Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrĂŒckt: Sparsamkeit gebiert GroßzĂŒgigkeit. Oder anders ausgedrĂŒckt: Es gibt keine GroßzĂŒgigkeit ohne SelbstbeschrĂ€nkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Über die Jahre hat sich fĂŒr mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrĂŒckt wĂŒrde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ ĂŒbersetzen – mit einer Art 2. Platz fĂŒr das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ökonomie der Liebe

Ökonomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wĂ€chst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmĂ€ĂŸig, manchmal unregelmĂ€ĂŸig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufĂŒhlen. Hat er zu wenige „VorrĂ€te“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlĂ€ssig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusĂ€tzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl fĂŒr den Eigengebrauch als auch fĂŒr andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein großer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein Ă€hnliches Verhalten: „Freunde sind fĂŒreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrĂŒckt: wenn meine eigenen VorrĂ€te an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lĂ€sst. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall fĂŒr große EnttĂ€uschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der fĂŒr einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmĂ€ĂŸig Liebe zukommen lĂ€sst, wĂ€hrend vom anderen wenig bis nichts zurĂŒckkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten FĂ€llen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er Ă€hnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der SchlĂŒssel: Die Kontrolle ĂŒber die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlÀssiger Membran. Wir sind noch sehr abhÀngig von der Liebe unserer Eltern usw. SpÀter, in der PubertÀt, experimentieren wir unbewusst stÀrker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezĂŒglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch fĂŒr definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten FĂ€llen schwanken die Versuche irgendwo zwischen grĂ¶ĂŸtmöglicher Freiheit und langfristiger VerlĂ€sslichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle ĂŒber unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle ĂŒber die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ fĂŒhrt. Die VerĂ€nderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wĂ€re dann die FĂ€higkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genĂŒgend dieser wertvollen Ressource von außen zurĂŒckkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfĂ€llig fĂŒr „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem Ă€hnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung fĂŒhrt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlĂ€ssig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusĂ€tzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, wĂ€hrend die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die BedĂŒrftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der DurchlĂ€ssigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darĂŒber bzw. auch ein Bewusstsein fĂŒr die Notwendigkeit dieser FĂ€higkeit.

Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurĂŒckzubekommen. Als wĂ€re Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, fĂŒr uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur VerfĂŒgung steht.

GenĂ€hrt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu mĂŒssen, irgendeine Gegenleistung dafĂŒr einfordern zu mĂŒssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwĂ€hnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrĂŒckt: SelbstbeschrĂ€nkung ermöglicht erst echte GroßzĂŒgigkeit. Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe auszubilden befĂ€higt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil fĂŒr die eigene BedĂŒrftigkeit verlĂ€sslich gesorgt ist.

„Aber fĂŒhrt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die FĂ€higkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen GegenĂŒber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und UnterstĂŒtzung zu bitten. Aber sie fĂŒhrt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe VerstĂ€ndnis fĂŒr die mögliche BeschrĂ€nktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein Ă€hnliches Recht der Hoheit ĂŒber meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung fĂŒr eine langfristig und nachhaltig glĂŒckliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die FĂ€higkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

In diesem Artikel geht es um einige Erfahrungen zum Thema “Offene Beziehungen” und Liebe/Beziehungen im Allgemeinen. Viele solche Experimente scheitern nicht an den Formen, sondern an den Voraussetzungen und Erwartungen der Liebenden. Wer sich auf das Abenteuer offene Beziehung einlĂ€sst, wirklich einlĂ€sst, wird vor allem mit sich selbst konfrontiert. Das liegt nicht jedem.

ĂŽffeneBeziehungen

Ich beschĂ€ftige mich seit 10+ Jahren theoretisch mit der Thematik, und seit gut der HĂ€lfte der Zeit auch praktisch. Es gibt dazu unzĂ€hlige „Tipps“ im Internet zu finden. Den Großteil davon halte ich fĂŒr nicht sonderlich hilfreich, weil sie nur eine vordefinierte Form durch eine andere ersetzen.

Hier möchte ich versuchen, einige Erfahrungen zu teilen, die unabhÀngig von der jeweilig gewÀhlten Beziehungsform hilfreich sein können.

Vielleicht die wichtigste Frage vorweg beantwortet: Bin ich mit meinen Experimenten glĂŒcklich geworden?

Im Großen und Ganzen: ja. Zumindest habe ich viel gelernt. Über mich selbst. Über den jeweils anderen. Die Welt im Allgemeinen. Und mit den Jahren bin ich dadurch wohl auch ein StĂŒck weit weiser geworden.

Hier zwecks besserer Übersicht eine kleine Auflistung des Folgenden:

Die Verwirrung der Begrifflichkeiten

Bestimmte Wörter triggern bestimmte Vorerfahrungen oder Erwartungshaltungen beim jeweils Anderen, die oft schwer wieder auszulöschen sind.

Wenn ich von „offenen Beziehungen“ spreche, spreche ich von dem Ansatz, sich gemeinsam hinzusetzen und immer wieder herauszufinden, was jeder braucht, um sich miteinander (und mit sich selbst) wohlzufĂŒhlen, unabhĂ€ngig von gesellschaftlichen Normvorstellungen. Andere verstehen darunter eher ein „Ich fick mich durch die Welt“, wieder andere ein „Mir ist alles egal. Du eingeschlossen.“ Viele haben damit auch bereits entsprechende (oft negative) Vorerfahrungen gemacht. Dies erschwert einen unvoreingenommenen Zugang zum Thema.

Ein einziger Begriff, unbedacht verwendet, kann – am besten noch in Kombination mit Hemmungen, ĂŒber BefĂŒrchtungen offen zu sprechen – beinahe unĂŒberwindliche Hindernisse aufbauen. Daher kann man nicht immer darauf vertrauen, dass der Andere Begriffe auch so versteht, wie man selber sie meint. Und ein Nicht-Nachfragen bedeutet nicht immer EinverstĂ€ndnis, sondern allzu oft eher ein „Ich habe Angst vor der Antwort, wenn ich eine Frage stellen wĂŒrde, deswegen stelle ich sie lieber nicht“.

Liebe ist immer auch Selbst-Überwindung. Wer sich dabei auch noch von etablierten Normen verabschiedet, betritt einen Raum, der Angst machen kann. Andere hören davon, raten ab davon, beeinflussen das Miteinander. Weil sie selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Oder – ebenso hĂ€ufig und nicht zu unterschĂ€tzen – es nicht aushalten wĂŒrden, dass man selbst damit glĂŒcklich wird. Weil es sie mit der realen Möglichkeit konfrontiert, ebenso etwas Anderes zu versuchen.

Mut, und VerlÀsslichkeit, die den Mut rechtfertigt, sind deine Freunde.

Das Erlernen der Selbstliebe

Quelle der Selbstliebe

In einem jeden von uns ist eine Quelle zu finden, aus der wir Liebe „ernten“ können. In manchen Menschen ist sie etwas versteckter als in anderen. Aber zu finden ist sie in einem jeden von uns, wenn man sich ernsthaft auf die Suche danach macht.

Weil es auf den ersten Blick einfacher erscheint, sich seine Liebe von außerhalb zu holen, wenden wir jedoch vielfach nicht die Zeit dafĂŒr auf. Es geht ja auch anders. Dass wir uns damit von diesem Außen erpressbar machen, fĂ€llt oft erst dann auf, wenn dieser Fall eintritt.

So akzeptieren wir aus Angst vor Liebesverlust Verhaltensweisen anderer, die weder uns noch ihnen gut tun. Der einzige nachhaltige Schutz gegen diese ungesunde AbhÀngigkeit ist es, die Quelle der Selbstliebe in uns selbst zu entdecken, und zu lernen, mit ihren Schwankungen umzugehen.

Nicht wenige Menschen verstehen unter „Offenen Beziehungen“ die Idee, das Risiko dieser AbhĂ€ngigkeit vom Außen auf mehrere Menschen aufzuteilen. FĂ€llt einer weg, fangen die anderen das Risiko auf. Darum haben diese Menschen auch tendenziell Angst, in die Situation zu kommen, „nur“ einen Partner zu haben.

Aber das verlagert das Problem nur, löst es nicht. Die einzig dauerhaft nachhaltige Lösung ist in einem selbst zu finden: im Finden und Nutzbarmachen der eigenen Quelle der Liebe und Aufmerksamkeit.

Die Ökonomie der GroßzĂŒgigkeit

Wer in sich eine Quelle der (Eigen-)Liebe entdeckt hat, wird bald erkennen, dass er diese in sich „geerntete“ Liebe auch an andere weitergeben und damit GlĂŒck bringende Verbindungen schaffen kann.

Doch auch wenn diese Quelle in uns eine nachwachsende Ressource ist, bringt sie nicht immer gleiche Ernte. Zudem schwankt unser „Eigenverbrauch“ mit unseren BedĂŒrfnissen und unseren Verbindungen zur Außenwelt mit.

Im Idealfall schaffen wir es, uns selbst aus eigener Quelle gut zu versorgen und den Überschuss an andere weiter zu schenken. Geben wir aus diesen Ressourcen mehr, als wir selbst „nach-ernten“ können, so deswegen, weil aus verlĂ€sslicher Quelle von außen genug nachkommt, um unseren eigenen Bedarf zu decken. Ich kenne kaum jemand, der diesen Idealfall lebt.

Erfahren wir hingegen einen Mangel an Liebe/Aufmerksamkeit (weil wir zu wenig in uns finden, zu viel gegeben haben oder zu wenig zurĂŒckbekommen haben), so wĂ€chst das BedĂŒrfnis nach Kontrolle unserer Beziehungen zum Außen. Aus Beziehungen, die je nach Ressourcen ÜberschĂŒsse miteinander teilen, werden „Handels-Beziehungen“ – mit entsprechenden (oft unausgesprochenen) „VertrĂ€gen“ oder zumindest Vorstellungen entsprechender Verpflichtungen und Hochrechnungen der jeweiligen “Leistungen” fĂŒreinander..

Eine der Voraussetzungen, um ökonomisch mit den eigenen Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit umgehen zu können, ist ein kontrollierter Umgang mit den eigenen Grenzen: den Durchfluss hin zum Anderen genau so weit zu öffnen, wie es allen Betroffenen (also auch mir!) gut tut.

Allzu oft werfen Menschen anderen vor, sie bewusst „ausgenutzt“ zu haben, wo sie doch nur selbst unfĂ€hig waren, den „Abfluss“ der eigenen Ressourcen entsprechend zu steuern.

Die gute Nachricht ist: diese Selbst-Kontrolle lÀsst sich erlernen.

Die FĂ€higkeit der Selbstbehauptung

Selbstbehauptung

Wenn wir uns durch die Welt bewegen, treffen wir auf andere Menschen, denen es an Liebe und Aufmerksamkeit fĂŒr sich selbst fehlt. Vor allem in den sensibleren von uns wird dadurch oft der Wunsch geweckt zu helfen. So manches Mal werden wir auch direkt um Hilfe gebeten, oder es wird versucht, diese (bis zur Anwendung von Gewalt) einzufordern.

Viele Menschen machen die Entscheidung, ob sie helfen wollen, von der HilfsbedĂŒrftigkeit des Anderen abhĂ€ngig. Dabei ĂŒbersehen sie gerne, dass ihre eigenen Ressourcen und damit ihre Möglichkeiten zu Helfen beschrĂ€nkt sind.

Viel hilfreicher fĂŒr alle Beteiligten ist es im Regelfall, wenn der eigene „Haushalt“ an Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit der entscheidende Faktor ist: Bin ich gerade im Überfluss? Und wenn ja, wie viel kann ich geben, ohne selbst in einen Mangel zu geraten?

Wird diesem Aspekt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, so kann es rasch zu VorwĂŒrfen dem Anderen gegenĂŒber kommen, wenn wir uns beim “Helfen” selbst ĂŒberfordern. Die Ursache der Überforderung liegt jedoch nicht im leidenden Anderen verborgen, sondern in unserer UnfĂ€higkeit der Abgrenzung, wo uns die Ressourcen fehlen, nachhaltig zu helfen.

Nun kann es auch passieren, dass jemand von uns Hilfe verlangt, etwa weil er uns vorher selbst geholfen hat, oder es als Pflicht innerhalb einer Freundschaft/Beziehung/
 ansieht. Auch hier kann es hilfreich sein, dies stattdessen vom eigenen Ressourcen-Haushalt abhĂ€ngig zu machen, selbst wenn es vorerst zu einem Konflikt fĂŒhren mag.

Denn bin ich selbst „unterversorgt“, kann ich dem Anderen nur sehr eingeschrĂ€nkt helfen. Ich tue ihm keinen Gefallen, wenn ich ihm meinen eigenen Mangel verschweige.

Vor allem wird durch solche Konflikte dann plötzlich sichtbar, wie oft wir uns eigentlich in „Handels-Beziehungen“ mit unseren Mitmenschen befinden, die nach „vorgefertigten Formen“ ablaufen („Ein echter Freund reagiert so“), anstatt uns an unseren BedĂŒrfnissen und Möglichkeiten zu orientieren.

Manche Menschen drĂ€ngen anderen Menschen ihre Liebe und Aufmerksamkeit auf, weil sie sich nicht mit sich selbst beschĂ€ftigen wollen. Oft wollen sie sich damit auch eine entsprechende „Gegenleistung“ in ihren eigenen schlechten Phasen „erkaufen“. Wer annimmt, was er nicht braucht, um einen Konflikt im Jetzt zu vermeiden, nimmt dafĂŒr im Regelfall einen spĂ€teren Konflikt in Kauf – bei dem er sich dann in der Defensive befindet, hat er doch vom anderen schon „profitiert“.

Bedingungslose Liebe

Die meisten von uns sind es gewohnt, die Bewertung unseres Tuns vom zu erwartenden Ergebnis abhĂ€ngig zu machen. Wir “investieren” in einen Menschen, weil wir uns einen Nutzen daraus erwarten. Wenn es dann danach aussieht, als wĂŒrde sich der Nutzen womöglich nicht einstellen, hören wir damit auf.

Im Hinblick auf die Liebe: wir geben einer geliebten anderen Person Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, sie wĂŒrde es uns gleichtun und im Gegenzug uns Aufmerksamkeit schenken. Keimt in uns der Verdacht auf, dies wĂŒrde nicht so sein, hören wir oft damit auf – und erzeugen damit womöglich erst die Situation, die wir fĂŒrchten. Denn die andere Person denkt sich nun: Bin ich ihm denn am Ende doch nicht so wichtig als ich glaubte? Und wird ebenso ihre „Investition herunterfahren“.

Der SchlĂŒssel liegt auch hier wieder im Vertrauen auf die eigenen Ressourcen: sich selbst von der Reaktion der Umwelt unabhĂ€ngig zu machen. Weil die notwendigen Ressourcen an Liebe und Aufmerksamkeit in ausreichender Menge in einem selbst zu finden sind, und der Überschuss bedingungslos weitergeschenkt werden kann.

Zu lieben. Einfach so. Sobald man genĂŒgend Liebe und Aufmerksamkeit in sich selbst „gewonnen“ hat, dass man den Überfluss aus freien StĂŒcken verschenken kann, ohne auf einen Ausgleich angewiesen zu sein.

Meiner beschrĂ€nkten Erfahrung nach ist hier die eigentliche Grenze “freier Liebe” zu finden. Ich kann bedingungslos lieben, aber dieser “Überschuss” an Liebe und Aufmerksamkeit, den ich geben kann, ist trotz allem begrenzt.

Deswegen halte ich es aus heutiger Sicht fĂŒr sinnvoll, sich auf eine Person, eine GefĂ€hrtin zu beschrĂ€nken, der man PrioritĂ€t einrĂ€umt. Ist genĂŒgend “Überschuss” vorhanden, um noch mehr Menschen etwas davon zukommen zu lassen: gut, warum nicht. Aber ich habe noch niemanden kennengelernt, der dies auch dauerhaft und gleichberechtigt mit mehreren Menschen auf eine Weise vollbracht hĂ€tte, die alle Betroffenen glĂŒcklich macht.

Die Kunst der lebendigen Formen

Ausgeglichenheit

Die meisten von uns betrachten die Liebe tendenziell als eine Sache von Entweder-Oder. Entweder du bist mit mir in einer Beziehung, dann opfere ich mich fĂŒr dich auf (und erwarte dasselbe von dir). Oder wir sind es nicht, und was wir fĂŒreinander tun ist beschrĂ€nkt durch bestimmte Formen.

Wehe, die Grenzen jener Formen verwischen sich – etwa wenn der One-Night-Stand plötzlich auf die Idee kommt, den anderen zu lieben. Oder die sexuelle Anziehung innerhalb einer Beziehung ihren Reiz verliert. Das war doch anders ausgemacht! Dann trennt man sich mehr oder weniger versöhnlich, um nicht in die schwierige Situation zu kommen, sich im unsicheren Terrain der Graustufen zu bewegen.

Wer die obigen Aspekte verinnerlicht hat, ist gut vorbereitet auf jenen weiteren mutigen Schritt: gemeinsam lebendige Formen zu kreieren. Wenn alle Beteiligten gut auf sich selbst achten, können sie auch gemeinsam eine Form des Miteinanders finden, die ihren jeweiligen BedĂŒrfnissen entspricht. Und auch einen fĂŒr sie stimmigen VerĂ€nderungsprozess jener Form, damit sie lebendig bleibt und sich verĂ€ndernden BedĂŒrfnissen anpasst. Denn alles ist vergĂ€nglich in dieser Welt.

Der GefĂ€hrte, der gerade in einer persönlich schwierigen Phase durchmacht, wird womöglich in jener Zeit mehr NĂ€he und Geborgenheit brauchen, als er es zu anderen Zeiten notwendig hat, wo er diese eher als â€žĂŒbertrieben“ oder gar „lĂ€stig“ empfindet. Und warum auch nicht?

Alles, was dazu notwendig ist, ist gute, ergebnisoffene Kommunikation. Nicht: Willst du X fĂŒr mich sein oder Y? Sondern: Was brauchst du? Ich brauche dies und jenes. Eine gewisse Schamlosigkeit, die die notwendige Voraussetzung von AuthentizitĂ€t und Echtheit ist. In der man auch mal schwach, nicht perfekt sein darf, und dem Anderen das gleiche Recht zugesteht. Wie befreiend!

Die Akzeptanz einer imperfekten Welt

Die meisten von uns sehnen sich (aus Eigenerfahrung sowie Erfahrungen anderer, die sich mir anvertraut haben) einerseits nach einem GefĂ€hrten, dem Vertrauten, aber auch dem Neuen, oft in einer Art stetigem Wechselspiel des Ganzen. Und wollen am besten all das in einer Person vereint. Am besten noch ohne großen eigenen Aufwand, bis ĂŒbermorgen geliefert bis an die HaustĂŒre.

Nur: die Welt verĂ€ndert sich stĂ€ndig. Die Menschen um uns verĂ€ndern sich, und auch wir selbst und unsere BedĂŒrfnisse. Die Idee einer offenen Beziehung (im Sinne meiner Definition, gemeinsam ein Miteinander zu finden, das stimmig fĂŒr alle Betroffenen ist) kommt dem entgegen. Weil sie vom Zwang erlöst, die perfekte Wahl zu treffen und auch selbst zu sein. Weil ich – wenn es mir wirklich wichtig ist – gemeinsam mit allen Betroffenen nach konstruktiven Lösungen suchen kann, ohne mich stĂ€ndig fĂŒr oder gegen Menschen entscheiden zu mĂŒssen.

Ich glaube nicht, dass es die „objektiv perfekte Form“ des Miteinanders gibt. Sondern dass die Kunst darin besteht, gut fĂŒr sich selbst sorgen zu lernen und gemeinsam ein stimmiges Miteinander zu finden, das sich seine Lebendigkeit behĂ€lt. Damit man sich aneinander erfreuen kann. Nicht notwendigerweise stĂ€ndig, aber mit den Rhythmen von Sterben und Wiedergeburt der jeweils stimmigen Formen des Miteinanders immer wieder aufs Neue.

Erstaunlich oft ist mir das neben einigen schmerzvollen Erfahrungen auch gelungen. Ich wĂŒnsche euch Ă€hnliche positive (oder zumindest lehrreiche) Erfahrungen.

Niklas

P.S.: In meinem Buch Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter sind auch dazu einige Texte enthalten. Und bis 29.11.2018 ist die eBook-Version meines Buches sogar noch kostenlos downloadbar. Mehr Infos dazu unter diesem Link.

Der Großteil aller Menschen wird darin ĂŒbereinstimmen können, dass Freiheit erstrebenswert ist. Die Übereinstimmung ist derart selbstverstĂ€ndlich, dass sich eine Frage in vielen Diskussionen gar nicht mehr zu stellen scheint: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Ist der Begriff tatsĂ€chlich so hinreichend erklĂ€rt, wie wir ihn verwenden? Und wenn ja: Wie kommt es dann, dass Menschen, denen „mehr“ Freiheiten zur VerfĂŒgung stehen als uns, nicht unbedingt glĂŒcklicher zu sein scheinen als wir selbst?

Objektive vs. Subjektive Freiheit

Im alltĂ€glichen Gebrauch wĂŒrden die meisten Menschen Freiheit als berechenbar definieren. Ich kann nicht nur frei sein, sondern auch freier. Mehr frei als jemand anderer. Diese Art, „Freiheit“ zu definieren, bestimmt die Strategien, die wir anwenden, um zu mehr Freiheit zu gelangen: Falls wir uns unfrei fĂŒhlen, arbeiten wir daran, uns ein Mehr an Optionen zu erarbeiten.

Wenn uns zehn Wahlmöglichkeiten in einer Situation offen stehen, sollten wir uns demnach freier fĂŒhlen als wenn uns nur drei Wahlmöglichkeiten offen stehen. Immerhin sind wir – nach unserer berechenbaren Definition – damit objektiv betrachtet freier.

Das Problem bei dieser Herangehensweise ist jedoch, dass Freiheit zwar von objektiven Möglichkeiten beeinflusst, im Kern aber eine zutiefst subjektive Wahrnehmung ist. Wenn wir zwei Menschen, A und B, in die objektiv betrachtet exakt gleiche Situation versetzen, ist die Chance groß, dass sich ihr Freiheitsempfinden sehr voneinander unterscheidet.

Ein Bereich des Lebens, der dies sehr deutlich veranschaulicht, ist die Liebe. Ich kann mir als Mann ein VerhĂ€ltnis mit fĂŒnf Frauen anfangen (und natĂŒrlich auch umgekehrt usw.). Objektiv betrachtet bin ich dann womöglich „freier“ in der Auswahl, mit wem ich meine Zeit verbringen möchte. Aber wenn ich in einem Moment das BedĂŒrfnis nach Kontakt zu einem Menschen habe, mit dem ich in diesem Moment nicht in Kontakt sein kann, werde ich mich trotz meiner vielen alternativen Möglichkeiten unfrei fĂŒhlen.

Selbst wenn der Kontakt mit nur einem einzigen Menschen „alternativlos“ und damit nach objektiven Kriterien „unfrei“ sein sollte: wenn es das ist, was ich mir in dem Moment wĂŒnsche, werde ich mich subjektiv frei fĂŒhlen.

Freiheit und stimmiger Kontakt

Was fĂŒr die Liebe gilt, lĂ€sst sich auch auf so ziemlich jeden anderen Lebensbereich ĂŒbertragen. FĂŒr unsere Wahrnehmung von Freiheit ist entscheidend, ob es uns möglich ist, das zu tun/kommunizieren, was sich fĂŒr uns subjektiv im Moment stimmig anfĂŒhlt. Ist diese Möglichkeit gegeben, fĂŒhlen wir uns frei. Ist sie es nicht, fĂŒhlen wir uns unfrei, weitgehend unabhĂ€ngig von unseren objektiven Möglichkeiten. Oder anders ausgedrĂŒckt: Solange wir in stimmigen Kontakt mit uns selbst, anderen und der Welt gehen und darin bleiben können, fĂŒhlen wir uns frei. Sobald irgendetwas uns daran hindert, fĂŒhlen wir uns unfrei.

Dabei lĂ€sst sich eine grobe Unterscheidung treffen zwischen inneren und Ă€ußeren Blockaden unserer subjektiv erlebten Freiheit. Eine Ă€ußere Blockade könnte z.B. sein, dass ich, um offiziell als Unternehmensberater tĂ€tig sein zu dĂŒrfen, dafĂŒr bestimmte Voraussetzungen erfĂŒllen muss. Bei einer Ă€ußeren Blockade besteht die Chance, dass mich tatsĂ€chlich eine Konsequenz erwartet, die von außen kommt. In dem beschriebenen Fall z.B. eine rechtliche Strafe, falls ich ohne Berechtigung als Unternehmensberater auftrete. Diese Art von Blockade kann ich ĂŒberwinden, indem ich darauf hinarbeite, die entsprechenden Voraussetzungen zu erfĂŒllen.

Eine innere Blockade hingegen berĂŒhrt Überzeugungen ĂŒber die Welt bzw. mich selbst, die verhindern, dass ich in stimmigen Kontakt bleiben kann. So mag es beispielsweise dazu kommen, dass ein potentieller Kunde Interesse daran hat, mit mir zu arbeiten. Vielleicht berĂŒhrt dies aber in mir die Überzeugung, dass ich es ja in Wahrheit gar nicht wert sei, dass Kunden mir vertrauen. Nun blockiere ich mich womöglich innerlich dermaßen, dass ich (unbewusst) darauf hinarbeite, dass der Auftrag nicht zustande kommt. Diese Art von Blockade kann ich ĂŒberwinden, indem ich mir den -> universellen Entwicklungskreislauf zunutze mache, und fĂŒr die entsprechenden Voraussetzungen sorge, meine inneren Blockaden zu ĂŒberwinden.

Wovon hĂ€ngt unser subjektives FreiheitsgefĂŒhl ab?

Unser subjektives GefĂŒhl von Freiheit (das, anders als die objektive Situation unserer tatsĂ€chlichen Möglichkeiten in jedem Moment, unser Erleben bestimmt) ist damit abhĂ€ngig von sechs Faktoren:

  • Bin ich fĂ€hig und willens, in stimmigen Kontakt zu treten, um zu fĂŒhlen, was ich brauche/was fĂŒr mich stimmig ist?
  • Kann ich verlĂ€sslich zwischen inneren und Ă€ußeren Blockaden unterscheiden? (Siehe auch -> Filter unserer Wahrnehmung)
  • Erkenne ich, welche Ă€ußeren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese Ă€ußeren Blockaden ĂŒberwinden kann?
  • Erkenne ich, welche inneren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese inneren Blockaden ĂŒberwinden kann?

Der Faktor Zeit

Wie wir an diesen Faktoren feststellen können, ist auch Zeit ein relevanter Faktor. Möglicherweise erkennen wir eine Ă€ußere Blockade, und auch einen Weg, wie wir sie ĂŒberwinden können, aber der Prozess wĂŒrde so lange dauern, dass wir die Möglichkeit von vornherein ausschließen (z.B. „ich bin doch schon zu alt, noch eine neue Ausbildung zu beginnen“).

Es ist auch durchaus legitim, sich gegen etwas zu entscheiden, wenn der Aufwand subjektiv betrachtet in keiner konstruktiven Relation zum erwarteten Nutzen steht. Solange man sich dabei im Sinne der radikalen Selbstverantwortung auch eingesteht, dass diese subjektive Unfreiheit die Konsequenz einer Entscheidung war, die man fĂŒr sich getroffen hat. Denn dies bedeutet gleichzeitig auch, dass man die Macht behĂ€lt, sich zu einem anderen Zeitpunkt anders zu entscheiden, anstatt sich selbst zum Opfer der UmstĂ€nde zu machen.

Welche Art von Freiheit macht nun nachhaltig glĂŒcklich?

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine subjektiv erlebte Freiheit, ein im-stimmigen-Kontakt-Sein mit sich und dem Rest der Welt nachhaltig glĂŒcklich machen kann. Oder anders ausgedrĂŒckt: frei fĂŒhlt sich derjenige, der nachhaltig tun und lassen, sagen und schweigen kann, was sich fĂŒr ihn stimmig/richtig anfĂŒhlt.

Dies ist schwer quantifizierbar im Sinne eines „Mensch A ist freier als Mensch B“. Aber vielleicht ist dies ja auch gar nicht notwendig. Nur weil ich objektiv „freier“ bin als ein anderer Mensch, macht mich das ja nicht subjektiv glĂŒcklicher. Und da mein Erleben ja zutiefst subjektiv ist, ist es im Zweifelsfall ja dieses, was fĂŒr mich relevant ist.

Welche Art von Freiheit macht Dich nachhaltig glĂŒcklich?

Niklas

P.S.: Ich möchte noch erwĂ€hnen, dass ich diesen Freiheitsbegriff nicht selbst entwickelt, sondern aus einem Buch ĂŒbernommen habe. Ich wĂŒrde an dieser Stelle gerne den Autor/den Titel des Buches anfĂŒhren, auch um ihm fĂŒr diesen Gedanken den Respekt und die Dankbarkeit zukommen zu lassen, die er verdient. Leider habe ich das Buch von einer Bekannten geborgt, die nun (aus GrĂŒnden, die sie mir nicht erklĂ€ren wollte) nicht mehr mit mir spricht. Daher ist mir dies im Augenblick nicht möglich.

Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von VerlÀsslichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit GrĂŒnden
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich ĂŒberfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttÀuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurĂŒck in Einsamkeit
Ich wollt, ich hÀtt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quĂ€lt und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kÀmpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe grĂ¶ĂŸter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darĂŒber
Auf die, die Liebe lĂ€sst mich fĂŒhlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlÀsst

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch lÀnger brauchen
Hab meine BrĂŒcke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fĂŒhlst
Dann öffnen wir die DÀmme
In uns, um uns, trÀnken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelÀnge!
Die DĂ€mme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geĂŒbt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, NÖ. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen könnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen 🙂
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher ĂŒber freundliche RĂŒckmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel hĂ€tten fĂŒr ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast hÀtte ich in ihn uriniert.

 

GroßzĂŒgig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er krÀuselte sich vor Lachen und ich

weinte heiße TrĂ€nen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht könne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hieß,

nach meiner Absicht zu fließen.

 

Er ging seiner Wege

und kĂŒmmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht spĂŒren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betrĂŒbt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er wĂŒrde ĂŒbergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne hörte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben blieb
.

ICH
.stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also ließ ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem strömenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner OberflÀche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene KĂŒhle,

wÀhrend meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines Körpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollstÀndig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging ĂŒber vor tosender Kraft,

ließ mich gedankenlos treiben

und kĂŒmmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

(Alle Aussagen von anderen Personen habe ich so verstanden, das bedeutet nicht, dass sie es auch so gemeint haben. Nur zur Sicherheit..)

Ich bin nun seit gut einem Ÿ-Jahr bei meinem Freund RenĂ© im Tai-Chi-Training (er nennt es „Verein fĂŒr innere Kampfkunst“), und er hat immer wieder einen interessanten Gedankengang erwĂ€hnt: dass seiner eigenen Erfahrung nach (doch immerhin ĂŒber 10 Jahre der Praxis) in Tai-Chi-Kursen oft sehr viel Wert auf das Erlernen einer korrekten Form gelegt wird (man kennt vielleicht die Bilder aus chinesischen Parks). Weiter meinte er, dass es ĂŒblich sei, nach 10, 15, 20 Jahren der Praktizierung dieser Form irgendwann (vielleicht!) die Prinzipien dahinter zu verstehen. Er hingegen vermittle lieber direkt die Prinzipien, so dass man sie – auch ohne die vollstĂ€ndige Form perfekt zu beherrschen – sofort im Alltag einsetzen und praktizieren kann. Die Form vermittelt er auch, aber mehr als “Bonus”.

Da ich die Vorteile des Zuganges Woche fĂŒr Woche nicht nur an mir, sondern auch an den anderen Teilnehmern des Kurses beobachten kann, stellt sich die interessante Frage, ob denn nun die spezifischen Tai-Chi-Bewegungsformen nicht auch ganz weggelassen werden könnten. ZusĂ€tzlich meinte RenĂ© auch, dass man in einem realen Kampf ja nicht davon ausgehen könnte, dass sich der Gegner exakt so bewegen wird wie in der Form vorgesehen, man mĂŒsse schon auch in stimmigem Kontakt gehen und bleiben, um auf die Bewegungen des Gegners adĂ€quat reagieren zu können, und wĂŒrde dabei oft von der eingelernten Form abweichen.

Die NĂŒtzlichkeit der Form

Und doch hat das Erlernen der Form seine NĂŒtzlichkeit, wie ich nach einigen Monaten fast tĂ€glicher Übung feststellen konnte: sie erhöht den Bewegungs-Spielraum. Am Anfang waren einige der Bewegungen der Form fĂŒr mich sehr schwierig auszufĂŒhren („unmöglich“ war des Öfteren der Gedanke), aber mit der Zeit wurde mir immer mehr klar, dass dies nicht an der universellen Unmöglichkeit von Körperbewegungen an sich lag, sondern an meinen eigenen inneren Blockaden, die mir das Praktizieren der Form ĂŒberwinden half.

UnlĂ€ngst im Kurs meinte RenĂ© zu mir, dass ich ihm in der SensibilitĂ€t mittlerweile beinahe gleichwertig wĂ€re, aber er eben noch den Vorteil der langjĂ€hrigen Praxis habe. Was er damit vermutlich meint, ist, dass er ĂŒber die Jahre bereits mehr der inneren Blockaden abgebaut hat als ich, was es ihm ermöglicht, mich ĂŒber meine Blockaden im (Übungs-)Kampf zu ĂŒberwinden. Man sieht es ihm auch an seinen Bewegungen an, die sehr frei wirken. Es geht im Tai-Chi (soweit ich das verstanden habe) genau darum, die inneren Blockaden des Gegners zu erfĂŒhlen und ihn gewissermaßen ĂŒber diese Blockaden „auszuhebeln“, was einen sehr wertvollen Übungsraum auch fĂŒr die eigene Selbst-Erkenntnis bietet.

Worauf ich im Grunde hinaus will, ist Folgendes: Dass die Bewegungen der Tai-Chi-Formen ganz bestimmten AblĂ€ufen folgen, hat ihren nĂŒtzlichen Hintersinn, nĂ€mlich den eigenen Bewegungs-Spielraum zu erhöhen und Blockaden, die diesen EinschrĂ€nken, aufzulösen. Damit entsprechen die einzelnen vorgeschriebenen BewegungsablĂ€ufe gewissermaßen dem, was ich an anderer Stelle hier auf diesem Blog „konstruktive Grenzen“ genannt habe: das Endziel ist es, sie ĂŒberflĂŒssig zu machen, weil sie ihren Zweck, den Bewegungsspielraum in einem bestimmten Bereich zu erhöhen, irgendwann erfĂŒllt haben.

Dies ist, richtig angewendet, ein konstruktiver Anteil der Funktion der Form. Ein anderer hat viel mit IdentitĂ€t zu tun, und ist potentiell gefĂ€hrlicher. Wenn ich die Form ausfĂŒhre, bin ich Tai-Chi-Praktizierender. Weiche ich von ihr ab, bin ich es nicht mehr. Wenn ich die Gruppenzugehörigkeit brauche („Ich bin ein Tai-Chi-Mensch“), werde ich möglicherweise in einer Form verharren, die ihren eigentlichen Zweck (Erhöhung des Bewegungs-Spielraumes) lĂ€ngst erfĂŒllt hat, und aufhören, mich weiterzuentwickeln. Das potentiell konstruktive Ritual wird dann rasch zum Selbstzweck, zur Falle.

Die Falle der Form in der Religion

Was ich weiter oben ĂŒber Tai Chi geschrieben habe, lĂ€sst sich auch auf viele andere Lebens-Bereiche umlegen. Nehmen wir das große Thema Religion/SpiritualitĂ€t. Gerade in unseren Zeiten stehen uns zahlreiche verschiedene ZugĂ€nge zu diesen Themen zur VerfĂŒgung, die uns (ich bin da gern optimistisch) ausnahmslos als „Übergangs-Formen“ dienen können, um unseren Bewegungs-Spielraum (der auch psychisch/seelisch verstanden werden darf) zu erweitern. So hat fĂŒr mich die jĂŒdisch-christliche Tradition und Überlieferung viele wertvolle „Formen“ und auch Rituale anzubieten, die uns Wachstumschancen eröffnen, aber auch ebenso der Islam, der Buddhismus, der Taoismus und viele weitere.

Jede dieser ZugĂ€nge hat seine StĂ€rken wie auch seine blinden Flecken, Ă€hnlich wie eine jede Übung zur StĂ€rkung des Körpers auf manche Körperpartien besser und auf andere weniger gut auswirkt. Wer von uns wĂŒrde sein Leben lang stĂ€ndig nur die rechte Wade trainieren, und den Rest des Körpers völlig vernachlĂ€ssigen? Und doch ist dieser Zugang in Bezug auf Religionen/SpiritualitĂ€t weit verbreitet. Da wird Jahrhunderte lang darĂŒber gestritten, welche Form die beste (oder gar die “einzig wahre”) sei, anstatt zu fragen, welche Form helfen kann, welche inneren Blockaden/Illusionen aufzulösen, und sich schlicht aus dem riesigen vorhandenen Fundus das zu wĂ€hlen, was individuell stimmig wirkt. Man muss sich ja z.B. nicht offiziell Moslem nennen wenn man Angst hat, von Freunden dafĂŒr schief angeschaut zu werden, aber warum nicht soziale IdentitĂ€t und NĂŒtzlichkeit der einzelnen Formen an sich voneinander getrennt halten, und sich jeweils das an nĂŒtzlichen Übergangs-Formen herauspicken, was individuell als hilfreich erlebt wird? Muss man ein wenig “spinnert” sein, wenn man sich mit Chakren beschĂ€ftigt, und diese BeschĂ€ftigung selbst als hilfreich erlebt?

Die Falle der Form in zwischenmenschlichen Beziehungen

Wer des Öfteren mal meine Barfuß-Geschichten gelesen hat (oder mich persönlich kennt), der dĂŒrfte ohnehin mittlerweile erraten haben, dass ich klassischen monogamen Beziehungen sehr skeptisch gegenĂŒberstehe, und nicht wirklich nachvollziehen kann, warum man sich einem von vornherein derart anstrengend konzipierten Sozialen System freiwillig unterwerfen will. Warum also nicht mal auch öffentlich und ohne Verschleierung durch eine Geschichten-Form anmerken, dass ich mir seit vielen Jahren nur noch offene Beziehungen vorstellen kann (und diese auch lebe), wo es dem VerstĂ€ndnis dieses Artikels dienen mag?

Ich kann den Sinn und Zweck einer klassischen Beziehung als Übergangs-Modell nachvollziehen, um mit einer Art Prototyp menschlichen Miteinanders im Umgang mit dem anderen Geschlecht (oder gerne auch dem eigenen, aber im Sinne der Lesbarkeit erwĂ€hne ich das nicht mehr extra) „starten“ zu können. Als eine Art konstruktive Grenze, als Übergangs-Form, innerhalb derer es anfangs einfacher ist, Liebe und SexualitĂ€t zu erfahren und zu erforschen, Ă€hnlich wie eine vordefinierte Form im Tai-Chi helfen kann, die eigene Beweglichkeit zu erhöhen. Aber ich habe zu oft bei Freunden/Bekannten beobachtet, wie sich diese Übergangs-Form verfestigt und zum Selbst-Zweck wird, zum Teil einer gemeinsamen IdentitĂ€t wird, deren Verlust bedrohlich wirkt, was zu allerhand absurden Folgeerscheinungen fĂŒhrt.

Viele meiner Freunde/Bekannten finden sich dann mit der Zeit entweder in unbefriedigenden Beziehungen wieder, springen von Beziehung zu Beziehung oder verzichten von vornherein ganz auf eine Kombination aus sexueller Anziehung und emotionaler IntimitĂ€t (“Ich mache aus Prinzip nur mehr ONSs). Man fragt sich, in welche Rolle, in welche Form der neu kennengelernte Mann, die neu kennengelernte Frau, wohl passen könnte, und spielt mit dem Reiz der Unwissenheit, bis die Schematisierung vollbracht ist. Menschen werden kategorisiert in Familie, Freunde, Beziehung, Freundeskreis, ONS, …

Einige wenige (nach einigen RĂŒckmeldungen teilweise auch von meinen ErzĂ€hlungen inspiriert, was mich natĂŒrlich freut) trauen sich irgendwann dann doch, in das zu gehen, was ich fĂŒr mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, in dem die etablierten Formen eine untergeordnete Rolle spielen, und das Miteinander anhand der BedĂŒrfnisse der Betroffenen jeweils neu gestaltet wird. Nur zu oft werden dabei eigene und die Blockaden des Anderen auf diesem Gebiet der menschlichen Existenz allzu sichtbar und spĂŒrbar, und nicht immer ist die Überwindung einfach. Oft verĂ€ndert sich das Miteinander drastisch, nachdem eigene innere Blockaden spĂŒrbar und damit auch bewusst werden, bisweilen Ă€ndern sich auch Leben von Grund auf.

Es ist fĂŒr mich nach beinahe 10 Jahren „Praxis“ auf dem Gebiet die bisweilen anstrengendste, aber auch mit Abstand erfĂŒllendste Art des Miteinanders, vor allem auch, weil ein solcher Zugang RĂ€ume eröffnet, um realen BedĂŒrfnissen, die in keine etablierten Formen passen, Raum zu geben (wie hĂ€ufig diese “un-passenden” BedĂŒrfnisse keinen Raum finden, wie traurig und gleichzeitig völlig absurd dies eigentlich ist, davon dĂŒrften sich viele, die sich mit diesen Themen noch nie beschĂ€ftigt haben gar keine Vorstellung machen können). Und bis auf wenige Ausnahmen bin ich mit den meisten Frauen, die mein Leben in diesen 10 Jahren gekreuzt und bereichert haben, noch in Liebe verbunden, auch wenn sich die Form des Miteinanders bisweilen ĂŒber die Jahre sehr verĂ€ndert hat, oder ein Beteiligter bisweilen Distanz benötigte, um neu und verĂ€ndert wieder aufeinander zugehen zu können.

Ich habe zahlreiche Frauen kennengelernt (auch MĂ€nner, aber zu denen fĂŒhle ich mich – bisher zumindest – nicht körperlich hingezogen), die mir erzĂ€hlt haben, dass sie entweder nur fixe monogame Beziehungen wollten oder nur One Night Stands. Ersteres verspreche ich aus Prinzip nicht mehr, weil ich dafĂŒr zu oft die Erfahrung gemacht habe, dass ich mehrere Menschen zur gleichen Zeit lieben kann (und damit nicht alleine bin, entgegen gesellschaftlicher Standards dĂŒrfte das die – jedoch kaum je offen eingestandene, weswegen es nicht so wirkt – NormalitĂ€t darstellen). Zweiteres habe ich in meinem Leben bisher noch nicht hingebracht, selbst diejenigen Frauen, die sich von Anfang an sicher waren, dass das eine einmalige Sache sei, kamen frĂŒher oder spĂ€ter in irgendeiner Form wieder. Einfach, weil es sich fĂŒr sie stimmig anfĂŒhlte, und fĂŒr mich ebenso, und da doch immer etwas von Liebe mitschwang, das nach Ausdruck verlangte, selbst wo (z.B. aufgrund zu großer Entfernung) klar war, dass man sich nicht allzu oft wĂŒrde sehen können.

Ich habe ĂŒber all die etablierten und bekannten Formen von Beziehungen einiges lernen dĂŒrfen und anerkenne durchaus ihren Nutzen als Übergangs-Form, aber auf Dauer erlebe ich es als absurd, eine Beziehung in irgendeiner vordefinierten Form zu leben und nicht in stimmigem Kontakt. Nur in letzterem kann ich letztendlich jeweils die stimmigen Formen des Miteinanders finden, die mir und dem jeweils anderen tatsĂ€chlich entsprechen.

Die Falle der Form im Lernen allgemein

Schlussendlich möchte ich noch von einem GesprĂ€ch erzĂ€hlen, das ich unlĂ€ngst mit einem guten Freund fĂŒhrte, in dem er meinte, ihn wĂŒrden „studierte Leute“ manchmal ziemlich nerven, weil sie oft so redeten wie die BĂŒcher, die diese gelesen hatten: „Da kann ich mir gleich das Buch kaufen und es selber lesen“

Was mich zu einem weiteren relevanten Zusammenhang in Bezug auf Formen fĂŒhrt: wenn sich die Form verselbststĂ€ndigt, zum Selbstzweck wird, und ĂŒber den stimmigen Kontakt gestellt wird – was ist dann noch mein persönlicher, individueller Mehrwert? Suche ich als Mann „eine Beziehung“ mit einer Frau, ist die Frau damit gewissermaßen das Mittel Frau zum Zweck Beziehung? Oder gehe ich stattdessen in stimmigen Kontakt mit einem anderen Menschen, und finde gemeinsam die jeweils passende Form fĂŒr diese Kontakt, wĂ€hrend ich die etablierten Formen – wenn ĂŒberhaupt – nur ĂŒbergangsweise nutze, um meine inneren Blockaden zu ĂŒberwinden? Lese ich ein Buch, lerne ich von jemandem, um meine eigene innere Bewegungsfreiheit zu steigern, oder tue ich es, um zu einem “anerkannten” Vertreter der Lehre eines Anderen zu werden?

Oder bezogen auf den bunterrichten-Titelzusatz „Menschen helfen aufzublĂŒhen“: Nutze ich das Außen, um in der Überwindung des Außens mein Innerstes zum Vorschein zu bringen? Oder baue ich mir im Grunde nur selbst BeschrĂ€nkungen auf, weil ich noch nicht nicht den Mut gefunden habe, meinem eigenen inneren Kompass zu vertrauen?

Niklas

P.S. einige AnkĂŒndigungen:

  • Morgen, 4.7., 20:00 halte ich im AberJa in Wien einen Vortrag: “Wer macht hier wen fertig?” – Familien- und Rechts-Systeme ĂŒber die systemischen Ursachen von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen. Mehr dazu (und zu anderen VortrĂ€gen/Workshops) hier…
  • Auf mehrfache Anfrage ist seit einigen Tagen das Forum wieder online, aber fĂŒhlt sich viel zu wenig beachtet. Schenkt dem doch mal etwas Aufmerksamkeit und fĂŒttert es mit interessanten Themen, es freut sich darĂŒber 😉

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glĂŒcklich geworden waren. Es ĂŒberwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug fĂŒr ein „glĂŒcklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die RealitĂ€t hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spĂŒrte, sondern mit ihr unmissverstĂ€ndlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu ĂŒberdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glĂŒcklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den ZĂŒgen jener „GlĂŒcklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewĂ€hrten, in jene, die ordnungsgemĂ€ĂŸ gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen KomplexitĂ€t, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu fĂŒhren. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafĂŒr in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekĂ€uter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wĂ€hlen durfte, ursprĂŒnglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht fĂŒr eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war ĂŒberhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe fĂŒr sich allein beanspruchen wollten, ihn einschrĂ€nken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug fĂŒr alle da!“. Und lange, ĂŒber viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natĂŒrliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem FĂŒhlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabĂ€nderliche Essenz, und unbestĂ€ndige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war
 vergĂ€nglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war
 keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wĂ€hlen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser verĂ€nderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natĂŒrlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch ĂŒber Jahrtausende gelernt, WasserlĂ€ufe ein StĂŒck weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprĂŒnglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeintrĂ€chtigen. War das etwa, neben der FĂ€higkeit, unabhĂ€ngig der gerade sichtbaren Formen an die immerwĂ€hrende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die fĂŒr ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein wĂŒrden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemĂŒht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die BedĂŒrftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrĂ€ngt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefĂŒhlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen IdentitĂ€t, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschĂŒtzen vorgaben, hinter die Wörter, die die IdentitĂ€t des Einzelnen davor schĂŒtzten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch
 fand er sich bestĂ€tigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe NervositĂ€t und Freude spĂŒrte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurĂŒckkehrte. Hier war
 Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprĂŒnglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen ĂŒberhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen BedĂŒrfnisse der Betroffenen auch erfĂŒllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrĂŒckt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂŒckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂŒr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein LĂ€cheln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schĂŒrfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfĂŒhlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wĂ€hlen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂŒnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nÀchsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂŒchte darin? Was können wir daraus fĂŒr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂŒhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂŒhrt man andere so, dass sie eigenstĂ€ndig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂŒtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter VortrĂ€ge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

Ein bisschen lĂ€cherlich fĂŒhlte er sich schon. Seit lĂ€ngerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsĂ€chlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes PhĂ€nomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und ĂŒber die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafĂŒr aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes GegenĂŒber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfĂ€hrigere GefĂ€hrten fĂŒr seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geĂŒbt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwĂŒhlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale StĂ€rke, als ĂŒberragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwĂŒnschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdĂ€chtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner ÜberschĂ€tzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese hĂ€ufig AbhĂ€ngigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst ĂŒberflĂŒssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spĂŒrte er auch, dass es nun kein ZurĂŒck mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefĂŒhlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfĂŒhlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lĂ€chelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.