Sondern weil er Angst davor gehabt hatte, was er jenem antun mochte, würde er all die Wut und Empörung an die Oberfläche treten lassen. Warum unterdrückte er all dies seit Jahren, warum wendete er dermaßen viel Energie darauf auf, die Konfrontation zu verhindern, auch wenn es ihn offensichtlich körperlich wie seelisch schleichend vernichtete? Da war Raum in ihrem fragenden Blick, Raum für die ganze Wahrheit.
„Weil ich kein Mörder sein will“, gestand er ihr stockend, entsetzt über die Macht seiner inneren Bilder. „Und er womöglich die Wahrheit nicht ertragen kann.“

Plötzlich war ihm, als müsse er in den Fluss. Zum Fluss werden. Entledigte sich seiner Schuhe, trat einige Schritte hinaus in die Fluten.
„Schrei es heraus!“, versuchte sie ihm Mut zu schenken.
„Ich tu mir so schwer mit sowas!“, rief er verzagt zurück. Nahm einige Steine aus dem Flussbett, spielte mit ihnen herum. Bemerkte, wie sich seine Atmung mit dem Auf und Ab des Flusses einzustimmen begann. Das Wasser mochte eisig kalt sein, aber Äußeres wurde ihm zunehmend egal.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“ ertönte es hinter ihm. Sie war mit ihm. Schenkte ihm Kraft, Mut.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“, erklang es erneut hinter ihm. Er begann zu schwanken, tiefer in den Fluss zu stolpern. Die Jeans hatte er bis zu den Knien aufgerollt gehabt, um sich nicht zu erkälten. Aber alle weise Voraussicht begann zunehmend an Wichtigkeit zu verlieren, während Vergangenheit und Zukunft zusammenschrumpften, bis sie in einem einzigen Punkt, der Gegenwart, kulminierten. Nun stand er fast bis zur Hüfte in den tosenden Wassermassen. Bekam endlich einen größeren Stein zu fassen, berührte Grund, spürte Kraft in der resultierenden Gegenkraft.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Stein erreichte beinahe das andere Ufer. Sein Körper begann immer unkontrollierter zu zucken, als sich die so lange aufgestaute und nun aufgepeitschte Energie gegen die selbst auferlegten inneren Schranken warf. Würde sie ihn nicht für völlig verrückt halten? Doch sie lächelte ihn nur weiter aufmunternd an.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Und der schützende Damm brach endlich völlig durch.

Wie lange er in den Wassermassen herumgestolpert war, wusste er nachher nicht mehr. Für einige Momente schien der Impuls fast übermächtig zu werden, noch tiefer hinein zu waten, sich von der Strömung tragen, mitreißen zu lassen. Da war so viel Tod in jenem Ur-Schrei gewesen, so viel Ungeborenes, Ungelebtes, das der unheiligen Gewalt des vermeintlich Notwendigen geopfert worden war, eine unüberschaubare Kettenreaktion an Verstrickungen, über Generationen hinweg. Aber da war auch dieser Mensch am Ufer, der ihm ein „Bitte bleib“ vermittelte. In dem so etwas wie eine lange verloren geglaubte Heimat zu finden war. Da war eine Alternative über jenen plötzlich so willkommen scheinenden Tod hinaus. Durch den Schmerz hindurch.

Vor Kälte zitternd, am Ende seiner körperlichen und seelischen Kräfte, erreichte er das Ufer, wo sie ihn umarmte und ihm lächelnd seinen Sweater überreichte. Völlig durchnässt brachte sie ihn nach Hause. Ließ ihm ein heißes Bad ein. Brachte Tee, Kekse, Liebe dar.

An jenem denkwürdigen Nachmittag, inmitten der Fluten und getragen von ihrer Liebe, hatte er es endlich vollends spüren können: es war sein Geburtsrecht, das er damals geopfert hatte, um diejenigen, die er liebte, vor ihrem eigenen Schmerz zu schützen. Ein Geburtsrecht, dass auch jene sich selbst einst verboten haben mussten. Das ihnen Angst machte, weil mit seiner Macht auch die Übernahme echter Selbstverantwortung und damit ein Wegfallen der allzu bequemen Opferthese einhergehen musste. Hatte unter Aufbringung all seiner Kraft das Aufwallen jener mächtigen Lebenskräfte in Zaum gehalten. Sich eingereiht in die lange Reihe seiner Vorfahren, die ebenso jenem lebensverneinenden Muster gefolgt waren.

Jenem anderen Pfad zu folgen, das eigene Geburtsrecht eines kraftvollen eigenen Weges anzunehmen und zu verteidigen – allzu viele „Betreten verboten“-Hinweise schienen dem im Weg zu stehen. Doch wie stabil war jene Welt der Verbote wirklich, und vor allem: wie notwendig? Was würde geschehen, würde jemand den Mut aufbringen, dem eigenen Pfad zu folgen, auch auf das Risiko hin, auf Widerstand zu treffen? Auch in der Bereitschaft, auftretendem Widerstand bisweilen zu überwinden, zu kämpfen, anstatt von vornherein Konflikten aus dem Weg zu gehen? War es wirklich vorrangige Aufgabe, bequem zu sein?

„Betreten verboten“, war wohl auch einmal auf dem Schild zu lesen gewesen, das die Grenze des damaligen Kriegsschauplatzes kennzeichnete. Doch die Schrift war mittlerweile verwittert, die einst verbrannte Erde fühlbar schwanger mit neuem Leben, wenn es auch noch nicht durch die alte Staubschicht gebrochen, sichtbar geworden war. Seine Wasser, einmal entfesselt, würden auch diesem Ort einen Neubeginn schenken. Hier war vor vielen Jahren eine Wahrheit gestorben. Weil er und andere sich aus vermeintlicher Liebe geweigert hatten, das ganze Ausmaß ihrer Macht einzusetzen, sie zu verteidigen. Hier erneut Fuß zu fassen würde eine Konfrontation womöglich unvermeidlich machen. Aber dieses Mal hatte er die Lügen durchschaut, die die Opferung der Wahrheit nur vermeintlich rechtfertigten.

Er nahm etwas Erde, wie er einige Tage zuvor einige Steine aus dem Flussbett genommen hatte, und schrieb lächelnd auf das verwitternde Schild: „Willkommen“. Zeit, andere Wege zu beschreiten. Setzte sich an jenen ihm für so viele Jahre verbotenen Ort. Tauchte ein in die Macht der Erde unter ihm, des Himmels über ihm, der Sonne, der Sterne, des Windes, des Flusses, des Lebens, von dem er sich nun endlich, nach so vielen Jahren, wieder hemmungslos umspülen, tragen zu lassen vermochte. Etwas in ihm war entfesselt worden, ein lange verloren geglaubtes Geburtsrecht wieder errungen und eine Wahrheit offen ausgesprochen. Dieses Mal würde er wohl nicht mehr vor der ihm eigenen Macht zurückschrecken, sondern sich ihr öffnen, hingeben, anvertrauen.

An jenem so lange verbotenen Ort der Wahrheit, zuhause in seiner Kraft, ihrem endlich wieder ungestörten Fluss, erwartete er die Ankunft seines Vaters.

Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrückt: Sparsamkeit gebiert Großzügigkeit. Oder anders ausgedrückt: Es gibt keine Großzügigkeit ohne Selbstbeschränkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Ăśber die Jahre hat sich fĂĽr mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrĂĽckt wĂĽrde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ ĂĽbersetzen – mit einer Art 2. Platz fĂĽr das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ă–konomie der Liebe

Ă–konomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wächst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmäßig, manchmal unregelmäßig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufühlen. Hat er zu wenige „Vorräte“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlässig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusätzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl für den Eigengebrauch als auch für andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein groĂźer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein ähnliches Verhalten: „Freunde sind fĂĽreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrĂĽckt: wenn meine eigenen Vorräte an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lässt. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall fĂĽr groĂźe Enttäuschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der fĂĽr einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmäßig Liebe zukommen lässt, während vom anderen wenig bis nichts zurückkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten Fällen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er ähnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der SchlĂĽssel: Die Kontrolle ĂĽber die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlässiger Membran. Wir sind noch sehr abhängig von der Liebe unserer Eltern usw. Später, in der Pubertät, experimentieren wir unbewusst stärker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezüglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch für definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten Fällen schwanken die Versuche irgendwo zwischen größtmöglicher Freiheit und langfristiger Verlässlichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle über unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle ĂĽber die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ führt. Die Veränderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wäre dann die Fähigkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genügend dieser wertvollen Ressource von außen zurückkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfällig für „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem ähnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung führt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlässig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusätzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, während die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die Bedürftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der Durchlässigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darüber bzw. auch ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Fähigkeit.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurückzubekommen. Als wäre Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, für uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur Verfügung steht.

Genährt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu müssen, irgendeine Gegenleistung dafür einfordern zu müssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwähnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrückt: Selbstbeschränkung ermöglicht erst echte Großzügigkeit. Die Fähigkeit zur Eigenliebe auszubilden befähigt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil für die eigene Bedürftigkeit verlässlich gesorgt ist.

„Aber führt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen Gegenüber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und Unterstützung zu bitten. Aber sie führt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe Verständnis für die mögliche Beschränktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein ähnliches Recht der Hoheit über meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung fĂĽr eine langfristig und nachhaltig glĂĽckliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die Fähigkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

Vor einigen Monaten stieß ich zum ersten Mal über einen TEDxTalk auf einen Vortragenden namens Simon Sinek, der über ein sehr simples, aber doch geniales Konzept sprach. Mittlerweile finden sich im Internet zahlreiche Blog-Beiträge und Interpretationen darüber. Auch die bunterrichten-Plattform orientiert sich in ihrer Gestaltung an seinem „Goldenen Kreis“. Aber was meint er damit überhaupt? Und wie kann uns sein Goldener Kreis helfen, a) passendere Mitarbeiter für unser Team zu finden und b) mit den vorhandenen besser zusammenzuarbeiten?

Der „Goldene Kreis“

Die Idee ist einfach, aber sehr mächtig: Unsere Kommunikation lässt sich in drei Sinn-Stufen einteilen, und zwar danach, welche der drei Fragen Was, Wie oder Warum sie zu beantworten sucht.

Er beschreibt unsere Angewohnheit, in den meisten Fällen über das Was zu sprechen, bevor wir über das Wie (wenn überhaupt) endlich zum Warum kommen, und rät, die Reihenfolge umzudrehen: Zuerst das Warum zu klären, dann das Wie, dann erst das Was.

Vor allem relevant wird dieser Rat dort, wo das GegenĂĽber nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne zur VerfĂĽgung stellt, etwa wenn man jemanden neu kennenlernt, oder in der Werbung. Am Beispiel von dieser Web-Plattform:

Warum: Menschen helfen aufzublühen. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen ein Samenkorn steckt, das – wenn die Umgebung mitspielt – aufblühen und dieser Umwelt große Freude bereiten kann.
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass dies im Header bzw. in den ersten 2-3 Sätzen auf der Startseite zu finden ist – die Chance ist damit groĂź, dem Erstbesucher in den ersten 5-10 Sekunden auf diese Information hinzuweisen.

Wie: Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es eine der effektivsten Methoden, dieses Samenkern zum Aufblühen zu bringen, ist, dem Menschen zu vermitteln, als der gesehen zu werden, der er ist. Dazu braucht es etwas, das ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe. Nun ist es für die meisten Menschen schwierig, mit mehr als ein paar wenigen Menschen gleichzeitig in stimmigem Kontakt zu bleiben. Deshalb halte ich es auch für wichtig, sich in indirektem stimmigen Kontakt zu üben, bei dem anhand der Reaktionen derer, mit denen man in direktem stimmigen Kontakt ist, auf andere geschlossen werden kann.
Ich helfe Menschen, in stimmigem Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen, damit sie in  ihrem jeweiligen sozialen Umfeld im Sinne aller Entscheidungen treffen und Abläufe entwerfen können.
Die Antwort auf das Wie ist auf der Startseite sowie auf der 2. Seite nach der Startseite zu finden.

Was: Ich treffe mich mit Menschen 1:1 und bin zusätzlich mittel- bis langfristig mit ihnen im laufenden schriftlichen Kontakt. Außerdem gibt es noch ein Archiv von Blog-Beiträgen zum Thema sowie eine kleine Community mit anderen Interessierten, die als Ressource zur Verfügung steht.

Würde ich jemanden neu kennenlernen und nur eine Minute Zeit haben ihm zu erklären worum es mir geht, was könnte er mit der Antwort auf die Was-Frage anfangen? Sie macht in Kombination mit dem Rest schon ihren Sinn, aber der Rest ist nach einem derart langweiligen Was schon gar nicht mehr interessant. Die Antwort auf Warum-Fragen kann jedoch Lust auf mehr machen.

Warum funktioniert das Warum?

Wenn wir annehmen, dass es sehr hilfreich sein kann, mit dem Warum zu starten, entsteht für mich eine interessante Folge-Frage: Warum funktioniert es eigentlich  so gut, mit dem Warum zu beginnen?

Die Antwort liegt meiner Ansicht nach darin, dass die Antworten auf diese Fragen einer impliziten Hierarchie unterliegen. Diese Hierarchie ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen auf einer darunterliegenden Ebene über aus der übergeordneten Ebene abgeleitete Kriterien aufzulösen. Das klingt jetzt sehr kompliziert, deswegen ein Beispiel:

Ein neuer Lehrer kommt in ein bestehendes Kollegium. Frisch von der pädagogischen Hochschule gekommen, ist er motiviert, alles neu und besser zu machen, und eckt prompt an den bestehenden Strukturen an damit. „Wir machen das anders hier“, bekommt er zu hören, und rasch entsteht ein Konflikt über das Was des pädagogischen Tuns. Bleiben wir auf der Ebene des Was, so steht Meinung gegen Meinung. Begeben wir uns jedoch eine Ebene höher, auf das Wie, so finden wir vielleicht einen übergeordneten Zugang, auf den sich die Konfliktparteien einigen können. Wird dies vollbracht, so können die unterschiedlichen Zugänge zur Umsetzung des Wie durch vom übergeordneten Wie abgeleiteten Kriterien objektiver beurteilt werden.

Angenommen, der neue Kollege und das bestehende Kollegium einigen sich darauf, dass es wichtig ist, dass sich die Schüler als Individuum gesehen fühlen. Danach können sie gemeinsam beurteilen, ob ihre unterschiedlichen Ansätze, den  Unterricht zu gestalten, diesem Kriterium mehr oder weniger gut entsprechen. Möglicherweise wird dann etwa sichtbar, dass beide Ansätze, der alte wie der neue, dem Kriterium gut entsprechen und damit auch gut nebeneinander existieren können.

Zugehörigkeit durch ein gemeinsames Warum

Aus dem Handeln eines Menschen ist oft nicht klar ersichtlich, was seine Beweggründe für dieses Handeln sind. In der Folge bewerten wir sein Handeln basierend auf den Annahmen, die wir treffen. Wenn das Handeln des anderen unserem Warum zuwiderläuft (oder wir es annehmen), so wird die handelnde Person als nicht unserer Gruppe zugehörig empfunden, wird zum Gegenspieler.

Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, müsste es doch eigentlich sehr einfach sein, stattdessen einfach mit dem Warum zu beginnen, und so eine gemeinsame Basis in einem Team herzustellen. Dies ist durchaus auch möglich, aber einfach ist es nicht. Der Grund dafür liegt für mich darin, dass nur wenigen Menschen klar ist, warum sie tun, was sie tun. Klingt unglaublich, aber dürfte nach meinen Beobachtungen durchaus der Realität entsprechen.

Ich selbst, der ich doch – soweit ich das beurteilen kann – vergleichsweise sehr viel Zeit damit verbringe nachzudenken, zu reflektieren, zu lesen, zu schreiben, kämpfe nun seit gut 1,5 Jahren mit dieser Fragestellung. Mittlerweile bin ich auch so halbwegs zufrieden mit meiner Antwort, vor allem weil sie – anders als vor 2-3 Monaten – nicht mehr mehrere A4-Seiten benötigt, um erklärt zu werden.

Warum bin ich Lehrer? Direktor? Warum bin ich Teamleiter? Warum habe ich dieses Unternehmen gegründet? Diesen Sozialverein? Wenn es mir gelingt, diese Frage für mich zu beantworten, so erleichtere ich es damit anderen herauszufinden ob sie sich mit dieser Antwort ebenso identifizieren können. Können sie es nicht und handelt es sich nicht nur um ein Missverständnis in Worten und Deutungen, so wird eine Zusammenarbeit auf Dauer kaum fruchtbar sein. Ist aber eine grundsätzliche Übereinstimmung im Warum gegeben, so können unterschiedliche Meinungen über das Wie oder ein weit unwichtigeres Was befruchtend für Innovationen sein.

Die meisten von uns nehmen an, dass die Antwort auf diese Fragen ohnehin so klar ist, dass sie es nicht wert ist, gestellt zu werden. Was dazu fĂĽhrt dass wir uns so häufig missverstehen, weil wir – unhinterfragt – annehmen, dass ein jeder von uns zu der gleichen Antwort kommen muss.  Damit beschränken wir jedoch auch implizit unsere Möglichkeiten des Miteinanders.

Lässt sich ein gemeinsames Warum auch herstellen?

Laut Simon Sinek ist das GefĂĽhl, von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen umgeben zu sein, essentiell fĂĽr ein gegenseitiges Vertrauen und der Bereitschaft, auch Neues auszuprobieren – und seine AusfĂĽhrungen machen meiner Ansicht nach auch durchaus Sinn.

Wirklich interessant ist jedoch die Kombination mit seinem Konzept vom Goldenen Kreis, weil es bedeuten würde, dass wir sehr oft von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen umgeben sind, es aber nicht erkennen können, weil wir über das Was statt über das Warum sprechen. Beispielsweise gehe ich (optimistischerweise) davon aus, dass die meisten Menschen, die von Beruf Lehrer sind, sich mit meinem Warum, Menschen zu helfen aufzublühen, identifizieren können. Die wenigsten würden wohl von sich behaupten, sie wären Lehrer geworden, um zu verhindern, dass Menschen das Beste aus ihren Anlagen und Chancen machen. Aus ihren Handlungen (Was) alleine ist dies aber nicht immer eindeutig zu erkennen.

Eine Hierarchie-Ebene darunter,  beim Wie, werden viele Lehrer schon nicht mehr mit mir einig sein. Vielleicht noch damit, dass es Menschen gut tut, gesehen zu werden, aber dass dies einen stimmigen Kontakt voraussetzt, da wird es wohl schon problematischer. Weniger noch bei der Frage ob dies wünschenswert sei, sondern eher bei der Frage der praktischen Umsetzbarkeit: Das wäre schön und sinnvoll, aber wer soll das leisten?

Und spätestens beim Was lässt sich dann trefflich darüber streiten was denn nun die schlauesten Umsetzungen von all dem darstellt.

Und noch eine Ebene darĂĽber

Das Konzept von Warum, Wie und Was als Hierarchie-Ebenen lässt sich in beide Richtungen weiterführen. So basiert etwa mein Warum, Menschen helfen aufzublühen, auf der stillschweigenden Annahme und meinem Weltbild (= Vorstellung, wie diese Welt funktioniert, noch ohne Wertung), dass in Menschen Potential angelegt ist, das mit Hilfe einer konstruktiven Umwelt inneres und äußeres Wachstum ermöglicht. Jemand anderer basiert sein Warum vielleicht auf dem Weltbild, dass der Mensch ein leeres Gefäß ist, das von außen „befüllt“ werden muss, und wird zu anderen Schlüssen kommen. Der Fantasie sind damit kaum Grenzen gesetzt, das Konzept weiterzuführen. Mit der Hierarchie von Warum, Wie und Was kann man jedoch schonmal viel erreichen.

Viel Freude damit!

Niklas

Seit einigen Wochen arbeite ich an einer neuen Schule mit jeweils einigen Fachlehrer-Stunden in verschiedenen Klassen, und interessanterweise fällt mir auf, dass ich in den verschiedenen Klassen und Fächern jeweils sehr unterschiedlich unterrichte – von sehr eng geführtem frontalen Unterricht hin zu fast völliger Offenheit des Unterrichts in Sozialform, Lösung und selbst Aufgabe ist je nach Klasse, Fach und Tagesverfassung alles zu finden, und auch wenn es Methoden und Zugänge gibt, mit denen ich es weniger gewöhnt bin zu arbeiten (z.B. Frontalunterricht), so werden sie in den meisten Klassen gut angenommen. In den Klassen bin ich nun auf Anraten meiner Vorgesetzten auch zum ersten Mal der „Herr Baumgärtler“ statt des Niklas, was sich nach bisherigen Erfahrungen gut bewährt.

Und doch… gibt es eine Klasse, in der ich Stunden zu halten habe, mit der ich nach meinen eigenen – hohen – AnsprĂĽchen bisher nur ungenĂĽgend zurechtkomme. Es handelt sich um jĂĽngere Kinder, und da ich auch in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht habe, mit älteren Kindern und Jugendlichen am besten zurechtzukommen, war eine spontane Idee, mich zu erkundigen, ob ich nicht auf NMS-Lehrer umsatteln könne, etwa fĂĽr Deutsch, Englisch, Mathematik und Geschichte. Aber der Forscher in mir gibt nur ungern auf, und da ich seit letzten Samstag angeschlagen und seit gestern auch offiziell krankgemeldet bin und die Zeit im Bett verbringen muss, hat mein Geist Zeit und Aufmerksamkeit, die Situation zu analysieren. Ich habe also eine Liste angefertigt mit Aufgaben und Situationen, die in der betreffenden Klasse gut oder nicht gut funktionieren – und dabei einige fĂĽr mich interessante Entdeckungen gemacht.

Verteilungs-Kämpfe

Eine erste Entdeckung ist jene, dass die Kinder in dieser Klasse offensichtlich überfordert sind, wenn sie einen erlebten Mangel sozial auszuhandeln haben, wobei ich mit „Mangel“ etwa eine bestimmte Art von Stuhl meine, von denen es nicht genügend für alle Kinder gibt, auf dem aber alle Kinder sitzen wollen. Ändert sich etwas an der von einer Autorität festgesetzten Aufteilung dieser Mangel-Güter und entsteht ein offener Raum (z.B. weil ein Kind, das üblicherweise einen Stuhl besetzt, an einem Tag krank ist), so entsteht ein Interessenskonflikt, den die Kinder jener Klasse (noch) schwer untereinander aushandeln können – und schon gar nicht, wenn ich währenddessen versuche, ihnen etwas zu erklären. Der gleiche Effekt tritt beispielsweise ein, wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen, die nur jeweils einmal (oder eine bestimmte Anzahl Mal) zu erledigen sind – sofort setzt ein Macht- bzw. Verteilungskampf ein, der die Aufmerksamkeit vom restlichen Geschehen abzieht.

Man könnte nun als Lehrer verschiedene Strategien wählen, mit einer solchen Situation umzugehen, wobei ich mich in den letzten Wochen in dieser Klasse oft nicht ideal entschieden habe. Einerseits kann ich meine Autorität als Lehrer einsetzen, rasch eine Lösung herbeizuführen. Diese wird nicht immer ideal sein, weil ich oft nur ungenügende Informationen zur Verfügung habe. Ich kann versuchen, alle betroffenen Seiten anzuhören, um eine möglichst konstruktive Lösung zu finden, aber dies dauert oft lange und nervt diejenigen, die vom Konflikt nicht betroffen sind. Oder ich kann beispielsweise die Kinder dazu aufrufen, den Konflikt selbst zu lösen bzw. mich darauf verlassen, dass diese das schon untereinander schaffen. In jener Klasse habe ich die Fähigkeit der Kinder, Konflikte untereinander zu lösen, bisher wohl ziemlich überschätzt, was wohl mit dazu geführt hat, dass meine Autorität in dieser Klasse gelitten hat.

Unverlässliche Autoritäten sind keine Autoritäten

Autorität in einer Gruppe entsteht bzw. erhält sich durch die Erfahrung, dass man sich bei persönlicher Ăśberforderung auf die Autorität verlassen kann, und in dieser Klasse war ich nun einige Male selbst so ĂĽberfordert mit einer  Situation, dass dieses Vertrauen in mich als Autorität gelitten hat. Unverlässliche Autoritäten werden auf Dauer nicht mehr als solche wahrgenommen. Das schmerzt. Nagt am Ego eines Menschen, der sehr hohe AnsprĂĽche an sich selbst stellt. Und doch… habe ich vor einiger Zeit hier auf diesem Blog darĂĽber geschrieben, dass qualitatives Lernen, wirklich signifikante Weiterentwicklung nur durch Erleben und einem Sich-Stellen von Frusterfahrungen stattfindet, und ich glaube an die universelle Wahrheit dieser Aussage. Den Frust durchlebe ich, erst latent und nun, durch die Zeit zu reflektieren, die mir mein Körper durch die Krankheit und meine Vorgesetzte durch den Vorschlag, einen Tag auch offiziell krank zu sein, geschenkt haben, ungefiltert. Ich hoffe, dass er mich eine konstruktiven Lösung des Problems näher gebracht hat.

Ich werde also versuchen, in jener Klasse stabilere Verhältnisse zu schaffen oder zumindest nicht mehr durch eigenes Verschulden (z.B. unklar formulierte Arbeitsaufträge oder unnötigen Mangel und daraus resultierende Verteilungskämpfe) zusätzliche Überforderung für meine Schüler zu schaffen, und jene Rituale zu forcieren, die sich bisher bewährt haben bzw. Neuerungen behutsamer einführen. In all meiner Übermotivation übersehe ich manchmal den Fakt, dass auch ich nur ein Mensch bin, der die Überforderung meiner Schüler nur bis zu einem gewissen Punkt durch eigenen Einsatz ausgleichen kann, und dass dieser eigene Energievorrat auch von meinem eigenen Tageszustand abhängt.

Das meiste von dem, was ich für mehr Erfolg wissen müsste, habe ich wohl schon irgendwo auf diesem Blog niedergeschrieben. Aber zu wissen, was richtig wäre, ist alleine noch kein Garant dafür, auch das Richtige und Notwendige zu tun. Letzteres ist oft ein Kampf und harte Arbeit. Aber im Grunde liebe ich ja glücklicherweise auch die Herausforderung.

Niklas

In Homage an einen großartigen Mann, der mir für einige Monate Ratgeber und Mentor war und der vor einigen Wochen leider verstorben ist, möchte ich hier eines seiner Grundprinzipien beschreiben. Das Prinzip ist an sich sehr simpel und besagt lediglich, dass es üblicherweise schlauer ist, eine Aufgabe an genau eine Person zu delegieren als geteilte Verantwortungen zuzulassen oder gar aktiv zu fördern.

Wer wie ich gerade mit anderen Menschen in einer Wohngemeinschaft zusammenlebt, kann den Effekt der geteilten Verantwortung ganz gut im Alltag beobachten, etwa bei der Aufgabe, die gemeinsamen Wohnbereiche in Ordnung bzw. sauber zu halten. Solange die Verantwortung für diese gemeinsame Aufgabe im Ganzen als gemeinsame Aufgabe gesehen wird, wirken einige Aspekte, die es unwahrscheinlicher machen, dass ein für alle Beteiligten adäquater Grad an Sauberkeit aufrechterhalten wird. Dadurch, dass niemand konkret zur Verantwortung gezogen werden kann (man hätte es ja auch selbst machen können, oder war doch der Dritte dran?) erhöht sich die Chance, aus Bequemlichkeit Aufgaben nicht zu Ende zu führen oder gar nicht erst anzugehen. Zudem ist die Definition des gewünschten Ergebnisses üblicherweise schwammig bis sehr unterschiedlich (verschiedene Vorstellungen von „Sauberkeit“ etwa). Und schließlich, da die jeweiligen Aufgaben plural verteilt sind und nicht klar ist, wer was wann gemacht oder nicht gemacht hat, entstehen vor allem in größeren Gruppen rasch Neid-Konflikte im Stile von „du machst ja nie etwas“.

Die gleichen Strukturen, die ich gerade in einer Wohngemeinschaft zum Thema Sauberkeit beschrieben habe, lassen sich auch auf Institutionen umlegen, wo die Effekte mit zunehmender Anzahl an Mitgliedern eher exponentiell denn linear zunehmen. Das kann in Einzelfällen auch gut funktionieren (etwa an einer freien Schule, an der ich gearbeitet habe), und in gewissem Sinne kann eine plurale Verantwortung auch dazu führen, dass sich die Träger der Verantwortung besser mit der Gruppe identifizieren können bzw. flexibler auf Anforderungen reagieren können. Nur: in 3 von 4 Schulen, an denen ich gearbeitet habe, waren die Konsequenzen pluraler Verantwortung eher destruktiv denn konstruktiv.

Einige Vorteile singulärer Verantwortung

Ich glaube, was passiert, wenn man die singuläre Verantwortung als Prinzip einsetzt, ist, dass man tendenziell sachlicher miteinander umgeht, was die Beziehungsebene (auf der bei aller Sachlichkeit immer noch soziale Konflikte ausgetragen werden) massiv entlasten kann. Wenn für alle Beteiligten klar ist, wer für welche Aufgaben verantwortlich ist, kann man sich dann, wenn Aufgaben nicht gemäß den Vorgaben erledigt wurden, die konfliktreiche Suche des oder der Schuldigen ersparen und mehr Zeit darauf verwenden, konstruktive Lösungen zu erarbeiten.

Ein angenehmer Nebeneffekt singulärer Verantwortung ist auch, dass es dazu notwendig ist, sich genauer zu überlegen, was überhaupt für Aufgaben zu erledigen sind. Wenn es eine geteilte Verantwortung von 3 Personen gibt, einen gemeinsamen Wohnraum sauber zu halten, oder von 6 Personen, einen Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, dann steigen die Chancen, dass einzelne Beteiligte gar keine Ahnung davon haben, was in der Gesamtheit der Aufgaben zusammen überhaupt zu tun ist. Wenn jeder das beiträgt, was er für notwendig hält, kann das am Ende bedeuten, dass die gemeinsame Aufgabe zufriedenstellend gelöst wird, aber auch, dass Teil-Aufgaben unnötigerweise mehrfach oder andere auch gar nicht erledigt werden.

Funktioniert die Beziehungsebene im Team (noch) gut, werden einzelne Beteiligte die Nachlässigkeit der anderen ausgleichen. Sind es Ausnahmefälle, kann das gutgehen, handelt es sich um regelmäßige Nachlässigkeiten, steigt die Chance, dass die Beziehungsebene dadurch belastet wird, ohne die Konflikte sachlich anzusprechen, bis die gemeinsamen Aufgaben nur noch minderwertig oder gar nicht mehr erledigt werden.

Ist das nicht fĂĽrchterlich kompliziert und unflexibel?

Singuläre Verantwortungen zuzuweisen bedeutet nicht, dass es plötzlich unmöglich wird, sich gegenseitig zu helfen oder Aufgaben spontan zu tauschen. Es bedeutet lediglich, dass es am Ende eines Kontrollzeitraums klar ist, wer bei Nichterfüllung seiner Verantwortungen dafür verantwortlich ist, konstruktive Lösungen zu finden. Wenn ich also dafür verantwortlich bin, in meiner Wohnung den Müll rauszutragen, darf das gerne auch einer meiner Mitbewohner für mich erledigen, wenn er das möchte und ohnehin gerade an den Müllcontainern vorbeigeht. Aber wenn am Ende des Kontrollzeitraums (z.B. in einer – fiktiven – WG-Besprechung) erkannt wird, dass der Müll nicht ordnungsgemäß entsorgt wurde und dies meine singuläre Verantwortung ist, sind nicht meine Mitbewohner verantwortlich.

Das Interessante an dem Prinzip der singulären Verantwortung ist, dass es üblicherweise von den meisten Menschen nicht sehr gerne gesehen wird. Ich kann nur vermuten, dass für viele Menschen die Vorstellung furchterregend erscheint, sich nicht auf Umstände oder faule Kollegen herausreden zu können sondern unumgänglich zu ihren Fehlern stehen zu müssen. Was dabei bei aller verständlicher Furcht leider etwas unter den Tisch fällt, ist der Vorteil singulärer Verantwortung: sie ist – und zwar auf einer Sachebene, wenn sie gut definiert ist – begrenzt. Unter dem Prinzip der singulären Verantwortung kann ich Aufgaben abschließen und damit mein Bewusstsein entlasten.

Vielleicht wird es auch deswegen nicht gerne gesehen oder angewendet, weil ein Zu-meinen-Fehlern-stehen offenbar in vielen Institutionen als No-Go angesehen wird, das mit allen Mitteln verhindert werden muss. Es braucht dazu einen gewissen geschützten und gehaltenen Raum, und dieser fehlt wohl an vielen Stellen. Diesen geschützten Raum zu schaffen, dazu braucht es nicht zwingend zusätzliche Ressourcen (auch wenn es offensichtlich Menschen gibt, die dazu besser befähigt sind als andere, und eine Ausbildung, etwa zum Supervisor, erscheint mir nicht das bestimmende Kriterium dafür zu sein), wohl aber eine gehörige Portion Mut. Aber mit ein wenig Durchhaltevermögen kann der mittel- bis langfristige Gewinn an Effizienz und Arbeitszufriedenheit aller Beteiligten enorm sein.

Niklas

Lange hat er geschlafen, Tage, Monate, Jahre. Kaum kann er sich noch erinnern, wie er hierhergekommen ist in diese Zelle. Den Raum hat er bereits ausgemessen, hat die Festigkeit der Gitterstäbe geprüft, anhand des wandernden Schattens abgeleitet, in welcher Himmelsrichtung sich das Fenster befindet. Die Waffen haben sie ihm abgenommen, doch die mächtigste, seinen Körper, haben sie ihm lassen. Anfangs hat er noch mit den Fingernägeln Zeichen in die Steinwände gekratzt, hat versucht, die Tage zu zählen, Fluchtpläne zu schmieden, seinen angestammten Platz wiedereinzunehmen. Mit Sicherheit würde man ihn vermissen. „Verräter!“, hat man ihn gerufen, und „Mörder!“, doch an die ihm vorgeworfenen Taten kann er sich kaum mehr erinnern. Längst sind sie im Nebel des Vergessens verschwunden. Hat er Unrecht begangen? Erneut quält ihn die Frage aller Fragen: Ist es gerechtfertigt gewesen, ihn hier all die Jahre einzusperren? Und: was ist mit dem König? Wer beschützt ihn? Wer beschützt nun das Land?

Es hat nie eine Gerichtsverhandlung gegeben. Eines Tages sind sie gekommen, haben ihn für nicht mehr notwendig erklärt und ihn abgeführt. Ihm seine Waffen abgenommen, ihm das Wort verboten und endlich ihn weggesperrt. „Nun herrscht Frieden“, haben sie erklärt, die Diplomaten mit ihren bunten Gewändern und noblen Titeln, „Ein Krieger ist dem Frieden nur im Weg“. Antworten hat er nicht können, die Diplomaten haben ihm das Wort verboten, und als er dagegen aufbegehren und den König warnen will, sagen sie nur – mit dem herablassenden Blick des Erwachsenen, der einem tobenden Kind gedankenlos zusieht – „Sehen Sie, Majestät, genau wie wir vorhergesehen haben. Wollen Sie sich von einem Barbaren wie ihm beraten lassen? Nie wird es mit ihm dauerhaften Frieden geben“. Der König wirkt hilflos, überfordert, stimmt zu, ihn wegzuführen. Bevor sie ihn packen, sieht er noch einmal zu dem geliebten Herrscher hinauf, der nun wieder umringt ist von den Diplomaten, den Einflüsterern. Er will schreien, toben, doch der Wille des Königs ist Gesetz, und er lässt sich mit hängendem Kopf abführen in die Zelle, in der er seit jenem denkwürdigen Tag dahinvegetiert.

Einige Male am Tag wird ihm Essen gereicht, und anhand der spärlichen Worte, die dabei ausgetauscht werden, bekommt er mit, was sich im Königreich abspielt. Diplomatische Beziehungen mit anderen Königreichen werden auf- und wieder abgebaut, die Wirtschaft blüht und verwelkt in unregelmäßigen Abständen wieder. Immer wieder gibt es kleinere Überfälle an den Grenzen, doch die Kriminellen, so erzählt man sich, seien selbst arm dran und wenn man ihnen nur Verständnis entgegenbrächte, würden sie schon wieder damit aufhören. Sie hätten ja nur Hunger wie alle anderen auch, und als weiser König müsse man ihnen mit Güte begegnen. Des Kriegers Seele rebelliert bei jenen Worten; er würde die Eindringlinge zurückschlagen lassen, und erst dann mit den Armen legale Hilfe vereinbaren. Er kann das Leid hungriger Mäuler nachvollziehen, aber warum es zulassen, dass anderen, den Menschen an den Grenzregionen, dadurch noch mehr Leid geschieht? Doch des Königs Wort ist Gesetz, und ihm fühlt er sich verpflichtet.

Eines Tages jedoch bleibt der alte Mann, der ihm ansonsten stets seine Nahrung reicht, aus, und er fühlt, dass etwas geschehen sein muss. Seine Sinne schärfen sich, er beginnt sich vorzubereiten. Das Wort des Königs hält ihn hier, nicht diese Zelle, und er fühlt, dass der König in Gefahr ist. Bald hat er die Gitterstäbe des Fensters freigegraben, findet einen Hebel und bricht sie heraus. Klettert durch das Fenster und erblickt ein verwüstetes Land. Der Alte, der immer das Essen gebracht hat, liegt erschlagen im Eingangsbereich des Gefängnisses, das Essen ist ihm entglitten. Der Krieger schließt ihm die Augen, macht sich auf den Weg zum König. Gute, sanfte Menschen sterben. Wo ist die Armee? Wo ist der König, sie zu beschützen?

Beinahe unbehelligt erreicht er das Königsschloss. Die wenigen, die sich ihm in den Weg stellen wollen, weichen vor seinem wütenden Blick zurück, suchen sich leichtere Opfer. Als der Krieger das Tor zum Thronsaal erreicht, hört er die Stimme des Königs dahinter. Er lebt! Nun wird alles gut!
„Also ich bin mir ziemlich sicher, Schreie gehört zu haben.“, hört er die Stimme des Königs.
„Majestät, das ist unmöglich. Der Räuber Bedürfnisse sind erfüllt worden. Wir haben den Konflikt gewaltfrei gelöst. Sie werden in Frieden wieder abziehen. Die Berichte müssen falsch sein.“

Der Krieger tritt das Tor auf und sieht die Diplomaten zusammenzucken.
„Seid ihr völlig verrücktgeworden?“, donnert er mit machtvoller Stimme, bereit, sie Kraft seiner Arme in Stücke oder zumindest vom König wegzureißen, doch sie machen diesem Gott des Krieges Platz.
„Ich sage doch, ich höre Schreie“, meint der König selbstzufrieden, „der Krieger schreit herum. Das Rätsel ist gelöst!“
„Majestät! Draußen vor dem Schloss werden Menschen wie Hunde abgeschlachtet! Eure Untertanen sind schwach, wehren sich nicht einmal, meinen, die Bedürfnisse der Räuber nach Blut seien eben auch wichtig. Was habt ihr getan?“
„Nicht allzu viel“, meint der König, leicht irritiert, „die meiste Zeit haben wir darüber philosophiert, wie viel besser es uns allen gehen wird, wenn wir alle gelernt haben, auf Gewalt zu verzichten.“
„Majestät! Die Hälfte eurer Bauern ist tot, und die Ernte der anderen wird gerade von Räubern verzehrt oder einfach im Zerstörungsrausch verbrannt! Wir werden alle hungern müssen – auch diese Räuber – wenn wir sie nicht sofort aufhalten! Gebt mir den Befehl, und zwar sofort, oder ich kann für nichts mehr garantieren.“
„Na, wir wollen uns nicht streiten, mein lieber Krieger, das schickt sich nicht für einen weisen König. Bitte, dann stellt eben die Ordnung wieder her.“
„Danke, Majestät!“, sagt der Krieger und verließ den Thronsaal, um rasch eine Miliz zusammenzustellen.
„Wo waren wir?“, sagt der König, verblüfft feststellend, dass sich seine Diplomaten sehr plötzlich in alle Winkel verkrochen haben. „Wovor habt ihr Angst, wo wir doch jahrelang ohne Gewalt vorgegangen sind und uns nur Freunde dabei erworben haben?“

Zwei Tage später ist alles vorbei. Die Räuber sind weitgehend an die Grenzen zurückgeschlagen, die letzten Feuer werden gelöscht und die Menschen kommen zurück aus den Bergen und Wäldern, wo sie sich versteckt haben. Das Land wird überleben, denkt der Krieger hoffnungsvoll, aber es war knapp.
„Gute Arbeit, Krieger“, sagt der König, neben ihm auf seinem königlichen Pony (all die guten Pferde wurden von den Räubern gestohlen oder geschlachtet, um sie zu essen), „aber was machen wir jetzt mit den Gefangenen?“
„Wir bringen sie an die Grenze und lassen sie frei“, sagt der Krieger, „und dann schicken wir einige eurer Diplomaten mit, um friedliche Beziehungen aufzubauen. Nun, da sie wissen, dass wir bereit sind, sie im Feld zu schlagen, werden sie auch bereit sein, wirklich mit uns zu reden.“
„Es war ein großer Sieg, Krieger. Wir wollen ihn feiern.“
„Es ist eine große Tragödie, Majestät. Tausende Menschen sind unnötig gestorben. Wir wollen trauern.“
„Eine Trauerfeier also. Damit ist es beschlossen.“, schließt der König, und reitet voran in Richtung Schloss. Viel ist zu tun, das Land wird im Wiederaufbau Führung brauchen.

Der Krieger bleibt zurück am Fuße des Hügels, von dem aus er beinahe das ganze Königreich überblicken kann. Einst hat es eine Zeit gegeben, da hat er den Kampf geliebt. Die Hitze des Moments, die Sekundenbruchteile, die zwischen Leben und Tod entscheiden können. Heute zieht er sich lieber zurück, als anzugreifen und greift nur ungern zum Schwert. Aber das Land vor ihm und die Menschen in ihm überblickend, weiß er auch um die Notwendigkeit, es zu beschützen. Er wird tun, was notwendig ist, aber ohne Hass, ohne Wunsch nach Vergeltung. Rasch reißt er sich aus seinen Gedanken. Auf, mein liebes Pferd! Der König braucht uns!, und mit dem verzückten Lächeln des zum ersten Mal Erkennenden: Ja, es ist wahr! Wir haben unseren Platz in der Welt wiedergefunden. Der Krieger ist zurückgekehrt ins Land, und hat den Krieg vertrieben.

Es soll Menschen geben, die in eine Familie hineingeboren werden, die ihren BedĂĽrfnissen gut entspricht und innerhalb derer sie sich optimal entwickeln können. Eine gar nicht geringe Anzahl an Menschen jedoch sieht sich frĂĽher oder später mit dem GefĂĽhl konfrontiert, irgendwie versehentlich „falsch abgeliefert“ worden zu sein – zumindest habe ich diese Geschichte nun mit den Jahren in unzähligen Variationen gehört – und auch im engeren Familienumfeld mehrfach (mit-)erlebt. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese „Andersgeborenen“ oft sehr unterschiedlich auf das aufkeimende GefĂĽhl reagieren, nicht zu “passen”. In gewisser Weise lässt sich jedoch eine Art von Stufenreihenfolge herstellen, die wohl von den meisten Betroffenen – still oder auch in manchen Fällen sehr laut – durchlaufen wird.

Phase 1: Anpassung

In dieser Phase wird ein Idealbild (z.B. innerhalb einer Familie) übernommen und versucht, sich den Vorstellungen anzupassen. Je nachdem, wie gut diese Anpassung gelingt, kann sie Jahre, Jahrzehnte bis zu einem ganzen Leben aufrechterhalten werden. In dieser Phase leidet der Andersgeborene an seinem Anderssein, bemüht sich, schämt sich bei Versagen, versteckt oft nicht nur sein Anderssein sondern auch, dass es ihm Mühe kostet, den Schein des Normalen aufrechtzuerhalten. Das reale Ich, sich nackt zu zeigen, wird als sozialer Suizid wahrgenommen („niemand kann dieses wirkliche Ich lieben“), aufs Höchste gefürchtet und damit gemieden.

Beispiele dafür gibt es wohl genug: unglückliche Ehen, die aufrechterhalten werden, Söhne, die Familienunternehmen übernehmen, weil es von ihnen als Erben erwartet wird, Kinder, die Ärzte werden, weil die Eltern dies erwarten, oder auch nur eine Schule fertigmachen, um den Eltern zu gefallen, obwohl sie doch eigentlich eine Mechaniker-Lehre machen wollten.

Phase 2: Aufbruch

Irgendwann ist es dem Andersgeborenen nicht mehr möglich, den Schein der Normalität zu wahren, oft unter dem Einfluss zusätzlicher Stressfaktoren. Je nach den Reaktionen der Umwelt kann hier eine Re-Integration in die Ursprungsgruppe/-Familie stattfinden – üblicherweise sucht der Andersgeborene aus Angst, abgewiesen zu werden, jedoch selbst die Distanz, soweit es ihm möglich ist. Ein Gegenentwurf zu der „Normalität“ der Ursprungsgruppe entsteht, der jedoch oft noch ebenso starr und perfektionistisch aussehen wird. Die existentielle Not des gefühlten Ausgestoßenseins macht in dieser Phase sehr empfänglich für scheinbar stabilisierende externe Norm-Systeme: Sub-Kulturen, Sekten, extremistische Gruppierungen. Eine neue Heimat, soziale Sicherheit wird in einer neuen Gruppe gesucht, wobei die tatsächlichen Gruppennormen in der Situation der existenziellen Bedrohung in den Hintergrund treten. In dieser Phase fällt auch der klassische Hang zur Kommunenbildung – „am besten verträgt es sich doch mit Gleichgesinnten“. Die reine Beschränkung auf Gleichgesinnte führt jedoch früher oder später zu einer gewissen Ideologisierung mit einhergehenden starren Gruppennormen.

Ein mir sehr lieber Mensch hat etwa im Streit ihre Ursprungsfamilie hinter sich gelassen, um sich einer anderen Familie anzuschlieĂźen, die mehr ihrem Wesen und ihren BedĂĽrfnissen entspricht. Mit allen Schwierigkeiten, die Gruppennormen mit sich bringen, fĂĽhlt sie sich dort trotzdem wohler als in ihrer Ursprungsfamilie, weil die Normen eher ihren BedĂĽrfnissen entsprechen.

Phase 3: Isolation, Selbstzufriedenheit und Zynismus

Der Andersgeborene findet sich in einer Gruppe wieder, deren Normen sich von den Normen der Ursprungsgruppe unterscheiden, merkt aber mit der Zeit, dass er auch hier einem Perfektionszwang ausgesetzt ist und fängt an, sich von der Gruppe zu distanzieren. Nachdem er diese 2. Phase möglicherweise noch einige Male wiederholt hat („Vielleicht war es nicht die richtige Gruppe, Religion, …“) kommt er zu der Erkenntnis, dass es doch hauptsächlich darauf ankäme, mit sich selbst zufrieden zu sein. Er distanziert sich von allen Gruppen, die ihm Verhaltensnormen vorschreiben wollen, entwickelt dabei häufig eine gewisse Selbstzufriedenheit, ein Gefühl der Überlegenheit aufgrund seiner subjektiven Unabhängigkeit und damit einhergehend auch einen gewissen Zynismus – und versucht sich das damit einhergehende Gefühl der Einsamkeit rationell auszureden oder sich zu zerstreuen, um es nicht fühlen zu müssen.

Ich schätze, den Großteil der letzten Jahre habe ich in dieser Phase verbracht. Je nach Stimmung in einer unregelmäßigen Abfolge von gefühlter Überlegenheit bis Überheblichkeit, immer wieder unterbrochen vom Gefühl des Abgeschnitten-Seins und totaler Isolation. Wem in seinem Zynismus nichts gefährlich werden kann,  der wird auch von Liebe nur am Rande berührt. Mir ist bewusst, dass es nicht sonderlich gute Werbung für meine Person sein mag, dies öffentlich einzuräumen, und das es möglicherweise taktisch klüger wäre, dies nicht zu tun. Nur: ich bin damit gefühlt kein Einzelfall sondern eher eine (heimliche) Norm, und solange Menschen nicht ehrlich darüber sprechen können, wie sie sich selbst wahrnehmen, werden wir nicht wirklich an ein wahres Miteinander gelangen.

Phase 4: Selbstakzeptanz und Fremdakzeptanz

Der Andersgeborene hört schrittweise auf, sein Anderssein als etwas zu betrachten, das er entweder verstecken oder verteidigen muss, oder das ihn in bestimmte vordefinierte Gruppen einordnet. Er beginnt zu unterscheiden zwischen seiner allgemeingĂĽltigen Wertigkeit als Mensch mit bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten und der situationsbedingten NĂĽtzlichkeit seines Seins in bestimmten Situationen. Er beginnt zunehmend damit, herauszufinden, wie sich seine ganz speziellen VorzĂĽge auch fĂĽr andere gewinnbringend einsetzen lassen. Gleichzeitig wird er sich fragen, welche Art von UnterstĂĽtzung er braucht, um seine Schwächen als Kehrseite seiner Schwächen ausgleichen zu können. Je mehr er sich mit anderen Menschen umgibt, die sowohl sich selbst als auch andere Menschen realistisch einzuschätzen gelernt haben, desto mehr kann er sich auf ein UnterstĂĽtzungsnetzwerk verlassen, das es ihm erlaubt, selbst die Grundfesten gesellschaftlicher Normen (z.B. “man muss Geld verdienen, um ‘objektiv’ wertvoll zu sein”) zu ĂĽberwinden.

Vor etwas über einem Jahr habe ich eine „gute Hexe“ kennen und lieben gelernt, die wohl die größte mir bekannte Zauberkünstlerin auf dem Gebiet der bedingungslosen Liebe ist und mir mit viel Geduld und Liebe auch zu so etwas wie einer von ihr unabhängigen Selbstakzeptanz verholfen hat. Seitdem gelingt es mir immer öfter, zwischen situativen Stärken und Schwächen und meinem Wert als Mensch zu unterscheiden, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dadurch auch mit größerer innerer Ruhe zu meinem Sein mit all seinen Facetten stehen kann. Bisher konnte ich dies nur anderen zugestehen, mittlerweile klappt das auch im Großen und Ganzen ganz gut mir selbst gegenüber.

Phase 5: ?

Ich weiĂź nicht, ob es noch weitere Phasen gibt, doch mit meinen 27 Jahren halte ich es fĂĽr vermessen, anzunehmen, bereits den ganzen Prozess durchschaut zu haben. Ebenso stellt jede Reihung von Bewältigungsstrategien natĂĽrlich eine implizite Wertung dar, und es mag sein, dass ich in 20 Jahren diese Reihung anders vornehmen wĂĽrde. In dem Sinne stellt die obige Zusammenstellung nichts Anderes dar als einen Prototyp, der anderen Andersgeborenen, die sich auf dem Weg befinden, helfen soll, ihren Platz in der Welt zu finden – vor allem aber dabei zu realisieren, dass sie nicht alleine auf ihrem oft verzweifelten Weg sind. Da im Alltag kaum jemand offen ĂĽber diese Prozesse spricht, passiert es rasch, sich als tragischen Einzelfall, vielleicht gar als „VerrĂĽckten“ wahrzunehmen, der seine „Schrullen“ besser wieder unterdrĂĽcken sollte. Aber im Grunde sind wir alle auf dem Weg, und die “VerrĂĽckten” vielleicht auch nur den einen kleinen Schritt weiter, der uns noch zu verstehen verwehrt ist.

Ich hatte in der Vergangenheit stets das Glück, in wichtigen Momenten Wegbegleiter um mich zu haben, die es mir in Gesprächen, als Buch und in den meisten Fällen einfach durch die Art, ihr Leben zu leben, erlaubt haben, mein Anderssein mit den Jahren nicht nur als Besonderheit, sondern auch als enormen Wert zu erfahren. So habe ich lange nicht verstanden, warum viele meiner Mitmenschen manche für mich so offensichtliche Situationen so völlig anders einschätzten als ich, oder warum ich in seltenen Momenten in einen Zustand völliger Einsamkeit und Isolation von der Welt fallen kann. Heute bin ich mir relativ sicher, dass es neben den gesellschaftlich anerkannten fünf Sinnen noch mindestens einen weiteren gibt, nämlich den emotionalen Spürsinn – der es mir einerseits ermöglicht, feinste Stimmungsnuancen im Raum wahrzunehmen, andererseits aber auch „überladen“ kann, was zu genannten Isolationserfahrungen führt. Dadurch, dass dieser Sinn kaum anerkannt ist und darüber nicht gesprochen wird, ist er auch bei vielen Menschen wohl nicht so trainiert wie etwa der Sehsinn und wird daher nicht als solcher erkannt oder mit intuitiver Körpersprachewahrnehmung erklärt (über Jahre dachte ich, ich sei einfach gut im Lesen von Körpersprache oder Mimik, bis ich feststellte, dass ich Stimmungen auch ohne Menschen zu sehen fühlen kann, in extremen Fällen sogar über mehrere Hundert Kilometer Distanz). Grundsätzlich kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass die Anlage dazu bei den meisten oder sogar allen Menschen vorhanden ist.

Eine dieser Wegbegleiterinnen, die ich ausnahmsweise an dieser Stelle auch persönlich erwähnen möchte, ist meine Stiefmutter, der ich es wohl zu verdanken habe, meiner Intuition mittlerweile mehr zu vertrauen als gesellschaftlichen Normen darüber, was existieren kann und was nicht. Über viele Jahre war sie (nach einer sehr hitzigen Ablehnungsphase meiner Familie ihr gegenüber) stets in ihrer sehr tiefsinnigen Art zur Stelle, wenn meine bisheriger rationaler Verstand aus Überforderung Erfahrungen als Einbildung brandmarken wollte. Es gab noch viele andere, die mich über die Jahre unterstützt haben, aber sie war in gewisser Weise das Epizentrum der Selbstakzeptanz für mich.

Alleine aus meiner Familiengeschichte heraus sehe ich jedoch auch, dass Menschen wie sie es sehr schwer haben, auch gesamtgesellschaftlich anerkannt zu werden. Sie werden kaum je Unmengen an Geld verdienen, obwohl ihre Dienste wertvoller anzusehen sind als pures Gold, weil es ihnen schwerfällt, formalisierte und damit oft ein StĂĽck weit „abgetötete“ Ausbildungen durchzustehen. Es sind Menschen, die auf sich allein gestellt in einer formalen und gewinnorientierten Welt rasch als Versager scheinen und doch – mit der richtigen UnterstĂĽtzung – zu den groĂźen Weisen und FĂĽhrern einer nach Menschen wie ihnen darbenden Welt werden wĂĽrden. Wie diese UnterstĂĽtzungssysteme aussehen könnten oder werden, weiĂź ich (noch) nicht, aber ich glaube, es wäre gut, sie zu haben, weil uns als Gesellschaft sonst viel Wertvolles unnötig verloren geht.

Ich habe mich lang als Andersgeborener gefühlt, als Nirgendwohin-Passer, aber mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es oft nur meine eigenen Ängste waren, die mich von der Liebe und Akzeptanz anderer ferngehalten haben, die mir geraten haben, meine Stimme nicht zu erheben, wo doch offene Ohren auf ein gut gewähltes Wort hofften.

Vielleicht kommt nach der Phase der Selbstakzeptanz auch jene der Dankbarkeit. Nämlich jener, genau dort hineingeboren zu werden, wo das eigene Leben seinen Anfang und seinen Weg nahm, der mich zu dem Tisch führte, an dem ich heute sitze und diese Zeilen schreibe. Und wenn ich dann meine Lebensgeschichte mit jener anderer Menschen vergleiche, jener, die „richtig abgeliefert“ wurden, kann ich es nur als einen Glücksfall erkennen, ein Andersgeborener zu sein. Denn so schwierig es war, ist und wohl weiter sein wird, so immens reich macht es mich auch.

Niklas

P.S.: An dieser Stelle noch ein Lob einem ganz besonderen Andersgeborenen, der in den letzten Wochen leider von dieser Welt gegangen ist und dem ich sehr viel verdanke. Er ist wohl einer der wenigen Menschen, die ich kenne, dem ich es glaube, wenn mir erzählt wird, er sei in Frieden gegangen. Danke, Romeo – ich werde deine Fackel weitertragen.

Das folgende Modell ist so simpel wie universal, dass es sich auf beinahe alle Lebensbereiche anwenden lässt, wo es um Änderungen des Verhaltens geht. Im Grunde lässt es sich folgendermaßen zusammenfassen:

Um energiefressende Verhaltensweisen oder Umstände zu verändern, ist für eine gewisse Zeit der Einsatz zusätzlicher Einsatz von Energie notwendig, bevor die Veränderung sich positiv auf die Energiebilanz auswirken kann. Die so eingesetzte Aktivierungs-Energie kann also als eine Art „Investition in die Zukunft“ betrachtet werden.

Einige Beispiele

Um das Konzept ein wenig besser zu verdeutlichen, will ich es mit Beispielen aus verschiedensten Lebensbereichen untermauern:

Mein Mitbewohner spielt seit einiger Zeit mit dem Gedanken, mit dem Rauchen aufzuhören, empfindet es allerdings als „zu anstrengend“. Gleichzeitig fällt ihm sehr wohl auf, dass seine Kräfte durch das Rauchen empfindlich geschwächt sind und es seinem Körper zu schaffen macht. Auf den Moment betrachtet ist die Entscheidung, nicht zu rauchen, anstrengender als die Entscheidung, weiterzurauchen, langfristig betrachtet würde er – auch laut seiner eigener Aussage – davon profitieren, aufzuhören. Ein ähnliches Muster findet sich bei den meisten Süchten wieder. So beschreibt etwa auch Christiane F. in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ihren ersten Entzug sinngemäß als „einige Tage Leiden“, bevor es besser und leichter wurde.

Noch alltäglicher wird für viele meiner Leser die Entscheidung sein, rauszugehen in die Sonne oder Sport zu treiben. Wenn ich gemütlich in meiner Wohnung sitze, ist es manchmal doch eine Willensanstrengung, vor die Tür zu gehen. Bin ich dann erst einmal draußen und bewege mich, wundere ich mich, überhaupt darüber nachgedacht zu haben, drinnen zu bleiben. Ähnlich die Entscheidung, bestimmte Speisen und Gerichte zu bestimmten Zeitpunkten zu essen – rein ausgehend von der Lust am Schmecken könnte man ja den ganzen Tag essen, aber langfristig sinnvoll wird es im Alltag nicht sein.

Und letztlich ein Beispiel aus dem Schulalltag: ich kann mir als Ziel vornehmen, tagtäglich die mir anvertrauten Schüler in eine gewisse Ruhe zu bringen und mit ihnen durchzuarbeiten, was ich für richtig halte. Ich kann aber auch versuchen, so in sie zu „investieren“, dass sie langfristig selbstständiger an ihrer eigenen Weiterentwicklung arbeiten können und mich immer weniger brauchen. Die zweite Variante kann, wie ich nun bereits an mehreren Schulen erlebt habe, gerade in der Anfangsphase sehr an den eigenen Kräften zehren, aber sie lohnt sich üblicherweise nach einigen Wochen.

Das Problem der dunklen Nacht des Glaubens

Paulo Coelho hat in einem seiner zahlreichen Bücher einen Begriff geprägt, den ich wunderschön finde: die dunkle Nacht des Glaubens. Er beschreibt damit die Situation, in der unser Glauben an einen langfristigen Nutzen eines kurzfristigen Aufwandes auf die Probe gestellt wird. So verbringt die Heldin des Buches eine Nacht alleine (in einem Wald, wenn ich mich recht erinnere), bekommt Angst, will die Prüfung, die ihr von einem Magier gestellt wurde, abbrechen, schläft dann irgendwann doch erschöpft ein, um am nächsten Tag gereifter zu erwachen. Sie hat ihrem Meister (Magier) vertraut, obwohl ihr momentanes Erleben ihr geraten hat, die Situation zu verlassen, und wurde belohnt.

Das Problem der dunklen Nacht des Glaubens ist allerdings, dass die Nacht oft zu furchterregend wirkt oder der Glaube an den Morgen danach zu schwach ist, um sie durchzumachen. Der Raucher fängt doch wieder an zu rauchen, der Heroin-Abhängige wird rückfällig, der Übergewichtige stopft sich doch nachts heimlich wieder voll. Oder in der Schule: der Lehrer zweifelt doch am langfristigen Nutzen seines zusätzlichen Energieaufwandes und hakt die Öffnung des Unterrichts als „ausprobiert, funktioniert nicht“ ab. Möglicherweise muss ein Lehrer, der sich aufmacht, einen auf langfristiges Wachstum seiner Schüler ausgerichteten Unterricht zu erteilen, nicht nur mit seinen eigenen Zweifeln kämpfen, sondern auch noch jene der Eltern, Kollegen oder Vorgesetzten mittragen, die jenen Glauben an das Mögliche als Irr-Glauben wahrnehmen und den Häretiker dementsprechend bekämpfen und zum rechten Glauben zurückzuführen gedenken. Es handelt sich wohl im Grunde um denselben Prozess, den ein Raucher in einer Gruppe von – ebenso rauchenden – Freunden durchmacht, wenn er mit dem Rauchen aufhören möchte: er muss bereit sein, zusätzlich zu den Schwierigkeiten des Aufhörens selbst noch ein hohes Maß an Gruppendruck auszuhalten, der ihn in eine andere Richtung zu drängen versucht, als er es möchte. Nicht wenige scheitern.

Eine Trennung von Staat und Religion in der Schule?

Paulo Freire, einer meiner groĂźen Helden der Pädagogik, hat in seinen BĂĽchern geschrieben, es gäbe keine apolitische Bildung – wer sich als apolitisch bezeichnet, unterstĂĽtze nur das vorherrschende System. Was er nicht geschrieben hat, aber meines Erachtens – nach längerem Nachsinnen ĂĽber dieses Thema – ebenso zutrifft, ist dass es keine nicht-spirituelle Bildung geben kann. Die Erklärungsmodelle, an die der jeweils einzelne Lehrer glaubt, sei er christlich geprägt, Muslim, agnostisch, atheistisch, ein Zeuge Jehovas oder was auch immer, werden Einfluss darauf haben, was er in seinem Unterricht fĂĽr möglich oder sinnvoll hält. Im Hinblick auf konkrete schulische Rituale (morgendliches Beten/Singen, …) und Gespräche ĂĽber religiös-spirituelle Themen, vor allem aber indirekt im Sinne der Auffassung des Lehrers, in welcher Beziehung Menschen zueinander, zu ihrer Welt, keinem, einem oder mehreren Göttern und vielen anderen wichtigen Komponenten stehen. Welche Verhaltensweisen definiere ich fĂĽr mich als „böse/schlecht“, was als „gut“, und welche Definitionen habe ich ĂĽberhaupt fĂĽr das Böse an sich? Halte ich es fĂĽr meine Aufgabe, das „Böse“ im Menschen zu bekämpfen, oder gestehe ich ihm einen Platz in dieser Welt zu? Menschen streiten dann ĂĽber pädagogische Methoden, ohne die Wurzel ihrer Bewertungen – politische un spirituelle Einstellungen –  auch nur anzuschneiden.

Die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen hat jedoch ganz reale Konsequenzen für den täglichen Unterricht für jeden einzelnen Lehrer und die ihm zugewiesenen Schüler, und doch wird Religion/Politik an Schulen üblicherweise eher ausgelagert an die für diese Belange zuständigen „Experten“ wie Religionslehrer oder Lehrer für politische Bildung.

Je nachdem, wie ich diese Fragen für mich beantworten werde, wird es mir auch leichter oder schwieriger möglich sein, die uns alle erwartenden dunklen Nächte des Glaubens zu überstehen, sei es im Alltag oder in der Schule. In meinem eigenen derzeitigen Menschenbild bestätigt sich in verschiedensten Situationen immer wieder, dass es üblicherweise langfristig sinnvoller ist, für eine gewisse Zeit mehr Energie zu investieren, um später die „Früchte“ ernten zu können, etwa ein entspannteres Miteinander nach einem aufgeladenen, aber nun gelösten Konflikt, oder einer Klasse von Schülern, die nun statt äußerer Disziplin, kontrolliert und organisiert über den Lehrer, weitgehend über innere Disziplin der Schüler arbeiten kann.

Warum ĂĽberhaupt Aktivierungsenergie einsetzen?

Das eingangs beschriebene Problem der Aktivierungsenergie, das so häufig davon abhält, das langfristig sinnvollere und für alle Seiten lohnendere zu tun, ist für mich ein universales, ebenso wie es die Lösung sein könnte: zu glauben. Sich – nach einem Check der notwendigen Ausrüstungsgegenstände – zu erlauben, in die dunkle Nacht zu gehen, dort zu zittern, zu fürchten, zu zweifeln. Um sich dann um so mehr am strahlenden Morgen eines nächsten Tages erfreuen zu können.

Es steht einem jeden frei, dies zu tun oder nicht. Doch mit der Zeit äußert sich die so „eingesparte“ Zeit und Energie wohl in den meisten Fällen entweder als eigene Unzufriedenheit mit den Anforderungen des „so harten Schicksals“ oder in einer gewissen Asozialiät gegenüber anderen, die dann die Konsequenzen der eigenen von energetischem „Geiz“ bestimmten Entscheidungen ausbaden müssen. Beides halte ich für nicht sonderlich wünschenswert, weswegen ich die Problematik der Aktivierungsenergie als hilfreiches Konzept und theoretische Sicherheit in der jeweiligen Situation auch so schätze.

Niklas

Ich möchte darauf hinweisen, dass im folgenden Artikel einige Schlüsse zu finden sind, die mich selbst beunruhigen. Nichtsdestotrotz erscheinen sie meinen eigenen Erfahrungen im Kleinen wie im Großen sowie einem Großteil der menschlichen Geschichte, wie sie uns schriftlich überliefert ist, zu entsprechen.

Der Ausdruck von Emotionen stellt eine sehr elementare Form der zwischenmenschlichen Kommunikation dar. So wissen wir etwa üblicherweise unabhängig vom Grund seiner Erregung, wenn ein Mensch sich wütend, traurig, ängstlich oder etwa glücklich fühlt. Vor allem bei Menschen, die uns nahe/wichtig sind, passen wir unser eigenes Verhalten oft an diese Emotionen an, in vielen Fällen ohne es zu merken. Dann sind wir besonders freundlich zu einem wütenden Menschen oder nehmen einen ängstlichen Menschen in Schutz.

Nun gibt es Menschen, die ihre Emotionen klarer nach auĂźen transportieren als andere. UrsprĂĽnglich dachte ich mir, es läge einfach am Charakter eines Menschen, wie emotional offen er anderen gegenĂĽber ist. Mittlerweile denke ich, es liegt am Grad des Vertrauens, den er in seine aktuelle Umgebung legt. Bei mir selbst kann ich feststellen, dass ich je nach den Menschen, die um mich sind, und meiner eigenen Verfassung sehr unterschiedlich offen sein kann. FĂĽhle ich mich unter meinen Mitmenschen sicher bzw. in mir selbst gerade gefestigt genug, kann ich sehr offen meine Emotionen zeigen. FĂĽhle ich mich krank, schwach oder in einer bedrohlichen Situation, so sind dieselben Emotionen zwar vorhanden, dringen aber nicht nach auĂźen oder – in besonders bedrohlichen Fällen – wandern sofort ins Unterbewusstsein, offensichtlich um kein Risiko einzugehen. Nach auĂźen hin bin ich dann wohl schwer zu lesen, emotionslos, regungslos – ein bisschen, als wĂĽrde ich mich totstellen.

In den letzten Tagen habe ich eine Biographie von Yassir Arafat gelesen und festgestellt, dass ich seine Perspektive nur dann in meine bisherigen Erfahrungen einordnen kann, wenn ich in meinem Weltbild die Möglichkeit einer Art „Blase“ schaffe, in der wir in Zentraleuropa leben. Innerhalb dieser Blase ist eine gewisse Art des Zusammenlebens möglich, weil unsere Vorfahren jahrhundertelang dafür gekämpft haben und wir uns im Laufe der Zeit an ein gewisses Miteinander gewöhnt haben. Für jemanden wie mich und viele andere Österreicher ist es z.B. selbstverständlich, das Existenzrecht meiner Mitmenschen zu respektieren, auch wenn ich sie vielleicht nicht mag oder sie anderen Subgruppen angehören als ich. Weltweit betrachtet dürfte dies wohl eher eine Anomalie denn eine Normalität darstellen. Beim Lesen seiner Biographie dachte ich regelmäßig „ist der Typ völlig wahnsinnig?“. Irgendwann habe ich mich dann jedoch gefragt, wie er zu diesem Denken gekommen sein mag. Und bin dann auf diese“ Blasen-Theorie“ gekommen.

Emotionsausdruck in Eigengruppe und Fremdgruppe

Bei allen zivilisatorischen Errungenschaften der letzten Jahrtausende, ein Teil unseres Verhaltens basiert immer noch unterschwellig auf unseren tierischen Wurzeln (Platzangst unter Menschen z.B. dĂĽrfte ebensolche Wurzeln haben). Oft, wenn wir uns „ohne Grund“ unwohl fĂĽhlen in einer Situation, sind diese EinflĂĽsse – wenn auch nicht bewusst – spĂĽrbar. Oder die Tendenz, sich zusammenzurotten, um als Gruppe Stärke zu zeigen. Wer sich entweder alleine stark fĂĽhlt oder in einer starken Gruppe unterwegs ist, wird sich tendenziell eher trauen, seine Emotionen frei auszudrĂĽcken als jemand, der um seine Sicherheit besorgt ist. Innerhalb einer befreundeten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, eine Grenze ĂĽberschritten zu haben und aufzuhören. Innerhalb einer feindlich gesinnten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, sich ĂĽber das Opfer herzumachen. Oder in die Sprache der Tiere ĂĽbersetzt: ein schutzloses Jungtier ist fĂĽr die Herde besonders schĂĽtzenswert, fĂĽr das Rudel Wölfe besonders einfach zu erlegen. Ein ähnliches Verhalten habe ich mittlerweile mehrmals bei Kindern, Jugendlichen wie Erwachsenen beobachtet, auch in Ă–sterreich, und von Ă–sterreichern, fĂĽr alle, die ein solches Verhalten nur auf Zuwanderer projezieren wollen.

Auf einer gewissen Basis-Ebene sind wir wohl gegenĂĽber wie auch immer gearteten Fremdgruppen auch wie ein Rudel Wölfe. Der Intellekt baut sich darĂĽber einen Ăśberbau von Werten und akzeptiert Autoritäten und Gesetze zu Schutze aller – doch existentielle Ă„ngste können helfen, diesen Ăśberbau zusammenbrechen zu lassen, wie sehr deutlich an Massenpaniken zu sehen ist. Eine diffuse existentielle Angst wie einem kommenden Zusammenbruch des Sozialsystems kann ähnliche Tendenzen der RĂĽckkehr zum Gruppendenken des Wolfsrudels verstärken – im Zweifelsfall fĂĽr uns zuerst. Gleichberechtigung und Ethik wird dort zum Luxus, wo das GefĂĽhl entsteht, das (gute) Ăśberleben sei nicht mehr fĂĽr alle gesichert.

Attributionsfehler

Da sich Menschen in vielen Situationen ĂĽber sehr viele sich ĂĽberlagernde Gruppen definieren, ist es fĂĽr den einzelnen oft nur noch schwer festzustellen, ob er sich in einem freundlichen oder gefährlichen Umfeld befindet, was zu mehreren problematischen Fehleinschätzungen fĂĽhren kann. Der offensichtlichste Fall ist jener, sich in einer gefährlichen Umgebung zu sicher zu fĂĽhlen und sich Angriffen auszusetzen, denen man sich nicht erwehren kann: “Diese Ausländer, die fĂĽhren sich bei uns auf als gehörte ihnen das Land!”, oder die zweifelhafte Idee, den österreichischen Thronfolger in Serbien in einem ungeschĂĽtzten Wagen herumfahren zu lassen, während der Hass sich schon lange zusammenbraute.

Der weniger offensichtliche ist, sich in einer befreundeten Umgebung zu befinden, dies falsch einzuschätzen und sich nicht zu trauen, Emotionsausdruck als soziales Stoppsignal oder Bedürftigkeitssignal einzusetzen. In der Folge glauben Freunde, es handle sich immer noch um ein Spiel während der Freund sich verletzt fühlt, oder reagieren Eltern nicht auf den verzweifelten Wunsch nach Nähe eines Kindes. Ich für meinen Teil tendiere zum Beispiel eher zur zweiten Variante der Attributionsfehler, was dann (nicht mehr oft aber hin und wieder) dazu führt, dass ich meine eigenen Grenzen nicht rechtzeitig aufzeige und unnötig von Menschen emotional verletzt werde, die dies gar nicht beabsichtigen oder manchmal zu schüchtern bin, um Hilfe zu bitten.

Erfahrungen, die sich ĂĽber längere Zeiträume wiederholen, können sich verhärten und zu dem werden, was man gemeinhin den Charakter eines Menschen nennt. Mit der Zeit ist es zwar möglich, Entwicklungen auch wieder umzukehren, aber einfach ist es nicht unbedingt – zumindest fĂĽr mich.

Autorität als Einigungsfaktor

Was in der Geschichte der Menschheit immer wieder dafür verantwortlich war, verschiedene Gruppen dazu zu bringen, sich nicht gegenseitig anzufallen, sobald ein Mitglied der anderen Gruppe Schwäche zeigte, war eine von allen Seiten akzeptierte (oder gefürchtete) Autorität, sei sie hergestellt durch übermächtige Kraftverhältnisse oder Führung, die Vertrauen schafft, sei sie in Form bestimmter Personen, Gruppen oder unpersönlich in Form von Gesetzen. In dem – schon etwas älteren – Film „Hero“ kommt eine Stelle vor, in der dem Kaiser sinngemäß die Absolution erteilt wird, das zerstrittene Reich zu einen, selbst wenn er dafür Gewalt ausüben und Hass auf sich nehmen muss. Sinngemäß spricht der Film vom Konzept des zentralisierten Gewaltmonopols, das alleine dauerhaften Frieden zwischen den verfeindeten Gruppierungen schaffen kann, weil nur so die Rechte aller unabhängig von der Gruppenzugehörigkeit garantiert (= im Notfall unter Einsatz von schützender Gewalt beschützt) werden können.

Wo diese alle ihr sich Unterordnende schützende Autorität für die sich Unterordnenden nicht spürbar ist, entsteht die Gefahr des Rückfalls in gewalttätige Gruppenkonflikte, sei es weil Gesetze bestimmte Gruppen unverhältnismäßig benachteiligen oder sich bestimmte Gruppen nicht mehr durch die Exekutive beschützt fühlt. Ein Wir-sind-wir auf der einen Seite verstärkt das gleiche Gefühl auf der Gegenseite, erschwert (emotionale) Verständigung und Empathie, weil der Ausdruck von Emotionen als Ausdruck von Schwäche vor dem Anderen vermieden werden muss. Bei aller Hoffnung: offensichtlich sind wir weltweit betrachtet weit davon entfernt, uns wie eine einzige verbundene Welt zu fühlen.

ZurĂĽck zur Schule mag es fĂĽr Lehrer interessant sein, darauf zu achten, inwieweit die Kinder Emotionen frei auszudrĂĽcken wagen bzw. in welchen Konstellationen untereinander ihnen dies möglich ist. Möglicherweise kann es notwendig sein, in Gewalt eskalierende Gruppenkonflikte rigoros zugunsten eines zentralen Gewaltmonopols einzudämmen (was wiederum eine enorme Verantwortung bedeutet, es nicht zur eigenen Bequemlichkeit zu missbrauchen!). Ebenso interessant mag es sein, inwieweit der Lehrer selbst bereit ist, in der Klasse oder auch im Kollegium seine Emotionen klar auszudrĂĽcken oder wo er sich zurĂĽckhält bzw. ob diese ZurĂĽckhaltung tatsächlich in einem gefĂĽhlt “feindlichen” Umfeld begrĂĽndet ist. Wenn ja, mag es im Kollegium wie in der Klasse sinnvoll sein, Veränderungen anzuregen.

Niklas

Im Folgenden eine Situation, die ich vor einigen Tagen in einer Klasse beobachten konnte:

Ein Sesselkreis wurde von der Lehrerin einberufen. Alle Kinder nehmen ihre Stühle und setzen sich. Die Lehrerin weist die Kinder an, „Mein rechter Platz ist leer“ zu spielen, woraufhin einige Kinder in Begeisterungsstürme verfallen. Manche Kinder haben Schwierigkeiten zu bestimmen, wo rechts und wo links ist, woraufhin die Lehrerin durchgeht und den Kindern die Hand zum Gruß gibt – „die Gruß-Hand ist die rechte Hand“. Ein Kind wird unruhig, schaukelt mit dem Stuhl, fängt an, mit dem Nachbarkind zu flüstern. Erste Ermahnung. Nach einer Weile beginnt das Spiel erneut, eine weitere Ermahnung. Dann wird es der Lehrerin zu bunt, und sie trennt die tratschenden Kinder voneinander. Zwei weitere Kinder, die noch nie „dran“ waren, reden miteinander, woraufhin die Lehrerin die Kinder auffordert, mal die Kinder dranzunehmen, die noch nie dran waren. Einige Sitzplätze werden von der Lehrerin vertauscht, „weil es nicht funktioniert, dass Kind X und Kind Y zusammensitzen“. Einige Zeit später, alle waren dran, bricht die Lehrerin das Spiel ab, und die Kinder können auf ihre Plätze zurückgehen.

Frage: Warum wurden die Kinder unruhig? Warum störten sie den Ablauf?

Die Antwort ist in Wahrheit natürlich erheblich vielschichtiger, als es sich in einem Artikel darstellen lässt. Die Gruppendynamik mag eine Rolle spielen. Die biographische Vorgeschichte. Zufällige Begebenheiten an dem Tag. Aber den Großteil dieser Dinge können wir als Lehrer weder kontrollieren noch beeinflussen. Es ist interessant, diese Gründe zu wissen, aber sie helfen uns im Regelfall nicht, etwas an der jeweiligen Situation zu verändern. Was wir jedoch verändern können, ist unser eigenes Verhalten. Und obwohl es in der beschriebenen Situation ein bzw. mehrere Schüler sind, die „stören“, liegen auch viele Umstände vor, die dieses „Stören“ begünstigen, die wir als Erwachsene durchaus in der Hand haben. Um dies zu verstehen, müssen wir uns in die Rolle des Schülers hineinversetzen.

Wie denkt ein SchĂĽler? Wie nimmt er wahr?

Das erste, was für unser Verständnis seines Verhaltens (und was wir dazu beitragen) wichtig ist, ist, dass vor allem jüngere Kinder noch einen sehr direkten Zugang zu ihren Bedürfnissen haben. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass ihnen diese Bedürfnisse tatsächlich bewusst sind und sie sie auch ausdrücken können, aber es bedeutet, dass sie Schwierigkeiten haben, den Impuls, der aus ihren Bedürfnissen erwächst, zu kontrollieren. Ein Kind, das auf die Toilette muss, muss auf die Toilette. Nach Möglichkeit jetzt sofort, damit es kein Unglück gibt. Ebenso „muss“ ein Kind, das den Impuls verspürt, seinem Freund etwas zu erzählen, diesem Impuls möglichst sofort folgen. Gerade kleinere Kinder haben oft auch noch kein gut entwickeltes Verständnis oder – noch wichtiger – Gespür für Zeit. Die Aussicht, etwas erst „später“ tun zu können, was aber jetzt wichtig erscheint, ist ihnen noch un-vorstellbar, entzeiht sich noch ihre Vorstellungsvermögen.

Die zweite Einsicht, die uns weiterhelfen kann, ist jene, dass Menschen diese Welt sehr unterschiedlich wahrnehmen – und dass vor allem jĂĽngeren Kinder diese Vorstellung noch sehr fremd ist. Das ist kein Wunder, haben ja auch Erwachsene meist noch Schwierigkeiten, dies zu akzeptieren. Es wirkt auf Kindern oft völlig klar, dass ihre BedĂĽrfnisse auch dem Anderen – z.B. von der Lehrerin – offensichtlich sein mĂĽssen. Wenn jemand ihre BedĂĽrfnisse dann missversteht oder gar nicht wahrnimmt, können sie dies als Unfähigkeit zu FĂĽhren oder – noch schlimmer – böse Absicht interpretieren. Ersteres fĂĽhrt zur Hinterfragung der Autorität desjenigen, der die Rolle des FĂĽhrenden gerade einnimmt, und dem Versuch, die eigene Autonomie wiederherzustellen. Zweiteres zu mehr oder weniger offenem Hass, teilweise auch zu Gewalt.

Zurück zu unserem Kind aus dem Beispiel oben. Es wurde von der Lehrerin gemeinsam mit seinen Mitschülern in den Sesselkreis geschickt. Nun befindet er sich in einer Situation, in der die Lehrerin klar die Führungsrolle übernimmt, indem sie die Regeln des Spiels definiert hat. Eine Weile mag das Spiel sogar (mehr oder weniger geplant) seinen Bedürfnissen soweit entsprechen, dass er sich auch gut darauf einlassen kann. „Mein rechter Platz ist leer“, vor allem mit vielen Kindern gespielt, bündelt jedoch nur jeweils die Aufmerksamkeit von jeweils 2-3 Kindern, die gerade „dran“ sind. Die anderen können eigentlich nur warten, bis sie auch als aktive Mitspieler ausgewählt werden. Nach einiger Zeit des Ruhig-Sitzens meldet sich das Bedürfnis nach Bewegung zurück. Möglicherweise ist das Kind noch nicht sehr erfahren darin, seine Impulse zu kontrollieren, und schaukelt mit dem Stuhl. Er wird ermahnt, doch still zu sein, fühlt sich und seine Bedürfnisse nicht wahrgenommen.

Und nun kommen wir zu einem interessanten Phänomen. In dieser Situation hat der Schüler keine für ihn wahrnehmbare Möglichkeit, auf legalem Weg eine Lösung zu finden. Er darf den Sesselkreis nicht einfach so verlassen, um für sich selbst zu sorgen. Seine Impulse sind jedoch auch zu stark oder seine Impulskontrolle noch zu schwach, um sie einfach zu unterdrücken, bis die Lehrerin ihn aus der Situation „erlöst“ hat, weil das Spiel ihrer Ansicht nach zu Ende ist. Und weil er nun vor einem Problem steht und diejenige in der Führungsrolle nicht einmal das Problem anerkannt hat, versucht er nun, selbst Lösungen zu finden, die ihren Bedingungen teilweise widersprechen können. Leise dem Stuhl zu wippen kann eine Möglichkeit sein, einen Impuls auszuleben, ohne die anderen zu stören. Mit dem Nachbarn flüstern ebenso. Es kann auch eine Lösung sein, so viel Druck auf die Lehrerin auszuüben, bis sie ihn als Bestrafung aus der Situation entfernen „muss“. Der Preis dafür ist, die Wertewelt der Lehrerin zu verlassen und die jeweiligen (negativen) Konsequenzen tragen zu müssen.

Die Freiheit schwarzer Schafe

Was auf den ersten Blick nicht intuitiv erscheinen mag: in manchen Fällen ist es zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse eines Schülers der einfachere (und effektivere) Weg, der Klassenclown oder das schwarze Schaf zu sein, als ein Musterschüler. Der Tagesablauf in vielen Klassen ist ja in Wahrheit aus der Sicht der Schüler von Willkür geprägt, und ist ziemlich unberechenbar. Wie viel % der Schüler an einer durchschnittlichen Schule wissen tatsächlich im Vorhinein, was die Frau Lehrerin an jedem Tag der Woche mit ihnen machen will? Je nach Beliebtheit der Lehrerin wird diese Willkür wohl eher als Ausgeliefertsein (negativ) oder als Überraschung (positiv) erlebt. Aber es bleibt in den meisten Fällen relativ willkürlich – und das bedeutet, dass große Teile des Tagesablaufes für die Schüler unberechenbar und damit kaum kontrollierbar sind. Wenn ich als Schüler jedoch die Erfahrung gemacht habe, dass ich einen Sitzkreis, bei dem ich feststelle, dass er meinen Bedürfnissen massiv widerspricht, verlassen kann, indem ich die Wertewelt der Lehrerin durchbreche, kann ich plötzlich einen Teil meines Tages kontrollieren. „Schlimm“ zu sein schafft damit Freiheiten, die „brav“ zu sein nicht bietet.

Man mag nun argumentieren, dass das ja langfristig ziemlich dumm von den Schülern ist, weil sich mit der Zeit ein gewisser Ruf einschleicht, bis zu gesellschaftlich akzeptierten Wertungen wie dem sonderpädagogischem Förderbedarf und weitere. Aber erstens existiert eine Art gesellschaftlicher Konsens, der es ächtet, Schüler unterschiedlich zu behandeln, „nur weil man sie nicht mag“. In vielen Fällen führt das dazu, dass von der Klassenlehrerin als „negativ“ erlebte Verhaltensweisen keine kurzfristigen Konsequenzen haben bzw. diese Konsequenzen zwar angedroht werden, aber in der Praxis nicht umgesetzt werden (können). Hier herrscht ebenso oft Willkür vor, weil es zwar meist Klassenregeln, aber keine definierten Konsequenzen gibt, was dazu führt, dass die in der Situation willkürlich angedrohten Konsequenzen sich in der Praxis dann oft als schwer oder gar undurchführbar herausstellen.

NatĂĽrlich schleichen sich gewisse langfristige Bewertungen als „schwarzes Schaf“ dann doch irgendwann ein. Aber bis es so weit ist, vergeht oft eine lange Zeit. Das ist dann ein StĂĽck weit wie in der Geschichte, dass das Wasser, in dem ein Frosch sitzt, so langsam erwärmt wurde, dass er gar nicht gemerkt hat, dass er gekocht wird. Wie eingangs erwähnt, haben vor allem kleinere Kinder oft noch Schwierigkeiten, langfristige Prozesse zu durchschauen. Und wenn sich der Ruf, ein “schwarzes Schaf” zu sein, ĂĽber Jahre aufgebaut hat und die Konsequenzen doch spĂĽrbar werden, ist es dann oft gar nicht mehr so einfach, als SchĂĽler oder selbst als Lehrer etwas dagegen zu unternehmen, weil die Fronten abgesteckt und eingefahren sind.

Anders handeln

Was könnte man als Erwachsener, der in einer Situation die Führung übernommen hat, nun tun, um Kindern die Vorteile des abweichenden Verhaltens zu bieten, ohne sie Monate oder Jahre später mit den langfristigen Konsequenzen zu überrumpeln, die ihnen zwar angedroht wurden, aber von denen sie sich keinen Begriff machen konnten (einem 13-jährigen zu erzählen, er würde keine Arbeit finden, wenn er so weitermache, wird ihm nicht viel sagen, bevor er nicht erlebt hat, was es heißt, Arbeit zu haben – bzw. noch wichtiger: Arbeit zu wollen und zu brauchen, aber nicht zu finden)? Die konkreten Antworten werden jeweils individuell zu finden sein. Nichtsdestotrotz halte ich es durchaus für möglich, Vorschläge für grundlegende Lösungskriterien zu denken.

Eine ganz grundsätzliche Lösung könnte die EinfĂĽhrung eines Grundprinzips sein, dass wir an meiner alten Schule eingefĂĽhrt haben: (beinahe) alles, was an der Schule angeboten wird, bleibt ein Angebot (Eine Ausnahme war das Lösungskomitee. Hier war man – wie bei Gericht – verpflichtet, zu erscheinen, wenn man selbst Betroffener war. Selten gab es auch Pflicht-Schulversammlungen). Obwohl der Initiator bestimmen kann (und soll), welche Regeln fĂĽr das Angebot gelten, darf er nicht verhindern, dass man als Besucher ein Angebot verlässt (man darf jedoch z.B. Regeln aufstellen, nach denen ein erneutes Besuchen nach vorzeitigem Verlassen untersagt ist). Dies hat den Vorteil, dass es in der Verantwortung der Besucher liegt, in jedem Moment zu entscheiden, ob sie es schaffen, dem Angebot weiter beizuwohnen. Und dass fĂĽr alle Beteiligten auch klar ist, dass es einen offiziell erlaubten Weg gibt, das Angebot zu verlassen. Es ist nicht notwendig, gegen den Initiator zu sein oder gar anzukämpfen, um das Angebot zu verlassen. Damit existiert ein yem>legaler Weg.

Eine zweite, sehr simple Lösung ist es, Möglichkeiten einzuführen, seine Bedürfnisse so zu äußern, dass sie von der Initiativperson auch gehört werden (und diese anhand der neuen Information entscheiden kann, ob Änderungen des Gesamtangebots möglich bzw. sinnvoll sind. Dies setzt allerdings eine gewisse Flexibilität voraus, was Vor- und Nachteile bieten kann. Einerseits macht es die tatsächliche Situation nur bedingt planbar, andererseits erspart es in vielen Fällen auch eine allzu detaillierte Feinplanung. Auch hier wird es sinnvoll sein, die erste Lösung, die Möglichkeit, jederzeit zu gehen, zusätzlich einzuführen, wenn geäußerte Bedürfnisse gerade nicht sinnvoll erfüllt werden können, aber trotzdem für jemanden wichtig sind.

Kinder als kleine Erwachsene

Dem Ganzen liegt ein Grundgedanke zugrunde, der angewendet auf Kinder möglicherweise auf den ersten Blick befremdlich wirkt, aber bei Erwachsenen bewusst oder unbewusst ständig am Wirken ist. Ein Erwachsener wird als jemand angesehen, der seine Bedürfnisse selbst erfüllen kann. Nachdem er das in vielen Fällen nicht alleine kann, unterwirft er sich in solchen Situationen freiwillig der Führung anderer, denen er vertraut, das gut zu machen. Aber er wählt. Er wählt, ob er überhaupt die Erfüllung seiner Bedürfnisse jemand anderem anvertraut. Er wählt, wer ihn führen soll. Und er wählt die Konditionen dieser Führung. Das gleiche Prinzip lässt sich grundsätzlich auch auf Kinder anwenden. Die Verantwortung für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse liegt grundsätzlich bei ihnen. Aber wenn sie es für richtig halten, können sie diese Verantwortung für eine Weile „auslagern“. Um sinnvoll entscheiden zu können, müssen sie jedoch (wie jeder Erwachsene auch) wissen, was sie ungefähr erwartet, und die Chance haben, bei Fehlentscheidungen zu korrigieren, eben z.B. in der Form der Möglichkeit, das Angebot zu verlassen.

In unserem eingangs erwähnten Beispiel wäre es beispielsweise möglich gewesen, den Kindern vor Einberufung des Sesselkreises zu sagen, dass im hinteren Bereich der Klasse jetzt „Mein rechter Platz ist leer“ gespielt werden wird. Im Idealfall auch noch, warum, welchen Sinn das in den Augen der Lehrerin hat (der tiefere Sinn der aus Sicht der Kinder willkürlichen Entscheidungen der Erwachsenen wird ja gewöhnlich sowieso überhaupt nie erwähnt, und erschließt sich eben nicht jedem Kind automatisch. Gerade die Erfahrung diese Herleitung des Handelns aus einem tieferen Sinne wäre jedoch so wichtig für die Entwicklung der Kinder). Dass jeder mitmachen könne, und dass es z.B. auch möglich sei, etwas anderes am Platz zu machen, wenn man entsprechend leise sei (plus vielleicht noch die Konsequenzen, wenn auch das nicht klappt). Dass jeder, der mitmacht, auch jederzeit gehen könne, wenn er es nicht mehr aushält, aber das so machen soll, dass die anderen weiterspielen können. Vielleicht noch (wenn von der Lehrerin gewünscht, vielleicht nach einigen Minuten), dass es auch möglich sei, Vorschläge zu machen, was man noch machen könnte (z.B. mein linker Platz ist frei, mein Schoß ist frei, andere Sesselkreisspiele – wenn man hier eingangs den Sinn der Übung erwähnt hat, hat man nun ein gutes Kriterium bei der Hand, um Vorschläge zu bewerten!). All diese Erklärungen, so umständlich sie erscheinen mögen, können helfen, negativ erlebtes abweichendes Verhalten zu minimieren.

„Negatives“ Verhalten ist (neben biographischen GrĂĽnden) meiner Ansicht nach sehr häufig darauf zurĂĽckzufĂĽhren, dass in der Organisation des sozialen Systems (in der die Klassenlehrerin häufig die Rolle der FĂĽhrenden einnimmt – und damit zumindest mit-verantwortlich ist) fĂĽr wichtige BedĂĽrfnisse mancher Beteiligten kein Platz vorgesehen ist. Es mag hilfreich sein, selbst oder mit Hilfe von Freunden, Kolleginnen zu reflektieren, welche BedĂĽrfnisse in dem sozialen System keinen Platz haben, ob es nicht doch eine Zeit und einen Ort fĂĽr sie gibt oder ob das System ganz allgemein so weiterentwickelt werden kann, dass es mehr dieser BedĂĽrfnisse erfĂĽllen kann. Die einfachste Variante aber wird es wohl sein, einfach die Beteiligten zu fragen – in diesem Fall die Kinder.

Eine Rand-Notiz noch zum Thema Verbalisierung von Bedürfnissen: was für Erwachsene oft sehr ungewohnt und schwierig ist, ist für Kinder auch nicht unbedingt leichter. Es geht nicht nur darum, die Bedürfnisse, die ein Kind auch explizit verbalisieren kann, zu beachten, sondern auch jene, die implizit in seinem Verhalten ausgedrückt werden. Hier kann es hilfreich sein, zu raten und das Kind zu fragen, etwa „Ich habe das Gefühl, du brauchst gerade Bewegung, stimmt das?“. Wenn das Kind bejaht, kann gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Wenn das Kind verneint, kann gemeinsam weiter „geforscht“ werden, bis eine treffendere Verbalisierung gefunden wird, falls es dem Kind wichtig ist, verstanden zu werden (auch hier kann wieder gefragt werden).

An alle, die sich durch den ganzen langen Text bis hierher durchgekämpft haben: Gratuliere! Ich hoffe, er hat geholfen, einige Perspektiven zu erweitern. Und weil ich auch an den Sinn von dem glaube, was ich schreibe, würde es mich freuen, wenn er auch mit möglichst vielen anderen Menschen geteilt wird. Kostet ja nichts außer einem Augenblick der Aufmerksamkeit.

Danke fĂĽr eure Zeit,
Euer Niklas