Am Donnerstag besuchte ich einen Freund in Linz, der ständig den Satz „We have to admit it“ (Wir müssen es anerkennen) benutzt, ohne dass es ihm auffällt. Diesen Satz – in anderen Zusammenhängen – wiederholt zu hören, hat einen Prozess zu einem vorläufigen Abschluss gebracht, der mich seit einigen Wochen beschäftigt: Ich bin die letzten Monate gescheitert. Ich kann mir einreden, dass die Voraussetzungen mangelhaft waren, dass ich nicht alleine dafür verantwortlich war und dass auch sehr viel von dem, was ich getan habe, positive Konsequenzen nach sich gezogen hat, und alles das ist meiner Ansicht nach ebenso wahr. Aber das, was ich erreichen wollte, habe ich nicht erreicht. Ich muss es also anerkennen: Ich bin (zumindest vorläufig) gescheitert.

In den ersten Tagen nach dem Ende der Zusammenarbeit war ich schlicht zu irritiert von dem, was geschehen ist. Ich habe es schlicht nicht verstanden, weil es so gar nicht in meine Weltsicht zu passen schien: dass im Grunde alle Menschen in jeder Situation so handeln, wie sie es für am besten halten. Es erschien mir einige Wochen lang schwer möglich, diese Weltsicht, an der ich ehrlicherweise doch sehr hänge, in Anbetracht des Geschehens aufrecht zu erhalten. Nach vielen Gesprächen, einigen Büchern, Videos, langen Spaziergängen und krankheitsbedingt im Bett verbrachten Tagen und Nächten geht es mir nun wieder besser. Ich habe vor Monaten mal über qualitatives Lernen geschrieben, und wie massive Frusterfahrungen oft die Voraussetzungen sind, dass sich signifikant etwas am Denken und Verhalten von Menschen ändert. Ich bin mit dem gescheitert, woran ich mit ganzem Herzen glaube, nämlich die Etablierung von stützenden Strukturen an einer Schule. Wir müssen es anerkennen, wie mein Freund sagen würde. Aber wenn dieses Scheitern nicht dazu führen soll, dass ich alles hinwerfe, muss ich mich der Frage stellen, woran es lag, und was ich selbst bei einem nächsten Mal anders, besser angehen kann. Hier muss qualitatives Lernen bei mir stattfinden, wenn die letzten Monate ihren Sinn haben sollen. Also will ich es versuchen:

Kapazitätsüberschreitungen

Ich glaube, der massivste Fehler, den ich gemacht habe, war jener der Selbstüberschätzung, verbunden mit der Scham, um Hilfe zu bitten, was gemeinsam eine explosive Mischung darstellt. Ich war den Luxus einer vermutlich außergewöhnlichen freien Schule gewohnt, ein eng zusammenarbeitendes Team um mich zu haben, das den Eingewöhnungsprozess eines neuen Mitarbeiters mitträgt und mitbegleitet. Ich war es gewöhnt, jederzeit mit anderen Mitarbeitern reden zu können. Dass Regeln schriftlich festgelegt sind, so dass man sie jederzeit nachlesen und gemeinsam ändern kann. Dass es regelmäßige Gesprächstermine für alle Mitarbeiter gibt. Dass Konflikte offen und lösungsorientiert angesprochen werden. Gewöhnt und damit verwöhnt von allen möglichen Errungenschaften, die ich wohl fälschlicherweise auch hier als vorhanden oder zumindest als Wunschvorstellung aller angenommen hatte. Ich hatte (wohl utopischerweise) angenommen, dass der Nutzen jener Institutionen und Strukturen völlig offensichtlich sei.

Und, mich illusorisch auf die Zusammenarbeit eines Teams verlassend und nach einigen Wochen auf mich selbst zurückgeworfen, war ich zu stolz, mir einzugestehen, dass meine selbstgestellte Aufgabe so nicht durchführbar war und meine eigenen Kapazitäten massiv überstieg. In meiner Überforderung habe ich übersehen, dass diese Überforderung nicht (nur) an meinen mangelnden Fähigkeiten (schwer einzugestehen, wenn auch sicherlich mit wahr), sondern auch an den strukturellen Schwierigkeiten liegen konnte, die es wohl auch dem besten Lehrer erschwert bis unmöglich gemacht hätten, meine Aufgabe zu erfüllen. Jetzt, Wochen später und mit einer gewissen emotionalen Distanz, fällt es leichter, die persönliche wie die strukturelle Ebene mitzubetrachten. In gewisser Weise hängen beide zusammen: Je weniger hilfreich die Struktur ist, in der ich mich bewege, desto mehr muss ich durch persönliche Fähigkeiten ausgleichen. Damit ergeben sich zwei Ansatzpunkte, etwas zu verbessern, wobei ich nur über einen davon direkte Kontrolle habe.

Sicherheit

Ich war aus formellen Gründen in einer besonderen Anstellungsform angestellt worden, wogegen ich auf den ersten Blick nichts einzuwenden hatte, weil ich mich einfach nur freute, diese Chance zu bekommen. Daraus entstanden jedoch zahlreiche problematische Konsequenzen, vor allem auch jene, dass ich im Gegensatz zu etwa einem Lehrer keinen rechtlich begründeten Rahmen hatte, der im Konfliktfall stützend wirkte und Sicherheit geben konnte. Der stützende Rahmen wurde hauptsächlich von einer engagierten Führungskraft geschaffen und gehalten – was den Rahmen jedoch auch direkt abhängig machte von deren eigenen Kapazitäten. Dies führte dann zu von ihr sicherlich nicht beabsichtigten, aber für mich auf Dauer untragbaren Situationen.

Ich bin ihr heute dankbar für den Versuch, diesen Rahmen überhaupt zu schaffen, weil er sichtbar sehr gut gemeint war. Nur glaube ich (mittlerweile, nach einigem Nachdenken darüber), dass es auf Dauer undurchführbar ist, nur durch persönlichen Einsatz das zu schaffen, was sie versucht hat, egal, wie stark oder gut ein Mensch ist. Es braucht die Strukturen dahinter, die es ihr erleichtern, nicht erschweren, das zu tun, sonst zehrt es zu viel an ihren eigenen Kapazitäten. Was passiert, wenn die eigenen Kapazitäten (mit besten Absichten, was es besonders bedauerlich macht) dauerhaft überschätzt werden, durfte ich in verschiedensten Formen erleben.

In Zukunft würde ich eine Aufgabe wie jene, die ich mir gesetzt habe, nur noch im Rahmen entweder eines Lehrerpostens (der von Vornherein einen rechtlich abgesicherten sicheren Rahmen unabhängig von Einzelpersonen darstellt) oder einer auch offiziell/rechtlich für diese Aufgabe geschaffene Stelle ausführen wollen. Dies nicht von Anfang an „richtig“ eingeführt zu haben, hat sicher dazu beigetragen, dass mein Versuch, sie später, als alles bereits ins Wanken geraten war, nachträglich einzuführen, gescheitert ist. Ich habe dadurch zumindest dazu beigetragen, eine Überforderungs-Situation mit zu erschaffen, die nicht nur mich betroffen hat. Dazu beigetragen hat sicher auch mein teilweise wohl etwas naiver Glauben an das Gute im Menschen.

Die Wahrheit hinter den Fassaden

Mein Bruder hat mir in einem sehr persönlichen Gespräch aufgezeigt, wie illusionär mein Weltbild in manchen Belangen eigentlich ist. Ich halte es immer noch für eine gute Sache, an das Beste im Menschen zu glauben, weil es wohl auch das Beste an ihm fördert, dass er zu geben bereit ist, aber es kann problematisch werden, sich (blind) darauf zu verlassen. Er hat mir die Frage gestellt, ob ich wohl, wäre ich ein Lehrer, der den Job tatsächlich nur wegen dem Urlaub macht und dem seine eigene Familie oder seine Hobbies wichtiger ist als sein Job, das auch laut sagen würde? Und dann ist mir klar geworden, dass wir es hier mit Scham zu tun haben, der „Königin der Emotionen“, wie René Brown schreibt. Es ist nicht sehr angesehen, als Lehrer zu sagen, man mache den Job nur, weil er halt ein gemütlicher Job ist, darum wird es auch selten jemand offen sagen. Und die meisten Sachen, die Lehrer machen, werden zumindest offiziell „zum Wohle der Kinder“ so gemacht, weil das einfach besser klingt als zum Beispiel ein „Ich hatte keine Lust, mich mehr zu bemühen, ich wollte zum See baden fahren“. Das bedeutet aber auch, dass es durchaus realistisch ist, dass das offizielle Bild meiner Kollegen (unabhängig von der spezifischen Schule oder Firma, ich rede hier von strukturellen Fragen) ziemlich von dem abweichen kann, wie sie in konkreten Situationen handeln.

Interessanterweise ist es möglicherweise gar nicht so sehr die Vorstellung, dass nicht alle Lehrer ein ureigenes Interesse daran haben, ihre Schule zu einer großartigen Schule zu machen, die mich irritiert. Ich glaube, ich kann damit umgehen, wenn Kollegen offen sagen, ihnen ist ihre Familie oder ihr Hobby wichtiger. Problematisch wird es für mich vor allem dann, wenn ich mich auf ihre Aussagen verlasse. Dann gehe ich davon aus, dass Kollege die Zusage X zuspricht und es auch tatsächlich so meint, während er möglicherweise nur zugestimmt hat, um nicht schlecht dazustehen oder um einen Konflikt zu vermeiden, und dann in Wahrheit uninteressiert oder sogar tatsächlich dagegen ist. Wenn ich mich nun jedoch auf sein X verlasse und dann sinngemäß ent-täuscht werde, so kann ich relativ rasch ins Strudeln kommen und meine eigenen Zusagen, die sich auf seine Zusage X verlassen, nicht mehr einhalten. Vor allem in einem ohnehin bereits chronisch überlasteten System wie einer Schule kann das zu unschönen Kettenreaktionen führen.

Man könnte jetzt argumentieren, dass das ein sehr individuelles Problem meinerseits ist – nur führt dies systemisch betrachtet im Grunde ganz allgemein zu einem gewissen Misstrauen untereinander. Und wenn ich anderen nicht mehr traue, mich auf sie verlassen zu können, bin ich im rasch auf mich selbst und meine eigene Kapazität zurückgeworfen, anstatt die gestalterische und stützende Macht einer Gemeinschaft für eine gemeinsame Sache nutzbar machen zu können. Vielleicht ist das illusorisch, aber ich glaube, dass es der Lehrergemeinschaft einer Schule mehr Nutzen als Schaden bringt, wenn die einzelnen Mitglieder ihre persönlichen Visionen und Prioritäten in einem geschützten und wertfreien Raum offenlegen können. Dann könnten jene, deren Visionen und Prioritäten sich überlappen, in vertrauensvoller Atmosphäre zusammenarbeiten, und die anderen müssten nicht mehr unnütze Energie verschwenden, ihre hintergründigen Einstellungen zu verbergen. Was einer wie auch immer gearteten konstruktiven Veränderung wohl am meisten im Weg ist, ist die Unfähigkeit oder –Willigkeit, die Realität anzuerkennen. Man kann die schönsten Hebel entwerfen, um die Welt aus den Angeln zu heben, wenn die Vorstellung der Welt auf Illusionen basiert, wird der Hebel nicht greifen können.

Das Problem ist nicht so sehr, dass einzelne Lehrer vielleicht nicht 100%ig geeignet für ihren Beruf seien, wie es manche behaupten. Selbst in Unternehmen stellen jene Menschen (laut meinem Bruder) offensichtlich zumindest eine nicht unbedeutende Minderheit, und trotzdem funktioniert das Ganze so halbwegs. In einer Schule, in der nicht zusammengearbeitet wird, kommen auf jeden einzelnen Lehrer heute jedoch rein strukturell gesehen eine solche Ansammlung von Aufgaben zu, dass das auf Dauer gesehen (!) nicht gutgehen kann. Menschen können – vor allem, wenn sie das Gefühl haben, für eine wichtige Sache einzustehen – eine Zeit lang weit über ihren eigentlichen Kapazitäten arbeiten. Aber irgendwann bricht der erste ein, und die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, ist für mich eine funktionierende klassen-übergreifende Zusammenarbeit, so dass durch die Schaffung von Synergien die Kapazitäten der Lehrer auch effektiv genutzt werden können.

Es ist illusorisch, davon auszugehen, dass ein jeder Lehrer in allen an ihn gestellten Aufgaben brillant ist. Aber es kann durchaus realistisch sein, dass in der Gemeinschaft der Schule jemand ist, der für die jeweilige Aufgabe gut geeignet ist. Reale, funktionierende Arbeitsteilung kann aber nur in einem Team entstehen, das neben den individuellen Teilaufgaben jedes einzelnen die gemeinsame Gesamt-Aufgabe im Blick hat und sich vertrauen kann. Nicht mehr Lehrer oder mehr Unterstützungspersonal können Schulen und Lehrer meiner Ansicht nach „retten“, sondern die effizientere Zusammenarbeit aller. Da verpufft derzeit gefühlte 90% der Energie nutzlos, was mich ziemlich betroffen macht, weil ich es so schade finde, wenn inspirierte Menschen dann irgendwann ausbrennen und resignieren, weil da die unterstützenden Strukturen fehlen. Mal ganz abgesehen vom volkswirtschaftlichen Wahnsinn: kein Unternehmen am freien Markt könnte lange bestehen, das die eingesetzte Arbeitskraft nur zu 10% nutzbar macht.

Holistisches Design

In den Weihnachtsferien habe ich auch eine Biographie von Steve Jobs, dem Mitgründer von Apple, gelesen, und was mich fasziniert hat, war die Einstellung, jedes kleinste Detail durchzudesignen, etwas, wofür ich bisher noch sehr wenig Aufmerksamkeit aufgewendet habe. Während des Lesens ist mir jedoch ein mentales Bild entstanden, in dem ein Verkaufsregal mit mehreren Boxen zu sehen ist. In den Boxen sind meine Ideen als Produkt, und die Boxen sowie die Gestaltung des Regals sind die Art und Weise, wie ich die Ideen präsentiere sowie wie ich selbst als Mensch auf andere wirke. Den Inhalt der Boxen halte ich bereits jetzt für sehr wertvoll, aber die Boxen und das Regal sind noch so uninteressant gestaltet, dass viele potentielle „Kunden“ einfach daran vorübergehen. Wenn ich also will, dass mehr Menschen sich für die Ideen in den Boxen interessieren, muss ich lernen, mich auch um den Rest der „Kauferfahrung“ zu kümmern. Im Grunde werde ich lernen müssen, meine Ideen in minimaler Zeit so zu erklären, dass sie auch jemanden, der ursprünglich eigentlich gar kein Interesse daran hat, faszinieren können. Da bin ich offensichtlich noch nicht.

Als ersten – auch symbolischen – Schritt habe ich mir von meiner Schwester die Haare schneiden lassen. Sie waren eine der „Krücken“, von denen ich hier häufig geschrieben habe – sie haben es mir abgenommen, andere Menschen ansprechen zu müssen, weil ich oft von ihnen auf meine Haare angesprochen wurde. Dadurch habe ich jedoch auch ein Stück weit verlernt, selbst andere Menschen anzusprechen, etwas, was ich nun, um meine Ideen zu verbreiten, (wieder) lernen muss. Ich bin Teil der „Box“, in der meine Ideen und Anliegen stecken.

Vor allem aber passten die Haare nicht mehr in mein Tai-Chi-mitbeeinflusstes Weltbild. Im Tai Chi wird (unter anderem) versucht, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Wirkung zu erzielen, also möglichst große Hebelkräfte zu identifizieren und zu nutzen. Meine langen Haare waren ein ziemlich großer Hebel, aber teilweise war der Hebel auch einfach unnötig groß und schuf dadurch nicht nur Vorteile. Die Aufgabe, die ich mir gerne für die nächsten Monate stellen würde, ist jene, immer weniger dieser „Krücken“ zu brauchen und mit immer feineren Handlungen immer größere, aber vor allem auch genauere Wirkungen zu erzielen.

Wann „klappt“ es endlich?

Es ist interessant, was passiert, wenn man an dem Punkt kommt, durch seine Frustration und seine Scham über das Scheitern „hindurchgegangen“ zu sein. In einem Buch über lernende Organisationen, das ich gerade lese, spricht der Autor von der kreativen Spannung zwischen Vision und Realität, und dass üblicherweise nach einem frustrierenden Erlebnis die Vision der Realität angepasst wird, um die Spannung nicht mehr fühlen zu müssen. Aber geht man durch das Erlebnis, stellt man möglicherweise fest, dass die Lösung zwar für die angenommene Realität funktioniert hätte, man aber die Realität einfach noch lange nicht genug verstanden hat, damit die entworfenen Hebel auch in sie greifen und etwas bewegen können.

Die schockierendste und auf den ersten Blick unangenehmste Realität ist wohl immer die, wenn man feststellt, dass man etwas an sich selbst wird ändern müssen, um etwas an der von allen Menschen geteilten Realität verändern zu können. Es ist leichter, anderen Personen oder „dem System“ die Schuld zu geben und zu schmollen, aber die ändern sich eben genauso ungern wie man selbst es tut. Wahrscheinlich wären die meisten Menschen gerne irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem sie es „geschafft“ haben und nicht mehr ständig durch den Frust, der tiefe Veränderungsprozesse notgedrungen begleitet, kämpfen müssen. Ich ärgere mich jedes Mal wieder, wenn ich feststelle, dass ich „immer noch“ nicht da bin. Rational betrachtet weiß ich, dass es gut ist so, und dass dieser Punkt (hoffentlich) nie erreichbar ist, aber natürlich hilft das nichts gegen den Frust und die Verzweiflung des Scheiterns.

Andererseits könnte man es auch so betrachten, dass ein Scheitern auch ein gutes Zeichen ist: es bedeutet, dass man sich einer Herausforderung gestellt hat, die diesen Namen auch verdient.

Niklas

Beim folgenden Artikel handelt es sich um einen Entwurf für ein 2015 erscheinendes Magazin über alternative Bildung, den ich verfasst habe.

Was geschieht bei der Gründung einer eigenen Schule eigentlich wirklich? Warum verfallen manche Schulen nach kurzer Zeit in Chaos? Was ist die Ursache dieses Chaos? Warum kommen die einen Schulen gestärkt aus diesen chaotischen Phasen heraus, während andere zersplittern oder sich ganz auflösen? Obwohl es sich in den meisten Fällen wohl um sehr individuelle Gründe handeln wird, scheinen die Konfliktherde für mich doch in vielen Fällen doch aus einigen wenigen Grundkonflikten zu entstehen. Da die gefährlichsten Konflikte meist diejenigen sind, die niemandem bewusst werden und sozusagen „heimlich“ mitgetragen werden, bis sie sich in Stellvertreter-Kriegen entladen, möchte ich nun versuchen, mit diesem Artikel ein Bewusstsein für einige mögliche unbewusste Konflikte zu schaffen. Die Intention ist es nicht, Lösungen vorzugeben, die ohnehin jeweils individuell gefunden werden müssen. Ich möchte damit Schulen (oder auch nur Lehrern, die den Mut haben, an ihrer Schule eigene Wege zu gehen) eine Starthilfe geben, die ihnen hoffentlich einigen Frust ersparen kann.

Ein politischer Akt

Die Gründung einer eigenen Schule kommt in vielen Aspekten der Gründung eines eigenen Staates im Staat gleich. Obwohl sich diese kleine neue Welt an gewisse gesetzliche Rahmenbedingungen ihrer Umgebung zu halten hat, ermöglicht es eine Schulgründung, die Antworten auf viele Fragen neu zu finden. Es handelt sich um einen hochpolitischen Akt – zumindest, wenn man politisches Handeln als (mit-)gestalterisches Handeln begreift. In all unserem Handeln spiegelt sich unsere politische und spirituelle Einstellung wieder, die wenig oder auch gar nichts mit politischen Parteien zu tun haben muss. Es gibt keine politisch neutrale Handlung, und schon gar nicht, wenn wir es mit anderen, oft jungen Menschen zu tun haben. „Politische Neutralität“ oder „den Lehrplan erfüllen“ bedeutet nur, ein bestehendes System zu unterstützen, wie schon Paulo Freire vor fast 50 Jahren anmerkte. Dies kann vollkommen legitim sein, wenn man damit zufrieden ist, aber politische Neutralität halte ich für eine Illusion.

Legitimation

Würde eine Schule gegründet, die in allen Bereichen der Regelschule ähnlich oder gar identisch ist, so würde sich die Frage nach der Legitimation bzw. der Daseinsberechtigung der Schule stellen. Da diese Schulgründungen in den meisten Fällen auf Elternbeiträge angewiesen sind, müssen sie den Eltern, die ihre Kinder an jene Schule schicken sollen, einen legitimen Grund bieten, warum diese Schule besser oder zumindest anders ist als die Regelschule. Dies bedeutet einerseits, dass es für eine Schule notwendig sein wird, zumindest in gewissen Bereichen andere Antworten auf die Fragen, die sich an Schulen stellen, zu finden. Andererseits wird es auch notwendig sein, diese anderen Antworten als „besser“ als jene der Regelschule zu präsentieren.

Dies führt relativ rasch zur Frage, woran denn nun erkennbar sei, welche Art von Schule die bessere sei. Eine Möglichkeit ist es, die traditionellen Bewertungsmaßstäbe der Regelschule zu übernehmen und die eigene Schule an den Ergebnissen der Schüler bei den Prüfungen zu messen. Oftmals wird jedoch betont, wie viele „an Regelschulen vernachlässigte“ bzw. auch schwer messbare Disziplinen an den freien Schulen gefördert werden: Teamfähigkeit, Soziale Kompetenzen, Selbstständigkeit etwa. Wenn also die Schüler der eigenen Schule in den traditionellen Leistungsmaßstäben schlechter abschneiden als an der Regelschule, so kann argumentiert werden, dass sie dafür in schwer messbaren Bereichen besser sind. Gerade weil diese Bereiche schwer messbar sind, lassen sich hier schwer Behauptungen von tatsächlichen Leistungen unterscheiden.

Was kann geschehen, wenn weder Schüler, Eltern noch Lehrer nun verlässliche Rückmeldungen haben, ob sie sich an der „besten“ Schule befinden? Es kann zur Verunsicherung einiger Beteiligten kommen. Eine Taktik kann es sein, das Vertrauen der Beteiligten zu beschwören, dass sich die Kinder in der ihr eigenen Zeit entwickeln werden. Eine andere kann es sein, der Unsicherheit durch die Wiedereinführung von strukturierten Phasen, Erwartungen und Rückmeldungen zu begegnen. Eine dritte Möglichkeit bietet der Rückgriff auf wissenschaftliche Forschungen bzw. bekannte pädagogische Konzepte.

Sicherheit der Konzepte

Diese bereits erprobten pädagogischen Konzepte haben den Vorteil, dass sie bereits einmal oder mehrere Male funktioniert haben. Oder zumindest erzählt man es sich so. Wenn ein Kind nun einige Jahre länger braucht, um Lesen und Schreiben zu lernen, wird diese Entwicklung wohl in einer offiziell als „Montessori“-Schule gekennzeichneten Schule von mehr Geduld und Vertrauen begleitet sein als in einer Schule, die auf bekannte Konzepte (zumindest offiziell) verzichtet, um völlig eigene Wege zu gehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse schaffen Vertrauen und begründen eine Art von schwer anfechtbarer Legitimität, die selbst die gegenteilige Erfahrung oftmals überzeugen kann.

Konflikt durch Freiräume der Mitgestaltung

Und das Problem der politischen Legitimität ist eines, das sich ohnehin durch den Alltag vieler Schulen zu ziehen scheint, wenn auch oft unbewusst. Wer als Lehrer in einer Regelschule arbeitet, kann sich noch darauf berufen, „dass Schule eben so ist“. In einer selbst gegründeten Schule ist Schule nicht so, wie sie eben ist, sondern wie sie von den Akteuren innerhalb gesetzlicher Grenzen gestaltet wird. Dies schafft einen Freiraum politischer Mitgestaltung – und Potential für Machtkämpfe. Ohne den Schutz der formellen, gesellschaftlich anerkannten und mit Machtmitteln ausgestatteten Autorität, den Lehrkräfte in Regelschulen genießen, müssen sie sich an freien Schulen entweder auf ihre natürliche Autorität verlassen – oder die entsprechenden formalen Autoritäten erst wieder schaffen. Und so wird aus anfangs sehr freien Schulen oft nach kurzer Zeit wieder eine eher autoritäre Schule.

Doch nicht nur zwischen Erwachsenen und Kindern, sondern auch zwischen Erwachsenen entsteht durch den entstandenen Freiraum enormes Konfliktpotential. Es gibt da plötzlich einen Ort, an dem die Art des Miteinanders weitgehend autonom gestaltet werden kann. Und da die beteiligten Erwachsenen emotional in die Sache verwickelt sind (sie haben die Schule mitgegründet, sie ist damit ihr „Kind“, oder sie sind Eltern der Kinder, die die Schule besuchen), haben sie ein Interesse daran, dass dieser Ort zum bestmöglichen Miteinander für sie und ihresgleichen wird. Und spätestens hier spielen dann politische und auch spirituell/religiöse Einstellungen eine enorme, oft auch unterschwellige Rolle.

Es handelt sich dabei vor allem auch um die Frage, wer legitimiert sei, die Schule zu gestalten bzw. welche Entscheidungen in der Gestaltung legitim sind. Im kleinen Rahmen der Elternversammlungen finden sich sodann all die Machtspiele der „großen“ Politik wieder, komplett mit verdeckten Manövern, Intrigen und Allianzen. Jeder wird zum Bildungsexperten (schließlich haben ja die meisten selbst Kinder). Wenn es nicht gelingt, diese Konflikte auf konstruktivem Wege zu lösen, können sie zu Unfrieden, Unsicherheit bis zur Abspaltung einiger der Beteiligten von der Schulgemeinschaft führen. Nicht nur die Frustration der Beteiligten oder die Einzelschicksale der Kinder, die oft von ihren Freunden getrennt werden, sind dabei zu bedenken. Größere Abspaltungen können auch das (finanzielle) Ende der Schule bedeuten.

Eine Fähigkeit, die dabei eine größere Rolle spielen dürfte, ist jene der Meta-Kommunikation, also der Kommunikation über die Beweggründe und Bedeutungen, die ein jeder gewissen Wörtern zuweist. Alleine der Begriff „Lernen“ etwa lässt zahlreiche Auslegungen zu, und wenn es nicht gelingt, die dahinterliegenden Vorstellungen dem Anderen verständlich zu machen, entsteht die Gefahr, dass aneinander vorbeigeredet wird. Bei den fast unweigerlich aufkommenden Konflikten in der Vorstellung, was eine gute Schule denn nun ausmacht, kann die Meta-Kommunikation helfen, gemeinsame Standpunkte von unterschiedlichen zu unterscheiden.

Eine zweite Fähigkeit, die eine konstruktive Konfliktlösung erleichtern kann, ist jene der Toleranz. Die Weltansichten des Anderen respektieren zu können, ohne ihm die eigene Weltsicht aufdrücken zu wollen oder seine übernehmen zu müssen, also beide Ansichten nebeneinander stehen lassen zu können, ist wohl eine der Grundbedingungen der Meta-Kommunikation. Es ermöglicht jedoch nicht nur eine Meta-Kommunikation, sondern auch, offensichtlich unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander existieren zu lassen, selbst wenn sich keine Möglichkeit zur sofortigen Vereinigung auf eine Vision, eine Wahrheit auftut.

Legitimität durch wissenschaftliche Absicherung

Da die Legitimation der führenden Gestalter der Schule nun ständig angezweifelt werden kann (und man nie 100%ig wissen kann, ob die Eltern zufrieden sind oder es nur aufgegeben haben, ihre Unzufriedenheit offen zu äußern), stellt sich die Frage, wie es möglich wird, diese Legitimation zu festigen. Eine Möglichkeit besteht darin, ein Konzept zu entwickeln oder zu übernehmen, das möglichst wissenschaftlich abgesichert (und damit legitimiert) ist. Wenn die handelnden Personen dann Unsicherheit verspüren, können sie sich darauf verlassen, das richtige zu tun, weil das Konzept es vorschreibt. Da jedoch wissenschaftliche Ergebnisse immer nur als vorläufig anzusehen sind (eben, bis ein Gegenbeweis erbracht wurde), besteht auch hier noch die Möglichkeit, Fehler zu machen. Je detaillierter das Schulkonzept jedoch ist, desto mehr erlöst es vor der Verantwortung, für eventuelle Fehler geradezustehen.

Fehlergefahr

Und nun nähern wir uns einem nächsten Problem: vor allem neu gegründeten Schulen werden Fehler nur schwer verziehen. Immerhin hat die Schule erklärt, alles (oder zumindest vieles) besser machen zu wollen, und hat nun einen Ruf zu verlieren. Meldungen über chaotische Zustände, überforderte Lehrer oder irritierte Schüler sind da unbrauchbar. Eine Möglichkeit, dem zu entgehen, ist es wiederum, sich an bekannte Konzepte zu halten, und zu Vertrauen aufzurufen, denn das Konzept habe sich schließlich bewährt, es dauere nur ein wenig, bis sich alle daran gewöhnt hätten. Eine andere ist es, von vornherein anzukündigen, dass Fehler passieren werden, weil alle Beteiligten nur Menschen sind. Das wäre wohl die ehrlichste Variante, hat jedoch den Nachteil, dass es möglicherweise schwerer wird, Eltern zu überreden, ihre Kinder als Versuchskaninchen an die neue Schule zu schicken.

Alternativ kann auch versucht werden, alle möglicherweise als negativ ausgelegten Informationen einfach zu verheimlichen, um den Ruf der Schule nicht zu schädigen. Dies hat allerdings den Nachteil, dass der Ruf der Schule dann umso mehr in den Dreck gezogen wird, wenn im Nachhinein bekannt wird, was verheimlicht wurde – und dies passiert dann häufig in Form von den Gerüchten, die man eigentlich dadurch verhindern wollte. Der Informationsfluss zwischen Schulgeschehen und Außenwelt kann schwerlich ganz verhindert werden. Andeutungen über „interessante“ Zustände in der Schule, die als Gerüchte die Runde machen, können dann viel mehr Schaden anrichten als das Zugeben von Fehlern und den Folgen. Im ersteren Fall kann die Schule Vertrauen verlieren, ohne es überhaupt zu merken, im zweiten Fall hat sie die Möglichkeit, Geschehnisse aus ihrer Perspektive, mit ihrer Begründung und Wertung zu präsentieren.

Gefahren der Öffnung und der Isolation

Eine Schulgründung ist die Schaffung eines Freiraumes innerhalb eines gesetzlichen Rahmens. Je mehr sich die Schule ihrer Umgebung öffnet, desto mehr Synergie-Effekte können sich ergeben, desto mehr Verständnis wird ihr entgegengebracht und desto mehr Verständnis können ihre Schüler für die Außenwelt erlangen. Je offener die Schule jedoch gegenüber der sie umgebenden Welt ist, desto mehr setzt sie sich auch der Gefahren dieser Welt wie schlechter Presse aus, und desto mehr steigt der Druck, sich an die Konventionen der Außenwelt anzulehnen. Je geschlossener die kleine Welt, die die Schule darstellt, ist, desto freier kann der Freiraum innerhalb dieser kleinen Welt und innerhalb der Zeit, die die beteiligten Personen darin verbringen, gestaltet werden. Dies ermöglicht ein freieres Experimentieren mit Ideen und Konzepten, birgt aber auch die Gefahr der Bildung von gesellschaftlichen Sonderlingen und realitätsfremden Träumern.

Eine jede Zelle in der Natur hat an der Verbindungsstelle zwischen Zellkern und Außenwelt eine sogenannte Membran, die den Austausch zwischen den beiden Welten steuert. Würde sie diese Membran völlig aufgeben, würde sie von der Außenwelt zerstört werden und aufhören als eigene Instanz zu existieren. Würde die Membran völlig undurchlässig werden, würde die Zelle, die auf den Austausch mit der Außenwelt angewiesen ist, ebenso zugrunde gehen. Eine Aufgabe einer neu gegründeten Schule ist es, diese „Membran“, also die Kommunikation mit der Außenwelt auf diesem schmalen Grat zu gestalten.

Diktatorentausch

Viele, die eine neue Schule gründen wollen, erkennen das System der Regelschulen als etwas, das sie an eine Diktatur erinnert, und wollen eine Alternative schaffen, die dann demokratischer funktioniert. Nach der erste Euphorie der Gründungsphase müssen sie sich dann von einem Schüler der Schüle etwa anhören lassen, dass die schöne neue Schule „wie die alte ist, nur ohne Pausen“ (Originalzitat). Oder die Schüler besitzen die Frechheit, sich nicht in der Freiheit, die ihnen gewährt wird, für das zu entscheiden, was die Erwachsenen als richtig finden. Kurz: die Schüler verhalten sich anders, als dies in den pädagogischen Meisterwerken oder dem Schulkonzept beschrieben wurde, und auch die eigenen Emotionen der Lehrer sind ganz anders als die einer Maria Montessori – die Praxis folgt oft der schönen Theorie nicht.

Und nun folgt eine sehr bösartige Frage, von deren ehrlicher Antwort wohl vieles abhängen mag: wurde es durch die Schulgründung geschafft, die Diktatur der Regelschule durch eine Form des Zusammenlebens zu ersetzen, die tatsächlich demokratisch(er) (bzw. was eben das Ziel war) legitimiert ist, oder wurde nur der Diktator des Regelschulwesens durch andere Diktatoren mit anderen Vorstellungen von der guten Gesellschaft ersetzt, wie ein von oben angeordneter Faschismus durch einen von oben angeordneten Sozialismus (oder umgekehrt)? Oder wurde tatsächlich etwas Neues im Sinne der Machtverhältnisse geschaffen? Handelt es sich um einen Paradigmenwechsel oder doch nur um einen Wechsel der Personen an der Spitze?

Und jetzt?

Die wohl schwerste Prüfung lauert wohl nicht am Anfang einer Schulgründung, sondern am Ende der oft jahrelang dauernden Gründungsphase. Die ersten Schlachten sind geschlagen und wurden erfolgreich überlebt, funktionierende wurden von nicht funktionierenden Praktiken unterschieden und tatsächlich ein Konzept entwickelt, mit dem alle Beteiligten gut zurechtkommen. Die Schulführung genießt das Vertrauen der Eltern, die Lehrer das Vertrauen der Kinder. Diese können sich sowohl in den Maßstäben der Regelschule als auch in den eigenen gesetzten Maßstäben gut mit den Absolventen der Regelschule messen. Das Konzept wurde verschriftlicht und gewinnt nationale, vielleicht sogar internationale Anerkennung. Es ist alles gesagt und alles getan, die Arbeit vollbracht. Hier an jenem Punkt scheidet sich die Spreu vom Weizen.

Eine Möglichkeit besteht nun darin, sich auf das Erreichte zu verlassen – mit wie vielen Entbehrungen und Konflikten wurde es nicht erkämpft! Die Schule ist sozusagen „erwachsen“ geworden, verlässlich, verantwortungsbewusst. Und doch darf sie, wie ich glaube, gerade an jenem Punkt nicht aufhören, mit den Anforderungen der Außenwelt mitzuwachsen – nicht als Fortschritt mit bestimmter Richtung, sondern als Flexibilität gegenüber den Bedürfnissen aller Beteiligten. Eine Schule, die er-wachsen geworden ist, also dieses Potential zur Flexibilität, zur Adaption nicht mehr aufweist, ist eine tote Schule, die ihre Legitimation aus einer Vergangenheit zieht, in der sie noch lebendig war.

Zusammenfassung und Ausblick

Wenn wir, wie eingangs ausgeführt, davon ausgehen, dass sich Schule sowohl im alltäglichen Schulgeschehen als auch in der Führung der Schule als Legitimationskonflikt betrachten lässt, lässt dies vor allem eine Anforderung an die Beteiligten erahnen: die Fähigkeit, für einen Standpunkt einzustehen und ihn anderen verständlich zu machen. Wenn Fragen offen und neu gestellt werden, liegt es in der Natur der Sache, dass verschiedene Menschen aufgrund ihrer Weltbilder verschiedene Antworten darauf finden werden. Dies erzeugt eine Unsicherheit nicht nur dahingehend, wie viele Punkte nach gewissen Kriterien bestimmte Antworten bekommen, sondern auch, welche Kriterien überhaupt betrachtet werden. Werden diese unterschiedlichen Kriterien gar nicht zur Sprache gebracht, folgen zermürbende Stellvertreterkriege, die durch klare Aussagen über Wertigkeiten wohl vermeidbar wären.

Ich hoffe, mit diesem etwas längeren Artikel dazu beigetragen zu haben, ein Bewusstsein für einige der unterschwelligen Prozesse zu schaffen, die eine Schulgründung oder ganz allgemein das Suchen und Begehen eines eigenen pädagogischen Weges begleiten. Nun bleibt mir nur noch, allen, die es bis hierher ausgehalten haben, viel Mut und Durchhaltevermögen bei ihren Vorhaben zu wünschen – vielleicht wird man sich in einigen Jahren auch an ihre Namen mit der Ehrfurcht erinnern, die man heute einer Montessori oder einem Freinet zukommen lässt.

Niklas

Heute musste ich traurigen Herzens eine Hoffnung begraben. Die Hoffnung, dass meine Zeit an der pädagogischen Hochschule im Februar nun endlich einen Abschluss finden würde. Nach fast eineinhalb Jahren und der nunmehr zehnten Version meiner Abschlussarbeit und (in allen Versionen zusammen) über 400 Seiten musste ich wiederum feststellen, dass es nicht reichen sollte. Dies bedeutet nicht nur, dass ich die Arbeit noch einmal zu schreiben habe, es bedeutet auch eine Verschiebung von mindestens einem zusätzlichen Semester. Ich hatte gehofft, diese vermeintliche Lappalie nach all diesen Stunden, die ich hineingesteckt hatte, endlich hinter mich bringen zu können, aber dem war nicht so. Was war daran so schwer für mich, knapp 40 Seiten Wissenschaftliches zusammenzubringen?

In dem Gespräch mit meinen beiden Betreuerinnen, das nach meiner doch sehr grossen Enttäuschung noch stattfand (und falls ihr das lest, danke an dieser Stelle nochmals dafür), schälte sich ein möglicher Grund heraus. Sinn und Zweck einer Bachelorarbeit ist es, soweit ich es nun verstanden habe, sich mit einem Thema zu beschäftigen und zu diesem Thema ein fundiertes Fachwissen anzusammeln. Es geht also darum, sich mit Thema, zu dem der Verfasser anfangs wenig wusste, Informationen auf wissenschaftliche, vergleichende Weise zu befassen. Es geht nicht darum, tatsächlich Inhaltliches zur wissenschaftlichen Forschung beizutragen. Alle meine Arbeiten entstanden jedoch genau unter diesen Vorzeichen. Ich glaubte (und glaube immer noch), mit meinen Erfahrungen etwas zur Weiterentwicklung der Pädagogik beitragen zu können. Aber diese Arbeit ist schlicht und ergreifend nicht das Medium dafür.

Zu vernetztes Denken

Zudem wurde mir heute durch unser Gespräch ein anderes spannendes Phänomen bewusst: es fällt mir sehr schwer, nicht zu assoziieren. Mein Denken läuft wohl in aussergewöhnlichem Mass über diese Assoziationen, was grosse Vorteile bringt, wenn ich etwa Zusammenhänge verstehen will. Ich kann ein Buch mit 700 Seiten lesen und verstehe im Regelfall die für mich interessanten Zusammenhänge, weil ich automatisch Assoziationen mit meinem schon bestehenden Weltbild knüpfe. Was ich dafür absolut nicht gut kann, ist, mir Informationen etwa in Form von unzusammenhängenden Listen einzuprägen. Ich verstehe Zusammenhänge blitzschnell, aber ein Auswendiglernen ist mir fast unmöglich. An meinen Noten in den verschiedenen Seminaren an der Hochschule lässt sich wohl eine ziemlich exakte Statistik erstellen, welche Prüfungen eher auf Verständnis und welche eher auf ein Auswendiglernen von Fakten ausgelegt sind.

All dies war mir bereits länger bewusst. Dieses Assoziieren ermöglicht mir, zwischen scheinbar völlig unzusammenhängenden Ideen Verbindungen herzustellen und Regelmässigkeiten zu finden, die wohl nur wenigen Menschen auffallen, aber mein Leben in vielen Situationen erleichtert. Aber ich wusste nicht, dass ich dieses Assoziieren bereits so automatisiert zu haben scheine, dass ich es nicht ausstellen kann, selbst wenn ich dies möchte. Ich schaffe es offensichtlich nicht, bei einem Thema zu bleiben. In meinem Denken sind Themen durch die vielen Assoziationen offensichtlich völlig anders abgegrenzt als in der restlichen Welt, und die Sprünge, die ich von aussen betrachtet vollziehe, sind für mein Denken oft gar keine bewussten Sprünge, weil in meinem Denken die einzelnen Themen in einem einzigen Miteinander existieren, das nur wenige, vielleicht gar keine Grenzen mehr kennt.

Für ein besseres Verständnis

Ich war ehrlich überrascht, als mir meine Betreuerinnen heute eröffneten, sie könnten meinen Gedankensprüngen kaum oder nur mit sehr viel Fantasie folgen, obwohl ich gedacht hatte, dieses Mal gerade eben ohne diese Sprünge ausgekommen zu sein. Es war eine sehr wertvolle Rückmeldung für mich, weil dies bedeutet, dass viele andere vermutlich ebenso Schwierigkeiten damit haben, meinen Gedankengängen zu folgen, zum Beispiel auch auf diesem Blog. Natürlich hätte ich gerne gehört, dass sich für mich alles erledigt hat und ich endlich abschliessen kann. Aber nach der fast unvermeidbaren Enttäuschung folgt dann doch für mich meist die Frage, wie ich eine Enttäuschung in eine für mich sinnvolle Erfahrung umwandeln kann. Und zu lernen, nachvollziehbarer zu schreiben, klingt nach einem sinnvollen Lernziel für jemanden, der gerne schreibt und auch gelesen werden möchte.

Ich möchte an dieser Stelle wieder einmal denjenigen von euch danken, die hier regelmässig vorbeischauen, weil es wohl wenig gibt, was mehr zum Schreiben motiviert, als eine Statistik, die mir anzeigt, dass es echt Menschen gibt, die auch lesen, was ich schreibe. Ich möchte euch aber auch bitten, mir eventuelle Vorschläge, (An-)Fragen und Kritik zukommen zu lassen. Wenn sich jemand die Zeit nimmt, einen Kommentar zu verfassen oder mir zu schreiben, freue ich mich gleich doppelt.

Niklas