Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, Gegenüber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrängt, dass Geschichten Wort für Wort errungen werden. Dass das Erleben flüchtig ist und nur die Rückschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz übrig ist sich zu entfalten, an letzten Schräubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was längst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hätte auch gehen können, vielleicht auch sollen. Wäre das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemäß „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch überstieg die Überforderung meine Kräfte. Ich wollte dich nicht hängen lassen, blieb für dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner Kräfte erwachte plötzlich ein neues Bedürfnis in mir: gesehen werden. Gewertschätzt für das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhängiges Bedürfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu müssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darüber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach über dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hätte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, würde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so würde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die Hülle meines äußeren Lebens mir lässt. Ich würde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten Bedürfnissen und Formen. Die größte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wäre nichts gewesen, als hätten wir uns nicht längst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wär vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.

Letzten Mittwoch habe ich in einer letzten Marathon-Session das Manuskript für mein erstes „richtiges“ Buchprojekt über sinnvolle Meetings und Teamsitzungen soweit fertiggestellt, dass ich es für „bereit“ hielt, Test-Lesern vorgelegt zu werden. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, bis Februar soweit zu sein, aber nach einer ersten „Shitty draft“-Version begann ich mit der zweiten dann anspruchsvoll zu werden. Gewöhnt, Artikel oder kleinere Geschichten von 3-4 Word-Seiten am Stück zu schreiben, oft auch gleich zu überarbeiten und dann rasch zu veröffentlichen, ist der Abschluss größerer Schreibprojekte für mich eine riesige Herausforderung.

Womit ich gar nicht gerechnet hatte:  wie klein der Prozentsatz der getippten Wörter ist, der letztendlich in der Endversion ankommt. In Zahlen ausgedrückt handelt es s ich (derzeit, ich werde wohl anhand des Feedbacks zur jetzigen  Version noch einmal sehr viel um- und neu schreiben, bis ich – und meine Testleser – zufrieden sind) wohl um maximal  noch 20%. Anders ausgedrückt: für ein 100-Seiten-Buch schreibe ich in Wahrheit gut 500 Seiten, von denen der Leser am Ende den Löwenanteil gar nicht zu Gesicht bekommt. Vielleicht ist es deswegen so schwer, die Arbeit eines Autors (oder Künstlers allgemein) von außen zu bewerten: man sieht immer nur den über der Oberfläche sichtbaren Teil des „Eisberges“ an Arbeit, und das Werk wird auch noch umso besser, je mehr sein Ersteller es reduziert hat.

Eine weitere überraschende Erfahrung war es, festzustellen, dass ein Teil von mir massiv Angst davor hat, fertig zu werden und vor allem für das fertige Werk Geld zu verlangen. Ich schreibe mittlerweile seit vielen Jahren regelmäßig und gerne auf meinen zwei Blogs, werde auch regelmäßig gelesen (Danke an dieser Stelle für die teilweise bereits jahrelange treue Leserschaft!) und freue mich sehr darüber. Aber tatsächlich Geld mit dem Schreiben zu verdienen, das fühlt sich wie eine Art „magische Grenze“ an, die einerseits wünschenswert erscheint, andererseits auch beinahe „identitätsgefährdend“ wirkt. Ich kenne diese magische Grenze aus Erzählungen von Bekannten und Freunden, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf machen oder zumindest ein Nebeneinkommen erzielen wollten, nur leider kaum jemanden, der sie auch mutig übertreten hat, was das Unternehmen in Ermangelung von Vorbildern nicht unbedingt erleichtert.

Und letztlich stelle ich gerade einerseits genervt von mir selbst als auch andererseits fasziniert fest, dass ich mich nach dieser ersten Vor-Veröffentlichung des Beta-Manuskripts am liebsten für mehrere Tage in einer Höhle verkriechen und weder Tageslicht noch Menschen sehen will. Angeblich nennt sich der Fachbegriff dafür laut kurzer Recherche „PPD – Post Publication Depression“ und beschreibt einen völlig normalen Prozess für Autoren. Na dann: offensichtlich überschreite ich gerade die identitätsgefährdende oder doch wohl vielmehr identitäts-verändernde Grenze, die es mir ermöglichen wird, es für denkbar zu halten, dass jemand tatsächlich für mein geschriebenes Wort Geld zu bezahlen bereit ist. Nach dem hier schon des Öfteren beschriebenen Heilkreis befinde ich mich dabei wohl einfach noch in der Frustrations-Phase, die jeder signifikanten Entwicklung vorangeht. Was von außen betrachtet sehr logisch und im Nachhinein betrachtet notwendig erscheint,  ist nur leider im Zustand des Erlebens eine einzige Qual.

Ich habe mich gestern  und heute schon den ganzen Tag damit gequält, ob ich über diesen Zustand schreiben sollte, weil er nur sehr am Rande direkt mit „Bildung“ zu tun hat und auch nicht wirklich die Form einer Geschichte hat. Allerdings weiß ich ja mittlerweile aus langjähriger Erfahrung, dass mir in solchen geistig/seelisch verwirrten Zuständen immer nur das Schreiben hilft, Ordnung in mein Innenleben zu bringen, wie in einer Art Selbst-Therapie. Was mir wiederum – beruhigenderweise – zeigt, dass die „magische Grenze“ des mit-dem-Schreiben-Geld-verdienens  als identitätsstiftende Veränderung im Grunde auch nur eine weitere Illusion ist: Ich bin längst Autor, auf eine viel identitätsstiftendere Art und Weise, als es der Erwerb von Geld durch Tätigkeit jemals ausdrücken könnte.

Eine weitere Erfahrung, die ich mit den Jahren gewonnen habe, ist jene, dass das augenscheinlich Persönlichste in Wahrheit oftmals das Unversalste, Allgemeinste ist, nur in verschiedenfarbigen Kostümen. In der Hoffnung, aus meinen individuell qualvoll erlebten Zuständen durch ein Davon-Erzählen, ein Sichtbarmachen einen Mehr-Wert für andere zu machen, aus einem destruktiv erlebten Leiden etwas Konstruktives  zu erschaffen, veröffentliche ich nun nach längerer Überlegung doch diesen Text.

Möge sich ein jeder darin finden, was er zu finden braucht.

Niklas

Da im Lehrplan der 4. Klasse Volksschule unter anderem auch das Schreiben von Briefen vorkommt, ich es als Schularbeiten- bzw. Überprüfungs-Thema jedoch für nicht sonderlich geeignet halte, habe ich mir etwas Anderes überlegt. Inspiriert ist die Idee teilweise von dem Film „Freedom Writers“, in dem eine Lehrerin an einer Problemschule ihren Schülern aufträgt, eine Art Tagebuch zu schreiben, das sie ihr – wenn sie es wollen – in ihren Spind zu Lesen geben können. In der Folge bekommt sie Einblick in die gewalttätige Welt, in der sich ihre Schüler bewegen, die Gangs, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit – und ihre Schüler fühlen sich zum ersten Mal wahrgenommen und verstanden, das Klassenklima verbessert sich immens und echte Beziehung wird möglich.

In meiner Klasse gab es – meiner Wahrnehmung nach – keine Bandenkriege, und auch sonst waren alle weitgehend friedlich miteinander, und doch weiß ich – auch aus eigener Erfahrung – dass die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen über weite Strecken auch von Phasen begleitet ist, in denen man sich sehr unverstanden fühlt, sich aber auch gar nicht so wirklich in seinem Umfeld dazu äußern kann. Deswegen habe ich in der Klasse das „Post-Heft“ eingeführt, ein Heft für jedes Kind, mit Hilfe dessen man mir als Lehrer Briefe schreiben kann und ich antworten kann, ohne dass es jemand anderer mitbekommen muss. Diese Briefe wurde von mir zwar gelesen und ich habe geantwortet, aber nicht durchkorrigiert, weil ein Korrigieren dem Zweck der Akzeptanz des Was-Ist völlig zuwiderlaufen würde.

Feedback-Briefe

Das Schreiben von Briefen an mich war grundsätzlich freiwillig und jederzeit möglich, aber ca. 1x/Monat habe ich meine Schüler dazu verpflichtet, mir einen besonderen Brief zu schreiben: einen Feedback-Brief, in dem sie Positives wie Negatives bezogen auf meinen Unterricht rückmelden sollten, damit ich ihn besser nach ihren Bedürfnissen gestalten kann. Einerseits wollte ich ohnehin eine Art von Feedback-Schleife einführen, andererseits ergab sich dadurch ein stimmiger Anlass zum Schreiben. Ausgehend von diesen Feedback-Briefen und meinen Antworten (die aufgrund ihrer Länge, Tiefe und Bezogenheit auf ihre eigenen Briefe manche Schüler ganz schön zum Staunen gebracht haben, vor allem aber weil ich auch einiges von ihrem Feedback tatsächlich umsetzte) entwickelte sich mit einigen Schülern ein Briefwechsel, ohne dass dazu ein weiterer Auftrag meinerseits erteilt wurde – einfach durch den Aufforderungscharakter einer Rückantwort auf den jeweils eigenen Brief.

Diese zusätzlichen Briefwechsel entstanden nicht mit allen Kindern, aber ein Briefverkehr bezogen auf die jeweils letzten Briefe durchaus – so war in der zweiten Runde der Feedback-Briefe dann eben zu lesen, was sich im Vergleich zum letzten Mal verbessert hatte oder was neu an Anliegen dazugekommen war. Die Klasse, die ich betreut habe, war vergleichsweise klein und die Anzahl an Briefen dadurch ebenso, und doch dauerte es manchmal ganz schön lange, alle Briefe zeitnah zu beantworten, aber die so investierte Zeit lohnt sich tausendmal, da Schüler damit die Erfahrung machen, dass das, was sie schreiben, eine Resonanz erfährt und Auswirkungen in der Welt hat. Wie oft ist dies der Fall, wenn die Kinder etwa die Übung 3 auf Seite 12 einem Arbeitsbuch erledigen sollen?

Ein Post-System entsteht

Besonders interessant war jedoch der Einwand der Kinder, sie wollten sich auch gegenseitig Briefe schreiben können und nicht nur mir. Im dazu einberufenen Klassenrat einigten sie sich – moderiert vom kürzlich gewählten Klassensprecher – darauf, einen „Postbeamten“ einzuführen, der jeweils zur großen Pause die in einen großen Verteiler-Postkasten geworfenen Briefe auf die individuellen Post-Boxen verteilen würde. Einer der Schüler erklärte sich bereit, eine Postbeamten-Liste zusammenzustellen, anhand derer organisiert werden würde, wer in welcher Woche den Postbeamten spielen sollte, und die Werklehrerin wurde gefragt, ob die Postkästen in der nächsten Werkstunde gebastelt werden könnten.

Da ich nicht mehr an der Schule arbeite weiß ich nun leider nicht, was aus dem Postkastensystem geworden ist und ob es mittlerweile in Funktion ist. Worauf ich aber hinweisen möchte ist der Umstand, dass alle Kinder dieser Klasse sich darauf freuten, einander Briefe zu schreiben, ohne Auftrag von meiner Seite. Es ist für mich ein weiteres Beispiel dafür was möglich wird, wenn man sich traut, Kontrolle über den Prozess abzugeben und sich auf einen ergebnisoffenen (wenn auch durch Kriterien in Bahnen gelenkten) Prozess gemeinsam mit den Schülern einzulassen.

Niklas

Vor einigen Jahren habe ich in einer Englisch-Nachhilfestunde spontan eine Methode entworfen, um meinen Schülern einerseits zu einem besseren Sprachbewusstsein zu verhelfen, andererseits vor allem, um ihnen die Angst vor der Nicht-Perfektion zu nehmen. Gerade im Englisch-Unterricht ist der verinnerlichte Zwang, nur richtig zu sprechen, ein massiv unterschätztes Hindernis auf dem Weg zu einem flüssigen Sprechen (und Schreiben). Denn die Kombination aus einem „Ich mache noch Fehler“ und einem „Ich sollte keine Fehler machen“ führt in vielen Fällen nicht zur Motivation, die noch vorhandenen – und beim Erlernen einer neuen Sprache völlig natürlichen – Fehler auszumerzen, sondern viel eher zu – Stille, und damit Stillstand in der Weiterentwicklung.

Die Methode ganz kurz

Meine Methode ist dabei sehr simpel und ist mit sehr wenig Aufwand umsetzbar. Anhand der Texte der Kinder schreibe ich einzelne Wörter, Satzteile oder ganze Sätze an die Tafel 1:1 ab und füge je nach Anzahl der Fehler eine entsprechende Anzahl an Strichen hinzu, etwa 3 Striche bei 3 Fehler. Aufgabe der Kinder ist es nun, gemeinsam alle Fehler im Geschriebenen zu finden und sie richtigzustellen, was wir gemeinsam (mit Aufzeigen) 1x/Woche für etwa 20-25 min lang machen (anfangs dauerte es fast eine ganze Einheit, was sich als zu lange herausgestellt hat). Dabei betone ich (wenn notwendig auch immer wieder) jeweils, dass es nicht darum geht, wer die Fehler gemacht hat, sondern darum, den Humor im Falschen zu finden. Nach einigen Wochen haben sich die Kinder immer schon darauf gefreut, welche Kuriositäten beim nächsten Mal wohl zu finden sein werden und herzlich mitgelacht (etwa beim Wort „gwitschent“, das wohl „quietschend“ heißen sollte und nur noch aus dem größeren Zusammenhang herleitbar war, oder als ich ihnen erklärte, man solle vielleicht, wenn man das Wort “doof” verwenden möchte, es auch richtig schreiben können).

Mir ist dann irgendwann gesagt worden, das sei sehr schlimm für die „schlechteren Schüler“ wenn über Fehler öffentlich gelacht werde, was meinen Eindruck nicht entsprochen hat. Also habe ich einige im 4-Augen-Gespräch darauf angesprochen und erfahren, dass es sie nicht stört. Sicherheitshalber habe ich jedoch noch zusätzlich darauf geachtet, Fehler so auszuwählen, dass nicht anhand der Fehler klar ist, wer den Fehler gemacht haben muss (einige Kinder in der Klasse machen sehr spezifische Fehler die leichter zuordbar sind als andere).

Sichtbare Konsequenzen der Anwendung

Nach einigen Wochen ist mir aufgefallen, dass zahlreiche Kinder das Prinzip des lustigen Fehlersuchens innerlich aufgenommen haben, so rief ein Schüler z.B. einmal lachend während einer Deutschstunde „Ich hab fest mit zwei „t“ geschrieben!“, oder ein anderer, der besondere Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hat, sagte nach dem Abschreiben eines Satzes von der Tafel grinsend „Ha, jetzt hab ich war schon wieder mit h geschrieben!“. Auch beim Schreiben der regelmäßigen Ausprobier-Schularbeiten jeden Freitag, bei denen die Schüler immer schneller mit dem Schreiben fertig wurden und daher immer mehr Zeit zum Kontrollieren ihrer Texte mit Hilfe des Wörterbuchs hatten, war oft ein Grinsen zu sehen, bevor jemand etwas verbesserte. Die Konsequenzen der Methode waren also nicht nur auf die Zeit der tatsächlichen Übung beschränkt sondern gingen weit darüber hinaus.

Einige dahinterstehende Prinzipien

Das lustige Fehlersuchen vereint in einer sehr simplem Methodik sehr viele mir wichtige Prinzipien. Es arbeitet mit den Texten der Kinder und erzeugt damit automatisch eine persönliche Relevanz und ganz andere Aufmerksamkeit. Man kann es auch anhand von vorkopierten Texten machen, aber damit verliert es einen Großteil seines Reizes. Dann bereitet es den Weg für eine gewisse sprachliche Experimentierfreude – wenn das Schlimmste, was bei einem Rechtschreib-Versagen meinerseits passiert, ein Anlass zum gemeinsam Lachen ohne Abwertung ist, wird eine Atmosphäre der Fehlertoleranz und Kreativität mitgefördert. Eines der – meiner Meinung nach – wichtigsten Aspekte im Lernen einer Sprache ist eine gewisse Spielfreude mit der Sprache, eine gewisse Unkontrolliertheit. Kreativität braucht den Raum, auch Sinnloses zu generieren, sonst bleibt sie in den Fahrwassern der Kontrolle stecken. Und Sinnloses kann man neben „falsch“ eben auch als „lustig“ uminterpretieren.

Ein weiteres Prinzip lässt sich zusammenfassen mit einem „Schauma wos passiert“ (Schauen wir mal, was passiert). Kinder schreiben wie sie glauben dass es richtig ist, und erst dann wird Feedback gegeben. Dieses Feedback ist jedoch nicht nur binär (richtig/falsch) sondern auch situationsspezifisch. Ein Schüler, der statt „war“ versehentlich „wahr“ geschrieben hat, wird also nicht nur hören, dass sein „wahr“ in dem speziellen Satz nicht passt und warum, sondern auch, dass sein „wahr“ an sich ein brauchbares Wort ist, nur in anderem Zusammenhang (mit Beispiel). Damit existiert kein absolutes richtig/falsch, sondern eher ein situationsspezifisches „Was ist die Konsequenz des Getanen, und wie unterschiedlich ist es zum  Gewollten bzw. was much ich korrigieren, um Gewolltes und Getanes in Übereinstimmung zu bringen?“. Auf ein Kleinkind bezogen grafischer erklärt: Ein Kind, das nach einer Tasse greifen möchte, wird womöglich Stunden damit verbringen, die Handmuskulatur nicht richtig zu benützen, bis es exakt richtig greift und die Tasse hochheben kann. Aber all die für diese Intention „falschen“ Muskelbewegungen und das entsprechende Feedback ermöglichen es dem selben Kind, rascher einzuschätzen, wie es etwa einen Krug aufnehmen kann. Würde es nur nach einem binären richtig/falsch agieren, müsste es für jede spezifische Bewegung von vorne anfangen, so aber lernt es durch Misserfolge bei einer Intention für andere, ähnliche Intentionen gleich mit – und das gleiche Prinzip lässt sich auch auf das Erlernen von Sprache anwenden.

Ein letztes Prinzip hat mit Effizienz zu tun: Humor ist eine ganzheitliche Funktion des Bewusstseins und arbeitet damit sehr rasch. Wenn ich als Kind (oder später als Erwachsener) einen Text kontrolliere (etwa für eine wichtige Email, oder bei einer Schularbeit) und bei jedem Wort/Satz über Rechtschreib-/Grammatik-Regeln nachdenken muss, dauert es schlicht zu lange. Wenn ich jedoch bestimmte Wortbilder als gefühlt richtig im Kopf habe und mich daran gewöhnt habe, Absurditäten zu suchen (weil Humor ja auch etwas Lohnenswertes ist), so kann ich einen Text relativ rasch selbst durchkontrollieren und zumindest die offensichtlichsten Fehler ausmerzen.

Kritische Kommentare/Theorieeinwände (schulintern)

Nun ist mir gesagt worden, dass es wissenschaftliche Studien gäbe, die behaupten, ein Lesen von falsch geschriebenen Wörtern würde das Rechtschreibbewusstsein von Kindern eher vermindern. Plakativ gesagt müsste man Kindern dann allerdings verbieten, selbst zu schreiben, weil die Chance groß ist, dass sie dabei Fehler machen und dabei ihre eigenen – falsch geschriebenen Wörter – noch tiefer einprägen. Möglicherweise ist auch gemeint, dass falsch geschriebene Wörter nicht auf der Tafel stehen sollen oder in Büchern, weil Kinder jenen Quellen eine andere Autorität oder „Richtigkeit“ zuordnen – meiner bisherigen Erfahrung nach reicht es jedoch, klar zu benennen, dass es sich hierbei um fehlerhafte Sätze handelt. Diese unkommentiert an „autoritärer“ Stelle stehen zu lassen halte ich tatsächlich für nicht ideal, aber während des lustigen Fehlersuchens ist ja klar, dass Fehler zu finden sein werden (sonst gäbe es ja auch nichts zum „Suchen“)

Ich kenne nun natürlich den genauen Aufbau jener Studien nicht, gehe jedoch davon aus, dass die Messung von etwas wie einem Rechtschreibbewusstsein sehr schwer umzusetzen und damit auch die Chance steigt, wichtige Aspekte (wie etwa Prozesse, die im Zeitverlauf zuerst schlechter und dann besser werden) nicht gut messbar machen zu können und damit auszuklammern. Ich kann mir vorstellen, dass es durch eine Atmosphäre der Fehlertoleranz zu einem Mehr an Kreativität und damit vorübergehend auch zu einem Mehr an Fehlern kommen kann, weil Schüler schlichtweg mutiger werden, mit Sprache zu spielen. Anhand der Texte meiner Schüler war da doch auch eine gewaltige Entwicklung festzustellen (ein Schüler von mir stellte beispielsweise im Alter von 9 Jahren von sich aus eine „wissenschaftliche These“ über den Ursprung der Gravitation auf). Ich kann mir vorstellen, dass im Durchschnitt dadurch eine zeitweilige Erhöhung der Fehleranzahl eintreten kann, die sich dann mit der Zeit ins Negative verkehrt (also weniger Fehler gemacht werden), weil bereits mehr Spielraum in der Sprache „ausprobiert“ und bewertet worden ist. Nur richtige Schreibweisen anzubieten führt meines Erachtens eher zu einer Hemmung dieser sprachlichen Spiellust und damit zu einer zwar möglicherweise weitgehend richtigen, gleichzeitig jedoch in ihrer Vielfalt verarmten Sprache.

Die Hauptschwierigkeit einer Messung der Effizienz jener Methode liegt jedoch wohl in der Abhängigkeit von der Lehrerpersönlichkeit. Das lustige Fehlersuchen passt sehr gut zu meinem Charakter als Lehrer und funktioniert für mich wunderbar, wird aber nicht für jeden gleich gut funktionieren bzw. muss entsprechend an die eigene Leiterpersönlichkeit angepasst werden. Wer sich nicht sicher ist, eine fehlertolerante Atmosphäre in der Gruppe herstellen und halten zu können, kann damit wohl auch Schaden anrichten (etwa indem statt über den Fehler über den Autor des Fehlers gelacht und er damit herabgewürdigt wird) – hier eine Grundsatzentscheidung über die Effizienz der Methode unabhängig von den Fähigkeiten/Charaktereigenschaften des Lehrers zu treffen (die in diesem Fall schwerlich kategorisiert oder von formalen Aus- und Weiterbildungen abhängig gemacht werden können), halte ich für schwierig. Ich möchte mit diesem Artikel jedoch aufzeigen, aus welchen Prinzipien die Methode unter Anderem abgeleitet ist und welche Konsequenzen sie in der Anwendung durch mich hatte – und dass es möglich und durchaus konstruktiv sein kann, sie einzusetzen.

Konkrete Rückmeldungen/Erfahrungsberichte

Zahlreiche Eltern haben mir rückgemeldet, dass – gerade auch schwächere Schüler – seit Anfang des Schuljahres eine enorme Lust am Schreiben entwickelt haben, gerade auch weil sie keine Angst mehr haben mussten, Fehler zu machen, und auch anhand der Schülertexte wird ersichtlich, dass  die Schreiblust steigt und die Anzahl der gemachten Fehler eher im Sinken begriffen ist. Auch die Gesamtatmosphäre in der Klasse habe sich laut Rückmeldungen der Eltern deutlich verbessert, und auch wenn das lustige Fehlersuchen an sich sicher nicht alleine dafür verantwortlich war, dürften die dahinterstehenden Prinzipien der Akzeptanz des Fehlerhaften/Anderen ihren Teil dazu beigetragen haben.

Niklas

Dieses kleine Gedicht habe ich für meine Schüler zum Abschied geschrieben.

Vergiss das nie:
Du bist wertvoll.
Es gibt dich nur ein einziges Mal auf der Welt.
Niemand sieht die Welt genauso, wie du sie sehen kannst.
Was du siehst, ist also von großem Wert.
Du bist wertvoll.

Vergiss das nie:
Du bist liebenswert.
Nicht jeder muss dich lieben.
Aber niemand hat das Recht
Dich nicht für dein Anders-Sein zu respektieren.
Du bist liebenswert.

Vergiss das nie:
Es ist deine Geschichte.
Andere spielen ihre Rollen darin.
Manche streiten sich sogar um die Hauptrolle.
Aber am Ende entscheidest du.
Dein Leben ist deine Geschichte.

Vergiss das nie:
Es ist deine Geschichte
Die du schreiben musst.
Und du kannst wählen
Ob sie traurig ist, lustig, furchterregend
Oder auch spannend.
Wie du dich auch entscheidest –

Versuche, eine Geschichte zu schreiben
Die es wert ist, erzählt zu werden.

Ich glaube, dass du das kannst.
Ich glaube an dich.

Vergiss das nie.

Diese Barfuß-Geschichte kannst du dir jetzt auch vorlesen lassen: Link zum “Hörbuch”.

Irgendwann früher, in glücklichen Tagen, da gab es das noch: das Besondere. Als wir uns mit Nachbarskindern im Schlamm wälzten und noch die Zeit fanden, danach drei Tage krank zu sein. Stundenlang Gesteinsbrocken aneinander klopften in der sinnlosen Hoffnung, darin wertvolle Kristalle zu entdecken. Sechs Stunden am Straßenrand an einer unbelebten Siedlungsstraße warteten, um Zeichnungen zu verkaufen, ohne uns darum zu kümmern, ob die Einnahmen reichten, einen Lebensunterhalt zu bestreiten. Damals waren wir jung, naiv. Vielleicht auch glücklich, manchmal zumindest. Aber was das Wichtigste war: Wir hatten uns immer genug neue Geschichten zu erzählen.

Irgendwann nützen sich Geschichten nämlich ab. Selbst die absurdesten Erlebnisse werden schal, vorhersehbar, wenn sie zu oft erzählt werden. Wir wissen schon, wie die Geschichten ausgehen, und wir kennen den Schmerz, der uns erwartet. Bei manchen dauert es ein wenig länger, aber irgendwann erwischt sie einen doch, die Weisheit, und dann weiß man einfach, was zu tun ist, um das Unglück zu vermeiden. Wer im nassen Schlamm spielt, ist danach vielleicht krank, also lässt man es eben. Früher dachten wir, man müsse kämpfen für ein gutes Leben. Heute wissen wir: es geht auch anders, einfacher, bequemer. Da gibt es eine Anzahl an Bedürfnissen und eine Anzahl an Möglichkeiten, sie zu befriedigen, um sich im Grunde wohl zu fühlen. Wir waren mal hungrig nach so etwas wie einem tieferen Sinn, nach einer größeren Geschichte. Aber es gibt auch effektivere, schmerzlosere Varianten, ein aufgeblasenes Ego zu befriedigen.

Und am Ende: was bleibt? Zellen, Bausteine, alles vergeht, auch das Ego. Er ist friedlich eingeschlafen, werden wir uns erzählen, oder: Sie hatte ein gutes Leben, weil man das eben so sagt in Situationen, in denen wir uns sonst nichts zu sagen haben. Platzhalter für die Geschichten, die wir uns am Ende nicht voneinander erzählen können. Es gab so viel, was wir uns zu erzählen hatten, als wir jung waren, und wir wunderten uns, warum die Erwachsenen so selten die Zeit fanden, uns zuzuhören. Nun, selbst erwachsen, verstehen wir endlich. Unsere Geschichten waren zu aufregend, zu anstrengend für die Welt der Erwachsenen. Wer findet schon im Alltag noch die Zeit, solche Geschichten zu erleben?

Bei uns gab es ausgekochte Bösewichter, peinliche Missgeschicke, Gerade-noch-Sieger und wirklich frustrierte Verlierer, die nicht immerzu im nächsten Moment entdeckten, dass sie dem Sieger den Sieg gut gönnen konnten. Wir wussten, dass die Bösen mindestens so wichtig waren wie die Guten, weil es sonst keinen Kampf, keine Spannung gegeben hätte. Igendwann trocknete das Blut, heilten die blauen Flecken, und wenn wir – wie so oft – am Ende gar nicht mehr wussten, wie sich alles zugetragen hatte, erfanden wir eben Geschichten drumherum, schmückten sie aus, bis sie völlig fantastisch waren und mit dem Geschehenen nur noch wenig zu tun hatten. Jetzt, erwachsen, verstehen wir, dass das politisch nicht allzu korrekt war. Wir alle haben Bedürfnisse, und es gibt keine wirklich Bösen mehr, nur noch Kommunikationsschwierigkeiten. Und auch keine Geschichten mehr. Heute beeindrucken uns Daten, Fakten, Nachprüfbares.

Wie war dein Tag heute?, sagen wir heute zueinander, den Frage-Charakter längst einem Aussagesatz geopfert, und beenden irritiert das Gespräch, sobald jemand die Floskel als Frage misszuverstehen droht. Das Übliche, antworten wir mit dem ebenso üblichen Grinsen, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob uns „das Übliche“ nicht mit den Jahren zu wenig wird. Irgendwann, so sagen wir uns, muss man ja auch mal erwachsen werden, mal Verantwortung übernehmen und etwas richtig machen. Also nehmen wir brav die Feder zur Hand und schreiben sie ab, die Geschichte eines erfolgreichen Menschen, Buchstabe für Buchstabe. Damit wir uns irgendwann erzählen können, er „hatte ein gutes Leben“, und anerkennend nicken können, dass derjenige immerhin bis zur Seite X gekommen ist mit dem Abschreiben.

Und doch sind es jene anderen Geschichten, nach denen wir uns sehnen. Jene, die wir uns bei der Beerdigung eines Menschen nur über jenen einen Menschen erzählen können, kopfschüttelnd und doch bewundernd. Die sich in Rechtschreibung und Grammatik wohl an die Konventionen der einzig wahren Geschichte eines geglückten Lebens halten, aber in Ausdruck und Inhalt Überraschendes offenbaren. Floskeln in Wort und Leben sind unsterblich, aber sie gehören uns nicht, weisen nicht auf ihren Verwender. Wagen wir, einzigartig zu sein oder begnügen wir uns einzig mit der Bequemlichkeit, artig zu sein – so oder so: am Ende sind es nicht die Leben, die wir glauben gelebt zu haben, die bleiben, sondern die Geschichten, die wir einander darüber erzählt haben, der Sinn, dem wir jenen Leben gaben. Ich hab mir nen neuen Saftmixer bestellt!, erzählen wir uns heute beinahe aufgeregt, und: Andrea hat dich eingeladen, ihren Beitrag zu liken.

Wir waren mal hungrig nach größeren Geschichten.

Es gibt Menschen, die wollen ganz viel im Leben erreichen. Wollen Geld, Autos, Wohnungen, Häuser, andere Menschen. Setzen sich ganz viele Ziele. Zum Beispiel mehr Gehalt. Ein Haus im Grünen. Eine schöne neue Frau. Dass es den Tieren besser geht. Eine bessere Welt. Oder das Ende der Welt, und dann wollen sie daraus irgendwie eine neue und bessere bauen. Und dann gibt es noch die Menschen, die –

Hmm. Vielleicht gibt es auch nur die eine Sorte an Menschen, oder besser gesagt einfach nur Menschen. Vielleicht sind wir ja einfach so. Vielleicht sind wir so geboren, oder werden alle irgendwann so. Dass wir im Leben Ergebnisse erreichen wollen. Weil es uns in den Genen liegt oder so. Zumindest sagt Frau Bauernfeind das immer, und die ist schließlich meine Lehrerin. Die ist auch schon richtig alt, und hat graue Haare. Eine richtige Oma, könnte man sagen, und die sind ja bekanntlich meistens recht schlau, weil sie schon viel erlebt haben. Deswegen nennen wir sie auch meistens Oma Bauernfeind, aber das stört sie gar nicht. Die ist wirklich ganz nett eigentlich.

Oh, vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Mimi. Also, eigentlich heiße ich Maria, aber alle nennen mich Mimi, das ist leichter. Ich gehe in die dritte Klasse bei Frau Bauernfeind, und Frau Bauernfeind ist eigentlich sehr nett. Aber es gibt da eine Sache, über die kann ich mit ihr irgendwie nicht reden. Da wird sie dann immer ganz aufgeregt und hektisch, und das macht mir Angst. Sie hat ja schon graue Haare und ist sicherlich schon sehr alt, ich möchte nicht, dass sie vor lauter Aufregung noch umkippt. Dann wäre ich schuld daran, dass unsere liebe Oma Bauernfeind tot ist und ein Geist wird, und wir bekommen vielleicht eine andere Oma, die nicht so lieb ist, als Lehrerin. Oder Oma Bauernfeind ist dann böse auf mich und kommt nachts als Geist zu mir, um in meinem Zimmer zu spuken. Das möchte ich nicht. Also lasse ich sie damit in Ruhe.

Es ist gut, dass wir bei Oma Bauernfeind lesen und schreiben lernen, weil ich jetzt endlich mit jemandem sprechen kann, der nicht Angst bekommt vor dem, was ich fragen will. Danke, liebes Tagebuch, dass du nicht davonlaufen willst. Ich finde es schade, dass du mir auf meine Fragen nicht antworten können wirst, weil du ja nur aus Papier bist und nicht denken kannst. Aber vielleicht besucht dich ja eines Tages ein Geist, der liest, was ich geschrieben habe, und der macht sich dann Gedanken und antwortet mir. Vielleicht die Mama von Oma Bauernfeind, die ist ja schon gestorben, und die ist sicher noch klüger als Oma Bauernfeind, weil sie ja sogar noch älter ist als sie und sicher noch grauere Haare hat.

Lieber Geist von Uroma Bauernfeind, falls du mein Tagebuch lesen kommst, bitte falle nicht tot um! Aber eigentlich bist du ja ein Geist, der kann nicht nochmal sterben, oder? Jedenfalls, wenn du mein Tagebuch lesen kannst, ohne ganz aufgeregt zu werden: vielleicht kannst du mir ja eine Antwort geben, weil du sicher sehr alt und deswegen auch sehr klug bist. Warum überlegen sich die Menschen immer, was sie wollen, anstatt etwas zu tun? Warum will meine Mama immer abnehmen, aber isst dann so viel Kuchen? Warum will mein Papa immer die Arbeit wechseln, aber geht dann jeden Tag wieder zur Arbeit? Kann er nicht einfach nicht mehr zur Arbeit gehen? Warum will Oma Bauernfeind, dass wir ganz viel lernen, und wird dann nervös, wenn ich ihr solche Fragen stelle?

Liebes Tagebuch, und lieber Geist, der es lesen wird, ich verstehe nicht, warum die Erwachsenen so kompliziert sein müssen. Wenn ich nicht zur Arbeit gehen will, dann kann ich doch nicht trotzdem zur Arbeit gehen! Wenn ich will, dass mein Körper dünner wird, dann kann ich ihn doch nicht mit Kuchen vollstopfen! Da bringt es ja nichts, etwas zu wollen, wenn man dann etwas Anderes macht. Ich finde, die Erwachsenen sind da ziemlich kompliziert. Wenn ich etwas will, muss ich meinem Körper sagen, dass er etwas tun soll. Wenn ich will, dass ich zum Kiosk komme, muss ich meinem Körper sagen, er soll dorthin laufen. Wenn ich mich nur dorthin wünsche, ohne dass mein Körper das auch macht, komme ich nicht dorthin. Ich kann wollen, was ich will, ohne meinen Körper werde ich nichts erreichen. Deswegen ist es auch wichtig, darauf zu achten, dass der funktioniert und gesund bleibt. Ich bin ja nur neun Jahre alt, aber das verstehe sogar ich.

Es ist seltsam, wie wenig die Erwachsenen ihren Körper benutzen, obwohl sie doch so viel erreichen wollen. Wir Kinder laufen ja ständig herum, klettern und balancieren über alles Mögliche, aber die meisten Erwachsenen sitzen den ganzen Tag irgendwo und denken darüber nach, was sie noch erreichen wollen, anstatt mal in Bewegung zu kommen. Kein Wunder, dass sie ständig unglücklich sind und nichts erreichen! Auch Oma Bauernfeind, die oft erzählt, wie gerne sie doch damals Herrn Mahler nähergekommen wäre, und es bis heute bereut, sich nicht getraut zu haben. Herr Mahler, das ist unser Direktor, muss man wissen. Aber anstatt sich einfach in seine Nähe zu setzen, denkt sie darüber nach, wie schön es wäre, es zu tun! Als ich Frau Bauernfeind darauf angesprochen habe, hat sie mich gefragt, ob ich denn meine, dass sie sich auch aufführen sollte wie wir Kinder. Sie hat mir dann erklärt, dass Erwachsene das nicht machen könnten, denn sonst würde ja überall völliges Chaos herrschen. Und bei der Vorstellung alleine bekommt sie schon Albträume. Ich habe dann aufgehört, weiterzufragen, weil ich Oma Bauernfeind ja gern habe und will, dass es ihr gut geht. Aber findest du die Erwachsenen nicht auch ein wenig unsinnig, liebes Tagebuch?

Deine Mimi

#64 Werkzeuge als .pdf downloaden

Mal wieder ein kleines Gedicht zur Abwechslung, nachdem ich die letzten Tage vergeblich versucht habe, eine Geschichte zusammenzubringen, die meinen Ansprüchen genügt hat. Es ist gut, die (freiwillige) Verpflichtung eingegangen zu sein, wöchentlich zu veröffentlichen, sonst hätte ich mich diese Woche wohl gerne davor gedrückt. Dämlicher Perfektionismus, der zu Schreibblockaden führt! Viel Freude mit dem Gedicht!

An Alphabeten:
Eure Lettern vergehn!
An die Besser-Wisser
Die ihr glaubt, zu verstehen:
An die, die Freude finden, Alphas anzubeten
Omegas zu zertreten, die ihr erwartet Propheten
Um sie zu fragen: „Was tun?“
Nun, lebt! Liebt! Leidet! Verzeiht!
Es ist an der Zeit, es ist eure Zeit!
Die vergeht, die verrinnt, ob ihr weint oder lacht –
Die einzige, die euch verbleibt.

Hört auf, euer Leben in Büchern zu suchen
Die andere für euch geschrieben
Hört auf!, euch zu beneiden
Leben ist Lieben– Leben ist Leiden.
Leben ist Lernen, sinn-erfassend lesen.
Sucht den Sinn! Oder seid sinnlos gewesen.
Welch fester Anker, wenn der Sturmwind weht
Sinn: letzte Antwort auf jedes Gebet
Das sonst da nur fraget: Wann?
Wann wird er kommen, mich zu freien
Der Mann in Schwarz, mich zu befreien?
Wann wird er bringen süßes Glück
Und was nur: Was? Was bleibt einst zurück?

Du fragst nur: Wann?, und betest flehend,
Liest Bücher und Welten, und doch nicht verstehend,
Dass die Welt aus Zwei bestehend,
Die am Ende scheinen gleich, und -gültig,
Bis ein neuer Anfang eilt herbei,
Aus dem Einen wieder Zwei,
Dann Drei und die Zehntausend werden,
Doch selbst Zehntausend müssen sterben,
Werdn’s Einer, Zwei, Zehntausend erben?

Ein Lied ertönt nun, liebestrunken
Und ruft das Reich, das einst versunken.
„Atlantis!“, rufst du, reich belesen
In was noch komme, was gewesen
Und irrst doch! Tragisch irrt dein Wesen
Wie recht du hast! Geschrieben steht
Was einst wird kommen, früh vergeht
Doch irrt der Narr, der glaubt, versteht
Zur Zukunft brauchts zukünftig Alphabet.

Oh Mensch, bedenke, wo du stehst
Woher du kommst, wohin du gehst
Drehst dich immerfort im Kreise
Und wirst doch niemals wirklich weise.
Ein Narr!, wer glaubt einst zu verstehn:
Wir sind und bleiben Analphabet
Wie alles ist, das noch erbebt
Sind Bücher mit noch leeren Stellen
Hab’n Tinte auch, um sie zu füllen.
Bevor wir sie dann dereinst schließen
Gibt’s noch so viel zu genießen
Nur schreibend lernen wir zu lesen
Geschichte eines Lebens:
Das wäre sie gewesen.
Sterbend erst –
Werden wir sie lesen.

Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Freundin, die gerade ihren Lebenslauf für einige Bewerbungen neu verfassen will. In der Aufarbeitung der letzten Jahre ist ihr aufgefallen, dass sie ein gut drei Jahre großes „Loch“ zu überbrücken hat, in dem sie – formal – nichts gemacht hat, jedoch sehr viel ehrenamtlich gearbeitet bzw. die Welt bereist hat. So wichtig sie diese Erfahrungen für ihre persönliche Weiterentwicklung einschätzt, so verunsichernd wirkte das immer noch vorhandene „Loch“ im Hinblick auf potentielle Arbeitgeber. Sie beschrieb die Schwierigkeit, diese informellen Erfahrungen so in den Lebenslauf zu integrieren, dass jenes Loch nicht so eklatant wirken und potentielle Arbeitgeber abschrecken würde. Unter welcher Kategorie wären sie einzuordnen, und würden Arbeitgeber eine Sparte wie „Wertvolles“ überhaupt lesen?

Als wir so auf dem Balkon meiner Wohnung saßen und darüber sprachen, wurde mir erst bewusst, was eigentlich geschehen war, als ich mich vor einigen Jahren beim Schreiben meines Lebenslaufes zum ersten Mal von der in der Schule vermittelnden Form verabschiedete, weil mir der „normale“ zu uninteressant wirkte: Ich habe – ohne es damals bewusst zu bemerken – den Rahmen einer bestimmten Art der Kommunikation selbst abgesteckt. Und dies allein sagt – unabhängig vom Inhalt des Lebenslaufes – schon viel über einen potentiellen Arbeitnehmer aus. Vielleicht ist dies auch der Grund für die vielen positiven Rückmeldungen.

Ein Einstiegsrahmen, und seine Überwindung

Wenn ich einen Lebenslauf schreibe und mich dabei eng an die gesellschaftlich vermittelnden Normen eines chronologischen Lebenslaufes halte, folge ich den damit verknüpften Kommunikationsregeln. Ich gebe eine Reihe von fest definierten Informationen an, die der Arbeitgeber nach einer Reihe von in vielen Institutionen ähnlichen Verfahren bearbeiten wird, um mir eine ebenso gesellschaftlich normierte Rückmeldung zu geben. Innerhalb eines gewissen normierten Zeitrahmens, mit sinngemäß vordefinierten Schritten und entsprechender Kommunikation: „Wir werden Ihre Bewerbung in Evidenz halten“, „Wir freuen uns, Sie zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen“, „Es tut uns Leid, dass wir Ihre Bewerbung zum derzeitigen Zeitpunkt nicht berücksichtigen können“ und so weiter.

Diese Art der Kommunikation, die sich an gewissen vordefinierten Schritten entlanghangelt, stellt einen relativ sicheren Rahmen vor allem für Berufseinsteiger dar, an dem sie sich orientieren können. Es gibt dazu zahlreiche Vorlagen im Internet, und es ist nicht weiter schwer, sie mit den entsprechenden Informationen zu füllen. Je mehr aber der tatsächliche Lebenslauf von der gesellschaftlichen Norm von Schule, Weiterbildung, Arbeit ohne Unterbrechungen abweicht, desto unvorteilhafter wird diese Art der Kommunikation für den Schreibenden. Durch die Wahl der Form des Lebenslaufes wählt der Arbeitssuchende auch die Kriterien, nach denen er beurteilt wird. Da ich weiß, wie wenig dies den meisten Menschen bewusst ist, will ich den Satz noch einmal hervorheben: Es handelt sich um eine Wahl. Ich kann in den meisten Fällen wählen, nach welchen Kriterien ich bewertet werde.

Die erste Wahl, die sich mir beim Schreiben eines Lebenslaufes stellt, ist die Frage, ob ich mich nach dem gesellschaftlichen Idealbild von Schule, Ausbildung, Beruf ohne Unterbrechung bewerten lassen will, und vielleicht, wie vorteilhaft diese Bewertung für mich ausfallen wird. Gibt es Unterbrechungen in meinem Lebenslauf, für die ich das Gefühl habe, sie nicht erklären zu wollen? Oder Aspekte meiner Biographie, die in dieser Form zu wenig Aufmerksamkeit bekommen könnten? Dann existiert die Wahl, von der gesellschaftlichen Norm des Lebenslaufschreibens abzuweichen, um eigene Kriterien für meine Beurteilung festzulegen. Wenn ich mir selbst Kriterien überlege, die einen passenden Mitarbeiter für eine Arbeitsstelle von einem unpassenden unterscheiden, und meinen Lebenslauf so gestalte, dass er meine Person nach diesen Kriterien präsentiert, kann ich mich von vielen gesellschaftlichen Normen ohne größere Schwierigkeiten lösen. In meinem Lebenslauf sind beispielsweise weder mein Abschluss als Volksschullehrer, mein Alter noch meine Herkunft erwähnt, und trotzdem wird er bis auf ganz wenige Ausnahmefälle sehr positiv aufgenommen.

Vom Bettler zum Partner

Wenn ich meinen Lebenslauf nach selbstgewählten Kriterien gestalte, berücksichtige ich auch einen qualitativen Unterschied im Vorgehen. Während das Zurückgreifen auf gesellschaftliche (=institutionsübergreifende) Normen im Grunde eher eine Art Nutzung eines Verteilungssystems ist, ähnelt die Gestaltung eines Lebenslaufes nach eigenen Kriterien eher einer Art von Selbstmarketing: Ich mache mich selbst „schmackhaft“, indem ich gewisse Aspekte meines Selbst besonders hervorhebe, und tue dies im Idealfall auch noch kundenorientiert. Das bedeutet, ich versuche zu erahnen (oder zu erfragen), nach welchen Kriterien mein Kunde (=Arbeitgeber) seine Entscheidungen trifft, und stimme mein Marketing darauf ab. Nun passiert etwas Interessantes: Mein Arbeitgeber wird plötzlich zum potentiellen Kunden von mir, und ich kann (psychologisch gesehen) die Bedingungen meiner Mitarbeit bestimmen – denn er will nun auch etwas von mir, nämlich meine Kompetenz und Arbeitskraft. Aus einer oft unterlegenen Position (ich will eine Arbeitsstelle, bitte bitte gib sie mir) wird ein weitgehend gleichberechtigter Dialog zwischen Unternehmern (lass uns zusammenarbeiten, und zwar unter diesen Bedingungen).

Gefahren schlechter Führung

Vor einigen Wochen habe ich mich bei einem Verein beworben, der wohl ebenso die Idee hatte, die Bewerbungs-Kommunikation besser anzuführen. So wurde von Seiten des Vereins genau durchdefiniert, welche Angaben ihnen wichtig wären, und Bewerber gebeten, doch die entsprechenden vom Verein zur Verfügung gestellten Formulare zu benutzen. Leider waren diese Formulare ziemlich unprofessionell designt und (aus meiner Sicht) so wenig durchdacht, dass sie die Bewerbungskommunikation eher verschlechterten als verbesserten. Vor allem der separate Upload eines Bewerbungsbildes sowie die Idee, alle seine Informationen in Textformularform einzeln eingeben zu müssen, hielt ich für ziemlich unsinnig. Nachdem ich mich etwa eine halbe Stunde mit den technischen Problemen der Internetseite herumgequält habe, habe ich dem Verein meinen normalen Lebenslauf per Mail geschickt, weil es mir zu blöd wurde. Ich weiß nicht, ob ich als Arbeitnehmer in den Verein gepasst hätte, aber durch die Gestaltung der Bewerbungskommunikation von Seiten des Vereins entstand sehr rasch das Gefühl, dass ich dort eigentlich nicht arbeiten will.

Worauf ich damit hinaus will, ist dieses: man kann von der Norm abweichen, sowohl als Arbeitgeber als auf Arbeitnehmer, aber dies birgt immer ein Risiko. Eine etablierte Kommunikationsform abzuändern, erfordert die Fähigkeit, einen alternativen Rahmen für die gemeinsame Kommunikation zu schaffen und halten zu können, und zwar einen offensichtlich besseren, geeigneteren. Wenn mein alternativer Rahmen keine Vorteile (oder sogar nur oder überwiegend Nachteile) bietet (oder zu bieten scheint), warum soll mein Gesprächspartner mir in diesen Rahmen folgen? Es geht dabei – wie so oft – um Führungsqualitäten und ein Stück natürliche Autorität. Es muss rasch klar sein, wo der Vorteil meines Rahmens liegt, damit mein Dialogpartner mir folgen wird, und dies gilt sowohl für den Fall, wenn der Arbeitgeber den Rahmen vorgibt als auch für den Fall, wenn ich als Arbeitnehmer einen Rahmen vorschlage.

Kriterien begründen

Ich kann als derjenige, der den Rahmen definiert, auch den Weg gehen, zu begründen, warum diese oder jene Kriterien für mich wichtig sind. So kann ich als Arbeitgeber etwa definieren, dass ich wissen will, ob jemand einen bestimmten Abschluss hat, weil dies Auswirkungen auf die Bezahlung hat (oder was auch immer der Grund ist). Das hilft auch, sich selbst darüber klar zu werden, warum ich gewisse Kriterien überhaupt erfüllt haben will. Und wo ich keine natürliche Autorität herstellen kann, ist die Fähigkeit, meinen Rahmen oder meine Regelungen begründen zu können, immer hilfreich.

Für die Arbeit an einer freien Schule oder ähnlichen Institutionen, wie für mich relevant, mag es beispielsweise Sinn machen, formale wie informelle Erfahrungen und Ausbildungen als grundsätzlich gleichberechtigt zu beschreiben, und dann eine subjektive Wertung dieser Erfahrungen für meine (Lern-)Biographie vorzunehmen, weil freie Schulen oft auf einer ebenso freien und subjektiven Erfahrungsbewertung ihrer Schüler basieren. Alleine die Art, meine objektiven Erlebnisse aufzuschreiben und zu präsentieren, erzählt somit schon einiges über meine Fähigkeit, mich in dieses Denken einzufühlen. Ebenso existieren vermutlich zahlreiche gestalterische Mittel für viele andere Berufsfelder. Würde ich nun – formal betrachtet – ein drei Jahre großes „Loch“ in meiner Biographie vorfinden, so würde ich vielleicht davon absehen, den Lebenslauf so zu gestalten, dass jedes Jahr beschrieben wird, sondern einzelnen Highlights mehr Raum geben, so dass die Vermutung entsteht, dass auch zwischen den Highlights viel passiert ist (wann auch immer). Der Rahmen ist weit nicht so eng gesteckt, als es oft erscheint.

Wenn ihr euch das nächste Mal irgendwo bewerben wollt, könnt ihr ja überlegen, ob ihr nicht ein Stück weit mit diesem Rahmen experimentieren wollt. Und falls ihr interessante Rückmeldungen bekommt, mir diese gerne mitteilen – mich würde interessieren, wie andere damit umgehen.

Niklas

„Kannst du es sehen?“, fragte sie das Mädchen, „das grüne Pony? Wie es auf der Weide steht, den Kopf beugt, um Gras zu fressen, das ebenso grün ist wie es selbst, und mit jedem Büschel immer grüner wird, bis es kaum mehr zu erkennen ist?“
„Ich kann es sehen!“, rief das Mädchen entzückt aus, „ja, wahrhaftig, ich sehe es!“
„Lies weiter, Liebling!“, forderte die Ältere sie auf, und gespannt folgte sie dem Aufruf.
Als das grüne Pony sich an dem Gras sattgefressen hatte, galoppierte es zu dem nahegelegenen See, um zu trinken. Erst als es sich hinabbeugte, bemerkte es selbst, wie grün es von all dem Gras geworden war, und erschrak. All die anderen Ponys waren braun, schwarz oder weiß geblieben, nur es selbst hatte seine Farbe verändert. Es schämte sich, so anders zu sein, und lief fort.
Das Mädchen blickte von der Geschichte auf.
„Armes Pony, es muss sich sehr einsam fühlen!“
„Ja, und es glaubt, dass niemand es mögen kann. Aber lies weiter, Kind!“

Nachdem es eine Weile gelaufen war, kam es an einen Fluss, an dem ein sehr altes Pony zu schlafen schien. Bedächtig, es nicht zu wecken, wollte das kleine grüne Pony an ihm vorbeischleichen, doch das alte Pony wachte auf. Erschrocken wollte das grüne Pony erst davonlaufen, doch der Blick des alten war freundlich.
„Wen haben wir denn hier?“, wunderte sich das alte Pony, “welch interessante Färbung dein Fell hat!“
Das grünen Pony schämte sich erneut für sein Anderssein, doch das alte lächelte nur gutmütig und lud es auf einen Spazier-Galopp ein. Nachdem sie so eine Weile schweigend nebeneinander her galoppiert waren, meinte das alte Pony: „Ich bin ein sehr altes Pony, mein Kind.“
„Das kann ich sehen!“, lachte das kleine grüne Pony auf.
„Sehr alte Ponys haben schon viel gesehen. Aber noch nie habe ich ein grünes Pony gesehen.“
„Bin ich so schrecklich?“, war das kleine grüne Pony erneut zerknirscht.
„Im Gegenteil, Liebes! Was glaubst du, warum ich dort am Ufer vor mich hingedöst habe? In meinem Alter gibt es nicht mehr viel, was mich überraschen kann. Irgendwann hat man alles schon einmal gesehen. Aber ein grünes Pony“, er lachte wiehernd, „das habe ich noch nie gesehen! Da wollte ich dich kennenlernen.“
„Ihr findet mich also nicht hässlich, weil ich kein schönes braunes, schwarzes oder weißes Fell habe? Wie kann das sein? Alle anderen finden mich doch sicherlich hässlich!“
„Ich halte dich für einzigartig, Kind. Das kann dir ein Fluch sein, oder ein Segen. Für mich bist du das schönste kleine Pony, das ich je gesehen hab. Eben weil du grün bist, eben weil du besonders bist. Kannst du dir vorstellen, wie viele weiße, braune und schwarze Ponys ich in meinem Ponyleben schon gesehen habe? Hunderte! Aber ein grünes Pony ist etwas Besonderes.“
Da war das kleine grüne Pony gar nicht mehr so traurig, dass es vom Gras fressen selbst grün wurde, sondern stolz darauf, etwas ganz Besonderes zu sein.

„Das ist eine schöne Geschichte.“, schloss das kleine Mädchen, nachdem es zu Ende gelesen hatte, „aber was wollt Ihr mir damit sagen? Es ist eine Geschichte, nichts weiter. Was soll mir ein grünes Fantasie-Pony helfen, das nicht einmal existiert?“
„Aber es existiert! Du hast es ganz deutlich gesehen, in deiner Fantasie.“
„In meiner Fantasie! Aber es war nicht real!“
„Was ist deine Realität als die Fantasie, die du dir von ihr zurechtmachst? Das grüne Pony existiert für dich nur nicht in der Realität, weil deine Fantasie es nicht zulässt. Das Leben, dass du dir wünscht, erscheint für dich nur nicht realistisch, weil deine Fantasie es nicht zulässt.“
„Wollt ihr etwa behaupten, alles Denkbare wäre möglich?“
Die Ältere schrieb etwas unter die Geschichte des grünen Ponys.
„Lest diesen Satz!“
Alles Denkbare ist mögliche Realität.
„Nun hast du es gelesen, nun hast du es gedacht“, meinte die Ältere mit verschlagenem Grinsen, „Du kannst dich gegen die Erkenntnis wehren, aber sie wird sich ihren Weg in dein Denken bahnen. Und zunehmend wirst du erkennen, dass deine Wünsche und Träume so real sind wie unser grünes Pony, so berechtigt sind wie unser grünes Pony.“
Alles Denkbare ist mögliche Realität.
Einen Moment lang zögerte sie, hielt inne, weigerte sich, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Dann jedoch brachen alle inneren Widerstände, alle Konditionierungen einer jahrtausendealten Unterdrückung, alle Dämme einer Fantasie, die die Grundpfeiler der Gesellschaft für die nächsten Jahrhunderte ins Wanken bringen würden.
Vielleicht ist es möglich, dass auch wir Frauen über unser Leben entscheiden können.
Die Gedanken überschlugen sich nun, rasten in ihrem verwirrten Geist umher, schufen neue Möglichkeiten, neue Ängste und wieder neue Möglichkeiten, ihnen zu begegnen.
Vielleicht bin ich etwas Besonderes, gerade weil ich eine Frau bin.
Doch wieder kamen sie auf, die alten Ängste, die alten Gefühle von Scham, mit denen sie von den Männern, aber auch vielen „ehrbaren“ Frauen konfrontiert worden war, weil sie anders war, anders dachte, weil sie es wagte, anders zu denken und zunehmend auch anders zu sein als ihre Geschlechtsgenossinnen.
Ich bin wie das grüne Pony, erkannte sie plötzlich, Ich kann tatsächlich alles sein, was ich mir vorstellen kann.

#58 Ein kleines grünes Pony als .pdf downloaden