In diesem Artikel geht es um einige Erfahrungen zum Thema “Offene Beziehungen” und Liebe/Beziehungen im Allgemeinen. Viele solche Experimente scheitern nicht an den Formen, sondern an den Voraussetzungen und Erwartungen der Liebenden. Wer sich auf das Abenteuer offene Beziehung einlĂ€sst, wirklich einlĂ€sst, wird vor allem mit sich selbst konfrontiert. Das liegt nicht jedem.

ĂŽffeneBeziehungen

Ich beschĂ€ftige mich seit 10+ Jahren theoretisch mit der Thematik, und seit gut der HĂ€lfte der Zeit auch praktisch. Es gibt dazu unzĂ€hlige „Tipps“ im Internet zu finden. Den Großteil davon halte ich fĂŒr nicht sonderlich hilfreich, weil sie nur eine vordefinierte Form durch eine andere ersetzen.

Hier möchte ich versuchen, einige Erfahrungen zu teilen, die unabhÀngig von der jeweilig gewÀhlten Beziehungsform hilfreich sein können.

Vielleicht die wichtigste Frage vorweg beantwortet: Bin ich mit meinen Experimenten glĂŒcklich geworden?

Im Großen und Ganzen: ja. Zumindest habe ich viel gelernt. Über mich selbst. Über den jeweils anderen. Die Welt im Allgemeinen. Und mit den Jahren bin ich dadurch wohl auch ein StĂŒck weit weiser geworden.

Hier zwecks besserer Übersicht eine kleine Auflistung des Folgenden:

Die Verwirrung der Begrifflichkeiten

Bestimmte Wörter triggern bestimmte Vorerfahrungen oder Erwartungshaltungen beim jeweils Anderen, die oft schwer wieder auszulöschen sind.

Wenn ich von „offenen Beziehungen“ spreche, spreche ich von dem Ansatz, sich gemeinsam hinzusetzen und immer wieder herauszufinden, was jeder braucht, um sich miteinander (und mit sich selbst) wohlzufĂŒhlen, unabhĂ€ngig von gesellschaftlichen Normvorstellungen. Andere verstehen darunter eher ein „Ich fick mich durch die Welt“, wieder andere ein „Mir ist alles egal. Du eingeschlossen.“ Viele haben damit auch bereits entsprechende (oft negative) Vorerfahrungen gemacht. Dies erschwert einen unvoreingenommenen Zugang zum Thema.

Ein einziger Begriff, unbedacht verwendet, kann – am besten noch in Kombination mit Hemmungen, ĂŒber BefĂŒrchtungen offen zu sprechen – beinahe unĂŒberwindliche Hindernisse aufbauen. Daher kann man nicht immer darauf vertrauen, dass der Andere Begriffe auch so versteht, wie man selber sie meint. Und ein Nicht-Nachfragen bedeutet nicht immer EinverstĂ€ndnis, sondern allzu oft eher ein „Ich habe Angst vor der Antwort, wenn ich eine Frage stellen wĂŒrde, deswegen stelle ich sie lieber nicht“.

Liebe ist immer auch Selbst-Überwindung. Wer sich dabei auch noch von etablierten Normen verabschiedet, betritt einen Raum, der Angst machen kann. Andere hören davon, raten ab davon, beeinflussen das Miteinander. Weil sie selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Oder – ebenso hĂ€ufig und nicht zu unterschĂ€tzen – es nicht aushalten wĂŒrden, dass man selbst damit glĂŒcklich wird. Weil es sie mit der realen Möglichkeit konfrontiert, ebenso etwas Anderes zu versuchen.

Mut, und VerlÀsslichkeit, die den Mut rechtfertigt, sind deine Freunde.

Das Erlernen der Selbstliebe

Quelle der Selbstliebe

In einem jeden von uns ist eine Quelle zu finden, aus der wir Liebe „ernten“ können. In manchen Menschen ist sie etwas versteckter als in anderen. Aber zu finden ist sie in einem jeden von uns, wenn man sich ernsthaft auf die Suche danach macht.

Weil es auf den ersten Blick einfacher erscheint, sich seine Liebe von außerhalb zu holen, wenden wir jedoch vielfach nicht die Zeit dafĂŒr auf. Es geht ja auch anders. Dass wir uns damit von diesem Außen erpressbar machen, fĂ€llt oft erst dann auf, wenn dieser Fall eintritt.

So akzeptieren wir aus Angst vor Liebesverlust Verhaltensweisen anderer, die weder uns noch ihnen gut tun. Der einzige nachhaltige Schutz gegen diese ungesunde AbhÀngigkeit ist es, die Quelle der Selbstliebe in uns selbst zu entdecken, und zu lernen, mit ihren Schwankungen umzugehen.

Nicht wenige Menschen verstehen unter „Offenen Beziehungen“ die Idee, das Risiko dieser AbhĂ€ngigkeit vom Außen auf mehrere Menschen aufzuteilen. FĂ€llt einer weg, fangen die anderen das Risiko auf. Darum haben diese Menschen auch tendenziell Angst, in die Situation zu kommen, „nur“ einen Partner zu haben.

Aber das verlagert das Problem nur, löst es nicht. Die einzig dauerhaft nachhaltige Lösung ist in einem selbst zu finden: im Finden und Nutzbarmachen der eigenen Quelle der Liebe und Aufmerksamkeit.

Die Ökonomie der GroßzĂŒgigkeit

Wer in sich eine Quelle der (Eigen-)Liebe entdeckt hat, wird bald erkennen, dass er diese in sich „geerntete“ Liebe auch an andere weitergeben und damit GlĂŒck bringende Verbindungen schaffen kann.

Doch auch wenn diese Quelle in uns eine nachwachsende Ressource ist, bringt sie nicht immer gleiche Ernte. Zudem schwankt unser „Eigenverbrauch“ mit unseren BedĂŒrfnissen und unseren Verbindungen zur Außenwelt mit.

Im Idealfall schaffen wir es, uns selbst aus eigener Quelle gut zu versorgen und den Überschuss an andere weiter zu schenken. Geben wir aus diesen Ressourcen mehr, als wir selbst „nach-ernten“ können, so deswegen, weil aus verlĂ€sslicher Quelle von außen genug nachkommt, um unseren eigenen Bedarf zu decken. Ich kenne kaum jemand, der diesen Idealfall lebt.

Erfahren wir hingegen einen Mangel an Liebe/Aufmerksamkeit (weil wir zu wenig in uns finden, zu viel gegeben haben oder zu wenig zurĂŒckbekommen haben), so wĂ€chst das BedĂŒrfnis nach Kontrolle unserer Beziehungen zum Außen. Aus Beziehungen, die je nach Ressourcen ÜberschĂŒsse miteinander teilen, werden „Handels-Beziehungen“ – mit entsprechenden (oft unausgesprochenen) „VertrĂ€gen“ oder zumindest Vorstellungen entsprechender Verpflichtungen und Hochrechnungen der jeweiligen “Leistungen” fĂŒreinander..

Eine der Voraussetzungen, um ökonomisch mit den eigenen Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit umgehen zu können, ist ein kontrollierter Umgang mit den eigenen Grenzen: den Durchfluss hin zum Anderen genau so weit zu öffnen, wie es allen Betroffenen (also auch mir!) gut tut.

Allzu oft werfen Menschen anderen vor, sie bewusst „ausgenutzt“ zu haben, wo sie doch nur selbst unfĂ€hig waren, den „Abfluss“ der eigenen Ressourcen entsprechend zu steuern.

Die gute Nachricht ist: diese Selbst-Kontrolle lÀsst sich erlernen.

Die FĂ€higkeit der Selbstbehauptung

Selbstbehauptung

Wenn wir uns durch die Welt bewegen, treffen wir auf andere Menschen, denen es an Liebe und Aufmerksamkeit fĂŒr sich selbst fehlt. Vor allem in den sensibleren von uns wird dadurch oft der Wunsch geweckt zu helfen. So manches Mal werden wir auch direkt um Hilfe gebeten, oder es wird versucht, diese (bis zur Anwendung von Gewalt) einzufordern.

Viele Menschen machen die Entscheidung, ob sie helfen wollen, von der HilfsbedĂŒrftigkeit des Anderen abhĂ€ngig. Dabei ĂŒbersehen sie gerne, dass ihre eigenen Ressourcen und damit ihre Möglichkeiten zu Helfen beschrĂ€nkt sind.

Viel hilfreicher fĂŒr alle Beteiligten ist es im Regelfall, wenn der eigene „Haushalt“ an Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit der entscheidende Faktor ist: Bin ich gerade im Überfluss? Und wenn ja, wie viel kann ich geben, ohne selbst in einen Mangel zu geraten?

Wird diesem Aspekt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, so kann es rasch zu VorwĂŒrfen dem Anderen gegenĂŒber kommen, wenn wir uns beim “Helfen” selbst ĂŒberfordern. Die Ursache der Überforderung liegt jedoch nicht im leidenden Anderen verborgen, sondern in unserer UnfĂ€higkeit der Abgrenzung, wo uns die Ressourcen fehlen, nachhaltig zu helfen.

Nun kann es auch passieren, dass jemand von uns Hilfe verlangt, etwa weil er uns vorher selbst geholfen hat, oder es als Pflicht innerhalb einer Freundschaft/Beziehung/
 ansieht. Auch hier kann es hilfreich sein, dies stattdessen vom eigenen Ressourcen-Haushalt abhĂ€ngig zu machen, selbst wenn es vorerst zu einem Konflikt fĂŒhren mag.

Denn bin ich selbst „unterversorgt“, kann ich dem Anderen nur sehr eingeschrĂ€nkt helfen. Ich tue ihm keinen Gefallen, wenn ich ihm meinen eigenen Mangel verschweige.

Vor allem wird durch solche Konflikte dann plötzlich sichtbar, wie oft wir uns eigentlich in „Handels-Beziehungen“ mit unseren Mitmenschen befinden, die nach „vorgefertigten Formen“ ablaufen („Ein echter Freund reagiert so“), anstatt uns an unseren BedĂŒrfnissen und Möglichkeiten zu orientieren.

Manche Menschen drĂ€ngen anderen Menschen ihre Liebe und Aufmerksamkeit auf, weil sie sich nicht mit sich selbst beschĂ€ftigen wollen. Oft wollen sie sich damit auch eine entsprechende „Gegenleistung“ in ihren eigenen schlechten Phasen „erkaufen“. Wer annimmt, was er nicht braucht, um einen Konflikt im Jetzt zu vermeiden, nimmt dafĂŒr im Regelfall einen spĂ€teren Konflikt in Kauf – bei dem er sich dann in der Defensive befindet, hat er doch vom anderen schon „profitiert“.

Bedingungslose Liebe

Die meisten von uns sind es gewohnt, die Bewertung unseres Tuns vom zu erwartenden Ergebnis abhĂ€ngig zu machen. Wir “investieren” in einen Menschen, weil wir uns einen Nutzen daraus erwarten. Wenn es dann danach aussieht, als wĂŒrde sich der Nutzen womöglich nicht einstellen, hören wir damit auf.

Im Hinblick auf die Liebe: wir geben einer geliebten anderen Person Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, sie wĂŒrde es uns gleichtun und im Gegenzug uns Aufmerksamkeit schenken. Keimt in uns der Verdacht auf, dies wĂŒrde nicht so sein, hören wir oft damit auf – und erzeugen damit womöglich erst die Situation, die wir fĂŒrchten. Denn die andere Person denkt sich nun: Bin ich ihm denn am Ende doch nicht so wichtig als ich glaubte? Und wird ebenso ihre „Investition herunterfahren“.

Der SchlĂŒssel liegt auch hier wieder im Vertrauen auf die eigenen Ressourcen: sich selbst von der Reaktion der Umwelt unabhĂ€ngig zu machen. Weil die notwendigen Ressourcen an Liebe und Aufmerksamkeit in ausreichender Menge in einem selbst zu finden sind, und der Überschuss bedingungslos weitergeschenkt werden kann.

Zu lieben. Einfach so. Sobald man genĂŒgend Liebe und Aufmerksamkeit in sich selbst „gewonnen“ hat, dass man den Überfluss aus freien StĂŒcken verschenken kann, ohne auf einen Ausgleich angewiesen zu sein.

Meiner beschrĂ€nkten Erfahrung nach ist hier die eigentliche Grenze “freier Liebe” zu finden. Ich kann bedingungslos lieben, aber dieser “Überschuss” an Liebe und Aufmerksamkeit, den ich geben kann, ist trotz allem begrenzt.

Deswegen halte ich es aus heutiger Sicht fĂŒr sinnvoll, sich auf eine Person, eine GefĂ€hrtin zu beschrĂ€nken, der man PrioritĂ€t einrĂ€umt. Ist genĂŒgend “Überschuss” vorhanden, um noch mehr Menschen etwas davon zukommen zu lassen: gut, warum nicht. Aber ich habe noch niemanden kennengelernt, der dies auch dauerhaft und gleichberechtigt mit mehreren Menschen auf eine Weise vollbracht hĂ€tte, die alle Betroffenen glĂŒcklich macht.

Die Kunst der lebendigen Formen

Ausgeglichenheit

Die meisten von uns betrachten die Liebe tendenziell als eine Sache von Entweder-Oder. Entweder du bist mit mir in einer Beziehung, dann opfere ich mich fĂŒr dich auf (und erwarte dasselbe von dir). Oder wir sind es nicht, und was wir fĂŒreinander tun ist beschrĂ€nkt durch bestimmte Formen.

Wehe, die Grenzen jener Formen verwischen sich – etwa wenn der One-Night-Stand plötzlich auf die Idee kommt, den anderen zu lieben. Oder die sexuelle Anziehung innerhalb einer Beziehung ihren Reiz verliert. Das war doch anders ausgemacht! Dann trennt man sich mehr oder weniger versöhnlich, um nicht in die schwierige Situation zu kommen, sich im unsicheren Terrain der Graustufen zu bewegen.

Wer die obigen Aspekte verinnerlicht hat, ist gut vorbereitet auf jenen weiteren mutigen Schritt: gemeinsam lebendige Formen zu kreieren. Wenn alle Beteiligten gut auf sich selbst achten, können sie auch gemeinsam eine Form des Miteinanders finden, die ihren jeweiligen BedĂŒrfnissen entspricht. Und auch einen fĂŒr sie stimmigen VerĂ€nderungsprozess jener Form, damit sie lebendig bleibt und sich verĂ€ndernden BedĂŒrfnissen anpasst. Denn alles ist vergĂ€nglich in dieser Welt.

Der GefĂ€hrte, der gerade in einer persönlich schwierigen Phase durchmacht, wird womöglich in jener Zeit mehr NĂ€he und Geborgenheit brauchen, als er es zu anderen Zeiten notwendig hat, wo er diese eher als â€žĂŒbertrieben“ oder gar „lĂ€stig“ empfindet. Und warum auch nicht?

Alles, was dazu notwendig ist, ist gute, ergebnisoffene Kommunikation. Nicht: Willst du X fĂŒr mich sein oder Y? Sondern: Was brauchst du? Ich brauche dies und jenes. Eine gewisse Schamlosigkeit, die die notwendige Voraussetzung von AuthentizitĂ€t und Echtheit ist. In der man auch mal schwach, nicht perfekt sein darf, und dem Anderen das gleiche Recht zugesteht. Wie befreiend!

Die Akzeptanz einer imperfekten Welt

Die meisten von uns sehnen sich (aus Eigenerfahrung sowie Erfahrungen anderer, die sich mir anvertraut haben) einerseits nach einem GefĂ€hrten, dem Vertrauten, aber auch dem Neuen, oft in einer Art stetigem Wechselspiel des Ganzen. Und wollen am besten all das in einer Person vereint. Am besten noch ohne großen eigenen Aufwand, bis ĂŒbermorgen geliefert bis an die HaustĂŒre.

Nur: die Welt verĂ€ndert sich stĂ€ndig. Die Menschen um uns verĂ€ndern sich, und auch wir selbst und unsere BedĂŒrfnisse. Die Idee einer offenen Beziehung (im Sinne meiner Definition, gemeinsam ein Miteinander zu finden, das stimmig fĂŒr alle Betroffenen ist) kommt dem entgegen. Weil sie vom Zwang erlöst, die perfekte Wahl zu treffen und auch selbst zu sein. Weil ich – wenn es mir wirklich wichtig ist – gemeinsam mit allen Betroffenen nach konstruktiven Lösungen suchen kann, ohne mich stĂ€ndig fĂŒr oder gegen Menschen entscheiden zu mĂŒssen.

Ich glaube nicht, dass es die „objektiv perfekte Form“ des Miteinanders gibt. Sondern dass die Kunst darin besteht, gut fĂŒr sich selbst sorgen zu lernen und gemeinsam ein stimmiges Miteinander zu finden, das sich seine Lebendigkeit behĂ€lt. Damit man sich aneinander erfreuen kann. Nicht notwendigerweise stĂ€ndig, aber mit den Rhythmen von Sterben und Wiedergeburt der jeweils stimmigen Formen des Miteinanders immer wieder aufs Neue.

Erstaunlich oft ist mir das neben einigen schmerzvollen Erfahrungen auch gelungen. Ich wĂŒnsche euch Ă€hnliche positive (oder zumindest lehrreiche) Erfahrungen.

Niklas

P.S.: In meinem Buch Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter sind auch dazu einige Texte enthalten. Und bis 29.11.2018 ist die eBook-Version meines Buches sogar noch kostenlos downloadbar. Mehr Infos dazu unter diesem Link.

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

(Alle Aussagen von anderen Personen habe ich so verstanden, das bedeutet nicht, dass sie es auch so gemeint haben. Nur zur Sicherheit..)

Ich bin nun seit gut einem Ÿ-Jahr bei meinem Freund RenĂ© im Tai-Chi-Training (er nennt es „Verein fĂŒr innere Kampfkunst“), und er hat immer wieder einen interessanten Gedankengang erwĂ€hnt: dass seiner eigenen Erfahrung nach (doch immerhin ĂŒber 10 Jahre der Praxis) in Tai-Chi-Kursen oft sehr viel Wert auf das Erlernen einer korrekten Form gelegt wird (man kennt vielleicht die Bilder aus chinesischen Parks). Weiter meinte er, dass es ĂŒblich sei, nach 10, 15, 20 Jahren der Praktizierung dieser Form irgendwann (vielleicht!) die Prinzipien dahinter zu verstehen. Er hingegen vermittle lieber direkt die Prinzipien, so dass man sie – auch ohne die vollstĂ€ndige Form perfekt zu beherrschen – sofort im Alltag einsetzen und praktizieren kann. Die Form vermittelt er auch, aber mehr als “Bonus”.

Da ich die Vorteile des Zuganges Woche fĂŒr Woche nicht nur an mir, sondern auch an den anderen Teilnehmern des Kurses beobachten kann, stellt sich die interessante Frage, ob denn nun die spezifischen Tai-Chi-Bewegungsformen nicht auch ganz weggelassen werden könnten. ZusĂ€tzlich meinte RenĂ© auch, dass man in einem realen Kampf ja nicht davon ausgehen könnte, dass sich der Gegner exakt so bewegen wird wie in der Form vorgesehen, man mĂŒsse schon auch in stimmigem Kontakt gehen und bleiben, um auf die Bewegungen des Gegners adĂ€quat reagieren zu können, und wĂŒrde dabei oft von der eingelernten Form abweichen.

Die NĂŒtzlichkeit der Form

Und doch hat das Erlernen der Form seine NĂŒtzlichkeit, wie ich nach einigen Monaten fast tĂ€glicher Übung feststellen konnte: sie erhöht den Bewegungs-Spielraum. Am Anfang waren einige der Bewegungen der Form fĂŒr mich sehr schwierig auszufĂŒhren („unmöglich“ war des Öfteren der Gedanke), aber mit der Zeit wurde mir immer mehr klar, dass dies nicht an der universellen Unmöglichkeit von Körperbewegungen an sich lag, sondern an meinen eigenen inneren Blockaden, die mir das Praktizieren der Form ĂŒberwinden half.

UnlĂ€ngst im Kurs meinte RenĂ© zu mir, dass ich ihm in der SensibilitĂ€t mittlerweile beinahe gleichwertig wĂ€re, aber er eben noch den Vorteil der langjĂ€hrigen Praxis habe. Was er damit vermutlich meint, ist, dass er ĂŒber die Jahre bereits mehr der inneren Blockaden abgebaut hat als ich, was es ihm ermöglicht, mich ĂŒber meine Blockaden im (Übungs-)Kampf zu ĂŒberwinden. Man sieht es ihm auch an seinen Bewegungen an, die sehr frei wirken. Es geht im Tai-Chi (soweit ich das verstanden habe) genau darum, die inneren Blockaden des Gegners zu erfĂŒhlen und ihn gewissermaßen ĂŒber diese Blockaden „auszuhebeln“, was einen sehr wertvollen Übungsraum auch fĂŒr die eigene Selbst-Erkenntnis bietet.

Worauf ich im Grunde hinaus will, ist Folgendes: Dass die Bewegungen der Tai-Chi-Formen ganz bestimmten AblĂ€ufen folgen, hat ihren nĂŒtzlichen Hintersinn, nĂ€mlich den eigenen Bewegungs-Spielraum zu erhöhen und Blockaden, die diesen EinschrĂ€nken, aufzulösen. Damit entsprechen die einzelnen vorgeschriebenen BewegungsablĂ€ufe gewissermaßen dem, was ich an anderer Stelle hier auf diesem Blog „konstruktive Grenzen“ genannt habe: das Endziel ist es, sie ĂŒberflĂŒssig zu machen, weil sie ihren Zweck, den Bewegungsspielraum in einem bestimmten Bereich zu erhöhen, irgendwann erfĂŒllt haben.

Dies ist, richtig angewendet, ein konstruktiver Anteil der Funktion der Form. Ein anderer hat viel mit IdentitĂ€t zu tun, und ist potentiell gefĂ€hrlicher. Wenn ich die Form ausfĂŒhre, bin ich Tai-Chi-Praktizierender. Weiche ich von ihr ab, bin ich es nicht mehr. Wenn ich die Gruppenzugehörigkeit brauche („Ich bin ein Tai-Chi-Mensch“), werde ich möglicherweise in einer Form verharren, die ihren eigentlichen Zweck (Erhöhung des Bewegungs-Spielraumes) lĂ€ngst erfĂŒllt hat, und aufhören, mich weiterzuentwickeln. Das potentiell konstruktive Ritual wird dann rasch zum Selbstzweck, zur Falle.

Die Falle der Form in der Religion

Was ich weiter oben ĂŒber Tai Chi geschrieben habe, lĂ€sst sich auch auf viele andere Lebens-Bereiche umlegen. Nehmen wir das große Thema Religion/SpiritualitĂ€t. Gerade in unseren Zeiten stehen uns zahlreiche verschiedene ZugĂ€nge zu diesen Themen zur VerfĂŒgung, die uns (ich bin da gern optimistisch) ausnahmslos als „Übergangs-Formen“ dienen können, um unseren Bewegungs-Spielraum (der auch psychisch/seelisch verstanden werden darf) zu erweitern. So hat fĂŒr mich die jĂŒdisch-christliche Tradition und Überlieferung viele wertvolle „Formen“ und auch Rituale anzubieten, die uns Wachstumschancen eröffnen, aber auch ebenso der Islam, der Buddhismus, der Taoismus und viele weitere.

Jede dieser ZugĂ€nge hat seine StĂ€rken wie auch seine blinden Flecken, Ă€hnlich wie eine jede Übung zur StĂ€rkung des Körpers auf manche Körperpartien besser und auf andere weniger gut auswirkt. Wer von uns wĂŒrde sein Leben lang stĂ€ndig nur die rechte Wade trainieren, und den Rest des Körpers völlig vernachlĂ€ssigen? Und doch ist dieser Zugang in Bezug auf Religionen/SpiritualitĂ€t weit verbreitet. Da wird Jahrhunderte lang darĂŒber gestritten, welche Form die beste (oder gar die “einzig wahre”) sei, anstatt zu fragen, welche Form helfen kann, welche inneren Blockaden/Illusionen aufzulösen, und sich schlicht aus dem riesigen vorhandenen Fundus das zu wĂ€hlen, was individuell stimmig wirkt. Man muss sich ja z.B. nicht offiziell Moslem nennen wenn man Angst hat, von Freunden dafĂŒr schief angeschaut zu werden, aber warum nicht soziale IdentitĂ€t und NĂŒtzlichkeit der einzelnen Formen an sich voneinander getrennt halten, und sich jeweils das an nĂŒtzlichen Übergangs-Formen herauspicken, was individuell als hilfreich erlebt wird? Muss man ein wenig “spinnert” sein, wenn man sich mit Chakren beschĂ€ftigt, und diese BeschĂ€ftigung selbst als hilfreich erlebt?

Die Falle der Form in zwischenmenschlichen Beziehungen

Wer des Öfteren mal meine Barfuß-Geschichten gelesen hat (oder mich persönlich kennt), der dĂŒrfte ohnehin mittlerweile erraten haben, dass ich klassischen monogamen Beziehungen sehr skeptisch gegenĂŒberstehe, und nicht wirklich nachvollziehen kann, warum man sich einem von vornherein derart anstrengend konzipierten Sozialen System freiwillig unterwerfen will. Warum also nicht mal auch öffentlich und ohne Verschleierung durch eine Geschichten-Form anmerken, dass ich mir seit vielen Jahren nur noch offene Beziehungen vorstellen kann (und diese auch lebe), wo es dem VerstĂ€ndnis dieses Artikels dienen mag?

Ich kann den Sinn und Zweck einer klassischen Beziehung als Übergangs-Modell nachvollziehen, um mit einer Art Prototyp menschlichen Miteinanders im Umgang mit dem anderen Geschlecht (oder gerne auch dem eigenen, aber im Sinne der Lesbarkeit erwĂ€hne ich das nicht mehr extra) „starten“ zu können. Als eine Art konstruktive Grenze, als Übergangs-Form, innerhalb derer es anfangs einfacher ist, Liebe und SexualitĂ€t zu erfahren und zu erforschen, Ă€hnlich wie eine vordefinierte Form im Tai-Chi helfen kann, die eigene Beweglichkeit zu erhöhen. Aber ich habe zu oft bei Freunden/Bekannten beobachtet, wie sich diese Übergangs-Form verfestigt und zum Selbst-Zweck wird, zum Teil einer gemeinsamen IdentitĂ€t wird, deren Verlust bedrohlich wirkt, was zu allerhand absurden Folgeerscheinungen fĂŒhrt.

Viele meiner Freunde/Bekannten finden sich dann mit der Zeit entweder in unbefriedigenden Beziehungen wieder, springen von Beziehung zu Beziehung oder verzichten von vornherein ganz auf eine Kombination aus sexueller Anziehung und emotionaler IntimitĂ€t (“Ich mache aus Prinzip nur mehr ONSs). Man fragt sich, in welche Rolle, in welche Form der neu kennengelernte Mann, die neu kennengelernte Frau, wohl passen könnte, und spielt mit dem Reiz der Unwissenheit, bis die Schematisierung vollbracht ist. Menschen werden kategorisiert in Familie, Freunde, Beziehung, Freundeskreis, ONS, …

Einige wenige (nach einigen RĂŒckmeldungen teilweise auch von meinen ErzĂ€hlungen inspiriert, was mich natĂŒrlich freut) trauen sich irgendwann dann doch, in das zu gehen, was ich fĂŒr mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, in dem die etablierten Formen eine untergeordnete Rolle spielen, und das Miteinander anhand der BedĂŒrfnisse der Betroffenen jeweils neu gestaltet wird. Nur zu oft werden dabei eigene und die Blockaden des Anderen auf diesem Gebiet der menschlichen Existenz allzu sichtbar und spĂŒrbar, und nicht immer ist die Überwindung einfach. Oft verĂ€ndert sich das Miteinander drastisch, nachdem eigene innere Blockaden spĂŒrbar und damit auch bewusst werden, bisweilen Ă€ndern sich auch Leben von Grund auf.

Es ist fĂŒr mich nach beinahe 10 Jahren „Praxis“ auf dem Gebiet die bisweilen anstrengendste, aber auch mit Abstand erfĂŒllendste Art des Miteinanders, vor allem auch, weil ein solcher Zugang RĂ€ume eröffnet, um realen BedĂŒrfnissen, die in keine etablierten Formen passen, Raum zu geben (wie hĂ€ufig diese “un-passenden” BedĂŒrfnisse keinen Raum finden, wie traurig und gleichzeitig völlig absurd dies eigentlich ist, davon dĂŒrften sich viele, die sich mit diesen Themen noch nie beschĂ€ftigt haben gar keine Vorstellung machen können). Und bis auf wenige Ausnahmen bin ich mit den meisten Frauen, die mein Leben in diesen 10 Jahren gekreuzt und bereichert haben, noch in Liebe verbunden, auch wenn sich die Form des Miteinanders bisweilen ĂŒber die Jahre sehr verĂ€ndert hat, oder ein Beteiligter bisweilen Distanz benötigte, um neu und verĂ€ndert wieder aufeinander zugehen zu können.

Ich habe zahlreiche Frauen kennengelernt (auch MĂ€nner, aber zu denen fĂŒhle ich mich – bisher zumindest – nicht körperlich hingezogen), die mir erzĂ€hlt haben, dass sie entweder nur fixe monogame Beziehungen wollten oder nur One Night Stands. Ersteres verspreche ich aus Prinzip nicht mehr, weil ich dafĂŒr zu oft die Erfahrung gemacht habe, dass ich mehrere Menschen zur gleichen Zeit lieben kann (und damit nicht alleine bin, entgegen gesellschaftlicher Standards dĂŒrfte das die – jedoch kaum je offen eingestandene, weswegen es nicht so wirkt – NormalitĂ€t darstellen). Zweiteres habe ich in meinem Leben bisher noch nicht hingebracht, selbst diejenigen Frauen, die sich von Anfang an sicher waren, dass das eine einmalige Sache sei, kamen frĂŒher oder spĂ€ter in irgendeiner Form wieder. Einfach, weil es sich fĂŒr sie stimmig anfĂŒhlte, und fĂŒr mich ebenso, und da doch immer etwas von Liebe mitschwang, das nach Ausdruck verlangte, selbst wo (z.B. aufgrund zu großer Entfernung) klar war, dass man sich nicht allzu oft wĂŒrde sehen können.

Ich habe ĂŒber all die etablierten und bekannten Formen von Beziehungen einiges lernen dĂŒrfen und anerkenne durchaus ihren Nutzen als Übergangs-Form, aber auf Dauer erlebe ich es als absurd, eine Beziehung in irgendeiner vordefinierten Form zu leben und nicht in stimmigem Kontakt. Nur in letzterem kann ich letztendlich jeweils die stimmigen Formen des Miteinanders finden, die mir und dem jeweils anderen tatsĂ€chlich entsprechen.

Die Falle der Form im Lernen allgemein

Schlussendlich möchte ich noch von einem GesprĂ€ch erzĂ€hlen, das ich unlĂ€ngst mit einem guten Freund fĂŒhrte, in dem er meinte, ihn wĂŒrden „studierte Leute“ manchmal ziemlich nerven, weil sie oft so redeten wie die BĂŒcher, die diese gelesen hatten: „Da kann ich mir gleich das Buch kaufen und es selber lesen“

Was mich zu einem weiteren relevanten Zusammenhang in Bezug auf Formen fĂŒhrt: wenn sich die Form verselbststĂ€ndigt, zum Selbstzweck wird, und ĂŒber den stimmigen Kontakt gestellt wird – was ist dann noch mein persönlicher, individueller Mehrwert? Suche ich als Mann „eine Beziehung“ mit einer Frau, ist die Frau damit gewissermaßen das Mittel Frau zum Zweck Beziehung? Oder gehe ich stattdessen in stimmigen Kontakt mit einem anderen Menschen, und finde gemeinsam die jeweils passende Form fĂŒr diese Kontakt, wĂ€hrend ich die etablierten Formen – wenn ĂŒberhaupt – nur ĂŒbergangsweise nutze, um meine inneren Blockaden zu ĂŒberwinden? Lese ich ein Buch, lerne ich von jemandem, um meine eigene innere Bewegungsfreiheit zu steigern, oder tue ich es, um zu einem “anerkannten” Vertreter der Lehre eines Anderen zu werden?

Oder bezogen auf den bunterrichten-Titelzusatz „Menschen helfen aufzublĂŒhen“: Nutze ich das Außen, um in der Überwindung des Außens mein Innerstes zum Vorschein zu bringen? Oder baue ich mir im Grunde nur selbst BeschrĂ€nkungen auf, weil ich noch nicht nicht den Mut gefunden habe, meinem eigenen inneren Kompass zu vertrauen?

Niklas

P.S. einige AnkĂŒndigungen:

  • Morgen, 4.7., 20:00 halte ich im AberJa in Wien einen Vortrag: “Wer macht hier wen fertig?” – Familien- und Rechts-Systeme ĂŒber die systemischen Ursachen von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen. Mehr dazu (und zu anderen VortrĂ€gen/Workshops) hier…
  • Auf mehrfache Anfrage ist seit einigen Tagen das Forum wieder online, aber fĂŒhlt sich viel zu wenig beachtet. Schenkt dem doch mal etwas Aufmerksamkeit und fĂŒttert es mit interessanten Themen, es freut sich darĂŒber 😉

„Das ist total ĂŒbergriffig, was du da machst“, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? „Energien gelenkt“? Gar auf „rĂŒcksichtslose“ Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien ĂŒberhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum Bösewicht, zum TĂ€ter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte BachlĂ€ufe, Ströme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerklĂ€rliches Wissen der eigenen UnĂŒberwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft ließ ihn mit der Zeit alles ĂŒberwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so dermaßen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern spĂŒren zu können, zarte PflĂ€nzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verhĂ€ngnisvollen Tag, etwa ĂŒbergeschwappt aus den förderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so quĂ€lend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ersĂ€uft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener GĂ€rtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem fĂŒr das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich ĂŒberhaupt ein, ihn fĂŒr ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das möglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so völlig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu können? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben wĂŒrde weitergehen. Ihr Leben wĂŒrde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt wĂŒrde ihn fĂŒr „stĂŒmperhafte Energiearbeit“ verurteilen. Man konnte ja auch darĂŒber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen ließ, was er an jenem Abend tatsĂ€chlich angestellt haben könnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte fĂŒr einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. FĂŒr einen Moment hatte er wohl Angst verspĂŒrt, ihre inneren Blockaden niemals ĂŒberwinden zu können, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zurĂŒckgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so fĂŒrchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die Möglichkeit der Nachfolge, und wie sehr wĂŒnschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenstĂ€nde. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie wĂŒrde wachsen, wĂŒrde ihrer Intuition folgen, wĂŒrde wieder vertrauen, wieder glauben können an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine GrenzĂŒberschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch ĂŒbertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit wĂŒrde das Übrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu stĂ€rken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprießten die ersten kleinen TomatenpflĂ€nzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich tĂ€glich aufs Neue ĂŒber ihre ungestĂŒme Lebensfreude.

Er mochte nicht als GĂ€rtner geboren oder geschult worden sein. Aber er wĂŒrde lernen.

Ich habe deine Meinung angehört.
Ich habe deine BĂŒcher gelesen.
Dann habe ich darĂŒber nachgedacht.

Ich habe mich an neuen Erkenntnissen erfreut.
Ich habe ĂŒber alte Wahrheiten gelĂ€chelt.
Dann habe ich Ehrfurcht erfahren
Vor der Anmut und Unendlichkeit des Lebens.

Doch deinen Glauben anzunehmen
DafĂŒr erschien es mir noch zu frĂŒh
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe deinen Körper berĂŒhrt.
Ich habe die SĂŒĂŸe deiner Lippen gekostet
Dann war ich voller GlĂŒck.

Ich habe deine Formen nachvollzogen.
Ich habe deinen Splitter des ImmerwÀhrenden erkannt.
Meine Seele dehnte sich, bis sie auf die deine traf
Und fĂŒr einen Moment waren wir zuhause

Doch deine Angst und Heilmittel anzunehmen
Ward mir in meiner Seele verboten
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch

 

Ich bin stundenlang durchs nasse Gras gelaufen.
Ich habe zwei Tage im Bett verbracht.
Dann habe ich mich wieder gespĂŒrt.

Ich habe mich an deinem LĂ€cheln erfreut
Ich habe das GlĂŒck der Welt in HĂ€nden gehalten
Es umgedreht, und sodann, beschwert vom UnglĂŒck
War fĂŒr einen Moment ein stabiler Mittelpunkt zu finden

Doch zu verweilen an jenem Punkt der Stille
Mehr als einen Augenblick

Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe Jahre nach dir gesucht.
Ich habe dich jahrelang gefunden
Bis ich dich endlich erkennen konnte.

Ich habe mir so lange die Seele aus dem Leib gesungen
In der schallgeschĂŒtzten Kammer meines Körpers
Du hast ihm die wahrhaftigen Töne entlockt
Und sie mit den deinen veredelt.

Froh locken, laden wir nun also die Welt zum Fest der tanzenden Seelen.
VerĂ€ngstigt droht sie uns mit dem UnglĂŒck, das man gegen uns fĂŒhren könnte.

Doch so sehr sie sich mĂŒhen, die HĂŒllen zu verletzen
Das Wahre kommt nur umso rascher ans Licht
Wir hoffen, sie können verzeihen –
Wir leben noch

 

Und wenn der Tag kommen wird
An dem die Endlichkeit in mein Leben tritt
Werde ich ihr gegenĂŒbertreten können.

Sie wird mit mir sprechen wollen.
Sagen, Aus! Nun ist es zu Ende!
Fragen, Hast du denn wahrhaftig gelebt?

Dann werden wir ihr sagen können: Ja!
Wir haben das Unverzeihliche gewagt:
Wir haben wahrhaftig gelebt.

Zu Tausenden bevölkerten sie nun die Stadt, zu Tausenden waren sie nun in Bewegung – waren sie eine Bewegung, mit fast politisch greifbarer Macht, hĂ€tten sie ein Programm oder auch nur ein weiterfĂŒhrendes Ziel gehabt. Die lebenden Toten waren wieder in der Stadt.

Es wĂ€re wohl eine politische Macht geworden, wĂ€re es tatsĂ€chlich eine Bewegung gewesen. Aber ein aufmerksamer Beobachter konnte rasch erkennen, dass sie verschiedene Ziele an-, verschiedenen Zielen zustrebten. Der Ort mochte sich unterscheiden, doch der Name variierte nur unwesentlich: irgendeine Kombination aus „Halloween“ und „Party“ war es am Ende ja doch meistens. Die importierte Möglichkeit, einen Tag vor dem Gedenken der Toten noch die Untoten zu feiern, von vielen vor Jahren noch belĂ€chelt, hatte sich rasch etabliert. So rasch und vollkommen, dass aus dem Angebot zunehmend ein gewisser Zwang geworden war. „Und, was machst du an Halloween?“, ehemals mit einem Schmunzeln ĂŒber das amerikanische MitlĂ€ufertum versetzt, war zum wirksamen Mittel geworden, die Uneingeweihten bloßzustellen.

Wie jeder Eingeweihte wusste – und die Masse stellte auf ihre Art schon sicher, dass die Minderheit der Uneingeweihten sich stetig verkleinerte – gab es verschiedene Abstufungen des Prestiges: der Königsweg war es, zu einer privaten Feier eingeladen zu werden – oder gar Gastgeber einer zu sein. Wer nicht zu den GlĂŒcklichen gehörte, musste mit den öffentlichen Varianten Vorlieb nehmen. GlĂŒcklicherweise gab es auch hier die Möglichkeit, mittels unterschiedlicher Eintrittspreise zu im Grunde gleichen VergnĂŒgungen seinen Rang auszudrĂŒcken.

Nun war auch sie zu einer jener privaten Feiern eingeladen worden. Es war Bedingung gewesen, sich zu verkleiden, und die ihre war erstaunlich gut geworden. Dort angekommen, fĂŒgte sie sich den ĂŒblichen Ritualen solcher Feiern: dem Alkohol, der in Strömen floss, dem immer gleichen Rhythmus der Musik, der ihrem Körper kaum mehr als dem ewig gleichen Bewegungsradius von Vor und ZurĂŒck, Rauf und Runter erlaubte. Die Mutigen wackelten noch ein wenig mit dem Hintern, wĂ€hrend die MĂ€nner mit dem Fortschreiten der Zeit immer drĂ€ngender in ihren Avancen wurden. Aber dem Geist die körperliche Grundlage und dem Körper damit seiner Kontrolle zu entziehen war ja von jeher das erklĂ€rte Endziel einer jeden guten Feier im Geiste der Zeit gewesen. Warum nicht? Es gab ja Kondome, um Schlimmeres zu verhindern.

Wer waren diese Menschen, und fĂŒhlten sie sich wohl hinter ihren fantasievollen Masken und Rollen?, dachte sie in jenem umnebelten Moment, als das ewige monotone Wackeln der immer gleichen Körperteile einen leichten Schwindel in ihr ausgelöst hatte und sie sich erschöpft an die Wand lehnte. Welche Art von Ekstase war dies, die sie nicht einander nĂ€her brachte, sondern nur ihren Rollen? Alle standen sie irgendwie herum, mit diesem schwerlich unterdrĂŒcken Ausdruck von Langeweile, bewegten ihre Körper, wie es die Mode diktierte, plauderten vor sich hin und in der Enge des gemeinsamen Raumes doch aneinander vorbei.

Und an was wĂŒrden sie sich erinnern können, wenn die lebenden Toten am nĂ€chsten Morgen zu den nahtoten Lebenden geworden waren? Sie waren dabei gewesen. Wenn jemand fragen wĂŒrde, was man an Halloween unternommen hatte, wĂŒrden sie sagen können, sie waren bei dieser oder jener privaten Feier gewesen, wohl wissend um die Macht der Scham ĂŒber die eigene Unwissenheit bezĂŒglich der durchzechten Stunden, die sie alle verband und die dafĂŒr sorgen wĂŒrde, dass niemand ausplauderte, was unaussprechlich schien. Schließlich war es ja eine private Feier gewesen, bei der man unter sich blieb und auch bleiben wollte. Bei der man den Austausch von KörperflĂŒssigkeiten jenen von Gedanken oder gar GefĂŒhlen vorzog, wie es sich fĂŒr junge Menschen gehörte, die mit der Zeit zu gehen wussten.

Tags darauf war der Spuk wieder vorbei, noch ein paar Tage spĂ€ter auch das letzte unglĂŒckselige Produkt jener NĂ€chte mit Hilfe der entsprechenden Pillen fĂŒr den gewissen Notfall aus der Welt geschafft. Einmal im Jahr verrĂŒckt sein, das konnte man sich ja mal leisten. Was sollte schon passieren?

Nur dunkel erinnerte sie sich an die mit Kunstblut ĂŒberströmte Fratze des Zombies, mit dem sie in jener Nacht geschlafen hatte. Erst einige Wochen spĂ€ter, als sie mit Schrecken feststellte, dass ihre Periode ausgesetzt hatte, fiel ihr ein, dass ihr ihre Freundinnen lachend erzĂ€hlt hatten, sie hĂ€tte pausenlos gekotzt. Die Pille wirkt nicht zuverlĂ€ssig bei Erbrechen war auf der Packung gestanden. Und obwohl ihr Kopf noch AusflĂŒchte suchte, wusste ihr Körper doch, dass es stimmte. Scheiße, ich bin schwanger! Wie war sein Name noch gewesen? Doch niemand konnte sich an einen blutverschmierten Zombie erinnern. Ob sie ihn nicht mit dem Skelett verwechselte? Und ihr wurde bewusst, dass sie kaum mehr etwas wusste von jener Nacht. War es zumindest schön gewesen mit ihm? Hatte es sich zumindest ausgezahlt? Das dunkle Loch in ihrer Erinnerung wurde grĂ¶ĂŸer, weitete sich, schien sie verschlingen zu wollen. Aber ich wollte doch nur auch einmal Spaß haben


So, zum 75er-JubilĂ€um der Barfuß-Geschichten mal ein Versuch, eine Erotik-Geschichte zu schreiben. Ist ganz schön schwierig irgendwie.

Als er an der Bar eintraf, fand er sie nicht sofort. Das GelĂ€nde war grĂ¶ĂŸer, als er erwartet hatte. Aber nach der langen Fahrt kam es ihm auch nicht ungelegen, einen Moment der Besinnung fĂŒr sich zu haben. Bestellte sich ein Bier, was er selten tat, und sah sich im Raum um. Es dĂŒrfte sich um eine jener Bars handeln, in der sich Studenten beider Geschlechter gerne trafen, um neben Gedanken spĂ€ter auch KörperflĂŒssigkeiten auszutauschen. An Alkohol wurde nicht gespart, und die Bass-lastige Musik sowie das schummrige Licht mit den vielen Möglichkeiten, sich zurĂŒckzuziehen, sorgten fĂŒr den Rest. Es wĂŒrde nicht einfach sein, sie hier zu finden.

Langsam, sein Bier in der Hand, schritt er durch das Lokal, die anderen GĂ€ste beobachtend. Einige junge Frauen schenkten ihm verschĂŒchterte Blicke, und er erwiderte ihr LĂ€cheln, ließ sich aber nicht auf ein GesprĂ€ch ein. Die AtmosphĂ€re des Ortes verlieh seinem Verlangen, sie wiederzusehen, sie wieder zu berĂŒhren, eine IntensitĂ€t, die ihn erregte. Anja
 Er schloss die Augen, sah seine HĂ€nde vor seinem inneren Auge sanft ihren warmen Körper liebkosen, sah, wie ihr Körper unter seiner zĂ€rtlichen BerĂŒhrung zusammenzucken wĂŒrde – und spĂŒrte mit einem Mal, wo er sie finden wĂŒrde. Mit freudiger Erregung beschleunigte er seine Schritte und erkannte sie tatsĂ€chlich in einem der dunkleren Winkel der Bar sitzend, offenbar mit einer anderen Frau ins GesprĂ€ch vertieft. Er hielt inne, als er an ihren GesichtszĂŒgen sah, dass es sich keineswegs nur um ein GesprĂ€ch handelte.

Sie zuckte erschrocken zurĂŒck, als sie ihn bemerkte, doch er lĂ€chelte sie mit einer Mischung aus Verlegenheit und Erregung an. „Ich will euch eigentlich nicht stören.“, sagte er. In einem Anflug von Übermut nahm er die Hand der Frau und legte sie zurĂŒck an die Brust seiner Freundin. „Und kommt gar nicht auf die Idee, euch jetzt fĂŒr irgendetwas zu schĂ€men, oder aufzuhören mit dem, was euch Freude bereitet, nur weil ich da bin.“ Mit einem Grinsen, das wohl ziemlich dĂ€mlich aussehen musste, setzte er hinzu: „Vor allem nicht jetzt, wo ich da bin.“
Seine Freundin setzte sich zu ihm und flĂŒsterte ihm ins Ohr: „Ich will mit dir schlafen. Jetzt.“
„Hier? Und was ist mit deiner Bekannten hier? Willst du die Arme einfach alleine lassen?“
„Camilla? Du meinst -? Wie stellst du dir das vor?“
Sein Grinsen dĂŒrfte an DĂ€mlichkeit wohl kaum zu ĂŒberbieten gewesen sein. Zum GlĂŒck war es dunkel.
„Ich hole das Auto. In zehn Minuten kommst du raus, ich hol dich ab und wir fahren irgendwo raus aus der Stadt. Kannst ja deine Bekannte fragen, ob sie mitmöchte.“
Bevor sie etwas erwidern konnte, war er schon aufgesprungen, um das Auto zu holen. Seine Erektion musste meilenweit zu sehen sein. Er dankte dem Besitzer der Bar im Stillen fĂŒr diese Dunkelheit hier.

Sie waren tatsÀchlich zu zweit gekommen.
Nach einigen Hundert Metern fasste sie seine Erektion an und begann, ihn mit den Augen zu vernaschen. Zeit, anzuhalten. Zeit, die aufgestaute Spannung fließen zu lassen. Nein. Noch nicht ganz. Er liebte diese Spannung. „Geh schon mal vor!“, raunte er Anja zu, und kĂŒsste sie zĂ€rtlich ins Ohr.

Camilla erzitterte, als Anja zu ihr zurĂŒck kletterte und sie leidenschaftlich kĂŒsste. „Komm!“, rief Anja ihn, doch er blieb am Fahrersitz sitzen, beobachtete ihr Treiben im sanften Mondlicht durch den RĂŒckspiegel. „Komm!“, bat sie ihn erneut, doch nun forderte Camilla ihre Aufmerksamkeit und ihren Körper. Wellen der Lust durchströmten ihn, wĂ€hrend er den beiden zusah. Sie ließen sich Zeit, wissend, dass sie die ganze Nacht haben wĂŒrden. Hier im Nirgendwo, im Schutz der Dunkelheit, war es nicht notwendig, sich zurĂŒckzuhalten, eine Fassade zu wahren. Immer schwerer hörte er sie atmen, und mit der Zeit wurde aus dem Atmen ein Keuchen, immer wieder unterbrochen von einem Kichern, dessen logischen Ursprung er nicht ausmachen konnte. Und dann, plötzlich Stille. Der Mond war hinter einigen dichten Wolken verschwunden, und er konnte kaum mehr etwas sehen, aber das Bewusstsein, hier nur eine ArmlĂ€nge von zwei Frauen zu sitzen, die sich in seinem Auto gegenseitig berĂŒhrten, erregte ihn maßlos. „Mach die Augen zu“, raunte ihm Anja plötzlich aus kurzer Entfernung in sein linkes Ohr, und er, ĂŒberrascht von ihrer unerwarteten NĂ€he, wollte etwas erwidern, doch als ihre sanft saugenden Lippen eine feuchte WĂ€rme an seinen Nacken ausbreiteten, zerflossen alle rationalen Gedanken, die er noch gehabt haben mochte, in einer Welle wohliger Lust. Als er jedoch wenig spĂ€ter auch noch an seiner rechten Seite die feuchte WĂ€rme sanfter Lippen spĂŒrte, stockte ihm der Atem. Er musste wohl ziemlich seltsame GerĂ€usche fabriziert haben, denn die beiden kicherten erneut. Doch er hatte nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, sich darĂŒber Gedanken zu machen, denn nun öffneten die beiden Knopf fĂŒr Knopf sein Hemd und arbeiteten sich tiefer vor.

Anja musste wohl ĂŒber den Sitz geklettert sein, denn plötzlich war sie neben ihm, unter ihm, und kĂŒsste seinen Penis durch die gespannte Hose hindurch. Er war so erregt, dass es schmerzte. Mit einer raschen Bewegung öffnete er den GĂŒrtel seiner Hose. Frei! Der Schmerz ließ rasch nach, aber das Pochen blieb. War er jemals in seinem Leben so erregt gewesen? Und dann kĂŒsste sie seinen Schaft, arbeitete sich in sanftem Wechsel von Saugen und Blasen hoch zur Eichel, nahm ihn ganz in sich auf. Nun keuchte auch sie wieder, sich von seiner Erregung anstecken lassend. Wo war Camilla abgeblieben?

Die FahrertĂŒr öffnete sich, und Camilla begann ebenfalls, seinen Penis zu kĂŒssen. Die Lippen, die Zungen der beiden Frauen fanden sich am Ort seiner Lust. Ihn immer wieder neckend ansehend, gaben sich die beiden Frauen ihrer Lust hin, entfernten auch noch die letzten verbliebenen KleidungsstĂŒcke, um sich besser fĂŒhlen zu können, um sich noch nĂ€her zu sein. Camilla’s Fuß rutschte ab, und sie fiel lachend rĂŒcklings ins warme, nasse Gras. Anja folgte ihr, bedeckte ihren Körper mit KĂŒssen, befĂŒhlte ihren Körper mit ihrer Lust. Sah zu ihm zurĂŒck. Nimm mich, schien ihr Blick zu bedeuten, nimm uns. Und er wollte sie, Gott wusste, er wollte sie. Doch er ließ sich Zeit, wohl wissend, dass die beiden in ihrem Verlangen mittlerweile beinahe wahnsinnig werden mussten.

Camilla öffnete sich ihm wie im Rausch, schien in einer Art Trance versunken zu sein, zuckte unkontrolliert, wenn Anja ihrem Körper weitere Quellen der Lust öffnete. Er bewegte sich kaum in ihr, genoss das GefĂŒhl, in ihr zu schweben, und jenes, mit Anja auf eine Weise verbunden zu sein, die jener Verbundenheit am Ende ĂŒberlegen war, wohl immer ĂŒberlegen sein musste. Es waren am Ende doch nur Körper
 Als Camilla kam, kam sie still, fast unmerklich. Ihr Körper war zu lange aufs Höchste erregt gewesen, um noch eine merkliche Steigerung zu erreichen. Als er seinen Penis aus ihr herauszog, zuckte sie noch einige Momente weiter, keuchend. Anja lĂ€chelte ihn an, wissend, dass er sich das Beste fĂŒr sie aufgehoben hatte. Sanft liebkoste sie mit ihren Lippen Camilla’s BrĂŒste, die ihrerseits mit ihren HĂ€nden die ihren knetete. Mit jeder Bewegung der anderen Frau und jeder Zuckung krĂŒmmte sich ihr Becken weiter nach oben, ihm entgegen. Ihn erwartend. Einen Moment lang hielt sie inne, sah ihn ĂŒber die Schulter hinweg an, lĂ€chelte. Ich liebe dich, stand in ihrem Gesicht geschrieben, und er wusste, dass er auch er sie liebte wie kaum etwas auf dieser Welt.

Es war warm in ihr, und feucht, und begehrend, aber da war mehr zu finden in der Tiefe dieses Menschen. Da war Heimat. Da war ein Sich-Gehen-Lassen, eine Möglichkeit, voll und ganz einfach nur zu sein. Waren Momente vergangen? Minuten? Plötzlich zuckte ihr Körper, und sein Körper, oder der ihre, oder etwas noch weit Tieferes, bewegte sich erneut. FĂŒr einen Moment fĂŒhlte er, wie alle Konzepte von ihm, ihr, der immer noch regungslosen Frau neben ihnen und allem anderen zu verwischen begannen, um eins zu werden, untrennbar verbunden. Doch nur fĂŒr einen Moment. Dann fĂŒhlte er sich wieder in seinen Körper zurĂŒckversetzt, fĂŒhlte den ihren, der ihn nun unaufhaltsam auf den Höhepunkt zutrieb, ihn umfassend, alles an ihm umfassend. Immer noch entfernt mit der ganzen Welt verbunden, fĂŒhlte er ihr Erzittern wie ein Erdbeben, sein Kommen wie die Eruption eines Vulkans. Dann erschlafften ihre Körper, und sie fielen erschöpft nebeneinander ins feuchte Gras. Unser Körper ist nicht dafĂŒr geschaffen, so etwas auf Dauer zu fĂŒhlen, dachte er mit einer gewissen Traurigkeit. Aber immer wieder, schien ihr verklĂ€rter Blick ihm sagen zu wollen. Aber immer wieder. Und er wusste, dass sie Recht hatte.

Er sah zĂ€rtlich zu Camilla, die vor Erschöpfung wohl bereits eingeschlafen war und leise schnarchte, und dann zu Anja, die sich erschöpft in seinen Arm geschmiegt hatte: „Bringen wir sie nach Hause. Und dann uns.“

„Ich bin schon zuhause“, flĂŒsterte sie, mit einem Ernst in der Stimme, der ihn tiefer berĂŒhrte als alles, was ihre Körper gerade vollbracht und erschaffen hatten.

War es genug? WĂŒrde es genug sein? WĂŒrde es reichen, was sie in all den Jahren an Erfahrung angesammelt hatte, an SensibilitĂ€t, die ihr eine seltene ZĂ€rtlichkeit verlieh? Und vor allem: fĂŒr wie lange wĂŒrde es reichen? Wie lange wĂŒrde es dauern, bis er herausgefunden hatte, wie es in ihrem Inneren aussah, wie lange, bis er sie durchschaut hatte, ihr auf den Grund gegangen war, mit der GrĂŒndlichkeit seines ruhigen Blickes? Und was dann? WĂŒrde er nicht, erschrocken von dem, was er in ihr vorfinden wĂŒrde, zurĂŒckschrecken, wie auch er es getan hatte, als die TĂŒr, die sie noch getrennt hatte, sich langsam öffnete? Da war diese Angst in ihr, die ihr Herz zum Rasen bringen vermochte, und nur durch Ă€ußerste Anstrengungen war es ihr möglich, Ruhe zu bewahren. Es war nicht gut, wenn er ihre Anspannung bemerkte. Es war noch nicht Zeit. Noch ein wenig genießen. Die Wahrheit war ein hohes Gut. Aber im Krieg und in der Liebe war alles erlaubt. Hoffentlich.

Irgendwo an einem See hatten sie Rast gemacht. Hatten geplaudert. Über Sternschnuppen, Gott und die Welt im Allgemeinen. Weitergeredet, wĂ€hrend sie ihr Nachtlager aufschlugen. Er wollte sie, ihre Leere, ihre Tiefe, suchte sie im Dunkel der Nacht. Aber was, wenn er fĂ€nde, wenn er aufdeckte, was verborgen bleiben musste? Doch ihn abzuweisen hĂ€tte Fragen aufgeworfen, Fragen, deren Antworten sie schuldig bleiben musste. Ihm ihren Körper eröffnend, verschloss sie ihm ihr Innerstes. Sie fĂŒhlte sich seltsam fern, als wĂŒrde es nicht ihr Körper sein, der sich auf den seinen senkte. Rasch war es vorbei. Es war zu dunkel, es genau zu erkennen, aber ihr war, als glitzerte eine TrĂ€ne in seinen Augen. Hatte er nicht gefunden, was er in ihr suchte? Hatte sie nicht gegeben, was von einer Frau zu erwarten war? Was vermeinte er zu suchen, in ihr zu finden, als Leere?

Von ihm ablassend, starrte sie in den Nachthimmel. Wie lange noch wĂŒrde sie ihm ausweichen können? Wie lange noch das Spiel weiterspielen, dass man „Liebe“ zu nennen pflegte? Wie lange noch, bis er tief genug in sie eingedrungen war, um zu sehen, was das Dunkel der Nacht gnĂ€dig verdeckte? Er hatte sich weggedreht, atmete langsam. Vielleicht schlief er bereits. ZĂ€rtlich streichelte sie seine Schulter. Wusste er, was sie zu geben vermochte? Wusste er, warum die TĂŒr zu ihrem innersten Innern ihm verschlossen bleiben wĂŒrde, verschlossen bleiben musste? Ein Zucken durchzog ihre Hand, ging durch ihren Oberarm und ihre Schulter, ihren ganzen Körper. Er war wach. Drehte sich zu ihr um, sah sie an. Und sah. Wusste wohl wenig von den GrĂŒnden, aber er erkannte ihre Ängste. War in ihr, tief in ihr, an dem Ort, der anderen zu ihrem eigenen Schutz verboten war. Und blieb. Floh nicht. Sah sich neugierig um, teils bewundernd, teils verwundert.

Es war ĂŒberflĂŒssig, etwas erklĂ€ren zu wollen – und doch tat sie es. ErzĂ€hlte ihm eine Geschichte. Vom Bau dieser heiligen Hallen, von den Blumen, mit denen sie sie geschmĂŒckt hatte, und von den Frevlern, die sie verwĂŒstet hatten. Von der Entscheidung, die Ruinen vor den GrabrĂ€ubern zu beschĂŒtzen, indem sie von allen Landkarten gelöscht wurden. Und der Angst, ohne diesen Prachtbau nur noch wenig zu gelten.

„Was ist diese Ruine hier wohl noch wert?“, meinte sie zu ihm.
„Was wĂŒrdest du schĂ€tzen?“, fragte er zurĂŒck.
„Schau dich mal um! Nur noch halb zerfallene Steine, alles lĂ€ngst ĂŒberwachsen.“
„Aber was wĂŒrdest du schĂ€tzen? Was ist es noch wert? Was bist du noch wert?“
Etwas an seinem Tonfall sagte ihr, dass er es nicht abwertend meinte. Trotzdem fĂŒhlte sie sich verletzt.
„Naja, die Landschaft ist ganz schön hier
“
„Und?“
„Man könnte aus den ganzen Steinen vielleicht etwas Schönes bauen.“
„Was wĂŒrdest du also schĂ€tzen, dass das Ganze hier wert ist?“
„Naja, das kommt darauf an, was man eben daraus macht.“

Etwas ließ sie aus ihrer inneren Welt erwachen, und sie sah in seinen Augen, dass sie nicht getrĂ€umt hatte. Er war mit ihr an jenem Ort gewesen, der allen verboten war. Und hatte ihr einen SchlĂŒssel geschenkt. Was war sie wohl wert? Was man eben daraus machte. Sinnlos, sich verstecken zu wollen. Die wunderschöne Landschaft in ihr selbst eröffnete ihr tausendfache Möglichkeiten. WĂŒrde jemand bei ihr bleiben wollen, wenn er erst in ihr Innerstes vorgedrungen war? WĂŒrde dieser Jemand bleiben wollen? Es, sie wertschĂ€tzen können? Am Ende wĂŒrde es egal sein. Es war ihre Heimat, musste ihr gefallen und niemand anderem. Weder ihren Eltern noch ihren Freunden noch ihren Liebhabern. Derzeit sah es noch etwas heruntergekommen aus. VernachlĂ€ssigt. Aber das wĂŒrde sich nun Ă€ndern.

Aber wĂŒrde er nicht das Recht fĂŒr sich beanspruchen, mitgestalten zu können, wie all die anderen MĂ€nner in ihrem Leben? Ich werde hier nur Gast sein, las sie beruhigt in seinem Blick. Ihr Leben lang hatten andere an ihren HeiligtĂŒmern gezerrt, gerĂŒttelt, Tribut gefordert oder sonstwelche Forderungen gestellt. Bis alles in sich zusammengebrochen war. Das Heiligtum. Alles, was heilig, wertvoll erschien. Nun waren sie abgezogen, um an anderem Heiligen zu rĂŒtteln. Es werde heil, sprach sie, ĂŒberrascht ĂŒber die AutoritĂ€t in ihrer Stimme. Hier war ihr wahres Zuhause, das es wiederaufzubauen galt. Wieder zu heilen. Wieder zu heiligen. Die Jahre der Verbannung waren vorbei. Dieses Mal wĂŒrde sie die Grenzen zu wahren wissen.

Sei mir willkommen, lud sie ihn nun ein, erfreut ĂŒber sein Dasein. Sei mein Gast.

So fĂŒhlte es sich also an. Er wendete den Kopf nach links und schenkte dem Schlagzeuger ein LĂ€cheln, der mit der Base-Drum durchgegangen war und das Schlagzeug nur dadurch vom Umkippen hatte retten können, indem er mitten im Song aufsprang und das fallende Equipment festhielt. Einige verwirrte Gesichter im Publikum, dann schallendes GelĂ€chter, als der Schlagzeuger einige Schritte nach vorne gegangen war und sich vor dem tobenden Publikum verbeugt hatte. Ein Ausrutscher, nur menschlich. Und doch, auf dieser BĂŒhne, in diesen grellen Lichtern, waren sie fern von menschlich, waren Über-Menschen. Götter. Ein jeder Fehler wurde zur Kunst, sobald man nur auf genĂŒgend großen BĂŒhnen spielte.

In einem Anflug von TollkĂŒhnheit schlich er sich von hinten an den sich immer noch frenetisch verbeugenden Schlagzeuger an und gab dem Nichtsahnenden einen Schubs, der ihn ins Publikum stĂŒrzen ließ, das ihn johlend auf ihren HĂ€nden weitertrug, bis er wieder die BĂŒhne erreichte. „Wo waren wir?“, rief er ins Mikrophon, gefolgt vom klickenden GerĂ€usch des einzĂ€hlenden Schlagzeugers. SpĂ€t wurde ihm bewusst, dass er in all dem Jux den Text vergessen hatte, doch das Publikum schien es nicht weiter zu stören. „Instrumentalversion!“ rief er ins Mikrophon, doch die Fans grölten den Text ohnehin mit, feierten sich selbst. So fĂŒhlte es sich also an, auf diesen großen BĂŒhnen zu stehen, angehimmelt, unfehlbar, beinahe gottgleich.

Jahrelang hatten sie auf diesen Moment hingearbeitet, diese paar Minuten an Ruhm, fĂŒr die sie Jahre geopfert hatten, Jahre in feuchtkalten Kellern, mit viel zu lauten VerstĂ€rkern, viel zu verrauchten kleinen Bars und viel zu wenigen Fans, die sich fĂŒr sie interessierten. „Geht arbeiten!“, hatten die Familien gezetert, im Falle des Schlagzeugers auch seine Frau und seine kleine Tochter. Ex-Frau, erinnerte er sich, denn als der große Durchbruch kam, hatten die Bandmitglieder zwar Geld gehabt, aber noch weniger Zeit als je zuvor. Auftritte waren zu lukrieren, VertrĂ€ge auszuhandeln und Alben aufzunehmen. Irgendwann war sie einfach weg gewesen, wann, das wusste niemand so genau, weil sie viel zu sehr mit ihrer Tour beschĂ€ftigt gewesen waren. Frauen gab es jedoch ohnehin wie Sand am Meer in dieser Welt der gleißenden Lichter, ein endloser Strom an Körpern, die auf dem Heimweg in dunklen Hinterzimmern lauerten.

Und nun wurde ihm bewusst, dass es möglicherweise kein ZurĂŒck mehr gab aus all diesem Zirkus, dass alles, was er fortan tun oder unterlassen wĂŒrde, von Tausenden Menschen weltweit ĂŒber soziale Netzwerke geteilt und analysiert werden wĂŒrde, bis sie aus jedem hirnverbrannten Kommentar die mystische Weisheit eines Propheten gemacht hatten. Er deutete der Band, weiterzuspielen, gab der Security einen Wink, sich keine Sorgen zu machen, und holte eine hĂŒbsche Frau auf die BĂŒhne, die – von den gleißenden Lichtern und der Welle der Anbetung, die ihr aus dem Publikum als der von der Band erwĂ€hlten entgegenschwappte – völlig ĂŒberwĂ€ltigt in seine Arme sank. Er konnte einfach alles mit diesen Menschen tun. Alles. Vermutlich hĂ€tten die Fans selbst eine Vergewaltigung hier auf der BĂŒhne irgendwie als große Kunst interpretiert. FĂŒr einen Moment spielte er tatsĂ€chlich mit dem Gedanken. Doch wofĂŒr? Sie wĂŒrde sich ihm auch ohne Gewalt hingeben. SpĂ€ter, in den dunklen Hinterzimmern, backstage. Ein weiterer Körper ohne Gesicht, im Nebel der Zeit.

Die Erkenntnis ließ ihm einen kalten Schauer ĂŒber den RĂŒcken laufen. Es widerte ihn plötzlich an, diese Anbetung, die ihnen zuteilwurde, diese großen Augen, die in allem, was er sagte oder tat, eine Offenbarung vermuteten. All die Frauen in all den Hinterzimmern, all die ermĂŒdenden Touren mit dem Band-Bus. Er fĂŒhlte sich nur noch mĂŒde, wollte schlafen und nicht mehr aufwachen. Die Frau, die er auf die BĂŒhne geholt hatte, hatte sich etwas erholt und sah ihn erwartungsvoll an. Was wollte er von ihr? Was hatte er von all den anderen Frauen gewollt? Was war all der Ruhm, all die Anbetung am Ende des Tages wert? Er stieß die Frau zurĂŒck in die wogenden Massen der anbetungsvollen Gesichter.

„FĂŒhlt ihr euch wirklich so leer, dass ihr in mir euren Gott sehen wollt?“, schrie er ins Mikrophon.
Die Band setzte spontan ein, Feuerzeuge wurden gezuckt, HĂ€nde ergriffen, und allgemeines Schunkeln setzte ein. Sie hielten es wohl fĂŒr den Anfang einer neuen Ballade.
Auch eine Antwort, dachte er fassungslos.

#44 AllmÀchtig als .pdf downloaden

Wie viele Jahre hatte sie unter dem Joch der MĂ€nner gelitten, hatte dem einen nachgeweint und war doch kurz darauf dem nĂ€chsten in die offenen Arme gelaufen. Die Geschichte lief am Ende ja doch immer gleich ab: er machte ihr schöne Augen, sie zierte sich eine Weile, um ihn zappeln zu lassen, und irgendwann ließ sie ihn doch ran. Manchmal dauerte es Monate, Jahre, manchmal nur eine Nacht, aber irgendwann kam dann doch wieder dieser Augenblick. Der, in dem der Schleier der geistigen Umnachtung sich lĂŒftete und sie wieder diesen leeren Augen gegenĂŒbersaß, die ihr nichts mehr zu sagen hatten, die ihr wohl nie etwas zu sagen gehabt hatten. Aber wer belog sich nicht so manches Mal gerne selbst? Wie sonst wollte man in dieser kalten Welt noch ein StĂŒck WĂ€rme finden?

Mit der Zeit war sie besser in diesem ewigen Spiel geworden. Jedes Mal, wenn sie in diese leeren Augen starrte und wusste, dass es wieder einmal an der Zeit war, sich andere, ebenso leere Augen zu suchen, hatte sie weniger TrĂ€nen vergossen. Und nun, mit ihren knapp ĂŒber zwanzig Jahren, war sie erwachsen genug, sich keinen Illusionen mehr hinzugeben. Sie hatte es auf die liebenswĂŒrdige Art versucht, auf der harten Tour und all den Nuancen dazwischen, und doch starrten ihr am Ende immer die gleichen Augen entgegen. Sie hatte gelernt, ihnen nicht mehr in diese Augen zu sehen, hatte gelernt, all die kindischen TrĂ€ume von Liebe und Zuneigung als MĂ€rchen zu durchschauen. Mit den Jahren war sie immer unempfindlicher geworden, bis sie eines Tages erkannte, dass sie kaum mehr etwas spĂŒren konnte, dass sie kaum mehr etwas berĂŒhren konnte. Die TrĂ€nen, die vergossen heute die anderen.

Sie war dem Lauf der Zeit und den TrĂ€umen ihrer Ahnen gefolgt, die einst zu trĂ€umen wagten, dass eine Frau eines Tages wĂ€hlen durfte, nicht nur ihre Partner, eine Partei oder einen Beruf, sondern auch, welche Art von Leben sie leben wollte. Sie hatte die Freiheit ausgekostet wie einen köstlichen Wein, ohne zu merken oder ohne sich darum zu kĂŒmmern, wie benebelt sie sich zunehmend fĂŒhlte. Und wĂ€hrend MĂ€nner, deren Namen sie sich kaum mehr merken konnte, an ihr vorbeirauschten, stĂŒrzte sie sich in das einzige, was sie noch von ihrer inneren Leere ablenken konnte: das Neue. Sie stĂŒrzte sich in das nĂ€chste Abenteuer, in die Arme des nĂ€chsten Mannes, der nĂ€chsten Frau, denn auch dies bedeutete eine neue Erfahrung.

Einst hatte sie ihre Familie aufgrund ihrer Engstirnigkeit verhöhnt, nun mied sie von vornherein die Gesellschaft der Menschen, die sie durch ihr Leben daran erinnerten, dass es so etwas wie BestĂ€ndigkeit und echte Verbundenheit doch geben mochte. Sie war eine freie Frau des 21. Jahrhunderts, eine der ersten echten WeltbĂŒrgerinnen, und stolz darauf, ĂŒberall und nirgends zuhause zu sein. Sie war einem jeden auf Anhieb sympathisch, und nicht selten weinten ihr einige MĂ€nner einige TrĂ€nen nach, doch dabei und gelegentlichen VergnĂŒgungen blieb es. Als WeltbĂŒrgerin hatte sie weder die Zeit noch das Interesse, sich noch an irgendetwas oder irgendjemanden zu binden.

Nur manchmal, in den seltenen Momenten, in denen ihr zu Bewusstsein kam, wie stolz sie einst gewesen war, als sie mit dem Rauchen aufgehört hatte, oder mit wie viel Herzblut sie ihre Freunde abgehalten hatte, tiefer in den Drogensumpf zu versinken, regte sich irgendwo tief in ihr ein leises Unbehagen. Doch als eine freie, unabhĂ€ngige WeltbĂŒrgerin des 21. Jahrhunderts wusste sie natĂŒrlich, wie damit umzugehen war. Und fĂŒr ein paar Stunden leuchteten in ihren Augen wieder der trĂŒgerische Schatten der Hoffnung, die einst in ihnen gelodert hatte. Bis endlich die Leere in sie zurĂŒckkehrte, die es ihr seit Monaten unmöglich machte, sich selbst im Spiegel zu betrachten.

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