Zerbrochener Felsbrocken

Er war seit Monaten nur noch selten in jener Wohnung gewesen, seit er begonnen hatte, an ihrer Seite Wurzeln zu schlagen, Raum einzunehmen. Nun, da er im Zuge des Umzugs Stück für Stück seiner Vorgeschichte, verewigt in all jene Objekte die das alte Zimmer ausfüllten, ausgeräumt und auf seine zukünftige Nützlichkeit überprüft hatte, war er dem Moment zunehmend näher gekommen, wo er sich mit dem Felsbrocken beschäftigen würde müssen.

Der Felsbrocken war das Symbol gewesen, dass auch der Vater bereit sei, seinen Teil der Verantwortung zu tragen. In einem Moment der Verbundenheit hatten sie ihn aus dem Fluss geholt und gemeinsam nach Hause gebracht, sichtbares Zeichen einer neuen, gesĂĽnderen Ordnung zwischen ihnen.

Nun, einige Monate später, während das Zimmer rundherum sich mehr und mehr leerte, wurde ihm die Absurdität des Ganzen mehr und mehr sichtbar: Der Felsbrocken, die Schwere, die Verantwortung für die er stand, war wieder einmal nur bei ihm liegen geblieben, trotz aller hoffnungsvollen Worte und Versprechungen, dass von nun an alles anders werden würde. Der Kontakt zu jenem anderen war mittlerweile vollends abgebrochen. Die Schwere, der große Brocken, war ihm geblieben.

Auf ihr Anraten hatte er den Felsbrocken von seinem Platz entfernt, ihn mitgenommen, auch wenn dieser fast zu schwer war, ihn alleine weiter als einige Meter zu schleppen. Ins Auto damit. Dorthin, wo er hingehört. Zu ihm. Einfach in den Garten legen. Oder vor seine Einfahrt. Dann musste jener zumindest einmal auch diese Schwere ertragen, wenn er mit dem Auto rauskommen wollte. Aber durfte man so etwas ĂĽberhaupt? Vielleicht ĂĽbersah der Andere ja den Felsen einfach und fuhr ungebremst dagegen…? Schadenersatzforderungen waren in diesem Fall wohl gar nicht so abwegig.
„Der bleibt nicht in deinem Auto. Oder hier bei uns. Das ist nicht gut für dich und uns“, hatte seine Gefährtin gemeint, und natürlich Recht damit gehabt. Also doch einfach zu seinem Vater bringen?

Doch da war da noch ein Nachflimmern einiger Sätze, die dieser ihm irgendwann gesagt hatte. Davon, dass seine Mutter sich einst durch ihre Krankheit und ihren Tod aus der Verantwortung gestohlen hätte, und dass er doch eigentlich auch auf sie wütend sein müsse. Aber durfte man das? Was konnte sie für ihre Krankheit, ihren Tod? Und doch.. war da ein Funken Wahrheit zu finden. Womöglich  nicht so, wie der Vater es meinte. Aber trotzdem hatte auch seine Mutter einen Teil des Felsbrockens verdient. Auf die ihre Art.

Einige Tage später fuhr er mit seiner Gefährtin zu dem nahe gelegenen Fluss. Eine kleine Brücke führte darüber, womöglich ein geeigneter Ort für ihr Vorhaben, den Felsen endlich aufzubrechen. Er war derart massiv, dass es wie ein absurdes Unterfangen wirkte. Konnte es tatsächlich gelingen? Und doch… aus genügend großer Höhe womöglich…?

Der Anblick des fallenden Felsbrockens, sein Zerbersten und das donnernde Geräusch dabei brannten sich in seine Erinnerung ein als ein glorreicher Moment der Befreiung.
„Welchen Teil gehört für dich denn zu deinem Vater?“, fragte sie ihn. „Welcher zu deiner Mutter?“
Den zu seiner Mutter konnte er sofort ausmachen. Der würde gut zu ihrem Grabstein passen. Der größere Rest des Felsbrockens erschien ihm jedoch unfair groß im Vergleich, wurde seinem Vater nicht gerecht. Die noch kleineren Splitter schienen dagegen zu klein.
Der GroĂźe muss noch einmal brechen, wurde ihm klar.

Wieder auf die andere Seite der Brücke, barfuß durch den Fluss gewatet, den verbliebenen größeren Teil des Felsbrockens holend, wieder auf die Brücke, und er ließ den Brocken nochmals fallen. Zahlreiche Splitter sprengten sich nochmals ab.
„Und jetzt?“, fragte sie ihn.

Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass er niemals fertig werden würde, einem jeden seinen gerechten Teil zukommen zu lassen. Er selbst hatte wohl seinen Teil verdient, sein Vater, seine Mutter, aber ebenso ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern und immer so weiter, gar nicht zu sprechen von allen möglichen weiteren Menschen die einen im Laufe eines Lebens so beeinflussten. Und selbst würde ihm diese Aufgabe gelingen – was hätte er damit erreicht? Machte es wirklich freier wenn man wusste warum man unfrei war, sich Begründungen dafür aus einer Vergangenheit logisch herleiten konnte?

„Der Felsen bleibt hier“, meinte er zu ihr, fühlend, wie die Schwere des Felsbrockens, der Schuld, des Schmerzes von seinen Schultern genommen worden war, wenn er ihn nur loszulassen vermochte. Warum irgendjemanden anderen weiter damit belasten? Er brauchte nichts mehr von ihnen.

Kurz fand er in sich den Impuls, sich ein Andenken an jenen denkwürdigen Moment mitzunehmen, ein kleines Stück des einst so schwerwiegend erscheinenden Brockens. Aber das hätte eine Erfahrung entehrt, die da ganz war, nicht nur eine stückweise Erleichterung, von viel zu schwer zu weniger schwer.

Was, wenn man tatsächlich einfach aufhörte, irgendwelche Felsbrocken an irgendjemanden verteilen zu wollen, weil man glaubte es sei ja so unfair dass man ihn selber tragen müsse und der andere nicht? Denn die unbequeme Wahrheit war am Ende doch jene: er selbst hatte den Felsbrocken damals mit nach Hause geschleppt. Es war seine eigene Idee gewesen, ihn gemeinsam aus dem Fluss zu holen, und er hatte ihn sich behalten wollen. Nun war auch er es, der ihn gehen lassen musste. Diese Verantwortung konnte ihm niemand abnehmen.

Denn sonst, so fühlte er es mittlerweile recht deutlich, wäre man ja wie jemand, der einen Roman liest der ihm nicht gefällt, wissend dass er auch nicht besser wird, trotzdem weiterliest und sich dann beschwert dass das Buch schlecht war. Man konnte auch einfach das Buch weglegen und ein anderes lesen. Oder selbst eins schreiben, mit überraschenden Wendungen und viel mehr Freude drin. Oder sogar ganz wagemutig sein, all die Bücher hinter sich lassen, die Tür aufmachen und mal rausfinden wie das Leben so ist wenn man sich mal wieder ungefiltert drauf einlässt.

Vermutlich war das dann gar nicht mehr so schwer.

Wie wĂĽrde es uns gehen, wenn wir uns nicht unsicher fĂĽhlen mĂĽssten, gut genug fĂĽr den anderen zu sein? Wenn wir mit 100%iger Wahrscheinlichkeit wĂĽssten dass der andere nicht gehen wird? Ein Experiment.

Chaos und AngstWas, wenn man sich dem inneren Strudel an Ă„ngsten und Sorgen bewusst nicht hingibt?

So ziemlich jeder Mensch trägt in sich seine jeweils eigenen Prämissen, gewissermaĂźen „Grundsätze“ seiner Selbst- und Weltsicht, die das was er erlebt filtern und an diese Erwartungshaltungen anpassen. Manche davon bringen uns Freude, andere sind einem zufriedenen Leben eher hinderlich, und so manche dieser Prämissen ist uns – wenn ĂĽberhaupt – auch nur sehr nebulös bewusst.

Im Hinblick auf klassische Beziehungen findet sich bei mir unter anderem die Prämisse „Das kann nicht glücklich machen“ mit den (sichtbaren) Alternativen

  1. Einsamkeit,
  2. Leiden innerhalb einer klassischen Beziehungsform sowie
  3. das Finden einer völlig neuen Art des Miteinanders, das bessere Voraussetzungen für ein Gelingen schafft.

Letzteres führte über die letzten Jahre zu einer langen Reihe von Experimenten mit alternativen Beziehungsformen. Langfristig sind jedoch sowohl meine eigenen Experimente wie auch jene anderer Menschen die ich miterleben durfte immer wieder gescheitert. Nicht in jeder Hinsicht: viel wurde gelernt und es gab auch viele schöne Erlebnisse. Aber vollends befriedigend war das Ganze auch nicht, und es flossen immer wieder auch Tränen.

Nun, in einer neuen Beziehung, jeder mit seinen Prägungen und Prämissen, stehen wir wieder einmal vor der Aufgabe, ein Miteinander zu finden, das uns Freude bereitet. Und zunehmend kristallisiert sich heraus, dass viele unserer Vorerfahrungen womöglich von bisher nur nebulös sichtbaren Prämissen geprägt wurden.

Viele meiner bisherigen Experimente wollten Antworten auf die Frage finden, wie man mit einem Menschen den man liebt auf Dauer sein kann. Offene Beziehungen schienen der einfachere Ansatz zu sein, weil sie zumindest theoretisch von dem Druck befreien können, für den anderen perfekt sein zu müssen: Was der Andere nicht leisten kann oder will, kann an andere „ausgelagert“ werden. In der Praxis war die Prämisse, dass jemand dann dauerhaft mit jemandem anderen sein will, weil man selbst nicht gut genug sei, meist zu stark ausgeprägt, als dass das auf Dauer gut funktionieren würde. Wie es meine Freundin unlängst ausdrückte: „Da muss man dann schon so recht knapp vor der Erleuchtung sein. Vielleicht sind wir da wo noch nicht.“

Möglicherweise sind die Formen offener Beziehungen die ich in mir schon als Vision finden kann eben nicht die „einfache Lösung“ der ursprünglichen Prämisse, dass die Beziehungen wie ich sie sonst vorfand nicht funktionieren können, sondern vielmehr eine wenn auch vielleicht nicht unmögliche so doch eine sehr schwierig zu praktizierende Kunst.

Das natĂĽrliche Auf und Ab und das Problem der selbst-erschaffenen Trends

Gestern durfte ich von ihr einen denkwĂĽrdigen Satz hören: „Manchmal schaust du ganz schön zerknautscht – aber das wird eh wieder anders.“ Darin findet sich eine Art Grundweisheit aus dem Taoismus wieder, die mir seit vielen Jahren sehr vertraut ist: Alles vergeht, alles kommt wieder. Der Moment in dem ich jemandem in seine Augen schaue und mich so tief verbunden fĂĽhle wie noch nie in meinem Leben: Er wird vergehen. Ebenso wie der schreckliche Moment in dem ich das GefĂĽhl habe jemand nicht mehr wiederzuerkennen, in dem ein Gesicht wie eine Fassade zu sein scheint. Auch jener wird vergehen. Gemeinsam bilden jene Momente und alle dazwischen so etwas wie ein stetiges Auf und Ab, ein Ein- und Ausatmen des Lebens selbst.

Und doch kann es passieren, dass man anfängt, so etwas wie Trends erkennen zu wollen. Was, wenn die Liebe langsam verblasst? Was, wenn es für uns unausweichlich scheint, dass es früher oder später so sein wird? Dann haben wir eine Erwartungshaltung in uns aufgebaut, die wir uns immer wieder bestätigen, anstatt gemeinsam im Jetzt das zu erschaffen was uns gut tut. Weil wir ein Ende fürchten, suchen wir nach seinen Anzeichen, vermeintlich um ihm zu entkommen, und kreieren aus unserer Angst die Erfahrung wieder und wieder: Entweder finde ich mich in einem leidenden/sterbendem Miteinander wieder – oder allein. Um der vermeintlichen Unausweichlichkeit zu entkommen, beschäftigen wir uns zudem ständig damit, ob das Miteinander (noch) gut für uns ist bzw. ob man selbst denn noch ertragbar für den anderen ist.

Womöglich ist dies gewissermaßen auch eine Art von „Randgruppenproblem“. Millionen, vielleicht Milliarden Menschen weltweit stellen sich und ihre Beziehung zum jeweils Anderen von vornherein womöglich gar nicht in Frage. Aber dann gibt es da auch eine gar nicht so geringe Anzahl an Menschen – tendenziell oft sehr „spürige“ Menschen – die das doch tun. Und sich dann so sehr daran gewöhnen können immer alles in Frage zu stellen, dass sie vor lauter in Frage stellen und vergangene Erfahrungen damit zu reflektieren bzw. zu diskutieren sich gar nicht mehr vorstellen können dass bzw. wie sich ein Miteinander auch (langfristig) gut anfühlen kann.

Ein radikales Experiment: Vertrauen

Weil es auch uns immer wieder so ging, kam mir gestern beim Bergwandern eine Idee, die ich anfangs für möglicherweise absurd hielt, aber auch meine Freundin hielt sie für interessant genug, sie auszuprobieren. Wenn die Prämisse die so viel Schmerz und Angst erzeugt jene ist, dass man früher oder später verlässt oder verlassen wird, weil man sich nicht gut genug für den anderen fühlt (oder bezweifelt dass der andere „die richtige Wahl“ ist), und alleine dadurch dass man immer wieder seine Unsicherheit durchleben und durchdiskutieren will sehr viel Zeit verstreicht die für andere Visionen fehlen – warum nicht mal als Experiment diese misstrauische Prämisse völlig auf den Kopf stellen und schauen was dann passiert? So entstand die Idee eines ergebnisoffenen Experiments:

Wir werden den ganzen Monat September beide bewusst gar nicht mehr in Frage stellen dass wir miteinander sein wollen, und so miteinander handeln/umgehen als wäre das das Selbstverständlichste auf der Welt für uns. Und dann nach dem Monat wollen wir uns anschauen was das Experiment für uns verändert hat. In einem Monat soll es dann einen weiteren Artikel zum Thema geben, in dem wir von unseren Erfahrungen dazu berichten. Dann entscheiden wir auch, ob wir das Experiment weiter fortführen wollen.

Womöglich möchtest auch du ausprobieren wie es dir geht, wenn du dich ganz bewusst dafür entscheidest, die Prämissen die für deine Ängste wegweisend sind auf den Kopf zu stellen und für eine Weile so zu leben als wären diese freudebringender. Wenn ja, freue ich mich, wenn du auch deine Erfahrungen mit uns teilst.

Niklas

Vor einigen Wochen habe ich von einer Bekannten eine Mail bekommen, mit dem Aufruf, sich doch ein Video von Joe Kreißl zum Thema Freeman-Bewegung anzusehen. Da ich nun über eine Schulgründer-Initiative letzten Frühling ebenfalls eine Frau getroffen hatte, die behauptete, eine Free(wo)man zu sein, habe ich mir gedacht, ich schaue mir die Sache mal genauer an und habe das Video sowie seinen Blog ein wenig durchstöbert. Ursprünglich wollte ich nur privat auf die Mail antworten, habe aber dann festgestellt, dass die ganze Sache ein paar durchaus die Öffentlichkeit gefährdende Ideen beinhaltet, die ich hier ansprechen möchte. Ich bin kein ausgebildeter Jurist, und wer auf Fehler in meiner Argumentation hinweisen möchte, darf das gerne tun. Aber da immer mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis sich offensichtlich dafür interessieren, halte ich es für sinnvoll, auch Gegenargumente gegen sein Vorgehen anzuführen.

Die kursiven Aussagen zum Anfang einiger Absätze sind aus dem Manifest auf seinem Blog kopiert.

Wer garantiert ein Recht?

Im Grunde ist es diese Frage, die seine Argumentation vielleicht am meisten angreift. Ein „Recht“, das irgendwo niedergeschrieben wurde, ist für sich gesehen erst einmal nichts anderes als dies: etwas Tinte (oder womit eben geschrieben wurde) auf Papier. Ein für sich beanspruchtes Recht wird erst dann zu einem verlässlichen Recht, wenn alle anderen es a) aus Gewohnheit gar nicht wahrnehmen und damit gar nicht in Frage stellen können, b) es akzeptieren oder c) sich zumindest nicht trauen, es anzugreifen. In dem System, das der Herr Kreißl so gerne kritisiert, sorgt für den Rechtsschutz der Staat als oberste Instanz und dann – über zahlreiche Unterverträge – seine Institutionen und weiter die Mitarbeiter der Institutionen. Rechte können auf zwei Arten wirken: darauf, dass Menschen bestimmte Handlungen unterlassen („du sollst nicht töten“, exekutiert durch die Polizei) oder bestimmte Handlungen tätigen (einem Menschen in Not helfen, exekutiert durch Ärzte).

Wenn ich mich nun beispielsweise als „Freeman“ bezeichnen würde, weil ich mir dadurch Vorteile erhoffe und mich auf ein angeblich höhergestelltes Naturrecht berufe – wer garantiert mir dann meine Rechte? Die internationale Gemeinschaft? Die Geschichte der Menschheit zeigt uns – meines Erachtens nach – in den vergangenen Jahrhunderten, dass die allgemeinen Menschenrechte zwar durchaus vernünftig klingen, es aber dort, wo es keinen Staat oder sonstige Gruppe gibt, der sie vor allen Angriffen darauf verteidigt, meist nur Worte ohne Konsequenzen sind. Internationale Organisationen legen Beschwerde ein, verurteilen das Handeln, drohen mit Sanktionen oder setzen sie um – aber im Grunde scheint mir das einzige, was den verlässlichen Bestand eines Rechts zu garantieren scheint, die Monopolisierung der Gewalt in einem Rechtsstaat zu sein. Dieser ermöglicht es dann dem Bürger jenes Staates auch, sich auf dem Territorium anderer Staaten zu bewegen, ohne dass er Angst haben muss, angegriffen zu werden, weil niemand Konflikte mit dem ihm beschützenden Staat provozieren will.

Hat sich schon einmal jemand die Frage gestellt, warum es in Österreich um einiges einfacher und Konsequenz-loser erscheint, Migranten aus Ländern zu beschimpfen, die in sich instabiler sind? Warum wir selten wirklich über Franzosen oder Deutsche schimpfen, aber offensichtlich sehr gerne über Flüchtlinge aus Staaten, in denen sie selbst nicht mehr sicher sind? Der französische Staat würde sich mit einer gewissen Autorität eine solche Beschimpfung verbitten (und Österreich, wohl wissend über seine geringe reale Macht, einen diplomatischen Konflikt vermeiden wollen), der syrische Staat hätte vielleicht gar nicht mehr die Gewissheit, dass er sich als Staatsmacht gegen die Beschimpfung wehren könnte.

Hannah Arendt schreibt über die Zeit des Nationalsozialismus, dass die NSDAP als ersten Schritt den Juden die Staatsbürgerschaft entzog und fragte, ob ein anderer Staat sie aufnehmen und damit unter seinen Schutz stellen wollte. Erst nachdem das zum größten Teil nicht passierte, konnten sie daran gehen, relativ gefahrlos Millionen von Juden abzuschlachten. Es gibt keine garantierte Rechtssicherheit ohne die Instanz, die (notfalls mit Gewalt) für die Durchsetzung der Rechte sorgen kann.

Wenn wir annehmen, dass ein „Freeman“ die Beziehung zu seinem Staat einseitig auflösen kann (was für mich juristisch nicht sicher ist), so stellt sich mir die Frage, wer dann im Ernstfall seine Rechte, die er immer noch für sich beansprucht, garantiert?

Einseitige Teil-Auflösung der Rechte und Pflichten der Beziehung mit dem Staat

In seinem Manifest führt Herr Kreißl allerhand Rechte an, die er gerne auch weiterhin für sich beanspruchen möchte, etwa die Nutzung des Geldsystems (das er gleichzeitig kritisiert), seinen Pass weiterhin zu benützen, das Recht auf seinen Namen und so weiter. Gleichzeitig möchte er sich von seinen Pflichten befreien, Steuern zu bezahlen oder sich an die Regelungen des Staates zu halten, mit dem Versprechen, niemandem absichtlich schaden zu wollen und sich an ein „Naturrecht“ zu halten.

Sinngemäß könnte man die Aussagen auch so übersetzen, dass er es vorzieht, ein Parasit des Staats zu sein, der dann, wenn es ihm in den Sinn kommt, auch bereit ist, unter gewissen Umständen seinen Teil dazu beizutragen, dass es Menschen gut geht (Das Wort „Parasit“ ist hier nicht abwertend gemeint, sondern soll nur eine Beziehung verdeutlichen, in der eine Einheit von den Vorteil einer großen Einheit lebt, ohne notwendigerweise etwas zurückzugeben). Vermutlich möchte er auch weiterhin gerne die Infrastruktur des Staates nutzen, aber nicht mehr dafür bezahlen, dass diese Infrastruktur aufrechterhalten wird. Immerhin ist er mit der „Dienstleistung“ des Staates ihm als „Souverän“ gegenüber nicht 100%ig einverstanden und sieht es als eine Art „zivilen Widerstand“. Der Staat habe ja den Menschen als Souveränen zu dienen und nicht der Mensch dem Staate, und wie komme der Mensch dazu, ihm als Souverän vorschreiben zu wollen, was er tun oder lassen solle?

Im Grunde, und sehr nüchtern betrachtet, fordert er eine weitere Solidarität des Staates mit seinen Bedürfnissen bei gleichzeitiger Akzeptanz seiner Weigerung, sich mit den Bedürfnissen anderer Bürger bzw. des Staates selbst als vermittelnde Instanz zu solidarisieren. Das mag bei einigen wenigen „Souveränen“, wie er sich selbst nennt, nicht weiter ein Problem darstellen (obwohl ich es für ein Stück weit asozial halte), aber dass „wir in 3 Sekunden Weltfrieden haben, wenn alle das machen, was ich gemacht habe“ halte ich für sehr illusorisch. Eher hätten wir eine völlige Atomarisierung der Gesellschaft, eine Erodierung jeder Solidarität (oder zumindest jener, die über die Familie/die Gruppe/das Volk hinausgeht), vermutlich den Verfall größerer Bereiche der Wirtschaft, damit einhergehend eine deutliche Verknappung der Rohstoffe und damit in kürzester Zeit einen Weltkrieg, gegen den die bisherigen lächerlich wirken würden.

Das Recht, „Souverän“ zu sein

„Ich brauche niemanden, der mir Rechte gibt, ich hab die bereits.“

Leider nein, da war die Argumentationsrichtung leider um 180° daneben. Es wirkt, als hätten wir Rechte immanent, also von Geburt an, weil es die Menschen um uns gewöhnt sind, sie zu achten. Wenn wir in der Geschichte der Menschheit nur ein paar Jahrhunderte zurĂĽckgehen (oder uns geographisch ein wenig in der Welt bewegen), finden wir ganz andere Verhältnisse vor: ein „durchschnittliches“ Leben war und ist kaum etwas wert. Ständig wurden Menschen geboren, und ständig starben Menschen, vor allem auch viele Kinder, ob an Krankheiten, Unterernährung oder auch Ăśberfällen. Wir Menschen in Ă–sterreich haben bestimmte Rechte, weil unsere Vorfahren sie ĂĽber Jahrtausende erkämpft haben. Menschen werden nicht einfach mit Rechten geboren, sondern bekommen diese Rechte mit ihrer Geburt, weil unsere Vorfahren dafĂĽr gekämpft haben, dass es fĂĽr ihre Nachkommen so sein soll. Deswegen ist es auch nicht „unser“ Staat und nicht „wir“ haben den gemacht (= er gehört uns laut seiner Argumentation), sondern der Staat ist ein Gebilde, das von vielen Menschen ĂĽber lange Zeit mitbeeinflusst wurde und das wir zwar mitbeeinflussen können, aber uns nicht in dem Sinne “gehört”.

Diese geschenkten Rechte aufzugeben, weil man sie „nicht braucht“ und „ohnehin andere hat“, fĂĽhrt nur deswegen nicht zu einem sofortigen bösen Erwachen, weil sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann, wie es vor der Etablierung des Rechtsstaates zuging. Die älteren Semester haben zwar mit der Zeit des Nationalsozialismus oder des Stalinismus nochmal einen RĂĽckfall erlebt, aber die jĂĽngere Generation wiegt sich da gerne in trĂĽgerischer Sicherheit. In einem Staat, in der jemand anderes als die gewählten Vertreter seiner Mitglieder sich als „Souveräne“ bezeichnen, geht der Geist der Diktatur um. Und spätestens, wenn die selbsternannten „Souveräne“, die sich als auĂźerhalb jeden schĂĽtzenden Rechts stehend betrachten, mehr werden, wird’s gefährlich. Da ist es auch nur noch ein kleiner Schritt nach links, die Banken „zwangszuvollstrecken“, wie es ein paar Anwälte in den USA angeblich versucht haben, oder ein kleiner nach rechts, um sich gegen die “Umvolkung des Abendlandes” mit Gewalt zu wehren, weil es ja „unser“ Eigentum ist.

Das Recht auf Verteidigung der Familie und des Eigentums

„Ich behalte mir das Recht vor, meinen privaten Besitz und mein Eigentum, sowie jeden und alles darin oder darauf zu schützen und zu verteidigen.“

Hier wird es interessant. Was – wenn sich Herr Kreißl außerhalb des Rechtsstaates stellen möchte, zählt als „sein“ Eigentum? Immerhin hat er ja sein bisheriges Eigentum auf Basis von staatlich gesicherten Verträgen erworben. Wenn er die Autoriät des Staates nicht mehr anerkennt: verliert er dann das Recht auf sein Eigentum? Und vor allem: welche Autorität verhandelt im Konfliktfall? Zufällig stieß ich bei der Recherche auf einen Artikel, in dem von einem eigens einberufenem „Gericht“ die Rede war, das sich jedweder Autorität (und damit Kontrolle) entziehen wollte. Eine Juristin wird von den Mitgliedern der Bewegung (im Artikel als „Polit-Sekte“ bezeichnet) aufgefordert, zur Gerichtsverhandlung zu erscheinen, sie weigert sich, und die Mitglieder der Bewegung gehen tatsächlich zur Polizei, um sie verhaften zu lassen – was zum Polizeieinsatz gegen die Bewegung führt.

In seinem Video-Vortrag spricht er auch noch vom Recht, andere zu schützen, die von ihm „Hilfe brauchen“. Eine schöne „rechtliche“ Absicherung zur Versammlung mehrerer Menschen zu einer Gruppe, um Konflikte außerhalb des üblichen Rechtsrahmens „lösen“ zu können.

Entschädigung vom Staat aufgrund der vorsätzlichen Täuschung?

„Weiters behalte ich mir das Recht vor, für jedweden Schaden, der mir durch die langjährige Täuschung im Bezug auf die Person XXX im Laufe meines Lebens entstanden ist, Schadenersatz zu fordern. Ich setze hiermit die Höhe der Schadenersatzforderung mit 5.000.000,- EUR pro Lebensjahr fest.“ (Name durch XXX ersetzt)

Hier wird es immer interessanter. Es wird also eine Schadenersatzforderung von jemandem verlangt, der ihn mutwillig (nur so kann es Täuschung sein) getäuscht haben soll, dass er ja in Wahrheit gar keine Person sei. Abgesehen davon, dass die Geldmenge absurd hoch erscheint, frage ich mich, wie viele Menschen hier in Österreich überhaupt über sein überlegenes Wissen verfügen könnten, das Ganze als Täuschung zu erkennen, um ihn so mutwillig täuschen zu können? Hier kommt wieder die Nähe zu den üblichen Verschwörungstheorien hervor: das System bzw. die Menschen hinter dem System müssen ihn wohl getäuscht haben. Menschen, die ihre Machtposition absichtlich nutzen, um ihm Schaden zuzufügen (warum sonst sollte er Schaden-Ersatz verlangen?). Klassischer Fall von Verschwörungstheorie mit dem Aufruf zum Handeln (wenn auch nicht explizit zur Gewalt, sondern erstmal zur Ermöglichung von Gewalt durch die Nicht-Akzeptanz der staatlichen Autorität und damit auch des Gewaltmonopols des Staates).

Außerdem frage ich mich, ob er denn als juristische Nicht-Person dann nicht ebenso tagtäglich Hunderte (und in dem Fall aufgrund seiner Bewusstheit tatsächlich mutwillige) Täuschungen begeht, wenn er mit anderen Menschen interagiert, weil ja jeder Kauf im Grunde eine juristische Handlung darstellt, und er vermutlich nicht jedem, von dem er eine Semmel kauft, seine ganze „juristische“ Argumentation unter die Nase reibt.

Es ist auch insofern interessant, dass er einerseits das Geldsystem , die Banken und das Zins-System kritisiert, andererseits aber vom Staat so viel Geld bekommen will, wie nur wenige Menschen in ihrem Leben jemals zusammenbekommen.

Stillschweigende Anerkennung nach 10 Tagen?

„Alle betroffenen Parteien, die über diese Erklärung diskutieren möchten, müssen innerhalb von 10 Tagen antworten. Solche Antworten bedürfen der vollen Geschäftsfähigkeit der antwortenden Partei, einer eidesstattlich begründeten Erklärung und müssen innerhalb der oben genannten Frist eingeschrieben an das unten angeführte Notariat gesendet werden.“

Die meisten der Adressaten (in dem Fall der Bundeskanzler, das Innenministerium, der oberste Gerichtshof und der Landeshauptmann) werden wohl auf den ersten Blick kaum auf die Idee kommen, dass sie es hier nicht mit einem Scherz zu tun haben – und den Brief einfach ignorieren. Damit verläuft die Frist von 10 Tagen, und voila: unglaublich viel Geld gewonnen und sich die guten Rechte rausgepickt, ohne die unangenehmen Pflichten weiter erfüllen zu müssen. So einfach ist das Leben. Oder eben doch nicht: wer garantiert ihm, dass die Frist von 10 Tagen ausreicht bzw. dass er diese Frist einfach selbst festsetzen darf?

Nicht alle Verträge lassen sich durch Stillschweigen akzeptieren – sonst wären wir vermutlich alle bereits mehrfach verheiratet und geschieden, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich bezweifle mal, dass der Herr Kreißl das Geld bereits bekommen hat, und bin auch froh darüber. Geld ist systemisch betrachtet eine ziemlich komplexe Angelegenheit, und wenn alle mit ihm seine Zig-Millionen bekomen sind leider nicht alle reich genug geworden sondern wir haben nur alle gemeinsam fröhlich eine Massen-Inflation wie nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland ausgelöst.

Sind „Freemen“ problematisch?

Ich weiß es nicht. Als ich zum ersten Mal bei einem Gründungstreffen für eine freie Schule eine Frau traf, die mir davon erzählt hatte, war mir klar, dass ich mit solchen Menschen keine Schule gründen und führen konnte, und dann vergaß ich die Sache wieder. Nun jedoch habe ich von mehreren Seiten und Menschen, für die ich im Grunde großen Respekt hege, den Tipp bekommen, mir doch mal diese Freeman-Videos anzusehen. Ich glaube, das Problem ist, dass er es gut versteht, Wahres mit Halbwahrheiten wie Unwahrheiten so zu vermischen (und unterschiedslos selbst daran glaubt, was er sagt), so dass man sich denken kann, „ja, da ist was Wahres dran“. Wahrscheinlich hätte man die Sache vor 30 Jahren noch bedenkenlos ignorieren können. Aber das Internet hat auch seine Schattenseiten: googelt man „Freeman“, kommt nicht allzu viel heraus, was sich mit den Inhalten seiner Aussagen kritisch auseinandersetzt. Man findet eher begeisterte Artikel von System-Aussteiger-Menschen, die es toll finden, endlich einen „juristisch haltbaren“ Weg dafür gefunden zu haben. Eine Ausnahme ist beispielsweise stopptdierechten.at, die einen längeren Artikel darüber gebracht haben. Aber politisch neutrale und doch inhaltlich kritische Kommentare waren eher die Ausnahme.

Das Problem an der Kritik an rechten wie linken Radikalen ist, dass die Kritik an den Rechten oft von den sehr Linken kommt und die Kritik an den Linken oft von den sehr Rechten, und es die jeweils andere Seiten deswegen gar nicht erst inhaltlich liest. So kommt kaum echtes Lernen zustande. Oft fällt ihnen offensichtlich gar nicht auf, wie ähnlich ihre Argumente oft sind. Ich weiß nicht, ob Herr Kreißl sehr radikal links ist oder sehr radikal rechts, im Grunde ist er wohl beides, und zwar – wie ich glaube – nicht einmal bewusst. Ich glaube es ihm ja sogar, dass er es im Grunde nicht böse meint und voll für den Frieden und die Liebe ist, wie er behauptet. Aber das, was er vorschlägt, kann nicht nur liebevolle Konsequenzen haben.

FĂĽr die älteren Semester oder diejenigen, die sich mit Geschichte beschäftigen: die NSDAP hieĂź nicht ohne Grund die national-sozialistische deutsche Arbeiterpartei und vereinte somit die linken wie die rechten Radikalen jener Zeiten (die sich offensichtlich in ihren Methoden oft gar nicht so unterschieden) in sich. Da war Kritik an den Banken drin, die praktischerweise (zumindest laut damaliger Ansicht) auch noch alle Juden waren, und auch bei den Sowjets war man der Judenverfolgung nicht abgeneigt, wenn auch die offiziell-ideelle BegrĂĽndung eine andere war (“das sind die Reichen, die gehören enteignet” statt “das sind die Juden/Verräter, die gehören enteignet” – umgebracht wurden sie im Grunde in beiden Ideologien). Hier bei den Freemännern und –Frauen haben wir ebenso eine Kritik des Bankensystems und eine Abwendung von gĂĽltigen Rechtsnormen hin zu einer Art Volks-Rechtssprechung, die eher emotional denn sachlich, eher Gruppennorm-basiert als von der Idee der Gleichbehandlung vor dem Gesetz geprägt wirkt.

Ich bin für eine offene Diskussion über alle möglichen Dinge, und alleine am Schulsystem habe ich viel zu bemängeln, wie meinen regelmäßigen Leser wohl auffallen wird. Aber ich weiß nicht, ob es noch gut möglich ist, mit jemanden zu diskutieren, der sich außerhalb eines allgemeinen, für alle gültigen Rechtsrahmens stellen will und damit zwar für sich selbst eine absolute Meinungsfreiheit beansprucht, aber dies damit nicht mehr notwendigerweise auch für seinen Gesprächspartner anstrebt.

Niklas