„Betreten verboten“.
Etwas an jenem Ort ließ ihn innehalten. Da war
 Kraft zu finden in den tosenden Wassermassen, die durch das Wasserkraftwerk strömten. Der innere Widerstand, der Drang zur KonformitĂ€t mit Regelungen, war heute nur seltsam abgeschwĂ€cht in ihm zu vernehmen. Und so folgte er ihr. Über den unter dem Andrang der durch tagelangen Regen und der einsetzenden Schneeschmelze angeschwollenen Fluten leicht schwankende Übergang aus Beton. Auf jene kleine mit Felsen bestĂŒckte Insel. Inmitten alles mitreißender Wassermassen, im Auge jenes Sturms, ließen sie sich nieder.

Hier, eigentĂŒmlich entrĂŒckt jener Welt des AlltĂ€glichen, schien das Unaussprechliche Form annehmen zu können: Er hatte damals einen ungerechten Frieden akzeptiert, um jenen zu schĂŒtzen, den er sich bedingungslos zu lieben verpflichtet wĂ€hnte. Nicht weil er Angst vor seinem GegenĂŒber gehabt hatte. Sondern weil er Angst davor gehabt hatte, was er jenem antun mochte, wĂŒrde er all die Wut und Empörung an die OberflĂ€che treten lassen. Warum unterdrĂŒckte er all dies seit Jahren, warum wendete er dermaßen viel Energie darauf auf, die Konfrontation zu verhindern, auch wenn es ihn offensichtlich körperlich wie seelisch schleichend vernichtete? Da war Raum in ihrem fragenden Blick, Raum fĂŒr die ganze Wahrheit.
„Weil ich kein Mörder sein will“, gestand er ihr stockend, entsetzt ĂŒber die Macht seiner inneren Bilder. „Und er womöglich die Wahrheit nicht ertragen kann.“

Plötzlich war ihm, als mĂŒsse er in den Fluss. Zum Fluss werden. Entledigte sich seiner Schuhe, trat einige Schritte hinaus in die Fluten.
„Schrei es heraus!“, versuchte sie ihm Mut zu schenken.
„Ich tu mir so schwer mit sowas!“, rief er verzagt zurĂŒck. Nahm einige Steine aus dem Flussbett, spielte mit ihnen herum. Bemerkte, wie sich seine Atmung mit dem Auf und Ab des Flusses einzustimmen begann. Das Wasser mochte eisig kalt sein, aber Äußeres wurde ihm zunehmend egal.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“ ertönte es hinter ihm. Sie war mit ihm. Schenkte ihm Kraft, Mut.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“, erklang es erneut hinter ihm. Er begann zu schwanken, tiefer in den Fluss zu stolpern. Die Jeans hatte er bis zu den Knien aufgerollt gehabt, um sich nicht zu erkĂ€lten. Aber alle weise Voraussicht begann zunehmend an Wichtigkeit zu verlieren, wĂ€hrend Vergangenheit und Zukunft zusammenschrumpften, bis sie in einem einzigen Punkt, der Gegenwart, kulminierten. Nun stand er fast bis zur HĂŒfte in den tosenden Wassermassen. Bekam endlich einen grĂ¶ĂŸeren Stein zu fassen, berĂŒhrte Grund, spĂŒrte Kraft in der resultierenden Gegenkraft.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Stein erreichte beinahe das andere Ufer. Sein Körper begann immer unkontrollierter zu zucken, als sich die so lange aufgestaute und nun aufgepeitschte Energie gegen die selbst auferlegten inneren Schranken warf. WĂŒrde sie ihn nicht fĂŒr völlig verrĂŒckt halten? Doch sie lĂ€chelte ihn nur weiter aufmunternd an.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Und der schĂŒtzende Damm brach endlich völlig durch.

Wie lange er in den Wassermassen herumgestolpert war, wusste er nachher nicht mehr. FĂŒr einige Momente schien der Impuls fast ĂŒbermĂ€chtig zu werden, noch tiefer hinein zu waten, sich von der Strömung tragen, mitreißen zu lassen. Da war so viel Tod in jenem Ur-Schrei gewesen, so viel Ungeborenes, Ungelebtes, das der unheiligen Gewalt des vermeintlich Notwendigen geopfert worden war, eine unĂŒberschaubare Kettenreaktion an Verstrickungen, ĂŒber Generationen hinweg. Aber da war auch dieser Mensch am Ufer, der ihm ein „Bitte bleib“ vermittelte. In dem so etwas wie eine lange verloren geglaubte Heimat zu finden war. Da war eine Alternative ĂŒber jenen plötzlich so willkommen scheinenden Tod hinaus. Durch den Schmerz hindurch.

Vor KĂ€lte zitternd, am Ende seiner körperlichen und seelischen KrĂ€fte, erreichte er das Ufer, wo sie ihn umarmte und ihm lĂ€chelnd seinen Sweater ĂŒberreichte. Völlig durchnĂ€sst brachte sie ihn nach Hause. Ließ ihm ein heißes Bad ein. Brachte Tee, Kekse, Liebe dar.

An jenem denkwĂŒrdigen Nachmittag, inmitten der Fluten und getragen von ihrer Liebe, hatte er es endlich vollends spĂŒren können: es war sein Geburtsrecht, das er damals geopfert hatte, um diejenigen, die er liebte, vor ihrem eigenen Schmerz zu schĂŒtzen. Ein Geburtsrecht, dass auch jene sich selbst einst verboten haben mussten. Das ihnen Angst machte, weil mit seiner Macht auch die Übernahme echter Selbstverantwortung und damit ein Wegfallen der allzu bequemen Opferthese einhergehen musste. Hatte unter Aufbringung all seiner Kraft das Aufwallen jener mĂ€chtigen LebenskrĂ€fte in Zaum gehalten. Sich eingereiht in die lange Reihe seiner Vorfahren, die ebenso jenem lebensverneinenden Muster gefolgt waren.

Jenem anderen Pfad zu folgen, das eigene Geburtsrecht eines kraftvollen eigenen Weges anzunehmen und zu verteidigen – allzu viele „Betreten verboten“-Hinweise schienen dem im Weg zu stehen. Doch wie stabil war jene Welt der Verbote wirklich, und vor allem: wie notwendig? Was wĂŒrde geschehen, wĂŒrde jemand den Mut aufbringen, dem eigenen Pfad zu folgen, auch auf das Risiko hin, auf Widerstand zu treffen? Auch in der Bereitschaft, auftretendem Widerstand bisweilen zu ĂŒberwinden, zu kĂ€mpfen, anstatt von vornherein Konflikten aus dem Weg zu gehen? War es wirklich vorrangige Aufgabe, bequem zu sein?

„Betreten verboten“, war wohl auch einmal auf dem Schild zu lesen gewesen, das die Grenze des damaligen Kriegsschauplatzes kennzeichnete. Doch die Schrift war mittlerweile verwittert, die einst verbrannte Erde fĂŒhlbar schwanger mit neuem Leben, wenn es auch noch nicht durch die alte Staubschicht gebrochen, sichtbar geworden war. Seine Wasser, einmal entfesselt, wĂŒrden auch diesem Ort einen Neubeginn schenken. Hier war vor vielen Jahren eine Wahrheit gestorben. Weil er und andere sich aus vermeintlicher Liebe geweigert hatten, das ganze Ausmaß ihrer Macht einzusetzen, sie zu verteidigen. Hier erneut Fuß zu fassen wĂŒrde eine Konfrontation womöglich unvermeidlich machen. Aber dieses Mal hatte er die LĂŒgen durchschaut, die die Opferung der Wahrheit nur vermeintlich rechtfertigten.

Er nahm etwas Erde, wie er einige Tage zuvor einige Steine aus dem Flussbett genommen hatte, und schrieb lĂ€chelnd auf das verwitternde Schild: „Willkommen“. Zeit, andere Wege zu beschreiten. Setzte sich an jenen ihm fĂŒr so viele Jahre verbotenen Ort. Tauchte ein in die Macht der Erde unter ihm, des Himmels ĂŒber ihm, der Sonne, der Sterne, des Windes, des Flusses, des Lebens, von dem er sich nun endlich, nach so vielen Jahren, wieder hemmungslos umspĂŒlen, tragen zu lassen vermochte. Etwas in ihm war entfesselt worden, ein lange verloren geglaubtes Geburtsrecht wieder errungen und eine Wahrheit offen ausgesprochen. Dieses Mal wĂŒrde er wohl nicht mehr vor der ihm eigenen Macht zurĂŒckschrecken, sondern sich ihr öffnen, hingeben, anvertrauen.

An jenem so lange verbotenen Ort der Wahrheit, zuhause in seiner Kraft, ihrem endlich wieder ungestörten Fluss, erwartete er die Ankunft seines Vaters.

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glĂŒcklich geworden waren. Es ĂŒberwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug fĂŒr ein „glĂŒcklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die RealitĂ€t hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spĂŒrte, sondern mit ihr unmissverstĂ€ndlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu ĂŒberdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glĂŒcklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den ZĂŒgen jener „GlĂŒcklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewĂ€hrten, in jene, die ordnungsgemĂ€ĂŸ gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen KomplexitĂ€t, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu fĂŒhren. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafĂŒr in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekĂ€uter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wĂ€hlen durfte, ursprĂŒnglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht fĂŒr eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war ĂŒberhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe fĂŒr sich allein beanspruchen wollten, ihn einschrĂ€nken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug fĂŒr alle da!“. Und lange, ĂŒber viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natĂŒrliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem FĂŒhlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabĂ€nderliche Essenz, und unbestĂ€ndige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war
 vergĂ€nglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war
 keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wĂ€hlen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser verĂ€nderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natĂŒrlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch ĂŒber Jahrtausende gelernt, WasserlĂ€ufe ein StĂŒck weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprĂŒnglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeintrĂ€chtigen. War das etwa, neben der FĂ€higkeit, unabhĂ€ngig der gerade sichtbaren Formen an die immerwĂ€hrende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die fĂŒr ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein wĂŒrden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemĂŒht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die BedĂŒrftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrĂ€ngt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefĂŒhlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen IdentitĂ€t, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschĂŒtzen vorgaben, hinter die Wörter, die die IdentitĂ€t des Einzelnen davor schĂŒtzten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch
 fand er sich bestĂ€tigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe NervositĂ€t und Freude spĂŒrte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurĂŒckkehrte. Hier war
 Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprĂŒnglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen ĂŒberhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen BedĂŒrfnisse der Betroffenen auch erfĂŒllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrĂŒckt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂŒckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂŒr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein LĂ€cheln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schĂŒrfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfĂŒhlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wĂ€hlen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂŒnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nÀchsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂŒchte darin? Was können wir daraus fĂŒr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂŒhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂŒhrt man andere so, dass sie eigenstĂ€ndig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂŒtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter VortrĂ€ge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

Warum verdienen manche Menschen mehr als andere? Und wie könnte man zu einem dieser Menschen werden? Oder anders gefragt: was steht uns dabei im Weg?

Gestern Abend war ich auf einer Veranstaltung in Linz, wo es um innere Einstellungen zu Geld und Einkommen ging. WĂ€hrend ich der Vortragenden lauschte, schrieb ich mit – was sie sagte, und was mir selbst dazu einfĂ€llt, weil ich oft am besten nachdenken kann wenn „im Hintergrund“ jemand spricht. Dabei ist mir ein alter Gedanke wieder eingefallen, ĂŒber den ich – meiner Erinnerung nach – noch nie hier geschrieben habe, obwohl ich es mir schon oft vorgenommen habe: die problematische Art und Weise, wie der Großteil von uns ihren eigenen wirtschaftlichen Wert fĂŒr andere einschĂ€tzt und bemisst.

Gehalt = Schmerzensgeld

Die meisten Menschen in einem Anstellungs-VerhĂ€ltnis werden nach Stunden bezahlt, nach dem Muster „Ich arbeite 30h/Woche fĂŒr dich“. DafĂŒr bekommen sie vom Arbeitgeber eine „EntschĂ€digung“, die – wie das Wort bereits enthĂ€lt – den „Schaden“ fĂŒr den Arbeitnehmer aus dieser Beziehung kompensieren soll. Der Arbeitnehmer tut also etwas, was er ansonsten nicht (gerne) machen wĂŒrde, und erhĂ€lt dafĂŒr als Gegenleistung einen Geldwert. In diesem Denkmodell basiert die Summe, die der Arbeitnehmer erhĂ€lt, auf den Unannehmlichkeiten, das der Arbeitnehmer durch die Zusammenarbeit erleidet, und stellt damit gewissermaßen ein „Schmerzensgeld“ dar. Je unangenehmer, desto mehr Schmerzensgeld steht dem Arbeitnehmer zu (40h derselben Arbeit bringen mehr als 20h dieser Arbeit).

Was passiert aber nun, wenn der Arbeitnehmer – wie es in meinem Fall passiert – sich entscheidet, sich selbststĂ€ndig zu machen, mit einer TĂ€tigkeit, die ihm selbst auch tatsĂ€chlich Freude bereitet? Es wird ihm möglicherweise schwer fallen, einen angemessenen Preis fĂŒr seine Leistungen zu verlangen, weil er die TĂ€tigkeit ja gerne verrichtet. Er hat keinen Schmerz, der als Schmerzensgeld zu entlohnen wĂ€re – warum soll ihn also jemand dafĂŒr bezahlen, wenn er die TĂ€tigkeit ohnehin liebt?

Wert = Nutzen

Das Problem im Ansatz Gehalt=Schmerzensgeld ist, dass sich das Geld das man als Gegenleistung bekommt am eigenen Schmerz orientiert. Fragt man sich stattdessen, welchen Nutzen die eigene TĂ€tigkeit fĂŒr jemand anderen haben kann, so verliert die Frage ob es fĂŒr einen selbst anstrengend ist oder eine Freude an Bedeutung.

Wenn ich mir einen neuen Laptop kaufe, ist mir der Nutzen wichtig, den ich von dem neuen Laptop habe, nicht ob der VerkĂ€ufer im Verkaufsprozess gelitten hat oder es ihm eine Freude war. Aus einer empathischeren Perspektive wĂŒrde ich es natĂŒrlich bevorzugen, wenn es auch dem anderen gut geht (siehe Bio-Zertifikate etc.), aber dies Ă€ndert an sich nicht viel am Nutzen, den ich durch den Laptop-Kauf fĂŒr mich selbst habe.

Wertunterschied = Passgenauigkeit des Nutzens

Die Vortragende gestern warb fĂŒr ein Programm ĂŒber 6 Monate, das 7200€ kosten sollte, das sind 1200/Monat und Nutzer. Ohne mit der Wimper zu zucken, als wĂ€ren dies völlig normale BetrĂ€ge. Und tatsĂ€chlich gehe ich davon aus, dass es Menschen im Publikum geben wird, die das Programm in Anspruch nehmen werden, wenn sie vom Nutzen fĂŒr sie selbst ĂŒberzeugt worden sind. Dass der Aufwand fĂŒr die Vortragende dabei (nach ihren AusfĂŒhrungen) vernachlĂ€ssigbar ist, zeigte fĂŒr mich relativ klar auf, wie viel sinnvoller der Fokus auf den Nutzen fĂŒr den Anderen ist als der Fokus auf die Ent-SchĂ€digung des eigenen Einsatzes.

Eine im Vortrag gestellte Frage fand ich auch interessant: warum verdienen manche Menschen mehr als andere, obwohl sie nicht offensichtlich intelligenter oder fĂ€higer sind als ich? Die Antwort wurde nicht verbal gegeben, aber durch das Tun der Vortragenden war eine mögliche sichtbar geworden: weil sie den Mut haben, einen Wert fĂŒr ihr Angebot festzusetzen, der ĂŒber dem der anderen liegt. Der Wert des eigenen Angebots wĂ€re damit gewissermaßen frei wĂ€hlbar.

Wer hat den Mut dazu, diese Freiheit auch praktisch zu nutzen?

Niklas

Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, GegenĂŒber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrĂ€ngt, dass Geschichten Wort fĂŒr Wort errungen werden. Dass das Erleben flĂŒchtig ist und nur die RĂŒckschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz ĂŒbrig ist sich zu entfalten, an letzten SchrĂ€ubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was lĂ€ngst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hĂ€tte auch gehen können, vielleicht auch sollen. WĂ€re das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemĂ€ĂŸ „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch ĂŒberstieg die Überforderung meine KrĂ€fte. Ich wollte dich nicht hĂ€ngen lassen, blieb fĂŒr dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner KrĂ€fte erwachte plötzlich ein neues BedĂŒrfnis in mir: gesehen werden. GewertschĂ€tzt fĂŒr das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhĂ€ngiges BedĂŒrfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu mĂŒssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darĂŒber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach ĂŒber dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hĂ€tte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, wĂŒrde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so wĂŒrde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die HĂŒlle meines Ă€ußeren Lebens mir lĂ€sst. Ich wĂŒrde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten BedĂŒrfnissen und Formen. Die grĂ¶ĂŸte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wĂ€re nichts gewesen, als hĂ€tten wir uns nicht lĂ€ngst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wĂ€r vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.

Zur Abwechslung wieder mal ein Gedicht, inspiriert von einer lieben Freundin, die mittlerweile seit 6 Jahren wieder in ihrer Heimat, der TĂŒrkei, lebt, und mich nach langer Zeit wieder mal kontaktiert hat..

Freund! Manch Jahr ists her
Seit wir zuletzt uns trafen
Gib Nachricht drum mir, rasch, erzÀhl!
Wie ists dir wohl ergangen?
Warn wir doch einst so unerzogen
Lachend spielten wir dies Spiel
Das doch mit Ernst so deprimiert
Leben! Wie es uns gefiel!

Wolln wir uns nicht wieder treffen?
Gar zu weit bist du nun fort
Alter Freund, du gingst, zu Tanzen
Bringst Kunde mir nun von dem Lied?
Wie kommt es, dass dein lÀchelnd Auge
TrĂŒber wirkt nun als es schien
Wie kommt es, dass dein Gang so heiter
Kaum beherzt mehr scheint zu sein?
Erkennst du mich denn gar nicht wieder?
Wurde ich gar falsch verbunden?

Ach! Ich wĂŒrde doch so gerne
Verbringen mit dir schöne Stunden
Doch da sind Eltern, alt geworden
Familie, Arbeit, Sicherheit
Warum aufgeben, noch einmal
Drehen fest am Rad des Lebens?
Dann lieber bleiben, fest ertragen
Lernen all die kleinen Wunden
Sie sind ja doch nicht allzu tief

Ich kenn sie schon, die kleinen Wunden
Die mich selbst beinah bezwungen
Die mich schwÀchten nur durch Zahl
Ein Tropfen nur vom Blut des Mutes
Tagein, tagaus verliert das Herz
Bis es aufhört ganz zu schlagen
Und nur noch halbherzig man lebt

Das Alter fÀllt den Abenteurer
TĂŒckisch lockt des Zögerns Bann
Nie fÀllt es an auf graden Wegen
Umschleicht dich, sucht sich willig Ziel

Nimmt dir erst diesen, dann den andern
Und macht dir alte Freunde so
Schritt fĂŒr Schritt zur Last
Du kÀmpfst mit ihm, befreist den einen
Siehst alsbald den anderen fallen
Bis du ĂŒbrig bleibst allein

Angreifbar, gebeugten RĂŒckens
Stimmst schlussendlich doch du ein
FĂŒgst dich ein mit grimmig Nicken
In die allgemeine Pein

Sieh! Rettung liegt nicht im Bekannten
Nicht in der RĂŒckschau liegt die Kraft
Sie liegt in dem Noch-nicht-vorhanden
Dem Alter trotzt nur neuer Saft

Drum frag‘ ich dich heut‘, alter Freund
Was kann dich noch bewegen?
Was lockt dein Herz, was lenkt den Schritt
Was kann das Alter stunden?
Denn findest du nur Gestern vor
So bist du falsch verbunden

Ach! WĂ€rs noch gestern dĂŒnkt mir nun
Erinnernd einst verbrachter Stunden
Da liefen wir, als ob von Sinnen
Von DĂ€chern zu bekunden
Der Freundschaft ewig schworen wir
Sie jetzt und einst zu halten
Wie konnt ich glauben, Augenblick nur
Sie könne je erkalten

So nimm dies Wort, mein treuer Freund
Obwohl wir uns entfernten
Als Zeichen neu entflammter Glut
Wie einst entzĂŒcktem Herzen
Die Furcht du hast genommen mir
Das Alter hilfst du stunden
Und mögen wir manch Fehler haben
Und mags ein Gott bekunden
Die Freundschaft zu dir ist mir lieb
Wir sind nicht falsch verbunden

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote FĂ€den sich ergeben
WĂ€hrend Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
LĂ€rm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂŒttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂŒcklich ĂŒberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂŒnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂŒde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, drĂ€nge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den TrÀger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂŒtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂŒrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂŒrde

„Funktioniert der noch?“, fragte der erste Fahrgast, auf den Anker deutend, „Mir scheint, es fehlt ihm ein wenig an Halt!“
Der KapitĂ€n lĂ€chelte schweigend. Durch viele StĂŒrme hatte ihn jener Anker sicher gefĂŒhrt, hatte ihn gehalten, wenn die Wellenberge drohend auf das Schiff zurasten.
„TatsĂ€chlich!“, meinte nun ein weiterer Fahrgast, „KapitĂ€n! Da haben sich Algen angesetzt. Oder Seetang! GrĂŒnes Zeug eben! Igitt! So glitschig, wie das ist, rutscht der doch sicher ab!“
Er seufzte. „Nun lassen Sie die Beschaffenheit meines Ankers doch bitte meine Sorge sein.“
„NatĂŒrlich, KapitĂ€n. Wir wollten uns nur nĂŒtzlich machen.“

Schweigend steuerte er das Boot durch die ruhige See, in Gedanken versunken. Was wussten diese Menschen schon von dem Singen, das die Luft erfĂŒllte, wenn er an der alten Kurbel hantierte? Von den Geschichten, die in jenem ‚grĂŒnen Zeugs‘ zu entdecken waren? Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinen GĂ€sten vorzufĂŒhren, was sie verkannt hatten, beinahe drĂ€ngte es ihn – doch im Grunde wusste er, dass sie unfĂ€hig sein wĂŒrden, das Wunder wahrzunehmen. Der Anker sang nicht auf Befehl, und die Wunder, die er aus den Tiefen des Ozeans an die OberflĂ€che brachte, waren nicht allen als solche ersichtlich. Seine Magie war nur mit Geduld wahrzunehmen. Es war schade. Gerne hĂ€tte er ihnen den Zauber vorgefĂŒhrt.

Weiter drangen sie in ihn, doch am nĂ€chsten Hafen anzuhalten und sich einen funktionierenden Ersatz zu besorgen, und je mehr sie in ihn drangen, je mehr sie ihm ihre Argumente auseinandersetzten, desto verunsicherter wurde er. Was, wenn sie nun doch Recht hatten? Schließlich ließ er sich doch hinreißen und versuchte, an der Kurbel zu drehen, doch der erhoffte Gesang blieb aus. Mit ohrenbetĂ€ubendem Quietschen sank der Anker in die Tiefe, schien aber keinen Grund zu finden, denn das Boot stieß weiter ungehindert durchs Wasser.
„Was haben wir gesagt?“, meinte der erste Fahrgast ĂŒberlegen.
„Es ist doch nur zu Ihrem Besten, KapitĂ€n. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp an Land, tauschen das alte Teil fĂŒr ein Funktionierendes, und sind sofort wieder in See. Das tut niemandem weh und hilft allen.“
Was, wenn sie Recht haben, dachte der KapitĂ€n verunsichert. Was, wenn ich uns alle in Gefahr bringe mit meiner Sturheit? Es war schon seltsam. Noch nie hatte er sich auf See gefĂŒrchtet, seit er den neuen Anker montiert hatte, und nun…

Er fixierte das Steuerruder; fĂŒr die nĂ€chsten zwei Stunden konnte er Aufmerksamkeit erĂŒbrigen, nichts lag vor dem Boot als offene, glatte See. WĂ€hrend die FahrgĂ€ste weiter aufgebracht ĂŒber die richtige Funktionsweise eines guten Ankers diskutierten, ging er zurĂŒck, um mit dem bisher so verlĂ€sslichen StĂŒck alleine zu sein. Warum muss ich mich von dir trennen?, fragte er sich traurig, und TrĂ€nen stiegen ihm ins wettergegerbte Gesicht. Er liebte diesen Anker, der ihm Halt schenkte, wo Halt notwendig war, und Bewegungsfreiheit, wo er ManeuvrierfĂ€higkeit brauchte. Der ihm sang, wenn er sich einsam fĂŒhlte auf hoher See, sang von den tiefsten Tiefen der Ozeane, die er mit seinem Boot durchkreuzte, der ihm bisweilen Souveniers aus jenen Tiefen an die OberflĂ€che brachte.

Plötzlich drĂ€ngte sich ihm ein mentales Bild auf, durch all seine Sorgen und Ängste hindurch: einer der FahrgĂ€ste, wie er den‘ Seetang‘, mit dem er sich beim BerĂŒhren des Ankers ‚befleckt‘ hatte, angeekelt an der Reling abzuwischen versuchte. Sie sind nicht wie wir, ĂŒberwĂ€ltigte ihn heiß die Erkenntnis, sie wollen nur sicher ĂŒber den Ozean kommen. Sie wollen nicht sehen, was unter der OberflĂ€che zu finden ist, sie wollen nicht hören, wovon du singst. Aber ich will es, muss es! Und wenn du keinen Grund mehr findest, an den du uns binden kannst, weil du in Tiefen vorstĂ¶ĂŸt, die niemand vor dir errungen hat – bleib bei mir! Die wichtigste Verbindung ist mir nicht die an einen sicheren Grund, sondern jene zwischen uns! Bleib! Wir werden sie sicher in den Hafen bringen, unsere GĂ€ste, wo sie ihren Freunden Karten schreiben von ihren ‘Abenteuern’ auf See. Dann werde ich dich auswerfen, und du wirst fĂŒr mich singen, von all dem, was kaum ein Menschen Auge wagt zu erblicken, und ich werde an dir festhalten, auf dass du furchtlos tiefer vorstoßen kannst, wissend um meinen Halt wie ich um den deinen. Wir werden uns halten, durch StĂŒrme wie durch ruhige See, und unsere FahrgĂ€ste werden schimpfen und lachen ĂŒber uns, aber das wird uns egal sein, denn sie sind nicht wie wir, sie können nicht verstehen, oder vielleicht wollen sie, trauen sie sich auch nicht. Mein Anker, mein zauberhafter Anker, ich bleibe dir verbunden!

Und mit einem Male ertönte ein leises Summen, beinahe ein Ton, wie aus den tiefsten Tiefen der Ozeane, entfernt. Seine FahrgĂ€ste schienen nichts gehört zu haben, sie fachsimpelten eifrig weiter ĂŒber Funktionsweisen verschiedenster Teile eines Bootes. Sich erinnernd an frĂŒhere Fahrten begann er zu pfeifen, zu singen, zu frohlocken, und der Ton aus der Tiefe begleitete ihn, ließ ihn nicht mehr los. Wie schön, dich wieder um mich zu haben, dachte er beglĂŒckt, und all die Angst und die Zweifel fielen von ihm fort, wie sie es immer getan hatten und wohl auch immer tun wĂŒrden.

„Aber das kann man doch nicht machen!“, rief die Zaghaftigkeit, als Mut vorschlug, einfach mal loszulegen und dann zu sehen, wohin die Sache fĂŒhren wĂŒrde, und: „Wo kĂ€men wir denn hin?“
„Exakt“, legte Mut nach, „diese Frage interessiert mich.“
„Wollen wir nicht lieber erst einmal darĂŒber schlafen?“, schaltete sich nun auch die Bequemlichkeit ein. „Oder etwas essen? Essen schadet nie
“
„Das nenn ich ein Wort!“, rief der Hunger erfreut. „Da zeichnen sich demokratische Mehrheiten ab, die mir gefallen!“
„Gusch!“, schrie der Überrest der Elternpersönlichkeit ins allgemeine Durcheinander, und stellte ĂŒberrascht fest, dass sich tatsĂ€chlich ausnahmsweise alle daran hielten, was sie verlangte. Das war schon so lange nicht mehr vorgekommen, dass sie mit der ihr nun geltenden Aufmerksamkeit leicht ĂŒberfordert war und nur ein weiteres, etwas zögerlicheres „Gusch!“ hervorbrachte.
„Das ist jetzt aber nicht sehr vorzeigbar“, meinte die Perfektion vernichtend, „man darf doch hoffentlich hoffen, dass da ein wenig mehr von der angeblich so erwachsenen Persönlichkeit kommen wird?“
„Jetzt lass die Arme doch ein einziges Mal in Frieden!“, verteidigte die Empathie die Überforderte, „Siehst du denn nicht, dass sie sich bemĂŒht? Reicht das denn nicht? Bist du denn selbst immer so perfekt und fehlerlos?“
„Selbstredend“, antwortete die Perfektion, und die Empathie musste zugeben, dass sie im Eifer ihres BeschĂŒtzerinstinkts nicht sonderlich gut nachgedacht hatte. Nun befand sie sich wieder einmal in der Defensive.
„Will mir denn niemand zuhören?“, schrie die Wut, und entsprechend der Reaktionen vor und nach dem Versuch, sich Gehör zu verschaffen, entsprechend wĂŒtend.
„Geh auf dein Zimmer!“, versuchte sich der Überrest der Elternpersönlichkeit durchzusetzen, doch irgendwie funktionierte das nicht mehr so gut wie frĂŒher. Es war bei dem Halunken immer ein wenig schwer festzustellen, ob er es ernst meinte, aber Humor mochte vielleicht sogar gelacht haben. „Dieser respektlose –“, fing der Überrest der Elternpersönlichkeit an, stockte jedoch ĂŒberrascht, denn mitten im Satz war nun plötzlich doch Respekt aufgetaucht und hatte sich in respektvollem Abstand zu Humor gesellt, der das alles natĂŒrlich wieder einmal unglaublich witzig zu finden schien.
„Will denn keiner von euch Idioten wissen, was wir erreichen könnten, wenn wir endlich mal loslegen mit der Arbeit?“, schrie Wut nun zum dritten Mal allen Anwesenden die Ohren voll.
„Naja, so wird das sicher nichts Brauchbares“, zuckte Perfektion mit den Schultern, „da brauchen wir gar nicht anfangen.“
„Perfekt!“, lobte die Bequemlichkeit und genoss weiter seine Siesta. Hunger schlug vor, sich mal kurz was zu Essen zu machen, dann hĂ€tte man doch sogar was Positives erreicht nach all dem Hickhack. Die Empathie, die kein großer Freund der Wut war und ihr alleine schon aus diesem Grund gerne widersprach, hielt das fĂŒr eine grandiose Idee, und so einigte man sich auf eine halbe Tafel Schokolade. FĂŒr alles andere war die Bequemlichkeit nicht zu haben, denn das hĂ€tte am Ende noch wirkliche Arbeit bedeutet, und wo kĂ€men wir denn da noch hin

Nachdem die Wut noch eine Weile rumgetobt hatte – dieser Halunke von Humor hatte darĂŒber auch noch gelacht, da war sie sich ganz sicher! – fĂŒhlte sie sich ganz nebelig im Kopf, fast als wĂ€re sie plötzlich verraucht. Da beschloss sie mangels sinnvollem alternativen Tagesplan eben das innere Zentrum zu besuchen, wo hinter der Wohnung von Traurigkeit das Kind wohnte.
Irgendwann frĂŒher, so tuschelte man, war dieses Kind mal in eine unangenehme Situation geraten und hatte sich dabei böse verletzt, und nun hatte es Schwierigkeiten, der Welt da draußen so wirklich zu vertrauen.
Als Wut in seiner verrauchten Form auf dem Weg zum Kind war, fiel ihm wieder ein, warum er ĂŒberhaupt so wĂŒtend gewesen war. Es war sein Auftrag gewesen, sich durchzusetzen. Gegen den Rest der Elternpersönlichkeit. Die Bequemlichkeit. Die Perfektion. Selbst gegen die Freude, die keine große Freude mit den anderen Anteilen hatte, die ebenso im Inneren wohnten. Und er hatte versagt.
Doch als er dort ankam, wo das Kind wohnte, fand er auch die anderen bereits dort.
„Oje, das könnte unbequem werden!“, fĂŒrchtete die Bequemlichkeit, als sie vom Kind ĂŒber die möglichen Konsequenzen des Wieder-einmal-nicht-Handelns aufgeklĂ€rt worden war.
„Perfektion ist tatsĂ€chlich etwas Anderes!“, fiel die Perfektion ein.
„Man kann doch auch alles mit Humor sehen
“, wollte der Humor die Stimmung auflockern, doch die eben erst angekommene Wut brachte ihn mit einem wĂŒtenden Blick zum Schweigen.
Doch dann plötzlich lachte das Kind laut auf. Lachte so lange, bis es weinen musste (worĂŒber sich Traurigkeit, die sich mittlerweile auch angeschleppt hatte, heimlich freute), wĂ€hrend die Wut sich in seinen Augen wiederspiegelte.
„Das alles bin ich also!“, sagte es gut gelaunt, „Verletzt, traurig, wĂŒtend, fröhlich, bequem, Ă€ngstlich, mutig und noch viel mehr! Was fĂŒr ein Theater! Was fĂŒr eine herrliche Show! Langweilig wird einem ja nicht mit euch!“
Und mit einem Mal fĂŒhlte es sich gar nicht mehr so verletzt, gar nicht mehr so getrennt von der Welt, zog sogar die Möglichkeit in Betracht, ihr ein ganz kleines Bisschen Vertrauen schenken zu können. Wenn die Perfektion nur ein kleiner Anteil seines Selbst war, war es um die Welt wohl nicht viel besser bestellt. Wohl fĂŒhlte es sich verletzt, wĂŒtend, Ă€ngstlich. Aber da war mehr in ihm, als es sich zugetraut hatte. Vielleicht war auch von der Welt mehr zu erwarten, als es gedacht hatte.
„Wir wollen lieber nicht zu große Schritte auf einmal machen“, schlug die Bequemlichkeit vor.
“Ja, lass uns mit ganz kleinen Schritten loslaufen, damit auch wirklich alle zufrieden sein können”, sagte das Kind lachend, und Mut freute sich, seine alten Bekannten Übermut und VerrĂŒcktheit endlich wieder einmal in der Gegend zu sehen. Das versprach ja ein interessanter Ausflug zu werden.

Manchmal ist es ziemlich schwierig, sich eine Sache vorzunehmen und dann auch durchzuziehen. Die GrĂŒnde können vielfĂ€ltig sein – Angst, Peinlichkeit, oft auch Bequemlichkeit – doch das Ergebnis ist dann meistens Ă€hnlich: am Ende Ă€rgert man sich darĂŒber, etwas nicht geschafft zu haben, was man sich doch vorgenommen hat. Dann wird es eben auf den nĂ€chsten Tag verschoben, und wieder den nĂ€chsten. Und irgendwann sind einige Monate vergangen und die Sache verschwindet aus der Wahrnehmung.

Im Nebel des Alltags

Letzten Sonntag ist mir plötzlich wieder eingefallen, dass ich im Sommer einigen Freunden erzĂ€hlt habe, ich wĂŒrde mich – sobald ich umgezogen war – hier an meinem neuen Wohnort in Kiel in eine belebte Einkaufsstraße stellen, mit einem Schild, auf dem „Habe hier noch keine Freunde“ steht, um gleich einige interessante Kontakte herzustellen. Ich fand die Idee damals ziemlich genial – einerseits ist sie wohl gut geeignet, den Alltag einiger Menschen ein wenig aufzuheitern, andererseits funktioniert es ja vielleicht tatsĂ€chlich, auf diesem Wege Kontakte zu knĂŒpfen. Und ich wĂŒrde ja nicht einmal lĂŒgen dabei, immerhin war ich ja neu hier. Die Idee ist dann immer wieder in Vergessenheit geraten und wieder aufgetaucht. Gemacht habe ich es jedoch nie.

Irgendwann habe ich mir dann vorgenommen, zumindest wieder einmal Gratis-Umarmungen zu verteilen, immerhin habe ich das in meinem Leben schon oft gemacht, mit Freunden oder auch alleine, aber auch das habe ich immer wieder aufgeschoben, obwohl ich weiß, wie viel Freude solche Dinge bereiten können. Ich habe festgestellt, dass ich ziemlich gut darin geworden bin, mir selbst GrĂŒnde auszudenken, warum ich etwas angeblich nicht machen kann.

Zehn Briefe

Letzten Sonntag ist mir dann bewusst geworden, wie eintönig mein Tagesablauf sich eigentlich mittlerweile gestaltet, und wie viel aufgestaute Energie ich eigentlich in mir habe, um diese selbstauferlegten geistigen BeschrĂ€nkungen endlich wieder zu ĂŒberwinden. Gemeinsam mit meinen WG-Mitbewohnern hatte ich dann Spaß daran, mir die Auswirkungen einiger Ideen vorzustellen, und so beschloss ich dann, zumindest eine dieser Ideen auch umzusetzen: zehn Briefe per Hand an zehn zufĂ€llige Privat-Adressen zu schicken und zu sehen, was passieren wĂŒrde.

Kaum hatten meine Mitbewohner die KĂŒche verlassen, fand mein Ă€ngstlicher Geist sofort Tausende GrĂŒnde, warum dies eine dĂ€mliche Idee sei und warum es nicht funktionieren könnte, aber ich war darauf vorbereitet und schrieb gleich darauf die ersten zwei Briefe. In einem TED-Talk spricht Mel Robbins darĂŒber, dass wir fĂŒr Ideen, die wir nicht in den ersten fĂŒnf Sekunden sofort umsetzen, eine Art „Aktivierungs-Energie“ aufwenden mĂŒssen, um die vielen Rationalisierungen, die unserem Geist dagegen einfallen, ĂŒberwinden zu können, und ich glaube, sie hat Recht. Der Trick an der Sache ist es wohl, Ideen entweder sofort umzusetzen oder zumindest sofort fĂŒr so viel Momentum zu sorgen, dass die Idee auch gegen die eigenen WiderstĂ€nde umgesetzt werden kann – in diesem Fall das Schreiben der ersten zwei Briefe, die das Schreiben der restlichen acht nicht mehr sonderlich schwer erschienen ließen. TatsĂ€chlich habe ich sie am Donnerstagnachmittag dann abschicken können.

Challenge-Kreise

Ich habe mir in den letzten Tagen auch darĂŒber Gedanken gemacht, wie ich es mir in Zukunft wieder erleichtern könnte, meine Ideen auch tatsĂ€chlich umzusetzen und mir nicht selbst wieder auszureden, und was bisher in meinem Leben sehr gut funktioniert hat, ist andere Menschen um mich zu haben, denen ich entweder angekĂŒndigt habe, etwas auch tatsĂ€chlich umzusetzen, aber auch, wenn ich das BedĂŒrfnis habe, ihnen etwas Interessantes zu erzĂ€hlen zu haben (mit einer Ex-Freundin habe ich damals einen regelrechten Wettkampf daraus gemacht). Und aus meinem eigenen BedĂŒrfnis heraus, eine Art „Support-Gruppe“ fĂŒr diese Grenzerfahrungen zu haben, aber auch weil ich es aufgrund eigener Erfahrungen fĂŒr eine sinnvolle Sache halte, habe ich auch in meiner Schule nun ein wöchentliches Treffen ins Leben gerufen und mangels besseren Namens „Challenge-Kreise“ genannt. Die Idee dabei ist relativ simpel:

Einmal wöchentlich findet ein freiwilliges Treffen statt, zu dem grundsĂ€tzlich ein jeder eingeladen ist, zuzuhören. Wer sich etwas vornehmen möchte, kann des nun „öffentlich“ bekanntgeben, dazu um UnterstĂŒtzung bitten. Der „Vorsatz“ wird schriftlich notiert, und zu dem angekĂŒndigten Zeitpunkt auch nachgefragt, was aus dem „Vorsatz“ geworden ist. Die einzige Verpflichtung an der Sache ist jene, nach Ablauf der selbstgewĂ€hlten Zeit vom Verlauf der Sache zu berichten. Ob mĂŒndlich oder schriftlich, ist einem jedem selbst ĂŒberlassen. Man könnte das Ganze wohl auch ausbauen und anderen VorschlĂ€ge machen, nach dem im amerikanischen Raum verbreiteten „I dare you to 
“.

In einem ersten Versuch ist es weniger ein Kreis geworden, sondern eher ein „Dreieck“, weil wir nur zu dritt waren, ich und zwei SchĂŒlerinnen, aber bei dem sehr freien Konzept unserer Schule ist das nichts Ungewöhnliches. Eine davon hat sich vorgenommen, eine Woche lang nichts SĂŒĂŸes zu essen, eine andere hat angeboten, mich zu begleiten, wenn ich Gratis-Umarmungen verteilen will (mein eigener Vorsatz bis nĂ€chsten Donnerstag), weil es alleine einfach schwieriger ist als zu zweit.

Einerseits finde ich die Sache als pĂ€dagogische Methodik interessant, andererseits freue ich mich, nun vielleicht wieder so etwas wie eine „Support-Gruppe“ fĂŒr meine eigenen mehr oder weniger absurden Vorhaben zu gewinnen. Die Methodik ist dabei ja so offen, dass sie fĂŒr „sinnvolle“ Experimente ebenso genutzt werden kann wie fĂŒr absurdere Aktionen wie z.B. einen ganzen Tag lang nur rĂŒckwĂ€rts zu gehen. Wenn alles klappt, wie ich mir das vorstelle, sollten wir in den nĂ€chsten Wochen aus unserem Dreieck rasch ein Vieleck, vielleicht dann auch einen oder mehrere tatsĂ€chliche Kreise bilden können.

Ich halte euch auf dem Laufenden.

Niklas

Wenn ich andere Menschen frage, ob sie nicht Lust haben, hier ĂŒber diesen Blog einige ihrer Gedanken oder Erfahrungen zu veröffentlichen, winken sie meistens ab. Einige wenige haben ohnehin schon ihre eigenen Plattformen, die meisten jedoch variieren irgendwo zwischen „Habe Angst, meine Meinung öffentlich zu sagen“, „Das interessiert ja ohnehin niemanden“ und, wohl am hĂ€ufigsten, „Meine Erfahrungen sind es nicht wert“. Vor allem letztere Antwort, die EinschĂ€tzung, dass die eigene pĂ€dagogische Erfahrung und das eigene pĂ€dagogische Weltbild ohnehin wertlos seien, unterscheidet sich von meinen Erfahrungen und meinem Weltbild derart, dass ich mir manchmal die Frage stelle, wie es wohl zu diesen unterschiedlichen Ansichten gekommen sein könnte.

Dabei geht es ja nicht nur darum, weitere Autoren fĂŒr diesen Blog zu gewinnen (auch wenn ich mich darĂŒber natĂŒrlich freuen wĂŒrde), sondern auch um grundlegendere Konsequenzen fĂŒr den pĂ€dagogischen Alltag. Irgendwann ergeben sich fĂŒr einen jeden PĂ€dagogen Konfliktsituationen, in denen seine Arbeitsweise in Frage gestellt wird: von Eltern, SchĂŒlern, Kollegen, Vorgesetzten oder in manchen FĂ€llen sogar der grĂ¶ĂŸeren Öffentlichkeit. Bei aller Offenheit gegenĂŒber konstruktiver Kritik halte ich es fĂŒr sehr wichtig, seine Überzeugungen auch gegen WiderstĂ€nde – dabei immer auf konstruktive Art – darlegen und im Notfall durchsetzen zu können. Ich bin der Überzeugung, dass man als Mensch authentisch zu und fĂŒr etwas stehen muss, wenn man beabsichtigt, Kindern ein Vorbild sein zu wollen.

Selbstbewusstsein durch Erfahrung

Es mag viele verschiedene Quellen fĂŒr pĂ€dagogisches Selbstbewusstsein geben, fĂŒr mich selbst handelt es sich mit Sicherheit hauptsĂ€chlich um Erfahrung, sowohl eigene als auch die Erfahrung anderer, die sie freundlicherweise der Öffentlichkeit zur VerfĂŒgung gestellt haben. In all meinen Aufgaben in der Vorbereitung jugendlicher Konfirmanden auf ihre Konfirmation, in der Mit-FĂŒhrung eines Jugendkreises, als Betreuer in Kinderlagern, als Nachhilfelehrer, als „normaler“ Lehrer und nicht zuletzt als SchĂŒler habe ich gewisse Erfahrungen mit den Konsequenzen einiger Handlungen fĂŒr andere gemacht. Zusammen mit den Erfahrungen anderer, die sie mir in GesprĂ€chen, BĂŒchern und anderen Quellen eröffnet haben, ergibt sich ein relativ stimmiges Bild von möglichen Handlungen, die mir als PĂ€dagogen zur VerfĂŒgung stehen, und ihren möglichen Konsequenzen. Je nachdem, was ich nun zu erreichen wĂŒnsche, kann ich anhand dieser Erfahrung nun auswĂ€hlen, welche Mittel ich dazu am besten einsetzen könnte.

Selbstbewusstsein durch den Mut, Fehler zu machen

Was uns PĂ€dagogen an der Hochschule eingeblĂ€ut wurde, den Kindern mitzugeben, den Mut zum Fehler, gilt umso mehr fĂŒr uns PĂ€dagogen selbst, auch wenn dies dann an derselben Hochschule nicht so gern gehört wird. Viele der fĂŒr mich lohnendsten Erfahrungen gewann ich aus FehleinschĂ€tzungen und Fehlentscheidungen, die ich getroffen habe, oft wohl auch aus einem auch damals schon etwas ĂŒbersteigerten Selbstbewusstsein. Diese Fehlentscheidungen halfen mir unter anderem ĂŒber einen viel zu radikalen Freiheitsbegriff hinweg, der gar nicht so gut zu meiner Persönlichkeit passte, wie ich mir das wohl gewĂŒnscht hĂ€tte, und mir eher Angst als Mut machte.

Der enorme Vorteil, Fehler zu machen, liegt darin, Erfahrungen mit unerwĂŒnschten Konsequenzen zu machen, was sehr hilfreich sein kann, Entscheidungen zu begrĂŒnden. Es hat ein anderes Gewicht in einer Diskussion, wenn man sich auf Erfahrungen berufen kann anstatt mit Ängsten zu argumentieren. In manchen FĂ€llen fĂŒhren vermeintliche Fehler auch zu verblĂŒffenden Entdeckungen. So gab ich wĂ€hrend eines Spiels in einem Kinderlager Kindern den Auftrag, eine Unterkunft im Wald zu suchen (wir spielten eine Indianergeschichte nach) und hatte vergessen, ihnen zu sagen, dass wir das gemeinsam machen sollten, um uns nicht zu verlieren. Nachdem alle in verschiedene Richtungen davonstoben und nach einem Moment, indem ich das GefĂŒhl hatte, völlig die Kontrolle ĂŒber die Situation zu verlieren, kamen die GrĂŒppchen allesamt zurĂŒck und erzĂ€hlten, was sie gefunden hatten. Auch wenn ich die Situation auch heute noch fĂŒr potentiell gefĂ€hrlich halte und nicht gerne wiederholen wĂŒrde – ich habe gelernt, dass Kinder oft erheblich selbststĂ€ndiger sein können, als ich es ihnen zutrauen wĂŒrde.

Selbstbewusstsein durch den Mut, etwas anders zu machen

In den meisten Schulen sind PĂ€dagogen wohl mit der Situation konfrontiert, dass es eine Gruppe von PĂ€dagogen gibt, die in einigen Punkten nicht einer Meinung sind, was pĂ€dagogische Fragen betrifft. Dies lĂ€sst sich einerseits dadurch lösen, dass ein jeder seine eigene Schule grĂŒndet, um ungestört arbeiten zu können (wie es etwas ein Falko Peschel auch erfolgreich getan hat). Andere passen sich eben dem Schulleitbild an. Dies vermeidet Konflikte, kann jedoch die Entwicklung des pĂ€dagogischen Selbstbewusstseins hemmen. Eine andere Alternative könnte es sein, das eigene Selbstbewusstsein durch das Verfolgen einer persönlichen Didaktik zu stĂ€rken, selbst wenn sie nicht zur GĂ€nze der offiziellen Schuldidaktik entspricht.

Dies bedeutet auf der positiven Seite, dass sich dabei ein Selbstbewusstsein aufbauen kann, das auch bei einem Schulwechsel oder bei Kritik eine gewisse Standhaftigkeit verleiht. Auf der vermeintlich negativen Seite kann dies bedeuten, dass man sich weitere AngriffsflĂ€chen schaffen kann, wenn plötzlich die Kritik durch Kollegen und Vorgesetzte hinzukommt beziehungsweise der Schutz durch ebendiese bei Kritik von außen entfĂ€llt, weil sie ebenso anderer Meinung sind als man selbst. „Vermeintlich“ deswegen, weil es die Notwendigkeit schafft, die eigenen pĂ€dagogischen Weltbilder weiterzuentwickeln, aber auch abzusichern, um sie aufrechterhalten zu können. Wenn diese Notwendigkeiten in Taten umgesetzt werden, kann dies fĂŒr die Entwicklung des pĂ€dagogischen Selbstbewusstseins durchaus förderlich sein.

Ich hatte das GlĂŒck, jahrelang als Nachhilfelehrer von der Institution, in der ich arbeitete, relativ freie Hand bei der Wahl meiner Arbeitsweise zu haben, solange die Ergebnisse (verbesserte Noten) stimmig waren. Dies ermöglichte es mir, von der sonst ĂŒblichen Druck-Schiene völlig abzugehen und meine eigenen Erfahrungen mit meiner persönlichen Didaktik zu machen. Wenn sich hin und wieder ElterngesprĂ€che ankĂŒndigten, war dies auch eine gute Übung, meine Didaktik zu erklĂ€ren und zu argumentieren, warum ich arbeitete, wie ich arbeitete. Was uns zum letzten Punkt bringt.

Selbstbewusstsein, durch die FĂ€higkeit, das eigene Handeln zu argumentieren

Auch hier dĂŒrfte ich im Nachhinein betrachtet GlĂŒck gehabt haben. Ich wuchs in einer Familie auf, in der das Argumentieren zum inoffiziellen Machtinstrument wurde. Selbst als JĂŒngling konnte man so einiges erreichen, wenn man es gut genug argumentieren konnte. Auch wenn dies oft zu Frust fĂŒhrte – als junger Mensch ist es schwer, Erwachsene mit Argumenten zu „besiegen“ – und zusĂ€tzlich wohl ein fĂŒr ein gemĂŒtliches Familienleben eher bedrohliches Siegen-oder-besiegt-werden-Szenario schuf: ich habe aus dieser familiĂ€ren Notwendigkeit heraus gelernt, mein Verhalten, Vorstellungen und WĂŒnsche auf Anfrage stets argumentieren zu können.

Dieser bei mir mittlerweile fast automatisierte Prozess fĂŒhrt heute nicht nur dazu, dass mich auch Misserfolge und negative oder nicht sonderlich konstruktive Kritik so leicht von meinem Weg abbringen. Gleichzeitig sorgt er auch dafĂŒr, dass ich fĂŒr gute Argumente eines GesprĂ€chspartners offen bleibe, weil mir die Erfahrung gezeigt hat, dass mein heutiges Weltbild aus der Inklusion all dieser Ansichten und Weltbilder zu einem immer komplexeren Ganzen besteht und diese Inklusion hoffentlich auch weiterhin zu einer stĂ€ndigen Weiterentwicklung fĂŒhren wird.

Eine Gefahr, vor der ich meine geschĂ€tzten Leser dabei aus leidlicher Erfahrung dabei warnen möchte, ist, nur noch auf gut ausformulierte Argumente Wert zu legen. In meiner Blindheit gegenĂŒber der Tatsache, dass nicht jeder das Ausargumentieren von Konflikten von Kind auf gelernt hat und dementsprechend alles immer in Argumente verpacken kann, habe ich immer wieder wichtige Ansichten und Perspektiven anderer nicht wahrgenommen – und die Konsequenzen meiner Blindheit kosten dĂŒrfen. Gut argumentieren zu können, kann helfen, ein pĂ€dagogisches Selbstbewusstsein zu entwickeln, doch sehr gut argumentieren zu können, kann auch zu einer gewissen Überheblichkeit fĂŒhren, der ich mich wohl des Öfteren schuldig gemacht habe. Ähnlich wie Fragen von Kinder nicht immer verbal geĂ€ußert werden, werden auch gute Argumente nicht immer verbal oder auch nur ruhig oder konstruktiv geĂ€ußert. Dies muss nicht bedeuten, dass sie nicht wichtig sein können.

Eine vertrÀumte Zukunftsvision

Ob diese Welt oder zumindest unsere Schulen tatsĂ€chlich bessere Orte wĂ€ren, wĂŒrden die PĂ€dagogen mehr Selbstbewusstsein in ihrer Arbeit hĂ€tten? Ich glaube, sagen zu können: ja. Zumindest als SchĂŒler hatte ich stets mehr Respekt vor den Lehrern, die zu ihren Ansichten (wie absurd sie auch sein mochten) standen als vor denjenigen, die vielleicht vorgaben, gute oder nette Lehrer zu sein, aber bei denen man spĂŒrte, dass es sie Überwindung kostete.

Am meisten Respekt hatte ich etwa an der höheren Schule) vor meinem Mathematiklehrer und einem Programmierlehrer. Dem ersten, weil er knallhart seine Anforderungen auf UniversitĂ€ts-Level einforderte und auch in Kauf nahm, dass wir eine jede Schularbeit wiederholen mussten und wir alle zusammen in all den fĂŒnf Jahren nur auf nicht mehr als drei Jahresnoten ĂŒber einem „GenĂŒgend“ kamen. Trotzdem haben wir ihn geliebt, weil er zu 100% authentisch war. Der Programmierlehrer hatte einige neu an der Schule eingefĂŒhrte Stoffgebiete zugeteilt bekommen, von denen er selbst keine Ahnung hatte. Anstatt uns also etwas vorzugaukeln, meinte er nur, er selbst hĂ€tte keine Ahnung, er wĂŒrde uns helfen, wo er konnte und sich zuhause selbst noch einarbeiten, ansonsten sollten wir probieren, was wir gemeinsam zusammenbrĂ€chten. Wir haben in diesem Fach wohl mehr gelernt als in allen anderen ProgrammierfĂ€chern zusammen. Und der Lehrer war fĂŒr mich ein Held, weil er einer der wenig ehrlichen Lehrer in meiner SchĂŒlerlaufbahn war, denen ich begegnen durfte.

Eine der Fragen, die mich dabei noch weiter beschĂ€ftigt, ist es, wie es möglich sein könnte, viele Lehrer mit pĂ€dagogischen Selbstbewusstsein, aber verschiedenen pĂ€dagogischen Einstellungen an einer Schule konstruktiv miteinander arbeiten zu lassen, ohne dass es zu unnötigen Konflikten zwischen ihnen kommen muss – also von vornherein auf ein System zu schĂ€tzen, dass die Entwicklung dieses pĂ€dagogischen Selbstbewusstseins fördert. Ich will nichts versprechen, was ich dann nicht halten kann, aber ich hoffe, euch da in naher Zukunft einige spannende Dinge berichten zu können


Niklas