Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben k├Ânnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben k├Ânnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von Verl├Ąsslichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit Gr├╝nden
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich ├╝berfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, entt├Ąuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der M├Âglichkeiten
Zieh mich zur├╝ck in Einsamkeit
Ich wollt, ich h├Ątt dir folgen k├Ânnen
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der qu├Ąlt und schlie├čt hier zu dein Herz
Willst du nicht ├Âffnen dich der Liebe
Was k├Ąmpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe gr├Â├čter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut dar├╝ber
Auf die, die Liebe l├Ąsst mich f├╝hlen
RedÔÇś gro├če Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterl├Ąsst

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch l├Ąnger brauchen
Hab meine Br├╝cke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich f├╝hlst
Dann ├Âffnen wir die D├Ąmme
In uns, um uns, tr├Ąnken unsere Welten
Ach, wenn es doch gel├Ąnge!
Die D├Ąmme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug ge├╝bt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

Dieses kleine Gedicht habe ich f├╝r meine Sch├╝ler zum Abschied geschrieben.

Vergiss das nie:
Du bist wertvoll.
Es gibt dich nur ein einziges Mal auf der Welt.
Niemand sieht die Welt genauso, wie du sie sehen kannst.
Was du siehst, ist also von gro├čem Wert.
Du bist wertvoll.

Vergiss das nie:
Du bist liebenswert.
Nicht jeder muss dich lieben.
Aber niemand hat das Recht
Dich nicht f├╝r dein Anders-Sein zu respektieren.
Du bist liebenswert.

Vergiss das nie:
Es ist deine Geschichte.
Andere spielen ihre Rollen darin.
Manche streiten sich sogar um die Hauptrolle.
Aber am Ende entscheidest du.
Dein Leben ist deine Geschichte.

Vergiss das nie:
Es ist deine Geschichte
Die du schreiben musst.
Und du kannst w├Ąhlen
Ob sie traurig ist, lustig, furchterregend
Oder auch spannend.
Wie du dich auch entscheidest –

Versuche, eine Geschichte zu schreiben
Die es wert ist, erz├Ąhlt zu werden.

Ich glaube, dass du das kannst.
Ich glaube an dich.

Vergiss das nie.

Er war bis zu jenem Tag kein sonderlich auff├Ąlliger Bursche gewesen. Andere ein wenig zu schubsen oder ihnen ihre Sachen wegzunehmen, um sie zu einer Verfolgungsjagd quer durch die Schule aufzufordern, das konnte er schon nachvollziehen, aber Gewalt als solche hatte er stets abgelehnt. Das war etwas f├╝r Vollidioten gewesen, die sich nicht anders zu helfen wussten. Bis zu jenem verh├Ąngnisvollen Tag.

Markus hatte ihm die M├╝tze weggenommen, er hatte ihn quer durchs Schulgel├Ąnde verfolgt und sie hatten einen Heidenspa├č dabei gehabt. Irgendwann jedoch, als ihm die Puste ausgegangen war, hatte es ihm gereicht, und er wollte seine M├╝tze zur├╝ck haben, schlie├člich war der Herbst im Kommen und es wurde langsam k├Ąlter. Jedermann hier an der Schule wusste, dass es einen Punkt gab, an dem es reichte, und dass es zum guten Ton geh├Ârte, an diesem Punkt das Spiel zu beenden. Was den anderen dazu geritten hatte, trotzdem weiterzumachen, wusste er bis heute nicht. Aber er wusste, dass er genug hatte, dass ihm trotz der Verfolgungsjagd langsam kalt wurde und er die M├╝tze, die rechtm├Ą├čig ihm geh├Ârte, nun endlich wiederhaben wollte. Der Spa├č war vorbei, es ging nicht mehr ums Spielen, ums Kr├Ąftemessen. Es ging darum, wem die M├╝tze rechtm├Ą├čig geh├Ârte, und der Fall war eigentlich klar gewesen. Doch Markus wollte noch nicht aufgeben. Von dem, was danach geschah, wusste er nur noch Bruchst├╝cke.

Irgendwo tief in ihm war eine entsetzliche Flamme aufgelodert, die ihn brannte, die ihn ├Ąngstigte, die ihm fl├╝sterte, dass sein Recht hier mit F├╝├čen getreten wurde und dass es nur einen Weg gab, das Recht wiederherzustellen: es selbst in die Hand zu nehmen. Nicht zu warten, bis einer der Erwachsenen zu Hilfe kam, um den Streit beilegen zu k├Ânnen, nein! In diesem entsetzlichen Moment war der Andere kein Mitsch├╝ler mehr, der sich einen Streich erlaubt und eine Grenze ├╝bersehen hatte. Nein, in diesem Moment hatte er gef├╝hlt, dass Markus nach anderen Regeln spielte, sich an andere Gesetze hielt als er selbst, und sich ihm ├╝berlegen f├╝hlte, gerade weil er sich nicht daran hielt. Warum sollte er sich Markus gegen├╝ber zur├╝ckhalten? Und dann, als ihm
dieser Gedanke kam, war eine letzte Sicherung, die ihn noch zur├╝ckgehalten hatte, durchgebrannt.

Markus musste die Ver├Ąnderung in seinem Blick bemerkt haben, denn in dem Sekundenbruchteil, indem er sich auf ihn st├╝rzte, warf er die M├╝tze weit von sich, als wollte er damit sagen, dass es vorbei war. Doch es ging in diesem Moment nicht mehr um die M├╝tze, sondern um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, notfalls mit Gewalt, wie sein Gro├čvater zu sagen pflegte. Und all die jahrelang unterdr├╝ckte Wut seines Lebens, die er stets zur├╝ckgehalten hatte, entlud sich in diesem einen Schlag, diesem einzigen Mal, indem er die Kontrolle verloren hatte. Dem Schlag, der Markus das Kiefer brach, ihn gegen die Wand schleuderte und dort bewusstlos zusammensacken lie├č, der ihm ein Triumpfgebr├╝ll entlockte, das jenem eines Tieres ├Ąhnelte. Bevor er realisierte, dass sich sein Mitsch├╝ler nicht mehr r├╝hrte und ihm klar wurde, dass er soeben einen Menschen niedergestreckt, schwer verletzt oder sogar get├Âtet hatte.

Als Markus Wochen sp├Ąter wieder in der Schule erschien, wirkte er von den Erlebnissen gezeichnet, war still geworden und mied es, andere anzusprechen. Auch dem M├Ârder, wie er mittlerweile hinter vorgehaltener Hand von den anderen Kindern genannt wurde, war es nicht viel besser ergangen. Sie hatten Angst vor ihm, all die anderen Kinder, Angst vor einem weiteren Wutausbruch. Das war keine Rangelei gewesen, bei der der Sieger an Respekt gewann, es war ein Kampf ohne Regeln gewesen. Wie seltsam die Welt doch war! Er hatte doch gesiegt –
oder doch verloren?

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Vor einigen Tagen sah ich ein Video an, in dem ein Mann sein Experiment beschrieb, einen Monat lang einem jeden, der ihn um etwas beten w├╝rde, auch tats├Ąchlich etwas zu geben. Dieser Mann war Fundraiser f├╝r eine global agierende Plattform f├╝r Sozialprojekte und entdeckte in sich einen Widerspruch zwischen seiner Arbeit und seinem Privatleben, den er zu ├╝berwinden suchte. Und dann fiel mir wieder ein, wie oft ich (auch an mir selbst) beobachtet hatte, dass viele Menschen, die auf der Strasse um Geld angeschnorrt werden, entweder die Bettelei ignorieren oder dem Bettler eben seine 1-2 Euro in die Hand dr├╝cken, damit er sie in Ruhe l├Ąsst.

Es sind, n├╝chtern betrachtet, zwei Verhaltensweisen, die dem anderen eines klar machen: du interessierst mich nicht. Was mich wirklich interessiert, ist meine Ruhe, meine Erfahrung, ungest├Ârt die Landstrasse entlang schlendern zu k├Ânnen, meinen kleinen Kindern nicht erkl├Ąren zu m├╝ssen, warum diese Sozialschmarotzer nicht auch noch von mir unterst├╝tzt werden. Warum haben die keine vern├╝nftige Arbeit? Vor einigen Tagen fragte mich ein Freund genau diese Frage, doch als ich ihn aufforderte, diese Menschen doch pers├Ânlich zu fragen, gab er zu, dass er Angst vor ihnen hatte. Sie waren ihm unheimlich, undurchschaubar, unnahbar, unmenschlich. Ohne Geschichte. Ohne Zukunft. Zumindest keine, die irgendjemanden zu interessieren scheint.

Man k├Ânnte nun nat├╝rlich sagen, das alles gehe uns nichts an. Sind selber schuld, dass sie hier sind, sollen doch zur├╝ck nach Afrika oder woauchimmer sie her sind, interessiert doch eh keinen. Aber andererseits interessiert es mich eben doch. Was tut dieser Mensch in der Landstrasse? Warum tut er sich das tagein, tagaus an, in klirrender K├Ąlte herumzustehen und seine Kupfermuckn zu verkaufen? Warum sitzen diese Menschen in kleinen Gr├╝ppchen auf dem kalten Boden herum? Ertragen es, von allen Seiten angesudert zu werden, w├Ąhrend sie sich oft r├╝hrend um ihre Hunde k├╝mmern. Was treibt diese Menschen an? Was ist ihre Geschichte? Welche Zukunft ertr├Ąumen sie sich?

Heute nahm ich endlich meinen Mut zusammen und setzte meinen Plan um, einen dieser ├ťberlebensk├╝nstler der Strasse zu interviewen. Er bekam von mir 10 Euro geschenkt, weil einem jeden bewusst sein sollte, dass der eine Euro, den wir ihnen zur Beruhigung unseres eigenen Gewissens in die Hand dr├╝cken, kaum etwas bewirken wird. Aber jemanden als Mensch wahrzunehmen, sich f├╝r seine Geschichte und seine Tr├Ąume, die ihn zum Menschen machen, zu interessieren, mag vielleicht doch etwas bewirken. Vielleicht findet ihr in Zukunft mehr solcher Geschichten hier. Oder k├Ânnt sie sogar selbst erz├Ąhlen, weil ihr den Mut besessen habt, die Mauer, die uns im Alltag trennt, f├╝r ein paar Minuten zu ├╝berwinden und in ein Herz zu schauen. Aber nun lasst uns beginnen:

Oh lord, won’t you buy me a mercedes benz

Er war aus Afrika nach ├ľsterreich gekommen. Wir tun dann immer so, als w├Ąre damit alles gesagt, aber wie einige von euch vielleicht bewusst ist, besteht Afrika aus einer Vielzahl von kleinen und gr├Âsseren Nationen mit jeweils unterschiedlicher Kultur. Alleine im Tschad beispielsweise werden um die 250 verschiedene Sprachen gesprochen. In seiner Region gab es kaum Jobs, kaum Geld, kaum M├Âglichkeiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Aber es ging das Ger├╝cht um, in Europa w├╝rde es einfach sein, zum gemachten Mann zu werden, und die immer wieder heimkehrenden Einheimischen, die vor Jahren gegangen waren, fuhren ihre Mercedes Benz, also w├╝rde schon etwas dran sein. Er wollte also ein ├Âsterreichisches Visum beantragen, das nat├╝rlich abgelehnt wurde. Dazu brauchte man Geld, und Geld hatte er eben nicht.

Irgendwann jedoch erz├Ąhlte ihm jemand, dass es da andere M├Âglichkeiten gab, nach Europa zu kommen. Um umgerechnet 20, vielleicht 25 Euro w├╝rden sie mit dem Boot hineingeschmuggelt werden. Sie w├╝rden schnell Arbeit finden, und es sei sicher. ├ťber Mali ging es dann zur K├╝ste, 50 Menschen in einem Boot. Nur knapp die H├Ąlfte ├╝berlebte die Fahrt, weil die andere H├Ąlfte ohne besonderen Grund w├Ąhrend der ├ťberfahrt ins Meer geworfen wurde. Sie kamen an in Italien, ohne Pass und nat├╝rlich auch ohne Arbeitserlaubnis oder Geld. Ein Zur├╝ck gab es nicht mehr, sie mussten sich eben durchschlagen.

Per Anhalter ging es nach ├ľsterreich, wo sich das Ger├╝cht vom ÔÇ×goldenen LandÔÇť, das die Menschen mit den Mercedes erz├Ąhlten, als M├Ąrchen entpuppte. Es gab hier keine Arbeit, und schon gar nicht f├╝r diejenigen, die ÔÇ×inoffiziellÔÇť eingereist waren. Er kam im Winter, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Menschen, die ihn liebten oder auch nur kannten, bei denen er die kalten N├Ąchte verbringen oder mit denen er auch nur reden konnte. ÔÇ×Afrikaner ├╝berlebenÔÇť, meinte er schlicht, als ich ihn fragte, wie er das bei diesen Temperaturen aushalten w├╝rde. ÔÇ×Und wir l├Ącheln, egal wie traurig wir sind. Siehst du, ich l├Ąchle. Aber es ist hart.ÔÇť

I’m the invisible man

Kurz nach der Ankunft, nach den ersten N├Ąchten auf der Strasse und dem Einsetzen der traurigen Realit├Ąt, dass er sich in eine Sackgasse verlaufen hatte, kamen die ersten unmoralischen Angebote von ÔÇ×BekanntenÔÇť. Es g├Ąbe eine Nische im Handel, in denen eine Arbeitserlaubnis nicht n├Âtig sei. Es sei ein lukratives Gesch├Ąft, und er k├Ânne sofort anfangen, vielleicht schon bald einer der Mercedes-Menschen sein. Doch er lehnte ab, wohl wissend, dass der Drogenhandel sein Sargnagel sein w├╝rde. Nein, er w├╝rde lieber auf ehrliche Weise sterben. Und so f├╝hrt er eben den t├Ąglichen ├ťberlebenskampf fort.

Ein Bekannter hat ihm von der Kupfermuckn erz├Ąhlt, dass es ein ehrlicher Job sei und dass auch er diese Zeitungen vertreiben k├Ânne, also fing er eben an. F├╝r jede Zeitung um 2 Euro erh├Ąlt er 1 Euro, den er behalten kann. ├ľsterreicher seien sehr nett, meinte er, in Deutschland w├╝rde das gar nicht funktionieren, h├Ątte ihm ein Freund von dort erz├Ąhlt. Im Durchschnitt verdient er um die 10 Euro am Tag, die er zur H├Ąlfte f├╝r eine Nacht in einer Obdachlosenschlafst├Ątte ausgibt, Essen kann er von dem restlichen Geld, wenn er Gl├╝ck hat, 1 Mal am Tag. Ja, es sei schon hart, und nicht das, was er sich vorgestellt habe, aber Afrikaner ├╝berleben. Und l├Ącheln.

Could you be loved?

Welche Perspektiven er f├╝r sich sehe, habe ich ihn noch gefragt. Und da hat er mir erz├Ąhlt, er w├╝rde gerne als Student anerkannt werden an der JKU. Aber es kostet Geld, seine in Afrika absolvierten Scheine hier anrechnen zu lassen, um die 800 Euro. In 2-3 Jahren also leistbar, wenn er fleissig spart. Er hofft ja insgeheim dann doch heimlich ein wenig darauf, dass pl├Âtzlich jemand kommt und ihm ein wenig unter die Arme greifen kann. Weil es doch bitter ist, wenn es am Geld fehlt, dass man nicht arbeiten darf, um das Geld zu verdienen, das f├╝r die Arbeitserlaubnis n├Âtig w├Ąre.

Seinen Master in global management h├Ątte er eben gerne hier in Linz gemacht, einen dreij├Ąhrigen Studiengang, der ein Jahr hier, ein Jahr in Kanada und ein Jahr in Taiwan absolviert wird. Seinen Wirtschafts-Bachelor hat er ja schon, und auch seinen executive MBA, in Indien gemacht. Mit seiner Bildung, w├╝rde sie auch anerkannt werden (also h├Ątte er auch das Geld daf├╝r, weil laut JKU steht dem angeblich sonst nichts im Wege) w├╝rde er wohl zu den Besserverdienern ├ľsterreichs geh├Âren. Aber er ist halt Schwarz-Afrikaner. Die haben f├╝r uns offensichtlich keine Bildung, wenn sie nicht auch Geld haben. Keine Geschichte. Keine Zukunft. Er ist halt Afrikaner. Er wird ├╝berleben, und er wird weiterl├Ącheln. Bis er den Durchbruch geschafft hat oder dabei drauf geht.

Auch wenns manchmal schwer ist.

Niklas

Gestern traf ich mich seit langem wieder mit einem alten Freund aus Pakistan, einem praktizierenden und vor allem in Religionsfragen sehr versierten Menschen. Ich liebe es, mit ihm ├╝ber religi├Âse Fragen zu diskutieren, weil er offensichtlich viel seiner Freizeit darin investiert, sich nicht nur mit dem Islam und seiner verschiedensten Auspr├Ągungen, sondern auch vielen anderen gr├Âsseren und kleineren Religionen auseinanderzusetzen. Ein wohl f├╝r manche von euch besonders interessantes Thema wird der Dschihad sein, dem oft problematisch als ÔÇ×heiligen KriegÔÇť ├╝bersetzten Kampf.

Mein Freund, ein ├╝blicherweise sehr ruhiger und eher in sich gekehrter Geselle, meinte, man m├╝sse eine klare Trennlinie ziehen zwischen dem Islam in seiner reinen Form und dem, was Politik und Machtgier aus ihm machten. Dass etwa Frauen verboten sei, Auto zu fahren, sei v├Âlliger Schwachsinn, ├Ąhnlich wie viele andere in Teilen der islamischen Welt verbreiteten, angeblich vom Koran diktierten, Gesetze. Auch in Pakistan etwa w├╝rde beispielsweise Sex vor der Ehe in den gr├Âsseren St├Ądten sehr verbreitet sein, auch wenn er selbst es ablehne. Es g├Ąbe jedoch vor allem in vielen l├Ąndlichen Gebieten das Ph├Ąnomen, dass ein ganzes Dorf dem folge, was jemand an der Spitze ihnen eben als die g├Âttliche Wahrheit eintrichtern und diese Person an der Spitze jegliche abweichende Meinungen ehestm├Âglich beseitigen w├╝rde. Willkommen im politischen Islam, dem Islam als Ausrede f├╝r die eigene, egoistische Machtgier.

Die 3 Bedeutungen des Dschihad

Tats├Ąchlich w├╝rde Dschihad ├╝bersetzt in etwa ÔÇ×Bem├╝hungÔÇť bedeuten, und w├╝rde aus drei Teilbereichen bestehen. Der erste Bereich ist die Bem├╝hung, ein guter Mensch zu sein, der seiner Umgebung durch sein Sein und Handeln positiv beeinflusst. Da der Mensch in seiner Entscheidungsfreiheit bekanntlich nicht zu 100% immer konstruktiv handelt, f├╝hrt der Islam das Bem├╝hen um ein konstruktives Leben als wichtiger Grundwert an, in etwa vergleichbar mit dem christlichen Wert der Nachfolge Jesu oder anderen Bem├╝hungen, einem Ideal trotz aller Unvollkommenheiten nachzueifern.

Der zweite Teilbereich umfasst das Bem├╝hen, seiner Familie, seinen Br├╝dern und Schwestern in ihrem Bem├╝hen um ein gutes Leben zu unterst├╝tzen, sei es finanziell, ├╝ber ein gutes Gespr├Ąch oder spirituelle Begleitung in schwierigen Situationen. Es bedeutet, nicht beim egoistischen Motiv eines guten Lebens f├╝r einen selbst stehenzubleiben, sondern zu akzeptieren, dass die Erfahrungen anderer ebenso Auswirkungen auf das eigene Leben haben, ├Ąhnlich wie es auch Buddhisten oft betonen.

Der dritte Teilbereich ist nun der uns ├ľsterreicher als ÔÇ×Heiliger KriegÔÇť bekannt gewordene: der Aufruf, einem in Not geratenen Moslem zu Hilfe zu eilen, wenn dieser durch andere mit Gewalt bedroht wird. Als sich Russland vor einigen Jahrzehnten Afghanistan einverleiben wollte, schaffte es der Westen, Russland als Nicht-Muslime und Afghanistan als den Hilfe suchenden Bruder darzustellen, woraufhin Millionen von Muslimen Russland geh├Ârig in den Hintern traten. Der Westen ging und hinterliess Millionen von Kriegern ohne Aufgabe, ein leichtes Fressen f├╝r russische Interessen, die nun den Westen als Gegner des Islam darzustellen vermochten und nun mit ihren alten amerikanischen Waffen gegen die einstigen Kriegstreiber losgingen.

Perversion eines friedlichen Traumes

Moslem zu sein bedeutet im Endeffekt nichts anderes, als Gl├Ąubiger zu sein und sich trotz aller theoretischen Freiheiten um ein gutes und konstruktives Leben zu bem├╝hen. Viele Moslems (so auch mein Freund) schliessen etwa automatisch auch Christen und Juden in ihre Gesellschaft von Moslems ein, anerkennen Jesus etwa als wichtigen Propheten (wenn auch nicht als Sohn Gottes wie die christliche Kirche). Einen anderen Moslem zu t├Âten wird etwa als S├╝nde betrachtet, was ebenso bedeuten w├╝rde, dass christliche oder j├╝dische Opfer als S├╝nde f├╝r den T├Âtenden zu betrachten seien. Dschihad, das Zu-Hilfe-Eilen f├╝r einen Bruder (ein jeder, da alle Moslems Br├╝der und alle Moslems sind), hat in seiner urspr├╝nglichen Form vermutlich den Sinn gehabt, Gewalt untereinander oder gar Kriege ├╝berhaupt zu verhindern. Es ist ├Ąhnlich dem grossen Bruder eines potentiellen Opfers, der potentielle T├Ąter abschreckt.

Da ich den Koran in englischer ├ťbersetzung gelesen habe, weiss ich auch, dass darin explizit steht, dass eine gewaltt├Ątige Missionierung verboten sei. Sinngem├Ąss steht formuliert, dass jemand, der die Botschaft des Propheten h├Ârt und sich dagegen entscheidet, selbst daf├╝r verantwortlich ist, wenn er H├Âllenqualen zu erleiden hat und man nicht versuchen sollte, ihn zu ├╝berzeugen.
Der Koran findet sich wohl in jeder gut best├╝ckten Bibliothek und stellt f├╝r sich entgegen vieler Vorurteile aus meiner Sicht keinerlei Gefahr dar, ruft im Gegensatz sogar zu einem friedlichen und sozialen Lebensstil auf. Gef├Ąhrlich sind diejenigen, die ihre eigene Interpretation (und ja, es gibt gewisse Auslegungsfragen) als alleinige, von Gott kommende Wahrheit darstellen und andere damit f├╝r ihre eigenen Ziele manipulieren wollen. Es gibt mehr Wahrheiten, als in einem der grossen B├╝cher, sei es ein Koran oder eine Bibel, zu finden sind, und der beste Schutz gegen Manipulation ist es wohl, auch die Alternativen zu lesen und zu seiner eigenen Meinung zu gelangen.

Ein jeder Krieg, ein jedes Verbrechen und ein jedes unmenschliches Gesetz im Namen des Islam l├Ąsst sich damit wohl zur├╝ckf├╝hren auf die gar nicht so konstruktiven egoistischen Motive von Menschen, die einen Dschihad zwar predigen m├Âgen, ihren pers├Ânlichen Dschihad gegen eben jene destruktiven Motive, die sie zu bek├Ąmpfen vorgeben, l├Ąngst verloren haben.

Niklas

Es ist vollbracht. Nach einem fieberhaft erwarteten Gespr├Ąch mit der Vizerektorin der p├Ądagogischen Hochschule konnte ich es kaum glauben: Die letzten zwei Semester, die ich in Brasilien verbracht hatte, werden mir v├Âllig angerechnet werden. Einzig einige noch nicht eingetragene Noten aus den vorherigen Semestern sind noch einzutragen und die (bereits fertige) Bachelor-Arbeit abzugeben, dann werde ich mich im Februar offiziell Volkschullehrer nennen d├╝rfen. Bis dahin bin ich zwar noch offiziell gemeldet, habe aber keine verpflichtenden Lehrveranstaltungen an der PH mehr zu besuchen. Dies bedeutet, dass ich ab sofort frei bin, mir ohne R├╝cksicht auf verzwackte Stundenpl├Ąne oder Anrechenbarkeiten Arbeit zu suchen, die mich und die Menschen, mit denen ich arbeite, pers├Ânlich weiterbringt.

Unl├Ąngst schrieb ich hier dar├╝ber, dass Systeme an sich gar nicht existieren, sondern nur die Abstraktion des Verhaltens vieler darstellen, und dass es, um Systeme zu ver├Ąndern, reichen mag, den Mensch innerhalb eines Systems zu erreichen, um viel zu bewirken. Ich weiss nicht, wie es mir gelungen ist, aber es sieht so aus, als h├Ątte der damalige Beitrag fast prophetische Z├╝ge gehabt. Rein objektiv w├Ąre es ebenso m├Âglich gewesen, mir noch ein vollst├Ąndiges weiteres Semester aufzudr├╝cken, etwas, was mich auch finanziell aufgrund der oft arbeitstechnisch unpraktischen Stundenpl├Ąne an der PH in so einige Schwierigkeiten h├Ątte bringen k├Ânnen. Sie wollte mir keine Steine in den Weg legen, meinte die Vizerektorin sinngem├Ąss, nach allem, was ich mir da selbstst├Ąndig organisiert und aufgebaut hatte. Innovation und Initiative sei zu belohnen.

Es war unerwartet f├╝r mich, und ich werde wohl eine Zeit brauchen, die vielen M├Âglichkeiten, die mir nun pl├Âtzlich offenstehen, etwas zu ordnen. Aber auf jeden Fall f├╝hle ich mich best├Ątigt in meinem eingeschlagenen Weg, wenn er selbst von einer sonst eher als b├╝rokratisch bekannten Institution wie die p├Ądagogische Hochschule offenbar f├╝r unterst├╝tzenswert befunden wird. Ein weiterer, grosser Meilenstein ist in greifbare N├Ąhe ger├╝ckt, ein weiteres St├╝ck meines Traumes wird zu Realit├Ąt.

Leider wird es hier unm├Âglich sein, all die kleinen und grossen Beitr├Ąge der vielen Menschen anzuf├╝hren, die diesen Weg, oft unbewusst, ├╝berhaupt erst erm├Âglicht haben, aber f├╝hlt euch auf jeden Fall liebevoll umarmt von einem zwar von der Aufregung m├╝den, aber auch sehr dankbaren Menschen. Es ist auch euer Triumph. Ein Triumph der Menschlichkeit ├╝ber ein angeblich unerbittliches System, das sich als gar nicht so un├╝berwindbar, gar nicht so alternativlos herausstellt, sobald wir es nicht mehr bek├Ąmpfen wollen und dabei ohnehin nur ins Leere schlagen, weil es gar nicht existiert, sondern anfangen, auf die Menschen in diesen angeblichen Systemen zuzugehen. Selbst, sollten so manche unserer Tr├Ąume an der Wirklichkeit zugrunde gehen:

Ein jedes Zugehen auf einen Menschen ist f├╝r sich schon ein Triumph der Menschlichkeit.

Niklas

P.S.: Falls jemand von euch einen Tipp f├╝r mich hat, wo sich eine zu meinen Idealen und Bildungsvorstellungen passende Arbeitsstelle auftun k├Ânnte, w├Ąre es sehr nett von euch, wenn ihr mir hier einen entsprechenden Kommentar oder eine Email (bunterrichten@gmail.com)

Ich bin m├╝de. Zu m├╝de, um heute, Samstag, einem Fortgehtag, noch aus dem Haus zu gehen, obwohl mich eine Freundin netterweise eingeladen h├Ątte. Gestern Abend waren so einige Bekannte zu einem Spieleabend zusammengekommen, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mit ihnen zu reden, und zog mich zur├╝ck, um an einem sozialen Abend alleine zu sein. Vorher, am Bahnhof, setzte sich eine junge Frau auf eine Bank hinter mir, schaute, pflichtbewusst und demonstrativ unserer ├Âsterreichischen Kultur folgend, auf die Seite, wenn ich sie anblickte. Bis ich den Bann brach und sie ansprach, woraufhin sich ein interessantes Gespr├Ąch entwickelte. Sie war Streetworkerin und ich lernte im Gespr├Ąch einiges ├╝ber diesen spannenden Beruf.

Vielleicht liegt es an der Hitze, vielleicht an meiner ausgepr├Ągten M├╝digkeit in den letzten Tagen oder an einer mir noch nicht so ganz bewussten Erkenntnis, aber ich k├╝mmere mich immer weniger um unsere gesellschaftlichen Normen von dem, was man so zu tun hat, was man so zu f├╝hlen und um was man sich zu sorgen hat. Jahrelang hatte ich versucht, so cool zu sein wie diese M├Ąnner mit den Sonnenbrillen und braungebrannten, muskelgepackten Oberk├Ârpern, hatte Frauen bewundert, die es schafften, einfach so unglaublich l├Ąssig zu wirken, wenn sie an mir vorbei liefen. Sie schienen einfach diesem Ideal des gl├╝cklichen und zufriedenen Menschen zu entsprechen, das ich, so viel ich mich m├╝hte, nicht zu erreichen vermochte.

Nun, Jahre sp├Ąter, mit durch viele Erfahrungen gesch├Ąrftem Blick, sehe ich durch viele dieser Sonnenbrillen, sehe den gehetzten Blick, den Schutz, den diese Sonnenbrillen vor der Bewertung der Welt darstellen. Sehe die kleinen Unsicherheiten in dem leicht herablassenden Blick der jungen Frauen, die kleinen und grosse Fehler, wenn ich ihren Blick entgegne. Es sind Blicke, die darauf aufbauen, den anderen zu zeigen, wie cool man ist, aber nicht darauf, dass der andere stark genug ist, den Blick zu erwidern, weil dann k├Ânnte ja die ganze Fassade der Unverwundbarkeit pl├Âtzlich gef├Ąhrdet werden, gar zusammenbrechen, gar das ohne sie so schutzlose und gar nicht so perfekte Ich zum Vorschein bringen. Die Fassade, der Lack muss halten.

Denn das, was unter dieser Fassade, dieser Maske lauert, ist gef├Ąhrlich, mag Ablehnung hervorrufen. Es gibt eben gewisse gesellschaftliche Regeln des Zusammenspiels, und wenn dieses dunkle Ich nicht mit diesen Regeln zusammenspielt, muss es eben hinter der Maske gehalten oder durch das Aufsetzen der Maske in ein sozial angepasstes und konstruktives Mitglied der Gesellschaft geformt werden.

Inseln im Meer der Masken

Doch hinter dieser Maske ├╝bersieht unser derart deformiertes Ich leicht, dass hinter all den anderen Masken, die unsere Mitmenschen tragen, ebenso diese Schatten lauern, diese irrationalen, gef├Ąhrlichen Neigungen und Bed├╝rfnisse, die nicht gesellschaftstauglich und damit unsichtbar verbleiben, die Angst, die Verunsicherung, die Lust, die sich hinter der sch├╝tzenden Sonnenbrille versteckt, das, was nicht sein darf, aber nichtsdestotrotz ist, deformiert, unterdr├╝ckt und immer wieder schmerzlich hervorbrechend: unser wahres Ich.

├ťbersieht es nicht nur leicht, dass es in seinen abgestossenen und unterdr├╝ckten Anteilen nicht alleine ist, dass es sein Ebenbild in einer Vielzahl von kleinen Anzeichen im Auftreten, in den Bewegungen und den Blicken der anderen erhaschen kann, dass es sich diesen Menschen relativ gefahrlos ├Âffnen und zeigen kann, weil es nichts Bedrohliches und Fremdes sein muss, sondern wie ein verloren geglaubter Freund uns zeigen kann, dass es auch als Mann in Ordnung ist, zu weinen, dass es auch als Erwachsener in Ordnung ist, Fehler zu machen. ├ťbersieht es vor allem jedoch auch leicht, dass gerade jener dunkle Anteil, jener nicht gesellschaftstauglicher Anteil, der Teil von ihm sein kann, der einen Mitmenschen nicht nur traurig oder w├╝tend, sondern auch gl├╝cklich machen kann.

In unserer kulturell stark normierten und durchorganisierten Welt finden wir so viele angebotene Strategien f├╝r Maskenmenschen vor, die Maskenmenschen gl├╝cklich und zufrieden zu machen versprechen, aber sehr wenige, die f├╝r den ganzen Menschen hinter den Masken geeignet sind. Dies hat den einfachen Grund, dass diese Wege durch ihr beschreiten geschaffen werden und kein Weg dem anderen gleichen kann, so wie kein Mensch in Wahrheit hinter der Maske dem anderen gleicht.

Es bedeutet, unsere Lernstrategien f├╝r Maskenmenschen zu verlassen, um unsere eigenen Lernwege zu begehen, bedeutet, die wenigen uns angebotenen Strategien, einen anderen Maskenmenschen zu lieben, hinter uns zu lassen und die Menschen hinter den Masken in seiner ganzen strahlenden Sch├Ânheit aufzusuchen. Diesen weinenden, lachenden, hassenden, liebenden, schmerzvollen und gl├╝ckserf├╝llten Menschen, der es wagt, auch uns ohne unsere Masken zu sehen, bei dem wir unser volles Spektrum als Mensch sein k├Ânnen, bei dem wir uns unserer Nacktheit von den Masken die unsere K├Ârper und Seele verh├╝llen, nicht sch├Ąmen. Bei dem wir kein One Night Stand, keine Beziehung oder Freunde sind, sondern unser dunkles, zerschundenes, sterbendes und in immer wieder in strahlenden Lichtern wiederauferstehendes Ich.

Niklas

Paulo Coelho schrieb in einem seiner B├╝cher ├╝ber die ÔÇ×dunkle Nacht des GlaubensÔÇť, die Situation, in der alle ├Ąusseren Umst├Ąnde daf├╝r sprechen, dass wir versagen werden oder bereits versagt haben, in denen einzig der Glaube an unseren Sieg, die Hoffnung, uns davon abhalten kann, aufzugeben. Dies seien die entscheidenden Momente, die dar├╝ber entscheiden w├╝rden, ob wir wirklich heldenhafte Entscheidungen zu treffen bereit sind, oder uns mit dem bereits erreichten zufrieden geben. Die meisten Menschen w├╝rden hier aufgeben, weil sie Angst haben, ihr Ziel nicht zu erreichen. Um meine geliebte Wassermetapher wieder einmal einzubringen, haben sie Angst, zu wenig m├Ąchtig, zu wenig druckvoll zu sein, um die Hindernisse aus dem Weg zu r├Ąumen. Dabei ist dies oft gar nicht n├Âtig.

Ego

Wasser hat die wunderbare Eigenschaft, fl├╝ssig zu sein. In dieser fl├╝ssigen Form ├╝berwindet es so gut wie alle Hindernisse, gr├Ąbt sich mit der Zeit seinen Weg in die Richtung, in die es sich hingezogen f├╝hlt. Dabei ver├Ąndert das Wasser seine Form. Viele un├╝berwindbar erscheinende Hindernisse erscheinen deswegen unverwundbar, weil wir nicht bereit sind, unsere aktuelle Form (unser aktuelles Ich) aufzugeben. W├Ąhrend wir von Kindern noch geradezu verlangen, sich unseren Vorstellungen anzupassen, sind wir selbst oft zu starr, um unsere Hindernisse zu ├╝berwinden. Zu stolz. Soll doch der andereÔÇŽ

Tu

In einem Konflikt hilft uns Wasser auch, die Macht von Empathie zu verbildlichen. Wer bereits einmal dem Meer zugesehen hat, wie neue Wellen auf alte, bereits zur├╝ckwandernde treffen, d├╝rfte bemerkt haben, dass die zur├╝ckrollende alte Welle der ans Land rollenden Welle die Kraft nimmt. Zwei Wellen, zwei Impulse in entgegengesetzte Richtungen verbrauchen sich nur gegenseitig. Hingegen bringen sich schr├Ąg aufeinandertreffende Wellen gegenseitig weiter, als sie alleine kommen w├╝rden. Mit nur einem Minimum an gemeinsamer Richtung kommen wir daraus folgend bereits weiter als alleine, und die f├╝r mich effektivste M├Âglichkeit, eine gemeinsame Richtung einzuschlagen, liegt im Versuch, den anderen wirklich zu verstehen, wirklich zu ├╝berzeugen, nicht ihn zu zwingen.

Nos

Abschliessend m├Âchte ich aus aktuellem Anlass noch zur vermutlich m├Ąchtigste Implikation von Wasser, Meer und Wellen kommen: dem Kreislauf, der Einheit von auf und ab, heiss und kalt, Krankheit und Gesundheit, Kummer und Gl├╝ck, Liebe und Freiheit. In meiner Erfahrung existiert das eine nicht ohne das andere, ist das eine nichts anderes als der Gegenpol des anderen auf einer einzigen Skala. M├Âglicherweise gab es wirklich einst einmal einen paradiesischen Garten, in dem alles eitel Wonne war, oder wir k├Ânnen ein Nirwana erreichen, in dem Leiden der Vergangenheit angeh├Ârt. Alles, was wir dazu vermutlich tun m├╝ssen, ist zu sterben. Aber zu leben impliziert Ver├Ąnderung, impliziert ein auf und ab, einen Wellengang entlang dieser Skalen.

Konfuzius meinte einst, wen man liebe, solle man loslassen. Wenn dieser Jemand dann zur├╝ckkomme, so sei er f├╝r immer unser. Er war nahe dran. Ich glaube, richtigerweise sollte man den letzteren Satz streichen. ÔÇ×F├╝r immerÔÇť impliziert ein Ende von Ver├Ąnderung ÔÇô Tod. Denn wenn wir nicht gerade necrophil veranlagt sind, sagen wir dem jeweils anderen dadurch, dass er sein pers├Ânliches Wachstum zu beenden hat. Ich glaube, es gibt keine ewige Liebe an sich. Liebe existiert nur im Moment.

So paradox es klingen mag, ich glaube, dass Liebe nur in diesem Loslassen l├Ąngerfristig tragbar ist. Wenn ich den anderen loslassen kann, wenn ich es akzeptieren kann, dass sein Wachstum ihn auch dazu bringen kann, mir zu entwachsen, so kann ich mich in jedem Moment neu meiner Liebe zum anderen hingeben. Ansonsten “lieben” wir eine tote Fassade und nicht den lebendigen Menschen dahinter.

Deus

Ich hatte das unglaubliche Gl├╝ck, einen solchen Menschen kennenlernen zu d├╝rfen, der dies (bewusst oder unbewusst) begreift. Der mir heute wieder einmal seine Zeit schenkte, was mich noch Stunden danach verzaubert durch die Strassen Curitibas wandern liess. Ich halte das ├╝bliche ÔÇ×Ich liebe dichÔÇť als umgelegten Schalter f├╝r eine zauberhafte gemeinsame Zukunft f├╝r ein Hirngespinst, aber in diesen zauberhaften Momenten hast du mir in einer Kernreaktion einen Stern entz├╝ndet, der noch einige Zeit nachglomm. Danke daf├╝r, dass du in jenen Momenten jener Mensch warst, der du warst, wer immer du jetzt bereits bist. Und w├Ąhrend ich deinem Ich in diesen Momenten zusehe, wie es zur├╝ckkehrt in das Meer deines Potentials, freue ich mich bereits auf die n├Ąchste Welle, mit der du mich ├╝berraschen, umsp├╝len, mitreissen und tragen k├Ânntest.

Wir waren alle, warden zwei, warden eins.
Es war eins, ward zwei, es waren alle.
Leben folgt Tod folgt Leben.
Vergehen und Wiederkehren.
G├Âttliche Kreise.

Niklas

Als ich das Apartment verliess, wartete er bereits vor der T├╝r. Die Rede ist von jenem Mann, den ich beim Gitarrespielen in den Strassen Curitibas kennenlernte und den ich seitdem in unregelm├Ąssigen Abst├Ąnden treffe. Dem ich mein Zelt und meine H├Ąngematte borgte, ohne recht zu wissen, ob ich sie jemals wiederbekommen w├╝rde. Mittlerweile habe ich meine H├Ąngematte bereits wieder zur├╝ckbekommen, er hatte anderswo Decken aufgetrieben, die ihn des Nachts effektiver warmhalten konnten.

Der selbe Mann, der mir urspr├╝nglich erz├Ąhlt hatte, er h├Ątte direkten Kontakt zur Pr├Ąsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, h├Ątte die Demonstrationen hier in Brasilien angezettelt und sei allgemein bei der Presse ein mittlerweile gefragter Mann, erz├Ąhlte mir auch, er m├╝sse aufpassen, denn er wisse Geheimnisse von Politikern, f├╝r die diese morden w├╝rden. Sein direkter Kontakt zur Pr├Ąsidentin stellte sich als direkter Kontakt zu einem Fake-Konto der Pr├Ąsidentin auf Facebook heraus ÔÇô von dem aus ihm jedoch seltsamerweise geantwortet wurde. Er wirkt leicht paranoid (und auch stellenweise etwas gr├Âssenwahnsinnig), aber nicht unsympatisch, weswegen ich, wenn ich nichts Wichtiges zu tun habe, ihm ganz gerne ein wenig meiner Zeit schenke.

Heute, als ich ihn vor unserer Apartment-T├╝re antraf, erz├Ąhlte er mir voller Freude, er h├Ątte nun f├╝r Montag Arbeit gefunden, er solle Fliesen verlegen, etwas, das er bereits fr├╝her einige Male erledigt hatte, und w├╝rde daf├╝r in etwa 7000 Reais bekommen, davon k├Ânnte ich hier ein Jahr lang die Miete bezahlen. Er meinte, er sei unglaublich dankbar, dass ich und die Frau und der Mann, die in dem Gesch├Ąft unter unserem Apartment arbeiten, ihn bisher schon unterst├╝tzt haben und vor allem an ihn glauben. Mit Montag fange eine bessere Zeit f├╝r ihn an.

Endl├Âsungen?

Vor einigen Tagen erz├Ąhlte er mir, er w├Ąre bei einer Kirche gewesen, weil sie dort Suppe an Bed├╝rftige verteilen w├╝rden, und ihm sei dort erz├Ąhlt worden, er d├╝rfe auf keinen Fall zur Sozialassistenzstelle hier in Curitiba gehen, weil sie dort Leute von der Strasse holen, ihnen irgendwelche Drogen verabreichen und zur├╝ck auf die Strasse schicken, wo sie dann in ihrem benebelten Zustand oft von Autos ├╝berfahren oder anderweitig zu Schaden kommen. Ich weiss nicht, was davon zu halten ist, weil seine Geschichten immer wieder ÔÇô nett ausgedr├╝ckt ÔÇô etwas an der Realit├Ąt vorbeigehen. Aber er meinte, er w├╝rde gerne mit mir, da ich ein Handy mit Videofunktion habe, Interviews f├╝hren, also scheint er zumindest daran zu glauben.

…und konstruktive L├Âsungen

Eine interessante Frage, die sich mir hier in Bezug auf die vielen Obdachlosen hier in Curitiba stellt, ist: Wie kann man ihnen helfen, sich selbst zu helfen? Wenn an der Geschichte mit der Drogenvergabe etwas dran ist, ist diese Variante, mit dem Obdachlosenproblem aufzur├Ąumen, nat├╝rlich zu verurteilen. Essen zu verteilen, ist sicher eine gute Sache. Aber gebe ich einem Obdachlosen Essen, hilft ihm dies nicht zwingend dabei, Wege zu finden, morgen dieses Angebot nicht mehr in Anspruch nehmen zu m├╝ssen.

Ich weiss selbst nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund komme ich hier in Curitiba regelm├Ąssig ins Gespr├Ąch mit Obdachlosen, und auch wenn ich selten direkt auf dieses Thema zu sprechen gekommen bin, so durfte ich mir durchaus ein Bild von der Situation einiger dieser Menschen machen. Es gibt jene, die ganz zufrieden sind, ich kenne sogar einen, der relativ viel Geld hat, aber es mehr oder weniger als Sozialexperiment macht. Und dann scheint es die weiteren zwei Typen zu geben, die sich in ihren Perspektiven zu unterscheiden scheinen.

Obdachlose Unternehmer

W├Ąhrend ich tagt├Ąglich eine Anzahl von Obdachlosen passiere, die vor├╝bergehende Passanten um eine Zigarette, diverse Drogen, Alkohol oder Geld zur Beschaffung einer dieser Vergesser anschnorren (durchaus erfolgreich), treffe ich auch immer wieder jemanden wie meinen eingangs beschriebenen neuen Freund, deren Pl├Ąne weiter reichen als zur n├Ąchsten Beruhigung, zum n├Ąchsten Vergessen. Vielleicht ist er etwas gr├Âssenwahnsinnig, wenn er Pr├Ąsident werden will. Aber sein Ziel f├╝hrt in vorw├Ąrts, nicht im Kreis.

Vielleicht sollten wir Obdachlose ├Ąhnlich betrachten wie ein Crowdfunding-Projekt. Welches Ziel verfolgt das Projekt? Halten wir dieses Ziel f├╝r unterst├╝tzenswert? Vertrauen wir der Person, dieses Projekt auch umzusetzen? Habe ich die Mittel, die Zeit, um zu helfen? Mein treuer neuer Freund, der regelm├Ąssig vor meiner Haust├╝re wartet, bat mich bereits einige Male, meinen Laptop samt Internet benutzen zu d├╝rfen. Nat├╝rlich, wenn ich gerade Zeit hatte. Anderen gebe ich beim Musizieren eine Trommel oder Rassel in die Hand, mit der sie sich dann (mehr oder weniger im Takt) austoben. Wieder andere bitten um Geld f├╝r Alkohol. Sie bekommen daf├╝r zwar Ehrlichkeitspunkte, aber ich habe nicht vor, sie in ihrem Kreislauf aus Scham und Vergessen zu unterst├╝tzen. In dem Moment jedoch, an dem sie aus diesem Kreis ausbrechen wollen, helfe ich gerne.

Wer in ein Loch gefallen ist, f├╝r den mag es leichter sein, im Kreise zu laufen, als hinauszuklettern. Manchmal trauen wir es den Gefallenen auch nicht zu, verurteilen sie als Menschen, die in ihrem Leben nichts zusammenbringen. Auf die wir herabschauen k├Ânnen.

Doch manchmal findet sich der Esel auch am Berg.

Niklas

130626-1743

Heute Abend habe ich den Zauberer von Oz auf Portugiesisch ausgelesen ÔÇô in einem stillgelegten Strassenbahnwagen mitten in der XV de Novembro, einer der Haupt-Einkaufsstrassen Curitibas, die Autos nicht befahren d├╝rfen. Innerhalb des Waggons befinden sich neben einer guten Auswahl von B├╝chern auch einige Sitzgelegenheiten, um gleich vor Ort in die gew├Ąhlten Geschichten hineinzuschnuppern oder, wie in meinem Fall, einige Stunden tief in die Fantasie eines seit etwa einem Jahrhundert verstorbenen Autors einzutauchen.

In der N├Ąhe meines Apartments befindet sich der Passeo Publico, ein grosser Park mit Lauf- und Fahrradwegen, einem eingebauten Tierpark, Steinformationen, ├╝berdachten Spielbrettern, an denen sich ├╝berwiegend ├Ąltere Herren zum Kartenspielen versammeln, ein Spielplatz, ein kleiner Skate-Park und eine Art Freiluft-Fitness-Studio inklusive Barren und grossen Anleitungsschildern f├╝r erste ├ťbungen.

Die Macht sei mit dir

130605-1616

├ľffentliche Einrichtungen wie diese, die f├╝r Kinder, Jugendliche, Erwachsene wie ├Ąltere Menschen frei zug├Ąnglich sind, wie eben Bibliotheken, Parks oder unser Freiluft-Fitnessstudio, sind erm├Âglichende Einrichtungen. Es k├Ąme uns vermutlich seltsam vor, Erwachsene vorzuschreiben, sie m├╝ssten ein Buch in der Woche in einer ├Âffentlichen Bibliothek lesen, oder ein bestimtes Buch, oder sie h├Ątten bestimmte ├ťbungen im Freiluft-Fitnessstudio zu machen, ob sie es wollten (k├Ânnten) oder nicht. Diese Einrichtungen werden von Menschen wegen ihres subjektiven Nutzwertes aufgesucht. Bestimmte B├╝cher werden gelesen. Bestimmte ├ťbungen werden gemacht, andere eben nicht. Diese Einrichtungen erweitern den Handlungsspielraum der Nutzer durch ihr Angebot, anstatt ihn einzuschr├Ąnken.

Respekt, wem Respekt geb├╝hrt

Kinder und Jugendliche werden in diesen Einrichtungen gleich behandelt wie Erwachsene. Sie werden als Menschen respektiert, in denen ihnen nicht vorgeschrieben wird, was sie zu tun haben, sondern, welche Grenzen es f├╝r alle, auch f├╝r Erwachsene, an diesem Ort f├╝r ihren Handlungsspielraum gibt. Niemand darf B├╝cher mutwillig besch├Ądigen. Niemand darf jemanden von Fitnessger├Ąten schubsen. Aber im Gegensatz zu Schulen gibt es keine mir bekannten F├Ąllen von Grenz├╝berschreitungen oder gar Verletzungen, obwohl oftmals Kinder und Jugendliche ohne Aufsicht die Fitnessger├Ąte benutzen. Sie werden respektiert, und respektieren dadurch augenscheinlich nicht nur die allgemein f├╝r diesen Ort geltenden, sondern auch ihre eigenen inneren Grenzen.

Menschen wie wir

130626-1742

Vielleicht kann uns dies als Richtlinie f├╝r die Gestaltung unser ├Âffentlichen Einrichtungen (auch Schulen!) und ihren Reglementierungen dienen: w├╝rden es Erwachsene in dieser Form und unter diesen Bedingungen nutzen? Wenn wir erst ein Design gefunden haben, das von Erwachsenen genutzt wird, k├Ânnen wir anfangen, die f├╝r die Bed├╝rfnisse der Kinder n├Âtigen Hilfsmittel hinzuzuf├╝gen. Das Kind kann dann zunehmend ohne diese Hilfsmittel auskommen, bis es die ├Âffentliche Einrichtung auch ohne fremde Hilfe nutzen kann. Ein Kind ist kein Un-Mensch, sondern ein Mensch, dem seine Abh├Ąngigkeit von anderen mehr bewusst ist als dem durchschnittlichen Erwachsenen. Diese Abh├Ąngigkeit raubt ihm noch lange nicht sein Mensch-sein.

Es geht mir um eine Umsetzung der angeblich universalen Menschenrechte, nicht nur f├╝r Erwachsene, sondern auch f├╝r Kinder und Jugendliche, um zus├Ątzliche Hilfe anstatt zus├Ątzlicher Einschr├Ąnkungen f├╝r jene, die das wenigste politische Mitspracherecht haben.

Vertr├Ąge, besonders internationale, sind ja etwas Sch├Ânes und sicher auch Wichtiges. Aber solange wir (unter anderem) in unseren Schulen Kinder und Jugendliche tagt├Ąglich entgegen dieser Grundrechte wie Nicht-Menschen behandeln, sind sie nichts weiter als hohle Worte.

Lasseen wir den Worten Taten folgen.

Niklas