„Betreten verboten“.
Etwas an jenem Ort ließ ihn innehalten. Da war… Kraft zu finden in den tosenden Wassermassen, die durch das Wasserkraftwerk strömten. Der innere Widerstand, der Drang zur Konformität mit Regelungen, war heute nur seltsam abgeschwächt in ihm zu vernehmen. Und so folgte er ihr. Über den unter dem Andrang der durch tagelangen Regen und der einsetzenden Schneeschmelze angeschwollenen Fluten leicht schwankende Übergang aus Beton. Auf jene kleine mit Felsen bestückte Insel. Inmitten alles mitreißender Wassermassen, im Auge jenes Sturms, ließen sie sich nieder.

Hier, eigentümlich entrückt jener Welt des Alltäglichen, schien das Unaussprechliche Form annehmen zu können: Er hatte damals einen ungerechten Frieden akzeptiert, um jenen zu schützen, den er sich bedingungslos zu lieben verpflichtet wähnte. Nicht weil er Angst vor seinem Gegenüber gehabt hatte. Sondern weil er Angst davor gehabt hatte, was er jenem antun mochte, würde er all die Wut und Empörung an die Oberfläche treten lassen. Warum unterdrückte er all dies seit Jahren, warum wendete er dermaßen viel Energie darauf auf, die Konfrontation zu verhindern, auch wenn es ihn offensichtlich körperlich wie seelisch schleichend vernichtete? Da war Raum in ihrem fragenden Blick, Raum für die ganze Wahrheit.
„Weil ich kein Mörder sein will“, gestand er ihr stockend, entsetzt über die Macht seiner inneren Bilder. „Und er womöglich die Wahrheit nicht ertragen kann.“

Plötzlich war ihm, als müsse er in den Fluss. Zum Fluss werden. Entledigte sich seiner Schuhe, trat einige Schritte hinaus in die Fluten.
„Schrei es heraus!“, versuchte sie ihm Mut zu schenken.
„Ich tu mir so schwer mit sowas!“, rief er verzagt zurück. Nahm einige Steine aus dem Flussbett, spielte mit ihnen herum. Bemerkte, wie sich seine Atmung mit dem Auf und Ab des Flusses einzustimmen begann. Das Wasser mochte eisig kalt sein, aber Äußeres wurde ihm zunehmend egal.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“ ertönte es hinter ihm. Sie war mit ihm. Schenkte ihm Kraft, Mut.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“, erklang es erneut hinter ihm. Er begann zu schwanken, tiefer in den Fluss zu stolpern. Die Jeans hatte er bis zu den Knien aufgerollt gehabt, um sich nicht zu erkälten. Aber alle weise Voraussicht begann zunehmend an Wichtigkeit zu verlieren, während Vergangenheit und Zukunft zusammenschrumpften, bis sie in einem einzigen Punkt, der Gegenwart, kulminierten. Nun stand er fast bis zur Hüfte in den tosenden Wassermassen. Bekam endlich einen größeren Stein zu fassen, berührte Grund, spürte Kraft in der resultierenden Gegenkraft.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Stein erreichte beinahe das andere Ufer. Sein Körper begann immer unkontrollierter zu zucken, als sich die so lange aufgestaute und nun aufgepeitschte Energie gegen die selbst auferlegten inneren Schranken warf. Würde sie ihn nicht für völlig verrückt halten? Doch sie lächelte ihn nur weiter aufmunternd an.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Und der schützende Damm brach endlich völlig durch.

Wie lange er in den Wassermassen herumgestolpert war, wusste er nachher nicht mehr. Für einige Momente schien der Impuls fast übermächtig zu werden, noch tiefer hinein zu waten, sich von der Strömung tragen, mitreißen zu lassen. Da war so viel Tod in jenem Ur-Schrei gewesen, so viel Ungeborenes, Ungelebtes, das der unheiligen Gewalt des vermeintlich Notwendigen geopfert worden war, eine unüberschaubare Kettenreaktion an Verstrickungen, über Generationen hinweg. Aber da war auch dieser Mensch am Ufer, der ihm ein „Bitte bleib“ vermittelte. In dem so etwas wie eine lange verloren geglaubte Heimat zu finden war. Da war eine Alternative über jenen plötzlich so willkommen scheinenden Tod hinaus. Durch den Schmerz hindurch.

Vor Kälte zitternd, am Ende seiner körperlichen und seelischen Kräfte, erreichte er das Ufer, wo sie ihn umarmte und ihm lächelnd seinen Sweater überreichte. Völlig durchnässt brachte sie ihn nach Hause. Ließ ihm ein heißes Bad ein. Brachte Tee, Kekse, Liebe dar.

An jenem denkwürdigen Nachmittag, inmitten der Fluten und getragen von ihrer Liebe, hatte er es endlich vollends spüren können: es war sein Geburtsrecht, das er damals geopfert hatte, um diejenigen, die er liebte, vor ihrem eigenen Schmerz zu schützen. Ein Geburtsrecht, dass auch jene sich selbst einst verboten haben mussten. Das ihnen Angst machte, weil mit seiner Macht auch die Übernahme echter Selbstverantwortung und damit ein Wegfallen der allzu bequemen Opferthese einhergehen musste. Hatte unter Aufbringung all seiner Kraft das Aufwallen jener mächtigen Lebenskräfte in Zaum gehalten. Sich eingereiht in die lange Reihe seiner Vorfahren, die ebenso jenem lebensverneinenden Muster gefolgt waren.

Jenem anderen Pfad zu folgen, das eigene Geburtsrecht eines kraftvollen eigenen Weges anzunehmen und zu verteidigen – allzu viele „Betreten verboten“-Hinweise schienen dem im Weg zu stehen. Doch wie stabil war jene Welt der Verbote wirklich, und vor allem: wie notwendig? Was würde geschehen, würde jemand den Mut aufbringen, dem eigenen Pfad zu folgen, auch auf das Risiko hin, auf Widerstand zu treffen? Auch in der Bereitschaft, auftretendem Widerstand bisweilen zu überwinden, zu kämpfen, anstatt von vornherein Konflikten aus dem Weg zu gehen? War es wirklich vorrangige Aufgabe, bequem zu sein?

„Betreten verboten“, war wohl auch einmal auf dem Schild zu lesen gewesen, das die Grenze des damaligen Kriegsschauplatzes kennzeichnete. Doch die Schrift war mittlerweile verwittert, die einst verbrannte Erde fühlbar schwanger mit neuem Leben, wenn es auch noch nicht durch die alte Staubschicht gebrochen, sichtbar geworden war. Seine Wasser, einmal entfesselt, würden auch diesem Ort einen Neubeginn schenken. Hier war vor vielen Jahren eine Wahrheit gestorben. Weil er und andere sich aus vermeintlicher Liebe geweigert hatten, das ganze Ausmaß ihrer Macht einzusetzen, sie zu verteidigen. Hier erneut Fuß zu fassen würde eine Konfrontation womöglich unvermeidlich machen. Aber dieses Mal hatte er die Lügen durchschaut, die die Opferung der Wahrheit nur vermeintlich rechtfertigten.

Er nahm etwas Erde, wie er einige Tage zuvor einige Steine aus dem Flussbett genommen hatte, und schrieb lächelnd auf das verwitternde Schild: „Willkommen“. Zeit, andere Wege zu beschreiten. Setzte sich an jenen ihm für so viele Jahre verbotenen Ort. Tauchte ein in die Macht der Erde unter ihm, des Himmels über ihm, der Sonne, der Sterne, des Windes, des Flusses, des Lebens, von dem er sich nun endlich, nach so vielen Jahren, wieder hemmungslos umspülen, tragen zu lassen vermochte. Etwas in ihm war entfesselt worden, ein lange verloren geglaubtes Geburtsrecht wieder errungen und eine Wahrheit offen ausgesprochen. Dieses Mal würde er wohl nicht mehr vor der ihm eigenen Macht zurückschrecken, sondern sich ihr öffnen, hingeben, anvertrauen.

An jenem so lange verbotenen Ort der Wahrheit, zuhause in seiner Kraft, ihrem endlich wieder ungestörten Fluss, erwartete er die Ankunft seines Vaters.

Ist alles, was sich wissenschaftlich nicht belegen lässt, naturgemäß schlicht falsch? Oder schließt die wissenschaftliche Methode durch ihre Methodik selbst bereits gewisse ansonsten mögliche Erkenntnisse aus? Und wenn ja, wie könnte es möglich sein, diese Erkenntnisse mit jener einer objektiven Wissenschaft in Symbiose zu bringen, ohne die Wissenschaft als Disziplin zu verwässern?

In letzter Zeit beschäftigt mich eine Frage sehr stark, die an einer der Grundfesten unseres gesellschaftlichen Konsens rüttelt: der wissenschaftlichen Methode. Diese Methodik hat uns als Menschheit zu großartigen Erkenntnissen verholfen, und mein Anliegen ist es keineswegs, sie an sich zu diskreditieren oder für unzulässig zu erklären. Und doch sehe ich in einem bestimmten Zusammenhang eine mögliche Schwäche der Methodik, über die ich gerne diskutieren möchte.

(Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich gewissermaßen ein wissenschaftlicher Laie bin. Falls die hier aufgeworfenen Problematiken ohnehin schon längst aufgelöst wurden, freue ich mich über Hinweise zu den jeweiligen Werken.)

Das Problem Mensch im System

Es sind vor allem zwei Prinzipien der wissenschaftlichen Methodik, die in bestimmten Zusammenhängen vor allem in den Sozialwissenschaften zu problematischen Folgeerscheinungen führen könnten: Objektivität und Überprüfbarkeit, also die Voraussetzung, dass ein Phänomen oder eine vermutete Ursache nur dann als „wissenschaftlich“ akzeptiert wird, wenn es von verschiedenen Personen unabhängig voneinander reproduzierbar ist. Oder anders ausgedrückt: die Unabhängigkeit von der handelnden Person muss gegeben sein.

Das Werk „Influence“ von Robert Cialdini z.B. hat versucht, einige unabhängig von der handelnden Person nutzbare Beeinflussungs-Möglichkeiten aufzuzeigen. Nur: viele Menschen nehmen die Nutzung dieser wissenschaftlich abgesicherten und funktionierenden Methoden als Manipulation und damit als etwas Negatives wahr, wenn sie ihnen ausgesetzt werden. Der Grund dafür könnte gerade darin liegen, dass diese Methoden und Prinzipien unabhängig davon wirken, ob der Handelnde das Interesse des Anderen im Sinn hat. Es „funktioniert“ einfach (in den meisten Fällen), diese Methoden zu verwenden, und es ist nicht unbedingt notwendig, sich individuell mit den „Zielen“ dieser Methoden der Beeinflussung zu beschäftigen, also den Menschen.

Dann jedoch gibt es auch Zugänge, die sich mehr auf das stützen, was ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, nämlich ein Erspüren der Bedürfnisse des jeweils anderen, und ein Ableiten der jeweils stimmigen Handlungen daraus. Wer sich in diesen stimmigen Kontakt wagt, wird selbst essentieller Teil des Erspürens der im Moment notwendigen Handlungen. Und damit wird das konkrete Tun, das sich aus diesem stimmigen Kontakt ableitet, je nachdem welche Menschen und in welcher Situation diese darin zusammenkommen, ein anderes sein. Was in stimmigem Kontakt passiert, ist daher nur schwer reproduzierbar oder objektivierbar, ist gewissermaßen in seiner Definition bereits einzigartig (wenn auch möglicherweise anderem ähnlich).

Man könnte nun versuchen, Menschen in Untergruppen einzuteilen, etwa zu vermuten, dass hochsensible Menschen leichter in stimmigen Kontakt mit anderen treten können, und zu versuchen, stimmigen Kontakt als „Methode“ in ihrer Wirksamkeit zu messen. Aber ich sehe da ein ähnliches Problem wie mit der „Individualisierung“ des Unterrichts: es ist ja ganz nett, eine Schulklasse in mehrere Untergruppen einzuteilen um diesen Untergruppen jeweils besser entsprechen zu können, aber warum dann nicht gleich den mutigeren Schritt wagen und sich frage, wie Lernen von Individuen in Gemeinschaft am sinnvollsten organisiert werden könnte, basierend auf den Bedürfnissen genau dieser Individuen? Wenn stimmiger Kontakt keine Methode im ursprünglichen Sinn darstellt, warum dann überhaupt versuchen, sie als solche zu verifizieren? Warum nicht versuchen, stattdessen ein Bewertungssystem zu entwickeln, das diesem Zugang auch tatsächlich entsprechen kann?

Das Dilemma subjektiver Realität

Eine Problematik, die ich sehe, ist eine Art Unterscheidung zwischen „wissenschaftlich erwiesen“ als objektive Realität und „nicht wissenschaftlich erwiesen“ als gewissermaßen „eingebildete“ Realität. Ich mag Geschichte sehr gerne, unter anderem deswegen, weil man dabei lernen kann, dass zu jeder Zeit Menschen sich gewundert haben, wie die Menschen vor ihnen bestimmten Erklärungen glauben konnten, die – nach aktuellem Wissensstand – dann doch sehr unlogisch klingen. Es ist für mich daher vorhersehbar, dass die Menschen in 100 Jahren über uns ähnlich denken, und wir uns über vieles, was wir heute glauben sicher zu wissen, im Nachhinein betrachtet geirrt haben werden.

Welche Wahl hat nun heute ein Mensch, der in seiner Wahrnehmung und Erfahrung etwas erlebt, das er sich wissenschaftlich (noch) nicht schlüssig erklären kann? Er wird diese Wahrnehmung/Erfahrung entweder a) für sich unterdrücken, b) er wird sich selbst ein subjektives Erklärungsmodell entwerfen, oder – wohl häufiger – c) sich ein alternatives Erklärungsmodell aus anderen Quellen suchen, das bereits von mehreren anderen vertreten wird, und dadurch eine gewisse „Objektivität“ bekommt.

Diese Spannung zwischen subjektivem Erleben und „objektiv akzeptierter“ (=wissenschaftlicher) Realität kann so groß werden, dass sie jemandem zu einem willkommenen Opfer für manipulative Gruppierungen, Sekten, Ideologien etc. macht, oder Menschen gar zu anderen verzweifelten Handlungen führt.

Verschenken wir damit nicht per Definition Potentiale?

Die Frage, die sich mir zusätzlich gerade auch in Bezug auf die Pädagogik und Führung von Mitarbeitern stellt, ist jene, ob wir nicht auch sehr viel Potential verschenken, indem wir uns darauf einigen, dass wir wissenschaftlich und damit reproduzierbar geeignetsten Methoden unabhängig vom Ausführenden für die wertvollsten erklären. Das Ergebnis davon kann ja damit im Grunde nur eine sehr durchschnittliche Qualität haben, wenn die Methode von einem jeden erfolgreich eingesetzt werden können muss. Was würde passieren, wenn wir stattdessen Menschen in ihrem Miteinander zutrauen, so zu handeln, wie sie es nach bestem Wissen und Gewissen für am sinnvollsten für alle Beteiligten in der jeweiligen Situation halten?

Sich auf „objektiv sinnvolle“ und wissenschaftlich abgesicherte Methoden zu verlassen, entbindet gewissermaßen auch von der persönlichen Verantwortung. Solange ich das tue, was laut Wissenschaft das Beste ist, ist im Falle des Scheiterns die Wissenschaft schuld, nicht ich. Sobald ich stattdessen davon abweiche und so handle, wie es sich subjektiv richtig anfühlt, bin ich selbst verantwortlich für die Konsequenzen meines Handelns.

Die spannende Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist jene: wie kann eine objektive Wissenschaft, die für mich durchaus ihre Berechtigung hat, in einer sinnvollen Symbiose mit subjektiven Zugängen existieren, ohne notwendigerweise Tür und Tor für problematische Ideologien zu öffnen?

Eine subjektive Ergänzung zur objektiven Wissenschaftlichkeit

Die einfachste Antwort, die mir darauf einfällt, ist die, diese subjektiven Zugänge als solche anzuerkennen und einzuschränken. Eine objektive Wissenschaft stellt den Anspruch, eine für alle nachvollziehbare Realität abzubilden. Eine subjektive Komplementär-Perspektive darf dann für sich nur beanspruchen, subjektiv, für mich richtig zu sein. Sie darf nie in den Trugschluss verfallen, dass diese subjektive Wirklichkeit zwingend auch für andere gilt, sonst driftet sie rasch zur Ideologie ab. Ein zweites Kriterium für diesen zusätzlichen subjektiven Zugang ist jener der Selbstverantwortung für die Konsequenzen dieser Abweichung von der gemeinsamen objektivierbaren Lehr-Meinung.

In den letzten Jahren wurde beispielsweise viel über Hochsensibilität geschrieben, und ich bin dankbar dafür, weil es mir einen gewissen Erklärungsrahmen für meine subjektiven Erfahrungen der letzten Jahrzehnte geschenkt hat. Ich habe aber auch bereits viele Menschen getroffen, die sich selbst als hochsensibel bezeichnen, und in ihrem Verhalten nicht wirklich sehr in Kontakt mit anderen wirkten – da liegt die Vermutung nahe, dass diese Menschen noch keine passendere Erklärung für ihre subjektiven Erfahrungen gefunden haben, und dann eben fürs erste das Thema Hochsensibilität für sich „nutzen“, um ihre subjektiven Erfahrungen in einen objektiveren Rahmen einzuordnen. Möglicherweise hilft die Identifizierung mit einem solchen Phänomen auch dabei, sich nicht mehr so „subjektiviert“, also auf sich selbst zurückgeworfen zu fühlen.

Ich kann mir ja anhand meiner eigenen subjektiven Erfahrungen gut vorstellen, dass „Hochsensibilität“ im Grunde eine Art Umschreibung ist für einen oder mehrere zusätzliche Sinne, die wir – weil sie wissenschaftlich schwer nachzuweisen sind – als gesellschaftlichen Konsens für nicht-existent erklärt haben. Wie bei anderen Sinnen auch gibt es wohl eine bestimmte Veranlagung für verschiedene Ausprägungen (nicht jeder hat z.B. ein absolutes Gehör), und auch die Handhabung dieser Sinne muss mit der Zeit eingeübt werden. Da in unserer gesellschaftlich akzeptierten objektiven Realität diese „zusätzlichen“ Sinne offiziell schlicht nicht existieren, ist es für die meisten schwierig, Vorbilder zu finden, weswegen die Ausprägung dieser Fähigkeiten bei vielen nur rudimentär bleibt, und so oft missverstanden wird.

Auch die zahlreichen Geschichten über Engelerscheinungen und die jeweiligen Varianten in anders geprägten Kulturen erscheinen mir vom Grundprinzip sehr ähnlich dessen, was ich als Phänomen immer wieder selbst erlebt habe: manchmal einfach etwas zu „wissen“ oder zu spüren, was die Wahrheit ist, selbst wenn dies in einer objektiv (d.h. für jeden Menschen) nachvollziehbaren Realität für mich nicht logisch erklärbar ist, wie so etwas möglich sein sollte.

Nur habe ich mich wohl zu lange und intensiv mit diesen Themen beschäftigt, um mich nicht mit „fertigen“ äußeren Erklärungsmodellen zufrieden zu geben, und genug positive Erfahrungen damit gemacht, im Zweifelsfall auf dieses „Bauchgefühl“ zu vertrauen, auch wenn ich nicht begründen kann warum. Dies bedeutet nicht, dass dieser Zugang für andere notwendigerweise ebenso stimmig sein muss, noch dass ich mich damit der persönlichen Verantwortung für die Konsequenzen meiner so getroffenen Entscheidungen losspreche (man könnte es ja auch – je nach gewählter Erklärungs-Ideologie – als „Aufträge von Engeln“ interpretieren), und damit kann mein subjektives Erleben relativ konfliktlos mit dem sonstigen objektiv-wissenschaftlichen Erklärungsgebäude der Wissenschaft sowie subjektiven Interpretationsversuchen anderer ko-existieren.

Ein Versuch einer Kategorisierung subjektiver Realität

Tatsächlich sind diese zwei Kriterien für mich mittlerweile auch eine Art „Güte-Siegel“ geworden, wenn ich mit anderen über ihre subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen spreche, die sich der objektiv und wissenschaftlich überprüfbaren Realität entziehen mögen:

  • Handelt dieser Mensch in persönlicher Verantwortung der Konsequenzen seiner Handlungen, oder beschuldigt er andere Menschen, Gruppen, Mächte fĂĽr sein Erleben?
  • Ist der Mensch zufrieden damit, fĂĽr sich eine subjektiv sinnvolle Erklärung gefunden zu haben, oder zeigt sich stattdessen eine Art missionarischen Ăśberzeugungseifers?

Mit Hilfe dieser (oder einer weiter verbesserten) Kategorisierung subjektiven Empfindens ist es hoffentlich möglich, wissenschaftlich (noch) nicht erklärbare Erfahrungen subjektiv abzubilden, ohne notwendigerweise in schein-objektivierte Glaubens-Systeme abdriften zu müssen.

Niklas

Warum existiert Mobbing? Was verbindet den Faschismus im Kern mit dem Kommunismus – und mit der Mafia? Warum hat die FPÖ in den letzten Jahren mehr und mehr Zulauf in Österreich? Und warum wiederholt sich – wie viele nun erneut befürchten – eigentlich die Geschichte so gerne und oft? Eine Betrachtung anhand zweier interessanter Muster in sozialen Systemen.

Die Antwort auf die letzte Frage ist meiner Meinung nach am einfachsten zu geben: weil wir uns soziales Geschehen traditionell sehr mechanisch erklären. Ein Akteur oder mehrere wenige treiben den Lauf der Geschichte voran, der Rest reagiert darauf, etwa: „Adolf Hitler war der Grund für den Faschismus“. In meiner Schulzeit wurde mir das sinngemäß so erklärt. Oder umgekehrt: hätte es ihn nicht gegeben, wäre es nie zu all dem gekommen.

Ja, ich wars! Ganz alleine habe ich die Welt ĂĽberwunden! Muahaha!
(kurze Zusammenfassung des an Schulen vermittelten Geschichtsbildes)

Wäre es tatsächlich so, wäre alles, was nötig ist, eine Wiederholung zu verhindern, Ausschau nach sich ähnlich verhaltenden Menschen zu halten und diesen tunlichst keine Bühne zu geben. Ich glaube jedoch, dass es damit nicht getan ist. Auch wenn viele möglicherweise den Kopf schütteln mögen ob dieser Aussage: ich glaube, Adolf Hitler war in gewisser Hinsicht Symptomträger eines bestimmten sozialen Musters. Er war mit Sicherheit ein besonderer Mann mit besonderen Eigenschaften, die ihn zu seiner Zeit zu dem werden ließen, der er später wurde, und ich möchte ihn nicht von seiner persönlichen Verantwortung freisprechen. Aber ohne die ganz bestimmte Umgebung, mit der er in Wechselwirkung stand, wäre ihm nicht möglich gewesen, was ihm möglich war.

Wenn wir also verhindern wollen, dass sich die Geschichte wiederholt, müssen wir neben ihm als Symptomträger auch die Umstände und sozialen Muster betrachten, die in Wechselwirkung mit seiner individuellen Person hervorgebracht haben, was wir zu verhindern suchen. Mir ist klar, dass die Sichtweise, wir wären alle Opfer gewesen, in der Nachkriegszeit vor allem für Österreich einen enormen Wert hatte, weil sie zu einer besseren Behandlung durch die Siegermächte führte. Aber sie verstellt nun, Jahrzehnte nach dem Geschehen, den klaren Blick auf die Anfänge, und bereitet damit den Nährboden für einen Neuanfang mit.

Was aber hat nun ein Adolf Hitler und der Nationalsozialismus mit Mobbing zu tun? Um dies zu verstehen, mĂĽssen wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Arten sozialer Systeme verstehen: Familien-Systeme und Rechts-Systeme.

Was ist ein Familien-System?

“Den Charakter und Wert des Menschen erkennt man, wie jeder weiĂź, unfehlbar an der Form seines Kopfes.”

Ein Familien-System schreibt seinen Mitgliedern implizit vor, wie sie sich zu verhalten haben. Das Wir-Gefühl wird durch Gleichheit im Sein und Verhalten angestrebt. Verhält sich jemand anders als erwartet, ist die Konsequenz unklar, und meist je nachdem um wen es sich handelt unterschiedlich. Entweder wird Druck auf denjenigen ausgeübt, sich wieder den anderen anzupassen, oder Druck ausgeübt, die Gruppe zu verlassen. Es gibt häufig interne Machtkämpfe darüber, wer die Gruppen-Normen definiert.

Familien-Systeme haben den Vorteil, dass sie Menschen, die sich ohnehin ähnlich sind, gut zusammenschweißen und zu gemeinsamen Leistungen anspornen können. Weil Abweichungen von der Norm nicht geduldet werden, sind Familien-Systeme jedoch nicht gut geeignet, um Innovation hervorzubringen.

Familien-Systeme entstehen ĂĽberall dort automatisch, wo nicht bewusst Rechts-Systeme eingefĂĽhrt werden, und auch dort, wo Rechts-Systeme zusammenbrechen.

Beispiele kennen die meisten aus dem persönlichen Umfeld, etwa in Teams oder einer Schulklasse. Ein weiteres sehr bekanntes und plakatives Beispiel ist z.B. die Mafia, die sich ja auch selbst den passenden Spitznamen „Familie“ gibt.

Was ist ein Rechts-System?

“Nicht töten, nicht verletzen, nicht stehlen, … ok, dann bin ich eben freundlich, das darf ich ja!”

Während im Familien-System implizit vorgeschrieben ist, wie man sich zu verhalten hat, ist in einem Rechts-System explizit festgelegt, wie man sich nicht zu verhalten hat. Im Staatswesen etwa bilden Gesetze einen Rahmen, innerhalb dessen man sich verhalten kann wie man es selbst für richtig hält – damit entsteht ein Spielraum möglichen Verhaltens und Raum für Diversität/Innovation. Bricht jemand diese Regeln, so ist klar definiert, was daraufhin passiert. Hat der Täter seine Konsequenz auf sich genommen, so ist seine Schuld getilgt, und ihm steht (zumindest in der Theorie) ein Neuanfang zu.

Ein Rechts-System funktioniert nur dann, wenn es ein Gewalt-Monopol gibt, und dieses auch gerecht und konsequent ausgeĂĽbt wird. Kommt es zu Ungleichbehandlung, oder schwindet das Vertrauen, dass Ăśbertretungen geahndet werden, wird das Gewalt-Monopol in Frage gestellt. Es kommt zu Machtwechseln oder sogar zum Zusammenbrechen des Rechts-Systems selbst und zur RĂĽckkehr zum Familien-System.

Beispiele sind Staaten wie Österreich, aber Rechts-Systeme können auch im Kleinen, etwa in Teams oder in Schulklassen errichtet werden, wie ich es mehrmals intuitiv an Schulen – ohne noch in diesen Begriffen zu denken – getan habe.

Ein weiterer interessanter Faktor: Familien-Systeme können innerhalb von Rechts-Systemen existieren, umgekehrt funktioniert dies jedoch – nach meiner Erfahrung mit dem Schulsystem – auf Dauer nicht so gut. Ein Rechts-System eröffnet einen Spielraum für Anders-Artigkeit, den ein übergeordnetes Familien-System nicht dulden kann.

Was hat das alles mit Mobbing zu tun?

“Da hält sich wohl jemand fĂĽr etwas Besseres?!”

Sehr viel! Ich bin mittlerweile ĂĽberzeugt davon, dass Mobbing als Phänomen eine mögliche natĂĽrliche Folge eines Familien-Systems ist. Ist eine Gruppe in einem Familien-System sich sehr ähnlich, so wird sie sich eher gegenĂĽber einem anderen Familien-System im AuĂźen abgrenzen (FuĂźball-Fanclubs sind ein gutes Beispiel dafĂĽr, oder auch “völkisch” geprägte Staaten). Ist sie jedoch sehr heterogen, ist die Konsequenz entweder ein mehr oder weniger offener Machtkampf um die Definitionsmacht der Normen – oder eben Mobbing: „Pass dich an oder verschwinde, damit wir alle gleich sein können“.

Wer dann jeweils tatsächlich Mobbing-Täter oder Opfer wird oder ob es stattdessen zum offenen Machtkampf zwischen Gruppen kommt, hängt wiederum viel mit individuellen Aspekten der handelnden Menschen zusammen. Aber in einem Familien-System, in dem Mobbing existiert, ist der Mobbing-Täter im Grunde meist nur Symptomträger einer tieferen Problematik. Wird der Täter dann zum Beispiel gekündigt, ohne ein funktionierendes Rechts-System aufzubauen oder die Gruppen so neu einzuteilen, dass sie tatsächlich homogen werden und relativ friedlich nebeneinander existieren können, wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später wieder zu Mobbing kommen.

Mobbing und offene Machtkämpfe sind also dort an der Tagesordnung, wo eine unterschiedliche Gruppe von Menschen zusammenkommt und kein Rechts-System existiert. Und hat dort ein Ende, wo Führungskräfte ein solches etablieren und verteidigen.

ZurĂĽck zum Faschismus

Der Faschismus im letzten Jahrhundert war für mich, sehr vereinfacht ausgedrückt, die Folge des Niedergangs eines Rechts-Systems, das vielen verschiedenen Menschen und Kulturen unter einer Herrschaft ein Miteinander ermöglicht hatte. Die alten Monarchien fielen, den Menschen ging es schlecht, das Vertrauen in eine bessere Zukunft und eine politische Elite, die die Massen dorthin führen würde, schwand. Das Gewalt-Monopol wurde immer mehr unterhöhlt. Menschen ahnten, dass irgendetwas gehörig schief lief. Aber es war zu komplex, als dass jemand tatsächlich erklären konnte was und warum, und die Hoffnungslosigkeit stieg mit der Inflation tagtäglich.

“Also ich hätte da so eine Idee…”

Und dann plötzlich der Lichtblick: jemand hatte eine einfache Erklärung, die eine Rückkehr zur eigenen Handlungsfähigkeit versprach. Alles mag zusammenbrechen, aber ich kann etwas dagegen tun. Die Kommunisten entdeckten „die Reichen“ als den Grund aller Probleme, die Faschisten „die Juden“, und beide entdeckten, dass sie eine Masse und damit überlegen waren, wenn sie nur mobil wurden. Das Gewaltmonopol war bereits zum Teil unterhöhlt, und das „Mobbing“ der erklärten Zielgruppe begann. Wer andere verachtet und sich von ihnen abgrenzt, gewinnt dadurch praktischerweise noch an eigenem Identitätsgefühl hinzu, was zu diesen Zeiten zusätzlich ein Bonus war.

Und nachdem man erst einmal begonnen hatte und feststellte, dass das Gewaltmonopol des Staates keinen Widerstand mehr bot, stand der Massenvernichtung der „Anderen“ nicht mehr viel im Wege. Es ist bezeichnend, dass es ein gewissermaßen schleichender Prozess war, wie es auch in Gruppen in denen Mobbing existiert häufig ist.

Wenn wir an unserem mechanischen Weltbild festhalten, werden wir – wie es auch in der Medizin vorkommt – immer wieder Symptomträger eines Phänomens mit den tatsächlichen Ursachen verwechseln. Deswegen halte ich es fĂĽr so wichtig, eine Sprache, ein Vokabular zu entwickeln, mit der wir diese tatsächlichen Ursachen auch beschreiben und verstehen können. Wir haben zwar zahlreiche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, Soziologie, Systemtheorie etc., aber eine VerknĂĽpfung dieser Erkenntnisse zu einer universalen sozialen Theorie, die auch fĂĽr einen Laien ohne Supercomputer hilfreich sein kann, steht noch aus.

Die große Leistung eines Adolf Hitler war es, eine Erklärung für die Misere der Massen anzubieten und sie zum Handeln zu mobilisieren, während andere sich vor der Komplexität der Situation fürchteten und keine Alternative anboten. Wer verzweifelt genug ist, und er sieht nur eine einzige Handlungsalternative, der wählt diese, egal was die Konsequenz ist.

Wer eine „Wiederholung der Geschichte“ vermeiden will, sollte also meiner Ansicht nach lernen, komplexe soziale Systeme und ihre Zusammenhänge zu verstehen, um dort, wo „einfache Lösungen“ populär werden, eine Vertrauen erweckende Alternative parat zu haben, die nicht zur Katastrophe führt.

Zur „Lage der Nation“ in Österreich

“Ich bin fĂĽr mehr direkte Demokratie!”
(solange wir mehr sind als die)

Warum hat die FPÖ in Österreich (und viele ähnliche „extremere“ Ausprägungen des politischen Spektrums weltweit) in Wahlen deutlich zugelegt? Ich glaube, das liegt daran, dass sie sich in ihren Grundzügen und ihrer offiziellen Zielsetzung  sehr stark an einem Familien-System orientiert. Andere Parteien, etwa die Grünen, bekennen sich zu mehr Diversität und Integration und anderen klassischen Vorteilen eines Rechts-Systems. Ein steigendes Misstrauen in ein Rechts-System führt zu einem Umschwung im Wahlverhalten hin zu Parteien, die eher Familien-System-Themen aufwerfen und ansprechen. Wobei zu beachten ist, dass rein strukturell jede Partei in einer Demokratie unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung bereits Aspekte eines Familien-Systems aufweist.

Nun befinden wir uns weltweit in einer sehr unübersichtlichen Entwicklung, was sich in den letzten Jahren unter Anderem anhand der Asyl-Thematik gezeigt hat. Massen von Menschen haben sich zwischen Staaten bewegt, und im Grunde war in vielen Fällen unklar, ob dies nun mit rechten Dingen zugegangen war oder nicht. Vermutlich wäre ich (und auch sonst jeder) in der verantwortlichen Position genauso überfordert gewesen, ich will hier niemandem etwas vorwerfen.

Wiederum befinden wir uns jedoch nun in einer Situation, die zu komplex erscheint, um sie in ihrer Gesamtheit deuten zu können, in der aber eine gewisse latente Angst und Unzufriedenheit in vielen Menschen brodelt. Unabhängig von der tatsächlichen Stärke des Rechts-Systems in Österreich ist es heute einfacher denn je, Falschinformationen darüber zu verbreiten, um das Vertrauen in die so wichtige Legitimation des Gewaltmonopols des Staates zu untergraben. Konstruktive Erklärungen und Handlungsalternativen zur Lösung der tatsächlichen Ursachen erscheinen rar bis nicht vorhanden, was Raum eröffnet für neue „einfache Lösungen“ im Sinne von Familien-Systemen.

FPĂ–-Plakat

“Den Charakter und Wert eines Menschen erkennt man, wie jeder weiĂź, unfehlbar am Ort seiner Geburt.”

MĂĽssen wir uns Sorgen machen?

Wenn wir den Unterschied zwischen Familien- und Rechts-Systemen als Muster akzeptieren können, dann glaube ich, dass wir zumindest aufhören sollten, unsere Energien in Nebenschauplätzen zu vergeuden. Ich bin überzeugt davon, dass sich in allen Parteien Menschen finden, die es auf ihre Weise gut meinen mit uns (sowie den einen oder anderen Betrüger). Ein Kommentar eines FPÖ-Politikers ist nicht per se besser oder schlechter als der einer anderen Partei, und alle FPÖ-Anhänger gewohnheitsmäßig als Nazis zu beschimpfen (wie ich es schon öfter erlebt habe) hilft uns nicht dabei, konstruktive Lösungen zu finden.

Die relevante Frage ist für mich, der ich eine gesunde und bereichernde Vielfalt schätze, vielmehr: stärken wir die Grundfesten eines Rechts-Systems mit dem was wir tun, oder schwächen wir sie, und geben damit Familien-Systemen mehr Raum? Tatsächlich dürfte es das Vertrauen in ein Rechts-System nicht gerade stärken, wenn zigtausende Menschen unkoordiniert und mit unklarem Rechts-Status ins Land einreisen. Der Grund dafür ist aber nicht, dass es sich ausnahmslos um schlechte Menschen handelt, sondern dass um eine solche Situation bewältigen zu können wir auch entsprechende Kapazitäten haben oder entwickeln müssen, damit im Rahmen eines Rechts-Systems umzugehen.

Es ist – wie weiter oben bereits erwähnt – durchaus zulässig und mag zuweilen auch sehr sinnvoll sein, Familien-Systeme aufrechtzuerhalten, weil diese innerhalb eines Rechts-Systems funktionieren und auch wertvoll sein können. Bedrohlich wird es dort, wo das Familien-System das Gewalt-Monopol des übergeordneten Rechts-Systems unterwandert und bedroht. Sind wir schon so weit gekommen? Es ist für mich schwierig, dies zu überblicken, was an sich bereits ein Alarm-Signal sein dürfte.

Die Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen trägt hoffentlich ein StĂĽck weit dazu bei, eine Art „Framework“ zu haben, mit dessen Hilfe sich die Situation in einem Staat, einem Team oder auch einer Schulklasse besser beurteilen lässt. Die Geschichte wiederholt sich erfahrungsgemäß nie exakt gleich, aber ähnlich wie in der Medizin wiederholt sich das Auftreten einer “Krankheit” in verschiedenster Formen meist zumindest so lange, bis wir zu unterscheiden lernen zwischen einer oberflächlichen Symptombehandlung und der Bekämpfung der tieferliegenden Ursachen. Vielleicht sind wir diesen mit der Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen einen Schritt näher gekommen. Zu hoffen wäre es.

Niklas

Vor einigen Tagen hörte ich einigen Menschen zu, die über ein muslimisches Mädchen mit Kopftuch diskutierten und wie ihm zu helfen sei, mehr persönliche Freiheit zu erlangen. Es wurden einige interessante Argumente angeführt (etwa, dass ein muslimisches Jugendangebot bzw. das Tragen des Kopftuches für ein muslimisches Mädchen ein Mehr an Freiheit bedeuten kann, weil es sich damit außerhalb des Familiensystems bewegen kann), es kam allerdings auch zum Ausdruck, dass es oft eben leider nicht gelänge, besagten Menschen zu mehr persönlicher Freiheit zu verhelfen. Und während ich weiter zuhörte, kam mir ein interessanter Gedanke: die Familie ist – vor allem in eher traditionell angehauchteren Familien – ein weitgehend geschlossenes Macht-System.

Das Phänomen des leeren Blickes

Um zu erklären, was ich damit meine, muss ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen. Ich unterhalte mich sehr gerne mit Zeugen Jevovas oder anderen Vertretern der Straßenbekehrer, weil ich – wenn ich nicht gerade in Eile bin – mich sehr für verschiedene Perspektiven zum Thema Glauben und Leben allgemein interessiere. Mit der Zeit ist mir jedoch aufgefallen, dass meine Gesprächspartner unter den Straßenbekehrern oftmals Menschen sind, die oft gar nicht so viel über die – angeblichen – Grundlagen ihres jeweiligen Glaubens (also Bibel, Koran, …) zu wissen scheinen, sollten sie auf jemanden wie mich treffen, der die jeweiligen Werke interessiert gelesen hat und vertiefte Fragen zu stellen weiß.

Wirklich interessant wird es für mich jedoch, wenn ich anfange, ihnen gewisse Fragen zu stellen, die geeignet wären, ihren (oft sonderbar oberflächlich wirkenden) Glauben zu erschüttern, die beispielsweise Widersprüche in den Texten behandeln. Dann habe ich bereits mehrmals ein Phänomen beobachtet, dass ich für mich das „Phänomen des leeren Blickes“ nenne: jemand scheint mich gar nicht mehr hören zu können, sobald ich gewisse Aspekte anspreche. Wechsle ich zurück auf ein „einfacheres“ Thema, läuft das Gespräch wie gehabt weiter, als würde meinem Gesprächspartner gar nicht auffallen, was gerade Seltsames geschehen ist.

Mit der Zeit habe ich dazu für mich die Hypothese entwickelt, dass ich – mehr oder weniger zufällig – mit meinen Fragen die Aspekte des Glaubens des Anderen berührt oder in Frage gestellt habe, die die Grundfesten ausmachen, jene, die er nicht hinterfragen kann, weil er dafür seinen Glauben gewissermaßen von außen betrachten müsste, und dazu ist er (noch) nicht bereit oder fähig.

Ursachen des Phänomens

Ich habe mich bereits wiederholt gefragt, warum diese an sich sehr intelligent und wissbegierig wirkenden Menschen offenbar an einigen „wunden Punkten“ nicht fähig oder willig scheinen, sich bzw. ihren Glauben „von außen“ zu betrachten, und meine derzeitige „Arbeitshypothese“ läuft daraus hinauf, dass sie sich durch ein Hinterfragen „von außen“ eben auch außerhalb der hinterfragten Gruppe oder Gruppen-Identität stellen, und dass die Konsequenzen dieser potentiellen Trennung untragbar erscheinen. Derjenige, der nicht wagt, bestimmte Aspekte seines Seins oder Tuns zu hinterfragen, befindet sich damit in Abhängigkeit der Gruppen, als deren Teil er diesen Aspekt aufrechterhält.

Weil dies sehr abstrakt formuliert ist, ein einfaches Beispiel: das 12-jährige Mädchen, das auf Wunsch ihrer Familie oder ihrer Glaubensrichtung Kopftuch trägt, ist faktisch von seiner Familie abhängig. Es darf in Österreich als zu junge Jugendliche noch nicht arbeiten, was eine gewisse physisch/finanzielle Abhängigkeit zur Familie bedingt, zudem ist es emotional, sozial und in seiner Identität wahrscheinlich noch nicht fähig, unabhängig von ihrer Familie zu leben, was bedeutet, dass ihre Familie (als der Gruppe, von der sie abhängig ist) die Grenzen ihrer Freiräume definiert. Selbst wenn ihre generelle Glaubensrichtung in Österreich kaum reelle Macht besitzt und sie nicht zum Tragen des Kopftuches zwingen kann, kann ihre Familie es tun, wenn sie glaubt, dass dies aus religiösen Gründen richtig ist, oder auch einfach aus dem Grund, weil es der Familie so recht oder bequem ist. Es wird ihr nichts nützen, wenn in Österreich das Recht der Frau auf Selbstbestimmung in der Verfassung steht. Solange sie sich in direkter Abhängigkeit zu anderen Mächten befindet, haben diese anderen Mächte Vorrang.

Trifft dieses Mädchen nun eine engagierte Sozialarbeiterin oder Freundin oder wen auch immer, die es ihr ermöglicht, auch andere Möglichkeiten für sich erträumen zu können, bricht dieser Akt der Unterstützung zwar einen Teil der Abhängigkeit auf, vor allem den emotionalen und sozialen, indem das „Monopol“ der Familie aufgebrochen wird – aber wie oft wird es vorkommen, dass das Mädchen in die Lage versetzt wird, sich auch finanziell/physisch aus ihrer Abhängigkeit lösen zu können? Zudem: wie stark darf es darauf vertrauen, dass diese Unterstützung von außerhalb der Familie auch verlässlich aufrechterhalten wird? Wird die Sozialarbeiterin auch in zwei Jahren noch an ihrer Seite sein? Wird die staatliche Unterstützung weiter ausbezahlt werden, wird sie (falls sie schon etwas älter ist und sich traut, gegen den Willen der Familie einen Job anzunehmen) den Job behalten, die Unabhängigkeit von der Familie dauerhaft aufrechterhalten können?

Das Beispiel des 12-jährigen muslimischen Mädchens ist plakativ gewählt. Im Grunde geht das Phänomen jedoch noch viel weiter. Abseits der medialen Aufmerksamkeit betrifft es im Grunde einen jeden Menschen, ist er hier geboren oder nicht, ist er 6, 12, 18 oder 53: worin besteht meine Abhängigkeit, steht sie mir im Weg, und: kann bzw. wie kann ich sie überwinden? Abhängigkeit an sich muss nicht per se problematisch sein, kann auch eine Art von Geborgenheit bedeuten. Das Problem entsteht dort, wo notwendige Entwicklungen und Ablösungsprozesse nicht durchgemacht werden können – und abstrakt formuliert ist damit immer dann zu rechnen, wenn geschlossene Systeme von Macht und Abhängigkeit in Form eines Monopols auftreten.

In dem Sinne halte ich es für sehr interessant, wenn es Migranten möglichst schwer gemacht werden soll, Arbeit zu finden, obwohl Arbeit zu finden und damit Denk-, Rede- wie Handlungsmöglichkeiten für die Arbeitenden zu erweitern womöglich der rascheste Weg wäre, problematische traditionelle/familiäre Machtstrukturen zu durchbrechen. Denn wer physisch/finanziell direkt abhängig ist von einem autoritären Familienoberhaupt, der mag sich trauen, selbstständig zu denken, aber dem Oberhaupt zu widersprechen oder gar ihm zuwiderhandeln, dazu muss derjenige schon großen Mut besitzen.

„Größere“ geschlossene Macht-Systeme

Ich habe in diesem Artikel bisher weitgehend familiäre Macht-Systeme beschrieben, aber im Grunde lassen sich die beschriebenen Phänomene auch gut auf größere Systeme umlegen, seien es Glaubens-Systeme oder auch Gesellschafts-Systeme. Vor gar nicht allzu langer Zeit war es auch bei uns lebensgefährlich, gewissen Glaubens-Dogmen öffentlich zu widersprechen. Offene Kritik am herrschenden Gesellschafts- wie Wirtschaftssystem ist zwar an sich hier in Österreich durchaus „erlaubt“ und sogar ganz gern gesehen, allerdings interessanterweise innerhalb gewisser Grenzen, ab denen wiederum das Phänomen des leeren Blicks anzutreffen ist. Es ist beispielsweise für den Großteil meiner Bekannten durchaus akzeptabel, Gehälter zwischen 1000 und 3000-4000 Euro zu verdienen, sich vorzustellen, 10000 Euro im Monat zu verdienen (unabhängig davon, ob die eigene Leistung es rechtfertigen würde), fällt den meisten der von mir dazu Befragten jedoch wiederum schwierig. Oder sich zu fragen, ob man „Leistung“ denn überhaupt mit Hilfe von Geld „messen“ kann und ob es damit überhaupt so etwas wie eine „gerechte“ Bezahlung geben kann.

Aus der Perspektive geschlossener sowie offener Macht-Systeme (offen = kein strenges Monopol auf Abhängigkeiten) heraus entstehen einige interessante Parallelen zwischen aktuellen Diskussionen und geschichtlicher Entwicklungslinien. Etwa die kontroverse Bibel-Übersetzung durch bzw. um Martin Luther hier in Europa und der Annahme, man könne den Qu’ran nur im Original, auf Arabisch verstehen, und auch nur dann, wenn man genügend gelehrt sei (wobei fraglich ist, wer aus welchen Gründen bestimmen darf und bestimmt, wer denn als „gelehrt“ bzw. „gläubig“ gelte).

Ist die oben beschriebene Perspektive der geschlossenen Macht-Systeme korrekt, so geht es am Kern-Problem vorbei, Menschen anderen Glaubens (oder anderer Tradition, anderer Ideologie im Allgemeinen) davon überzeugen zu wollen, dass die eigene Ansicht die (für alle Beteiligten) sinnvollere sei, weil der andere – solange er sich in existenzieller Abhängigkeit befindet – mir gar nicht folgen kann. Die Frage wird vielmehr, wie es möglich sein kann, einem jeden Menschen eine Existenzform zu ermöglichen, die es ihm ermöglicht, sich aus ehemals geschlossenen Macht-Systemen zu befreien, wie es also möglich ist, diese geschlossenen Macht-Systeme aufzubrechen, Alternativen zu schaffen, ohne notwendigerweise das Herkunfts-System und möglicherweise wertvoller Teilaspekte desselben gleich mitzuzerstören.

Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, mein Gesprächspartner also nicht nur frei denken, sondern auch frei sprechen und handeln kann, wird eine Diskussion mehr als ein Monolog sein können.

Niklas

Ich habe hier auf diesem Blog bereits ausführlich über den Heilungskreis und seine Ähnlichkeiten mit dem was ich signifikante Entwicklung oder qualitatives Lernen  nenne geschrieben. Das Modell ist eher auf eine 1:1-Beziehung, etwa zwischen Lehrer und Schüler bzw. Therapeut und Klient bezogen. Einige Muster in den Erfahrungen an meiner neuen Arbeitsstelle haben mich veranlasst, diese mit besagtem Heilungskreis in Beziehung zu setzen und ein grobes Modell für einen allgemeineren Kontext wie einer Gruppe, Klasse oder eben in meinem Fall kleinen Institution daraus abzuleiten. Vieles davon ist Hypothese, wilde Vermutung und keinesfalls wissenschaftlich abgesichert. Sollten allerdings nur Teile davon der Wahrheit entsprechen, wären die möglichen Konsequenzen gravierend.

Wenn Institutionen/Gruppen „feststecken“

In der Institution, an der ich seit einigen Monaten arbeite, bestanden zum Zeitpunkt meiner Ăśbernahme zahlreiche Konflikte zwischen den einzelnen Kindern und Jugendlichen sowie zwischen einigen Mitarbeitern und auch untereinander. Meine Vorgängerin hatte es – wohl unter groĂźen Anstrengungen – zuwege gebracht, dass der Alltag in der Institution fĂĽr alle Beteiligten gut ertragbar geworden war, indem sie und ihre Mitarbeiter die bestehenden Konflikte gar nicht erst ausbrechen  und austragen lieĂźen. Und so war der Umgang miteinander im Alltag auch weitgehend friedlich, wenn auch relativ straff durchorganisiert.

Nach meiner Übernahme waren mir naturgemäß nicht alle dieser eintrainierten Abläufe 100%ig bewusst, weswegen ich – teils versehentlich, teils absichtlich, weil ich Abläufe als unnötig kompliziert empfand – so manches aus Sicht der Kinder und Jugendlichen wie auch meiner Mitarbeiter wohl „nicht korrekt“ machte. Und immer wieder, oft aus mir nicht ganz ersichtlichem Grund, gab es manche Tage, an denen irgendwie alle halb am Durchdrehen waren. Wo es völlig zu eskalieren drohte, schritt ich deeskalierend ein, ansonsten ließ ich die Beteiligten auch viel untereinander austragen, während ich wachsam beobachtete.

Gefühlt werden diese potentiellen Eskalationen bereits wieder weniger, vor allem aber fällt mir auf, dass plötzlich eine Art von Entwicklung stattfindet, die ich selbst nicht für möglich gehalten hatte, als mir von der Vorgeschichte der Institution erzählt wurde. Nicht nur die Kinder und Jugendlichen werden ruhiger und konstruktiver miteinander, auch die erwachsenen Mitarbeiter ändern zunehmend und oft sehr drastisch ihr Verhalten. Einiges davon habe ich auch aktiv angeregt und meine Gründe erklärt, manches davon habe ich jedoch nicht einmal als Wunschvorstellung ausgesprochen und trotzdem tendiert die allgemeine Entwicklung der Institution gerade in genau die Richtung, die ich mir als mögliches Ziel vorgestellt habe, als wäre diese Art von Entwicklung eine Art natürliche Entwicklung, wenn erst die Bedingungen dafür vorhanden sind.

Die Institution als Ganzes scheint in der ersten Phase des Heilungskreises stecken geblieben zu sein, bevor ich dort übernommen habe, nämlich jener, dass irgendetwas sich nicht so recht richtig anfühlt, aber man noch nicht bereit ist, das Risiko einer radikalen Weiterentwicklung einzugehen. Irgendwie dürfte ich oder vielmehr dürften wir alle gemeinsam es geschafft haben, den so wichtigen mutigen Schritt der Aufgabe alter Strukturen zu gehen. Im Modell des Heilungskreises braucht es dazu die Übergangsperson, die im Moment der totalen Selbstaufgabe (was Paulo Coelho in „Brida“ die „dunkle Nacht des Glaubens“ nennt) Vertrauen und Mut schenkt, es trotz aller existenziellen Ängste zu wagen. Offensichtlich wird mir das Vertrauen geschenkt, diese Rolle ausfüllen zu können.

Unlängst ĂĽbernachtete ich bei einer alten Freundin, die mir in einem Nebensatz sagte, ich sei „emotional extrem stark“, und der Satz ist mir hängen geblieben. Mir ist schon lange aufgefallen, dass ich emotionale AusbrĂĽche in jeder Richtung ganz gut und wertfrei aushalten kann, ohne sie persönlich zu nehmen – wahrscheinlich auch weil ich in meinem Leben immer wieder mit psychisch grenzwertigen Menschen zu tun hatte und habe, und da entwickelt man wohl frĂĽher oder später die Fähigkeiten, mit emotionalen AusbrĂĽchen in jede Richtung umzugehen. Tatsächlich kenne ich wenige Menschen, die es wie ich aushalten können, wenn Kinder oder Jugendliche emotionale Konflikte wirklich austragen und auflösen. Das ist oft mit Schmerz verbunden, selten auch physisch, immer jedoch emotional und ergibt sich bereits aus dem Heilungskreis.

Was in der Folge oft passiert, wenn Erwachsene das Austragen emotionaler Konflikte zwischen Kindern und Jugendlichen selbst nicht aushalten können – eben weil sie es persönlich nehmen und von der emotionalen Tiefe zu betroffen sind dass sie sie aushalten könnten – ist entweder der Versuch der Unterdrückung des Konfliktes durch die eigene Autorität oder ein Sich-Rausnehmen aus dem Konfliktes aus (emotionalem) Selbstschutz. Im ersten Fall wird der Heilungskreis bzw. der Prozess des qualitativen Lernens unterbrochen und behindert, im zweiten Fall besteht die Gefahr der Entstehung von emotionaler Panik.

Emotionale Panik

Wer viel mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wird vielleicht schon wie ich festgestellt haben, dass diese sich in Anwesenheit von Erwachsenen anders verhalten als in Abwesenheit dieser. Im zweiten Fall gehen sie üblicherweise ein erheblich weniger emotionales Risiko ein und sind verantwortungsbewusster. Für mich bedeutet dies, dass sie sich in Anwesenheit Erwachsener (bzw. einer Vertrauens-/Übergangsperson unabhängig vom Alter) emotional mehr in eine Situation einlassen können, weil sie davon ausgehen, dass diese sie hindurchbegleitet und sie im Notfall emotional hält.

Emotionale Panik entsteht aus meiner Sicht dann, wenn das Vertrauen nicht gerechtfertigt war und die Vertrauensperson den notwendigen sicheren Rahmen nicht halten kann oder will. Dies sind Situationen, in denen dramatischte Verletzungen (emotional wie physisch) passieren können, und meine Hypothese ist, dass sie dort entstehen, wo die Vertrauensperson erst den Eindruck vermittelt hat sie könne mit einer Situation umgehen, diese sich dann überfordert fühlt aber nicht die Autorität verspürt, eine Eskalation zu unterdrücken und in für sie kontrollierbare Rahmen zurückzudrängen. Es macht einen Unterschied, sich aus einer emotional aufgeladenen Situation herauszuhalten, weil man es den Parteien zutraut, dies auch alleine zu lösen, oder sich herauszuhalten (oder noch schlimmer: währenddessen plötzlich herauszunehmen), weil man dabei selbst überfordert ist. Wenn niemand mehr den Rahmen hält, entsteht emotionale Panik, und die Gefahr des Fallens jeglicher Selbstkontrolle und damit einer weitgehenden Unzurechnungsfähigkeit. Emotionale wie physische Verletzungen sind die Folge.

Emotionale Stabilität

Um den Zustand emotionaler Panik nicht aufkommen zu lassen, ist es wichtig, die Grenzen der eigenen Autorität und Fähigkeiten sehr gut fühlen zu können und im Falle einer drohenden Überschreitung rasch zu handeln. Gleichzeitig braucht es auch eine gewisse Fähigkeit an eigener emotionaler Stabilität, um die notwendige emotionale Instabilität anderer während ihrer Entwicklungsschritte ausgleichen zu können. Eine Freundin sagte mir unlängst, ich sei ein Mensch, der „emotional extrem stabil“ sei, tatsächlich meinte sie wohl eher „emotional resilient“, das heißt ich bin sehr gut darin, emotionale Instabilitäten „aufzufangen“.

Möglicherweise spielt jedoch auch ein Faktor eine Rolle, den ich auf Englisch „purity complex“ nennen würde, auf Deutsch fehlt mir noch ein schöner Begriff dafür, vielleicht Ideologischer Komplex im sehr abstrakten Sinne. Beschreiben möchte ich damit das geistige Modell, dass manche Emotionen „gut“ und andere „schlecht“ seien. Mein bisheriges Leben und die vielen Bücher, die ich bisher gelesen habe, haben mich vom Gegenteil überzeugt, nämlich dass Emotionen an sich letzten Endes weder „gut“ noch „schlecht“ sind, sondern einfach nur – sind. Erst die Idee der Einteilung teilt sie ein. Und unterliegen sie erst einmal dieser Einteilung, so entstehen gewisse „dunkle“ Bereiche der Seele, die dem jeweiligen Menschen unerreichbar werden und die damit seine qualitative Entwicklung und Heilung behindern.

Emotionale Stabilität zu vermitteln, Heiler oder Lehrer im Sinne qualitativen Lernens zu sein bedeutet aber auch, dem Anderen gerade jene dunklen Flecken erleuchten, erforschen und durchleben zu helfen. Den Hass, den man schon so lange unterschwellig für einen anderen Menschen fühlt, für einen Moment ausdrücken zu können, um ihn überwinden zu können. Die Angst nicht zu genügen fühlen zu dürfen und spüren zu dürfen dass man damit nicht alleine ist. Vielleicht ist „Erleuchtung“ zu finden ja genau das Durchleben jenes Prozesses in seiner ganzen Radikalität, nämlich das Durchschauen der Illusionen jeglicher Ideologisierung des Lebendigen und Realen und damit den Zugriff wiederherzustellen auf alle „Tasten“ des emotionalen Instrumentariums.

Die Essenz der Hypothese noch einmal zusammengefasst: für bestimmte Entwicklungen braucht es eine Übergangsperson, die die dabei entstehenden notwendigen emotionalen Verarbeitungsprozesse aushalten und kanalisieren kann, und zwar jemanden, der ehrlich und authentisch genug ist, seine eigenen Grenzen anzuerkennen und zu wahren, aber gleichzeitig auch jemand, dessen Grenzen weit genug gesteckt sind, um die notwendige Entwicklung ermöglichen zu können.

Mögliche Konsequenzen der aufgestellten Arbeitshypothesen

Was bedeutet dies nun aber für den pädagogischen Alltag? Nun, es mag sehr „erleuchtend“ sein, sich selbst immer wieder ehrlich zu fragen, welche Art von emotionaler Auseinandersetzung man als Autorität unterdrückt und wie man sich dieses Verhalten vor sich selbst eigentlich rechtfertigt. Hält man das unterdrückte Verhalten bzw. die dazugehörige Emotion für grundsätzlich schlecht, ist das eigene Verhalten also Teil der Durchsetzung einer Ideologie der Eigenart „Gäbe es Verhalten/Emotion X nicht, wäre die Welt ein besserer Ort“? Fühlt man sich selbst mit der jeweiligen Emotion überfordert? In welchen Situationen könnte diese Überforderung mich auch privat in meiner eigenen Entwicklung behindern? Wie könnte ich mir selbst Rahmen schaffen, den Raum meiner emotionalen Stabilität zu erweitern?

Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Situation in meiner Institution weiter entwickeln wird. Derzeit scheint gewissermaßen „der Knopf aufgegangen“  und so etwas wie „Momentum“ entstanden sein, also eine Art Perpetuum Mobile, das, anfangs noch durch meine eigene Anstrengung in Bewegung gebracht, nun von selbst Fahrt aufnimmt und Entwicklung über Entwicklung in Gang setzt ohne dass ich mehr allzuviel aktiv beizutragen habe.

Sehr interessant wäre für mich auch, inwieweit diese Prozesse tatsächlich methodisierbar und damit von anderen auch reproduzierbar und wissenschaftlich aufzuarbeiten wären, da die Persönlichkeit der Akteure eine derart wichtige Rolle zu spielen scheint. Ich kann mir gut vorstellen, dass die exakt gleichen Handlungsweisen, die ich anwende, für andere Menschen zu katastrophalen Ergebnissen führen könnten, da sie immer auch ein gewisses Risiko der emotionalen Panik mit sich bringen und damit ein sehr gutes Gespür auch für eigene Grenzen verlangen

Interessant wäre es für mich auch, ob diese konstruktiven Tendenzen langfristig aufrechterhalten werden können, ob meine „Wirksamkeit“ auf Dauer abnimmt und sich einspielt sowie ob ich diese Prozesse auch in anderen Institutionen und Konstellationen reproduzieren könnte. Ist die Antwort ja, würde das bedeuten, dass ich vielleicht am besten für die Stimulierung eher kurz- bis mittelfristige Umstrukturierungs- und Aufbruchsprozesse geeignet bin, vielleicht eher projektbasiert und befristet auf jeweils einige Monate, vielleicht auch eher in Rand-/beratender Position.

Vor allem auch: handelt es sich tatsächlich um eine Art “natĂĽrliche” Umgangsform, die an meiner Institution gerade entsteht, weil ich die Bedingungen dafĂĽr schaffe, ähnlich der “Normalisierung”, die Maria Montessori beschrieben hat, oder handelt es sich nur um eine “logische” Reaktion auf mein Sein und Wirken? Ist es auch langfristig konstruktiv, diese Umgangsformen aufrechtzuerhalten?

Aber fürs erste bin ich auch erst einmal sehr zufrieden mit meiner aktuellen Position als Leiter der Institution und den vielen schönen Erlebnissen, die tagtäglich in Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern und den Kindern und Jugendlichen entstehen.

Niklas

Eines der großartigsten Bücher für mich – und eines der wenigen, die ich immer wieder lese, weil ein jedes Neu-Lesen mir neue Erkenntnisse bringt – ist ein Gedichtband und über 2000 Jahre alt: das Tao Te King. Ein Konzept, dass sich in mehreren der 81 kurzen darin enthaltenen Gedichte wiederholt, ist jenes des „Tun, ohne zu tun“. Zu sagen, ich hätte die Bedeutung des Prinzips völlig verstanden, wäre wohl anmaßend, aber ich denke, ich habe für mich eine praktische Anwendung für den Unterricht gefunden. Anfangs mag dieses Konzept ein wenig ungewohnt wirken, aber an sich ist es nicht sonderlich schwierig umzusetzen – und eine sehr mächtige Quelle des qualitativen Lernens für Schüler.

Es gibt allerdings eine Voraussetzung: man muss als Lehrer bereit sein, ergebnisoffen zu arbeiten. Ich glaube, im Grunde tun wir das ohnehin, weil die Idee der Kontrolle eines anderen Lebewesens eine Art der Illusion darstellt, aber sich völlig in die Idee zu versenken und die Implikationen anzunehmen ermöglicht noch einmal ganz andere Handlungsräume. Mein direkt und bewusst formender Einfluss auf meine Schüler ist (auch wenn es für das Ego schmerzlich sein mag) tatsächlich eher gering. Die übergeordnete Wahrheit ist nicht „der Schüler tut, was ich ihm als Lehrer sage“, sondern vielmehr „Was ich als Lehrer tue oder unterlasse, hat Konsequenzen“. Ich habe als Lehrer zwar Einfluss, aber keine Kontrolle über die Entwicklung der mir anvertrauten Schüler, und zwar spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem ein Schüler zum ersten Mal zu denken wagt, dass er zuwiderhandeln könnte. Die Illusion der Kontrolle lässt sich nur aufrechterhalten, solange alle Beteiligten fest daran glauben.

Lehren, ohne zu lehren

Die Methoden, die wir an der pädagogischen Hochschule lernen sollten, basierten im Grunde in all ihren Unterschieden alle auf der Grundidee der äußeren Kontrolle des Lernens des Schülers, seien es „klassische“ Methoden oder „modernere“ wie der Planarbeit: das Tun des Schülers ist sehr eng vorgegeben, damit er auch zum „richtigen“ Ziel seines Tuns kommt, und je nach Unter- oder Überforderung des Schülers bekommt er eben mehr oder weniger Hilfe, leichtere oder schwierigere Aufgaben. Die Differenzierung erfolgt durch den Lehrer, für die Schüler. Mein Ansatz dreht das alles auf den Kopf. Ich gebe keine verpflichtenden Wege vor, um Ziele zu erreichen, und selbst die Ziele selbst sind bis zu einem gewissen Grad offen, weil kriterienbasiert. Dadurch entsteht automatisch eine Differenzierung anhand der tatsächlichen Fähigkeiten der Schüler, sie arbeiten exakt auf dem sie fordernden Niveau, arbeiten an für sie relevanten Zielen und sind trotzdem durch gemeinsame Kriterien in ihrem Tun verbunden (und können sich dadurch gegenseitig weiterhelfen).

Beispiele der Anwendung

Ein Bereich, in dem ich sehr stark mit diesem Prinzip gearbeitet habe, ist das Theaterspielen in meiner Deutsch-Klasse. Da die Klasse ganz wild aufs Theaterspielen war, habe ich versucht, immer wieder im Stundenplan Platz dafür zu finden und ihnen dabei zu helfen, ihr Theaterspiel weiterzuentwickeln. Anfangs war „Theater spielen“ für die Schüler noch eher ein „Ich mache irgendwas und andere schauen zu“, aber innerhalb weniger Wochen entwickelten sie sich enorm weiter. Alles, was es offensichtlich dazu brauchte, waren verschiedene von mir gestellte Aufgaben, die den oben genannten Prinzipien folgten.

Beispielsweise war ein Auftrag, als Gruppe ein kleines Theaterstück zu entwickeln, bei dem die Schauspieler selbst nicht sprechen dürfen, es einen Erzähler gibt der die Hintergrundinformationen erzählt und einen „Soundeffekt-Manager“ der eben Sounds sowie Dialoge beisteuert – das waren die Kriterien, die Art des Theaterstücks und was exakt passiert war frei. Unter anderem erwuchs daraus das Verständnis, dass es notwendig sein kann, die Geschichte vorher aufzuschreiben und z.B. Dialoge zu notieren, damit die verschiedenen Rollen (Erzähler, Soundeffekt-Manager und Schauspieler) auch tatsächlich synchron spielen können. Ein anderes Mal war es der Auftrag, aus einem zuvor geschriebenen Dialog ein Stück zu machen, bei dem man den Ursprungs-Dialog noch erkennen konnte (weil vor der Übung kaum Bezug auf vorherige Arbeiten genommen wurde). Anhand der Ergebnisse der jeweiligen Theaterstücke entwickelte ich dann jeweils Kriterien für neue Aufgaben, die bei Erfüllung einen Lernzuwachs darstellten, egal wie die konkrete Lösung jeweils war. Die Fortschritte waren beeindruckend, die Motivation riesig, und neue Erkenntnisse – selbst wenn sie nur in einer Gruppe erarbeitet wurden – verbreiteten sich rasch auch in den anderen Gruppen (nachdem zum ersten Mal ein Erzähler verwendet wurde und erkannt wurde, wie viel besser man dadurch die Geschichte versteht, gab es beispielsweise kein Stück mehr ohne Erzähler, auch als ich das Kriterium gar nicht mehr nannte). Nach einigen Wochen schaffte es eine Gruppe zum ersten Mal durchgängig, die wahrscheinlichen Reaktionen des Publikums vorauszuplanen und etwa eine bestimmte Stelle punktgenau lustig zu machen. Im Vergleich zu den ersten Versuchen nur wenige Wochen zuvor war die Entwicklung ein Wahnsinn.

Ich entwarf auch häufig Aufgaben fĂĽr Präsentationen, so sollten die Kinder beispielsweise ein Produkt wählen oder erfinden und dann vor der Klasse so präsentieren, dass die anderen SchĂĽler es kaufen wollten. Ein andermal sollten sie sich einzeln oder als Gruppe vorstellen, sie bewerben sich fĂĽr ein Weltraumunternehmen und hätten ein Vorstellungsgespräch, der Rest der Klasse spielte die „Firmenbosse“ – Kriterium war, eingestellt zu werden. Oder die Klassensprecherwahl (Kriterium: so präsentieren, dass man gewählt wird), bei der sich von selbst „Parteien“ bildeten, die sich gemeinsam präsentierten – von Wahlplakaten, Wahlgeschenken, Wahlprogrammen, UnterstĂĽtzungs-Händen (wie beim Baseball, diese aufgeblasenen Hände) gab es alles Mögliche und Denkbare. So ganz nebenbei entstand dabei auch noch ein Verständnis fĂĽr eine gewisse Adressatorientierung der Präsentationen, je nach definiertem Zielpublikum wurden die Präsentationen von den Kindern auch anders gestaltet.

Zunehmend haben die SchĂĽler dann auch von sich aus Texte geschrieben und mir mitgebracht bzw. erfundene Charaktere in TheaterstĂĽcke eingebaut. Besonders beeindruckt war ich von einem Video, das eine SchĂĽlerin zuhause mit ihrer Familie aufbauend auf einen Dialog, den ich die SchĂĽler als HausĂĽbung schreiben lassen hatte (Kriterium: Dialog/Szene mit möglichst vielen direkten Reden), gedreht hat. Da wurde gebastelt, sich verkleidet, wurden als Familie Dialoge auswendig gelernt, alles gefilmt und mitgebracht – ohne dass ich je darum gebeten habe. Hätte ich versucht, all das ĂĽber den Ansatz der Kontrolle zu erreichen, wäre ich mit groĂźer Wahrscheinlichkeit gescheitert. So jedoch können die SchĂĽler tatsächlich und auf eigene Initiative ĂĽber sich selbst hinauswachsen. Ich habe ihnen häufig gesagt: “Ăśberrascht mich”, und im Grunde wurde ich nie enttäuscht. Selbst das Kontrollieren der Texte, fĂĽr viele Lehrer eine Qual, war fĂĽr mich eine Freude, weil die Ergebnisse so unterschiedlich und immer neu waren anstatt sich einem vorgeplanten Ziel anzunähern.

Tun, ohne zu tun = Faul sein?

Das Seltsamste an dem Prinzip ist es wohl, dass man von auĂźen aussieht, als wĂĽrde man „nichts tun“, wobei es wohl eher eine sehr erfolgreiche Umsetzung des im Tao Te King beschriebenen „Tun, ohne zu tun“ ist (Kommentar einer Beobachterin: “Ich sehe hier keinen Unterricht”). Es schafft Räume fĂĽr SchĂĽler, aktiv zu werden und diese Räume mit dem zu fĂĽllen, was sie geben können, aktiviert und inspiriert sie. Im Tai Chi gibt es das Prinzip, dass zur Erreichung eines Ergebnisses möglichst wenig Energie verschwendet werden soll, und das Prinzip habe ich nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt. Das Ergebnis waren begeisterte und aktiv lernende SchĂĽler.

In gewisser Weise dürfte das Prinzip des „Tun, ohne zu tun“ wohl für viele Lehrer schon alleine deswegen schwer zu akzeptieren sein, weil damit ihre eigene Rolle in Frage gestellt zu sein scheint. Wenn ich „nichts“ tue und die Schüler die ganze Arbeit machen, warum bin ich dann noch hier? Womit begründe ich mein Gehalt dann eigentlich noch? Nur: es macht eben einen Unterschied, „nichts“ tun zu können oder nicht hier zu sein. Im Tao Te King wird es als eine der höchsten Künste dargestellt, zu führen, ohne zu führen – gemeint ist für mich eben zu führen unter Aufgabe der Illusion der Kontrolle. Der größte Anführer einer Gruppe ist laut Tao Te King einer, dessen Anwesenheit und Beitrag zum Gelingen die Mitglieder einer Gruppe gar nicht merken, weil er ihnen nicht im Weg steht sondern sie unterstützt und nur dann führt, wenn sie ihm diese Macht gewähren oder wenn es notwendig ist, Unrecht aufzuhalten (und selbst dann nur so viel Gewalt anwendet, wie zwingend notwendig ist).

Das größte Hindernis zu lehren ohne zu lehren ist wohl das eigene Ego. Wer sich selbst sehr wichtig nimmt, braucht die Anerkennung, muss der deutliche Verursacher des Lernerfolges sein. Tatsächlich ist der Lehrer auch bei diesem Zugang sehr wichtig und nicht ersetzbar oder ganz entfernbar, nur muss der Lehrer dabei lernen, sich selbst zurĂĽckzunehmen und sich nicht aufgrund seines eigenen Geltungsdranges aufzudrängen, wo es gar nicht notwendig ist. Wahrscheinlich ist es auch ein StĂĽck weit Charaktersache, ob einem diese Art zu unterrichte liegt oder nicht. Wichtig ist mir jedoch aufzuzeigen, dass sie durchaus – und zwar mit beeindruckenden Ergebnissen sowohl was Begeisterung als auch tatsächliche Leistungen betrifft – funktionieren kann, auch wenn bereits vor ĂĽber 2000 Jahren festgestellt wurde, was heute immer noch wahr zu sein scheint:

“Teaching without words and work without doing
Are understood by very few.”
– Tao Te King, 43 –

Niklas

In den letzten Tagen habe ich mich viel mit der Frage beschäftigt, unter welchen Voraussetzungen es für eine Gruppe möglich ist, eine gewisse Vielfalt auszuhalten. Die Frage ist in mehrerer Hinsicht interessant: als Lehrer hat man es normalerweise mit Schülern zu tun, die sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Als Schuldirektor möglicherweise mit sehr unterschiedlich handelnden und denkenden Lehrern.

Für mich ist – vor allem auch dank meines großartigen Mentors an einer freien Schule – klargeworden, wie ich mit der Problematik am besten umgehen kann: durch die Formulierung und Kommunikation klarer, für beide Seiten nachvollziehbarer und überprüfbarer Kriterien. Man könnte statt dem Wort „Kriterien“ wohl auch „Bedingungen“ verwenden, aber bei letzteren ist möglicherweise nicht klar, wie wichtig die beidseitige Überprüfbarkeit jener Bedingungen für das konstruktive Gelingen ist.

Ein Beispiel aus dem Spannungsfeld Lehrer-Schüler: der Lehrer möchte erreichen, dass alle Schüler einen bestimmten Lehrplaninhalt erfüllen und gibt ihnen deswegen eine von ihm gewählte Aufgabe. Er kommuniziert nicht, dass sein eigentliches Ziel die Erfüllung des Lehrplaninhalts ist, möglicherweise hat er auch gar keine konkrete Vorstellung, woran die „Erfüllung“ des Lehrplaninhalts überprüfbar wäre („Namenwörter nach dem Artikel ordnen“ im Lehrplan an sich z.B. sagt noch nichts darüber aus, wie viele Namenwörter man ordnen können muss, und dieser Aspekt ist noch ein sehr leicht überprüfbarer). Damit verurteilt er den Schüler zu zwei Handlungsalternativen: dem Lehrer zu folgen oder sich ihm zu widersetzen (das berühmte „warum muass I den Schmarrn mochn?“).

Entwirft der Lehrer stattdessen jedoch eine Möglichkeit, die Erreichung des ihm gerade wichtigen Lehrplanzieles zu überprüfen (etwa durch eine Art von Test), so kann er seinen Schülern kommunizieren, dass das gemeinsame Ziel das Erlernen einer Fähigkeit sei und der Grad der Fähigkeit durch jenen Test gemessen werde. Damit eröffnet er seinen Schülern verschiedene Möglichkeiten, mit der Herausforderung des Lernziels umzugehen: der Schüler kann die vom Lehrer vorgeschlagene Übung erledigen, er kann selbst nachdenken, er kann mit Mitschülern, Freunden, Eltern lernen. Und er kann möglicherweise, wenn er die geforderte Fähigkeit bereits beherrscht, besagten Test sogar gleich bestehen, was ihm Freiräume schafft, sich mit anderen, für ihn herausfordernderen Themen zu beschäftigen.

„Kriterien helfen nur den guten Schülern“

Die Arbeit mit Kriterien hilft vor allem zwei Gruppen von Schülern: den „guten“ und den „schlechten“. Ersteres mag auf den ersten Blick ersichtlich sein, aber zweiteres ist sogar noch viel mehr der Fall. Üblicherweise wird in Schulklassen ja mittlerweile differenziert in verschiedenen Schwierigkeitsstufen unterrichtet, was unter anderem dazu dienen soll, die schwächeren Schüler nicht völlig zu demotivieren und sie vor zu großen Frustrationen zu schützen. Nur: die größte Frustration muss es wohl sein, sich selbst als „schwächerer Schüler“ wahrzunehmen und im Grunde nichts dagegen machen zu können. Man bekommt dann von gutmeinenden Pädagogen auf schwächere Schüler abgestimmte Übungen, aber wie ist es für einen „schwächeren Schüler“ eigentlich realistischerweise möglich, jene Selbstbezeichnung je wieder loszuwerden?

In einer regelmäßigen Schreib-Übung (jede Woche ein Text der gleichen Textsorte unter gleichen Bedingungen) haben sich alle Schüler ohne Ausnahme mit der Zeit verbessert – die Kriterien blieben dabei jeweils gleich. Die „schwächeren Schüler“ sind mittlerweile anhand der selben Kriterien betrachtet zu durchschnittlichen Schülern geworden, einige durchschnittliche gleichgeblieben und einige sind nun anhand der Kriterien wohl als „gute Schüler“ zu betrachten. Einige meiner „schlechteren Schüler“ schreiben in manchen Kriterienbereichen mittlerweile die besten Arbeiten. Für mich ist das ein klares Argument für die Nutzung von Kriterien.

Ich glaube, dass die Arbeit mit Kriterien und entsprechend nachvollziehbaren Überprüfungen da einen sehr gut durchführbaren Ansatz bietet. Dadurch, dass ich weniger davon abhängig bin, dass mein jeweiliger Klassenlehrer zufällig den Erklärungsansatz auswählt, mit dem ich etwas anfangen kann, steigen meine Chancen als „schwächerer Schüler“, jene Tests zu bestehen. Wenn nun zusätzlich die Möglichkeit geschaffen wird, jene Tests auch zu späterer Zeit wiederholen zu können (weil sie ja auf Kriterien basieren sind diese Tests ohne großen Aufwand reproduzierbar), entsteht damit eine reale Chance für die „schwächeren Schüler“, sich „hochzuarbeiten“. Man mag nun argumentieren, das übe einen zu großen Druck auf jene Schüler aus. Nur: der Druck, ein „guter Schüler“ zu werden, ist auch ohne Kriterien riesengroß. Der Unterschied besteht darin, dass ein solcher Schüler auf diese Art eine reelle Chance hat, etwas daran zu ändern.

Lehrer und Vorgesetzte

Ein ähnliches Thema mit Kriterien und Pluralität existiert auch eine Hierarchieebene darüber, zwischen Lehrern und Vorgesetzten. Wenn ein Vorgesetzter klare, überprüfbare Kriterien für die Arbeit eines Lehrers kommuniziert, so ist es diesem Lehrer möglich, seinen jeweiligen Unterricht so umzusetzen, dass es für seine Schüler und ihn als Person am besten passt, solange er alle an ihn kommunizierten Kriterien erfüllt. Werden ihm diese nicht in einer Form kommuniziert, die klar und für beide Seiten nachvollziehbar/überprüfbar sind, so schwebt er gewissermaßen „in der Luft“ und kann sich nie ganz sicher sein, ob er seine Arbeit richtig genug macht. Natürlich hat er die Möglichkeit, einen jeden Kommentar seines Vorgesetzten 1:1 umzusetzen, um auf der sicheren Seite zu sein, aber im Grunde bleibt das Gefühl, etwas aus Sicht seines Vorgesetzen richtig oder falsch zu machen, ein eher schwammiges. Vor allem aber verlagern sich dadurch Konflikte in der Sache fast unweigerlich auf die Beziehungs-Ebene, und Gruppennormen beginnen zu wirken.

Neben einigen anderen Gefahren wie Ermöglichung von Mobbing passiert auf der Gruppennormen-Ebene vor allem eines: eine jede Gruppe hält auf Dauer keine zu groĂźe Vielfalt aus, wenn sie keine Kriterien entwickelt, die fĂĽr zusätzlichen Zusammenhang sorgen. Sie reagiert mit dem Versuch der Anpassung und – sollte dies fehlschlagen – mit Spaltung (wenn es größere Teilgruppen gibt) oder Ausschluss einzelner Gruppenmitglieder. Jemand wird aus dem Freundeskreis ausgeschlossen, Mitarbeiter werden gefeuert etc. Am dramatischten läuft dies ab, wenn in der Gruppe selbst gar nicht klar ist, was denn die Gruppe eigentlich ausmacht. Dann fragen die von der Ablehnung betroffenen Gruppenmitglieder vielleicht verzweifelt, was sie denn falsch machen, bekommen aber – weil es im Grunde keiner wirklich weiĂź – keine Antwort, bis sie von selbst gehen oder von der Gruppe ausgestoĂźen wurden. Dies ist wohl vor allem dann der Fall, wenn eine ehrliche Antwort auf die Frage, was man denn falsch mache, eigene unbewusste Anteile in der Hauptgruppe bewusst machen wĂĽrde.

Vorgesetzte und deren Vorgesetzte: eine Kette an Kriterienlosigkeit

Ich kann nur vermuten, wie es die Hierarchiebenen nach oben weitergeht, halte es aber fĂĽr sehr gut möglich, dass sich die Problematik durch alle Hierarchieebenen zieht. Wenn ich – angenommen – als Schuldirektor von meinem Vorgesetzten keine klaren Kriterien bekomme, ob das, was ich mache, korrekt ist, dann wird die Frage ĂĽber die Beziehungsebene geklärt werden mĂĽssen („Wenn ich mich mit meinem Vorgesetzten gut verstehe, wirds schon passen“). Das bedeutet aber, dass der Schuldirektor dem Lehrer im Grunde auch nicht sicher bestätigen kann, ob das, was der Lehrer macht, in Ordnung ist, weil er ja auch von seinem Vorgesetzten keine RĂĽge bekommen möchte. Und der Lehrer wiederum, der auch keine Kriterien bekommt, traut sich auch nicht wirklich, vom Status Quo abzugehen (der offensichtlich in Ordnung geht). Da lieber ungestört dahinarbeiten. Angenommen diese Vermutung einer Kette an Kriterienlosigkeit wĂĽrde zutreffen, hätten wir alleine in Ă–sterreich Zigtausende Menschen, die keine Ahnung haben, ob sie dĂĽrfen, was sie tun, auĂźer sie machen es exakt so, wie es alle anderen machen bzw. wie es immer war. Vermutlich ist es deswegen so schwer, irgendetwas zu verändern. Die Chance ist groĂź, dass irgendjemand in der Hierarchieebene davon irritiert ist, nicht weiĂź, ob er das zulassen darf (er hat ja selbst keine klaren ĂĽberprĂĽfbaren Anhaltspunkte) und den Störenfried lieber entfernt…

Niklas

Seit einigen Wochen arbeite ich an einer neuen Schule mit jeweils einigen Fachlehrer-Stunden in verschiedenen Klassen, und interessanterweise fällt mir auf, dass ich in den verschiedenen Klassen und Fächern jeweils sehr unterschiedlich unterrichte – von sehr eng geführtem frontalen Unterricht hin zu fast völliger Offenheit des Unterrichts in Sozialform, Lösung und selbst Aufgabe ist je nach Klasse, Fach und Tagesverfassung alles zu finden, und auch wenn es Methoden und Zugänge gibt, mit denen ich es weniger gewöhnt bin zu arbeiten (z.B. Frontalunterricht), so werden sie in den meisten Klassen gut angenommen. In den Klassen bin ich nun auf Anraten meiner Vorgesetzten auch zum ersten Mal der „Herr Baumgärtler“ statt des Niklas, was sich nach bisherigen Erfahrungen gut bewährt.

Und doch… gibt es eine Klasse, in der ich Stunden zu halten habe, mit der ich nach meinen eigenen – hohen – AnsprĂĽchen bisher nur ungenĂĽgend zurechtkomme. Es handelt sich um jĂĽngere Kinder, und da ich auch in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht habe, mit älteren Kindern und Jugendlichen am besten zurechtzukommen, war eine spontane Idee, mich zu erkundigen, ob ich nicht auf NMS-Lehrer umsatteln könne, etwa fĂĽr Deutsch, Englisch, Mathematik und Geschichte. Aber der Forscher in mir gibt nur ungern auf, und da ich seit letzten Samstag angeschlagen und seit gestern auch offiziell krankgemeldet bin und die Zeit im Bett verbringen muss, hat mein Geist Zeit und Aufmerksamkeit, die Situation zu analysieren. Ich habe also eine Liste angefertigt mit Aufgaben und Situationen, die in der betreffenden Klasse gut oder nicht gut funktionieren – und dabei einige fĂĽr mich interessante Entdeckungen gemacht.

Verteilungs-Kämpfe

Eine erste Entdeckung ist jene, dass die Kinder in dieser Klasse offensichtlich überfordert sind, wenn sie einen erlebten Mangel sozial auszuhandeln haben, wobei ich mit „Mangel“ etwa eine bestimmte Art von Stuhl meine, von denen es nicht genügend für alle Kinder gibt, auf dem aber alle Kinder sitzen wollen. Ändert sich etwas an der von einer Autorität festgesetzten Aufteilung dieser Mangel-Güter und entsteht ein offener Raum (z.B. weil ein Kind, das üblicherweise einen Stuhl besetzt, an einem Tag krank ist), so entsteht ein Interessenskonflikt, den die Kinder jener Klasse (noch) schwer untereinander aushandeln können – und schon gar nicht, wenn ich währenddessen versuche, ihnen etwas zu erklären. Der gleiche Effekt tritt beispielsweise ein, wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen, die nur jeweils einmal (oder eine bestimmte Anzahl Mal) zu erledigen sind – sofort setzt ein Macht- bzw. Verteilungskampf ein, der die Aufmerksamkeit vom restlichen Geschehen abzieht.

Man könnte nun als Lehrer verschiedene Strategien wählen, mit einer solchen Situation umzugehen, wobei ich mich in den letzten Wochen in dieser Klasse oft nicht ideal entschieden habe. Einerseits kann ich meine Autorität als Lehrer einsetzen, rasch eine Lösung herbeizuführen. Diese wird nicht immer ideal sein, weil ich oft nur ungenügende Informationen zur Verfügung habe. Ich kann versuchen, alle betroffenen Seiten anzuhören, um eine möglichst konstruktive Lösung zu finden, aber dies dauert oft lange und nervt diejenigen, die vom Konflikt nicht betroffen sind. Oder ich kann beispielsweise die Kinder dazu aufrufen, den Konflikt selbst zu lösen bzw. mich darauf verlassen, dass diese das schon untereinander schaffen. In jener Klasse habe ich die Fähigkeit der Kinder, Konflikte untereinander zu lösen, bisher wohl ziemlich überschätzt, was wohl mit dazu geführt hat, dass meine Autorität in dieser Klasse gelitten hat.

Unverlässliche Autoritäten sind keine Autoritäten

Autorität in einer Gruppe entsteht bzw. erhält sich durch die Erfahrung, dass man sich bei persönlicher Ăśberforderung auf die Autorität verlassen kann, und in dieser Klasse war ich nun einige Male selbst so ĂĽberfordert mit einer  Situation, dass dieses Vertrauen in mich als Autorität gelitten hat. Unverlässliche Autoritäten werden auf Dauer nicht mehr als solche wahrgenommen. Das schmerzt. Nagt am Ego eines Menschen, der sehr hohe AnsprĂĽche an sich selbst stellt. Und doch… habe ich vor einiger Zeit hier auf diesem Blog darĂĽber geschrieben, dass qualitatives Lernen, wirklich signifikante Weiterentwicklung nur durch Erleben und einem Sich-Stellen von Frusterfahrungen stattfindet, und ich glaube an die universelle Wahrheit dieser Aussage. Den Frust durchlebe ich, erst latent und nun, durch die Zeit zu reflektieren, die mir mein Körper durch die Krankheit und meine Vorgesetzte durch den Vorschlag, einen Tag auch offiziell krank zu sein, geschenkt haben, ungefiltert. Ich hoffe, dass er mich eine konstruktiven Lösung des Problems näher gebracht hat.

Ich werde also versuchen, in jener Klasse stabilere Verhältnisse zu schaffen oder zumindest nicht mehr durch eigenes Verschulden (z.B. unklar formulierte Arbeitsaufträge oder unnötigen Mangel und daraus resultierende Verteilungskämpfe) zusätzliche Überforderung für meine Schüler zu schaffen, und jene Rituale zu forcieren, die sich bisher bewährt haben bzw. Neuerungen behutsamer einführen. In all meiner Übermotivation übersehe ich manchmal den Fakt, dass auch ich nur ein Mensch bin, der die Überforderung meiner Schüler nur bis zu einem gewissen Punkt durch eigenen Einsatz ausgleichen kann, und dass dieser eigene Energievorrat auch von meinem eigenen Tageszustand abhängt.

Das meiste von dem, was ich für mehr Erfolg wissen müsste, habe ich wohl schon irgendwo auf diesem Blog niedergeschrieben. Aber zu wissen, was richtig wäre, ist alleine noch kein Garant dafür, auch das Richtige und Notwendige zu tun. Letzteres ist oft ein Kampf und harte Arbeit. Aber im Grunde liebe ich ja glücklicherweise auch die Herausforderung.

Niklas

Ich möchte darauf hinweisen, dass im folgenden Artikel einige Schlüsse zu finden sind, die mich selbst beunruhigen. Nichtsdestotrotz erscheinen sie meinen eigenen Erfahrungen im Kleinen wie im Großen sowie einem Großteil der menschlichen Geschichte, wie sie uns schriftlich überliefert ist, zu entsprechen.

Der Ausdruck von Emotionen stellt eine sehr elementare Form der zwischenmenschlichen Kommunikation dar. So wissen wir etwa üblicherweise unabhängig vom Grund seiner Erregung, wenn ein Mensch sich wütend, traurig, ängstlich oder etwa glücklich fühlt. Vor allem bei Menschen, die uns nahe/wichtig sind, passen wir unser eigenes Verhalten oft an diese Emotionen an, in vielen Fällen ohne es zu merken. Dann sind wir besonders freundlich zu einem wütenden Menschen oder nehmen einen ängstlichen Menschen in Schutz.

Nun gibt es Menschen, die ihre Emotionen klarer nach auĂźen transportieren als andere. UrsprĂĽnglich dachte ich mir, es läge einfach am Charakter eines Menschen, wie emotional offen er anderen gegenĂĽber ist. Mittlerweile denke ich, es liegt am Grad des Vertrauens, den er in seine aktuelle Umgebung legt. Bei mir selbst kann ich feststellen, dass ich je nach den Menschen, die um mich sind, und meiner eigenen Verfassung sehr unterschiedlich offen sein kann. FĂĽhle ich mich unter meinen Mitmenschen sicher bzw. in mir selbst gerade gefestigt genug, kann ich sehr offen meine Emotionen zeigen. FĂĽhle ich mich krank, schwach oder in einer bedrohlichen Situation, so sind dieselben Emotionen zwar vorhanden, dringen aber nicht nach auĂźen oder – in besonders bedrohlichen Fällen – wandern sofort ins Unterbewusstsein, offensichtlich um kein Risiko einzugehen. Nach auĂźen hin bin ich dann wohl schwer zu lesen, emotionslos, regungslos – ein bisschen, als wĂĽrde ich mich totstellen.

In den letzten Tagen habe ich eine Biographie von Yassir Arafat gelesen und festgestellt, dass ich seine Perspektive nur dann in meine bisherigen Erfahrungen einordnen kann, wenn ich in meinem Weltbild die Möglichkeit einer Art „Blase“ schaffe, in der wir in Zentraleuropa leben. Innerhalb dieser Blase ist eine gewisse Art des Zusammenlebens möglich, weil unsere Vorfahren jahrhundertelang dafür gekämpft haben und wir uns im Laufe der Zeit an ein gewisses Miteinander gewöhnt haben. Für jemanden wie mich und viele andere Österreicher ist es z.B. selbstverständlich, das Existenzrecht meiner Mitmenschen zu respektieren, auch wenn ich sie vielleicht nicht mag oder sie anderen Subgruppen angehören als ich. Weltweit betrachtet dürfte dies wohl eher eine Anomalie denn eine Normalität darstellen. Beim Lesen seiner Biographie dachte ich regelmäßig „ist der Typ völlig wahnsinnig?“. Irgendwann habe ich mich dann jedoch gefragt, wie er zu diesem Denken gekommen sein mag. Und bin dann auf diese“ Blasen-Theorie“ gekommen.

Emotionsausdruck in Eigengruppe und Fremdgruppe

Bei allen zivilisatorischen Errungenschaften der letzten Jahrtausende, ein Teil unseres Verhaltens basiert immer noch unterschwellig auf unseren tierischen Wurzeln (Platzangst unter Menschen z.B. dĂĽrfte ebensolche Wurzeln haben). Oft, wenn wir uns „ohne Grund“ unwohl fĂĽhlen in einer Situation, sind diese EinflĂĽsse – wenn auch nicht bewusst – spĂĽrbar. Oder die Tendenz, sich zusammenzurotten, um als Gruppe Stärke zu zeigen. Wer sich entweder alleine stark fĂĽhlt oder in einer starken Gruppe unterwegs ist, wird sich tendenziell eher trauen, seine Emotionen frei auszudrĂĽcken als jemand, der um seine Sicherheit besorgt ist. Innerhalb einer befreundeten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, eine Grenze ĂĽberschritten zu haben und aufzuhören. Innerhalb einer feindlich gesinnten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, sich ĂĽber das Opfer herzumachen. Oder in die Sprache der Tiere ĂĽbersetzt: ein schutzloses Jungtier ist fĂĽr die Herde besonders schĂĽtzenswert, fĂĽr das Rudel Wölfe besonders einfach zu erlegen. Ein ähnliches Verhalten habe ich mittlerweile mehrmals bei Kindern, Jugendlichen wie Erwachsenen beobachtet, auch in Ă–sterreich, und von Ă–sterreichern, fĂĽr alle, die ein solches Verhalten nur auf Zuwanderer projezieren wollen.

Auf einer gewissen Basis-Ebene sind wir wohl gegenĂĽber wie auch immer gearteten Fremdgruppen auch wie ein Rudel Wölfe. Der Intellekt baut sich darĂĽber einen Ăśberbau von Werten und akzeptiert Autoritäten und Gesetze zu Schutze aller – doch existentielle Ă„ngste können helfen, diesen Ăśberbau zusammenbrechen zu lassen, wie sehr deutlich an Massenpaniken zu sehen ist. Eine diffuse existentielle Angst wie einem kommenden Zusammenbruch des Sozialsystems kann ähnliche Tendenzen der RĂĽckkehr zum Gruppendenken des Wolfsrudels verstärken – im Zweifelsfall fĂĽr uns zuerst. Gleichberechtigung und Ethik wird dort zum Luxus, wo das GefĂĽhl entsteht, das (gute) Ăśberleben sei nicht mehr fĂĽr alle gesichert.

Attributionsfehler

Da sich Menschen in vielen Situationen ĂĽber sehr viele sich ĂĽberlagernde Gruppen definieren, ist es fĂĽr den einzelnen oft nur noch schwer festzustellen, ob er sich in einem freundlichen oder gefährlichen Umfeld befindet, was zu mehreren problematischen Fehleinschätzungen fĂĽhren kann. Der offensichtlichste Fall ist jener, sich in einer gefährlichen Umgebung zu sicher zu fĂĽhlen und sich Angriffen auszusetzen, denen man sich nicht erwehren kann: “Diese Ausländer, die fĂĽhren sich bei uns auf als gehörte ihnen das Land!”, oder die zweifelhafte Idee, den österreichischen Thronfolger in Serbien in einem ungeschĂĽtzten Wagen herumfahren zu lassen, während der Hass sich schon lange zusammenbraute.

Der weniger offensichtliche ist, sich in einer befreundeten Umgebung zu befinden, dies falsch einzuschätzen und sich nicht zu trauen, Emotionsausdruck als soziales Stoppsignal oder Bedürftigkeitssignal einzusetzen. In der Folge glauben Freunde, es handle sich immer noch um ein Spiel während der Freund sich verletzt fühlt, oder reagieren Eltern nicht auf den verzweifelten Wunsch nach Nähe eines Kindes. Ich für meinen Teil tendiere zum Beispiel eher zur zweiten Variante der Attributionsfehler, was dann (nicht mehr oft aber hin und wieder) dazu führt, dass ich meine eigenen Grenzen nicht rechtzeitig aufzeige und unnötig von Menschen emotional verletzt werde, die dies gar nicht beabsichtigen oder manchmal zu schüchtern bin, um Hilfe zu bitten.

Erfahrungen, die sich ĂĽber längere Zeiträume wiederholen, können sich verhärten und zu dem werden, was man gemeinhin den Charakter eines Menschen nennt. Mit der Zeit ist es zwar möglich, Entwicklungen auch wieder umzukehren, aber einfach ist es nicht unbedingt – zumindest fĂĽr mich.

Autorität als Einigungsfaktor

Was in der Geschichte der Menschheit immer wieder dafür verantwortlich war, verschiedene Gruppen dazu zu bringen, sich nicht gegenseitig anzufallen, sobald ein Mitglied der anderen Gruppe Schwäche zeigte, war eine von allen Seiten akzeptierte (oder gefürchtete) Autorität, sei sie hergestellt durch übermächtige Kraftverhältnisse oder Führung, die Vertrauen schafft, sei sie in Form bestimmter Personen, Gruppen oder unpersönlich in Form von Gesetzen. In dem – schon etwas älteren – Film „Hero“ kommt eine Stelle vor, in der dem Kaiser sinngemäß die Absolution erteilt wird, das zerstrittene Reich zu einen, selbst wenn er dafür Gewalt ausüben und Hass auf sich nehmen muss. Sinngemäß spricht der Film vom Konzept des zentralisierten Gewaltmonopols, das alleine dauerhaften Frieden zwischen den verfeindeten Gruppierungen schaffen kann, weil nur so die Rechte aller unabhängig von der Gruppenzugehörigkeit garantiert (= im Notfall unter Einsatz von schützender Gewalt beschützt) werden können.

Wo diese alle ihr sich Unterordnende schützende Autorität für die sich Unterordnenden nicht spürbar ist, entsteht die Gefahr des Rückfalls in gewalttätige Gruppenkonflikte, sei es weil Gesetze bestimmte Gruppen unverhältnismäßig benachteiligen oder sich bestimmte Gruppen nicht mehr durch die Exekutive beschützt fühlt. Ein Wir-sind-wir auf der einen Seite verstärkt das gleiche Gefühl auf der Gegenseite, erschwert (emotionale) Verständigung und Empathie, weil der Ausdruck von Emotionen als Ausdruck von Schwäche vor dem Anderen vermieden werden muss. Bei aller Hoffnung: offensichtlich sind wir weltweit betrachtet weit davon entfernt, uns wie eine einzige verbundene Welt zu fühlen.

ZurĂĽck zur Schule mag es fĂĽr Lehrer interessant sein, darauf zu achten, inwieweit die Kinder Emotionen frei auszudrĂĽcken wagen bzw. in welchen Konstellationen untereinander ihnen dies möglich ist. Möglicherweise kann es notwendig sein, in Gewalt eskalierende Gruppenkonflikte rigoros zugunsten eines zentralen Gewaltmonopols einzudämmen (was wiederum eine enorme Verantwortung bedeutet, es nicht zur eigenen Bequemlichkeit zu missbrauchen!). Ebenso interessant mag es sein, inwieweit der Lehrer selbst bereit ist, in der Klasse oder auch im Kollegium seine Emotionen klar auszudrĂĽcken oder wo er sich zurĂĽckhält bzw. ob diese ZurĂĽckhaltung tatsächlich in einem gefĂĽhlt “feindlichen” Umfeld begrĂĽndet ist. Wenn ja, mag es im Kollegium wie in der Klasse sinnvoll sein, Veränderungen anzuregen.

Niklas

Vor einigen Tagen schrieb ich über die Figur „Aaron, die Hacker-Schnecke“, die Kindern helfen soll, den grundlegenden Prozess des Hackens ihrer Umgebung bewusst zu machen. Einer der Hauptgründe, warum der Begriff „Hacker“ in vielen Ohren wie ein Synonym für „Krimineller“ klingt, ist die oft erstaunliche Unfähigkeit jener Enthusiasten, die Auswirkungen ihres Hackens auf andere Menschen in ihr Handeln einzubeziehen. Bis auf einige wenige Ausnahmen dringen die wenigsten Hacker tatsächlich in fremde Computer ein, um dort aktiv Schaden anzurichten. Es geht um die Schwierigkeit des zu lösenden Problems (z.B. wie umgehe ich Sicherheitsvorkehrungen?). Dass selbst ohne aktiven Vorsatz, jemandem zu schaden, anderen Personen Schaden entstehen kann, wird ausgeblendet und oft erst im Ernstfall realisiert (wie etwa in diesem TED Talk beschrieben: Der Vortragende erzählt, dass er rausfand, dass er negative Beträge per Online-Banking versenden konnte – und tatsächlich Geld von anderen Konten abzog! Aber er gab der Bank Bescheid).

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Hacker beispielsweise aus politischen Gründen versuchen, sich in fremde Computer oder Webseiten einzuhacken. Etwa, als Aaron Swartz sich Zugriff auf Zig-Millionen wissenschaftliche Dokumente beschaffte, für die man bezahlen musste, um sie danach frei online zu stellen. Er wollte damit wohl die Wissenschaft weltweit um einen Quantensprung weiterbringen. Ihm war wohl bewusst, dass er damit die Privilegien einiger an der ursprünglichen Lösung gut verdienenden Menschen gefährdete. War ihm auch bewusst, dass auf dieser Lösung wohl ein ganzes System basierte, mit entsprechenden Förderungen für die Publizierenden und so weiter? Dass sein mutiger Schritt, so verständlich er auch sein mag, ohne Vorwarnung ein System in Frage stellte, von dem sehr viele Menschen jahre-, vielleicht jahrzehntelang profitiert hatten? In diesem Fall wurden rechtliche Schritte gegen ihn eingeleitet, und ein – aus meiner nicht juristisch geschulten Sicht – absurdes Strafausmaß von über 50 Jahren Haft plus zahlreicher Zahlungen vom Gericht für sinnvoll befunden. Swartz, der unter anderem mitverantwortlich für zahlreiche Standards im heutigen Internet war und es somit zu einem beachtlichen Teil mitgestaltete, nahm sich daraufhin selbst das Leben.

Was wir aus der Geschichte lernen können, sind mehrere Schlüsse. Erstens ist es nicht gewährleistet, dass das, was ich für (ethisch) richtig halte, auch für alle anderen als (ethisch) richtig gilt. Viele Forscher werden sich sehr gefreut haben, dass sie nun Zugriff auf Milliarden wissenschaftliche Arbeiten haben, die sie sich ansonsten schlicht nicht leisten konnten. Die Idee, wissenschaftliche Arbeiten und Forschung mit einem Preis fürs Lesen zu versehen, läuft der Idee der aufeinander aufbauenden Forschung einerseits völlig zuwider. Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die dies für richtig zu halten scheinen. Und nicht unbedingt nur, weil es asoziale Menschen sind. Vielleicht machen sich diese Menschen auch einfach mehr Gedanken darüber, wie diejenigen, die am Forschen sind, auch bezahlt werden können – und eine Art „Lese-Gebühr“ für die Produkte ihrer Arbeit einzuführen, dürfte ihnen als einfache Lösung erschienen sein.

Zweitens, dass es Menschen gibt, deren Bedürfnisse im Sinne der zu befürchtenden Konsequenzen mehr Gewicht haben. Gegenüber einer (vermutlichen) Minderheit der von den Gebühren profitierenden Menschen stehen eine Masse an anderen Menschen, die von einer freien Verfügbarkeit der wissenschaftlichen Arbeiten profitieren würden. Aber Menschen, die von einer freien Verfügbarkeit womöglich ökonomisch so getroffen werden, dass sie Angst um ihre Existenz haben, haben ein anderes Gewicht in einem (politischen) Konflikt. Die eine Seite will ihre Arbeit erleichtert haben, die andere Seite fürchtet um ihre Existenz. Wer wird grimmiger für seine Sache kämpfen? Zusätzlich kommt noch hinzu, dass in einem Wettstreit (vor allem in den Staaten) Geld und Macht durchaus eine Rolle spielen. Anwaltskosten sind zu bezahlen, die öffentliche Meinung für sich einzunehmen und so weiter. Dies ist erheblich leichter, wenn man finanziell ungebundener ist und die entsprechenden Kontakte besitzt. Also kurz gefasst: wie sehr ist jemand von meinem Handeln persönlich betroffen oder sogar beeinträchtigt? Und welche Macht hat er faktisch über mich?

Es scheint, als wäre ich (wieder einmal) massiv vom Thema Schule abgekommen. Aber in diesem Fall hilft uns das Beispiel durchaus, inner-schulische Prozesse zu verstehen. Versetzen wir uns in die Situation eines Schülers, der seine Schulklasse hacken will. Was weiß er von der großen weiten Welt, und was sie von ihm will? Weiß er, dass es einen Lehrplan gibt, Leistungsstandards? Dass seine Eltern den Anspruch an ihn haben, dass er eines Tages auch ohne sie zurechtkommt? Wie kann er Entscheidungen treffen, die diese Punkte einbeziehen, wenn sie ihm weitgehend vorenthalten werden? Zudem gibt es durchaus Bedürfnisse, die Menschen in seinem Umfeld besonders wichtig sind, während andere weitgehend vernachlässigbar sind. Eltern beispielsweise ist die Transparenz des Schulgeschehens üblicherweise eher unwichtig, oder dass es demokratisch organisiert wird – solange die Leistungen passen. Aber wehe, wenn das Kind plötzlich in den Leistungen abfällt! Da wird das Kind plötzlich zur Sau gemacht, oder dem Lehrer die Schuld gegeben (ob berechtigt oder nicht), Transparenz gefordert oder der diktatorische Stil des Lehrers verantwortlich gemacht, der vorher noch „für Ordnung sorgte“.

Grenzen der kindlichen Freiheit

Es ist eine interessante Ironie vieler freier Schulen, dass sie ihren Schülern gerne Freiräume gewähren wollen, die von den Eltern nicht unterstützt werden, und sich dann wundern, dass die Kinder mit trotzigen Gesichtern Übungszettel machen, die sie von zuhause mitbekommen haben. Die autonome Freiheit des Kindes ist in der Schule eine Illusion – sie ist immer abhängig von den Einstellungen der jeweiligen Eltern. Aber der angehende junge Hacker sozialer Systeme sieht auch hier wieder keine Einschränkung, sondern nur ein Problem, für das er eine Lösung finden könnte. Die Leistungserwartungen der Eltern zu erfüllen kann eine Lösung des Problems sein, und vielleicht ist es in vielen Fällen die einfachste. Eine weitere könnte es sein, den Eltern zu zeigen, dass ihr Bedürfnis ernstgenommen wird, aber ein alternativer Vorschlag vorgetragen wird, ihr Bedürfnis so zu erfüllen, dass die Lösung auch den Bedürfnissen des Schülers mehr entspricht.

So könnte etwa ein Schüler, der vom Tod eines nahen Verwandten so getroffen ist, dass er sich schulisch nicht mehr konzentrieren kann und droht, die Klasse zu wiederholen (was seine Eltern ängstigt, er würde die Schule abbrechen und ihnen noch lange auf der Tasche liegen), mit seinen Eltern die Lösung finden, die Klasse in Ruhe zu wiederholen und sich dafür im Jetzt die benötigte Zeit zu nehmen, seine Trauer auszudrücken. Die Eltern, beruhigt, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Trauerphase und nicht um eine allgemein ablehnende Haltung gegenüber den schulischen Aufgaben handelt, können diese Lösung möglicherweise akzeptieren. Der Schüler hat einen Hack gefunden, der sowohl seine Bedürfnisse wie die seiner Eltern einbezieht und zu einer für alle Seiten akzeptablen Lösung führt.

Kindern bewusst zu machen, wie viele Menschen eigentlich ein Interesse an dem haben, wie sie sich verhalten, hat nicht nur den Zweck, ihnen zu helfen, bessere, durchdachtere und allgemeinverträglichere Lösungen zu finden – auch wenn dies eine wichtige Komponente ist. Es hat den schönen Nebeneffekt, dass es ihnen helfen kann, sie in ihrem GefĂĽhl der Selbstwirksamkeit zu bestärken. Es hat eben doch eine Auswirkung, was sie tun oder nicht tun. Es ist doch wichtig, wie sie sich entscheiden. Und somit sind auch sie selbst wichtig. Es ist erstaunlich, wie wenig einem dies bewusst ist, solange man gut funktioniert. Möglicherweise erklärt sich damit auch die groĂźe Anziehungskraft des “Bösen”: den “Guten” fällt nicht so sehr auf, wie wirksam sie auf eine ganze Reihe von Menschen sind. Bei “Schlechtem” Verhalten reagieren plötzlich Menschen auf einen, die vorher in der eigenen Wahrnehmung gar nicht vorkamen.

Ist es nicht eine Ăśberforderung fĂĽr Kinder, ihre Schule zu hacken?

was zu beachten wäre
Das System Schule ist ganz schön komplex. Aaron freut sich schon darauf.

Schule, das ist ein sehr komplexes System mit der Aufgabe, ständig wechselnde Bedürfnisse von auch noch ständig wechselnden Personen irgendwie so zu kanalisieren, dass trotzdem alle halbwegs zufrieden sind. Es gibt nicht viele Systeme, die in ihrer Komplexität an das System Schule heranreichen, vor allem, weil es notwendigerweise ein lebendiges, ein lernendes System sein muss, wenn es langfristig überleben will. Ein System also, das das Hacken nicht nur ermöglicht, sondern eigentlich sogar notwendig macht. Kinder, die allerersten und oft auch besten Hacker dieser Welt, lieben es, sich schweren Herausforderungen zu widmen, wenn man sie lässt, und bei Misserfolgen einen Raum für sie öffnet, ihren Frust auslassen zu können. Warum sie nicht mit den schwierigsten Problemen der Menschheit befassen lassen, auf die noch kein Mensch eine endgültige Antwort gefunden hat, wohl je finden wird? Sind diese Probleme nicht viel interessanter als jene, die wir ihnen üblicherweise stellen, deren Antwort wir im Vorhinein wissen?

In meinem Plakat habe ich versucht, die Beziehungen des Systems zu den Nutzern (SchĂĽler), den Eltern (ĂĽber die SchĂĽler), der Gesellschaft und den Stammklassen darzustellen. “Stammklassen” deswegen, weil meine derzeitige Arbeit in einer speziellen Situation stattfindet, dass ich jeweils einige Kinder aus verschiedenen Klassen als Pioniere fĂĽr meine “Neue Welt” bekommen werde. Die roten Punkte, das sind die kritischen. Wenn die gesellschaftlichen Leistungsstandards nicht mehr erfĂĽllt werden, die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, die Eltern unzufrieden werden oder sonst etwas “rotes” unberĂĽcksichtigt bleibt, wird es auf Dauer wohl negative Konsequenzen geben. GrĂĽne BedĂĽrfnisse können bei Nichtbeachtung zu negativen Konsequenzen fĂĽhren, sind aber nicht so kritisch. Und, besonders interessant, ein BedĂĽrfnis der Gesellschaft ist fĂĽr den einzelnen SchĂĽler relativ irrelevant, wird gar nicht von ihm erwartet, obwohl es fĂĽr die Gesellschaft als Ganzes enorm wichtig ist: Innovation. Kaum jemand erwartet von SchĂĽlern, dass sie Neues, Besseres erfinden. Ich bin sehr gespannt, ob meine Pioniere die auf diesem Gebiet nicht viel von ihnen erwartende Gesellschaft nicht doch zu ĂĽberraschen vermögen.

Niklas