Zerbrochener Felsbrocken

Er war seit Monaten nur noch selten in jener Wohnung gewesen, seit er begonnen hatte, an ihrer Seite Wurzeln zu schlagen, Raum einzunehmen. Nun, da er im Zuge des Umzugs StĂŒck fĂŒr StĂŒck seiner Vorgeschichte, verewigt in all jene Objekte die das alte Zimmer ausfĂŒllten, ausgerĂ€umt und auf seine zukĂŒnftige NĂŒtzlichkeit ĂŒberprĂŒft hatte, war er dem Moment zunehmend nĂ€her gekommen, wo er sich mit dem Felsbrocken beschĂ€ftigen wĂŒrde mĂŒssen.

Der Felsbrocken war das Symbol gewesen, dass auch der Vater bereit sei, seinen Teil der Verantwortung zu tragen. In einem Moment der Verbundenheit hatten sie ihn aus dem Fluss geholt und gemeinsam nach Hause gebracht, sichtbares Zeichen einer neuen, gesĂŒnderen Ordnung zwischen ihnen.

Nun, einige Monate spĂ€ter, wĂ€hrend das Zimmer rundherum sich mehr und mehr leerte, wurde ihm die AbsurditĂ€t des Ganzen mehr und mehr sichtbar: Der Felsbrocken, die Schwere, die Verantwortung fĂŒr die er stand, war wieder einmal nur bei ihm liegen geblieben, trotz aller hoffnungsvollen Worte und Versprechungen, dass von nun an alles anders werden wĂŒrde. Der Kontakt zu jenem anderen war mittlerweile vollends abgebrochen. Die Schwere, der große Brocken, war ihm geblieben.

Auf ihr Anraten hatte er den Felsbrocken von seinem Platz entfernt, ihn mitgenommen, auch wenn dieser fast zu schwer war, ihn alleine weiter als einige Meter zu schleppen. Ins Auto damit. Dorthin, wo er hingehört. Zu ihm. Einfach in den Garten legen. Oder vor seine Einfahrt. Dann musste jener zumindest einmal auch diese Schwere ertragen, wenn er mit dem Auto rauskommen wollte. Aber durfte man so etwas ĂŒberhaupt? Vielleicht ĂŒbersah der Andere ja den Felsen einfach und fuhr ungebremst dagegen…? Schadenersatzforderungen waren in diesem Fall wohl gar nicht so abwegig.
„Der bleibt nicht in deinem Auto. Oder hier bei uns. Das ist nicht gut fĂŒr dich und uns“, hatte seine GefĂ€hrtin gemeint, und natĂŒrlich Recht damit gehabt. Also doch einfach zu seinem Vater bringen?

Doch da war da noch ein Nachflimmern einiger SĂ€tze, die dieser ihm irgendwann gesagt hatte. Davon, dass seine Mutter sich einst durch ihre Krankheit und ihren Tod aus der Verantwortung gestohlen hĂ€tte, und dass er doch eigentlich auch auf sie wĂŒtend sein mĂŒsse. Aber durfte man das? Was konnte sie fĂŒr ihre Krankheit, ihren Tod? Und doch.. war da ein Funken Wahrheit zu finden. Womöglich  nicht so, wie der Vater es meinte. Aber trotzdem hatte auch seine Mutter einen Teil des Felsbrockens verdient. Auf die ihre Art.

Einige Tage spĂ€ter fuhr er mit seiner GefĂ€hrtin zu dem nahe gelegenen Fluss. Eine kleine BrĂŒcke fĂŒhrte darĂŒber, womöglich ein geeigneter Ort fĂŒr ihr Vorhaben, den Felsen endlich aufzubrechen. Er war derart massiv, dass es wie ein absurdes Unterfangen wirkte. Konnte es tatsĂ€chlich gelingen? Und doch
 aus genĂŒgend großer Höhe womöglich
?

Der Anblick des fallenden Felsbrockens, sein Zerbersten und das donnernde GerÀusch dabei brannten sich in seine Erinnerung ein als ein glorreicher Moment der Befreiung.
„Welchen Teil gehört fĂŒr dich denn zu deinem Vater?“, fragte sie ihn. „Welcher zu deiner Mutter?“
Den zu seiner Mutter konnte er sofort ausmachen. Der wĂŒrde gut zu ihrem Grabstein passen. Der grĂ¶ĂŸere Rest des Felsbrockens erschien ihm jedoch unfair groß im Vergleich, wurde seinem Vater nicht gerecht. Die noch kleineren Splitter schienen dagegen zu klein.
Der Große muss noch einmal brechen, wurde ihm klar.

Wieder auf die andere Seite der BrĂŒcke, barfuß durch den Fluss gewatet, den verbliebenen grĂ¶ĂŸeren Teil des Felsbrockens holend, wieder auf die BrĂŒcke, und er ließ den Brocken nochmals fallen. Zahlreiche Splitter sprengten sich nochmals ab.
„Und jetzt?“, fragte sie ihn.

Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass er niemals fertig werden wĂŒrde, einem jeden seinen gerechten Teil zukommen zu lassen. Er selbst hatte wohl seinen Teil verdient, sein Vater, seine Mutter, aber ebenso ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern und immer so weiter, gar nicht zu sprechen von allen möglichen weiteren Menschen die einen im Laufe eines Lebens so beeinflussten. Und selbst wĂŒrde ihm diese Aufgabe gelingen – was hĂ€tte er damit erreicht? Machte es wirklich freier wenn man wusste warum man unfrei war, sich BegrĂŒndungen dafĂŒr aus einer Vergangenheit logisch herleiten konnte?

„Der Felsen bleibt hier“, meinte er zu ihr, fĂŒhlend, wie die Schwere des Felsbrockens, der Schuld, des Schmerzes von seinen Schultern genommen worden war, wenn er ihn nur loszulassen vermochte. Warum irgendjemanden anderen weiter damit belasten? Er brauchte nichts mehr von ihnen.

Kurz fand er in sich den Impuls, sich ein Andenken an jenen denkwĂŒrdigen Moment mitzunehmen, ein kleines StĂŒck des einst so schwerwiegend erscheinenden Brockens. Aber das hĂ€tte eine Erfahrung entehrt, die da ganz war, nicht nur eine stĂŒckweise Erleichterung, von viel zu schwer zu weniger schwer.

Was, wenn man tatsĂ€chlich einfach aufhörte, irgendwelche Felsbrocken an irgendjemanden verteilen zu wollen, weil man glaubte es sei ja so unfair dass man ihn selber tragen mĂŒsse und der andere nicht? Denn die unbequeme Wahrheit war am Ende doch jene: er selbst hatte den Felsbrocken damals mit nach Hause geschleppt. Es war seine eigene Idee gewesen, ihn gemeinsam aus dem Fluss zu holen, und er hatte ihn sich behalten wollen. Nun war auch er es, der ihn gehen lassen musste. Diese Verantwortung konnte ihm niemand abnehmen.

Denn sonst, so fĂŒhlte er es mittlerweile recht deutlich, wĂ€re man ja wie jemand, der einen Roman liest der ihm nicht gefĂ€llt, wissend dass er auch nicht besser wird, trotzdem weiterliest und sich dann beschwert dass das Buch schlecht war. Man konnte auch einfach das Buch weglegen und ein anderes lesen. Oder selbst eins schreiben, mit ĂŒberraschenden Wendungen und viel mehr Freude drin. Oder sogar ganz wagemutig sein, all die BĂŒcher hinter sich lassen, die TĂŒr aufmachen und mal rausfinden wie das Leben so ist wenn man sich mal wieder ungefiltert drauf einlĂ€sst.

Vermutlich war das dann gar nicht mehr so schwer.

„Es wĂ€re alles viel leichter, wenn du nur anders wĂ€rst.“ Warum uns dieser Satz nicht weiterbringt – und was stattdessen hilft: Der Welt erlauben, sich in unserem Sinne zu verĂ€ndern.

Im Grunde sind fĂŒr mich vier Faktoren dafĂŒr verantwortlich, ob die VerĂ€nderungen stattfinden, die wir uns wĂŒnschen:

Sind wir bereit hinter den Vorhang des „Zufalls“ zu blicken?

Ach, warum nur habe ich so viel Pech? WĂŒrde es doch eine Möglichkeit geben, das zu Ă€ndern!

Es gibt viele Menschen, die sind durchaus zufrieden damit, sich von den Wogen mitreißen zu lassen, die sie „Zufall“ nennen. Passiert ihnen etwas, das sie als „negativ“ erleben, so nennen sie es „Pech“. Passiert ihnen etwas, das sie als „positiv“ erleben, so nennen sie es „GlĂŒck“.

Der aufmerksame Leser hat vermutlich schon entdeckt, dass ich mehrere Mal die Phrase „passiert ihnen“ verwendet habe. Menschen, die so denken, betrachten sich je nach Ausgang einer Situation als Opfer oder auch Nutznießer des Schicksals, dem sie ausgeliefert sind. Jemand oder etwas im Außen handelt, und sie sind den Konsequenzen dieses Handelns ausgeliefert.

„Zufall“ ist jedoch im Grunde nur eine Umschreibung fĂŒr einen Vorgang, den wir (noch) nicht verstehen. FĂŒr einen blutigen AnfĂ€nger ist der Aktienhandel mehr oder weniger ein GlĂŒcks-Spiel, fĂŒr jemanden mit mehr Erfahrung ein berechenbares Risiko. Einen Volleyball in die gewĂŒnschte Richtung zu baggern ist fĂŒr den AnfĂ€nger ein GlĂŒcksspiel, fĂŒr den Profi vorhersehbar.

Wer sich wie ich fĂŒr Geschichte interessiert, wird feststellen, dass es zu allen Zeiten PhĂ€nomene gegeben hat, die sich niemand erklĂ€ren konnte und die als „Zufall“ oder „göttliche FĂŒgung“ betrachtet wurden. Irgendwann wurde dann durch engagierte Interessierte mehr und mehr Licht in diese „Blackboxen“ gebracht, und damit erhöhte sich die Chance, dem „Zufall“ höhere Wahrscheinlichkeiten fĂŒr das Eintreffen des gewĂŒnschten Ausganges abzuringen.

Ich möchte damit keinesfalls ausschließen, dass es nicht durchaus etwas wie „göttliche FĂŒgung“ geben könnte – mein Ziel ist es nicht, glĂ€ubige Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Umschreibungen im Alltag ein wenig zu inflationĂ€r gebraucht werden, und es fĂŒr manche Menschen durchaus sinnvoll wĂ€re, sich zu fragen wie die „Mechanik“ eines zufĂ€lligen Ereignisses tatsĂ€chlich zustande kam. Vor allem dann, wenn die “ZufĂ€lligkeit” eines Ereignisses sehr subjektiv zu sein scheint.

Noch einmal: Was wir „Zufall“ nennen, sind VorgĂ€nge, die wir bisher noch in zu geringer KomplexitĂ€t erforscht haben. Sind wir bereit, uns der Erkenntnis zu stellen, die hinter dem Etikett „Zufall“ auf uns wartet? Die Antwort entscheidet darĂŒber, ob wir das erste Hindernis zur VerĂ€nderung ĂŒberwinden und uns aus der Opfer-Rolle befreien.

Damit können wir handeln.

Durchschauen wir die Illusion der direkten Kontrolle anderer?

Meist ist die sichtbare VerĂ€nderung die wir uns wĂŒnschen außerhalb von uns selbst zu finden. Wir wollen mehr Geld auf dem Konto, dass der Mitarbeiter endlich bessere Leistungen erbringt, dass die Kollegin aufhört uns zu mobben oder die Regierung zur Abwechslung einmal sinnvolle Gesetze verabschiedet. Mit uns selbst ist ja alles in Ordnung, aber die Welt da draußen mĂŒsste doch einsehen, dass


Das Problem dabei ist jedoch, dass ein jeder dieser Menschen, die wir gerne verĂ€ndert hĂ€tten, einen eigenen Kopf hat, mit eigenen Gedanken. Und vielleicht sogar im selben Moment davon trĂ€umen, dass wir uns endlich Ă€ndern, damit ihre Welt ertrĂ€glicher wird. In der Informatik wĂ€re das ein klassischer „Deadlock“, bei dem nichts mehr weitergeht, weil jeder darauf angewiesen ist, dass der andere endlich was macht, bevor er selbst handelt. Und so vergeht die Zeit, ohne dass VerĂ€nderung eintritt


Andere hingegen versuchen den direkten Weg, andere zu beeinflussen, etwa indem sie Chef eines anderen werden und sich der Illusion hingeben, dieser wĂŒrde nun machen was man wolle, eben weil man Chef sei oder weil man ihn bezahle. Was hierbei ausgeblendet wird ist wiederum eine Art „Blackbox“, die in dem Mitarbeiter ablĂ€uft und ihn im Endergebnis dazu fĂŒhrt fĂŒr den Chef zu tun was dieser verlangt. Solang der Chef aber diese Blackbox nicht tiefer versteht wird es ihm möglicherweise eines Tages ergehen wie Kristen Hadeed in ihrem Buch „Permission to screw up“ anschaulich beschreibt: „ohne Vorwarnung“ kĂŒndigen auf einen Schlag 75% der Belegschaft. Autsch!

Wir können andere Menschen zu einem bestimmten Punkt beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Wir können lernen, den Grad unserer Möglichkeit Einfluss zu nehmen zu erhöhen, indem wir die KomplexitĂ€t aushalten, tiefer in ihre „Blackbox“ zu sehen (manche nennen das auch „sich besser kennenlernen“). Aber 100%ige Kontrolle dabei erreichen zu wollen halte ich fĂŒr nicht sinnvoll.

Was wir jedoch durchaus kontrollieren (= direkt steuern) können, ist uns selbst: unser Körper, unsere Emotionen, unser Geist. Und hierbei finden wir paradoxerweise auch den SchlĂŒssel zur VerĂ€nderung im Außen. Wie das funktioniert?

Öffnen wir RĂ€ume fĂŒr Innovationen oder motivieren wir nur?

Warnhinweis: Wenn wir RĂ€ume öffnen, könnten wir auch positiv ĂŒberrascht werden.

Am einfachsten als mentales Bild darzustellen ist dies, wenn wir uns um alle Menschen eine Art 3-dimensionale Form vorstellen, die jeweils an die Formen der anderen Menschen anliegt. Diese Formen stellen unser Sein im Alltag dar, das wir gewöhnt sind. Wenn ich nun jemanden direkt verĂ€ndern will, so stoße ich mit Druck in seine Form vor, was ihn zu Abwehr-Reaktionen ermuntern wird: Druck erzeugt Gegendruck. VerĂ€ndere ich jedoch meine Form, indem ich zwischen seiner Form und meiner Raum eröffne, so lade ich ihn damit ein, sich durch die VerĂ€nderung seiner alten Form an meine neue Form anzupassen, um wieder einen stimmigen Kontakt zwischen uns herzustellen. Dies hat gleich 3 Vorteile:

  • Der Andere tut es freiwillig und in seinem Tempo, es kostet mich weniger Kraftanstrengung
  • Diejenigen, die gegen meine VerĂ€nderung sind, bleiben auf Distanz
  • Ich schenke meiner Umwelt Raum, mich positiv zu ĂŒberraschen

Anstatt meine Energie und Zeit zu vergeuden, jemanden an einen Ort zu schieben, den er gar nicht erreichen will, lade ich ihn stattessen ein und mache den Weg frei. Menschen, die meine VerÀnderung nicht mit mir mitgehen können oder wollen, zeigen dies, indem sie auf Distanz bleiben und nicht erneut Kontakt suchen (ich verschwende meine Energie nicht an Menschen, die dies ohnehin nicht schÀtzen). Indem ich Raum öffne, können andere mich auf Arten beschenken, an die ich selbst gar nicht gedacht hÀtte, hÀtte ich ihr Verhalten steuern wollen.

Dies ist ĂŒbrigens – kurz zusammengefasst – eines der Geheimnisse meines Erfolges als Lehrer. Ich bringe SchĂŒler nicht direkt dazu zu tun was ich fĂŒr richtig halte, sondern öffne ihnen Raum, das, was ich von ihnen verlange (Grenzen des geöffneten Raumes), auf dem fĂŒr sie passendsten Weg zu erreichen. Weil es ihr Weg ist den sie selbst gewĂ€hlt haben, muss ich sie auch nicht von außen motivieren (=“anschieben“), sie bewegen sich selbststĂ€ndig durch eigenen Impuls.

Wenn der SchlĂŒssel zur VerĂ€nderung in uns selbst liegt und allen zugĂ€nglich ist, warum wenden ihn dann so wenige Menschen an? Um dies zu verstehen, mĂŒssen wir uns dem PhĂ€nomen der Anhaftung widmen.

Unterliegen wir der Anhaftung?

Was soll die blöde Frage? NatĂŒrlich brauch ich das alles noch!

Haftung zu haben, also wo befestigt zu sein, ist an sich ein neutraler Zustand ohne Wertung. Problematisch wird es, wenn wir uns in Bewegung setzen wollen und gleichzeitig noch irgendwo anhaften. Wer seine Hand noch auf der TĂŒrklinke hat und nicht loslassen will, gleichzeitig aber vor hat jetzt 20 km zu laufen, der wird nicht weit kommen (oder die TĂŒr mitschleppen mĂŒssen).

So plump dieses Beispiel auch gewĂ€hlt ist: genau so agieren tagtĂ€glich Millionen von Menschen weltweit. Wir „wollen“ aufhören zu rauchen, trotzdem aber hin und wieder „beim Fortgehen“ eine rauchen. Wir „wollen“ den Sixpack-Körper, aber trotzdem den ganzen Tag nur Computer spielen oder im BĂŒro sitzen und uns nicht bewegen. Oder, subtiler: wir wollen uns das Verhalten unseres Partners nicht mehr gefallen lassen, aber sind nicht bereit, ihn im Ernstfall zu verlassen. Wir wollen, dass eine Kollegin aufhört uns zu mobben – sind aber nicht bereit, ihr deutlich zu machen, dass sie Grenzen ĂŒbertritt, weil wir kein “Menschen der herumschreit” sein wollen.

Die meisten Menschen, die davon sprechen was sie wollen, setzen ihr „Wollen“ deswegen nicht in Handlungen um, weil diese Handlungen voraussetzen, dass sie bestimmte Anhaftungen aufgeben, ohne die sie fĂŒrchten nicht auskommen zu können. Wer aber zu vielen Anhaftungen erliegt, wird bewegungsunfĂ€hig und damit – um im vorherigen bildlichen Beispiel mit den Kugeln zu bleiben) unfĂ€hig, Raum fĂŒr VerĂ€nderungen zu schaffen.

Wer also beispielsweise einer klassischeren Vorstellung des Lehrer-Seins anhaftet, wird Schwierigkeiten haben, Àhnliches mit Kindern zu erleben wie es mir geschenkt wurde. Nicht weil es dieser Person grundsÀtzlich nicht möglich wÀre, sondern weil die Identifikation (=Anhaftung) mit einem bestimmten Bild vom Lehrer-Sein die Verhaltensweisen verbietet, die notwendig wÀren, um einen solchen Raum zu öffnen.

Wie man sich von seinen Anhaftungen befreien kann fĂŒllt ganze Bibliotheken voller BĂŒcher, deswegen erspare ich mir diesen Aspekt vorerst. Aber eigene Anhaftungen als Ursache anzuerkennen, warum die Welt noch nicht so ist wie man sie gerne hĂ€tte hilft schon einmal ungemein, die Verantwortlichkeiten klarer zu sehen.

Wie wir die Welt verÀndern

Wie verĂ€ndern wir nun also unsere Welt? Wir anerkennen, dass GlĂŒck, Pech und Zufall nur Umschreibungen sind fĂŒr „noch (!) nicht verstanden“ – und ein Auftrag, tiefer zu forschen. In diese „Blackbox“ zu blicken hilft uns spĂ€ter, gute und passende RĂ€ume fĂŒr VerĂ€nderung zu eröffnen.

Wir anerkennen ebenso die Grenzen dieses Zuganges, und das wir was außerhalb von uns selbst ist nur beeinflussen, niemals vollends kontrollieren können.

Wir anerkennen, dass der energieeffizienteste Weg, VerĂ€nderung im Außen zu bewirken, eine VerĂ€nderung in und an uns selbst ist, mit der wir Zwischen-RĂ€ume eröffnen, die das Außen auf kreative Weise fĂŒllen kann.

Und letztlich anerkennen wir, dass wir dort, wo wir dies nicht vermögen, eine konstruktive VerĂ€nderung durch unsere eigenen inneren Anhaftungen blockieren – und es selbst in der Hand haben, diese aufzulösen, wo die VerĂ€nderung die wir uns erwĂŒnschen dieses Opfer wert scheint.

Die Welt verĂ€ndert sich nicht fĂŒr uns. Aber sie verĂ€ndert sich, und wenn wir ihr den passenden Raum dafĂŒr schenken, auch durchaus in unserem Sinne.

Niklas

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„Das ist total ĂŒbergriffig, was du da machst“, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? „Energien gelenkt“? Gar auf „rĂŒcksichtslose“ Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien ĂŒberhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum Bösewicht, zum TĂ€ter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte BachlĂ€ufe, Ströme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerklĂ€rliches Wissen der eigenen UnĂŒberwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft ließ ihn mit der Zeit alles ĂŒberwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so dermaßen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern spĂŒren zu können, zarte PflĂ€nzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verhĂ€ngnisvollen Tag, etwa ĂŒbergeschwappt aus den förderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so quĂ€lend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ersĂ€uft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener GĂ€rtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem fĂŒr das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich ĂŒberhaupt ein, ihn fĂŒr ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das möglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so völlig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu können? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben wĂŒrde weitergehen. Ihr Leben wĂŒrde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt wĂŒrde ihn fĂŒr „stĂŒmperhafte Energiearbeit“ verurteilen. Man konnte ja auch darĂŒber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen ließ, was er an jenem Abend tatsĂ€chlich angestellt haben könnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte fĂŒr einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. FĂŒr einen Moment hatte er wohl Angst verspĂŒrt, ihre inneren Blockaden niemals ĂŒberwinden zu können, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zurĂŒckgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so fĂŒrchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die Möglichkeit der Nachfolge, und wie sehr wĂŒnschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenstĂ€nde. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie wĂŒrde wachsen, wĂŒrde ihrer Intuition folgen, wĂŒrde wieder vertrauen, wieder glauben können an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine GrenzĂŒberschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch ĂŒbertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit wĂŒrde das Übrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu stĂ€rken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprießten die ersten kleinen TomatenpflĂ€nzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich tĂ€glich aufs Neue ĂŒber ihre ungestĂŒme Lebensfreude.

Er mochte nicht als GĂ€rtner geboren oder geschult worden sein. Aber er wĂŒrde lernen.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen falsch zu stellen
Was hell ist, zu ergrellen
Bis blind wir alle sind
Die Namen sind gerufen
Sie fĂŒhlen sich berufen
Und geben ihren Rat

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Liebe wirft schon Schatten
Kalt, kÀlter wird der Atem
Wir bauen Kathedralen
Herrlich auszumalen
Kommen feierlich, zu beten
Geh‘n leise, schuldig, und betreten
Wir wohnen  nicht mehr hier.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich völlig zu verlieren
In zweien, dreien, vieren
Bis einsam wir uns wiederfinden
Erinnern uns der Lieder
Doch die Herzen schweigen wieder
Hat wohl nicht sollen sein

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich Zukunft auszumalen
Mit Worten, Geist und Zahlen
Sich in Zukunft zu verlieren
Nur Vergangenheit zu spĂŒren
Hör die Gegenwart, sie spricht:

Halt ein, du Wanderer auf Zeit
Lass hinter dir der Zukunft Eitelkeit!
Hör, was mein Moment dir spricht
Getrau dich, schau mein Angesicht!
Ich bin die Wahl, die du gern fliehst
Bin Potential, das du nicht siehst
Der Mensch – ein LĂ€ufer – lĂ€uft geschwind
Was kĂŒmmert’s ihn, wohin er ging?
Nun, wenn er will, so soll er leiden
Wer bin ich, Mensch, ihn dir zu neiden
Den Augenblick, den ich dir schenke
NĂŒtz ihn, lass ihn, fĂŒhle, denke –
Schenke, teile, liebe, gebe
Ruhe, schlafe, mĂŒh dich, strebe
Am Ende: alles einerlei
Irgendwann bin ich vorbei

Wie schnell es manchmal gehen mag
FĂŒr einen Augenblick zu spĂŒren
Was fĂŒr Leben wir so fĂŒhren
Welche Opfer wir erbringen
Welch‘ GefĂŒhle wir bezwingen
Weil wir glauben, dass wir sollten
Vielleicht auch glauben, dass wir wollten
Hab‘n wir uns doch “lĂ€ngst entschieden”
Und so geschickt den Augenblick vermieden

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen neu zu stellen
Und bangend Herzen zu erhellen
Das Licht zieht Motten an
Sie fĂŒhlen sich berufen
Solch Liebe zu verfluchen
Und geben ihren Rat
Doch Liebe ist und bleibt
Ein Akt der wiederkehrend Tat

Vielleicht ist es Teil unseres kulturellen Erbes hier in Österreich. Vielleicht liegt es an einer Erziehung zu gehorsamen und fleißigen Menschen. Was auch immer der wahre Grund sein mag, es deprimiert mich, meinen Landsleuten zuzuhören, wie sie sich ĂŒber UmstĂ€nde beschweren, ohne einen erstgemeinten Versuch zu unternehmen, etwas zu verĂ€ndern. Als wĂ€ren die UmstĂ€nde nicht das Ergebnis der Entscheidungen tausender Menschen um uns und noch vielen anderen vor uns. Als wĂ€ren wir an einem Ende einer Geschichte angelangt, das uns zu AusfĂŒhrenden ewiger Gesetze reduziert. Vielleicht haben die Konzentrationslager ihre Wirkung doch nicht verfehlt, die menschliche FĂ€higkeit zum Widerstand, zum Anders-denken und zum Neu-denken auszulöschen, wie Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und UrsprĂŒnge des Totalitarismus“ schreibt…

Es ist erschreckend und verstörend fĂŒr mich, meine alten Freunde wiederzutreffen und feststellen zu mĂŒssen, dass sich viele von ihnen in einen Kreislauf hineinmanövriert haben, aus dem sie nicht mehr auszubrechen wagen. NatĂŒrlich war uns allen schon in der Schulzeit irgendwo dunkel bewusst, dass die Schule, so nervig sie manchmal sein mochte, harmlos war gegen das, was uns noch erwarten wĂŒrde. In der Schule konnte man, wenn man sich ein wenig anstrengte (oder gleich alle Anstrengungen aufgab und sich ein wenig treiben ließ) sich zumindest noch an Nachmittagen oder Wochenenden treffen, um sich auszutauschen, um unsere TrĂ€ume zu trĂ€umen und sie manchmal sogar auch umzusetzen. Viele von uns mochten die Schule nicht, sie war uns lĂ€stig, schrĂ€nkte uns ein in dem, was wir fĂŒr tatsĂ€chlich wichtig hielten. Wir kannten den Alltagstrott des Arbeitslebens noch nicht, das Netz an Beziehungen und Verpflichtungen, das uns immer weiter voneinander entfernen wĂŒrde, bis wir uns als Atome einer atomisierten Gesellschaft wiederfanden. Machtlos. Und trotz einer immer freizĂŒgigeren Sexualmoral am Ende doch einsam.

Das Leben der anderen

Ich war wohl immer einer derjenigen gewesen, die eben „ein wenig anders“ waren. Anstatt den Lehrern einfach einen Gefallen zu tun und Sinnlosigkeiten als notwendiges Übel zu akzeptieren, fing ich mir regelmĂ€ĂŸig Konflikte mit ihnen an, wenn ich mich (oder andere) ungerecht behandelt wĂ€hnte. Selbst im Studium war ich noch bekannt dafĂŒr, stets irgendetwas Eigenes machen zu mĂŒssen (etwa in dem Jahr, in dem ich mir einredete, ich könnte meine Pollenallergie durch stĂ€ndiges Barfußgehen heilen – was tatsĂ€chlich zu funktionieren schien). Manche dachten damals wohl, ich mĂŒsste mich unbedingt hervortun, etwas Besonderes sein, aber das war nur selten meine Motivation dahinter. Ich war unzufrieden mit dem Status Quo, und wollte ihn so verĂ€ndern, dass er fĂŒr mich und andere passte. Ich war wohl schon lange zu einer Art „Hacker“ geworden, jedoch nicht nur, um mir selbst Vorteile zu verschaffen, sondern um diese Vorteile allen zugĂ€nglich zu machen. Ich verwende bis heute kaum Open-Source-Programme fĂŒr den tĂ€glichen Gebrauch, aber ich habe die Philosophie dahinter aufgesaugt wie ein Schwamm: Wenn etwas nicht passt, arbeite daran, es zu Ă€ndern. Und zwar so, dass es fĂŒr alle besser wird, nicht nur fĂŒr dich.

Die Angst, zu scheitern

Mir war bewusst, dass ich ein riesiges GlĂŒck hatte, an die Schule, an der ich jetzt arbeite, kommen zu dĂŒrfen. Was mich jedoch so richtig verblĂŒffte, waren die Begegnungen mit ehemaligen Freunden und Kollegen hier in Österreich und wie es ihnen ergangen war. Die mir davon erzĂ€hlen, dass sie keine Arbeit als Lehrer fanden und in wenig ansruchsvollen Anstellungen arbeiten mussten, um ĂŒberleben zu können. Und dass diejenigen, die eine Anstellung als Lehrer gefunden hatten, an den viel zu engen AnsprĂŒchen der Direktoren und Kollegen verzweifelten. All das, wĂ€hrend ich mittlerweile fast jede Woche eine Email von Privatschulen oder -Initiativen bekam, in denen stand, dass Lehrer gesucht wurden, die etwas verĂ€ndern und eigene Ideen einbringen wollten. Es tut mir weh, gutherzigen Menschen zuzusehen, wie sie sich nicht durchringen können, in dem Bereich zu arbeiten, in dem sie dieser Welt viel geben könnten, nur weil sie VerĂ€nderungen fĂŒrchten.

Ich glaube, es ist Angst, die sie zögern lĂ€sst, die ihre Bahnen einschrĂ€nkt und ihr Leben alltĂ€glicher werden lĂ€sst, bis irgendwann kaum mehr etwas ĂŒber ist von den TrĂ€umen, die sie einst antrieben. Es ist Angst, die einen alten Freund von mir dazu treibt, den tagtĂ€glichen Rhythmus von Arbeit, Essen und dem Konsum zahlreicher Animes kaum mehr zu unterbrechen. Angst, die einen anderen sagen lĂ€sst, er hĂ€tte keine Freunde mehr in seiner NĂ€he und könne somit nichts mehr erleben, ist halt so. Angst, die eine Freundin sagen lĂ€sst, sie könne ihre GeschĂ€ftsidee nicht umsetzen, weil sie noch nicht perfekt ausgereift sei. Es herrscht eine riesige Angst vor dem Scheitern, als wĂ€re es die letzte Chance, etwas aus unserem Leben zu machen, als seien wir 75 und nicht 25. Eine Angst vor dem Beginnen, dem Neuanfang, der unser Leben verĂ€ndern könnte.

In meinen ersten Wochen in Kiel habe ich oft geglaubt ich schaffe es nicht, fern von meinen Freunden und meiner Familie, und war oft fertig, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Wir brauchen wohl alle ein gesundes Maß an Bindung, an Körperkontakt, an Liebe, und wenn wir diese GrundbedĂŒrfnisse fern von unserer Heimat nicht gut erfĂŒllen können, leiden wir. Aber Leiden, wie alles in der Welt, ist nicht von Dauer. Es ist ein temporĂ€rer Zustand, und manchmal wohl sogar ein notwendiger Zustand, um GlĂŒck und Zufriedenheit zu finden.

Echtes Lernen setzt Leiden voraus, und die Bereitschaft, sich dem Leiden zuzuwenden, anstatt ihm durch Ablenkung zu entfliehen. Die Suche nach einem leidlosen Leben ist die Suche nach einem statischen Leben, das sich nicht mehr verĂ€ndert. Ist die Suche, die Sehnsucht nach dem Tod. Leben ist Leiden, wie schon der Buddha erkannte, weil Leben eben nicht statisch ist. Solange wir leben, ist es auch unsere Aufgabe, zu leben, den Becher des Lebens bis zum Grund zu trinken, wie eine gute Freundin einst meinte. Sich dem Leiden zu stellen und das zu tun, was notwendig ist, um es zu ĂŒberwinden.

Die Angst vor dem Erfolg

Nelson Mandela zitierte einst eine weise Frau, indem er sinngemĂ€ĂŸ meinte, unsere grĂ¶ĂŸte Angst sei es nicht, zu schwach zu sein, sondern unendlich mĂ€chtig. Es ist einfach, schwach zu sein, es ist bequem, ein Opfer der UmstĂ€nde zu sein. Die Gesellschaft sei eben Schuld, oder der böse Schuldirektor, der schlechte Vorschriften mache, als wĂ€ren sie Naturgesetze und nicht historisch gewachsene UmstĂ€nde, die durch unsere Entscheidungen im Hier und Jetzt stĂ€ndig beeinflusst werden. Das „Sudern“, das Aufregen ĂŒber angeblich nicht Ă€nderbare UmstĂ€nde, mag einen Teil unseres kulturellen Erbes darstellen, aber es ist keines, auf das wir sonderlich stolz sein, sondern eines, an dessen Überwindung wir arbeiten sollten.

Wir brauchen mehr Hacker

Sollen wir unsere SchĂŒler in unseren Schulen also auf eine Gesellschaft vorbereiten, in der „man eben nichts machen kann“ und sie somit zu ebenso verantwortungslosen Suderern heranziehen? „In der Arbeit muss man ja auch machen, was der Chef sagt“ ist lĂ€ngst kein generell wertvoller Rat fĂŒr alle Situationen mehr, seit viele Unternehmen realisiert haben, dass auch formell untergebene Mitarbeiter manchmal sinnvolle EinfĂ€lle haben, flachere Hierarchien die Norm statt der Ausnahme darstellen und Crowdsourcing und alle verwandten Konzepte an Zulauf gewinnen. Wir brauchen keine sturen AusfĂŒhrer, weder in unseren zukĂŒnftigen noch in unseren derzeitigen erwachsenen MitbĂŒrgern, dafĂŒr werden wir ĂŒber kurz oder lang Automaten und Roboter haben. Wir brauchen aber auch keine alles Bestehende ablehnende RevolutionĂ€re. Wir brauchen Hacker, Weiter- und Neu-Denker, die mit uns an einer lebbaren Zukunft bauen, indem sie den Hintersinn alter Systeme verstehen lernen und versuchen, sie an die aktuellen BedĂŒrfnisse anzupassen, zum Wohle aller.

Eine gute Freundin meinte unlĂ€ngst in einem GesprĂ€ch, in dem ich ihr von meinem Schmerz erzĂ€hlt hatte, alte Freunde so passiv und im Alltagstrott gefangen zu erleben, dass das beste, was ich fĂŒr jene tun könne, sei, mein Leben anders zu leben und ihnen dadurch aufzuzeigen, dass das Leben nicht so einförmig und trostlos sein mĂŒsse, wie sie zu glauben scheinen. Vielleicht hat sie recht. So gern ich all meinen Freunden helfen wĂŒrde, retten mĂŒssen wir uns am Ende wohl alle selbst.

Ich bin nicht intelligenter oder stĂ€rker als die meisten anderen Menschen, diese Ausrede gilt leider nicht. Ich wurde als Kind und Jugendlicher von meinen MitschĂŒlern ausgelacht wie viele andere (und sah auch zugegebenermaßen ziemlich dĂ€mlich aus zu jener Zeit), habe meine depressiven Phasen wie meine optimistischen, wie wohl jeder andere Mensch auch. Es steckt in uns allen das Potential, unser Leben in die Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen, auf das wir am Ende stolz sein können. Vielleicht ist dazu etwas notwendig, das heutzutage oft mit ein wenig Argwohn betrachtet wird: Glaube. Nicht notwendigerweise der Glaube an eine bestimmte Religion oder an einen Gott, aber der Glaube, dass alles vergeht – auch das Leiden. Denn dann wird plötzlich alles möglich, wenn man nur bereit ist, dafĂŒr zu stehen, dafĂŒr zu leiden, dafĂŒr zu kĂ€mpfen und zu siegen.

Also, meine lieben Freunde und die, die es noch werden, auf in den Kampf – auf ins Leben!

Niklas

P.S.: Ich hĂ€tte gerne einige Formulierungen dieses Artikels noch weiter ĂŒberarbeitet, aber das Internet hier auf Reisen fĂ€llt stĂ€ndig aus und ich bin nicht sicher, wie lange es noch funktionieren wird. Aber Perfektionismus wird bekanntermaßen ohnehin ĂŒberbewertet, und die Botschaft wird wohl auch so ankommen…

Ein heller Gong bedeutete dem Meister, dass es wieder einmal Streit unter den SchĂŒlern des Klosters gegeben hatte, und dass er aufgerufen war, ihn beilegen zu helfen. Als er die schwere HolzschiebetĂŒr des Tempels lĂ€chelnd zur Seite schob, kamen ihm die StreithĂ€hne bereits wild gestikulierend entgegen.

„Dao hat mir auf den Kopf geschlagen!“, schrie der eine, „aber nur, weil du mir in den Bauch getreten hast!“, der andere. „Aber das habe ich doch nur gemacht, weil du mir auf die WirbelsĂ€ule geschlagen hast! Und das tut man nicht!“. “Ja aber du hast mich vorher geschubst!“. Und nach einer Menge weiterer gegenseitiger Anschuldigungen, bei denen Ursache und Wirkung jeweils seitenverkehrt zugewiesen wurde, schrien zwei vom Streiten erschöpfte SchĂŒler schließlich: „Meister, wer ist nun im Recht?“

Doch der Meister schwieg nur lĂ€chelnd und winkte sie in den Tempel. Nachdem sie eingetreten waren, deutete er ihnen, sich auf einen der großen Teppiche zu setzen und auf ihn zu warten. Als er wieder zurĂŒckkam, hatte er viele kleine Steinplatten bei sich und begann, sie vor den ungeduldigen SchĂŒlern aufzustellen. „Dies“, meinte er, auf die erste Steinplatte vor ihm zeigend, „ist der letzte Auslöser eures Streits, an den ihr euch erinnern könnt. Er hat den Streit vermeintlich angefangen“. Damit gab er dem ersten Stein einen Stoß, woraufhin alle anderen Steine vom jeweiligen Nachbarn umgeworfen wurden. „Wer war nun der erste Stein?“, wollten die SchĂŒler wissen.

Der Meister stellte alle Steine wieder auf und zeigte wieder auf den ersten. „Dies“, meinte er lĂ€chelnd, „ist der erste Grund, an den ihr euch erinnern könnt. Doch davor“ – er stellte weitere Steine auf – „gab es noch ganz viele andere GrĂŒnde, die ihr lĂ€ngst vergessen habt. Ein Stein kann ein schlechtes FrĂŒhstĂŒck sein, schlechtes Wetter oder einfach ein Versehen.“

„Aber wer ist nun im Unrecht?“, wollten die ungeduldigen SchĂŒler wissen, „wer von uns war tatsĂ€chlich der erste Stein?“. Doch der Meister stellte weitere Steine vor die immer lĂ€nger werdende Reihe. „Das war der letzte Grund, an den ihr euch erinnern könnt. Das war das Wetter. Das FrĂŒhstĂŒck am Morgen. Der schlechte Schlaf davor. Es gibt keinen ersten Grund, denn es gibt immer einen Stein davor. Das macht die Suche nach dem Schuldigen so schwer und schließlich so sinnlos. Aber ich will euch zeigen, wie man in einem Streit einen Meister von einem SchĂŒler unterscheiden kann.“

Er baute die Steinplattenreihe zum dritten Male auf und stieß den ersten um. „Der SchĂŒler, der von einem Stein angestoßen wird, fĂ€llt um, um einen weiteren Stein umzustoßen, und sucht dann die Schuld beim ersten Stein, der ihn umgestoßen hat.“ Er legte einen Finger auf eine der Steinplatten und hielt damit den Fall der anderen Steine auf. „Der Meister jedoch ist derjenige, der fĂŒhlt, dass der Stein neben ihm droht, umzufallen, und all seine Kraft zusammennimmt, um ihn aufzufangen. Man erkennt einen Meister nicht daran, wie stark sie sind, andere umzuwerfen, sondern daran, wie stark und sicher sie sind, andere aufzufangen, die umzufallen drohen.”

Nachdem er sie hinausgeschickt hatte, waren die SchĂŒler weiter verwirrt. Wer war denn nun schuld an dem Streit? Der Meister, der sie im Weggehen weiter diskutieren hörte, lĂ€chelte. Es hatte schon seinen Grund, warum es nur sehr wenige Meister ohne graue Haare zu geben schien.

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Als ich heute in Richtung JKU-Bibliothek radelte, um mir einige weitere BĂŒcher fĂŒr meine Bachelor-Arbeit zu holen, bemerkte ich erst so richtig, dass die Sonne schien. Nach all den grauen Wintertagen, nach all den Sorgen und negativen Gedanken, schien also doch wieder die Sonne. Ich atmete gierig die frische Luft, die mir der Fahrtwind zum Geschenk machte, und betrat die Bibliothek. So viele interessante BĂŒcher, und doch sollte ich in nĂ€chster Zeit nur diejenigen erforschen, die ich fĂŒr meine Arbeit verwenden konnte. Als ich die TĂŒr hinter mir schloss, liess ich schweren Herzens Werke zurĂŒck wie „Bildung fĂŒr WeltbĂŒrger in Zeiten der Globalisierung“. All dies hat nun eine Weile zu warten.

Und als ich dann, vollbepackt mit neuen Ideen vielleicht lĂ€ngst verstorbener Seelen, den Heimweg antrat, kam mir zu Bewusstsein, wie weit mein Leben in so vielen Bereichen nicht dem entsprach, was ich mir unter einem glĂŒcklichen Leben vorstellte. Es gab da diesen Traum von einem Leben, das sich im Tun erschöpfte, ohne allzu viel ĂŒber das Haben nachdenken zu mĂŒssen, dessen Wert sich an den Menschen abmessen liess, dessen Leben es berĂŒhrt und bereichert. Wie schön wĂ€re es, einfach geben zu können, ohne an das eigene Haben denken zu mĂŒssen! Einem jeden Bettler geben zu können, wenn schon nicht Geld, dann zumindest ein StĂŒck unser kostbaren Zeit, ein Ohr, eine Schulter oder eine Umarmung. Und doch gehe ich wieder an ihm vorĂŒber. Und doch verplempere ich meine Zeit mit Nichtigkeiten.

Und wĂ€hrend ich nun vor meinem Stapel an BĂŒchern sitze und in den Gedanken anderer wĂŒhle, fĂŒhle ich mich sehr klein. Nicht klein an dem, was ich zu sagen habe, sondern klein an Mut, es auszusprechen. Klein an Mut, die Strapazen zu ertragen, die nötig sind, das, was zu sagen ist, zu Papier zu bringen, und wenn dies bedeutet, das, was ich zu sagen habe, hintanzustellen hinter das, was andere vor mir bereits gesagt haben. Das GefĂŒhl, etwas zu sagen zu haben, ist ein schönes GefĂŒhl, aber es kann im Weg stehen in Situationen, in denen es niemand hören will. Zu geben, wonach niemand fragt, kann ebenso fehl am Platz sein wie fĂŒr sich zu behalten, was jemand braucht.

Re-volutionen

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine Ausgabe des Augustin, der Wiener Obdachlosenzeitung, und auf der Titelseite der Ausspruch „Machma halt a Revolution, damit a Ruah is“. Eine Revolution, damit sich endlich einmal die Umgebung Ă€ndert, die uns davon abhĂ€lt, ein wahrhaft glĂŒckliches Leben zu fĂŒhren. Vielleicht sind die Steuern zu hoch. Oder die Wirtschaftslage schlecht. Oder jemand hat uns verlassen. Wir haben doch so tolle Visionen gehabt, und dann spielt niemand mit. Vielleicht sollten wir, die von Revolutionen trĂ€umen, endlich aufhören, zu re-voltieren, uns um uns selbst und unsere selbstgemachten Probleme zu drehen und die Umwelt dafĂŒr verantwortlich zu machen.

Vielleicht sollten wir, die uns wundern, dass niemand unser Produkt kaufen, unsere Dienstleistung in Anspruch nehmen oder uns einstellen will, uns auch fragen, was unsere Mitmenschen tatsĂ€chlich brauchen. Da ist der Kupfermuchkn-VerkĂ€ufer, der jemanden brĂ€uchte, der ihm Deutsch beibringt, weil irgendwie immer noch nicht allzu viele Österreicher Englisch mit ihm sprechen können. Da ist die Freundin, die uns keine UmstĂ€nde machen will, aber dann doch ganz gerne Zeit mit uns verbringen wĂŒrde. Der Mensch, den wir zutiefst lieben aber dann doch nicht in die Augen sehen und es ihm beibringen können, mit allen unvorhersehbaren Konsequenzen.

Stattdessen verbunkern wir uns hinter verpassten Möglichkeiten und zerbrochenen TrĂ€umen, von denen wir nie wollten, dass sie tatsĂ€chlich wahr werden, weil es bedeutet hĂ€tte, sich von der Sicherheit und dem Komfort des einmal erreichten zu verabschieden und aufs Neue die jugendliche Leichtigkeit auszukosten – nur dieses Mal eben ohne die Sicherheit, dass irgendjemand es schon richten wird, wenn etwas schief geht. Das wĂŒrde einer Revolution gleichkommen, die die Welt, und zwar die unsere, gehörig aus den Angeln heben wĂŒrde. Eine Welt, an die wir uns gewöhnt haben, eine Welt, mit der wir uns ausgesöhnt haben, weil die Hoffnung am verblassen ist, dass eine andere Welt besser wĂ€re, oder ĂŒberhaupt möglich.

Evolutionen

Und doch, immer wieder, wie an diesem wundersam warmen, fast frĂŒhlingshaften Tag mitten im Februar, glimmt etwas wieder auf, das ich lange verloschen wĂ€hnte: Hoffnung. Hoffnung, dass eine andere Welt eben doch möglich ist, sei sie besser oder schlechter, und noch etwas viel besseres als Hoffnung: den Schimmer einer Chance, einer tatsĂ€chlichen Chance, und zwar einer, die ich selbst nutzen oder verstreichen lassen kann. Es mag hoffnungslos sein, die Welt Ă€ndern zu wollen, aber vielleicht kann ich diese meine Welt Ă€ndern, und wenn nicht dies, so zumindest mein Leben. Ich kann damit hier und jetzt anfangen.

Und doch tue ich es nicht.

Offensichtlich bin ich noch nicht bereit, das Leben zu leben, das ich mir wĂŒnsche. Das ist schade, denn in meinen TrĂ€umen wirkt es sehr zufriedenstellend auf mich und auf andere. Doch das Schöne daran ist, dass es einzig an mir liegt. Eines Tages, und ich kann mir gut vorstellen, dass es ein ebenso sonniger Nachmittag wie der heutige ist, werde ich soweit sein. Und bis dahin habe ich eigentlich keinen Grund mehr, mich zu beschweren.

Niklas