„Darf man fragen, ob es dafür bestimmte Gründe gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂĽrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂĽrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂĽrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂĽrde. Ăśberrascht war er mehr ĂĽber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂĽnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂĽber GebĂĽhr zu fĂĽrchten. ErfĂĽllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂĽtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natürlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafür.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach Bände.

Als sie gegangen war, fühlt er sich seltsam leer, unberührt. Als wäre etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hätte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern müssen.

In Ermangelung besserer Einfälle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfüllte, fühlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂĽr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplätschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂĽrde sie wiedersehen, verhĂĽllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fühlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten Kälte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. Nähe. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurückkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl änderten sich die Formen, ähnlich wie ein jeder Regentropfen für sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es würde immer Leben geben. Es würde immer Liebe geben, Nähe, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die Kreisläufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂĽllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂĽrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂĽrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂĽrt hatte.
WorĂĽber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂĽrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂĽhlings.

Ich arbeite als innere Geburtshelferin. Meine Aufgabe ist es, eine förderliche Umgebung für  innere Entwicklungen zu schaffen. Ich muss sagen, es ist ein sehr interessanter Beruf, weil ich durch meine Arbeit viel mit den Absurditäten des Menschlichen zu tun habe.

­­­Da wurde den Menschen ein gigantisches Spektrum an möglichen GefĂĽhlszuständen mitgegeben, da ist in allem was sie beobachten können klar aufgezeigt, dass Veränderung einen gewissen sich wiederholenden Ablauf dieser GefĂĽhlszustände voraussetzt – fast als wäre es ein Schummelzettel, um kontrollieren zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist – und was machen die Menschen? Sie teilen das Spektrum in „gut“ und „schlecht“ auf und weigern sich, die GefĂĽhlszustände der zweiten Kategorie zu erleben. Weigern sich! Einfach so! Und behaupten dann gleichzeitig ernsthaft vor anderen Menschen, sie wĂĽrden sich doch „sooo sehr“ eine Veränderung wĂĽnschen.

Das Aufkommen meiner Profession war die notwendige Antwort auf das Dilemma, das daraus entstand. Ich und meine KollegInnen, wir halfen den Menschen, die bereit dafür waren, sich den notwendigen Entwicklungsprozessen zu öffnen. Was dann passierte, war umso skurriler: mit der Zeit teilte sich die Menschheit auf in jene, die dafür offen waren, und jenen, die es sich der eigenen Ansicht nach nicht leisten konnten. Mehr oder weniger zufällig wurden ein Teil der ersten Gruppe mit großartigen Ehrungen versehen, während der Rest dieser Gruppe für absonderlich oder gar krank gehalten wurde. Das war nun doch ein sehr seltsames Phänomen: diejenigen, die am meisten litten (ohne es zu fühlen, weil sie schlicht „steckengeblieben“ waren), schauten herab auf die „Kranken“, von denen sie sich abgrenzen wollten. Aber beteten jene an, die die „Krankheit“ bereits durchschritten hatten, wollten sein wie sie, ohne selbst den notwendigen Weg zu gehen. Wollten-

Nun habe ich mich in historischen Anekdoten verrannt! Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit, ich bin noch ein wenig verärgert über meinen letzten Klienten. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Klient selbst war für einen Menschen der sogenannten „modernen“ Generation erstaunlich aufgeschlossen für meine Arbeit. Er war bereit und freute sich darauf, seine inneren Räumlichkeiten, die für sein zukünftiges Sein zu eng geworden waren, aufzugeben und umzugestalten. Wir hatten bereits eine ansprechende Farbwahl getroffen und den Grundriss gezeichnet, nun war alles was uns noch zu tun blieb die Zeit und Energie aufzuwenden, um der Veränderung auch Raum zu geben.

Leider war mein Klient in einem Umfeld aufgewachsen, das kein sehr ausgeprägtes Verständnis für tiefe Veränderungsprozesse hatte. Als mein Klient sich nun gemeinsam mit mir in seine inneren Räumlichkeiten zurückziehen wollte um diese nach seinen zukünftigen Bedürfnissen neu zu gestalten, fing seine  Umwelt an ihn aufrütteln, ihn aus seiner „Lethargie“ reißen zu wollen. Weil er seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtete, wurde er im Außen vermisst, und nun standen zahlreiche seiner Freunde bereit, ihn vor mir zu „erretten“. Anfangs ignorierten wir diese „Erdbeben“ noch recht erfolgreich, aber irgendwann wurden ihm die äußeren Anstöße zu viel, und mein Klient fing an, sich mit ihren Klagen zu beschäftigen. Er fing an, mir zu misstrauen, glaubte seinen alten Freunden, er wäre „depressiv“ geworden, und dies dürfe natürlich nicht sein!

Ich arbeite professionell, ich dränge mich nicht auf, wo ich nicht mehr willkommen bin – also ging ich. Er fand – mit UnterstĂĽtzung seiner AuĂźenwelt – langsam wieder zurĂĽck in sein vorheriges Leben. Manchmal, wenn ich die Zeit finde, beobachte ich ihn. Er sieht nicht unbedingt unglĂĽcklich aus, aber dort, wo er GlĂĽck fĂĽhlt, wirkt er ebenso gehemmt, ist in ihm zu wenig Platz dafĂĽr. Wohl weil er sich am Ende doch gegen den Schmerz entschieden hat, der auch den Raum fĂĽr die Freude erweitert.

Wäre ich ein Mensch und fähig, menschliche Gefühle zu fühlen, so würde ich mich wohl unverstanden fühlen. Ich bin nicht der Schmerz, nicht die Apathie, nicht die Auswegslosigkeit, diese sind Fakten dieser Welt, an denen auch ich nicht rütteln kann. Ich bin Geburtshelferin, bin diejenige, die Menschen unterstützt, das notwendige Spektrum an Gefühlszuständen zu durchlaufen, um Raum in sich für die Freude die sie sich wünschen zu schaffen. Ich bin gefürchtet, obwohl ich doch die Lösung bin. Skurrile Welt! Aber wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!
Ich bin die Depression, Geburtshelferin innerer Entwicklungsprozesse.
Kennen wir uns schon?

Unlängst kam mir ein Gespräch vor einigen Monaten in den Sinn, in dem es um die grundsätzlichen psychologischen Funktionen einer Gerichtsverhandlung ging. Neben den eher offensichtlichen Funktionen wie Abschreckung (Angst vor Strafe) oder Schutz potentieller zukünftiger Opfer (etwa wenn jemand ins Gefängnis geschickt wird) war in dem Gespräch auch ein sehr interessanter Aspekt aufgeworfen worden: die Anerkennung des Schmerzes.

Es ist ein Aspekt, dessen Wichtigkeit mir auch bei Konflikten zwischen Schülern bereits öfter aufgefallen ist, und wohl einer der Gründe, warum Schüler derart allergisch darauf reagieren wenn sie das Gefühl haben ein anderer stehe nicht zu dem, was er ihrer Ansicht nach getan haben soll. Sobald der Täter in einem Konflikt zugibt, etwas getan zu haben, kann das Opfer der Tat seinen erlebten Schmerz lokalisieren und damit verarbeiten. Ein Vergewaltigungsopfer, dem nicht geglaubt wird, hat keinen Raum im Außen für seinen Schmerz. Ein Schüler, der von anderen Schülern getreten wurde, die es der Lehrkraft schlüssig darstellen konnten sie wären es nicht gewesen, hat keinen Raum im Außen für seinen Schmerz. Und wenn eine Verletzung sehr tief geht – wie es bei einer Vergewaltigung oft der Fall sein wird – verätzt sie, anstatt im Außen gehört und geheilt werden zu können, das Innerste eines Menschen. Zuweilen, je nach Schwere der Verletzung, sind auch äußere Symptome erkennbar, aber in Ermangelung der Anerkennung des Schmerzes ist die Lokalisierung der Schmerzursache mit der Zeit selbst für das Opfer selbst schwierig, weswegen zwar dann im Außen behandelt wird, aber nicht die ursächliche Verletzung.

Die Anerkennung der Täterschaft

Nun braucht es fĂĽr die Anerkennung des Schmerzes – und damit der Möglichkeit der Heilung des Opfers – jedoch eine oft schwer zu erreichende Voraussetzung: die Anerkennung der Täterschaft durch den Täter. Denn hat niemand eine Tat begangen, wie darf man sich dann noch als Opfer fĂĽhlen?

Nun haben bekanntermaßen die meisten Menschen in sich das Bedürfnis, von sich ein „positives“ Selbstbild aufrechtzuerhalten. Auch wenn die exakte Definition von „positiv“ von Mensch zu Mensch durchaus verschieden sein mag, wird kaum ein Mensch freiwillig von sich behaupten, er hätte unprovoziert und nur aus seinem bösartigen Wesen heraus jemand anderem mit voller Absicht Schaden zugefügt. Stattdessen wird ein Täter wahrscheinlich eher behaupten, er sei a) überfordert gewesen, b) dazu provoziert worden, c) es wäre auf Wunsch des Opfers geschehen,  d) es wäre keine Absicht gewesen oder eben e) ein Missverständnis.

Weil die Anerkennung der eigenen Täterschaft sowohl in der Schule als auch unter Erwachsenen oftmals mit zusätzlichen externen negativen Konsequenzen verbunden ist, wird sie entsprechend oft vermieden. In der Folge ist es für die Opfer der Tat meist schwer, den durch die Tat erlittenen Schmerz zu lokalisieren (=zuzuordnen) und auszuheilen.

Je nach Schwere der Verletzung wird es beim Ausbleiben der Anerkennung der Täterschaft durch den Täter entweder zum Versuch einer Gerichtsverhandlung kommen (damit die Gesellschaft die Täterschaft anerkennt und die Verletzung damit verarbeitbar macht) oder zum Versuch führen, andere Menschen vom Tathergang zu überzeugen („Du bist doch mein bester Freund, du glaubst mir doch, oder?“). Befriedigend sind diese Ersatzhandlungen jedoch meist nur zum Teil.

Die Macht der Anerkennung der Täterschaft

Vor einigen Tagen wurde ich spontan von dem Bedürfnis überwältigt, mich bei einem Menschen aus tiefstem Herzen zu entschuldigen, dem ich – so hatte ich plötzlich erkannt – über Jahre ohne es zu merken sehr Unrecht getan hatte. Daraufhin erzählte sie mir, sie hätte nicht mehr damit gerechnet, aber freue sich umso mehr darüber. Dieser Mensch hatte mir zuweilen mein Leben zur Hölle gemacht und war in vielen Situationen Täter gewesen, hatte mich und andere verletzt, aber auch ich hatte ihn verletzt, und die Anerkennung meiner Täterschaft ermöglichte es ihm, sich selbst etwas zu entlasten und auch einen Teil des Schmerzes, der ihn immer wieder übermannte und selbst zum Täter werden ließ, zu verarbeiten. Vor allem aber war der Moment, als ich meine eigene Täterschaft ihr gegenüber endlich anerkennen konnte, ein Moment, in dem ich körperlich spüren konnte, wie viel Energie ich tagtäglich ohne es zu merken aufgewandt haben musste um die Illusion aufrechtzuerhalten, ich wäre in Bezug zu ihr stets nur Opfer gewesen.

Was ich an dieser Stelle zu beschreiben suche, geht weit über ein simples „Ja ich habe etwas angestellt“ bzw. ein „Es tut mir Leid“ hinaus. Oft entschuldigen sich Menschen, ohne dass wir das Gefühl haben, sie würden es ernst meinen. Dies dürfte meiner Erfahrung nach dann der Fall sein, wenn sie sich entweder a) dazu gezwungen fühlen oder, häufiger, b) wenn sie sich entschuldigen wollen, ohne den Grad und die Art der Verletzung erkannt und anerkannt zu haben. Die Anerkennung des Schmerzes und damit dessen Heilung ist nur dort möglich, wo nicht nur ein Schmerz anerkannt wird, sondern genau dieser Schmerz. Deswegen habe ich weiter oben wohl auch intuitiv das Wort „lokalisieren“ benutzt: eine Entschuldigung ist wie eine Heilsalbe, die nur dann wirkt, wenn sie auch die passende Salbe ist und genau auf die Verletzung aufgetragen wird. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, bei einer Verbrennung der linken Hand eine ätzende Salbe auf die Nase zu streichen und dann zu erwarten dass das den Heilungsprozess unterstützen würde – und doch geschieht dies überraschenderweise ständig im emotionalen Miteinander.

Täter  und Opfer in einer Person?

Leider ist das Modell von einer Person als Täter und einer Person als Opfer nur eine sehr vereinfachte Abbildung der Realität. Ein üblicher Streitverlauf zwischen Kindern zeigt dies sehr deutlich auf: beide spielen miteinander (er wollte es), einer übertreibt (provozieren) etwas, der andere interpretiert böse Absicht (Missverständnis), schlägt auf den anderen ein, der (Überforderung) schlägt so hart zurück dass sich der erste weinend beim Lehrer beschwert, er sei „ohne Grund geschlagen worden“ während der andere behauptet, er hätte sich „nur gewehrt“. Beide suchen vor der Autorität des Lehrers die Bestätigung ihrer Opfer-Rolle, um ihren Schmerz fühlen zu dürfen, aber verweigern ihren eigenen Anteil als Täter. Denn obwohl die Umstände sie dazu verleitet haben mögen („ich werde selbst geschlagen“), haben sie durch ihre Gegenwehr selbst Schmerzen verursacht und sind damit auch selbst zum Täter geworden. Nur einen der Schüler als Opfer darzustellen und den anderen als Täter ermöglicht dem einen zwar, seinen Schmerz gut lokalisieren und heilen zu können, dem anderen aber wird diese Möglichkeit verwehrt. Im Alltag wird ein durchschnittlicher Lehrer wohl versuchen herauszufinden, wer von den Schülern mehr schuld ist, und diesem die Täter-Rolle zuweisen – was aus den beschriebenen Gründen nicht ideal ist.

Das obige Beispiel mit den zwei streitenden Schülern ist noch ein vergleichsweise einfaches Beispiel, weil sie sich gegenseitig Täter und Opfer sind. Komplexer (aber nicht weniger lebensnah) wird es, wenn jemand selbst Opfer eines Menschen wurde und aufgrund dessen einem Dritten als Täter Schmerzen zufügt – etwa wenn ein Mann, der als Kind Opfer der Lieblosigkeit seiner Eltern wurde, seine eigenen Kinder nicht zu lieben vermag. Wenn dieser Mann auf sein eigenes Opfer-Dasein verweist, wenn er von seinen Kindern auf ihren unerfüllten Bedürfnisse aufmerksam gemacht wird, so stellt er seine Kinder vor eine schwer aufzulösende Endlos-Schleife: vermutlich hatte auch die von ihm erlebte Lieblosigkeit seiner eigenen Eltern seine Gründe in den Generationen davor, und seine eigenen Eltern würden ihn wiederum an ihre Eltern verweisen, diese wiederum auf ihre und so weiter – bis eine Generation erreicht wird, die bereits gestorben ist und die Verantwortung nicht mehr selbst „weiterleiten“ kann. Alternativ mag man die Verantwortung jeweils weiterleiten bis zum mythischen „Sündenfall“, oder auf erlittene „große Traumata“ einer bestimmten Generation wie Kriege die als Bedingungen realistisch genug klingen, die Ursprünge bestimmter Verhaltensmuster zu rechtfertigen.

Noch problematischer wird es jedoch, wenn ich mir den Geschichtsverlauf in die andere Richtung ansehe. Werde ich meinen eigenen Kindern erzählen, ich hätte sie so behandelt wie ich es tat, weil ich schlicht Opfer meiner eigenen Eltern war? Werden sie es mit ihren Kindern ebenso handhaben? Sind wir also alle dazu verdammt, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit bis in alle Ewigkeit weiterzuführen? Erfreulicherweise dürfte dies nicht der Fall sein, und auch wenn wir von unserer Eltern-Generation gewisse Muster und teilweise auch Traumatisierungen „ererbt“ haben, sind die meisten von uns innerhalb gewisser Grenzen fähig uns zu entscheiden. Und wenn ich anerkenne, dass ich mich entscheiden kann, muss ich auch anerkennen, dass ich dort, wo andere durch mein Handeln Schmerzen erlitten haben, als Täter gehandelt habe. Wenn ich auch das anerkennen kann, so kann ich den erlittenen Schmerz anderer als solchen und als von mir verursachten anerkennen. Erst dann, wenn ich genau diesen Schmerz anerkannt habe, kann ich auf echte Verzeihung hoffen wenn ich darum bitte. Ansonsten handelt es sich um „Blanco-Verzeihungen“, die in der Tiefe nicht verzeihen können, weil der entsprechende Schmerz nie lokalisiert und damit echte Heilung nie möglich wurde.

In der Folge werden Grundmuster sich immer wieder in unserem Leben manifestieren, um uns an unverarbeitete Verletzungen zu erinnern. Wiederkehrende Muster sind damit nicht nur durchaus lästige Wiederholungstäter in unserem Leben sondern auch Orientierungshilfen, die uns helfen können, ursprĂĽngliche Verletzungen zu lokalisieren und das GegenĂĽber zu finden, das sie uns ursprĂĽnglich zugefĂĽgt hat – um eines Tages hoffentlich den Raum im AuĂźen zu finden, die innere Verletzung auszuheilen.

Alternativlose Situationen

Was aber, wenn ich in einer Situation andere verletzt habe, in der ich selbst so ĂĽberfordert war, dass ich das GefĂĽhl hatte, es gebe keinen anderen Weg? Kann man mich auch dann dafĂĽr verantwortlich machen? Ist es gerecht, mir auch dann die Schuld zu geben?
Wer an diesem Punkt noch diese Fragen stellt, der möge diesen Artikel noch einmal von Anfang an durchlesen. Es geht bei der Anerkennung des Schmerzes nicht im Endziel darum herauszufinden, wer der Schuldigere in einem Konflikt ist oder war. Es geht darum anzuerkennen, dass die Verletzung real erlebt wurde und reale Schmerzen verursacht hat, um damit Räume für ihre Heilung zu ermöglichen. Und damit ist die Situation in der sich ein Täter befand oder ob er hätte anders handeln können im Grunde völlig irrelevant.

Diese Verwirrung dabei dürfte wohl aus der gefährlich groben Vereinfachung der Realität gewonnen worden sein, dass nur bösartige Menschen Verletzungen verursachen würden und damit im Umkehrschluss verletzende Menschen auch bösartige Menschen seien. Tatsächlich ist es für einen durchschnittlichen Menschen realistischerweise kaum bis unmöglich, alle Konsequenzen seines Handelns vorherzusehen. Eine geplant „gute“ Tat mag langfristig betrachtet dramatische negative Folgen haben, ebenso wie umgekehrt, und der Kontext einer Handlung trägt viel dazu bei, wie eine Handlung zu bewerten ist – ein Kontext, den die meisten Menschen während sie handeln oft gar nicht einschätzen können. Um nun vor sich selbst und anderen als „guter“ Mensch dazustehen, wird die Anerkennung der eigenen Täterschaft und damit Verantwortung für Entscheidungen, die sich in Konsequenz als negativ herausgestellt haben, gerne vermieden – in der Folge wird viel verursachter Schmerz nie von den Tätern anerkannt.

Ich habe einen bewundernswerten SchĂĽler, der zwar regelmäßig etwas anstellt, aber bisher immer dazu gestanden hat. Der auf Nachfrage beispielsweise ohne Zögern antwortet, ja er hätte einen anderen SchĂĽler geschlagen, eigentlich wollte er es nicht aber es sei ihm dann passiert dass er ausgerastet sei. Dieser SchĂĽler gerät oft in Konflikte mit anderen SchĂĽlern, aber diese sind jeweils fĂĽr sich sehr rasch geklärt und die anderen SchĂĽler haben groĂźen Respekt vor ihm, obwohl er sich manchmal „negativ“ verhält und Schmerzen verursacht. Ăśber die letzten Monate hinweg sind die Konflikte, die er mit anderen SchĂĽlern noch hat, auch seltener geworden, vermutlich weil er seinen eigenen Beitrag zu den Konflikten – da er sich auch als Täter anerkennt – sehr deutlich sehen kann. Ich glaube, dass viele Erwachsene von diesem SchĂĽler lernen können, zu ihren eigenen Handlungen zu stehen. Denn auch wenn sie nicht stolz auf sie sind und sie ihnen – etwa aufgrund von massiver Ăśberforderung – „passiert sind“, so sind sie doch die handelnden Personen gewesen, die die Schmerzen verursacht haben, und damit die geeignetsten Personen, um den Schmerz anzuerkennen und damit dem Opfer zu helfen, ihn zu lokalisieren und zu heilen.

Ich mag in – für mich – alternativlosen Situationen gewesen sein, aber trotzdem war ich Handelnder und damit – wo Verletzungen durch mein Handeln (oder auch Nicht-Handeln wo es notwendig gewesen wäre) passiert sind – auch Täter. Das macht weder mich zu einem schlechteren noch das Opfer zu einem besseren Menschen. Aber ich kann mir selbst und dem so Verletzten eine Erleichterung sein und meine Täterschaft und damit den verursachten Schmerz auch anerkennen. Und selbst wenn die Situation, in der ich zum Täter wurde, für mich einst alternativlos gewesen sein mag, den Schmerz anzuerkennen erschafft mir im Jetzt eine Alternative, Schmerzen zu lindern und Heilung zu fördern.

Wenn schon nicht fĂĽr mich selbst, dann im Wissen, damit auch meinen eigenen Kindern und deren Nachkommen eine gangbare und im Positiven nachhaltigere Alternative zur Alternativlosigkeit geschenkt zu haben.

Niklas

„Das ist total übergriffig, was du da machst“, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? „Energien gelenkt“? Gar auf „rücksichtslose“ Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien überhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum Bösewicht, zum Täter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte Bachläufe, Ströme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerklärliches Wissen der eigenen Unüberwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft ließ ihn mit der Zeit alles überwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so dermaßen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern spüren zu können, zarte Pflänzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verhängnisvollen Tag, etwa übergeschwappt aus den förderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so quälend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ersäuft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener Gärtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem für das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich überhaupt ein, ihn für ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das möglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so völlig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu können? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben würde weitergehen. Ihr Leben würde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt würde ihn für „stümperhafte Energiearbeit“ verurteilen. Man konnte ja auch darüber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen ließ, was er an jenem Abend tatsächlich angestellt haben könnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte für einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. Für einen Moment hatte er wohl Angst verspürt, ihre inneren Blockaden niemals überwinden zu können, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zurückgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so fürchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die Möglichkeit der Nachfolge, und wie sehr wünschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenstände. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie würde wachsen, würde ihrer Intuition folgen, würde wieder vertrauen, wieder glauben können an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine Grenzüberschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch übertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit würde das Übrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu stärken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprießten die ersten kleinen Tomatenpflänzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich täglich aufs Neue über ihre ungestüme Lebensfreude.

Er mochte nicht als Gärtner geboren oder geschult worden sein. Aber er würde lernen.

„Ich will gerade nicht mehr darüber sprechen“, meinte sie, und am anderen Ende blieb es tatsächlich still. Die Pause zog sich in die Länge, die Worte wollten sich nicht bilden. Atem besetzte die Leitung.

„Ich möchte dir etwas Seltsames beschreiben“, setzte er an, hoffend, durch eine Einleitung in Fluss zu kommen, „Je mehr ich dir zugehört habe, desto weniger konnte ich etwas fühlen.“
„Weißt du, ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr ähnlich.“

Plötzlich kehrte das Gefühl in seinen Körper zurück. Schmerzhaft.
„Ich glaube, du hast Recht“, murmelte er nachdenklich, „der einzige Unterschied war – “
Die Leitung war tot. Verzweifelt drĂĽckte er die Anruftaste. Noch einmal. Es hatte keinen Zweck.

Rationale Nachdenklichkeit wich zunehmend emotionaler Betroffenheit. Warum musste die Verbindung auch gerade jetzt abbrechen? Rastlos bewegte er sich in der Wohnung umher, setzte sich, stand wieder auf, nahm ein Buch zur Hand, las ein paar Zeilen, versuchte es noch einmal bei ihr, gab es auf. Fing an, Ordnung in der Wohnung zu schaffen, um sich zu beschäftigen, abzulenken.

Ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr ähnlich, hatte sie gesagt. Welche Verletzung? Es war doch normal, dass junge Erwachsene ab einem gewissen Alter unabhängig von ihren Eltern wurden, auf eigenen Beinen standen. Was hätte ihn daran verletzen sollen?
Du hast den Schock des Eintritts in das Arbeitsleben noch nicht ganz überwunden. Wann hatte er diesen Satz gehört, und warum zerrte er gerade dermaßen an seinem Bewusstsein? Warum Schock? Warum Verletzung, bei einem so natürlichen Übergang in die Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit?

Selbstbestimmtheit! Zeit ihres Lebens hatte man ihnen erklärt, sie müssten sich anstrengen im Leben, gute Noten nach Hause bringen, um irgendwann einen guten Job zu ergattern, genug zu verdienen, um sich keine Sorgen machen zu müssen. Und nun? Bei einem Tag mit acht Stunden Schlaf, zwei Stunden für Nahrungsaufnahme und Hygiene, acht Stunden Arbeit und eine Stunde Zeit für den Transport von und zur Arbeit waren die restlichen fünf Stunden „freier“ Zeit auch schon beinahe vernachlässigbar. Und erst das, was man gemeinhin „Urlaubszeit“ nannte: im Durchschnitt ganze fünf Wochen im Jahr, und selbst über diese Zeit durfte man im Regelfall nicht frei verfügen. Und was bekam man im Gegenzug dazu? Solange man sich diesen Bedingungen beugte, durfte man – meist – hoffen, auch im nächsten Monat und Jahr unter ähnlichen Bedingungen geduldet zu sein. Und hatte man gut gearbeitet, hatte man sich den Feierabend oder Urlaub „verdient“, hatte man sich einen Bruchteil der Zeit, die man auch ohne Arbeit zur Verfügung gehabt hätte, wieder „erarbeitet“. Welch Irrsinn so ein „normales“ Arbeitsleben im Grunde doch war, war die Grundbotschaft doch im Grunde ein „Sei, wie andere dich haben wollen, dann darfst du sein“.

„Was willst du einmal werden, wenn du mal groß bist?“ war man gefragt worden, und stolz, mit Hoffnung im Herzen, hatte man geantwortet, man werde Arzt, Techniker, Lehrer, Schriftsteller. Kinder wussten noch nichts über das große Theater, das sich Arbeitswelt nannte. Die meisten wurden am Ende irgendeine Variation der üblichen Schauspieler und spielten ihre Rollen, ob sie sich nun Buchhalter, Arzt, Lehrer oder Marketing-Mitarbeiter nannten, bis sie im Alltag vergessen konnten, dass es auch hinter den Rollen einst noch etwas Eigenständiges gegeben haben musste. Die nachdenklicheren unter ihnen schlitterten von Depression zu Depression oder vegetierten als Aussteiger dahin, die Anpacker-Typen bereiteten sich länger auf die große Krise mit 50 vor oder hatten das zweifelhafte Glück, vorher abzukratzen, bevor sie erkennen konnten, wie wenig der so einzigartigen Chance, die sie ironischerweise „ihr Leben“ nannten, sie am Ende für die Erfüllung ihrer eigenen Träume genutzt hatten. Welch geringen Unterschied ihre Existenz, ihre besondere Perspektive am Ende gehabt hatte, weil für diese Welt nur zählte, wie gut man seine Rolle spielte, nicht was man in und außerhalb der Rollen wahrnahm und mitzuteilen hatte.

Die Wunde, die Ursache für den Schock war nicht die Realität an sich gewesen, sondern dass sie es gewusst haben mussten. Dass sie jungen Menschen Hoffnung einflößten auf ein Leben als selbstbestimmter „Erwachsener“, wohl wissend um ihre eigene Unfreiheit. Wir sind euch gefolgt, dachte er erschüttert, wir sind euch vertrauensvoll gefolgt, weil wir dachten, ihr hättet den Weg der Freiheit beschritten. Dabei habt ihr euch nur tiefer in Unfreiheit begeben, um eine Illusion für uns aufrechtzuerhalten. Vielleicht dachtet ihr ja wirklich, wir würden es einmal besser haben. Dass sich das Versprechen, dass man euch als Kind gegeben hatte, zumindest für eure eigenen Kinder erfüllen würde, wenn die Welt es für euch schon nicht halten wollte. Nein, ihr habt uns nicht absichtlich getäuscht, unsere Wut richtet sich nicht gegen euch. Sie richtet sich gegen die Alternativlosigkeit, die ihr uns hinterlassen habt, weil ihr am Ende auch nicht wusstet was sonst.

Sein Handy klingelte, ihr Akku war wohl wieder aufgeladen.
„Es tut mir Leid, es liegt nicht an dir, dass ich darüber so schwer sprechen kann“, meinte sie, „aber bei dem Thema werde ich so dermaßen traurig und wütend, das will ich nicht an dir auslassen.“
„Und deswegen schweigen wir darüber?“
„Deswegen schweigen wir darüber.“
Doch dieses Mal drängten sich Fragen in ihm auf.
„Was, wenn wir uns der Wunde stellen würden?“
„Dann stellst du dich nicht nur deiner eigenen Wunde. Was glaubst du, was ich die letzten zehn Jahre deswegen alles durchgemacht habe? Menschen verbluten lieber innerlich, als das Blut sehen zu müssen. Wenn du das Schweigen brichst, reißt du überall um dich schlecht verheilte Wunden auf.“
„Also geben wir die Wunde weiter, verstümmeln irgendwann auch unsere eigenen Kinder?“
„Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, wenn du es nicht tust? Bist du auf die Einsamkeit vorbereitet, die mit der Entscheidung einhergeht? Können unsere Kinder die Konsequenzen tragen, wenn du es nicht tust?“
„Sie werden Vorbilder brauchen. Echte Vorbilder. Die es wirklich geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen. Die sich nicht nur reicher, die sich nicht nur ein bisschen sicherer fühlen können, sondern die Wunde an sich heilen konnten.“
„Ich weiß nicht, ob es ein Heilmittel gi-“

Wieder war die Verbindung abgebrochen, doch dieses Mal fühlte er eine eigenartige Ruhe in sich. Beinahe hatte er das Gefühl, den sanften Fall des Schnees hören zu können. Trat auf den Balkon, genoss die plötzliche Kälte und die Stille der Winternacht.
Warum schweigen wir noch darĂĽber?
Warum gehen wir noch die selben Wege?
Warum schlagen wir uns tagtäglich noch immer die selben Wunden?
Es war bereits dunkel, Menschen schliefen, bereiteten ihre Körper vor für einen weiteren Tag als Schauspieler im wohl absurdesten je geschriebenen Theaterstück. Beinahe hatte er die Schwelle zum Alltag seines Zimmers bereits wieder übertreten, da packte es ihn, und er trat noch einmal forschen Schrittes auf den Balkon. Fühlte, wie sich ein Schrei den Weg aus seinem Innersten bahnte, ein Weckruf für die Verschlafenen, die ihr Leben in dem so alltäglichen Dämmerschlaf der Normalität verträumten, nach all den Eindrücken und Verformungen eines Lebens endlich Ausdruck, Sichtbarmachung, zerschmettert der Mantel des Schweigens. Niemand schien ihn zu hören, aber darum war es auch nie gegangen. Deutlich fühlte er nun das Fließen von Blut aus der frisch aufgerissenen Wunde in seinem Inneren, die seit fast zehn Jahren in ihm eiterte, schwärte und ihn schleichend vergiftete.
Es war zu spät, sie noch einmal anzurufen, deswegen tippte er stattdessen eine Nachricht:
Wenn es irgendwo in dieser Welt Heilung gibt, schrieb er, dann werden wir sie finden.

Zum ersten Mal seit Jahren schlief er wieder tief und vertrauensvoll, wie ein Kind.

Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzählen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmäßig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mäßiger wurde.  Die Wiederholungen häuften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile für jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie für sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie würde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen müssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem Gespräch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden Kräften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne für ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre Gefühle könnten verletzt werden, wenn man ihr das Gefühl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschätzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts für sie tun konnten.

Am nächsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon länger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk für sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverändert zu sein. Und doch fühlte es sich anders an – genauer gesagt fühlte es sich nicht an. Sie war taub gegenüber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fühlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fühlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amüsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen über die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein Stück erträglicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich für Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlässigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen für das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein Stück Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genüge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dürfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so ĂĽblich war – am Ende nicht gewagt.

Diese BarfuĂź-Geschichte kannst du dir jetzt auch vorlesen lassen: Link zum “Hörbuch”.

Irgendwann früher, in glücklichen Tagen, da gab es das noch: das Besondere. Als wir uns mit Nachbarskindern im Schlamm wälzten und noch die Zeit fanden, danach drei Tage krank zu sein. Stundenlang Gesteinsbrocken aneinander klopften in der sinnlosen Hoffnung, darin wertvolle Kristalle zu entdecken. Sechs Stunden am Straßenrand an einer unbelebten Siedlungsstraße warteten, um Zeichnungen zu verkaufen, ohne uns darum zu kümmern, ob die Einnahmen reichten, einen Lebensunterhalt zu bestreiten. Damals waren wir jung, naiv. Vielleicht auch glücklich, manchmal zumindest. Aber was das Wichtigste war: Wir hatten uns immer genug neue Geschichten zu erzählen.

Irgendwann nützen sich Geschichten nämlich ab. Selbst die absurdesten Erlebnisse werden schal, vorhersehbar, wenn sie zu oft erzählt werden. Wir wissen schon, wie die Geschichten ausgehen, und wir kennen den Schmerz, der uns erwartet. Bei manchen dauert es ein wenig länger, aber irgendwann erwischt sie einen doch, die Weisheit, und dann weiß man einfach, was zu tun ist, um das Unglück zu vermeiden. Wer im nassen Schlamm spielt, ist danach vielleicht krank, also lässt man es eben. Früher dachten wir, man müsse kämpfen für ein gutes Leben. Heute wissen wir: es geht auch anders, einfacher, bequemer. Da gibt es eine Anzahl an Bedürfnissen und eine Anzahl an Möglichkeiten, sie zu befriedigen, um sich im Grunde wohl zu fühlen. Wir waren mal hungrig nach so etwas wie einem tieferen Sinn, nach einer größeren Geschichte. Aber es gibt auch effektivere, schmerzlosere Varianten, ein aufgeblasenes Ego zu befriedigen.

Und am Ende: was bleibt? Zellen, Bausteine, alles vergeht, auch das Ego. Er ist friedlich eingeschlafen, werden wir uns erzählen, oder: Sie hatte ein gutes Leben, weil man das eben so sagt in Situationen, in denen wir uns sonst nichts zu sagen haben. Platzhalter für die Geschichten, die wir uns am Ende nicht voneinander erzählen können. Es gab so viel, was wir uns zu erzählen hatten, als wir jung waren, und wir wunderten uns, warum die Erwachsenen so selten die Zeit fanden, uns zuzuhören. Nun, selbst erwachsen, verstehen wir endlich. Unsere Geschichten waren zu aufregend, zu anstrengend für die Welt der Erwachsenen. Wer findet schon im Alltag noch die Zeit, solche Geschichten zu erleben?

Bei uns gab es ausgekochte Bösewichter, peinliche Missgeschicke, Gerade-noch-Sieger und wirklich frustrierte Verlierer, die nicht immerzu im nächsten Moment entdeckten, dass sie dem Sieger den Sieg gut gönnen konnten. Wir wussten, dass die Bösen mindestens so wichtig waren wie die Guten, weil es sonst keinen Kampf, keine Spannung gegeben hätte. Igendwann trocknete das Blut, heilten die blauen Flecken, und wenn wir – wie so oft – am Ende gar nicht mehr wussten, wie sich alles zugetragen hatte, erfanden wir eben Geschichten drumherum, schmückten sie aus, bis sie völlig fantastisch waren und mit dem Geschehenen nur noch wenig zu tun hatten. Jetzt, erwachsen, verstehen wir, dass das politisch nicht allzu korrekt war. Wir alle haben Bedürfnisse, und es gibt keine wirklich Bösen mehr, nur noch Kommunikationsschwierigkeiten. Und auch keine Geschichten mehr. Heute beeindrucken uns Daten, Fakten, Nachprüfbares.

Wie war dein Tag heute?, sagen wir heute zueinander, den Frage-Charakter längst einem Aussagesatz geopfert, und beenden irritiert das Gespräch, sobald jemand die Floskel als Frage misszuverstehen droht. Das Übliche, antworten wir mit dem ebenso üblichen Grinsen, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob uns „das Übliche“ nicht mit den Jahren zu wenig wird. Irgendwann, so sagen wir uns, muss man ja auch mal erwachsen werden, mal Verantwortung übernehmen und etwas richtig machen. Also nehmen wir brav die Feder zur Hand und schreiben sie ab, die Geschichte eines erfolgreichen Menschen, Buchstabe für Buchstabe. Damit wir uns irgendwann erzählen können, er „hatte ein gutes Leben“, und anerkennend nicken können, dass derjenige immerhin bis zur Seite X gekommen ist mit dem Abschreiben.

Und doch sind es jene anderen Geschichten, nach denen wir uns sehnen. Jene, die wir uns bei der Beerdigung eines Menschen nur über jenen einen Menschen erzählen können, kopfschüttelnd und doch bewundernd. Die sich in Rechtschreibung und Grammatik wohl an die Konventionen der einzig wahren Geschichte eines geglückten Lebens halten, aber in Ausdruck und Inhalt Überraschendes offenbaren. Floskeln in Wort und Leben sind unsterblich, aber sie gehören uns nicht, weisen nicht auf ihren Verwender. Wagen wir, einzigartig zu sein oder begnügen wir uns einzig mit der Bequemlichkeit, artig zu sein – so oder so: am Ende sind es nicht die Leben, die wir glauben gelebt zu haben, die bleiben, sondern die Geschichten, die wir einander darüber erzählt haben, der Sinn, dem wir jenen Leben gaben. Ich hab mir nen neuen Saftmixer bestellt!, erzählen wir uns heute beinahe aufgeregt, und: Andrea hat dich eingeladen, ihren Beitrag zu liken.

Wir waren mal hungrig nach größeren Geschichten.

Vor einigen Wochen erzählte mir meine Tante von einer immer wiederkehrenden Erfahrung, die mir interessant schien. Sie erzählte es in alltäglichem Tonfall, als wäre es die normalste Sache der Welt und unbedeutend, aber ich glaube, sie sprach von etwas Besonderem. Wir sprachen darüber, wie es sei, selbst Kinder zu haben, und sie meinte, es sei ganz schön anstrengend, aber hergeben würde man sie dann doch nicht mehr wollen. Zum Beispiel zu Mittag, da würden sie oft von der Schule heimkommen und einfach mal Dampf ablassen, weil sie das in der Schule ja nicht könnten. Das müsse man schon aushalten als Mutter, und nicht persönlich nehmen, auch wenn es manchmal schwer war. Danach waren sie den Rest der Zeit wieder sehr friedlich und liebevoll zueinander.

Ebenso vor einigen Wochen las ich in einem Forum verschiedene Ansichten darüber, warum Schüler oder Studenten immer wieder an ihre (ehemalige) Schule zurückkehren, um dort ein Massaker anzurichten. Normalerweise wird dann darauf verwiesen, dass in den USA eben der Zugang zu Waffen ein leichter sei, und es deswegen dort mehr solche Exzesse der Gewalt gebe, und wahrscheinlich trägt der leichte Zugang jenen Waffen seinen Part dazu bei, dass Jugendliche und junge Erwachsene aus ihren Gewaltfantasien tatsächliche Gewalt werden lassen können. Aber es stellt sich die Frage, ob eine restriktivere Waffenpolitik allein das Problem lösen würde. Was ist die Ursache, der Auslöser der Gewaltakte? In ebendiesem Forum wurden allerhand Studien zitiert, wonach Affen (und so auch der Mensch, wie sie meinten) von Grund auf brutal seien, wenn sie die Freiheit dazu bekommen. Aber das erklärt nicht, warum eine große Masse an Menschen eben keine Massaker verübt, obwohl sie in einigen Momenten ebenso die reale Möglichkeit hätten.

Letzte Woche fiel mir dann ein Buch von Alice Miller in die Hände, in dem sie sinngemäß schreibt, die Gewalt der Erwachsenen sei eine Folge von in der eigenen Kindheit erlebtem Schmerz, der unter verschiedensten Normen und Wein-Nicht-Ansagen verschüttet und nie ausgelebt wurde. Ihre These war wohl, dass der Mensch nicht notwendigerweise zur Gewalt neige, wenn man ihn nur vor der an ihm ausgeübten Gewalt schütze oder ihm nachträglich den Raum öffne, die ihm angetane Gewalt und den daraus folgenden Schmerz anzuerkennen. Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass es jemals möglich oder vielleicht überhaupt sinnvoll sein wird, junge Menschen vor jeglichem Schmerz fernzuhalten. Aber ihnen einen Raum zu öffnen, in dem sie diesen Schmerz ausdrücken können, halte ich für eine interessante Sache.

Nach oben buckeln, nach unten Treten

Wenn wir davon ausgehen – wie meine Tante erzählte – dass in durchschnittlichen Schulen dieser Raum oder auch nur irgendein Raum, der diesem Raum Platz bieten könnte, nur sehr bedingt existiert, wird vormals völlig unverständliches Verhalten mancher Kinder vielleicht nachvollziehbarer. Möglicherweise ist ein Teil ihres Verhaltens eine Konsequenz der Tatsache, dass der direkte Weg, der Ausdruck des Schmerzes, ihnen zu lange verwehrt wurde, weswegen sie sich andere Wege suchen, ihn auszudrĂĽcken. Vielleicht in der Projektion auf andere Kinder, die ohne ersichtlichen Grund provoziert werden, und wenn sie reagieren, als die bösen Täter beschimpft werden, stellvertretend fĂĽr die wirklichen Verursacher, die unantastbar scheinen (zum Beispiel die Eltern). Es gibt in Ă–sterreich ja das schöne Wort „Nach oben buckeln, nach unten treten“, das in diesem Fall auf einen tieferen Zusammenhang deuten könnte, als ĂĽblicherweise damit ausgedrĂĽckt wird. Der eigene Schmerz, der selbst nicht ausgedrĂĽckt werden kann, wird im Schmerz des „Getretenen“ gesucht und ĂĽber Empathie nachempfunden. Besondere Grausamkeit könnte in diesem Sinne nichts anderes sein als das verzweifelte BedĂĽrfnis, im Ausdruck des Anderen einen Ausdruck des eigenen unterdrĂĽckten Schmerzes auszulösen – um ihn so sichtbar zu machen.

Aber kann ich den Raum ĂĽberhaupt halten?

Jene, die bereits ein oder mehrere Male das Wagnis eingegangen sind, Kindern einen Raum zu öffnen, den sie relativ frei fĂĽllen können, werden wohl ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben – nun können Reaktionen auftreten, die ĂĽberfordern, und die man dann gerne wieder wie sonst auch unterdrĂĽcken, in andere Zeiten und Räume schieben möchte. Es kann zu Gewaltakten kommen. Es kann dazu kommen, dass das Verhalten der Kinder unangenehme eigene Erfahrungen aufrĂĽhrt, dass sie sich auf eine Art und Weise verhalten, die die Erwachsenen selbst “kaum ansehen” können – vielleicht weil es sie an den eigenen Schmerz erinnert, der nie Platz fand, bearbeitet zu werden?

Eine sehr weise Frau, die sich viel mit therapeutischem Arbeiten beschäftigt, sagte mir einmal, ein Therapeut hätte im Grunde zwei Aufgaben. Einen Raum zu kreieren, indem der Patient sich sicher genug fĂĽhlt, sich zu öffnen. Und dann den sicheren Raum zu halten, egal, was in der Leere dieses Raumes zutage tritt. Es gibt offenbar viele Menschen, die die erste Aufgabe gut meistern, aber nur wenige, die auch der zweiten gewachsen sind. Es ist wohl nichts, was man jemandem vermitteln oder lehren kann, sondern hat eher damit zu tun, seine eigene Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. Hat man dies nicht, kann der ans Licht gebrachte Schmerz des Patienten dazu fĂĽhren, dass der Therapeut, an den eigenen unterdrĂĽckten Schmerz erinnert, den er nicht erinnern will, unbewusst so handelt, dass er diesen selbst nicht fĂĽhlen muss – also das Spiel wiederholt und damit nur eine weitere Schicht Aufzuarbeitendes ĂĽber den ursprĂĽnglichen Schmerz legt.

Die BĂĽchse der Pandora

Zurück zu unserer Schulsituation kann dies bedeuten, dass wir mit dem Öffnen eines Raumes, der eben nicht jede Regung einer „übertriebenen“ Reaktion sofort unterdrückt, sondern sie auch zulassen kann, eine Art Büchse der Pandora öffnen. Denn es könnte für viele Kinder, die nicht zufällig das Glück haben, eine verständnisvolle Mutter wie meine Tante zu haben, der einzige Ort sein, an dem sie ihren Schmerz zum Ausdruck bringen können. Es dürfte selbst für den weisesten Lehrer ein Ding der Unmöglichkeit oder zumindest eine sehr große Überforderung sein, diesen Raum in jedem Fall und jederzeit so halten zu können, dass der unterdrückte Schmerz, der in solchen freien Räumen seinen Weg bahnt, jederzeit in sicherem Rahmen ausgedrückt werden kann. Aber es erscheint mir eine interessante Überlegung, ob es nicht möglich wäre, eine Art von Institution zu erfinden, die diese Aufgabe innerhalb eines freien Arbeitens unterstützt.

An der Schule im Norden Deutschlands, an der ich letztes Jahr gearbeitet habe, gab es das sogenannte Lösungskomitee, in dem Konflikte, die die Kinder nicht unter sich lösen konnten, behandelt wurden, und in vielen Fällen funktionierte es auch ganz gut. Aber wenn wir davon ausgehen, dass an der oben aufgeworfenen These etwas dran ist (nämlich, dass ein Teil unseres Handelns dem Zweck dient, einen Grund zu haben, unseren unausdrückbaren Schmerz ausdrücken zu dürfen), so stellt sich mir die Frage, ob ein Lösungskomitee, das jeweils hauptsächlich den aktuellen Fall untersucht, nicht zu wenig weit greift, weil es die Handelnden im Hintergrund des Geschehens nicht einbeziehen kann. Was mir vorschwebt, ist eine Art geschützter Raum, in dem es eben nicht peinlich, sondern mutig ist, seinen Schmerz auszudrücken, der aber auch für die anderen in diesem Raum die Sicherheit bietet, nicht in Gefahr zu geraten. Denn oftmals scheint es viel mehr um die (öffentliche) Anerkennung des Schmerzes zu gehen denn um das Finden eines Schuldigen. Das Anerkennen scheint auch die Funktion zu erfüllen, dem Schmerz eine Art von mehr als einem Meschen geteilter Realität zuzugestehen, ihn aus der Ebene der möglichen Einbildung in die allgemein akzeptierte Wirklichkeit zu hieven.

Jene Institution mĂĽsste es also ermöglichen, einen subjektiv gefĂĽhlten Schmerz wertfrei anerkennen zu lassen, egal wie absurd er erscheint. So könnte der sich verletzt fĂĽhlende die Möglichkeit haben, seinen Schmerz auch fĂĽhlen zu dĂĽrfen, selbst wenn er von dem „Täter“ (der sich seiner „Tat“ wohl in vielen Fällen gar nicht bewusst ist) gehört hat, er solle sich nicht so anstellen, so schlimm sei es ja wohl nicht. Ausgesprochen von einem Menschen, von dem der so Verletzte abhängig ist (etwa den Eltern), wäre es fĂĽr mich gut nachvollziehbar, wie aus einem nicht fĂĽhlbaren Schmerz später die Lust an der Gewalt erwächst – um sie zumindest an anderen sichtbar zu machen. Vielleicht sogar ebenso unter einem abwertenden „Stell dich nicht so an“, um die eigene Situation noch realistischer nachspielen zu können… eine solche Institution wĂĽrde es auch gar nicht nötig haben, einen “Schuldigen” fĂĽr den Schmerz zu bestimmen. Ihre Aufgabe bestĂĽnde nur darin, Schmerz einen Raum zu geben, so dass er in er Welt des Verletzten seien rechtmäßigen Platz einnehmen darf und somit auch verarbeitet werden kann.

Das AusmaĂź des unterdrĂĽckten Schmerzes

Um zurĂĽck zu der Frage zu kommen, warum manche Menschen an ihre alte Schule oder Universität zurĂĽckgehen, um dort Menschen zu erschieĂźen: es wird viele individuelle GrĂĽnde geben. Aber einer, der sie möglicherweise alle vereint, könnte sein, dass diese Menschen keinen geeigneten Raum fanden, ihren Schmerz auf eine Weise auszudrĂĽcken, der niemanden schaden musste, also ihn in „Rohform“ fĂĽhlen zu dĂĽrfen, bevor sie ihn an anderen Menschen nachspielen zu mĂĽssen glaubten. So zynisch es klingen mag, aber von einer gewissen Sichtweise aus betrachtet ähnelt der Mord an unschuldigen Menschen in dieser Hinsicht ein StĂĽck weit dem Rollenspiel kleiner Kinder, die das Erlebte Nachspielen – nur eben in diesem Fall mit tödlichen Konsequenzen.

Als ich mit 14, 15 ziemlich regelmäßig an Selbstmord dachte und mir vorstellte, wie die Welt wohl reagieren würde, war ich in meiner Schulklasse nicht alleine mit meinen Gedanken, sondern eher ein Teil einer Art „Community“. Es war beinahe normal, sich umbringen zu wollen. Durch einige gute Freunde, das Schreiben und auch meine Gitarre fand ich irgendwann genug Möglichkeiten, mich auch anderweitig auszudrücken. Aber in meiner vorherigen Unfähigkeit, dies zu tun, unterschied ich mich wohl nicht viel von jenen Massenmördern. Wenn man die Anzahl jener eher auto-aggressiven Menschen wie mich zur Zahl der eher nach außen aggressiven Menschen hinzuzählt, erhält man wohl einen beeindruckend großen Ausschnitt der Gesellschaft.

Alleine deswegen wird es womöglich besser sein, einen Raum in der Schule zu öffnen, in dem auch der Schmerz Platz finden kann und sich auf die Leistung auswirken darf. Denn den eigenen Schmerz zu akzeptieren benötigt neben einem wohlwollenden Gegenüber (das zum Beispiel auch ein Tagebuch sein kann) vor allem eines: Zeit. Es wird kaum möglich sein, mit dem Öffnen der Räume auch ein perfektes Therapie-Umfeld mitzuerschaffen, aber vielleicht gelingt es zumindest, die Leere dieser Räume ein bisschen länger auszuhalten, als wir es sonst tun würden, und ein bisschen schlimmeres Verhalten auszuhalten, als wir es für angebracht halten. Das mag anstrengend klingen (und ist es auch). Aber können wir davon ausgehen, dass Kinder in jeder Familie den Freiraum vorfinden werden, sich ihrem Schmerz zu stellen? Wohl eher nicht (mehr). Alles, was keinen Ausdruck finden darf, hinterlässt jedoch einen umso tieferen Eindruck, formt einen Menschen mit.

Oft mag es deshalb langfristig besser sein, im Jetzt einen Raum trotz offensichtlich absurden Verhaltens zu halten (und jenes nicht persönlich zu nehmen). Sich hinzustellen und einen sicheren Raum zu schaffen für den Ausdruck des Schmerzes in der Urform, wird wohl zu überraschenden Entwicklungen führen. Vielleicht ermöglichen wir es so zumindest einigen Menschen, ihn nicht an anderen ausleben zu müssen und damit nur ein weiterer Multiplikator der schmerz-vollen Geschichte der Menschheit zu sein.

Niklas

Ja, sehr angenehm, Sie wiederzutreffen! Damals haben wir uns ja wohl ein wenig aus den Augen verloren. Aber nette Leute trifft man ja meistens zwei Mal, wie der Volksmund sagt – und sehen Sie, er hatte recht!

Sie fühlen sich unsicher, ob Sie mich wirklich kennen? Vielleicht kennen Sie mich auch unter meinem Zweitnamen? Ja, ich weiß, es ist für viele Menschen schwer, sich meine beiden Namen zu merken. Aber früher oder später lernen wir uns ja doch meist besser kennen, und dann werden sie sich wieder erinnern, da bin ich mir sicher. Die meisten rufen mich nur Liebe, oder auch nur Hass. Manchmal kann ich alleine daraus einschätzen, welche Art von Menschen ich wohl gerade vor mir habe. Ist das nicht erstaunlich?

Es ist fast ein wenig komisch, dass so viele Menschen immer wieder ĂĽberrascht sind, mich anzutreffen, wo ich doch immer unter Leuten bin. NatĂĽrlich begegnen wir uns frĂĽher oder später wieder, die Welt ist ja bekanntlich recht klein. Ein wenig kränkt es mich dann schon manchmal, wenn Menschen mich behandeln, als wĂĽrden sie mich nicht wiedererkennen, oder als wäre ich Luft fĂĽr sie. Als wĂĽrden sie etwas gegen mich haben… Ganz seltsam ist es, wenn Menschen mich wiedersehen und vor mir flĂĽchten. Was habe ich ihnen wohl angetan? Aber ich kann erkennen, dass Sie möglicherweise anders sind.

Was ich so mache? Ich wandere zwischen ihnen umher, diesen Menschen, deren Seelen oft so verdorrt erscheinen, als würden sie gleich zu Staub zerfallen, und gebe mich ihnen hin, auf dass sie sich erfrischt fühlen und wachsen können. Es ist interessant, welch verschiedene Formen ihre Seelen angenommen haben, welche schönen Strukturen die Narben und Falten ihres Lebens ihnen verliehen hat. Ich kann ihr Leben fühlen, während ich Tropfen für Tropfen durch ihre Formen fließe, spüre ihren Durst nach meinem lebendigen Wasser, höre ihr Rufen nach Erlösung von der Trockenheit. Und so finde ich meine Erfüllung in der ihren.

Wie schön es ist, wenn ich eingeladen werde in eine jener Seelen! Doch wie viel schöner es erst ist, einer anderen Seele weitergeschenkt zu werden! Welch wunderbares Gefühl es doch ist, zwischen Seelen fließen zu dürfen, spürend, wie ein jeder Tropfen die Narbenstruktur jener wagemutigen Pioniere aushöhlt und die Verbindung zwischen ihnen weiter öffnet! Durstige Seelen zu nähren ist wunderschön, doch zwischen Seelen zu fließen, welch göttliche Gnade! Wie schön, mich im Strahlen ihrer Augen wiederzufinden!

Und doch, die Menschen sind ein undankbares Volk. Nähre ich sie, so wollen sie mich in sich bewahren. Nähern sich ihnen andere Seelen, so wollen sie mich benutzen, um andere nach ihren Vorstellungen zu formen. Sie verkennen leider oft meinen natürlichen Aggregatszustand, in dem alleine ich fließen kann. Und so verhärte ich mich in ihnen zu einer Waffe, mit der sie anderen Seelen Wunden aufreißen und den Krieg erklären. Oder ich verflüchtige mich, weil es mir, tief in ihrem Inneren verwahrt, zu heiß wird.

Ich frage nicht ohne Grund, ob es mir gestattet ist, mich vorzustellen oder gar einzutreten. Manchmal trete ich Türen ein, die die Menschen tief in sich verschlossen zu wissen glaubten. Manchmal öffne ich Narbengewebe, damit die Wunden ausheilen können. Manchmal füge ich Schmerzen zu. Mein Name ist Liebe, wenn es mir erlaubt ist, zu fließen, und Hass, wenn es mir verboten wurde.

Sie gestatten?

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Da stand er nun auf dem Gipfel. Ein wenig auĂźer Atem, ein wenig ermĂĽdet vom Aufstieg – aber die Aussicht war die Anstrengung bei weitem wert gewesen. Unter dem kaum mehr bewachsenen Felsen, in dem das Gipfelkreuz gerammt worden war, breitete sich ihm ein idyllisches Bild aus. Unter zarten Nebelfetzen konnte er im Tal die Stadt ausmachen, in der er seit einigen Jahren lebte und arbeitete. Wie klein und unbedeutend sie von hier aus schien! Die stinkenden Autokolonnen, das hektische Treiben, all das, was ihn ansonsten jeden Tag aufs Neue nervte, wirkte von hier aus seltsam weit weg und gewann eine ganz eigentĂĽmliche Schönheit. Das Bild eines Ameisenhaufens drängte sich ihm auf: er hatte keine Liebe fĂĽr einzelne Ameisen selbst, fand sie gar hässlich, doch der Grad ihrer Organisation hatte ihn immer schon fasziniert. Und nun hatte er, eine der Ameisen da unten, diesen Berg erklommen, und sah klarer, sah den faszinierenden Grad der Organisation, der sich hinter all den Autokolonnen und hetzenden Menschen verbarg.

Er setzte sich auf einen der Felsen, und begann, seine Jause auszupacken, während er über seine Eindrücke nachsann. Wie lächerlich klein die Welt doch war, wenn man sie aus der Ferne betrachtete! Wie unbedeutend schien doch das winzige, blinkende Blaulicht des Rettungswagens, der gerade über eine Kreuzung raste! Wäre er nun an jener Kreuzung gestanden, er hätte für den Gefährdeten gehofft, hätte gebetet, es würde keinen der Seinen treffen, doch nun ließ ihn all das seltsam kalt. Aus der Ferne betrachtet schienen all diese Leben unter ihm so völlig irrelevant zu werden. Als würde er eine einzelne Ameise zertreten – was machte sie schon für einen Unterschied?

Gott musste es ähnlich ergehen, dachte er überrascht. Wir sind für ihn ja doch nur stumpfsinnige Ameisen, die tagein, tagaus auf unseren Ameisenstraßen herummarschieren. Warum sollte Gott die Gefühle eines kleinen Menschen wichtiger nehmen als er die Gefühle einer Ameise, die er zertrat? Warum sollte er sich dafür interessieren, dass er diese oder jene Frau liebte, dieses oder jenes Ziel erreichen wollte? Von seinem Himmel aus mussten all seine Probleme, ja alle menschlichen Probleme, lächerlich erscheinen. Kaum der Rede wert, und noch weniger der Tat. Sich nicht mit all den alltäglichen Problemen beschäftigen zu müssen, das wäre schon etwas, dachte er bei sich.

Und während er noch darüber nachsann, wie sich Gott wohl fühlen würde, kam ihm in den Sinn, dass ihn nichts davon abhielt, seine Probleme ebenso hinter sich zu lassen. All das, was ihm das Leben schwer machte, würde ihn nicht mehr kümmern, würde ihn unberührt lassen. Und für einen Moment fühlte er sich tatsächlich völlig frei, genoss den Wind, der ihm über das Haar strich und wähnte sich übermächtig, beinahe göttlich. Nichts konnte ihn berühren, weder das Blaulicht unten im Tal noch eine nicht erwiderte Liebe. Zum ersten Mal in seinem Leben ahnte er etwas von dem tatsächlichen Ausmaß seiner Macht.

Lange noch verweilte er auf dem Felsen, bis die Sonne langsam zu sinken begann und die Realität ihn einholte. Hoffentlich war niemandem etwas passiert, der Rettungswagen schnell genug gewesen! Vielleicht hatte ihn die Frau, die er heimlich liebte, ja in der Zwischenzeit angerufen? All diese irrelevanten Gesten, Befürchtungen und Hoffnungen, von aus der Distanz betrachtet irrelevanten Menschen, die einen Gott wohl nicht zu kümmern brauchten, ließen ihn dann doch lächeln. Es war wohl schmerzlos, das Geschehen in der Welt aus einiger Entfernung, gleichgültig zu betrachten, aber auch eine sehr leere Existenz. Und mit neuem Mut stürzte er sich hinab vom Gipfel der Gleichgültigkeit ins Tal der Erfahrung. Bereit, einen weiteren Tag in seiner ganzen Fülle auszukosten.

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