Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von Verlässlichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit Gründen
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich überfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttäuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurück in Einsamkeit
Ich wollt, ich hätt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quält und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kämpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe größter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darüber
Auf die, die Liebe lässt mich fühlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlässt

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch länger brauchen
Hab meine Brücke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fühlst
Dann öffnen wir die Dämme
In uns, um uns, tränken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelänge!
Die Dämme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geübt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

Vor vielen Monaten war ich bei einer Freundin zuhause, die die Angewohnheit hat, endlos zu sprechen. Sie hatte sich bereits des Öfteren beschwert, dass ihre Freunde und Bekannten ihr nie zuzuhören schienen. Plötzlich hielt sie mitten im Satz inne und fragte mich, ob Menschen wohl mehr Gewicht auf jedes ihrer Worte legen würden, wenn sie weniger Worte sprechen würde? Sie selbst vergaß den Einfall wohl wenige Minuten später wieder, aber mir erschien er wie eine Erleuchtung, und immer wieder würde ich mich in den folgenden Monaten an ihre Frage erinnern. Tatsächlich scheint es einen sehr großen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Wörter und der Wahrscheinlichkeit, dass die Botschaft hinter den Wörtern verstanden wird, zu geben. Aber als übermotiviertem Sozialforscher war mir diese Erkenntnis alleine zu wenig. Vor allem in den letzten Monaten hat sich dann gezeigt, dass sie auf viele andere Lebensbereiche übertragbar ist.

Im Grunde geht es mir in diesem Artikel nicht so sehr um die tatsächliche Anzahl an Wörtern einer Kommunikation, sondern um zwei Faktoren, die mit jener Anzahl und untereinander lose zusammenhängen: die Klarheit, mit der die gewünschte Botschaft beim Gesprächspartner ankommt und die Effizienz der Kommunikation. Beides hat massive Auswirkungen auf die Qualität der Kommunikation.

Klarheit der Botschaft

Auch wenn es für viele Menschen schwer zu begreifen ist: aufgrund unserer verschiedenen Arten, die Welt wahrzunehmen und in uns abzubilden, leben wir zwar vermutlich objektiv in einer Welt, diese stellt sich jedoch subjektiv sehr unterschiedlich dar. Das einfachste Beispiel, dies zu illustrieren, ist die Bedeutung eines beliebigen Wortes. Was ich an Vorstellungen zum Wort „Tisch“ in mir habe, mag stark von dem abweichen, was ein anderer Mensch zum „selben“ Wort in seiner Vorstellungswelt sieht. In Kombination mit anderen Wörtern wie „mit vier Beinen“ oder „braun“ können wir die Chance erhöhen, mit unserem Gesprächspartner über ähnlichere Bilder in unseren Köpfen zu sprechen. Tatsächlich lässt sich jedoch schwer überprüfen, ob unser Gesprächspartner wirklich das exakt gleiche „Kopfbild“ präsent hat wie wir selbst. Ebenso gut sichtbar wird das in der Kommunikation mit fremdsprachigen Menschen, bei dem Verwechslungen im Sinn des Gesagten oft sehr humorvoll für alle Beteiligten sind.

Da unsere Kommunikation selten ausreicht, um exakte oder annähernd exakte Botschaften tatsächlich nach-vollziehbar zu machen, arbeitet unser Gehirn mit einem kleinen Trick: es auto-vervollständigt das Gesagte des Anderen. Dies kann in manchen Fällen sehr gut funktionieren, in anderen zu fehlerhafter Kommunikation und Miss-Verständnissen führen. Umgekehrt gilt: Je genauer und klarer die Kommunikation wird, desto weniger Arbeit hat diese Autovervollständigen-Funktion des Gehirns. Bei Formen der Kommunikation, bei dem es „um nichts geht“, wie etwa ein belangloses Herumalbern mit fremdsprachigen Menschen, kann dies humorvoll sein. Unklare Kommunikation erscheint mir jedoch eine der Hauptverursacher ewiger Meetings zu sein, und Meetings, in denen alle einer Person zuhören, die statt der notwendigen einen Minute zehn Minuten lang spricht, sind bei mehreren solchen Sprechern frustrierend für alle Beteiligten.

Warum werden Botschaften überhaupt unklar formuliert?

In meiner Erfahrung gibt es dafür zwei große Gruppen von Gründen. In vielen Fällen ist dem Sprechenden gar nicht bewusst, dass das zu sagende noch nicht so klar ausformuliert ist, dass andere Menschen (seine Zielgruppe oder –Person) ihn sofort verstehen können. Es ist einfach, dem bequemen Trugschluss zu verfallen, dass man es ja selber versteht und dies ausreichen muss. Klarheit ist Arbeit, und in den meisten Fällen und Berufen eine, die nicht finanziell vergütet wird – warum also Zeit investieren? Ein Problem so einfach und klar zu kommunizieren, dass es für andere verständlich wird, ohne sich vorher intensiv damit befassen zu müssen, ist eine Kunst – nur leider für diejenigen, die nur die Lösung zu Gesicht bekommen, eine nur schwer als „wertvoll“ nachvollziehbare. Da erscheint es sicherlich oft einfacher, lange das Problem zu beschreiben, bevor man zur einfachen Lösung kommt.

Die zweite große Gruppe von Klarheit verhindernden Phänomenen sind Angst und Scham. Wenn ich beginne, Dinge klar und unmissverständlich beim Namen zu nennen, vielleicht noch kritisch gegenüber einem Vorgesetzten bin, brauche ich ein gehöriges Maß an Mut. Kommuniziere ich unklar, kann ich mich bei einer negativen Reaktion vielleicht noch herausreden – kommuniziere ich Kritik klar, bin ich auch verantwortlich für die Konsequenzen meiner Aussagen. Dann kann es möglicherweise vorkommen, dass ich eine Arbeitsstelle verliere oder von anderen als willkommener Sündenbock betrachtet werde. Vielleicht steche ich auch als besonders ehrlicher und vertrauenswürdiger Mitarbeiter hervor. Mittlerweile habe ich beides erlebt und festgestellt, dass Klarheit und Konsequenz in der Kommunikation auch die Umgebung dazu animiert, klarer zu werden. Es polarisiert, trennt die von einer Ansicht angetanen Menschen von jenen, die sie ablehnen. Diffuse und unklare Aussagen können helfen, offene Konflikte zu vermeiden – aber sie sorgen auch für eine sehr ineffiziente Kommunikation und damit zu einer Verschleppung von Konflikten.

Wenn ich „Kommunikation“ schreibe, so meine ich damit nicht nur verbale, sondern auch die non-verbale Kommunikation. Wer manchmal ausgeht und gerne Menschen beobachtet wie ich, dem wird der Unterschied aufgefallen sein zwischen einem Mann, der einer Frau beim Tanzen klar um die Taille fasst und einem, der es erstmal sanft „probiert“. Ersterer wird extremere Reaktionen hervorrufen, im Positiven wie Negativen. Oder, um ein schulisches Beispiel zu nennen, der Lehrer, der einen Schüler zurechtweist. Ist der Lehrer sich selbst vielleicht gar nicht klar, ob er überhaupt das Recht oder die Mittel hat, den Schüler zurechtzuweisen, wird er tendenziell unklarer kommunizieren und dem Schüler somit die Möglichkeit offenlassen, anders zu reagieren, als wenn der Lehrer klar in seiner Kommunikation ist. Viel scheint davon abzuhängen, ob der Kommunizierende das Selbstbewusstsein hat, im Falle des Falles klar zu seinen Intentionen zu stehen. Der Tänzer, der der Überzeugung ist, dass die Frau seine Berührung genießen wird, wird eine andere Klarheit seiner Berührung an den Tag legen wie der, der glaubt, die Frau würde dies gar nicht wollen und er müsse sie „überzeugen“.

Klarheit und Autorität

Letzten Samstag war in meiner Lieblingsbar ein sehr seltsam aussehender junger Mann zu sehen, der nach seinem Blick zu urteilen entweder massivst betrunken war oder – wahrscheinlicher – irgendwelche harten Drogen genommen hatte. Irgendwann schubste er einen anderen Gast unerwartet, weil er offensichtlich der Meinung war, jener (der überhaupt nichts getan hatte, ich stand daneben) wollte ihm Böses. Ich bin dann zu dem seltsamen Menschen hin, habe ihn angeblickt und ohne ein Wort zu sagen (oder darüber nachzudenken) seine Arme gesenkt, woraufhin er sich umdrehte, ging und den Rest des Abends unproblematisch war.

Was ich sehr spannend an der Situation fand, war dass ich a) offensichtlich ausreichend klar mit ihm kommuniziert habe, dass er b) meine „Anweisung“ ohne Diskussion und damit mich als Autorität in der Sache akzeptiert hat und ich c) keinen Anflug von Aggression in mir spürte. Nach dieser Nacht habe ich viel darüber nachgedacht, wie Autorität wohl mit Aggression zusammenhängt, und ich denke, Autorität hängt mit Klarheit zusammen: der Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen klar und unmissverständlich zu kommunizieren. Aggression ist die Bereitstellung zusätzlicher Energie und kann auch dazu führen, klarer zu kommunizieren. Kommt jedoch die Angst hinzu, dass die von der Aggression zusätzlich bereitgestellte Energie nicht ausreicht, kann dies jedoch auch wieder eher dazu führen, unklarer zu kommunizieren, um sich im Falle des Falles herausreden zu können.

Klarheit der Sprache als Indikator für zwischenmenschliches Vertrauen in Institutionen

Umgekehrt lässt sich das Prinzip genauso anwenden: wenn ich merke, dass ich unklar kommuniziere, bin ich tatsächlich unklar in mir, was ich überhaupt kommunizieren möchte? Oder versuche ich damit eine Scham oder Angst vor Entdeckung zu schützen? Ich halte es für völlig in Ordnung, Scham oder Angst nicht unbedingt mit der ganzen Welt teilen zu wollen, vor allem in Situationen, in denen der sichere Raum dafür nicht gegeben ist.

Für Unternehmen, Institutionen oder auch zwischenmenschliche Beziehungen mag der Grad der Klarheit der Kommunikation jedoch ein interessanter Indikator sein, wie offen die Menschen in ihnen wirklich miteinander zu kommunizieren wagen. Und wenn Sitzungen sich endlos hinziehen, mag es sinnvoll sein, sich nicht nur mit einer effektiveren systemischen Organisation der Sitzungen zu befassen sondern auch mit der Schaffung sicherer Gesprächs-Räume, um die offensichtlich vorhandenen Notwendigkeiten unklarer Kommunikation aufgrund von Scham und Befürchtungen zu verringern.

Niklas

Diese Woche gibt’s als Weihnachts-Special mal einen etwas längeren Text – und zwar ausnahmsweise mal in Gedichtform. Ich wünsch euch allen ein paar gemütliche und geruhsame Tage und möchte die Gelegenheit nutzen, mich bei meinen fleißigen Lesern für ihre Treue zu bedanken 🙂

Von draust, vom Walde, komm ich her
Und würd euch gern sagen, es weihnachtet sehr
Doch nicht viel verspür ich von der Weihe
Nicht viel erblick ich von der Nacht
Wohl seh ich nur was gut gedeihe
Was jener Nacht nicht angedacht
Zur Wein-Nacht flattern plötzlich Briefe
Zu lesen gibt’s, dass alles liefe
Wenn wir nur geben klein Betrag
Damit ein Kind auch sehen mag
Viel sieht das Kind dann, nur kein Brot
Sieht Hunger, Elend, sieht die Not
Was nützt mir schönstes Augenlicht
Wenn mir dafür die Hoffnung erlischt?
Wenn sehen kann ich Zukunft keine
Wohl seh ich Zukunft, nur nicht meine
Wenn andere mich nur sehn zum Feste
Nur dann sich ‘rinnern meiner Rechte
Nun hunger’ ich, doch sehend Auges
Und wieder bleibt mir nur der Glaube
Die Armen sind’s, die wacker beten
Und schaudernd noch die Kirch’ betreten
Die Reichen beten an das Golde
Wie kostbar wirkt es doch, das Holde!
Wie es schimmert, wie es lacht
Gott ist tot!, es leb die Macht!

Und wäre Gott, wärn wir wohl Sünder
Und wär Gott nicht, wärn wir‘s nicht minder
Schuldig an den jungen Seelen
Die wir Toren endlos quälen
Die Kinderaugen sollen lachen,
Über all die neuen Sachen
Mit Tränen müssen sie bezahlen
Jene, die in ständig Qualen
Schuften, fliehen, kämpfen, morden
Gegen übermächt’ge Horden
Geg’n Interessen, Zahlen, Konten
Wir noch kein’ Arznei gefunden
Füllt Säcke voll mit schönen Sachen
Die arme Leut’ noch ärmer machen

Von drausd, vom Walde, kam ich her
Und muss euch sagen, der Wald ist nicht mehr
Was war, ist vergangen und was ist wird vergehn
Ihr Menschen, ihr Menschen, wann wollt ihr verstehn
Dass Macht ist nicht Freibrief und Freibrief nicht Macht
Dass Macht missverstanden keine Freude euch macht
Ich kam aus dem Nichts und bracht Gaben euch mit
B’reit Liebe, Hoffnung, Demut dem Tisch
Doch ihr wolltet nur spielen, und jedes Jahr weiter
Man möchte meinen, das Leben macht g‘scheiter
Und doch sind sie Toren, belieben zu prassen
Mit Geld, mit Sachen, die Kinder zu b’spassen

Wär‘s Frieden!, wär Frieden wohl mehr als ein Wort
Es trüg auf Schwingen mich alsbald hinfort
Doch scheint es wohl nichts als ferner Traum
Es findet die Zeit nicht, findt keinen Raum
Und so komm und geh‘ ich, stets verkündend
Was sich doch am End‘ nie findet
Des Heilands Ankunft, Heil auf Erden
Müsste doch ein jeder werden
Müsst ein jeder doch erwägen
Was es heißt, sich zu ergeben
Jenem solch erhabnem Geiste
Der einst etwas Großes leiste
Der dem Frieden schenke Schwingen
Und das Gute lässt gelingen

Jenen Geist, den ich einst brachte
Der die Menschen glücklich machte
Diesen spüre ich noch wieder
Wenn ich höre Kinderlieder
Wenn Kinderaugen, voll Vertrauen
In all dem Tand den Geist noch schauen
Wenn sie lieben, herzen, lachen
Alsbald tanzen, Luftsprüng‘ machen
Und selbst die Alten sich erinnern
Wie es einst war, als sie noch jünger
Als die großen Kinderaugen
Einst den großen Geist noch schauten

Und wenn ‘ne Träne dann sich bildet
Sie rasch alsbald verschwindet
Wenn die Erinn‘rung wird zur Pein
Zur guten Feier – schenkt den Wein
Damit, zum Morgen, wir vergessen
Was schmerzt, war doch nur zu viel Essen
Und niemals wolln wir uns erinnern
An das, was – wissen wir – viel schlimmer
Den Geist der Weihnacht, der geboren
Hab’n wir wohl alle längst verloren
Er kam, er ging, wer hats bemerkt?
Vorüberging’s, das große Werk

Von drausd, vom Walde, kam ich her
Und hab‘ euch nichts zu sagen mehr
Der Wald ist weg, der Geist vertrieben
Ich wünscht, ich könnt noch jemand lieben
Doch komm ich aus zu fernen Landen
Als dass sie mich wohl würdig fanden
Woher ich kam, dort kehr ich wieder
So singt nur eure alten Lieder
Erinnert euch, was einst geschah
Haltet doch nur dies für wahr
Erinnert dem, was einst geschrieben
Vergesst, verleugnet, was vermieden
Und doch verlangt von jedermann
Auf dass der Fried’ uns finden kann

Von drausd, vom Walde, kam ich her
Und trag an meiner Wahrheit schwer
Dass Frieden sei so leicht errungen
Wenn wir nur verzeihn die Wunden
Die geschlagen wir in Ohnmacht
Das Leid ist dort wohl rasch vervielfacht
Wo Böses glauben wir zu wittern
Anstatt zu staunen, statt zu zittern
In stummer Anbetracht von Leben
Das so reichlich uns gegeben
Es schenkt uns Freude, schenkt uns Leiden
Keines lässt sich leicht vermeiden
Es schenkt uns Zeit, damit wir lernen
Uns voneinander nicht zu ‘ntfernen
Vielleicht wir lernen, uns zu lieben
anstatt uns täglich zu betrügen
Dass der Mensch sei bös im Kern
Dann ist der Frieden nicht mehr fern
Der Mensch, der an den Menschen glaubt
Dem seien große Wunder erlaubt
Das Wunder gar, Liebe zu geben
Und Liebe selbst noch zu erleben

Nun hab’ ich doch noch viel gesprochen
Und hab‘ doch dabei nichts verbrochen
Was ich erzähl seit Tausend Jahr
Das bleibt auch nächstes Jahr noch wahr.
Und mit den Jahren, die vergehn
Vielleicht wird Mensch sich selbst verstehn.

Niklas

In all der Diskussion um gute und schlechte Schulen und Lernformen wird zwar gerne herausgefunden, dass die eigene Schule diejenige sei, bei der die Schüler am meisten oder auch am besten lernen – aber was bedeutet eigentlich dieses „Lernen“, das dabei als so wichtig empfunden wird? Ist es ebenso „Lernen“, wenn ein Kind die Namen aller 150 Pokémon auswendig kann? Weiß, wie das Fußballspiel vom Wochenende ausgegangen ist? Einen Schweinsbraten zum ersten Mal kostet? Handelt es sich um Lernen, wenn ein Schüler zwar 150 Vokabeln aufsagen kann, aber in einem Gespräch kein Wort herausbringt, weil die Vokabeln ihm im Gespräch nichts helfen? Ist es ein besseres Lernen, wenn ein Schüler möglichst effektiv zu einem Lernerfolg kommt, oder lernt er mehr, wenn es ihm erlaubt wird, Umwege und Fehler zu machen?

Vielleicht ist es mir mit diesen Eingangsfragen bereits gelungen, die Problematik ein wenig deutlich zu machen: es gibt wohl so viele Definitionen von „Lernen“, wie es Menschen gibt, die sich für schlau genug halten, etwas definieren zu wollen. Wenn nun eine besorgte Mutter zur Lehrerin stapft und ihr vorwirft, ihr Kind lerne nichts und sitze den ganzen Tag nur herum und die Lehrerin der Mutter freudestrahlend erwidert, das Kind lerne dadurch doch ungemein gut, was Langeweile sei, dann haben wir schnell ein Kommunikationsproblem. Die Lehrerin wird vielleicht den Kopf schütteln über die Engstirnigkeit der Mutter, die Mutter über die Abgehobenheit der Lehrerin, das Kind von der Schule abmelden und an eine andere Schule geben, „damit es auch etwas lernt“, und beide sind frustriert. Muss das sein?

Ich glaube, es kommt nicht so sehr darauf an, welche Definition von „Lernen“ man nun selbst für sich auswählt, sondern eher darauf, dass man sich darüber im Klaren ist, dass es Missverständnisse geben könnte. Und dann macht es Sinn, sich einmal darüber Gedanken gemacht zu haben, um seine persönliche Vorstellung von „Lernen“ erklären zu können, ohne wiederum auf das Wort „Lernen“ zurückgreifen zu müssen. Dann wird es nämlich plötzlich möglich, auf einer Meta-Ebene über die entsprechenden Erwartungshaltungen zu diskutieren und nicht in Unverständnis steckenzubleiben. Also: was ist für euch „Lernen“?

Beispiel-Versuch einer Meta-Definition aus Sicht eines Niklas

Wenn ich nun von einem Gespräch zwischen zwei Freunden ausgehe (eine Situation, die ich als sehr lehrreich empfinde), so ist die Chance groß, dass in diesem Gespräch einer oder sogar beide der Gesprächspartner durch das Gespräch etwas hören, das ihnen vorher unbekannt war (sonst wäre es wohl ein langweiliges Gespräch und würde nicht lange dauern). Dies bietet den Gesprächspartnern die Chance, neue Informationen aufzunehmen, etwas, das in solchen Gesprächen oft völlig unbewusst passiert. So erzählt etwa beispielsweise einer unserer Gesprächspartner, dass der LASK (ein Fußballverein) in der Relegation 1:1 gespielt hat. Und nun können mehrere Dinge passieren.

Möglicherweise ist sein Gesprächspartner nicht sonderlich interessiert an Fußball. Er wird das Ergebnis zur Kenntnis nehmen (er wird es sich merken), aber nach einer Weile wird er es wieder vergessen haben. Möglicherweise weiß er auch nicht, was eine Relegation ist oder was ein 1:1 überhaupt bedeutet (und hat auch kein Interesse, nachzufragen), kann die Informationen deswegen auch gar nicht verarbeiten, woraufhin er sie sofort wieder vergisst. Vielleicht hat er auch am nächsten Tag einen Test über dieses Ergebnis, dann wird er versuchen, es sich zu merken. Wird er nun gefragt, wie das Spiel ausgegangen ist, kann er es richtig wiedergeben, weil er es sich gemerkt hat, aber es bleibt ihm fremd. Er hat es gedanklich „auf den Dachboden verstaut“, wo es nun verstaubt und nur hervorgeholt wird, wenn es jemand brauchen sollte. Dort bleibt es meist nicht allzu lange (siehe “Vergessen“), oft nicht einmal bis zur nächsten Prüfung.

Falls unser Gesprächspartner nun aber ein Fußballfan ist (oder Interesse daran hat, einer zu werden, und weitere Verständnisfragen nachfolgen lässt), wird er vielleicht wissen, dass das 1:1 in der Relegation zusammen mit dem 1:0 im Hinspiel reicht, um den LASK eine Liga aufsteigen zu lassen. Wenn er nun ein LASK-Anhänger ist, wird er sich darüber freuen, vielleicht mit seinem Gesprächspartner feiern wollen. Er hat sich die Information nun nicht nur gemerkt, sondern sie auch angewendet, um zu entscheiden, ob er sich freuen soll oder nicht. Anstatt die Information auf dem Dachboden zu verstauen, nimmt sie nun einen Ehrenplatz im Wohnzimmer seines Geistes ein.

Vergessen

Wenn wir davon ausgehen, dass wir tagtäglich eine überwältigende Flut von Informationen über unsere Sinne aufnehmen und diese und bereits gespeicherte auch noch im Geiste zu neuen Konstrukten vernetzen (ich gehe davon aus, dass wir alle höchst fantasievoll sind), so folgt daraus trotz der unzähligen Gehirnzellen irgendwann das Problem des Platzmangels. Der „Dachboden“ der Erinnerung wird daher regelmäßig von den Dingen entrümpelt, die ohnehin nie gebraucht werden, damit stets Platz für Neues bleibt. Das, was tatsächlich gebraucht wird, geht nur selten verloren. Aber was wird gebraucht?

Komplexes einfach erleben

Wenn mir jemand erzählen will, dass ein Mehr an Lernen besser sei, frage ich mich, was mit diesem Mehr gemeint sein soll. Jede Information, die behalten werden soll, erhöht die Menge an zu merkenden Informationen und damit die Komplexität der Gedankenstruktur. Aber anstatt Menschen dadurch automatisch klüger zu machen, kann es sie auch verwirren: Was geschah nochmals 1542? Pythagoras war doch dieser griechische Feldherr, oder nicht? Oder der mit den Kreisen?

Lernen bedeutet für mich, dass mit einer gestiegenen geistigen Komplexität umgegangen werden kann. Ein Schüler, der mir die Formel a²+b²=c² aufsagen kann, hat sich eine Formel gemerkt. Wenn er mir nun die Seiten einiger rechtwinkeligen Dreiecke ausgehend von den anderen beiden ausrechnen kann, hat er den Satz des Pythagoras angewendet. Aber erst, wenn er, um ein noch komplexeres Problem zu lösen, von selbst den Satz des Pythagoras anwendet, weil er überlegt, dass ihm dieser vielleicht nutzen könnte, hat er ihn verinnerlicht. Was vormals subjektiv komplex und verwirrend war, wird nun subjektiv einfach und sinnvoll.

Vergessen, die 2.

Wird dieser Prozess, etwas anfangs als subjektiv komplex und äußerliches Empfundenes zu etwas subjektiv Einfaches und Innerliches werden zu lassen, abgeschlossen, so geschieht etwas erstaunliches: Manche Informationen, die früher essentiell waren, können nun vergessen werden. Wer etwa Formeln umwandeln lernt, kann getrost einen Großteil der bisher in allen Ausführungen gelernten Formeln vergessen, weil er aus sich heraus mit einigen Start-Formeln die anderen herleiten kann. Wer einzelne Vokabeln vergisst, kann sie in Gesprächen mit anderen Wörtern oder Gesten umschreiben, weil der Geist gelernt hat, mit komplexeren Problemen umzugehen.

Die Rolle des Fokus

Ich habe in meinem Bildnis bisher die Rolle des Fokus oder des Willens außer Acht gelassen, also die Frage, was unsere Gesprächspartner aus ihrem Gespräch verinnerlichen wollen, aus dem einfachen Grund, weil ein Gespräch unter Freunden ohnehin meist von ihren Interessen geleitet wird. Die Frage, was nun gelernt (ob gemerkt, anwendbar oder verinnerlicht) wird, mag doch in vielen Fällen eine Rolle spielen. Irgendetwas wird in jedem Gespräch, in jedem Tun verinnerlicht und gemerkt. Seltener passiert es, dass jene Dinge verinnerlicht werden, die die Menschen tatsächlich verinnerlichen wollen, und noch seltener das, was andere (z.B. Lehrer) von ihnen wollen.

Da persönliches Wachstum, sollte es nicht völlig zufällig sein, doch auch eine gewisse (interessensgeleitete?) Richtung anstreben muss, halte ich es für sinnvoll, sich diese “Richtungen” in irgendeiner Form auch vorzunehmen und das Verinnerlichte mit den Vorsätzen zu vergleichen. Auf jeden Fall dürften sich auch in dieser Frage, ob es notwendig/gut sei, das Wachstum der Schüler in (selbst- oder fremdbestimmte) Richtungen zu leiten oder es nicht aus ihnen heraus spontan entstehen zu lassen, die Geister scheiden, weswegen ich diesen Punkt nicht auslassen wollte.

Ein Prototyp

Die hier angeführten Überlegungen zu den Begriffen “Lernen”, “merken”, “vergessen”, “anwenden” und “verinnerlichen” sind aus alltäglichen (Selbst-)Beobachtungen hergeleitet und weder als vollständig noch als sonderlich wissenschaftlich zu betrachten. Eure Beobachtungen und Erfahrungen mögen sich von den meinen unterscheiden. Wie gesagt, mir ging es hierbei nicht darum, eine allgemeingültige Definition zu finden (dann wäre es zum Beispiel auch sinnvoll gewesen, einige Bücher auf Definitionen zu durchforsten), sondern darum, auf die mögliche Unbestimmtheit des Begriffs „Lernen“ und die problematischen Konsequenzen dieser Unbestimmtheit aufmerksam zu machen. Vielleicht habt ihr ja weniger kompliziert formulierte Konzepte, die anderen helfen können, eine für sie passende Definition zu finden?

Niklas