„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von VerlÀsslichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit GrĂŒnden
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich ĂŒberfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttÀuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurĂŒck in Einsamkeit
Ich wollt, ich hÀtt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quĂ€lt und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kÀmpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe grĂ¶ĂŸter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darĂŒber
Auf die, die Liebe lĂ€sst mich fĂŒhlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlÀsst

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch lÀnger brauchen
Hab meine BrĂŒcke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fĂŒhlst
Dann öffnen wir die DÀmme
In uns, um uns, trÀnken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelÀnge!
Die DĂ€mme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geĂŒbt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

Wie alles begann? Nun, mein junger Freund, so will ich dir also antworten… Wir hatten geglaubt, wir wĂŒssten doch, was passiere. Dass es nur Show sei. Brot und Spiele braucht der Mensch, um zufrieden zu sein, und da das Brot langsam auszugehen drohte, vertrieben wir uns die Zeit eben mit Spielen


Ja, es gab sie, die großen Denker, die es hĂ€tten wissen mĂŒssen. Aber sie dachten zu viel darĂŒber nach, was denn alles passieren könne, als dass sie die Zeit gefunden hĂ€tten, aufzuschreien. Gab die Seher, die die Zeichen zu deuten wussten. Sie wurden fĂŒr Blinde gehalten, wirr durch die Luft wirbelnd. Es gab die großen FĂŒhrer, die fĂŒr Momente das Schicksal einer Nation, eines Kontinents in ihren HĂ€nden hielten – bevor sie jene heiße Kartoffel an den NĂ€chsten weitergaben. Die bestĂ€ndigen Ja-Sager und die bestĂ€ndigen Nein-Sager und jene, die auch einmal nachdachten. Sie alle existierten, um uns, in uns, deutend, schreiend, berstend in der Angst, nicht gehört zu werden. Wir hatten all die Warnungen gehört, und die Warnungen vor den Warnungen, und so weiter – bis wir vor lauter Warnungen gar nicht mehr wussten, wovor und vor wem wir uns noch zu fĂŒrchten hatten. Mussten wir uns tatsĂ€chlich ĂŒberhaupt fĂŒrchten?

Wir sahen uns um, hielten inne. FĂŒr einen kurzen Moment nur, inmitten der kopflosen Masse, die nur noch aus Maschinen zu bestehen schien, als wĂ€ren sie nichts als Lautsprecher fĂŒr das selbst gerade eben Gehörte. Und wir schlossen daraus, dass von jenen Menschen keine Gefahr auszugehen schien. FrĂŒher oder spĂ€ter mĂŒsste ja doch wieder die Vernunft zurĂŒckkehren. Es konnte ja nicht ewig so weitergehen, meinten wir zueinander, klopften uns auf die Schultern und lĂ€chelten uns wissend zu.

Und ein StĂŒck weit
 genossen wir die allgemeine Unruhe auch. Dieses GefĂŒhl der ErmĂ€chtigung der Massen
 es war aufregend. Warum sich nicht ein einziges Mal im Leben nicht kĂŒmmern, die Welt ihren Lauf nehmen lassen? Unbeteiligter Zuseher zu sein in einem Schauspiel, das ohnehin nicht von unserer Hand dirigiert wurde
 Eine gewisse Hemmungslosigkeit hatte sich in der Bevölkerung breit gemacht, eine regelrechte Gaudi
 es war eine feine Sache, mit ein paar Freunden ĂŒber andere Menschen zu schimpfen, aber man hatte sich immer hĂŒten mĂŒssen, gewisse Grenzen einzuhalten. Nun jedoch war endlich die Zeit gekommen, authentisch zu leben und zu sprechen. Dem Mann mit dem wirren Bart und der dreckigen Haut endlich mal die Meinung zu sagen. Er gehörte hier nicht hin. Basta. Hier war nur Platz fĂŒr den gepflegten Mittelstand. Wie gut das tat!

Mittelstand
 das war immer der Punkt gewesen, an dem man sich selbst wĂ€hnte und von dem aus man andere je nach Blickwinkel beneidete oder verachtete. Nun, da die großen Spiele von den ersten Pionieren in der Politik eröffnet worden waren, war es endlich möglich, auch hierin ehrlich zu sein. Die Spinnerten von der Straße, wozu brauchten sie ihr Brot? Womit hatten sie es verdient? Und die Reicheren, womit hatten die es verdient? Doch sicherlich nur durch Lug und Betrug, so war es nur gerecht, es ihnen wieder zu entreißen. Wir waren die modernen Robin Hoods, die einzig Gerechten. Endlich waren wir an der besten Art der Basis-Demokratie angekommen: Jeder hatte Recht. Und wenn man schnell, schlau oder stark genug war, konnte man dieses Recht auch durchsetzen. Das war doch irgendwie fair, dachten wir. Und so haben wir eben am Ende dann alle mitgemacht. Anfangs gab es noch einen Überrest von Regeln in jenem Spiel, aber bald haben die, die gut darin waren, festgestellt, dass Regeln die meiste Zeit nur im Weg sind, und irgendwann gab‘s dann eben das, was du heute als „Naturrecht“ findest: Recht entsteht, sobald du es irgendwie durchsetzen kannst.

Wir hĂ€tten es doch wissen mĂŒssen, sagst du heute, und wir werden dir sagen, nein, dass es soweit kommt, haben wir nicht geglaubt und schon gar nicht gewusst. Wenn du aber jemanden erwischt, der ehrlicher mit dir ist, so wird er dir sagen, wir haben es nicht gewusst, aber doch irgendwie gehofft. Wir freuten uns auf die Spiele, freuten uns darauf, uns um das verbliebene Brot zu prĂŒgeln. Es klang aufregender als es tagein, tagaus zu backen. Wir hatten nie erlebt, was Krieg bedeutet. Es klang zu aufregend, es nicht mal auszuprobieren, und uns war so verdammt langweilig.

Du suchst nach dem Verursacher, demjenigen, der den ersten Stein geworfen hat, dem großen AnfĂŒhrer, dem einen Schuldigen, der die Massen verfĂŒhrt hat, aber lass dich nicht von jenen blenden, die sich Ă€ngstigen, die Wahrheit anzusprechen: Wir alle haben es zugelassen, und wir alle haben mitgefiebert. Wir haben zugesehen, als die ersten Menschen verbal entmenschlicht wurden. Haben zynische geflĂŒstert: so fĂ€ngt es an, und auf die nĂ€chste Seite der „Heute“ geblĂ€ttert. Haben erstaunt aufgeblickt, als in den Abendnachrichten die Meldung kam, Unbekannte hĂ€tten einen Mann unbekannter Herkunft krankenhausreif geschlagen, weil „seine Sippe“ deutsche Frauen vergewaltige, und sie insgeheim bewundert, weil sie im Gegensatz zu uns handelten. Wir haben zugesehen, als andere sich nicht mehr mit Zusehen begnĂŒgten, und als sie begannen, das Recht auch ganz offen auszuhöhlen, lĂ€chelten wir uns zynisch zu, weil wir wussten, dass ohnehin lĂ€ngst nur noch das Unrecht exekutiert worden war. Nun kehrte endlich eine gewisse Ehrlichkeit zurĂŒck.

Möglicherweise waren wir tatsĂ€chlich die aufgeklĂ€rteste Generation seit Anbeginn der menschlichen Geschichtsschreibung. Vielleicht war es deswegen so unvorstellbar fĂŒr uns, dass am Ende niemand aufstehen wĂŒrde, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir alle wussten, was passierte, und wir alle wussten, dass auch alle anderen wissen mussten. Irgendjemand wĂŒrde die Spiele fĂŒr beendet erklĂ€ren, weil ja doch alle realisieren mussten, dass sie außer Kontrolle geraten waren. Wir glaubten an eine dem Menschen innewohnende absolute Grenze.

Wir waren so naiv, mein junger Freund


In der allgemeinen Panik waren einige auszumachen, die seltsam ruhig zu bleiben schienen. WĂ€hrend rund um sie Menschen jeden Alters kopflos umherrannten und Ă€ngstlich in jedes Gesicht blickten, um herauszufinden, von welcher Seite Gefahr drohen wĂŒrde, gingen sie mit einer unheimlich wirkenden Seelenruhe zum Ausgang des Stadiums – und warteten. Mit ihrer fĂŒr die Situation auffallend geringen Gehgeschwindigkeit waren sie einigen ihrer panischen Mitmenschen im Weg, die sie unsanft zur Seite stoßen wollten, aber meist sahen sie die puffende Hand, den verĂ€rgerten Schubs schon kommen und wichen rechtzeitig aus. Wie zu erwarten gewesen war, waren die TĂŒren des Stadions verschlossen worden. Gute SicherheitskrĂ€fte. Die AusgĂ€nge offen zu halten, wĂ€hrend eine kopflose Masse sich gegenseitig niedertrampelte, war ein sicheres Rezept, um Menschen tottrampeln zu lassen. Und so schlenderten sie bedĂ€chtigen Schrittes durch das Gewusel, bis sie einen Platz gefunden hatten, der in sicherem Abstand zu den TĂŒren einen gewissen Schutz vor einer eventuell spĂ€ter ausbrechenden Panik bieten konnte – Inseln der Ruhe in dem allgemeinen Chaos und der Furcht, die sie umspĂŒlten.

Auf die Atmung achten. Das Wunder genießen, ein- und ausatmen zu können, immer wieder, ohne in der Zwischenzeit von einer Gewehrkugel zerfetzt oder einer Granate zerbombt zu werden. Wenn man auf seinen Atem achtete, war es möglich, jeden Atemzug ein bisschen lĂ€nger, ein bisschen intensiver zu spĂŒren. Das lernte man rasch in einer Umgebung, in der ein jeder der letzte sein konnte. Er ertappte sich dabei, wie er die kopflosen, fassungslosen Massen um sich mit einem gewissen Mitleid betrachtete. Sie waren wie Kinder, schoss es ihm durch den Kopf. Kinder, die ein Paradies von ihren Eltern geerbt hatten, ohne es zu wissen. Die ihr Leben lang in einer Blase gelebt hatten, durch die die Welt außerhalb in den schillerndsten Farben schien. Und nun war jemand gekommen, hatte die Blase platzen lassen, und sie mussten mit Schrecken feststellen, dass von den schillernden Farben nur noch das ĂŒbrig blieb, was sich in der wirklichen Welt finden ließ. Das, was man selbst mit der Arbeit seiner HĂ€nde und seines Geistes schuf. Und als sie sich umsahen, zum ersten Mal ohne das Blendwerk greller Farben sahen, was sie mitgeschaffen hatten, erschauderten sie.

Da waren einige von ihnen gewesen, die ihn in einem Anflug von Panik fĂŒr einen weiteren Terroristen gehalten hatten, wohl weil er in der Massenpanik so ruhig bleiben konnte, in ihren Augen also mit Sicherheit mehr wissen musste. Aber das war nicht der Grund fĂŒr seine Ruhe. Er war es schlicht gewöhnt, jeden Augenblick von einer zufĂ€lligen Bombe zerrissen werden zu können, die nicht gegen ihn als Mensch, sondern fĂŒr eine obskure Idee gezĂŒndet worden war und deren Berechtigung sich in der potentiellen Anzahl der Opfer anstatt in der Sinnhaftigkeit der Idee finden ließ. Dort, wo er herkam, war es normal, einen völlig sinnlosen Tod zu sterben. Außergewöhnlich war es eher, wenn man lange genug ĂŒberlebte, um davonzukommen.

Er stammte aus einem sogenannten „sicheren Herkunftsland“, wie sie es hier zu nennen pflegten. In dem offiziell kein Krieg oder BĂŒrgerkrieg herrschte, aber auch nur deswegen, weil sich die Menschen schon so an die alltĂ€gliche Gewalt gewöhnt hatten, dass eine Unterscheidung in “Krieg” oder “nicht Krieg” schon lange keinen Sinn mehr zu machen schien. War einer der GlĂŒcklichen gewesen, die ĂŒberlebt hatten, die sich durchgeschlagen hatten bis hierher. Die gedacht hatten, die Menschen hier mussten in gewisser Weise Über-Menschen sein, besonders mutig, kraftvoll oder weise. Die zwei AnschlĂ€ge auf das FlĂŒchtlingsheim, in das er gekommen war, hatten ihm gezeigt, dass die Menschen hier auch nicht weiser waren als in seiner Heimat. Vielleicht waren sie weniger gleichgĂŒltig gegenĂŒber der alltĂ€glichen Gewalt, dafĂŒr aber umso mehr bereit, selbst zur Gewalt zu greifen, um „Gerechtigkeit zu ĂŒben“, wie sie es nannten. Sie hatten wohl Übung nötig, denn Gerechtigkeit war hier nur sehr schwer zu finden.

Nun waren die Tore geöffnet worden, und die Menschen strömten aus dem Stadion. Er wartete ein paar Minuten, bevor er ihnen folgte. GleichmĂŒtig. Er hatte das Paradies gesehen, von dem sie in seiner Heimat gesprochen hatten, und auch wenn es in so vielem dem widersprach, was ihm versprochen worden war – wie viel mehr konnte er vom Leben erwarten? Einatmen. Ausatmen. Den Moment genießen, so lange er wĂ€hrte. Um ihn herum kopflose Kinder im Körper ausgewachsenen Menschen, die sich empörten, dass so etwas mitten in Paris passieren konnte, dass die SicherheitskrĂ€fte so versagt haben konnten. Wo waren die Pariser, die sich beschwerten, dass so etwas jeden Tag in seiner Heimat passierte? Wo waren die SolidaritĂ€ts-Profilbilder auf Facebook fĂŒr den 300. Anschlag in diesem Jahr in seiner Heimat? Niemand hier wĂŒrde auch nur auf die Idee kommen, die Opfer dort zu beweinen, vielleicht sogar als mögliche Ursache der Opfer hier zu erkennen.

Doch wer war er, ihre Blase platzen zu lassen? Doch nur ein „Wirtschafts-FlĂŒchtling“, der nicht einmal das Recht hatte, hier zu sein, weil er aus einem angeblich „sicheren Herkunftsland“ stammte. Es gab hier nichts zu sagen fĂŒr ihn, und noch weniger Ohren, die ihm zuhören wollten. Deswegen: Einatmen. Ausatmen. Leben. So lange es eben wĂ€hrte. Diese aufgeblasenen Kinder, ĂŒberfordert mit der RealitĂ€t einer Welt außerhalb ihrer Blase, taten ihm irgendwie Leid.

Willkommen in meiner Welt, dachte er traurig.

Nachtrag 1: Im Nachhinein betrachtet ist es wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass ein FlĂŒchtling die Möglichkeit hat, ins Stadion zu kommen, wĂ€hrend die französische Nationalmannschaft spielt.
Nachtrag 2: Gestern abend hörte ich im deutschen Radio einen Bericht ĂŒber den SĂŒd-Sudan, in dem berichtet wurde, wie viele 10.000 (vorsichtig geschĂ€tzt) Menschen dort jĂ€hrlich bedroht, vergewaltigt (teilweise als Kriegstaktik) und umgebracht werden, und dass dies seit Jahrzehnten so ist, auch nach dem Ausrufen offizieller Waffenruhen. Nur, um nochmal zu zeigen, welch unglaubliches und beinahe unwahrscheinliches GlĂŒck wir eigentlich haben, dass solche Geschehnisse bei uns die Ausnahme und nicht die Regel sind. Das ist offensichtlich keineswegs selbstverstĂ€ndlich.

Man findet sehr viele Artikel im Netz, in denen vorgeschlagen wird, mal absichtlich schlecht zu schreiben, weswegen ich es einfach mal versucht habe. Wer findet alle absichtlich eingebauten unlogischen und gestalterisch anstrengenden Stellen?

Es war einmal ein Mensch, der ging eines Tages in der Welt umher, und plötzlich passierte es! Auf einmal landete ein Ufo, und heraus stieg ein Alien, und erlĂ€uterte ihm, dass er der einzige Mensch auf der Welt sei, der sie noch retten könnte. DafĂŒr mĂŒsse er allerdings mitkommen auf den Planeten Xzachghzy, und zwar ganz dringend. Die Xzachghzyaner wĂ€ren nĂ€mlich im Krieg mit den Quaaaabnern, anderen Aliens, und die Erde sei ein strategisch wichtiger Punkt in diesem interstellaren Krieg. Die Xzachghzyaner-GenerĂ€le wollten die Erde gerne sprengen, um sie nicht den Quaaaabnern zu ĂŒberlassen, aber das Alien, das eben nun gelandet war, gehöre einer Organisation zum Schutz unglaublich intelligenter Rassen an, also seien sie hergekommen, um ein Prachtexemplar von einem intelligenten Menschen mitzunehmen und zu beweisen, dass die Erde schĂŒtzenswertes intelligentes Leben bewohne. NatĂŒrlich freute sich der Mensch, fĂŒr sehr intelligent gehalten zu werden, und kam sofort mit dem Alien mit auf seinen Planeten. WĂ€hrend der Hinreise, die etwa einen Tag dauerte, lernte er (da er ja sehr intelligent war) noch Xzachghzyanisch, um sich auch mit den anderen Aliens gut verstĂ€ndigen zu können. Das erste Alien hatte nĂ€mlich ein ÜbersetzungsgerĂ€t mitgehabt, aber das war sehr teuer und nicht alle Xzachghzyaner konnten es sich leisten. Deswegen war es eben wichtig, die Sprache des Planeten zu lernen.

Auf dem Planeten angekommen, musste der Mensch feststellen, dass die Aliens auf dem Planeten alle gleich aussahen, und er deswegen erst einmal lernen musste, die Unterschiede zwischen ihnen zu erkennen. Nachdem er dies einen weiteren Tag versucht hatte, wurde ihm endlich erklĂ€rt, dass es keine Unterschiede gab, weil alle Aliens geklont worden waren. Vor vielen Jahren gab es nĂ€mlich einen Krieg, und alle Aliens bis auf zwei starben dabei. Nur eines namens Xzachghzyan und eines namens Quaaaab ĂŒberlebten, und die hatten sich eben geklont, damit ihnen nicht langweilig wurde. Weil aber keiner der beiden Experten in der Bedienung der Klon-Maschine gewesen waren, wussten sie nicht mehr, wie man diese ausmachte, und so waren eben ziemlich viele Klon-Aliens entstanden, so viele, dass der Platz nicht mehr fĂŒr alle ausreichte im Universum.

Deswegen waren sie eben nun wieder im Krieg. Ziemlich viele Aliens starben dabei, aber das war ja nicht weiter schlimm, weil die Klon-Maschine sowieso stĂ€ndig neue Aliens ausspuckte. Es war sogar ganz gut so, weil sonst der Platz eben zu klein geworden wĂ€re. Der Krieg war die beste Idee gewesen, die sie bisher gehabt hatten, um mit dem kleinen Universum auszukommen. Einem Klon war nun die Idee gekommen, dass es vielleicht dumm war, die Erde zu sprengen, wo doch darauf Menschen lebten, die angeblich intelligent waren, vielleicht hatten ja die eine Idee, wie man den Krieg beenden konnte. UrsprĂŒnglich war der nĂ€mlich auch deswegen praktisch, weil es einem selten langweilig wurde, wenn man im Krieg war. Aber nach einigen Jahrhunderten war es nun doch auch langweilig geworden, immer die gleichen geklonten Aliens umzubringen.

Der Mensch war wirklich sehr intelligent, deswegen schlug er den Aliens vor, doch die Energieversorgung der Klon-Maschinen abzustellen, damit nicht stĂ€ndig neue Klone gemacht wurden, die man dann umbringen musste, das war nun wirklich ziemlich viel Arbeit und nicht sehr effizient. Die dabei gesparte Energie sollte man nun nutzen, um das Fernsehen einzufĂŒhren, das sei nun wahrlich interessanter als immer derselbe blöde Krieg.

Das fanden die Aliens so brilliant, dass sie vor Freude umhersprangen. Dann gingen sie zur Klon-Maschine und zogen den Stecker. Leider hatten sie vergessen, dass der Stecker auch fĂŒr die Aufrechterhaltung der AtmosphĂ€re zustĂ€ndig war, und so verpuffte diese ganz schnell, und alle Xzachghzyaner und der intelligente Mensch erstickten darauf ziemlich unrĂŒhmlich. Die Quaaaabner waren ein wenig ĂŒberrascht, dass der Krieg nach so vielen Jahrhunderten so einfach aus war, und beschlossen, die Erde in Zukunft in Ruhe zu lassen, aus Angst vor weiteren intelligenten RatschlĂ€gen, die sie dasselbe Schicksal erleiden lassen könnten wie die Xzachghzyaner. Und so wurde der intelligente Mensch durch seine genialen RatschlĂ€ge zu einem unbekannten Helden der Menschheit, ohne den wir mit Sicherheit von den Quaaaabnern beherrscht worden wĂ€ren.

The End
(besonders wichtig fĂŒr “gute” Geschichten ist ein – am besten noch englisches – The End, deswegen darf es nicht fehlen)

#55 Schlecht schreiben als .pdf downloaden

Sechzig Jahre spĂ€ter, war auf dem Plakat im Museum vor Temelin zu lesen, wĂŒrde der menschliche Erfindergeist wohl schon eine Lösung fĂŒr die derzeit in Zwischencontainern untergebrachten verbrauchten BrennstĂ€be finden. Das war immerhin eine lange Zeit, und der Mensch hatte schon schwierigere Probleme bewĂ€ltigt. Und nach einer Reihe von Kinderfesten und anderen AktivitĂ€ten waren schließlich auch die Anrainer ĂŒberzeugt, dass die Atomenergie wohl eine der saubersten Lösungen fĂŒr den zunehmenden Energiehunger in der EU sei. Das musste wohl um die Jahrtausendwende gewesen sein, damals, als man die Jahre noch zĂ€hlte, als wĂ€re Zeit ebenso unbegrenzt wie die Fantasie des Menschen, sich grĂ¶ĂŸere Zahlen auszudenken.

Zwanzig Jahre spĂ€ter war klar gewesen, dass der menschliche Erfindergeist es zwar fertiggebracht hatte, knappe sieben Milliarden Menschen aus allen LĂ€ndern so zu vernetzen, dass sie sich als Geschwister fĂŒhlten. Doch den wohl unmenschlichsten Krieg in der modernen Geschichte hatte er nicht verhindern können. Sieben Milliarden Menschen, vom Kap der guten Hoffnung bis hinauf nach Grönland, die nun, nach all den Jahrhunderten, Jahrtausenden des Hasses und der Verblendung, endlich entdeckt hatten, dass ein Mensch auch dann, wenn er Tausende Kilometer entfernt geboren war, nur ein Mensch sein wĂŒrde. Dass ein jeder Mensch völlig unabhĂ€ngig von seiner Herkunft das Potential in sich trug, diese Welt zu einem Paradies oder einer Hölle auf Erden zu verwandeln, und dass sie es gerade deswegen verdient hatten, zu leben, dass sie ĂŒberleben mussten, damit einer von ihnen jene Idee haben wĂŒrde, die alle retten wĂŒrde.

Vierzig Jahre spĂ€ter waren die meisten der noch nicht verseuchten SĂŒĂŸwasserreservate aufgebraucht, viele im Kampf um die letzten Ressourcen gefallen, vernichtet. Es war schlimm gewesen, Menschen zu töten, damals, in den großen Kriegen der Moderne, der jenem vorangegangen war. Und doch waren es damals Feinde gewesen. Die GenerĂ€le erklĂ€rten, es seien keine Menschen, und wie bereitwillig war man doch bereit, es zu glauben! Es erleichterte das Töten, wenn man nur feindliches Fleisch vor sich wĂ€hnte. Wer konnte leichten Herzens einen Menschen töten, dessen Geschichte man gehört, dessen GrĂŒnde, dessen TrĂ€ume man vernommen hatte?

FĂŒnfzig Jahre spĂ€ter war es ihnen zur Gewohnheit geworden. Der tagtĂ€gliche Überlebenskampf, der jede Moral, jede Ethik mit dem Zunehmen des Hungers zersetzen musste. Der Mensch war trotz allen Fortschritts doch ein Gewohnheitstier, konnte sich beinahe allen UmstĂ€nden anpassen. Nicht umsonst hatte er Jahrtausende ĂŒberlebt, unter den widrigsten UmstĂ€nden. Und auch nachdem die Zwischenlager-Container, die lĂ€ngst zu Endlager-Containern geworden waren, ihren Inhalt in das Grundwasser, die BĂ€che, FlĂŒsse, Seen und spĂ€ter Meere freigegeben hatten, wĂŒrde der Mensch ĂŒberleben, wĂŒrde stets eine Nische finden, in der er sich niederlassen, in der er ĂŒberleben wĂŒrde.

Sechzig Jahre spĂ€ter streiften sie nun durch das alte Europa, in kleinen Herden zusammengeschlossen, um zu ĂŒberleben. Im ehemaligen Berlin wĂŒrden sie ĂŒber die historischen Überreste der Mauern klettern, die Europa einst getrennt hatten, in BrĂŒssel wĂŒrden sie, hĂ€tte vielleicht noch jemand gewusst, was Buchstaben, was Worte waren, die stolzen Worte EuropĂ€ische Union entziffern können. In dem alten Museum nahe den alten Reaktoren in Temelin wĂ€ren sie vielleicht auch auf die alte Inschrift gestoßen, die von einem menschlichen Erfindergeist sprach, der sie nun, sechzig Jahre nach der Anbringung der Inschrift, dazu befĂ€higen hĂ€tte sollen, etwas dagegen zu unternehmen, dass es gekommen war, wie es gekommen war.

Doch die Buchstaben, die Worte ergaben ihnen keinen Sinn.

#37 Sechzig Jahre spÀter als .pdf herunterladen

Es war ein lauer Samstagabend, als er den großen Marktplatz ĂŒberquerte, und innehielt, weil er in einiger Entfernung ihm unverstĂ€ndliche Stimmen hörte, die offensichtlich in fremder Sprache redeten. Weil er noch eine Weile Zeit hatte, bis die GeschĂ€fte schließen wĂŒrden, folgte er den Stimmen und gelangte schließlich ins Zentrum, wo sich einige Hundert Menschen versammelt hatten und geschlossen auf dem Boden saßen. Einige von ihnen hatten Fahnen eines ihm unbekannten Mannes dabei, viele von ihnen riefen eifrig Parolen mit, die ihnen ein Mann mit Mikrophon in einer ihm fremden Sprache vorsprach.

„Anfangs sind es nur einige VerrĂŒckte gewesen“, sprach ihn ein Passant von der Seite an, „doch mittlerweile sind es schon Hunderte!“, um dann wieder in der Menschenmenge zu verschwinden, die die Demonstranten eher ratlos beobachtete. Was wollten diese Menschen hier? Wer war der Mann auf der Flagge? Warum sprachen sie nicht Deutsch? Mitten im Zentrum einer deutschen Kleinstadt mussten sie damit rechnen, dass ihre fremde Sprache nicht von vielen Menschen verstanden werden wĂŒrde.

Irgendwann wurde es dem Besitzer eines Restaurants, dessen GĂ€ste die Demonstranten ebenso verwundert beobachteten, zu viel, und er schimpfte lautstark ĂŒber „dieses Dschihadistenpack, das die Freizeit hat, hier zu demonstrieren, wĂ€hrend der einfache deutsche Arbeiter kaum mehr ausreichend Geld hat, um ĂŒber die Runden zu kommen, weil wir diese Wahnsinnigen alle mitfĂŒttern mĂŒssen“. Die mit ihrem dĂ€mlichen Koran junge Leute fĂŒr ihren blöden Gott in irgendeinen heiligen Krieg schickten! Und dann nicht einmal Deutsch reden konnten! Die Zeit fĂŒr ihre Demonstrationen hatten sie also, aber zum Deutsch lernen natĂŒrlich wieder nicht!

Der Restaurantbesitzer hĂ€tte sich vermutlich noch eine ganze Weile weiter aufregen können, wĂ€re ihm nicht einer der Demonstranten freundlich entgegengetreten und ihn auf Deutsch angesprochen: „Wir machen diese Demonstration auf Deutsch, Englisch und Kurdisch, damit möglichst viele Menschen uns auch verstehen können. Der kurdische Teil ist nun beinahe beendet, womit wieder Deutsch an die Reihe kommt. Wir demonstrieren gegen die hasserfĂŒllte und in unseren Augen falsche Auslegung des Koran durch die IS.“

Der Restaurantbesitzer, der spĂŒrte, dass er nun im Rampenlicht stand und als GegenĂŒber jemanden hatte, der nicht nur sehr gut Deutsch konnte, sondern ihm auch an innerer Ruhe weit ĂŒberlegen war, wurde ein wenig nervös. Vielleicht hörte er auch deswegen die Worte der Demonstranten – nun in klar verstĂ€ndlichem Deutsch – nicht, die da von Frieden, Freiheit und Toleranz fĂŒr alle Völker, alle Religionen und alle Menschen sprachen. Die den heiligen Krieg als fatale Fehlinterpretation des Islam verurteilten, und ihren Teil beitragen wollten, dass die Menschen nicht wieder den gleichen Fehler machten, den sie in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden dann doch immer wieder erlagen: Menschen einer bestimmten Gruppe als gleich zu betrachten und auch zu behandeln.

Es macht fĂŒr uns keinen Unterschied, ob du uns als Dschihadisten, als Muslime, als Andersrassige, als Andersklassige sonst einer Variation der Kaste der UnberĂŒhrbaren oder UnglĂ€ubigen ansehen möchtest. Wir sind Muslime, weil wir ĂŒber diesen Sichtweisen stehen möchten, weil wir dazu beitragen möchten, dass ein Mann als der Mann betrachtet wird, der er ist, und eine Frau ebenso. Im Koran wie in eurer Bibel finden wir genĂŒgend Geschichten von Hass und seinen Folgen, um uns zu lehren, andere Wege zu suchen. Vielleicht mĂŒssen wir auch nur gemeinsam gegen den Unglauben ankĂ€mpfen, den Unglauben, dass der andere kein einzigartiger Mensch ist, den wir erst kennenlernen mĂŒssen, bevor wir uns entscheiden können, ob wir ihn lieben oder hassen wollen?

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Das Problem war, dass er ein Mensch war wie alle anderen auch. Ein Mensch, der Freude fĂŒhlen konnte, Liebe und Zufriedenheit, aber auch Verwirrung, Angst oder gar Hass. Oder zumindest konnte er sich noch daran erinnern, sie einst gefĂŒhlt zu haben. Hass gegen die Menschen, die in seiner Heimat andere abschlachteten, als handle es sich bei diesen Menschen um Zahlen, um Nummern, um Unwichtigkeiten. Als er an einem Punkt angelangt war, an dem er anfing, die Hassreden der politisch motivierten Prediger beinahe zu glauben, hatte er gewusst, dass es an der Zeit war, zu fliehen. Es war eine Sache, zu sterben, eine andere, ermordet zu werden. Doch selbst zu morden war die schlimmste SĂŒnde von allen. Zumindest in diesem Punkt waren sich alle großen Religionen einig, wenigstens in der Theorie.

Also war er geflohen, um Frieden zu finden und den Menschen um ihn in Liebe zu geben, was er ihnen geben konnte. Ein Restaurant hatte er eröffnen wollen, mit pakistanischer KĂŒche, und getragen von dem Geist der Gastfreundschaft seiner Heimat. Europa, das war Frieden, das war Toleranz, das war Möglichkeit. Doch nicht fĂŒr einen Mann wie ihn, der alleine aufgrund seiner Herkunft verdĂ€chtig schien. Der auf die Frage, ob er denn Moslem sei, mit naivem und an das Gute in der Welt glaubenden, fast kindlichen Sicherheit in fließendem Englisch antwortete, dass er stolz darauf sei, die Gebote Allahs stets befolgt zu haben. Denn Europa, das war auch der Kontinent der irrationalen Ängste, wie er sobald feststellen musste.

Also hatte man ihn in einem der Asylzentren untergebracht, und ihm war gesagt worden, dass sein Fall bearbeitet werde. Zwei Jahre spĂ€ter hatte man ihm mitgeteilt, dass sich sein Antrag wohl doch noch weiter verzögern wĂŒrde, weil am bearbeitenden Personal weiter gespart worden war. Immerhin war ja die Finanzkrise ausgebrochen und alle mĂŒssten den GĂŒrtel enger schnallen.

Das war vor drei Jahren gewesen. Stets hatte er sich an die strengen Vorschriften gehalten, die ihm auferlegt wurden. Er dĂŒrfe die Stadt nicht verlassen. Er dĂŒrfe sich keiner kriminellen Handlung schuldig machen, weil er ansonsten sofort abgeschoben werden wĂŒrde, wobei auch dem Nachgehen einer Arbeit ohne Arbeitsgenehmigung eine kriminelle Handlung war. Anfangs hatte er es als eine PrĂŒfung Allahs angenommen und hatte sich darauf konzentriert, die Gebote besonders streng zu erfĂŒllen. Eine Weile hatte er daraus Kraft schöpfen können, doch mit den Monaten wurde er das nagende GefĂŒhl nicht los, dass er hier nur ein Bauer in einem perfiden Schachspiel war.

Denn beinahe jedes Mal, wenn er seine SpaziergĂ€nge durch die Stadt machte, hörte er sie lĂ€stern. Der ist doch sicher kriminell, hörte er eine alte Frau zu ihrer Freundin flĂŒstern. Diese AuslĂ€nder nehmen uns ja noch alle Arbeit weg, schimpfte ein Jugendlicher im Vorbeigehen. Das ist sicher ein Terrorist oder ein Vergewaltiger – dieser Bart! Bleib mir ja weg von Leuten wie dem, sagte ein Vater zu seiner kleinen Tochter. Sozialschmarotzer, und nicht mal Deutsch können‘s, die dummen AuslĂ€nder, schrie ihm ein Besoffener von der anderen Straßenseite her zu. Doch auch wenn er in mittlerweile beinahe akzentfreiem Deutsch antwortete, Ă€nderte es nichts an ihrer Ablehnung.

Das Problem war eben, dass er ein Mensch war. Ein Mensch gar mit einem besonders ausgeprĂ€gten BedĂŒrfnis, der Welt etwas von der Liebe, die er fĂŒr die Menschen verspĂŒrte, zu geben. Doch seit Jahren wurde er als Bauer in diesem absurden Schachspiel missbraucht, um Ängste zu schĂŒren und Hass zu legitimieren. Hier war er ein lebender Toter, einem Zombie, der mit finanziellen Almosen gestopft wurde, die ihn kaum fĂŒr die Untersuchungshaft – denn um nichts anderes handelte es sich hierbei wohl – entschĂ€digen konnte. Kein Geld konnte die Verletzungen der WĂŒrde ersetzen.

Doch er konnte nicht einmal hassen, denn wen sollte er hassen? Alle waren sie nur Bauernopfer in diesem verrĂŒckten Spiel mit der Angst, die Menschen auf der Straße, die ihn ihre Abneigung spĂŒren ließen, die ĂŒberforderten Beamten im Aufnahmezentrum. Allah hieß ihn, ihnen zu vergeben, denn sie wĂŒssten nicht, was sie taten. Und doch wĂŒnschte er sich manches Mal, sie wĂŒrden doch aufwachen aus diesem gemeinsamen Albtraum. Warum all dieser sinnlose Hass? War es da nicht wĂŒrdevoller, in seiner Heimat getötet zu werden, wo es zumindest jemanden gab, der einen toten Menschen und das, was er der Welt hĂ€tte geben können, betrauerte, als hier sein Dasein als lebender Toter zu fristen?

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„Ein besseres Europa schafft Arbeit durch Wachstum“ ist derzeit auf einem Wahlplakat fĂŒr die EU-Wahl von Ottmar Karas zu lesen. Da ich den Herrn Karas nicht persönlich kenne, gehe ich jetzt einmal davon aus, dass er tatsĂ€chlich zur großen Gruppe derjenigen Menschen zĂ€hlt, die daran glauben, dass Wachstum a) Arbeit schafft und b) zu einem besseren Europa fĂŒhren wird. Im Folgenden einige Gedanken dazu.

Wie meinen treueren Lesern mittlerweile bewusst sein wird, habe ich kein Wirtschaftsstudium vorzuweisen und halte mich auch nicht fĂŒr einen „Experten“ auf diesem Gebiet – was ich hier schreibe, ist nicht „die Wahrheit“, sondern eine, und zwar meine, Perspektive. Es bleibt die Verantwortung des Lesers, sich zu fragen, was davon nachvollziehbar erscheint und wo sich LĂŒcken in meiner Argumentation auftun mögen.

Wachstum schafft Arbeit?

Diese Hypothese basiert laut Wikipedia auf dem Okun’schen Gesetz, das besagt, dass Unternehmen ab einem bestimmten Wachstumsprognose eher geneigt sind, neue ArbeitskrĂ€fte einzustellen. Bei einem Wirtschaftswachstum von 3% sind Unternehmen demnach eher motiviert, neue Mitarbeiter zu suchen als bei einem Wirtschaftswachstum von beispielsweise 0,5%. Mit der VergĂŒnstigung von Maschinen, Computern und Automation treten diese jedoch zunehmend in Konkurrenz mit menschlicher Arbeitskraft. Wachstum entsteht heute unter anderem, indem menschliche Arbeitskraft eingespart anstatt angestellt wird. Die Produktion, der Gewinn und das BIP können damit wachsen, wĂ€hrend die BeschĂ€ftigungsraten gleichzeitig sinken.

Wachstum fĂŒr alle?

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass ein Wirtschaftswachstum etwa in Österreich tatsĂ€chlich zu mehr Arbeit fĂŒhrt, bleibt die Frage offen, ob es möglich ist, diese Methode auch weltweit zu kopieren und damit den Menschen weltweit zu Arbeit und Wohlstand zu verhelfen. Wenn wir davon ausgehen, dass Wachstum ein GewinnĂŒberschuss ist, muss es doch irgendwo auch einen Verlierer geben, von dem dieses Geld bezogen wird. Vielleicht habt ihr schon mal DKT/Monopoly gespielt, da gewinnt meistens derjenige, der irgendwann mehr Geld hat, wĂ€hrend die anderen (Überraschung!), ihr Geld verlieren. Am Ende wird das Geld wieder auseinandersortiert, die Spielfiguren zurĂŒckgelegt und das Spiel weggerĂ€umt.

Wirtschaftlicher „Wettbewerb“, wie es so schön genannt wird, endet jedoch kaum mit der Gratulation der Gewinner durch die Verlierer, und vor allem fĂŒr die Verlierer handelt es sich nicht nur um ein Spiel, sondern um ihre Lebensgrundlage: Nahrung, Wohnen, Transport. Und spĂ€testens dann finden es die „Mitspieler“ nicht mehr allzu lustig. Sind es wenige, flĂŒchten sie sich vielleicht noch in Alkohol, Drogen oder den Freitod. Je mehr es werden, desto mehr Potential erwĂ€chst jedoch auch fĂŒr ein Außerkraftsetzen der gesellschaftlichen Ordnung durch die Masse der Verlierer, die nicht mehr bereit ist, ein Spiel, in dem sie nur verlieren können, bis zum bitteren Ende mitzuspielen.

Die EU-weiten Arbeitslosenquoten von knapp 12% (Stand 2014) mit Spitzen von ca. 25% in LĂ€ndern wie Mazedonien, Serbien, Griechenland und, ja, auch Spanien sind absurd hoch. Spanien hat ĂŒber 45 Millionen Einwohner, das bedeutet, ĂŒber 11 Millionen davon sind arbeitslos gemeldet, und das sind noch die offiziellen Zahlen. 11 Millionen Menschen ohne Einkommen, ohne BeschĂ€ftigung, oft ohne ein GefĂŒhl von Sinn. Die Jugendarbeitslosigkeit war im Mai 2012 in Spanien bei ĂŒber 50% angesiedelt (Österreich: 8,3%).

UnlĂ€ngst sah ich einen Dokumentarfilm im Kino (Everyday Rebellion, empfehlenswert!), bei dem es auch um politische Selbstverwaltung der „kleinen“ Spanier geht, die es Leid sind, stĂ€ndig im Radio und Fernsehen von Suiziden ihrer Mitmenschen zu hören und begonnen haben, sich selbst zu organisieren. Bei dieser Masse an Menschen, die ihre Opferrolle abstreifen und sich politisch organisieren, besteht neben der Chance, echte VerĂ€nderung zu bewirken, auch die Gefahr, dass diese VerĂ€nderung von Gewalt oder der Übernahme gefĂ€hrlicher Ideologien aller politischen Richtungen, den “einfachen Lösungen” ĂŒberschattet wird. Und damit kommen wir zur nĂ€chsten These.

Wachstum schafft Frieden?

Mit der immer mehr ins Chaos zu stĂŒrzen scheinenden Ukraine, nur 813km oder 8,5h mit dem Auto (von Lemberg gerechnet) von Wien entfernt, stellt sich die Frage nach den Ursachen von Kriegen gerade wieder sehr aktuell. Auch wenn es in diesem speziellen Fall wohl um geopolitische Interessen Russlands, der USA und der EU geht, wie mir mein uspekistanischer Freund, der mir die russische Perspektive ĂŒbersetzt, erklĂ€rt, stellt sich die Frage auch in anderer Hinsicht: Was, wenn wir uns unsere Kriege selbst produzieren, und zwar eben durch unser Wachstum?

Wenn wir ein Spiel spielen, dass von vornherein nur wenige Gewinner und zahlreiche Verlierer vorsieht, bei dem wir (noch) zu den Gewinnern zĂ€hlen und deswegen nicht bereit sind, die Regeln zu ĂŒberdenken, wird dies nicht unweigerlich zum Konflikt mit denjenigen fĂŒhren, die zu den Verlierern gehören? Wir brauchen unser Wirtschaftswachstum also angeblich zum Erhalt oder zur Neuschaffung der ArbeitsplĂ€tze, und entziehen im gleichen Atemzug anderen Staaten ihre Lebensgrundlage – und wundern uns ĂŒber soziale Unruhen außerhalb, aber zunehmend auch innerhalb der Festung Europas.


und Frieden auf Erden?

Ich glaube, die Buddhisten haben Recht, wenn sie behaupten, dass alles mit allem verbunden ist. Es ist schön, wenn wir behaupten können, Europa sei befriedet, wir leben im Wohlstand und wir können innerhalb Europas reisen und arbeiten, wie wir wollen. Es ist dies eine große Leistung der letzten Generationen, der Achtung gebĂŒhrt. Doch ich denke, wir sollten nicht an den Grenzen Europas Halt machen. Wenn alles, was wir tun, Auswirkungen auf diese Welt hat, hat auch alles, was Menschen außerhalb Europas tun, Auswirkungen auf uns, so sehr wir uns auch hinter Mauern und Einwanderungsgesetzen verstecken wollen.

Wenn unser Wachstum Menschen anderswo ihre Überlebensgrundlage entzieht, werden diese Menschen eines Tages an unsere Festungsmauern kommen und uns vor die ethische Verantwortung fĂŒr unsere fetten Jahre stellen. und wer garantiert uns dann, dass sich die Millionen verzweifelter Menschen noch an unsere Gesetze halten, die wir aufstellen, um sie draußen zu halten? Gesetze bauen auf das Gewaltmonopol des Staates, sie durchzusetzen, wie wir derzeit gut in der Ukraine sehen können. Kiew hat das Gewaltmonopol verloren, und das Recht des StĂ€rkeren scheint bereits um sich zu greifen, wie die vielen Toten bezeugen.

An dieser Stelle mögen einige von euch denken, all dies sei Gutmenschentum (welch seltsame Wortschöpfung, „Gut-Menschen“ als schlecht abzustempeln) und scheinheiliger Altruismus, und natĂŒrlich ist es eine idealistische Einstellung meinerseits, dass es möglichst vielen Menschen (bzw. auch der Umwelt) gut gehen soll. Aber es ist auch eine pragmatische Einstellung, denn wenn es anderen gut geht, kann ich ihnen auch vertrauen, dass sie mir nicht in der Nacht aus Verzweiflung den SchĂ€del einschlagen. Ich kann auf ihre Hilfe zĂ€hlen, wenn es mir selbst eines Tages nicht so gut geht. Und der Tag wird kommen, heute, morgen oder in einigen Jahren/Jahrzehnten.

Ein besseres Europa?

Ich denke, ein besseres (und dazu zĂ€hle ich auch ein sichereres, sozialeres und sinn-volleres) Europa wird nicht daraus entstehen, in allen europĂ€ischen LĂ€ndern ein möglichst hohes Wirtschaftswachstum entstehen zu lassen. Ein besseres Europa wĂŒrde versuchen, der Herausforderung, die aus dem Auseinanderklaffen der ProduktivitĂ€t der Unternehmen und dem Einsatz menschlicher Arbeit entsteht, kreativ zu begegnen. Teilzeit-Erwerbsarbeit sowie zusĂ€tzliche Sinnfindung in sozialer, solidarischer Arbeit erscheint mir ein Zukunftsmodell, auf dem man aufbauen könnte. Ich glaube, es wĂŒrde Sinn machen, schrittweise (!) die AbhĂ€ngigkeit von der Geldwirtschaft mit ihren Wachstums-ZwĂ€ngen anzugehen.

Es wird langfristig wenig Sinn machen, die Gesellschaft in ErwerbstĂ€tige und Arbeitslose zu trennen, als wĂŒrde nur eine Gruppe etwas zum gesellschaftlichen Wohl beitragen. GefĂŒhlte Zufriedenheit besteht aus mehr als dem Wirtschaftswachstum, es besteht auch in so schwer fassbaren Kriterien wie sozialem Zusammenhalt, DiversitĂ€t und Sicherheit. Eine Anerkennung dieser Faktoren als ebenso wertvoll wie der rein monetĂ€re Aspekt könnte zu interessanten Lösungen fĂŒhren.

Wo ist meine Europa-Partei der WeltbĂŒrger, der TrĂ€umer und VisionĂ€re in dieser Wahl?

Niklas