Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblüfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dürfen, wenn man seine Schwierigkeiten überwunden hat. Dabei wär es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man Unterstützung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die Unterstützung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaĂźen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwürdigen Telefonat noch in der Hängematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespältiges Verhältnis gehabt. So eine merkwürdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und würden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form für diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie über den jüngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, für ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es für sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr über Gebühr fürchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemütlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfänglich an der Oberfläche betrachtet. Und doch hatte er sofort gespürt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂĽr fĂĽr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der Oberfläche betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂĽher, noch ungeĂĽbter, hatte er sich bisweilen ĂĽberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er später bereute. Nur um frĂĽher oder später festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schlieĂźlich ĂĽber seine Grenzen fĂĽhren wĂĽrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂĽbergangen, ihr schlicht aus Ăśberforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂĽtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂĽssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des Gesprächs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wüst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit längerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso über die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hätten sein können, ein verdächtig ähnliches? Was würde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham Unterstützung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste Ansätze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fühlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂĽck weit war es die letzten Jahre ĂĽber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂĽtzung bat, wenn es um Alltägliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂĽblicherweise zurĂĽckgezogen. Bis er – gestärkt und bewehrt mit einer erzählenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂĽr Kontakt fĂĽhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Ăśberforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂĽr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemäß eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins Verändern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saĂź. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelächelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂĽr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂĽsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der Oberfläche, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaĂźen “rauere Oberfläche” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden würden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dürfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fühlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewältigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und Wertschätzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den Ansprüchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genügte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite für denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die Fülle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene Unzulänglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Vor einigen Jahren habe ich in einer Englisch-Nachhilfestunde spontan eine Methode entworfen, um meinen Schülern einerseits zu einem besseren Sprachbewusstsein zu verhelfen, andererseits vor allem, um ihnen die Angst vor der Nicht-Perfektion zu nehmen. Gerade im Englisch-Unterricht ist der verinnerlichte Zwang, nur richtig zu sprechen, ein massiv unterschätztes Hindernis auf dem Weg zu einem flüssigen Sprechen (und Schreiben). Denn die Kombination aus einem „Ich mache noch Fehler“ und einem „Ich sollte keine Fehler machen“ führt in vielen Fällen nicht zur Motivation, die noch vorhandenen – und beim Erlernen einer neuen Sprache völlig natürlichen – Fehler auszumerzen, sondern viel eher zu – Stille, und damit Stillstand in der Weiterentwicklung.

Die Methode ganz kurz

Meine Methode ist dabei sehr simpel und ist mit sehr wenig Aufwand umsetzbar. Anhand der Texte der Kinder schreibe ich einzelne Wörter, Satzteile oder ganze Sätze an die Tafel 1:1 ab und fĂĽge je nach Anzahl der Fehler eine entsprechende Anzahl an Strichen hinzu, etwa 3 Striche bei 3 Fehler. Aufgabe der Kinder ist es nun, gemeinsam alle Fehler im Geschriebenen zu finden und sie richtigzustellen, was wir gemeinsam (mit Aufzeigen) 1x/Woche fĂĽr etwa 20-25 min lang machen (anfangs dauerte es fast eine ganze Einheit, was sich als zu lange herausgestellt hat). Dabei betone ich (wenn notwendig auch immer wieder) jeweils, dass es nicht darum geht, wer die Fehler gemacht hat, sondern darum, den Humor im Falschen zu finden. Nach einigen Wochen haben sich die Kinder immer schon darauf gefreut, welche Kuriositäten beim nächsten Mal wohl zu finden sein werden und herzlich mitgelacht (etwa beim Wort „gwitschent“, das wohl „quietschend“ heiĂźen sollte und nur noch aus dem größeren Zusammenhang herleitbar war, oder als ich ihnen erklärte, man solle vielleicht, wenn man das Wort “doof” verwenden möchte, es auch richtig schreiben können).

Mir ist dann irgendwann gesagt worden, das sei sehr schlimm für die „schlechteren Schüler“ wenn über Fehler öffentlich gelacht werde, was meinen Eindruck nicht entsprochen hat. Also habe ich einige im 4-Augen-Gespräch darauf angesprochen und erfahren, dass es sie nicht stört. Sicherheitshalber habe ich jedoch noch zusätzlich darauf geachtet, Fehler so auszuwählen, dass nicht anhand der Fehler klar ist, wer den Fehler gemacht haben muss (einige Kinder in der Klasse machen sehr spezifische Fehler die leichter zuordbar sind als andere).

Sichtbare Konsequenzen der Anwendung

Nach einigen Wochen ist mir aufgefallen, dass zahlreiche Kinder das Prinzip des lustigen Fehlersuchens innerlich aufgenommen haben, so rief ein Schüler z.B. einmal lachend während einer Deutschstunde „Ich hab fest mit zwei „t“ geschrieben!“, oder ein anderer, der besondere Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hat, sagte nach dem Abschreiben eines Satzes von der Tafel grinsend „Ha, jetzt hab ich war schon wieder mit h geschrieben!“. Auch beim Schreiben der regelmäßigen Ausprobier-Schularbeiten jeden Freitag, bei denen die Schüler immer schneller mit dem Schreiben fertig wurden und daher immer mehr Zeit zum Kontrollieren ihrer Texte mit Hilfe des Wörterbuchs hatten, war oft ein Grinsen zu sehen, bevor jemand etwas verbesserte. Die Konsequenzen der Methode waren also nicht nur auf die Zeit der tatsächlichen Übung beschränkt sondern gingen weit darüber hinaus.

Einige dahinterstehende Prinzipien

Das lustige Fehlersuchen vereint in einer sehr simplem Methodik sehr viele mir wichtige Prinzipien. Es arbeitet mit den Texten der Kinder und erzeugt damit automatisch eine persönliche Relevanz und ganz andere Aufmerksamkeit. Man kann es auch anhand von vorkopierten Texten machen, aber damit verliert es einen Großteil seines Reizes. Dann bereitet es den Weg für eine gewisse sprachliche Experimentierfreude – wenn das Schlimmste, was bei einem Rechtschreib-Versagen meinerseits passiert, ein Anlass zum gemeinsam Lachen ohne Abwertung ist, wird eine Atmosphäre der Fehlertoleranz und Kreativität mitgefördert. Eines der – meiner Meinung nach – wichtigsten Aspekte im Lernen einer Sprache ist eine gewisse Spielfreude mit der Sprache, eine gewisse Unkontrolliertheit. Kreativität braucht den Raum, auch Sinnloses zu generieren, sonst bleibt sie in den Fahrwassern der Kontrolle stecken. Und Sinnloses kann man neben „falsch“ eben auch als „lustig“ uminterpretieren.

Ein weiteres Prinzip lässt sich zusammenfassen mit einem „Schauma wos passiert“ (Schauen wir mal, was passiert). Kinder schreiben wie sie glauben dass es richtig ist, und erst dann wird Feedback gegeben. Dieses Feedback ist jedoch nicht nur binär (richtig/falsch) sondern auch situationsspezifisch. Ein Schüler, der statt „war“ versehentlich „wahr“ geschrieben hat, wird also nicht nur hören, dass sein „wahr“ in dem speziellen Satz nicht passt und warum, sondern auch, dass sein „wahr“ an sich ein brauchbares Wort ist, nur in anderem Zusammenhang (mit Beispiel). Damit existiert kein absolutes richtig/falsch, sondern eher ein situationsspezifisches „Was ist die Konsequenz des Getanen, und wie unterschiedlich ist es zum  Gewollten bzw. was much ich korrigieren, um Gewolltes und Getanes in Übereinstimmung zu bringen?“. Auf ein Kleinkind bezogen grafischer erklärt: Ein Kind, das nach einer Tasse greifen möchte, wird womöglich Stunden damit verbringen, die Handmuskulatur nicht richtig zu benützen, bis es exakt richtig greift und die Tasse hochheben kann. Aber all die für diese Intention „falschen“ Muskelbewegungen und das entsprechende Feedback ermöglichen es dem selben Kind, rascher einzuschätzen, wie es etwa einen Krug aufnehmen kann. Würde es nur nach einem binären richtig/falsch agieren, müsste es für jede spezifische Bewegung von vorne anfangen, so aber lernt es durch Misserfolge bei einer Intention für andere, ähnliche Intentionen gleich mit – und das gleiche Prinzip lässt sich auch auf das Erlernen von Sprache anwenden.

Ein letztes Prinzip hat mit Effizienz zu tun: Humor ist eine ganzheitliche Funktion des Bewusstseins und arbeitet damit sehr rasch. Wenn ich als Kind (oder später als Erwachsener) einen Text kontrolliere (etwa für eine wichtige Email, oder bei einer Schularbeit) und bei jedem Wort/Satz über Rechtschreib-/Grammatik-Regeln nachdenken muss, dauert es schlicht zu lange. Wenn ich jedoch bestimmte Wortbilder als gefühlt richtig im Kopf habe und mich daran gewöhnt habe, Absurditäten zu suchen (weil Humor ja auch etwas Lohnenswertes ist), so kann ich einen Text relativ rasch selbst durchkontrollieren und zumindest die offensichtlichsten Fehler ausmerzen.

Kritische Kommentare/Theorieeinwände (schulintern)

Nun ist mir gesagt worden, dass es wissenschaftliche Studien gäbe, die behaupten, ein Lesen von falsch geschriebenen Wörtern würde das Rechtschreibbewusstsein von Kindern eher vermindern. Plakativ gesagt müsste man Kindern dann allerdings verbieten, selbst zu schreiben, weil die Chance groß ist, dass sie dabei Fehler machen und dabei ihre eigenen – falsch geschriebenen Wörter – noch tiefer einprägen. Möglicherweise ist auch gemeint, dass falsch geschriebene Wörter nicht auf der Tafel stehen sollen oder in Büchern, weil Kinder jenen Quellen eine andere Autorität oder „Richtigkeit“ zuordnen – meiner bisherigen Erfahrung nach reicht es jedoch, klar zu benennen, dass es sich hierbei um fehlerhafte Sätze handelt. Diese unkommentiert an „autoritärer“ Stelle stehen zu lassen halte ich tatsächlich für nicht ideal, aber während des lustigen Fehlersuchens ist ja klar, dass Fehler zu finden sein werden (sonst gäbe es ja auch nichts zum „Suchen“)

Ich kenne nun natürlich den genauen Aufbau jener Studien nicht, gehe jedoch davon aus, dass die Messung von etwas wie einem Rechtschreibbewusstsein sehr schwer umzusetzen und damit auch die Chance steigt, wichtige Aspekte (wie etwa Prozesse, die im Zeitverlauf zuerst schlechter und dann besser werden) nicht gut messbar machen zu können und damit auszuklammern. Ich kann mir vorstellen, dass es durch eine Atmosphäre der Fehlertoleranz zu einem Mehr an Kreativität und damit vorübergehend auch zu einem Mehr an Fehlern kommen kann, weil Schüler schlichtweg mutiger werden, mit Sprache zu spielen. Anhand der Texte meiner Schüler war da doch auch eine gewaltige Entwicklung festzustellen (ein Schüler von mir stellte beispielsweise im Alter von 9 Jahren von sich aus eine „wissenschaftliche These“ über den Ursprung der Gravitation auf). Ich kann mir vorstellen, dass im Durchschnitt dadurch eine zeitweilige Erhöhung der Fehleranzahl eintreten kann, die sich dann mit der Zeit ins Negative verkehrt (also weniger Fehler gemacht werden), weil bereits mehr Spielraum in der Sprache „ausprobiert“ und bewertet worden ist. Nur richtige Schreibweisen anzubieten führt meines Erachtens eher zu einer Hemmung dieser sprachlichen Spiellust und damit zu einer zwar möglicherweise weitgehend richtigen, gleichzeitig jedoch in ihrer Vielfalt verarmten Sprache.

Die Hauptschwierigkeit einer Messung der Effizienz jener Methode liegt jedoch wohl in der Abhängigkeit von der Lehrerpersönlichkeit. Das lustige Fehlersuchen passt sehr gut zu meinem Charakter als Lehrer und funktioniert für mich wunderbar, wird aber nicht für jeden gleich gut funktionieren bzw. muss entsprechend an die eigene Leiterpersönlichkeit angepasst werden. Wer sich nicht sicher ist, eine fehlertolerante Atmosphäre in der Gruppe herstellen und halten zu können, kann damit wohl auch Schaden anrichten (etwa indem statt über den Fehler über den Autor des Fehlers gelacht und er damit herabgewürdigt wird) – hier eine Grundsatzentscheidung über die Effizienz der Methode unabhängig von den Fähigkeiten/Charaktereigenschaften des Lehrers zu treffen (die in diesem Fall schwerlich kategorisiert oder von formalen Aus- und Weiterbildungen abhängig gemacht werden können), halte ich für schwierig. Ich möchte mit diesem Artikel jedoch aufzeigen, aus welchen Prinzipien die Methode unter Anderem abgeleitet ist und welche Konsequenzen sie in der Anwendung durch mich hatte – und dass es möglich und durchaus konstruktiv sein kann, sie einzusetzen.

Konkrete RĂĽckmeldungen/Erfahrungsberichte

Zahlreiche Eltern haben mir rückgemeldet, dass – gerade auch schwächere Schüler – seit Anfang des Schuljahres eine enorme Lust am Schreiben entwickelt haben, gerade auch weil sie keine Angst mehr haben mussten, Fehler zu machen, und auch anhand der Schülertexte wird ersichtlich, dass  die Schreiblust steigt und die Anzahl der gemachten Fehler eher im Sinken begriffen ist. Auch die Gesamtatmosphäre in der Klasse habe sich laut Rückmeldungen der Eltern deutlich verbessert, und auch wenn das lustige Fehlersuchen an sich sicher nicht alleine dafür verantwortlich war, dürften die dahinterstehenden Prinzipien der Akzeptanz des Fehlerhaften/Anderen ihren Teil dazu beigetragen haben.

Niklas

Das war nun fast zu erwarten gewesen: den ersten Zug plangemäß erwischt, den Anschlusszug durch eine massive Verspätung verpasst, und ohne realistische Chancen, den dritten Zug in die Heimat noch zu erwischen. Zur Reiseberatungsstelle der Deutschen Bahn geschlurft, schicksalsergeben den zu erwartenden Bescheid abwartend. Heute fährt kein Zug mehr in diese Richtung. Aber warum nutzen Sie nicht die Chance, Hamburg zu erkunden? Wir können Ihnen eine Liste preisgĂĽnstiger Hotels in Bahnhofsnähe anfertigen, wenn Sie das wollen. Schon drei Passagiere vor ihm mit derselben Antwort abgefertigt, sie mĂĽssten wohl oder ĂĽbel die Nacht hier verbringen. Wenig Hoffnung, dass sich beim Vierten in der Reihe groĂź etwas daran ändern wĂĽrde. Es wäre aber auch zu schön gewesen. Die Bahn, die Bahn. Das nächste Mal eben doch wieder mit dem Auto…

Eine halbe Stunde später verließ er, verblüfft über die ihm angebotene Lösung, den Bahnhof. Zwei Stunden hatte er nun Zeit, bevor sein neuer Anschlusszug abfahren würde, ohne weitere Zwischenhalte und damit sogar bequemer als die ursprünglich gebuchte Fahrt, ein Nachtzug, aus dem er nicht mitten in der Nacht in einen anderen wechseln müssen würde. Doch nun? Zwei Stunden in Hamburg, zu wenig Zeit, um etwas zu unternehmen, zu viel, um sie einfach in den Wartehallen abzusitzen. Zudem war es empfindlich kalt. Hätte er den Anschlusszug erwischt, könnte er jetzt in einem warmen Zugabteil sitzen…

Nach einer Weile beschloss er, die Umgebung des Bahnhofs zu erkunden. Sitzen würde er im Zug noch lange genug. Nach kurzer Zeit hörte er Musik, dachte erst, es sei die übliche Kaufhausmusik, die gestressten Kunden ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermitteln sollte, stellte jedoch rasch fest, dass sie viel zu rau, viel zu ungeschliffen war, um einzulullen. Jemand spielte live. Der Musik folgend, trat er aus den Bahnhofshallen heraus. Die Ursache der Aufregung war ein Mann, der offensichtlich seine gesamte Fantasie aufgewendet hatte, alle möglichen Gegenstände in ein gewaltiges Schlagzeug zu verwandeln, und nun wie ein Berserker mit seinen Sticks darauf losging. Das war nun eine sinnvolle Weise, die nächsten ein bis zwei Stunden zu verbringen! Also reihte er sich in die zahlreicher werdenden Reihen der Zuseher ein und verfolgte das Spektakel.

Viele Passanten blieben für einige Minuten stehen, um ihm zuzuhören, um dann weiter zu ihren Zügen zu eilen. Den meisten von ihnen fiel wohl nicht auf, dass sich das Programm des Musikers nach sehr kurzer Zeit zu wiederholen begann. Gelangweilt wollte er sich bereits auf den Weg machen, um sich eine andere kurzweilige Beschäftigung für die nächsten Stunden zu suchen, als ihm auffiel, dass der Schlagzeuger eine metallene Platte auf der Stirn montiert hatte, die sein Interesse weckte. Was mochte es damit auf sich haben? Als der Künstler eine kleine Pause einlegte, nutzte er die Chance, ihn darauf anzusprechen.
„Ach, die Platte meinen Sie?“, antwortete der Künstler lächelnd, „Die erinnert mich daran, wie dumm wir Menschen eigentlich sein können.“
Sein Gesicht musste seine Verwirrung gespiegelt haben, denn der Schlagzeuger fuhr fort:
„Sehen Sie, vor einigen Jahren habe ich in allem, was mir widerfahren ist, nur die Fehler gesehen und mich darüber geärgert. Das ging so lange, bis ich vor lauter Ärger eine Gehirnblutung hatte und nach einer Operation diese Platte eingesetzt bekam. Anfangs habe ich mich geärgert, dass dies ausgerechnet mir passieren musste. Doch dann, nach vielen Tagen im Krankenhaus, ist mir klar geworden, welches Wunder es eigentlich ist, dass dies so viele Jahre lang nicht passiert ist. Welches Wunder es ist, sympathische Menschen wie Sie zu treffen und die Möglichkeit zu haben, mit ihnen unbeschwert plaudern zu können. Welch Wunder es ist, dass ich selbst nach einer Gehirnblutung noch hier sitzen und Musik machen kann.“
„Nun, Sie machen schöne Musik. Nur finde ich es schade, dass Sie immer wieder das gleiche Stück spielen.“
„Das haben Sie sehr gut erkannt“, meinte der Künstler lächelnd, „ich gratuliere Ihnen. Tagein, tagaus spiele ich dieses selbe Stück. Mir wird es nicht langweilig, weil ich jedes Mal wieder darüber staune, dass ich am Leben bin und es noch einmal spielen darf. Sie sind übrigens der erste, der sich bequemt, mich darauf anzusprechen. Deshalb will ich für Sie auch gerne ein anderes Stück spielen.“

Zwei Stunden später saß er in seinem Anschlusszug, eine CD des Straßenkünstlers in der Hand und in Gedanken versunken. Wie wäre sein Abend wohl verlaufen, hätte er nicht seinen Zug verpasst? Dann hätte er wohl diesen weisen Menschen nicht kennengelernt, diese CD nicht gekauft und zu Weihnachten ohne ein Geschenk für seine Freundin dagestanden. Aus der Störung seines Planes war eine Bereicherung geworden. Wie oft in seinem Leben hatte er sich darüber geärgert, dass etwas nicht nach seinen Wünschen verlaufen war! Waren all jene verlorenen Momente nicht in Wahrheit Chancen gewesen, Überraschungen zu erleben, hätte er nur den Mut gefunden, sich auf die neue Situation einzulassen, anstatt sie zu verwünschen? War denn nicht ein jeder Moment, so wie er war, bereits ein perfekter Moment, auf den es sich nur einzulassen hieß?

„Imperfektum“, Fehlerhaftigkeit war der Titel der CD, mit einem Bild des Schlagzeugers und seiner Metallplatte darauf. Doch als er die CD öffnete, entdeckte er, dass auf der CD selbst zwar ebenso ein Bild des Schlagzeugers und seiner Metallplatte abgebildet war, doch lachte jener auf jenem Bild dermaßen, als befände er sich gerade in seinem ganz persönlichen Paradies. Darüber war zu lesen: „Im Perfektum“, und ein Untertitel dazu:
„Leben: eine Ansichtssache“.

#53 Imperfektum als .pdf downloaden