Es war noch frĂŒhmorgens, vielleicht kurz vor sieben, als er den Bahnhof betrat. Die Reise ging nach Wien, eine Strecke auf mehrere Stunden, und so hatte er sich entsprechend langwierige LektĂŒre eingepackt. Nach einer kulinarischen StĂ€rkung packte er jene aus und setzte sich gemĂŒtlich im Schneidersitz auf den Bahnsteig, um zu lesen.
Vertieft in das Buch, fĂŒhlte er sich nicht angesprochen, als eine Stimme ihn anrief. Erst als diese drĂ€ngender zu werden schien, sah er auf und fand sich einem der Security-Mitarbeiter des Bahnhofes gegenĂŒber.
„Sie sitzen hier auf dem Boden“, meinte dieser.
Da er nicht wusste, was er sinnvollerweise auf diese Feststellung des Offensichtlichen antworten hÀtten sollen, schwieg er in Erwartung weiterer ErklÀrungen.
„Dort drĂŒben auf den BĂ€nken sind noch SitzplĂ€tze frei“, fuhr der Beamte fort.
Die Richtigkeit der Behauptung anerkennend, wartete er weiter darauf, was nun kommen wĂŒrde.
„Bitte setzen Sie sich auf eine der SitzbĂ€nke!“, meinte der Mitarbeiter nun.
Als er einwenden wollte, dass er schlicht gern auf dem Boden saß, weil er es fĂŒr gemĂŒtlicher hielt, nĂ€herte sich der Security-Mitarbeiter, bis er in FlĂŒster-Reichweite war.
„Manche der GĂ€ste hier fĂŒhlen sich dadurch gestört, wenn Sie hier am Boden sitzen.“
„Warum das denn?“, gab er verwirrt zurĂŒck.
„Nun, man könnte meinen, Sie wĂ€ren.. man könnte Sie fĂŒr einen.. Menschen ohne festen Wohnsitz halten.“
„Weil ich mich nicht auf eine der SitzbĂ€nke setze?“
„Weil Sie sich nicht auf eine der SitzbĂ€nke setzen.“
Noch zu mĂŒde, sich auf eine lĂ€ngere Diskussion einzulassen, stand er eben auf und setzte sich auf eine der metallenen SitzbĂ€nke, die sich auch tatsĂ€chlich als so ungemĂŒtlich herausstellten, wie sie ausgesehen hatten. Erst versuchte er, sich von dem kurzen GeplĂ€nkel nicht irritieren zu lassen und einfach weiterzulesen, aber ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los, wurde zu einer Serie, einer Flut von Gedanken.
So weit sind wir also bereits gekommen, dachte er. Ich kann verstehen, wenn sich Menschen von offensichtlich betrunkenen, pöbelnden Menschen gestört fĂŒhlen, die sich entsprechend asozial verhalten, und dass es Aufgabe der Beamten sein kann, andere vor diesen zu schĂŒtzen. Aber auf welche Weise kann ich jemanden stören, wenn ich auf dem Boden sitze und mein Buch lese? Weder sitze ich jemandem im Weg, noch zeige ich sonst eine Verhaltensweise, die andere aktiv stören könnte. Was bedeutet, dass ich gerade durch meine bloße Anwesenheit, durch meine bloße Existenz an diesem Bahnhof, einem öffentlichen Ort, zum Störfaktor geworden bin. Weil jemand aus meinem Verhalten geschlossen hat, dass ich einer bestimmten Gruppe von Menschen angehören könnte.
Er sah von seinem Buch auf, sah sich um an diesem Bahnhof, diesem öffentlichen Ort. Sah sich die Menschen, die sich an diesem öffentlichen Ort bewegen, aufmerksamer an als bisher. TatsĂ€chlich funktionierte die Normierung des erwĂŒnschten Verhaltens hier offenbar ganz vorzĂŒglich. Obdachlose waren hier keine zu finden, und nun fiel ihm erst auf, wie offensichtlich es zu sein schien, dass niemand der hier Anwesenden Obdachlosen oder einer der anderen „unerwĂŒnschten“ Randgruppen zuzuordnen war. Etwas.. fehlte hier, und nach einer Weile fiel es ihm auch wie Schuppen von den Augen, was dieses Etwas war: Graustufen. Es gab hier kaum mehr ZwischenrĂ€ume, kaum mehr Raum fĂŒr legale und damit geduldete Andersartigkeit.
Der Zug traf ein. PĂŒnktlich auf die Minute. FĂŒr einen Moment spielte er mit dem Gedanken, auf dem Bahnsteig zu bleiben, den Zug fahren zu lassen, und auf den nĂ€chsten zu warten. Einfach, um den Sicherheits-Beamten zu verunsichern. Es hĂ€tte bedeutet, seinen Termin in Wien zu verpassen, deswegen entschied er sich schlussendlich doch dagegen. Und doch.. fĂŒhlte er es nun wieder, das Potential der ZwischenrĂ€ume, das sich aus den winzigen Entscheidungen des Alltages speiste, den winzigen FreirĂ€umen, die, wohl genutzt, zu einem Fluss, einer unbĂ€ndigen Flut der Freiheit werden konnte. Genau dort, an den Rinnsalen, den ursprĂŒnglichsten ZuflĂŒssen, war die Gefahr am grĂ¶ĂŸten, die Macht der individuellen Entscheidung zu verlieren – schienen diese Entscheidungen fĂŒr sich doch so klein und irrelevant

So fÀngt es an, aufzuhören, dachte er, im Kleinen. Und so beginnt es von neuem, wenn wir den Mut dazu haben, uns die ZwischenrÀume zu erschaffen, die vorher nicht sichtbar waren. Indem wir den bekannten Raum ausdehnen und den so geschaffenen, noch nicht definierten Raum einnehmen.
Zwischen RĂ€umen verdankt sich unsere Freiheit.
Das erste, was er im Zug tat, war, sich seiner Schuhe zu entledigen. Weil es gemĂŒtlicher war. Aber auch als ganz bewusstes, gewissermaßen politisches Statement.

„Funktioniert der noch?“, fragte der erste Fahrgast, auf den Anker deutend, „Mir scheint, es fehlt ihm ein wenig an Halt!“
Der KapitĂ€n lĂ€chelte schweigend. Durch viele StĂŒrme hatte ihn jener Anker sicher gefĂŒhrt, hatte ihn gehalten, wenn die Wellenberge drohend auf das Schiff zurasten.
„TatsĂ€chlich!“, meinte nun ein weiterer Fahrgast, „KapitĂ€n! Da haben sich Algen angesetzt. Oder Seetang! GrĂŒnes Zeug eben! Igitt! So glitschig, wie das ist, rutscht der doch sicher ab!“
Er seufzte. „Nun lassen Sie die Beschaffenheit meines Ankers doch bitte meine Sorge sein.“
„NatĂŒrlich, KapitĂ€n. Wir wollten uns nur nĂŒtzlich machen.“

Schweigend steuerte er das Boot durch die ruhige See, in Gedanken versunken. Was wussten diese Menschen schon von dem Singen, das die Luft erfĂŒllte, wenn er an der alten Kurbel hantierte? Von den Geschichten, die in jenem ‚grĂŒnen Zeugs‘ zu entdecken waren? Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinen GĂ€sten vorzufĂŒhren, was sie verkannt hatten, beinahe drĂ€ngte es ihn – doch im Grunde wusste er, dass sie unfĂ€hig sein wĂŒrden, das Wunder wahrzunehmen. Der Anker sang nicht auf Befehl, und die Wunder, die er aus den Tiefen des Ozeans an die OberflĂ€che brachte, waren nicht allen als solche ersichtlich. Seine Magie war nur mit Geduld wahrzunehmen. Es war schade. Gerne hĂ€tte er ihnen den Zauber vorgefĂŒhrt.

Weiter drangen sie in ihn, doch am nĂ€chsten Hafen anzuhalten und sich einen funktionierenden Ersatz zu besorgen, und je mehr sie in ihn drangen, je mehr sie ihm ihre Argumente auseinandersetzten, desto verunsicherter wurde er. Was, wenn sie nun doch Recht hatten? Schließlich ließ er sich doch hinreißen und versuchte, an der Kurbel zu drehen, doch der erhoffte Gesang blieb aus. Mit ohrenbetĂ€ubendem Quietschen sank der Anker in die Tiefe, schien aber keinen Grund zu finden, denn das Boot stieß weiter ungehindert durchs Wasser.
„Was haben wir gesagt?“, meinte der erste Fahrgast ĂŒberlegen.
„Es ist doch nur zu Ihrem Besten, KapitĂ€n. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp an Land, tauschen das alte Teil fĂŒr ein Funktionierendes, und sind sofort wieder in See. Das tut niemandem weh und hilft allen.“
Was, wenn sie Recht haben, dachte der KapitĂ€n verunsichert. Was, wenn ich uns alle in Gefahr bringe mit meiner Sturheit? Es war schon seltsam. Noch nie hatte er sich auf See gefĂŒrchtet, seit er den neuen Anker montiert hatte, und nun…

Er fixierte das Steuerruder; fĂŒr die nĂ€chsten zwei Stunden konnte er Aufmerksamkeit erĂŒbrigen, nichts lag vor dem Boot als offene, glatte See. WĂ€hrend die FahrgĂ€ste weiter aufgebracht ĂŒber die richtige Funktionsweise eines guten Ankers diskutierten, ging er zurĂŒck, um mit dem bisher so verlĂ€sslichen StĂŒck alleine zu sein. Warum muss ich mich von dir trennen?, fragte er sich traurig, und TrĂ€nen stiegen ihm ins wettergegerbte Gesicht. Er liebte diesen Anker, der ihm Halt schenkte, wo Halt notwendig war, und Bewegungsfreiheit, wo er ManeuvrierfĂ€higkeit brauchte. Der ihm sang, wenn er sich einsam fĂŒhlte auf hoher See, sang von den tiefsten Tiefen der Ozeane, die er mit seinem Boot durchkreuzte, der ihm bisweilen Souveniers aus jenen Tiefen an die OberflĂ€che brachte.

Plötzlich drĂ€ngte sich ihm ein mentales Bild auf, durch all seine Sorgen und Ängste hindurch: einer der FahrgĂ€ste, wie er den‘ Seetang‘, mit dem er sich beim BerĂŒhren des Ankers ‚befleckt‘ hatte, angeekelt an der Reling abzuwischen versuchte. Sie sind nicht wie wir, ĂŒberwĂ€ltigte ihn heiß die Erkenntnis, sie wollen nur sicher ĂŒber den Ozean kommen. Sie wollen nicht sehen, was unter der OberflĂ€che zu finden ist, sie wollen nicht hören, wovon du singst. Aber ich will es, muss es! Und wenn du keinen Grund mehr findest, an den du uns binden kannst, weil du in Tiefen vorstĂ¶ĂŸt, die niemand vor dir errungen hat – bleib bei mir! Die wichtigste Verbindung ist mir nicht die an einen sicheren Grund, sondern jene zwischen uns! Bleib! Wir werden sie sicher in den Hafen bringen, unsere GĂ€ste, wo sie ihren Freunden Karten schreiben von ihren ‘Abenteuern’ auf See. Dann werde ich dich auswerfen, und du wirst fĂŒr mich singen, von all dem, was kaum ein Menschen Auge wagt zu erblicken, und ich werde an dir festhalten, auf dass du furchtlos tiefer vorstoßen kannst, wissend um meinen Halt wie ich um den deinen. Wir werden uns halten, durch StĂŒrme wie durch ruhige See, und unsere FahrgĂ€ste werden schimpfen und lachen ĂŒber uns, aber das wird uns egal sein, denn sie sind nicht wie wir, sie können nicht verstehen, oder vielleicht wollen sie, trauen sie sich auch nicht. Mein Anker, mein zauberhafter Anker, ich bleibe dir verbunden!

Und mit einem Male ertönte ein leises Summen, beinahe ein Ton, wie aus den tiefsten Tiefen der Ozeane, entfernt. Seine FahrgĂ€ste schienen nichts gehört zu haben, sie fachsimpelten eifrig weiter ĂŒber Funktionsweisen verschiedenster Teile eines Bootes. Sich erinnernd an frĂŒhere Fahrten begann er zu pfeifen, zu singen, zu frohlocken, und der Ton aus der Tiefe begleitete ihn, ließ ihn nicht mehr los. Wie schön, dich wieder um mich zu haben, dachte er beglĂŒckt, und all die Angst und die Zweifel fielen von ihm fort, wie sie es immer getan hatten und wohl auch immer tun wĂŒrden.

Ich habe deine Meinung angehört.
Ich habe deine BĂŒcher gelesen.
Dann habe ich darĂŒber nachgedacht.

Ich habe mich an neuen Erkenntnissen erfreut.
Ich habe ĂŒber alte Wahrheiten gelĂ€chelt.
Dann habe ich Ehrfurcht erfahren
Vor der Anmut und Unendlichkeit des Lebens.

Doch deinen Glauben anzunehmen
DafĂŒr erschien es mir noch zu frĂŒh
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe deinen Körper berĂŒhrt.
Ich habe die SĂŒĂŸe deiner Lippen gekostet
Dann war ich voller GlĂŒck.

Ich habe deine Formen nachvollzogen.
Ich habe deinen Splitter des ImmerwÀhrenden erkannt.
Meine Seele dehnte sich, bis sie auf die deine traf
Und fĂŒr einen Moment waren wir zuhause

Doch deine Angst und Heilmittel anzunehmen
Ward mir in meiner Seele verboten
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch

 

Ich bin stundenlang durchs nasse Gras gelaufen.
Ich habe zwei Tage im Bett verbracht.
Dann habe ich mich wieder gespĂŒrt.

Ich habe mich an deinem LĂ€cheln erfreut
Ich habe das GlĂŒck der Welt in HĂ€nden gehalten
Es umgedreht, und sodann, beschwert vom UnglĂŒck
War fĂŒr einen Moment ein stabiler Mittelpunkt zu finden

Doch zu verweilen an jenem Punkt der Stille
Mehr als einen Augenblick

Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe Jahre nach dir gesucht.
Ich habe dich jahrelang gefunden
Bis ich dich endlich erkennen konnte.

Ich habe mir so lange die Seele aus dem Leib gesungen
In der schallgeschĂŒtzten Kammer meines Körpers
Du hast ihm die wahrhaftigen Töne entlockt
Und sie mit den deinen veredelt.

Froh locken, laden wir nun also die Welt zum Fest der tanzenden Seelen.
VerĂ€ngstigt droht sie uns mit dem UnglĂŒck, das man gegen uns fĂŒhren könnte.

Doch so sehr sie sich mĂŒhen, die HĂŒllen zu verletzen
Das Wahre kommt nur umso rascher ans Licht
Wir hoffen, sie können verzeihen –
Wir leben noch

 

Und wenn der Tag kommen wird
An dem die Endlichkeit in mein Leben tritt
Werde ich ihr gegenĂŒbertreten können.

Sie wird mit mir sprechen wollen.
Sagen, Aus! Nun ist es zu Ende!
Fragen, Hast du denn wahrhaftig gelebt?

Dann werden wir ihr sagen können: Ja!
Wir haben das Unverzeihliche gewagt:
Wir haben wahrhaftig gelebt.

Ist ja zum GlĂŒck nix passiert.
Den Satz hatte sie schon öfter gehört seit jener Nacht. NatĂŒrlich, es hĂ€tte noch schlimmer kommen können. Er hĂ€tte auch nicht mehr von ihr ablassen können. HĂ€tte eine Waffe mithaben können. HĂ€tte schneller als sie sein können, als sie rannte. So hatte er sich mit dem MP3-Player zufriedengegeben, dem sie ihm in der ersten Schrecksekunde ins Gesicht geworfen hatte, und war geflĂŒchtet. Hatte dann wohl doch Angst bekommen, dass jemand eingreifen wĂŒrde. Oder hatte ihren Freund gesehen, der von der anderen Seite des Sees gerannt kam. GlĂŒck im UnglĂŒck gehabt, wie man so schön sagte. War ja nix passiert.

Wenigen hatte sie erzĂ€hlt, dass sie seitdem nachts oft nicht mehr schlafen konnte. Dass sie Fremden nun grundsĂ€tzlich misstrauisch gegenĂŒberstand, dass sie allem Fremden ein gewisses Misstrauen entgegenbrachte. Nachts traute sie sich kaum mehr alleine vor die TĂŒr. Überall konnte er lauern, der Fremde, der doch nur wie ein harmloser Jogger wie viele andere ausgesehen hatte, bis er sie von hinten anfiel und sie zu Boden riss, der böse Wolf im Schafsfell. Nein, ihr Körper hatte keinen nennenswerten Schaden davongetragen – wohl aber ihr Vertrauen in die Welt. Die Errungenschaften der Freiheit, ĂŒberallhin reisen zu können, ĂŒberall hingehen zu können, wichen Zynismus, wo die Angst hinzukam, ĂŒberall ohne Vorwarnung gepackt, ausgeraubt, verletzt, vergewaltigt oder sogar getötet zu werden. Es war ein stiller Terror, einer, der nur selten als Schlagzeile seinen Weg in die Zeitungen fand, weil er zu alltĂ€glich war, um noch Bedauern oder Schock zu erwecken, aber umso effektiver. Nach den AnschlĂ€gen von Paris gab es weltweite Reaktionen, was fĂŒr eine Sauerei es gewesen sei. Nach dem Anschlag auf ihr Grundvertrauen hatte die Welt nur Schulterklopfer fĂŒr sie ĂŒber gehabt.

Irgendwie bist du ja auch ein wenig selber schuld.
Sie hatte sich verwirrt gefĂŒhlt, vertrieben aus einer noch halbwegs heilen Welt, in der zwar vieles ungerecht, aber doch noch nicht alles aus den Fugen schien. Plötzlich war die Illusion einer gewaltfreien, liebevollen Welt mit Macht ĂŒber ihren Kopf zusammengebrochen, und ihr Menschenbild gleich mit. Wenn Menschen zu so etwas fĂ€hig waren
 wer war dann noch sicher? Und so hatte sie Schutz gesucht – bei Freunden, bei Verwandten, bei Fremden, aber die Antwort war stets Ă€hnlich wie wenig hilfreich: selber schuld, wenn du um die Zeit noch da rausgehst, wo dir doch schon gesagt wurde, wie gefĂ€hrlich es nachts dort ist. Na klar! Es war also kein grundsĂ€tzliches Problem, dass es da draußen Menschen gab, die andere, die ihnen nichts getan hatten, anfielen, ausraubten, vielleicht sogar vergewaltigten, sondern nur ein Problem, dass es Menschen gab, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Irgendwann hatte sie es eingesehen, dass es hier niemanden gab, der ihr glauben wollte, dass sie sich vielleicht doch zu Recht als Opfer fĂŒhlte, und noch spĂ€ter beinahe akzeptiert, dass sie wohl auch keines gewesen war. Wer so dumm war, um die Zeit an jenem Ort zu gehen, war auch echt selbst schuld, wenn ihm was passierte.

Was kann man schon machen

Und natĂŒrlich konnte man auch nichts machen. Der Mann war ins Dunkel der Nacht verschwunden, und ĂŒbrig blieb nur eine verzweifelte junge Frau, die nicht verstehen wollte, warum das eben zum Leben „dazugehörte“, wie man ihr zu erklĂ€ren suchte. Was wĂŒrde es schon Ă€ndern, wenn man den Mann fand und vor Gericht stellte?, wurde sie gefragt. Nun, es wĂŒrde der Welt zeigen, dass es gesellschaftlich unerwĂŒnscht ist, andere Menschen einfach so auszurauben und zu vergewaltigen, meinte sie. WĂŒrde vielleicht verhindern helfen, dass ich vom Ausnahmezustand zum Normalfall werde. Das ist Brasilien, meinten sie, nicht Europa. Genau deswegen, meinte sie. Genau aus diesem Grund.

Seit bald zwei Wochen bin ich nun wieder ohne eine feste BeschĂ€ftigung. Nach einigen Tagen, die ich gesundheitlich angeschlagen großteils in meinem Bett verbracht hatte, wurde es mir letzten Samstag zu blöd, mich auf meinen körperlichen Zustand herauszureden. Die KĂŒndigung war zu erwarten gewesen, und es war kein Grund, sich wegen so etwas tagelang gehen zu lassen. Es war vermutlich gut, auch diese Seite einmal auszuleben, aber es war kein vertretbarer Dauerzustand – also musste ich etwas Ă€ndern. Ich aktualisierte also meinen Lebenslauf, suchte nach eventuellen Anstellungsmöglichkeiten, bewarb mich bei manchen. Bis ich irgendwann feststellte, dass sich ein Problem dadurch eigentlich nur verlagerte.

Wer eine feste Anstellung hat, gewinnt damit nicht nur sein monatliches Gehalt, oder in manchen FĂ€llen das GefĂŒhl, etwas Sinnvolles zu tun. Er gewinnt, zumindest in vielen Anstellungen, auch einen legitimen Anlass, mit anderen Menschen zusammenzukommen, mit ihnen zu sprechen, mit ihnen zu interagieren. Einen Anlass, auf seinen Körper, seine ErnĂ€hrung zu achten (immerhin wird dieser Körper ja in der Arbeit gesehen). Einen Anlass, morgens aus dem Bett zu kommen und die Wohnung zu verlassen. Selbst wenn jemand noch so viel ĂŒber seine Arbeit schimpfen mag, eine jede Fixanstellung gibt neben vielen anderen Dingen auch ein ganzes Pack an Ritualen – und damit auch Sicherheit und auf eine gewisse Art und Weise auch Geborgenheit. Wenn ich um 9:00 an der Kassa vom Hofer stehen soll, dann weiß ich zumindest, dass ich dort gebraucht werde.

Den Tag in die Hand nehmen

Wenn ich dann großspurig jemanden erzĂ€hle, dass ich mir manchmal wĂŒnschte, ich könnte auf selbststĂ€ndiger Basis arbeiten, so stimmt das auch. Aber die Erfahrungen der letzten Tage zeigen mir auch, dass es, um ein solches Arbeiten ĂŒberhaupt zu ermöglichen, zuerst nötig ist, selbst fĂŒr einige Rituale zu sorgen, die Struktur in meinen Alltag bringen, selbst wenn es keine von außen vorgegebenen Strukturen gibt. Ohne diese Strukturen kann es leicht passieren, dass ich aus Mangel an Verpflichtungen in ein alles-egal-GefĂŒhl falle und meine Zeit mit relativ sinnfreien Dingen wie Computerspielen oder mit Keksen vollstopfen verplempere. Diejenigen, die es schaffen, selbststĂ€ndig zu arbeiten, dĂŒrften gut darin sei, sich selbst solche Strukturen zu schaffen, denn Arbeiten mĂŒssen sie ja trotzdem.

Also schrieb ich mir einen allgemeinen Tagesplan mit einer Routine fĂŒr jeden Tag, der sicherstellen soll, dass ich selbst ohne Aufgaben von außen am Abend eines jeden Tages das GefĂŒhl habe, etwas Sinnvolles aus diesem Tag gemacht zu haben. Dieser Tagesplan enthĂ€lt Aufgaben wie sportliche BetĂ€tigung, zumindest eine bewusst zubereitete Mahlzeit am Tag, etwas fĂŒr mich zu tun (Gitarre zu spielen, zu zeichnen, zu lesen, 
), meine Kontakte zu pflegen und etwas zu tun, das tatsĂ€chlich direkt oder indirekt fĂŒr ein Einkommen sorgen könnte. Den Geldaspekt vergessen Freigeister wie ich ganz gerne oder reden ihn klein, aber unter ein monatliches Minimum zu kommen, mit dem ich meine Miete oder mein Essen zahlen kann, stelle ich mir dann doch auf Dauer unlustig vor.

Am Tag darauf war meine ErkĂ€ltung auskuriert, und ich habe meinen Tagesplan zumindest diese Woche durchgehalten. Durch den vielen Sport und die bewusst zubereiteten Mahlzeiten war ich jeweils so gesĂ€ttigt, dass ich kaum mehr SĂŒĂŸigkeiten in mich hineinstopfen konnte oder wollte, und ganz allgemein fĂŒhle ich mich physisch wie psychisch viel fitter als vor einer Woche. Vielleicht brauche ich den Tagesplan in einem Monat gar nicht mehr, weil er mir ohnehin bereits zum Ritual geworden ist. Auf jeden Fall sorgt er dafĂŒr, dass ich mich auch ohne Anstellung gerade nicht unbedingt unwohl fĂŒhle, auch wenn ich mich dann doch ĂŒber einige Stunden in der Woche freuen wĂŒrde, in denen ich einer festen Anstellung nachgehen kann. Aber die Ausgangsbasis ist eine andere.

Ich sehe ein Licht

Vor einigen Tagen habe ich unlĂ€ngst gescherzt, ich sollte vielleicht eine Art von Schriftsteller werden, weil mir das Schreiben derart Freude bereitet. Gestern las ich dann beim FrĂŒhstĂŒck die oberösterreichischen Nachrichten und entdeckte, dass tatsĂ€chlich ein Text von mir (eine leicht abgeĂ€nderte, gekĂŒrzte Form dieses Artikels) ĂŒber den Leondiger Sprichcode-Wettbewerb in einer Beilage abgedruckt worden war. Ich nehme dies als ein ermunterndes Zeichen, meinen seltsamen, aber doch interessanten und lehrreichen Weg weiterzugehen. Auch wenn ich sicher vieles falsch mache, zumindest einiges von dem, was ich tue, scheint auch sehr richtig und wertvoll zu sein. Möglicherweise auch mein Tagesplan – vielleicht wollen die Wunsch-SelbststĂ€ndigen unter euch ja auch einen schreiben und mir erzĂ€hlen, wie es euch damit gegangen ist.

Niklas

Heute war ich an der Escola Municipal CEI Curitiba Ano 300, um die Funktionsweise der Comunidade Escolar in Aktion zu sehen. Vor allem interessierten mich, wie stark das Angebot genutzt wird, welche Angebote es innerhalb der offenen Schule gibt und Fragen der Sicherheit: wer beaufsichtigt die Kinder? Wie wird gewÀhrleistet, dass die Kinder nicht in Kontakt mit potentiell gefÀhrlichen Menschen wie PÀdophilen kommen? Aber der Reihe nach:

Angebote

130608-1505

GrundsĂ€tzlich war heute vor allem der Sportplatz zur allgemeinen Nutzung freigegeben, was bedeutete, dass eine Gruppe Fussball spielte, wĂ€hrend eine andere an ihren Skateboard-Tricks feilte. Obwohl beide Gruppierungen den selben Bereich nutzten, gab es keine wahrnehmbaren Konflikte, es gab auch hĂ€ufige Wechsel, so dass manche Kinder eine Weile Skateboard-Tricks ĂŒbten und spĂ€ter Fussball spielten, und umgekehrt. Es gab diverse BĂ€lle fĂŒr die verschiedensten Sportarten sowie auch einen Tischtennistisch. Zudem waren einige KostĂŒme zur freien VerfĂŒgung gestellt (Theater), es gab einen Spielplatz mit Rutsche und Schachbretter mit dazugehörigen Figuren. Zudem stand die Schulbibliothek (samt Internetzugang) offen.

Professionelle Kurse (mit abschliessendem Zertifikat!) gab es zwar frĂŒher, aber aus finanziellen GrĂŒnden wurden diese eingestellt. Heute wurde jedoch etwa von Freiwilligen ein Strick-Kurs angeboten.

Auch die Betreuer boten eine AktivitÀt an, die rege genutzt wurde: Ein Wissenswettbewerb mit jeweils zwei Kontrahenten und Wahr-Falsch-Fragen. Wer als erster die Hand vom Hinterkopf (Startposition) auf den Stuhl brachte und die richtige Antwort wusste, durfte dem Kontrahenten einen Pappteller mit Schlagobers ins Gesicht schmieren. Bei einer falschen Antwort durfte der andere einem das Gesicht beschmieren.

Alle diese Angebote werden frei und umsonst zugÀnglich gemacht.

Andrang

130608-1450

Als ich um etwa zwei Uhr ankam, waren um die zehn Besucher hier, was sich dann vor allem rund um die Torte-ins-Gesicht-schmieren-AktivitÀt auf etwa 30-40 erhöhte. Einige eher kleinere Kinder waren auch mit den Eltern da, die sich rege an den AktivitÀten beteiligten. So spielte etwa ein Vater Fussball mit oder mit mir Schach. Das Angebot scheint sehr gut anzukommen. Angeblich (laut einer Jugendlichen) kommen an anderen Tagen noch mehr Besucher.

Fragen der Sicherheit

130608-1434(003)

In jedem Bereich, der zugĂ€nglich gemacht wird, wie heute eben der Sportplatz, befindet sich immer ein Betreuer, der dafĂŒr zustĂ€ndig ist, beispielsweise die BĂ€lle zur VerfĂŒgung zu stellen oder die Kinder zu ermahnen, die Fensterscheiben nicht kaputt zu schiessen. Vor allem aber ist er Ansprechpartner bei Problemen, etwa, wenn sich Kinder verletzt haben. Potentiell gefĂ€hrliche Bereiche wie etwa der Werkraum werden nur geöffnet, wenn jemand verlĂ€sslicher die Verantwortung fĂŒr die Aufsicht ĂŒbernehmen kann.

Zudem gibt es nur zwei EingĂ€nge, die stĂ€ndig von Mitarbeitern besetzt sind, um das Eindringen unerwĂŒnschter Personen zu verhindern. Heute waren insgesamt fĂŒnf angestellte Mitarbeiter im Einsatz, um fĂŒr den reibungslosen Ablauf zu sorgen.

Laut den Mitarbeitern ist seit Projektbeginn (also die letzten 8, 9 Jahre) noch nie etwas Schlimmeres passiert, bis auf ein Mal, als sich ein Jugendlicher einen Finger gebrochen hat.

Fazit

Die Comunidade Escolar ist Ă€hnlich aufgebaut wie eine Free Skool (mit zusĂ€tzlichem freien Spiel und freier Nutzung des Schulinventars), auf Freiwilligkeit und natĂŒrliche AutoritĂ€ten. Sie ist fĂŒr mich eine bunterrichtende Einrichtung, die es wert ist, kopiert zu werden. Wenn jetzt noch der Schritt gewagt wird, diese Form der informellen Bildung auch noch unter der Schulzeit, vielleicht sogar als Alternative zur “normalen” formellen Schulbildung, zu ermöglichen, so kĂ€me dies einer Revolution gleich. Aber interessanterweise finde ich keine GrĂŒnde, die dagegen sprechen.

Niklas