„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

Nachdem ich jetzt eine Stelle als Volksschullehrer bekommen habe, gibts zahlreiche GrĂŒnde, Kinder-Geschichten zu schreiben und mich auch im Vorlesen zu ĂŒben. Nachdem Lunea Löwenzahn gut bei den Kindern angekommen ist, hab ich mich mal an einer Lautgeschichte zum Thema FrĂŒhling versucht – einer Geschichte, bei der möglichst viele Laute/GerĂ€usche vorkommen – viel Freude damit!

In einem WĂ€ldchen, fern von hier
Da lebt ein ganz besonderes Tier.

Es war mal rund, war mal ein Ei,
Da macht es Tusch!, und ist entzwei.
Heraus, was kribbelt krabbelt da?
Kommt eine Raupe, es ist wahr!

Doch wÀhrend Raupen sonst nur tapsen
Und nach ‘nem kleinen Salatblatt hapsen
War diese Raupe ‘n großes Ding
Drum nannte man‘s Ein-Meterling.

Weil Raupen großer Hunger plagt
Ein-Meterling geht auf die Jagd
Doch oh! Statt nur Salat verdrĂŒckt
Ein-Meterling nen Baum verschluckt

Da trommeln die Tiere vom Wald ganz laut
Damit Ein-Meterling nicht alle BĂ€ume verdaut
Sie rufen zusammen zur Raupe hoch
Ein-Meterling, so hör uns doch!

Doch Ein-Meterling, der schmatzt zuviel
Und kennt am Ende nur ein Ziel
Zu essen, zu fressen, zu verdauen
Und sich dann ‘nen Kokon zu bauen.

Und wirklich hört das Trampeln auf
Ganz still wird’s plötzlich, hörst du’s auch?
Und schau mal, was ist dieses Ding?
Ist’s gar Ein-Meter-Kletterling?

Das klettert ganz rasch ‚nen Baum hinauf
Der LÀrm der hört ganz plötzlich auf
Die Tiere seufzen, endlich Ruhe!
Das Tier, das machte so viel MĂŒhe!

Nun kann man wieder was verstehn
Hasen klopfen hören, Winde wehn!
So still ist’s nun, das neue Ding
Das Ein-Meter-Kletterling

Doch schon machts Knacks, und raus da flattert
Ein neues Tier, noch ganz verdattert
Die Tiere stöhnen, kein neues Ding!
Ein-Meter-Kletter
 Schmetterling?

Doch dieses Tier ist ziemlich satt
Und macht nicht mehr die BĂ€ume platt
Es flittert, flattert nur umher
Erfreut die anderen Tiere sehr

Ja, in dem WĂ€ldchen, fern von hier
Da lebt ein ganz besonderes Tier
Siehst du wie’s flattert, zur Sonne hin?
Ein-Meter-Kletter-Schmetterling!

Vor einigen Wochen habe ich von einer Bekannten eine Mail bekommen, mit dem Aufruf, sich doch ein Video von Joe Kreißl zum Thema Freeman-Bewegung anzusehen. Da ich nun ĂŒber eine SchulgrĂŒnder-Initiative letzten FrĂŒhling ebenfalls eine Frau getroffen hatte, die behauptete, eine Free(wo)man zu sein, habe ich mir gedacht, ich schaue mir die Sache mal genauer an und habe das Video sowie seinen Blog ein wenig durchstöbert. UrsprĂŒnglich wollte ich nur privat auf die Mail antworten, habe aber dann festgestellt, dass die ganze Sache ein paar durchaus die Öffentlichkeit gefĂ€hrdende Ideen beinhaltet, die ich hier ansprechen möchte. Ich bin kein ausgebildeter Jurist, und wer auf Fehler in meiner Argumentation hinweisen möchte, darf das gerne tun. Aber da immer mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis sich offensichtlich dafĂŒr interessieren, halte ich es fĂŒr sinnvoll, auch Gegenargumente gegen sein Vorgehen anzufĂŒhren.

Die kursiven Aussagen zum Anfang einiger AbsÀtze sind aus dem Manifest auf seinem Blog kopiert.

Wer garantiert ein Recht?

Im Grunde ist es diese Frage, die seine Argumentation vielleicht am meisten angreift. Ein „Recht“, das irgendwo niedergeschrieben wurde, ist fĂŒr sich gesehen erst einmal nichts anderes als dies: etwas Tinte (oder womit eben geschrieben wurde) auf Papier. Ein fĂŒr sich beanspruchtes Recht wird erst dann zu einem verlĂ€sslichen Recht, wenn alle anderen es a) aus Gewohnheit gar nicht wahrnehmen und damit gar nicht in Frage stellen können, b) es akzeptieren oder c) sich zumindest nicht trauen, es anzugreifen. In dem System, das der Herr Kreißl so gerne kritisiert, sorgt fĂŒr den Rechtsschutz der Staat als oberste Instanz und dann – ĂŒber zahlreiche UntervertrĂ€ge – seine Institutionen und weiter die Mitarbeiter der Institutionen. Rechte können auf zwei Arten wirken: darauf, dass Menschen bestimmte Handlungen unterlassen („du sollst nicht töten“, exekutiert durch die Polizei) oder bestimmte Handlungen tĂ€tigen (einem Menschen in Not helfen, exekutiert durch Ärzte).

Wenn ich mich nun beispielsweise als „Freeman“ bezeichnen wĂŒrde, weil ich mir dadurch Vorteile erhoffe und mich auf ein angeblich höhergestelltes Naturrecht berufe – wer garantiert mir dann meine Rechte? Die internationale Gemeinschaft? Die Geschichte der Menschheit zeigt uns – meines Erachtens nach – in den vergangenen Jahrhunderten, dass die allgemeinen Menschenrechte zwar durchaus vernĂŒnftig klingen, es aber dort, wo es keinen Staat oder sonstige Gruppe gibt, der sie vor allen Angriffen darauf verteidigt, meist nur Worte ohne Konsequenzen sind. Internationale Organisationen legen Beschwerde ein, verurteilen das Handeln, drohen mit Sanktionen oder setzen sie um – aber im Grunde scheint mir das einzige, was den verlĂ€sslichen Bestand eines Rechts zu garantieren scheint, die Monopolisierung der Gewalt in einem Rechtsstaat zu sein. Dieser ermöglicht es dann dem BĂŒrger jenes Staates auch, sich auf dem Territorium anderer Staaten zu bewegen, ohne dass er Angst haben muss, angegriffen zu werden, weil niemand Konflikte mit dem ihm beschĂŒtzenden Staat provozieren will.

Hat sich schon einmal jemand die Frage gestellt, warum es in Österreich um einiges einfacher und Konsequenz-loser erscheint, Migranten aus LĂ€ndern zu beschimpfen, die in sich instabiler sind? Warum wir selten wirklich ĂŒber Franzosen oder Deutsche schimpfen, aber offensichtlich sehr gerne ĂŒber FlĂŒchtlinge aus Staaten, in denen sie selbst nicht mehr sicher sind? Der französische Staat wĂŒrde sich mit einer gewissen AutoritĂ€t eine solche Beschimpfung verbitten (und Österreich, wohl wissend ĂŒber seine geringe reale Macht, einen diplomatischen Konflikt vermeiden wollen), der syrische Staat hĂ€tte vielleicht gar nicht mehr die Gewissheit, dass er sich als Staatsmacht gegen die Beschimpfung wehren könnte.

Hannah Arendt schreibt ĂŒber die Zeit des Nationalsozialismus, dass die NSDAP als ersten Schritt den Juden die StaatsbĂŒrgerschaft entzog und fragte, ob ein anderer Staat sie aufnehmen und damit unter seinen Schutz stellen wollte. Erst nachdem das zum grĂ¶ĂŸten Teil nicht passierte, konnten sie daran gehen, relativ gefahrlos Millionen von Juden abzuschlachten. Es gibt keine garantierte Rechtssicherheit ohne die Instanz, die (notfalls mit Gewalt) fĂŒr die Durchsetzung der Rechte sorgen kann.

Wenn wir annehmen, dass ein „Freeman“ die Beziehung zu seinem Staat einseitig auflösen kann (was fĂŒr mich juristisch nicht sicher ist), so stellt sich mir die Frage, wer dann im Ernstfall seine Rechte, die er immer noch fĂŒr sich beansprucht, garantiert?

Einseitige Teil-Auflösung der Rechte und Pflichten der Beziehung mit dem Staat

In seinem Manifest fĂŒhrt Herr Kreißl allerhand Rechte an, die er gerne auch weiterhin fĂŒr sich beanspruchen möchte, etwa die Nutzung des Geldsystems (das er gleichzeitig kritisiert), seinen Pass weiterhin zu benĂŒtzen, das Recht auf seinen Namen und so weiter. Gleichzeitig möchte er sich von seinen Pflichten befreien, Steuern zu bezahlen oder sich an die Regelungen des Staates zu halten, mit dem Versprechen, niemandem absichtlich schaden zu wollen und sich an ein „Naturrecht“ zu halten.

SinngemĂ€ĂŸ könnte man die Aussagen auch so ĂŒbersetzen, dass er es vorzieht, ein Parasit des Staats zu sein, der dann, wenn es ihm in den Sinn kommt, auch bereit ist, unter gewissen UmstĂ€nden seinen Teil dazu beizutragen, dass es Menschen gut geht (Das Wort „Parasit“ ist hier nicht abwertend gemeint, sondern soll nur eine Beziehung verdeutlichen, in der eine Einheit von den Vorteil einer großen Einheit lebt, ohne notwendigerweise etwas zurĂŒckzugeben). Vermutlich möchte er auch weiterhin gerne die Infrastruktur des Staates nutzen, aber nicht mehr dafĂŒr bezahlen, dass diese Infrastruktur aufrechterhalten wird. Immerhin ist er mit der „Dienstleistung“ des Staates ihm als „SouverĂ€n“ gegenĂŒber nicht 100%ig einverstanden und sieht es als eine Art „zivilen Widerstand“. Der Staat habe ja den Menschen als SouverĂ€nen zu dienen und nicht der Mensch dem Staate, und wie komme der Mensch dazu, ihm als SouverĂ€n vorschreiben zu wollen, was er tun oder lassen solle?

Im Grunde, und sehr nĂŒchtern betrachtet, fordert er eine weitere SolidaritĂ€t des Staates mit seinen BedĂŒrfnissen bei gleichzeitiger Akzeptanz seiner Weigerung, sich mit den BedĂŒrfnissen anderer BĂŒrger bzw. des Staates selbst als vermittelnde Instanz zu solidarisieren. Das mag bei einigen wenigen „SouverĂ€nen“, wie er sich selbst nennt, nicht weiter ein Problem darstellen (obwohl ich es fĂŒr ein StĂŒck weit asozial halte), aber dass „wir in 3 Sekunden Weltfrieden haben, wenn alle das machen, was ich gemacht habe“ halte ich fĂŒr sehr illusorisch. Eher hĂ€tten wir eine völlige Atomarisierung der Gesellschaft, eine Erodierung jeder SolidaritĂ€t (oder zumindest jener, die ĂŒber die Familie/die Gruppe/das Volk hinausgeht), vermutlich den Verfall grĂ¶ĂŸerer Bereiche der Wirtschaft, damit einhergehend eine deutliche Verknappung der Rohstoffe und damit in kĂŒrzester Zeit einen Weltkrieg, gegen den die bisherigen lĂ€cherlich wirken wĂŒrden.

Das Recht, „SouverĂ€n“ zu sein

„Ich brauche niemanden, der mir Rechte gibt, ich hab die bereits.“

Leider nein, da war die Argumentationsrichtung leider um 180° daneben. Es wirkt, als hĂ€tten wir Rechte immanent, also von Geburt an, weil es die Menschen um uns gewöhnt sind, sie zu achten. Wenn wir in der Geschichte der Menschheit nur ein paar Jahrhunderte zurĂŒckgehen (oder uns geographisch ein wenig in der Welt bewegen), finden wir ganz andere VerhĂ€ltnisse vor: ein „durchschnittliches“ Leben war und ist kaum etwas wert. StĂ€ndig wurden Menschen geboren, und stĂ€ndig starben Menschen, vor allem auch viele Kinder, ob an Krankheiten, UnterernĂ€hrung oder auch ÜberfĂ€llen. Wir Menschen in Österreich haben bestimmte Rechte, weil unsere Vorfahren sie ĂŒber Jahrtausende erkĂ€mpft haben. Menschen werden nicht einfach mit Rechten geboren, sondern bekommen diese Rechte mit ihrer Geburt, weil unsere Vorfahren dafĂŒr gekĂ€mpft haben, dass es fĂŒr ihre Nachkommen so sein soll. Deswegen ist es auch nicht „unser“ Staat und nicht „wir“ haben den gemacht (= er gehört uns laut seiner Argumentation), sondern der Staat ist ein Gebilde, das von vielen Menschen ĂŒber lange Zeit mitbeeinflusst wurde und das wir zwar mitbeeinflussen können, aber uns nicht in dem Sinne “gehört”.

Diese geschenkten Rechte aufzugeben, weil man sie „nicht braucht“ und „ohnehin andere hat“, fĂŒhrt nur deswegen nicht zu einem sofortigen bösen Erwachen, weil sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann, wie es vor der Etablierung des Rechtsstaates zuging. Die Ă€lteren Semester haben zwar mit der Zeit des Nationalsozialismus oder des Stalinismus nochmal einen RĂŒckfall erlebt, aber die jĂŒngere Generation wiegt sich da gerne in trĂŒgerischer Sicherheit. In einem Staat, in der jemand anderes als die gewĂ€hlten Vertreter seiner Mitglieder sich als „SouverĂ€ne“ bezeichnen, geht der Geist der Diktatur um. Und spĂ€testens, wenn die selbsternannten „SouverĂ€ne“, die sich als außerhalb jeden schĂŒtzenden Rechts stehend betrachten, mehr werden, wird’s gefĂ€hrlich. Da ist es auch nur noch ein kleiner Schritt nach links, die Banken „zwangszuvollstrecken“, wie es ein paar AnwĂ€lte in den USA angeblich versucht haben, oder ein kleiner nach rechts, um sich gegen die “Umvolkung des Abendlandes” mit Gewalt zu wehren, weil es ja „unser“ Eigentum ist.

Das Recht auf Verteidigung der Familie und des Eigentums

„Ich behalte mir das Recht vor, meinen privaten Besitz und mein Eigentum, sowie jeden und alles darin oder darauf zu schĂŒtzen und zu verteidigen.“

Hier wird es interessant. Was – wenn sich Herr Kreißl außerhalb des Rechtsstaates stellen möchte, zĂ€hlt als „sein“ Eigentum? Immerhin hat er ja sein bisheriges Eigentum auf Basis von staatlich gesicherten VertrĂ€gen erworben. Wenn er die AutoriĂ€t des Staates nicht mehr anerkennt: verliert er dann das Recht auf sein Eigentum? Und vor allem: welche AutoritĂ€t verhandelt im Konfliktfall? ZufĂ€llig stieß ich bei der Recherche auf einen Artikel, in dem von einem eigens einberufenem „Gericht“ die Rede war, das sich jedweder AutoritĂ€t (und damit Kontrolle) entziehen wollte. Eine Juristin wird von den Mitgliedern der Bewegung (im Artikel als „Polit-Sekte“ bezeichnet) aufgefordert, zur Gerichtsverhandlung zu erscheinen, sie weigert sich, und die Mitglieder der Bewegung gehen tatsĂ€chlich zur Polizei, um sie verhaften zu lassen – was zum Polizeieinsatz gegen die Bewegung fĂŒhrt.

In seinem Video-Vortrag spricht er auch noch vom Recht, andere zu schĂŒtzen, die von ihm „Hilfe brauchen“. Eine schöne „rechtliche“ Absicherung zur Versammlung mehrerer Menschen zu einer Gruppe, um Konflikte außerhalb des ĂŒblichen Rechtsrahmens „lösen“ zu können.

EntschÀdigung vom Staat aufgrund der vorsÀtzlichen TÀuschung?

„Weiters behalte ich mir das Recht vor, fĂŒr jedweden Schaden, der mir durch die langjĂ€hrige TĂ€uschung im Bezug auf die Person XXX im Laufe meines Lebens entstanden ist, Schadenersatz zu fordern. Ich setze hiermit die Höhe der Schadenersatzforderung mit 5.000.000,- EUR pro Lebensjahr fest.“ (Name durch XXX ersetzt)

Hier wird es immer interessanter. Es wird also eine Schadenersatzforderung von jemandem verlangt, der ihn mutwillig (nur so kann es TĂ€uschung sein) getĂ€uscht haben soll, dass er ja in Wahrheit gar keine Person sei. Abgesehen davon, dass die Geldmenge absurd hoch erscheint, frage ich mich, wie viele Menschen hier in Österreich ĂŒberhaupt ĂŒber sein ĂŒberlegenes Wissen verfĂŒgen könnten, das Ganze als TĂ€uschung zu erkennen, um ihn so mutwillig tĂ€uschen zu können? Hier kommt wieder die NĂ€he zu den ĂŒblichen Verschwörungstheorien hervor: das System bzw. die Menschen hinter dem System mĂŒssen ihn wohl getĂ€uscht haben. Menschen, die ihre Machtposition absichtlich nutzen, um ihm Schaden zuzufĂŒgen (warum sonst sollte er Schaden-Ersatz verlangen?). Klassischer Fall von Verschwörungstheorie mit dem Aufruf zum Handeln (wenn auch nicht explizit zur Gewalt, sondern erstmal zur Ermöglichung von Gewalt durch die Nicht-Akzeptanz der staatlichen AutoritĂ€t und damit auch des Gewaltmonopols des Staates).

Außerdem frage ich mich, ob er denn als juristische Nicht-Person dann nicht ebenso tagtĂ€glich Hunderte (und in dem Fall aufgrund seiner Bewusstheit tatsĂ€chlich mutwillige) TĂ€uschungen begeht, wenn er mit anderen Menschen interagiert, weil ja jeder Kauf im Grunde eine juristische Handlung darstellt, und er vermutlich nicht jedem, von dem er eine Semmel kauft, seine ganze „juristische“ Argumentation unter die Nase reibt.

Es ist auch insofern interessant, dass er einerseits das Geldsystem , die Banken und das Zins-System kritisiert, andererseits aber vom Staat so viel Geld bekommen will, wie nur wenige Menschen in ihrem Leben jemals zusammenbekommen.

Stillschweigende Anerkennung nach 10 Tagen?

„Alle betroffenen Parteien, die ĂŒber diese ErklĂ€rung diskutieren möchten, mĂŒssen innerhalb von 10 Tagen antworten. Solche Antworten bedĂŒrfen der vollen GeschĂ€ftsfĂ€higkeit der antwortenden Partei, einer eidesstattlich begrĂŒndeten ErklĂ€rung und mĂŒssen innerhalb der oben genannten Frist eingeschrieben an das unten angefĂŒhrte Notariat gesendet werden.“

Die meisten der Adressaten (in dem Fall der Bundeskanzler, das Innenministerium, der oberste Gerichtshof und der Landeshauptmann) werden wohl auf den ersten Blick kaum auf die Idee kommen, dass sie es hier nicht mit einem Scherz zu tun haben – und den Brief einfach ignorieren. Damit verlĂ€uft die Frist von 10 Tagen, und voila: unglaublich viel Geld gewonnen und sich die guten Rechte rausgepickt, ohne die unangenehmen Pflichten weiter erfĂŒllen zu mĂŒssen. So einfach ist das Leben. Oder eben doch nicht: wer garantiert ihm, dass die Frist von 10 Tagen ausreicht bzw. dass er diese Frist einfach selbst festsetzen darf?

Nicht alle VertrĂ€ge lassen sich durch Stillschweigen akzeptieren – sonst wĂ€ren wir vermutlich alle bereits mehrfach verheiratet und geschieden, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich bezweifle mal, dass der Herr Kreißl das Geld bereits bekommen hat, und bin auch froh darĂŒber. Geld ist systemisch betrachtet eine ziemlich komplexe Angelegenheit, und wenn alle mit ihm seine Zig-Millionen bekomen sind leider nicht alle reich genug geworden sondern wir haben nur alle gemeinsam fröhlich eine Massen-Inflation wie nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland ausgelöst.

Sind „Freemen“ problematisch?

Ich weiß es nicht. Als ich zum ersten Mal bei einem GrĂŒndungstreffen fĂŒr eine freie Schule eine Frau traf, die mir davon erzĂ€hlt hatte, war mir klar, dass ich mit solchen Menschen keine Schule grĂŒnden und fĂŒhren konnte, und dann vergaß ich die Sache wieder. Nun jedoch habe ich von mehreren Seiten und Menschen, fĂŒr die ich im Grunde großen Respekt hege, den Tipp bekommen, mir doch mal diese Freeman-Videos anzusehen. Ich glaube, das Problem ist, dass er es gut versteht, Wahres mit Halbwahrheiten wie Unwahrheiten so zu vermischen (und unterschiedslos selbst daran glaubt, was er sagt), so dass man sich denken kann, „ja, da ist was Wahres dran“. Wahrscheinlich hĂ€tte man die Sache vor 30 Jahren noch bedenkenlos ignorieren können. Aber das Internet hat auch seine Schattenseiten: googelt man „Freeman“, kommt nicht allzu viel heraus, was sich mit den Inhalten seiner Aussagen kritisch auseinandersetzt. Man findet eher begeisterte Artikel von System-Aussteiger-Menschen, die es toll finden, endlich einen „juristisch haltbaren“ Weg dafĂŒr gefunden zu haben. Eine Ausnahme ist beispielsweise stopptdierechten.at, die einen lĂ€ngeren Artikel darĂŒber gebracht haben. Aber politisch neutrale und doch inhaltlich kritische Kommentare waren eher die Ausnahme.

Das Problem an der Kritik an rechten wie linken Radikalen ist, dass die Kritik an den Rechten oft von den sehr Linken kommt und die Kritik an den Linken oft von den sehr Rechten, und es die jeweils andere Seiten deswegen gar nicht erst inhaltlich liest. So kommt kaum echtes Lernen zustande. Oft fĂ€llt ihnen offensichtlich gar nicht auf, wie Ă€hnlich ihre Argumente oft sind. Ich weiß nicht, ob Herr Kreißl sehr radikal links ist oder sehr radikal rechts, im Grunde ist er wohl beides, und zwar – wie ich glaube – nicht einmal bewusst. Ich glaube es ihm ja sogar, dass er es im Grunde nicht böse meint und voll fĂŒr den Frieden und die Liebe ist, wie er behauptet. Aber das, was er vorschlĂ€gt, kann nicht nur liebevolle Konsequenzen haben.

FĂŒr die Ă€lteren Semester oder diejenigen, die sich mit Geschichte beschĂ€ftigen: die NSDAP hieß nicht ohne Grund die national-sozialistische deutsche Arbeiterpartei und vereinte somit die linken wie die rechten Radikalen jener Zeiten (die sich offensichtlich in ihren Methoden oft gar nicht so unterschieden) in sich. Da war Kritik an den Banken drin, die praktischerweise (zumindest laut damaliger Ansicht) auch noch alle Juden waren, und auch bei den Sowjets war man der Judenverfolgung nicht abgeneigt, wenn auch die offiziell-ideelle BegrĂŒndung eine andere war (“das sind die Reichen, die gehören enteignet” statt “das sind die Juden/VerrĂ€ter, die gehören enteignet” – umgebracht wurden sie im Grunde in beiden Ideologien). Hier bei den FreemĂ€nnern und –Frauen haben wir ebenso eine Kritik des Bankensystems und eine Abwendung von gĂŒltigen Rechtsnormen hin zu einer Art Volks-Rechtssprechung, die eher emotional denn sachlich, eher Gruppennorm-basiert als von der Idee der Gleichbehandlung vor dem Gesetz geprĂ€gt wirkt.

Ich bin fĂŒr eine offene Diskussion ĂŒber alle möglichen Dinge, und alleine am Schulsystem habe ich viel zu bemĂ€ngeln, wie meinen regelmĂ€ĂŸigen Leser wohl auffallen wird. Aber ich weiß nicht, ob es noch gut möglich ist, mit jemanden zu diskutieren, der sich außerhalb eines allgemeinen, fĂŒr alle gĂŒltigen Rechtsrahmens stellen will und damit zwar fĂŒr sich selbst eine absolute Meinungsfreiheit beansprucht, aber dies damit nicht mehr notwendigerweise auch fĂŒr seinen GesprĂ€chspartner anstrebt.

Niklas

Es war schwer, anderen die Schuld zuzuschieben, wenn man wusste, dass man es hĂ€tte verhindern können. NatĂŒrlich konnte er sich auf kindische Traumata herausreden, denn seine Kindheit war nicht gerade „heil“ gewesen. Dennoch oder gerade deswegen hatte er sich durchgekĂ€mpft. Erst durch die Schule, dann zu seinem ersten, dann zu seinem zweiten Job. Die Arbeit war nicht sonderlich fordernd gewesen, doch sie brachte gutes Geld, das ausreichte, um den tĂ€glichen Bedarf zu decken. Mehr war es nicht gewesen, doch nach mehr hatte es ihn auch nie verlangt. Bis auf dieses eine Mal, vor zwei Jahren.

Es war ihm Leid geworden, anderen Leuten nachzusehen, wie sie in ihren Cabrios vorbeiflitzten und in den Tag hineinlĂ€chelten. Dass das LĂ€cheln nichts als eine Maske war, die sie aufsetzten, um zu verbergen, wie sehr ihr Leben sie eigentlich anödete, war ihm schnell klar geworden. Es war ihm nicht um irgendein Auto gegangen, sondern um Prinzipien. Wenn andere Leute ihr Geld sinnlos ausgeben konnten, warum nicht auch er? Also war er zum nĂ€chstbesten AutohĂ€ndler spaziert, und kurze Zeit spĂ€ter war er Besitzer eines teuren Schlittens gewesen, Leasing sei Dank. Den er Monate spĂ€ter wieder verkaufen musste, als er seine Arbeit verlor, weil wie ĂŒberall Personal eingespart wurde, um es durch Maschinen zu ersetzen. Die Miete, der Leasingvertrag fĂŒr das Auto, alles wurde plötzlich zu viel. Und dann ging plötzlich alles sehr schnell.

Die Bank kĂŒndigte ihm sein Konto auf, das er aufgrund der laufenden Zahlungen ĂŒberzogen hatte, woraufhin ihn sein Vermieter wegen Mietverzug kĂŒndigte. Es gab zwar genĂŒgend Arbeit, aber nur fĂŒr diejenigen, die ein Konto ihr Eigen nennen konnten, und fĂŒr ein Konto brauchte man nun ein regelmĂ€ĂŸiges Einkommen, also Arbeit. Anfangs war er eher verblĂŒfft, wie schnell alles gegangen war. Die Wut kam spĂ€ter, die Trauer, die Verzweiflung, der Alkohol und schließlich – nach einigen schlimmen Monaten – die Entscheidung, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Er schwor dem Alkohol ab und versuchte, zu improvisieren, wo er konnte. Waschen konnte er sich im nahegelegenen See, ebenso wie er dort seine Kleidung halbwegs sauber halten konnte. Nahrung fand er je nach Saison in Beeren, NĂŒssen und anderen essbaren Pflanzen im Wald oder indem er sich einige Euros erbettelte, um in Billig-SupermĂ€rkten das Notwendigste einzukaufen. Mit der Zeit hatte er sich fast so etwas wie eine kleine Heimat im Wald aufgebaut, die ihn sogar im Winter relativ warm, vor allem jedoch trocken hielt. Solange der Boden nicht nass wurde, halfen ihm Decken, die er von einer freundlichen alten Dame bekommen hatte, ĂŒber kalte NĂ€chte hinweg. Es war kein einfaches Leben, doch die tĂ€glichen Notwendigkeiten nahmen ihn genĂŒgend in Anspruch, um Gedanken von Status und gesellschaftlicher Anerkennung fernzuhalten.

Wieder einmal war es Winter, und der Wald gab nicht sonderlich viel Essbares her, als er mit einigen Euros, die er von mildtĂ€tigen Passanten mĂŒhsam erbettelt hatte, den lokalen Supermarkt betrat. Und erkennen musste, dass der Automatisierungswahn nun einen neuen Höhepunkt erreicht hatte: Es konnte nicht mehr mit Bargeld bezahlt werden. Was fĂŒr viele gestresste Kunden eine angenehme Beschleunigung ihres Einkaufsvorgangs darstellte, bedeutete fĂŒr den ohne Bankkonto lebenden Außenseiter den Ausschluss aus der Nahrungskette. Ein Ă€lterer Herr bot ihm an, mit seiner Karte fĂŒr ihn zu bezahlen und dafĂŒr die MĂŒnzen zu nehmen. WĂ€hrend er das freundliche Angebot dankend annahm, wurde ihm bewusst, dass er einen Blick auf die Zukunft erhascht hatte. Eine Zukunft, in der es keinen Platz mehr geben wĂŒrde fĂŒr Fehler im System, fĂŒr Menschen, die bereit waren, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. „Schöne neue Welt“, dachte er sich, und ihm schauderte.

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Es war etwa dreiviertel fĂŒnf an einem Dienstagnachmittag, als ihn ein kurzer, stechender Schmerz in seinem Herzen zusammenzucken ließ. Er war alt genug, um zu wissen, was dies bedeutete, und weise genug, seine letzten Sekunden nicht mit panischen AngstzustĂ€nden zu verbringen. So endet es also, dachte er, die HĂ€nde mit dem Buch, das er gerade gelesen hatte, sanft sinken lassend. Immer noch an den Baumstumpf gelehnt, der ihm die letzten Jahre wĂ€hrend seiner LektĂŒren im Park als treue StĂŒtze gedient hatte, atmete er tief ein. Vielleicht war es der letzte Atemzug, der ihm bleiben wĂŒrde, um all die Schönheit dieser Welt noch einmal in sich aufzunehmen.

Er sah den kleinen Teich, dessen Wasser schon seit langem ins GrĂŒnliche gekippt war, der jedoch trotz seines unansehlichen Äußeren zahlreichen Enten Lebensraum schenkte. Sah die GrĂŒppchen Jugendlicher, die sich wie jeden Tag wieder hier versammelt hatten, um sich auszutauschen, sich zu prĂ€sentieren und sich nĂ€her zu kommen. Er sah sie lachen, einige streiten, einige den Enten nachstĂ€nkern und sich dabei groß und stark vorkommen. Und er erinnerte sich ein wenig wehmĂŒtig an alte Zeiten, als auch er es ihnen gleichgetan hatte, in der festen Überzeugung, alles anders und besser zu machen als seine VorvĂ€ter. Nur um Jahre spĂ€ter festzustellen, dass er ihre Fehler ebenso wiederholt hatte wie die nĂ€chsten Generationen die seinen wiederholen wĂŒrden.

Er sah den Mann auf seinem Fahrrad, der sich sein gepflegtes Äußeres bewahrt hatte und sich doch verriet, weil er neben jedem MĂŒlleimer anhielt und verstohlen hineinspĂ€hte, ob sich nicht doch etwas daraus retten ließ, und einige Meter weiter die trotz ihres Lebenswandels noch sehr jung aussehende Frau, der man ansehen konnte, dass sie sich lĂ€ngst aufgegeben hatte. Die mit heruntergezogener Hose Tattoo-Botschaften entblĂ¶ĂŸte, die nicht einmal sie selbst kaum mehr ernst nehmen konnte. Sah die alte Frau mit ihrem Rollator, die sich zentimeterweise weiterquĂ€lte, fest entschlossen, es selbststĂ€ndig bis zur nĂ€chsten Parkbank zu schaffen, die gutgemeinte Hand der Tochter stolz ablehnend.

Er hörte das Gekreische einiger Kinderseelen, wie sie in unbĂ€ndiger Freude einigen Enten nachjagten, eine TĂ€tigkeit, die Erwachsene wohl auch in Hundert Generationen nicht als sonderlich interessant nachvollziehen können wĂŒrden, die ihm jedoch trotz alledem tiefen Respekt einflĂ¶ĂŸte. Solch unbĂ€ndige Freude, solch ungezĂŒgelter Genuss war ihm in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr vergönnt gewesen. Oder vielleicht hatte er sich diese auch einfach nicht mehr zugestanden, wer wusste das schon? Wenig bereute er in seinem Leben, denn mit dem Alter kam die Weisheit, dass die Menschen weiß Gott keine Heiligen waren und sich eher von Fehler zu Fehler kĂ€mpften denn von Erfolg zu Erfolg. Einzig keine Kinder, keine Enkel gezeugt zu haben, daran musste er mit einer gewissen Wehmut denken.

Seine Augen folgten dem Licht der sich gegen Westen neigenden Sonne und erfreuten sich noch ein letztes Mal an ihrer Magie, ihre Gabe alles mit ihrem Licht in diese fast ĂŒberirdische Schönheit zu tauchen – die BlĂ€tter, die mit ihrem Schattenspiel ein unnachahmliches Muster bildeten, die Wolken, die Gesichter der Menschen, die den Park durchwanderten. Und doch war selbst ihre Magie machtlos gegen den Lauf der Zeit, musste auch sie dem Wandel weichen, musste ihr Aufstieg einem Untergang vorangehen wie ein Einatmen nur das Ausatmen vorwegnahm, wie ein jedes Leben den Tod in sich barg. Alles war nur von begrenzter Dauer. Das Leben. Der Tod. Es hatte keinen Zweck, sich an etwas zu klammern, das so flĂŒchtig war wie der Atem.

Und dann atmete er aus.

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Man möge mir verzeihen, dass die Geschichte erst jetzt erscheint. Ich habe die letzten Tage so viele andere Dinge geschrieben, dass ich es schwer fand, zusĂ€tzlich noch eine Geschichte zu schreiben, die meinen Anspruch von QualitĂ€t besteht. Außerdem ist sie ein wenig zu lang, was an der .pdf-Version sichtbar wird, bei der ich bei der SchriftgrĂ¶ĂŸe ein wenig getrickst habe. NĂ€chste Woche, in der ich sie wieder aushĂ€ngen möchte weil ich dann wieder in Linz sein werde, werde ich wieder mehr darauf achten, dass die “Vorschriften” eingehalten werden.

Vor einigen Tagen war ich zu Besuch in einer Schule, und drei meiner Geschichten wurden dort (es ging um kreatives Schreiben) vorgelesen. Es freute mich sehr, dass eines der Kinder sich völlig in die Geschichten hineinversetzen konnte und Partei fĂŒr die einzelnen Charaktere ergriff. Irgendetwas scheine ich doch richtig zu machen… aber nun zur Geschichte:

Es war ein Zimmer mit nur einem Fenster, in dem er den Großteil seiner Tage verbrachte, doch bis auf das Bisschen an Frischluft, das es ihm gewĂ€hrte, hatte es mehr einen nostalgischen als einen praktischen Nutzen. Durch die neuesten Errungenschaften der Technik war es möglich, die LichtverhĂ€ltnisse im Raum energiesparend und jeden Moment aufs Neue durch zusĂ€tzliche Licht- und Schwarzlichtquellen an seine BedĂŒrfnisse anzupassen. Anfangs benötigte der Körper einige Zeit, um sich darauf umzustellen, von den Rhythmen der Sonne unabhĂ€ngig zu werden, doch diese Phase hatte er bereits lange ĂŒberwunden.

Auch das – aus seiner jetzigen Perspektive – lĂ€cherliche Verlangen nach beinahe zufĂ€llig zusammengesetzten Nahrungsmitteln und die damit einhergehende Angst, Dinge zu sich zu nehmen, die nicht vertragen wurden oder dick machten, war lĂ€ngst ĂŒberwunden. Ein praktisches MessgerĂ€t am Arm ermittelte die fehlenden NĂ€hrstoffe fĂŒr seinen genetischen Typ, sandte sie ĂŒber das Internet an den Provider und der 6D-Drucker kĂŒmmerte sich um ein ansprechendes Aussehen im Retro-Look. Mit dem Unterschied, dass es garantiert nicht zu dick oder zu dĂŒnn machte. Das Aussehen war bei der chemischen Zusammensetzung natĂŒrlich egal, aber auch nach Jahrzehnten dieser Fortschritte war es eine lĂ€stige Gewohnheit der Menschen, nicht nur auf die effektive Befriedigung ihrer körperlichen BedĂŒrfnisse, sondern auch auf ein gewisses Maß an Ästhetik zu achten. FĂŒr die fortschrittlicheren unter ihnen war es mittlerweile auch möglich, die NĂ€hrstoffzufuhr automatisch ĂŒber das Internet in den Körper ablaufen zu lassen.

All diese Erfindungen, die den Menschen mit den Jahrhunderten immer unabhĂ€ngiger von der Natur, der er entstammte, gemacht hatten, ermöglichten es ihm, die freie Zeit, die dadurch entstanden war, zur Selbstbildung zu nutzen. Einst hatten sie junge Menschen in oft fĂŒrchterlich aussehende GebĂ€ude zusammengepfercht und ihnen mit Zuckerbrot und Peitsche das beigebracht, was sie fĂŒr wichtig hielten. Arme Wilde! Vieles davon war heute bereits als abwegig erkannt worden, etwa die völlig absurde Idee, einen jeden darin auszubilden, seine Nahrung aus ineffizient gewachsenen Grundzutaten, von der Natur produziert, herzustellen, oder sich mit jemandem zu verabreden und sich dann auch noch tatsĂ€chlich die MĂŒhe zu machen, sich dort hinzubewegen! Schon damals gab es erste VorlĂ€ufer der heutigen Programme, um zu telefonieren, wie ineffektiv war es da, Zeit zu verschwenden, sich hinzubewegen? Und erst der RĂŒckweg: Oft stundenlang, nur mit dem Zweck, den Fehler zu bereuen, sich ĂŒberhaupt von zuhause entfernt zu haben!

Damals wie heute gab es natĂŒrlich auch sinnvolle Dinge, etwa das Studium der Mathematik, um zu erkennen, wo ineffizient gearbeitet wurde. Und tatsĂ€chlich waren es Mathematiker, die den einstigen Schlafrhythmus, der durch die Sonne ausgelöst wurde, als ineffizient erkannten, da trotz aller Anstrengungen der Mensch ja doch nur eine gewisse Zeit leben konnte. Es waren Mathematiker, die erkannt hatten, dass es sich in dieser kurzen Zeit gar nicht lohnte, einer Arbeit nachzugehen, die ebenso und effizienter von Maschinen erledigt werden konnte.

Es waren Menschen mit großem Geist gewesen, die erkannt hatten, dass man, um die Fenster zu einer neuen, besseren Welt aufzustoßen, manchmal die Fenster zur Welt, in der man lebte, schließen musste. Und so hatten es die meisten von ihnen vorgezogen, durch die schönen Fenster ihres Internet-Portals in die schöne neue Welt zu blicken, die sie geschaffen hatten, fern von Leid, fern von MĂŒhe, und dort dem MĂŒĂŸiggang zu frönen, sich zu bilden und auszutauschen.

Bis der NĂ€hrstoff-Provider Probleme meldete, und nach Aufkommen einer allgemeinen Panik der erste den mutigen Versuch wagte, all die Fenster zur schönen neuen Welt zu schließen und sich fragte, wie es wohl in der alten, aus der sie stammten, aussehen mochte. Und erkannte, dass die Versprechen von der Nachhaltigkeit und der Umwelt, die sich von selbst regenerieren wĂŒrde, allesamt LĂŒgen waren. Dass sie ĂŒber Jahrhunderte ĂŒber ihre VerhĂ€ltnisse gelebt hatten, dass die schöne neue Welt mit all ihrem Glanz, die sie erschaffen hatten, nichts wert war ohne die Nahrung, die sie der alten Welt entzog. Doch da gab es nichts mehr zu entziehen. Die Welt um sie war wĂŒst und leer geworden. Wer wusste noch, sie zu bestellen, ihr Nahrung zu entreißen, sie zuzubereiten? Konnte man das Wasser trinken?

In ihrer Verzweiflung suchten sie sogar nach alten Gebeten im Internet und riefen einen Gott um Hilfe an, an den nicht einmal mehr ihre VorvĂ€ter noch geglaubt hatten. Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten realisierten sie, dass sie nicht nur vom Gott ihrer Ahnen, nicht nur von der Natur, sondern auch von ihren Mitmenschen so weit entfernt hatten, dass sie auf niemanden mehr zĂ€hlen konnten als auf sich selbst. Wer wĂŒrde sie erretten?

Doch eine Antwort blieb aus.

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Diese Geschichte basiert auf einem Video, das ich vor einigen Monaten auf YouTube gesehen habe – sehr empfehlenswert. Hier der Link dazu.

Als er damals zum ersten Mal in das Tal kam, war er bereits lange gewandert und sehr mĂŒde. Er hatte geglaubt, in den Dörfern der Umgebung Unterschlupf zu finden, doch sie hatten ihn mĂŒrrisch abgewiesen. Es sei in diesem kargen Land kaum genug fĂŒr sie selbst da, hatten sie gemeint und ihn fortgejagt. Und so war er sehr froh, als er bei Einbruch der Dunkelheit eine offensichtlich bewohnte kleine HĂŒtte erblickte. Er klopfte, und ein Ă€lterer Mann mit einem freundlichen LĂ€cheln öffnete ihm. Neugierig beobachtete er, wie der Alte Eicheln sortierte. Darauf angesprochen, meinte der Alte nur, er wĂŒrde die guten einpflanzen wollen. Eine jede gute Eichel sei wie eine gute Tat: sie wĂŒrde prĂ€chtige Ernte bringen.

Der junge Mann brach bald am nĂ€chsten Morgen auf, um seine Wanderungen fortzusetzen. Erst Jahre spĂ€ter kam er wieder in das Tal, in dem er einst die Nacht verbracht hatte. Doch wie hatte es sich verĂ€ndert! Nackte Felsen waren blĂŒhenden Wiesen gewichen, und die Siedlungen ringsum waren zu Dörfern angewachsen. Sogar ein kleines BĂ€chlein wand sich nun durch das einst unfruchtbare Tal! Er war erfreut, den Alten in seiner HĂŒtte anzutreffen. Die Dorfbewohner vertrauten dem alten Mann nicht sonderlich. Was bezweckte er wohl damit, stets so freundlich zu allen zu sein? „Eine Eichel zu pflanzen, war der Beginn dieses Reichtums“, meinte er, auf die blĂŒhende Umgebung deutend, „die FrĂŒchte guter Taten werden diesem Tal nun Frieden bringen.“ Mit diesen Worten des Alten, der nur selten sprach und gerade dadurch seinen Worten besonderes Gewicht verlieh, verließ ihn der JĂŒngere erneut fĂŒr viele Jahre.

Jahre spĂ€ter war er des Wanderns mĂŒde geworden und sehnte sich nach der Einfachheit der alten HĂŒtte im Wald. Doch als er die HĂŒtte erreichte, fand er sie verfallen vor, der Alte verschwunden. Die einstigen Dörfer waren zu GroßstĂ€dten angewachsen. Der Fluss war zu einer braunen BrĂŒhe geworden, und der Dampf der Fabriken sammelte sich zu dunklen Wolken, die sich in saurem Regen entluden, der die Felder unfruchtbar machte. Die Kinder, die einst auf grĂŒnen Wiesen gespielt hatten, wurden nun in kleine GebĂ€ude gepfercht, wo sie von Erwachsenen unterrichtet wurden, damit sie alles ĂŒber eine Natur lernten, die in einem Umkreis von vielen Hunderten Kilometern nicht mehr existierte. Denn auch die Dörfer der Umgebung waren angewachsen, zu StĂ€dten geworden, hatten Fabriken errichtet und alles, worauf sie aufgebaut waren, im Laufe der Zeit vernichtet.

Der junge Mann, der lĂ€ngst zu einem alten Mann geworden war, war es Leid geworden, stĂ€ndig unterwegs zu sein, und hatte beschlossen, hier zu bleiben. Er bezog die HĂŒtte des Alten, und da es Herbst war, fand er sogar noch einige brauchbare Eicheln von einer der letzten ĂŒberlebenden BĂ€ume, die der Alte einst gepflanzt hatte. Die Bewohner der umliegenden StĂ€dte, die noch nicht weitergezogen waren, um anderswo fruchtbares Land in unbewohnbare WĂŒsten zu verwandeln, wunderten sich ĂŒber den Sonderling, der sorgfĂ€ltig seine Eicheln in den Boden pflanzte, doch sie ließen ihn in Ruhe. Manchmal stahlen sich einige der Kinder aus der Schule, in der immer noch einige innerlich lĂ€ngst hoffnungslose Lehrer ihnen ĂŒber den Fortschritt der Menschheit erzĂ€hlten, und besuchten ihn. Warum er Eicheln pflanzte, wo doch das Land lĂ€ngst abgestorben war? „Um die Erinnerung an einen großen Mann hochzuhalten, Kinder“, meinte er dann mit einem geheimnisvollen LĂ€cheln, „der hier einst gelebt hat. Einer, der den Grundstein fĂŒr all eure StĂ€dte mit einigen wenigen Eicheln gelegt hat.“

Er war nicht sonderlich ĂŒberrascht ĂŒber die Menge an KinderhĂ€nden, die um Eicheln baten, um ihm zu helfen. Wie öd wĂ€re diese Welt nur ohne Kinderseelen!

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