#101 Es gibt so Punkte

Es gibt so Punkte, denkt er, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Die nicht vorgesehen sind in so einem Leben. Da hat sich tatsächlich noch niemand jemals Gedanken darüber gemacht, was an jenen Punkten dann zu tun ist. Da hat man weggeschaut, sie weggewünscht, und nachdem jahrzehntelang alle vorbeigelaufen sind an jenen Punkten, hat man eben angenommen, dass sie auch tatsächlich unerreichbar sind. Und plötzlich steht man da, inmitten der vorbeiströmenden Massen, die einen gar nicht wahrnehmen können (immerhin kann es erfahrungsgemäß gar nicht vorkommen, dass da jemand steht), an einem jener Punkte. Und wenn man Pech hat, hat man sich schon umgeschaut, bevor man die Gefahr erkennen kann. Und mit einem Mal merkt man, dass man nicht nur an einem Punkt angekommen ist, von dem die meisten sich einreden, dass er gar nicht existiert. Einen unachtsamen Moment später ist es schon um einen geschehen, und man hat einen Blick dafür entwickelt, wo sich noch weitere jener Punkte verstecken mögen.

Dabei hat er es im Grunde niemals darauf angelegt, auszubrechen aus dem stetigen Strömen der Massen. Im Gegenteil, immer hat er sich bemüht, ein guter Junge zu sein. Er hat stets seine Hausübung gemacht, nie gelogen, war immer pünktlich und zuvorkommend. So ist er im Leben weitergekommen, wie man es eben so macht, wenn man in der Moderne lebt.  Irgendwann ist er im Leben dann auch angestanden. „Seinen Platz in der Gesellschaft finden“ nennen sie es, und für eine Weile hat es sich auch ganz gut angefühlt, mal auch wo anzukommen. Wenn er nur seinen verfluchten Geist unter Kontrolle gehabt hätte, wäre er heute noch an seinem ihm zugedachten Platz. Ein wenig glücklich, ein wenig unglücklich, in schönem Ausgleich. Eine weitere angenehme, neutrale Null im Nullsummenspiel des Lebens.

Und doch, in einem unaufmerksamen Augenblick, hat er seinen Geist schweifen lassen, sie gesehen, die Unregelmäßigkeit. Und anstatt daran vorbeizugehen und sie schleunigst zu vergessen, wie es für Menschen wie ihn vorgesehen ist, ist er stehengeblieben und hat sie untersucht. Hat den Punkt entdeckt, an dem er jetzt steht. Die Architekten haben sich schon etwas dabei gedacht, das Leben anstrengend und stressig genug zu machen, so dass man üblicherweise gar nicht die Zeit findet, groß auf die Umgebung zu achten. Er ist sich sicher, dass alles zum Besten der Menschheit geplant ist. Niemand kann gern an jenem Ort verweilen, an dem er sich befindet. Niemand kann gern Freude daran empfinden, zu sehen, was er nun sehen kann.

Die Geschichte, die sie ihm erzählt haben, die sie allen erzählt haben, in der Schule, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen und in jedem zwanglosen Gespräch – es sind gute Geschichten. Übersichtlich. Klar. Geordnet. Es schmerzt ihn, hinter ihre Fassaden zu blicken und zu entdecken, dass sie am Ende immer nur Fassade waren, nur tote Buchstaben auf Papier, das Chaos, die Gier und die Gewalt des Lebens vor ungeschützten Augen versteckend. Vor seinem geistigen Auge erlebt er sein bisheriges Leben erneut, entdeckt nun mit geschärftem Blick weitere Unregelmäßigkeiten. Betritt weitere einst aufgegebene Punkte der Wahrnehmung. So sehr er sich müht, zurückzutreten, das Gesehene aus seiner Erinnerung zu löschen, es brennt sich in seinen Geist, überschreibt die Fassaden mit einem größeren Ganzen. In einem Moment des geistigen Erwachens erkennt er, dass es keine Entscheidung mehr ist, weiterzumachen, im Grunde nie eine war. Die Wahrheit kann verdrängt werden, zugedeckt, aber sie versteckt sich irgendwo dort draußen, wartend, lauernd auf den unachtsamen Wanderer. Doch hat sie erst einmal Einlass gefunden in den unvorsichtigen Geist, ist man ihr auf immer verfallen.

Mittlerweile ist er wahrgenommen worden von jenen, die zwischen den Punkten zuhause sind und die Massen vor der grausigen Wahrheit ihres Seins zu schützen wissen. Sie beobachten ihn aus einiger Entfernung, unsicher, wie er sich wohl zu erkennen geben wird. Wird er einer von ihnen werden, mit der edlen Aufgabe betraut, die Wahrheit in Zaum zu halten, auf dass ein gutes Leben der Vielen möglich scheine? Oder wird er einer jener hoffnungsvollen Rebellen sein, die es der Menschheit zutrauen, ihr eigenes Spiegelbild zu ertragen, nur um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass die Menschheit nicht dafür bereit ist, war und immer sein wird? Kann er einer der ihren werden? Wird er wohl einer der ihren werden?

Schattenhaft umschleichen sie ihn, suchen nach Unregelmäßigkeiten, anhand derer sie ihn durchschauen, festmachen können. Werden fündig, selbst verunsichert, beschließen, dass er vertrieben werden muss, doch wohin kann er jetzt noch gehen? Unschlüssig bleibt er also, wo er sich befindet. Sie bauen ihm einen Weg nach Hause, doch er spürt, dass er ihn nicht gehen kann, ausziehen muss, ein neues Zuhause für sich zu finden. Sie können ihm nicht helfen, so eine Suche ist nicht vorgesehen. Wer die Punkte erreicht, wird einer von ihnen werden. Das ist gut, das ist vorhersehbar. Keine Sonderwege, keine Extrawürste. Es gibt schließlich noch Gesetzmäßigkeiten hinter den offiziellen Gesetzen, an die man sich dann am Ende doch zu halten hat. Es gibt so Punkte, denkt er erneut, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Aber wenn ich nun schon mal hier bin…

Und endlich, nach langer Wanderschaft, erreicht er den einen Punkt, an dem alles begonnen hat. „Hallo?“, fragt er in die Leere, „Ist da jemand?“, und es hallt ein wenig, denn die Leere im Anfang ist absolut. „Wo bin ich hier?“

Doch im Grunde spürt er tief in sich die Erinnerung an jenen fernen Punkt in Raum und Zeit, von dem alles ausging und zu dem alles einst zurückstreben wird, an dem alles möglich ist und gerade deswegen nichts sein kann. Und dann, sich einlassend auf das allumfassende Nichts, kann er die Welt endlich wieder ertragen. Kann all jene Punkte, all jene Unregelmäßigkeiten in eine noch größere Regelmäßigkeit und Ordnung integrieren. Kehrt zurück zu jenen ausgetretenen Pfaden, begegnet endlich wieder Menschen. „Werde einer von von uns!“, wird ihm angeboten, in Tausend Formen und Zeiten. Bekenne dich ebenso als Muslim, als Zeuge, als Lehrer, als Mann, als Mensch!

Doch wozu sich bekennen, wozu sich künstlich trennen vom Un-Bekannten? Es gibt so Punkte, an die sollte man wohl eigentlich gar nicht kommen, denkt er zum dritten Mal, während sie ihn umringen, ihn auf ihre jeweilige „richtige“ Seite zu ziehen. Die Welt wird so durchschaubar.

Am Ende geht er zu einem alten Mann, der nichts von ihm zu wollen scheint, und lässt die um seine Seele streitenden hinter sich.
„Was willst du?“, fragt ihn der Alte.
„Gute Frage“, antwortet er.
„Die schwierigste von allen“, stimmt der Alte zu.

#97 Am Ende

Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzählen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmäßig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mäßiger wurde.  Die Wiederholungen häuften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile für jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie für sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie würde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen müssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem Gespräch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden Kräften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne für ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre Gefühle könnten verletzt werden, wenn man ihr das Gefühl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschätzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts für sie tun konnten.

Am nächsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon länger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk für sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverändert zu sein. Und doch fühlte es sich anders an – genauer gesagt fühlte es sich nicht an. Sie war taub gegenüber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fühlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fühlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amüsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen über die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein Stück erträglicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich für Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlässigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen für das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein Stück Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genüge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dürfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so üblich war – am Ende nicht gewagt.

#90 Ein Homo Oeconomicus bleibt zuhause

Der Mensch entscheidet im Grunde rational. Berechnend. Aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Informationen vergleicht er die Konsequenzen der ihm möglichen Handlungen und entscheidet sich für die wertvollste Variante. Er betrachtet seine Hände. Zehn Finger. Betrachtet sein Gesicht. Zwei blaugraue Augen, die leichte Höckernase, die schmalen Lippen. Die rudimentäre Brustbehaarung und die rassentypische Kopf- wie Bartbehaarung. Definitiv Mensch. Betrachtet seine Bank-Karte, den Inhalt seiner Geldtasche, seiner Gedanken. Definitiv Geld. Ein Homo Oeconomicus, wie er im Buche steht. Die Bücher haben also Recht.

Nun sitzt er da, auf seinem Stuhl, den er geschenkt bekommen hat. Gekauft hätte er sich den selbst niemals, denn er grenzt fast an Kunst, und Kunst ist bekanntlich teuer. Die Arme auf dem leicht wackeligen Tisch, den er aus dem Sperrmüll hat und selbst zusammenschrauben wollte. Das war fürchterlich irrational gewesen, aber auch schon länger her. Die zwei Stunden hätte er besser damit verbringen können, Geld zu verdienen, um sich einen vernünftigen Tisch zu kaufen, der nicht wackelt. Nun ist es jedes Mal ein Drahtseilakt, sich ein Brot runterzuschneiden, ohne dabei gleich das Wasser der Tasse zum Überlaufen zu bringen. Vielleicht liegt das ja auch an den ungeschliffenen Messern. Vermutlich wäre es auch rational betrachtet schlauer, die mal schleifen zu lassen, anstatt ständig wertvolle Sekunden zu opfern, sich sein Brot sanft runterzuschneiden. Aber dazu fehlt’s dann wieder an Geld. Ist so ‘ne Sache mit dem Homo Oeconomicus und dem rationalen Denken: am Ende fehlt’s fast immer an Geld. Ein wirklich rationales und effizientes Leben kann sich dann doch kaum einer leisten.

Außerdem macht man manchmal ganz einfach Fehler. Zum Beispiel, wenn man umzieht, um die Wegstrecke zum Arbeitsplatz zu verkürzen. Das wirkt erstmal ziemlich effektiv, weil man Fahrtkosten und Zeit spart. Immerhin geht man im Durchschnitt öfter zur Arbeit, als Freunde zu besuchen, und mit der Zeit zahlt sich das dann schon aus. Nur: plötzlich entsteht so ein ekliger Anfangswiderstand, den man überwinden muss, um Freunde besuchen zu können. Wenn der nächste echte Freund über 30 Kilometer entfernt wohnt, muss sich die Fahrt dann irgendwie schon auszahlen. Schließlich kostet die umgerechnet gut sechs Euro, und dafür muss man schon mal gut ein, zwei Stunden arbeiten, bis man sich das leisten kann. Und wenn Freunde besuchen zu Arbeit wird, hat man dann rasch gar keine wirkliche Lust mehr drauf, oder macht es nur noch, wenn es ein großer Besuch wird, der mindestens so lange dauert, wie man dafür gearbeitet hat, um sich den leisten zu können.

Wenn man dann wirklich lange darüber nachdenkt, ist es vielleicht sogar rationaler, seine Freunde gar nicht mehr zu besuchen. Wenn jeder Besuch Geld kostet und damit mehr Arbeit bedeutet, hat man doch das entspannteste Leben, wenn man sich diese Ausgaben einfach spart. Wenn man davon ausgeht, dass man sonst drei Mal die Woche Freunde besucht und im Durchschnitt pro Besuch 10 Euro an Fahrtkosten und eine Stunde Zeit verfährt, sind das in Summe knapp sechs Stunden mehr, die man in der Woche für sich hat, nicht wenig in Zeiten häufigen Burnouts. Oder man kann die sechs Stunden nutzen, um mehr zu arbeiten und damit mehr Geld zu verdienen. Im Grunde ist das die rationalste Variante, vor allem wenn man noch nicht weiß, was man morgen machen will. Geld ist ja im Gegensatz zu vielen Mitmenschen relativ flexibel.

Und nun sitzt unser Homo Oeconomicus selbstzufrieden an seinem wackeligen Tisch (den er vom durch seine scharfsinnigen Überlegungen wieder eingesparten Geld bald gegen einen stabileren austauschen wird) und freut sich über seinen überwältigenden Verstand, der ihm tagtäglich hilft, die Effizienz in seinem Leben zu steigern. Ob „Oeconomicus“ tatsächlich eine Weiterentwicklung des „Sapiens“, der Weisheit ist? Er lächelt über jene Chaoten, die immer noch jenen kindlichen Vorstellungen nachhängen, es könnte anders sein. Er wird seine Energie nicht auf solche Nutzlosigkeiten verschwenden, für die man nicht einmal bezahlt wird. Nein, er wird auch heute wieder für sich, zuhause bleiben. Ein Leuchtturm der Effizienz, leuchtendes Vorbild für alle, die ihm noch auf jenem glorreichen Weg folgen werden. Mutiger Wegbereiter einer effizienteren und damit mit Sicherheit für alle auch besseren Welt.

#71 Krone der Schöpfung

„Was siehst du dort oben?“, hatte sie ihn gefragt, mit ihren tiefblauen Augen erwartungsvoll zu ihm aufschauend, in freudiger Erwartung dessen, was er ihr aus der Höhe herunterholen würde. Sie, das kleine Mädchen, die mit ihren süßen kleinen Händchen an seiner Hose zog. Dieses Leuchten nicht verblassen lassen! Den Moment nie vergehen lassen! Sein Blick richtete sich erneut auf die Tiefen der Baumkrone über ihn. Was es wohl dort oben noch zu finden geben würde? Er streckte sich ein weiteres Mal, um ihr eine Frucht herunterzureichen.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Davon kann man sich viele schöne Dinge kaufen.“
„Ist das wertvoll, Papa?“
„Sehr, Liebes. Lass mich sehen, was sich hier oben noch finden lässt!“
Ein letzter Blick in diese Augen, die ihn immer noch erwartungsvoll anblickten. Ein weiterer in jene der Frau, mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Interesse, wusste er doch, was ihn erwarten würde. Dieselben Augen, und doch so hoffnungslos verblasst, so ewiglich ergraut. Nie, nie würde er zulassen, dass auch ihre Augen ihr Blau verlieren würden! Nur weiter in die Krone vordringen. Die Lösung war irgendwo zwischen den Schatten hier oben zu finden.

„Was siehst du dort oben?“, fragte sie ihn, mit ihren tiefblauen Augen, in denen er zunehmend Angst hatte, sich zu verlieren. Sie reichte ihm nun beinahe schon bis zur Brust. Wie die Zeit verging! Doch auch er war gewachsen, fand sich nun immer besser in der Krone zurecht. Er pflückte ihr ein größeres Bündel.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Frisch für dich vom Baum der Schöpfung gepflückt.“
„Danke, Papa.“
„Freust du dich nicht?“
„Sicher, Papa. Davon kann man sich ja viele schöne Dinge kaufen.“
„Bist ein gutes Mädchen. Bis bald mal! Ich glaube, ich sehe da hinten noch mehr!“
Irgendwo im Dunkel der Krone leuchtete etwas. Ganz weit hinten. Das musste ein wahrer Schatz sein! Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich danach aus. Es reichte nicht. Noch ein kleines Stück! Da würden sie sich aber freuen, die beiden!

Ein scharfer Schmerz durchzog seinen unteren Rücken. Impulsiv streckte er die Hand nach dem leuchtenden Etwas in der Ferne aus, um sich vor einem unangenehmen Fall zu retten, und tatsächlich erwischte er es. In seiner Freude bemerkte er erst spät, dass seine Füße frei über dem Boden baumeln mussten. Sehen konnte er das nicht, dazu war es zu Dunkel in der Krone des Baumes. Vorsichtig kletterte er zurück, so gut es sein Rücken erlaubte. Warum hatten ihn die Frauen nicht gehalten, als er das Gleichgewicht verloren hatte?
Verblüfft stellte er fest, dass die Frau fort war. Wo war sie wohl hingekommen? Mit schmerzverzerrtem Gesicht kletterte er den Stamm hinab. Und wo war sie? Den Schatz in seinen Händen am Stamm ablegend, sah er sich um, und erblickte sie ein Stück weiter unter einem anderen Baum.
„Liebes, was machst du denn dort drüben, so weit fort von mir?“
„Den Schatten genießen.“, antwortete sie nur, desinteressiert.
„Willst du nicht lieber zurück zu mir kommen? Ich habe einen riesigen Schatz entdeckt! Ich kann dir etwas davon abgeben-“
Dann erst erkannte er, dass ihr Beutel randvoll mit Geld gefüllt war.
„Willst du etwa den ganzen Schatz haben? Aber so komm mich doch besuchen…“, stammelte er, beschämt über sich selbst, und der Schmerz in seinem Rücken wanderte durch seinen ganzen Körper, bis tief in sein Herz, „da gibt’s doch noch mehr, was ich für dich finden könnte… so viel mehr Geld…“
Sie zeigte ihm den Inhalt des Beutels. „Ich brauche nicht mehr. Ich habe genug davon.“
Er stolperte, schlug hart auf, musste zu ihr hochblicken, obwohl er doch immer größer gewesen war als sie. Was siehst du dort oben?, dachte er, sich erinnernd. Das hatte auch sie immer gefragt. Und jedes Mal bekommen, was sie wollte. Oder hatte sie das wirklich?

Und dann zerriss der Schleier, der so viele Jahre seinen Blick für das Wesentliche verdeckt hatte, endgültig. Was siehst du dort oben, hatte sie ihn gefragt. Seine Sicht der Dinge hatte sie wissen wollen. Seine Liebe geschenkt bekommen. Und mit den Jahren gelernt, dass all das von ihm einfach nicht mehr zu haben war. Keine Zeit. Muss Geld suchen. Für euch. Immer noch mehr Geld. Ihr seid ja auch wirklich unersättlich. Warum hatten sie nie etwas gesagt?
„Ich sehe dich“, sagten ihre stillen Augen.
„Ich sehe dich“, sagten ihre Lippen.
„Ich sehe dich“, sagte ihr offenes Herz, und ihm wurde klar, dass sie alle eine Wahrheit aussprachen, die ihn ängstigte. Sahen sie das längst gebrochene Rückgrat, die Scham, das Gefühl der Wertlosigkeit nicht, das ihn erfüllte? Und dann sprach sie es aus. Sprach Worte, die ihn erschütterten wie Hammerschläge.
„Ich wollte dich lieben, Vater. Wollte wissen, was du siehst, was du in mir siehst, und ob da oben in deinen Augen auch Liebe für mich ist. Aber alles, was ich bekommen habe, war immer noch mehr Geld. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt! So unglaublich wertvoll! Un-ersetzlich! Nicht mit Geld. Auch nicht mit mehr Geld. Und es tut so verdammt weh, dass du das nicht verstehn willst. Dass du dich nie fragst, was ich da unten in dir sehe, für dich spüre.“
„Du bist ziemlich gewachsen, Liebes.. was siehst du dort oben?“
„Eine Hand, die dich einlädt“, sagte sie, ihm ihre Hand reichend. „Ein Herz, das dich liebt, auch wenn du am Boden liegst. Wenn du es nur zulassen könntest…“

Aber in ihrem Inneren wusste sie, dass Jahrzehnte des Nebels einen undurchdringlichen Film auf seinen Augen, Jahrzehnte der Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit eine mächtige Mauer um sein Herz gebaut hatten.
“Ich sehe dich, sehe tief, so unglaublich tief in dich hinein. Ich sehe deinen Schmerz”, sagte sie, und heiße Tränen des Mitgefühls rannen über ihr Gesicht. Tränen, die er nicht sehen wollte, sehen konnte. Kurz die Augen schließen, die aufkommenden Gefühle wegdrückend, wie er es gewohnt war, und er hatte sich wieder gefasst. Er war gestolpert, weiter nichts. Aurappeln. Weitermachen. Ganz einfach.
Doch das Stechen an der Basis, in seinem Herzen wollte nicht nachlassen. Was war nur los mit ihm?
Ihre stillen Augen waren Antwort genug:
Die spürbaren Konsequenzen eines zu lange unbehandelten Herzfehlers.

#57 Was bleibt

Was blieb nun, von all den großen Träumen, was blieb nun, hier in seinem kleinen Zimmerchen, was blieb noch zu tun, als die Sache zu Ende zu führen? Die Eltern waren außer Haus, und die Geschwister ebenso. Niemand hier, ihn aufzuhalten, alles gut durchdacht. Schon lange hatte er mit dem Gedanken gespielt, seinem Leben und seinem Leiden ein Ende zu setzen, hatte mit seinen Freunden die möglichen Methoden diskutiert. Und nun, heute, an diesem verregneten Tag, war es wohl an der Zeit, endlich nicht mehr nur darüber zu reden. Und doch, die Frage quälte ihn: Was würde bleiben?

Das Messer in der Hand wiegend, sein Gewicht fühlend, versuchte er, seinen Geist zu beruhigen. Wahrscheinlich war es nur der Überlebensinstinkt seines Körpers, der ihn nun dazu brachte, alles wieder und wieder zu hinterfragen. Dieses Stück Fleisch, Muskeln und Knochen wollte immer nur überleben. Als würde es einen tieferen Sinn haben, tagein, tagaus seine Nutella-Brote in sich hineinzustopfen, von den selben Mitschülern angepöbelt zu werden und sich mit der Frage zu quälen, wie irgendein Mensch einen Menschen wie ihn lieben würde können. Zu leben war zu fragen, zu zweifeln, zu leiden, und nach so vielen Jahren des Zweifels war er es Leid geworden, auf einen nächsten Tag zu hoffen, an dem sich alles wie durch ein Wunder ändern würde. Nichts würde sich ändern an dieser Welt. Aber er konnte sie verlassen. Alles, was es dazu brauchte, war eine schnelle Bewegung, ein kurzer Stich. Und doch, wieder: was würde bleiben?

Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen: es war an ihm, zu entscheiden, was bleiben sollte. Es war an ihm, zu entscheiden, warum er leben sollte. Sein ganzes Leben hatte er sich gefragt, warum er überhaupt am Leben war, wo das Leben doch nur Leid für ihn bereit hielt, wem er verpflichtet war, weiterzuleben, wenn doch die Entscheidung zu leben nicht von ihm selbst getroffen worden war. Seinen Eltern? Einem Gott?. Doch nun, mit der Entschlossenheit, seinem Leben ein Ende zu setzen, fühlte er sich plötzlich frei, fühlte eine gewaltige Wahrheit in sich aufdämmern.

Erst wer bereit war, zu sterben, war Herr über sein Leben. Wie lächerlich waren doch von dieser Warte aus betrachtet jene, die ihm das Leben schwer machen wollten? Er konnte seinem Leben jetzt ein Ende setzen. Oder morgen. Oder in einem Jahr. Wenn Leben auch Leiden bedeutete, so würde er sich fortan für sein Leben und damit das dafür manchmal notwendige Leiden entschieden haben. Es war allein seine Entscheidung, zu leben, jeden Tag, jeden Augenblick aufs Neue, seine Entscheidung, dieses Leben mit all seinen Freuden und all seinem Leiden aufs Vollste auszukosten, oder es zu beenden.

Und dann erkannte er, dass von ihm bleiben würde, wofür er bereit war zu leiden, vielleicht auch zu sterben, vor allem aber, wofür er bereit war zu leben. Von jenem Tag an kümmerte es ihn nicht mehr, wenn ihm Menschen vorwarfen, ihren Vorstellungen nicht zu entsprechen, weil er wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr Leben zu leben. Es war seine Entscheidung, zu leben, und seine Aufgabe, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie er selbst leben wollte, wie es ihre Entscheidung war, zu leben, und ihre Aufgabe, Antworten auf ihre eigenen Fragen zu finden. Und eines jeden Menschen Verantwortung, mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen zu leben.
Das Leben war schon seltsam, dass es manchmal erst die Bereitschaft zum Sterben brauchte, um einen Sinn im Leben zu finden. Was würde also am Ende bleiben, warum leben?
„Weil ich mich dafür entschieden habe.“, dachte der Alte lächelnd, bevor er die Augen für immer schloss.

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#56 Das Geschenk der Endlichkeit

„Nun, uns bleiben also noch gut zehn Wochen miteinander.“, stellte er abschließend fest, und blickte in die Runde. Ruhig war es im Raum geworden, beinahe ehrfürchtig, und allen schien klar zu sein, dass sie Zeugen eines besonderen Moments geworden waren. Sechzig Menschen, jüngere wie ältere, sprachlos. Schweigend. Es gab nur wenig zu sagen in diesem Augenblick, der klargestellt hatte, was das Gewusel des Alltags oft so erfolgreich vergessen machte: alles hat ein Ende.

„Aber wie lange wirst du denn weg sein?“, wurde er gefragt, „Etwa ein ganzes Jahr?“, und bangende Augen flehten ihn an, die Frage zu ignorieren, sich umzudrehen und zu gehen, es nicht auszusprechen, eine letzte Ungewissheit, eine letzte Hoffnung offen zu lassen. Doch er antwortete in einer Klarheit, die auch die letzten rettenden Zweifel zu vernichten vermochte: „Vermutlich für immer.“
„…für immer…“, schienen seine Worte sich wie ein Echo immer weiter im Raum auszubreiten, über ihre kleinen Köpfchen hinweg und doch auch mit jedem Flüstern in sie hinein, während sie versuchten, das Gesagte zu begreifen. Sie waren zu jung, um ein Ende fassen zu können, zu ängstlich, die Konsequenzen begreifen zu können.
„Bedeutet das, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen werden?“, sprach einer von ihnen die ungeheure Vorstellung aus.
„Es bedeutet, dass wir noch zehn Wochen haben, um uns in Erinnerung zu bleiben.“

Den restlichen Tag hatte er damit verbracht, über seine eigenen letzten Worte nachzudenken. Und während sie seine Nähe suchten, ihn zu überzeugen suchten, seine Worte zurückzunehmen, nicht zu gehen, wurde ihm die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erst vollkommen bewusst. Er liebte diese Menschen, und sie liebten ihn. Doch warum fühlte er beim Gedanken, sie bald nicht mehr tagtäglich sehen zu können, keine Traurigkeit, sondern nur eine tiefe Rührung, die ihn auch die nächsten Tage nicht verlassen sollte?

Und dann dachte er an seine Mutter, die ihn einst ebenso in Liebe hinter sich gelassen hatte, die fortgegangen war an einen Ort, an den er ihr noch nicht folgen hatte können. Es musste ihr schwer gefallen sein zu gehen, damals, wohl wissend, dass sie Menschen zurückließ, die sie liebten und die sie brauchten. Und doch war sie gegangen, war der Notwendigkeit gefolgt, wie auch er nun einer inneren Notwendigkeit folgte, einen Weg zu beschreiten, auf dem diese Menschen ihm noch nicht folgen konnten.

Er fühlte in einem Anflug von Verblüffung, dass er seiner Mutter längst verziehen hatte, ihn damals mit ihrer Traurigkeit angesteckt und ihm die Trennung damit noch schwerer gemacht zu haben. So hatte er lernen können, dass die Trauer nichts daran ändern konnte, dass ein anderer Mensch aus dem Leben verschwand. Dass es leichter war, das Unvermeidliche hinzunehmen, wenn man daran ging, dankbar zu sein für die Zeit, die man mit einem anderen Menschen verbringen hatte dürfen. Und dass es die Unvermeidlichkeit eines Endes brauchte, um dies zu lernen.

Zehn Wochen waren es also noch, zehn Wochen, in denen sie alle die Chance haben würden, eine Spur zu hinterlassen, einen Eindruck, der noch lange nachwirken würden, nachdem ihre Wege sich getrennt haben würden. Und vielleicht würden sie sich irgendwann tatsächlich wieder treffen, an jenen Orten, die so manchem einst noch verwehrt gewesen waren. Dann würden sie feststellen, dass eine jede Begegnung immer Spuren hinterließ, dass ein jeder Mensch immer Spuren hinterließ in jener Welt, die uns das Geschenk der Endlichkeit offenbarte.

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#49 Darum ich

Er hatte gleich gespürt, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, als sich sein Knie in ungewohntem Winkel verdrehte und er ein deutlich hörbares Schnalzen hörte. Vorsichtig war er, gestützt auf den Trainer, in die Kabine gewankt, hatte sich die Fußballschuhe ausgezogen und tapfer die Zähne zusammengebissen.

Zuhause verließ er das Auto des Trainers und winkte ihm tapfer zum Abschied. Erst als er die wenigen Meter zur Einfahrt hinauf hinter sich bringen wollte, stellte er fest, dass er sein Kniegelenk weder abbiegen noch belasten konnte. Am Gartenzaun ließ er sich langsam hinab und robbte ins Haus. Stunden später, im Krankenhaus, konnte er es kaum fassen: sechs Monate würde er nicht laufen können. Vorausgesetzt, die Operation würde gut verlaufen.

Einige Tage später, der erste Tag in der neuen Schule, und er hatte sich seinen Spitznamen für die nächsten Monate gesichert. „Hinki!“, riefen sie ihn, wenig einfallslos, und er, kaum fähig, einige Schritte ohne seine Krücken zu tun, konnte dem wenig entgegensetzen. Und während andere Fußball und Volleyball spielten, den Mädchen nachrannten oder vor ihnen flüchteten, saß er an seinem Platz, beobachtete traurig das Geschehen, in dem er keine aktive Rolle spielte.

Endlich, nach sechs langen Monaten, war sein Kniegelenk wiederhergestellt. Die Spitznamen hatte er abgeschüttelt, und wurde wieder bei seinem richtigen Namen gerufen. Wochenlang schon hatte er sich darauf gefreut, die Turnstunden endlich wieder inmitten des Geschehens anstatt nur am Rand als Zuseher verbringen zu können. Es sollte Volleyball gespielt werden, was seiner Verletzung entgegenkam – niemand konnte ihn umlaufen. Und er war gut in diesem Sport. Nun würde er seinen Mitschülern zeigen, wie sportlich ihr „Hinki“ in Wahrheit sein konnte.

Und tatsächlich war er trotz der fehlenden Übung während der vielen Monate noch nicht eingerostet, zeigte rasche Reflexe und eine gute Zielgenauigkeit. Einer jener Reflexe jedoch wurde ihm zu Verhängnis, als er unwillkürlich nach einem scharf nach links geschlagenen Ball sprang und seine Kniescheibe erneut ihre angestammte Bahn verließ. Warum ich?, fragte er sich. Warum nur hatte sich die Welt derart gegen ihn verschworen? Warum war er dazu verdonnert, das Geschehen um ihn stets nur von den Zuschauerrängen aus zu verfolgen?

Einige Jahre später erst begriff er in einem Anflug von plötzlichem Verstehen, dass er mit seinem Knie möglicherweise kein Profi-Fußballer werden würde – und doch hatte sich seine Verletzung als ein Geschenk erwiesen. Durch seine Bewegungseinschränkung zur Beobachterposition gezwungen, hatte er mit der Zeit gelernt, Menschen zu lesen, ihre Ansichten kennen und schätzen gelernt. Sein Körper mochte in seinen Bewegungen eingeschränkt sein, doch sein Geist war umso reger geworden, hatte ihn zu Büchern geführt, würde ihn noch bis ans Ende der Welten führen.

Und nun, siebzig Jahre später, in seinem siebzig Jahre verfalleneren Körper, in dem Bett liegend, das gute Chancen hatte, seine letzte Ruhestätte zu werden, gedachte er lächelnd seinen ersten jugendlichen Anflügen von Weisheit. Sein Leben hatte auch in den folgenden Jahren noch viele Rückschläge für ihn bereitgehalten. Doch niemals mehr hatte er lange gegen sie angekämpft, hatte gelernt, in den Rückschlägen Vorschläge zu sehen.
Darum ich, dachte er ergriffen.

„Fürchtest du mich?“, hatte ihn der Mann in der schwarzen Kutte beim Eintreten gefragt, doch er hatte nur lächelnd den Kopf geschüttelt. Das Leben wie der Tod stellten die Bausteine, doch schon jung hatte er verstanden, wer sich aus jenen Teilen das Ganze zusammenzustellen hatte.
„Tritt ein, Freund“, begrüßte er den Alten. „Mein Werk ist beinahe vollendet, es fehlt nur noch der letzte Schliff.“
„Selten fühle ich mich so willkommen“, antwortete der Alte, und zückte die Sense. „Die meisten fürchten, ich würde unter ihnen wüten wollen.“
„Die Spreu vom Weizen trennst du nur, guter Freund“, sprach da der Kranke, „wer wird dich fürchten denn die Spreu?“
Und ein letztes Mal blickte er liebevoll auf seinen Körper hinab.
„Danke für die Reise“, flüsterte er leise.

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Keine Methode?

Irgendwann, vor langer Zeit, hatte ich noch so etwas wie einen Plan. An der pädagogischen Hochschule war es immerhin auch Vorschrift, vor jeder Unterrichtseinheit einen schriftlichen Plan einzureichen, der beschreiben sollte, was man vorhatte, um die Schüler dazu zu bringen, dieses und jenes zu machen. Da war es also etwa die Vorgabe, Schülern innerhalb einer Unterrichtseinheit beizubringen, wie sie mit Hilfe des schriftlichen Additionsverfahrens eine oder mehrere Summanden zu einer Summe addieren konnten. Ohne den Übertrag zu berücksichtigen, denn das sollte in einer eigenen Einheit geschehen.

Wäre ich nun ein ebenso „braver“ Lehrer gewesen, wie meine Schüler brave Schüler sein sollten, so hätte ich wohl entsprechende Übungsblätter vorbereitet und meine Schüler stumpf irgendwelche Rechnungen herunterüben lassen. Doch ich kannte meine Schüler nach kurzer Zeit immerhin gut genug, um zu wissen, dass unter ihnen welche waren, die mit einer solchen Aufgabe massiv überfordert waren – aber auch welche, die damit massiv unterfordert waren und sich dabei langweilen würden. Also schrieb ich ihnen entsprechende Aufgaben auf Post-It-Zettelchen, auf deren Rückseite sich die entsprechenden Lösungen befanden. Es gab dabei Aufgaben, die einfacher als die geforderte Unterrichtseinheit waren und Aufgaben, die bedeutend schwerer als sie waren. All diese Aufgaben lagen auf einem Teppich in der Mitte der Klasse verstreut, und es war den Kindern überlassen, wie viele und welche der Aufgaben sie erledigen sollten. Für die übermotivierten unter ihnen hatte ich leere Post-It-Zettelchen mitgenommen, die sie selbst mit Aufgaben und Lösungen versehen konnten. Nachdem ich überprüft hatte, ob die Lösungen auch tatsächlich korrekt waren, kamen auch sie in den Aufgaben-Pool hinzu.

Die Unterrichtseinheit „explodierte“ innerhalb kürzester Zeit in ein Mathematik-Spektakel. Jeder war am Rechnen, am Entwerfen neuer, besonders schwerer Aufgaben. „Dürfen wir auch über 1000 rechnen?“, fragte ein Schüler. „Dürfen wir auch Minus-Aufgaben aufschreiben?“ ein anderer. Als die Einheit vorüber war, waren die Schüler kaum von ihren Aufgaben zu trennen, was mir eine negative Beurteilung der Klassenlehrerin eintrug. Immerhin hatte ich es unterlassen, für einen sauberen Übergang in die nächste Einheit meiner Kollegin zu sorgen und „die Kontrolle verloren“, denn die Kinder rechneten völlig andere Dinge als vorgegeben. Dass sie sich dabei völlig ohne Fremdeinwirkung bis in den Millionenbereich und an mathematische Operanden herangewagt hatten, die für ihre Klasse noch weit nicht vorgesehen waren, war der Lehrerin egal.

Es war eine der denkwürdigsten Erfahrungen in meiner Lehrerlaufbahn gewesen, diese Lust am Rechnen völlig entflammt zu erleben. Ich wusste nicht, was passieren würde, nur, dass ich nicht die Klassenlehrerin mit ihren immer gleichen Arbeitsblättern kopieren wollte. Es war auch nicht meine erste Mathematik-Einheit in dieser Klasse gewesen, sondern das Ergebnis einer Art von „Feldforschung“, wie sie auch Maria Montessori in ihren Büchern als das oberste Gebot für Lehrer beschreibt. Es gehe nie darum, einer toten Methode nachzujagen, sondern herauszufinden, was für die jeweilige Situation, die jeweiligen Kinder und Lehrer tatsächlich funktioniert.

Die Suche nach der “perfekten Methode”

Ein häufiger Trugschluss, dem wir wohl unter anderem Skinner und seiner Lernmaschine zu verdanken haben, ist jener, dass eine Handlung auf unserer Seite notwendigerweise zu der geplanten Handlung im Kind führt. Negative wie positive Verstärkung haben ihre Effekte, doch nur indirekte. Ich kann mit Hilfe meiner Methoden, so ausgeklügelt sie auch sind, Druck auf jemanden ausüben, sich in bestimmter Weise zu verhalten, aber ich kann ihn nicht direkt lenken. Das hat Viktor Frankl eindrucksvoll in seiner Beschreibung der Konzentrationslager im Nationalsozialismus beschrieben. Gleiche Behandlung der Gefangenen führt nicht zu den gleichen Reaktionen, vielmehr machte die entmenschlichende Behandlung die individuellen Unterschiede erst so richtig sichtbar. Es ist damit eine Illusion, wenn wir davon ausgehen, nur die „richtige“ Methode finden zu müssen. Wir müssen vielmehr versuchen, unseren Schülern so gute Führer in dem oft schwierigen Gelände zu sein, in dem sie sich befinden, dass sie uns auch ohne irgendwelche Beeinflussungsmethoden vertrauen.

Nun wollte ich an der Schule, an der ich gerade arbeite, meinen Schülern helfen, Englisch zu lernen. Ich liebe diese Sprache und verwende sie täglich, und da ich innerhalb weniger Monate auch recht flüssig Portugiesisch gelernt hatte und den Prozess dabei bewusst mitreflektiert hatte, war ich mir eigentlich sicher, eine ganz gute Methode zum Englisch-lernen anbieten zu können. Tatsächlich stellte sich rasch heraus, dass sie den Umständen und den Kindern nicht angemessen war. Ich habe es gleichzeitig mit Kindern zu tun, denen noch kein einziges Wort in Englisch über die Lippen gekommen sein dürfte, und anderen, die durchaus bereits einen englischen Text ins Deutsche übersetzen können. Mit meiner Methode, so durchdacht sie auch war, unter- bzw. überforderte ich sie alle. Also beschloss ich, das Konzept des Kurses zu verändern. Ich wollte eine Methode entwickeln, die eine Art Vakuum erzeugte, in das die Schüler ihr Englisch hineinwerfen konnten, ähnlich wie bei den Mathematik-Aufgaben.

Der unbehauene Block

Einem von außen Beobachtenden mag es dabei so vorkommen, als hätte ich keinen Plan von dem, was ich tue, und tatsächlich entspricht das irgendwo auch der Wahrheit. Nur entsteht diese Planlosigkeit weniger aus Hilflosigkeit, sondern vielmehr aus der Notwendigkeit, sich auf die Realität einzulassen. Um meinen Schülern tatsächlich eine Hilfe zu sein, muss ich herausfinden, was sie bereits können und wohin es geht. Ich kann ihnen keinen Weg vorzeichnen, wenn ich nicht weiß, wo auf der Karte sie sich befinden oder wo sie hinwollen. An einer Schule, an der sich ein jeder auf völlig unterschiedlichen Leistungsständen befindet, machen allgemeine Erklärungen für alle nur selten Sinn, weil eine jede Erklärung auf Vorwissen aufbaut und auch dieses nicht bei allen voraussetzbar ist.

Mit drei Kindern übersetzte ich also „Stairway to Heaven“, mit einem anderen hörte ich den Text eines anderen Liedes und schrieb ihn auf, bevor wir ihn übersetzen konnten (das Internet war ausgefallen, deswegen konnten wir den Text nicht einfach heraussuchen und mussten ihn abtippen). Mit anderen schrieb ich Geschichten und besserte gemeinsam mit ihnen die Fehler aus. Für eine junge Schülerin, die immerhin das Wort „horse“ kannte, wurde ich eben zum Pferd, auf dem sie umherritt. Natürlich war ich ein englisches Pferd, das nur englische Befehle verstand, woraufhin sie dann einige englische Befehle lernen wollte. Zwei ältere Schülerinnen, mit denen ich einen Unfall und anschließenden Krankenwagentransport in englischer Sprache nachspielte, vergaßen offensichtlich irgendwann völlig, dass sie sich überhaupt auf Englisch unterhielten und gingen völlig in dem Rollenspiel auf.

Kaum lernen meine Schüler dabei die Vokabeln von 25 Tierarten auswendig, wie sie es innerhalb einer „Unit“ in einem Englisch-Buch lernen würden, um dann zu den nächsten 30 Vokabeln, die vielleicht mit „ghosts & castles“ zu tun haben, überzugehen. Sie lernen dabei zwar auch Vokabeln, aber sie lernen sie dabei je nach Notwendigkeit. Wenn ihnen Wörter fehlen, um eine Aussage zu treffen oder einen Satz zu verstehen, so werden sie sie eben nachschlagen und diese im Kontext speichern. Das Mädchen, das mich als Pferd gebrauchte, wird sich wohl nicht ein jedes der Vokabeln gemerkt haben, womit es mich mit „Go to the …“ geschickt hatte, aber sich vielleicht die Bedeutung der Phrase merken, und mit großer Sicherheit die zwei Phrasen “Go where? Go there!”, die ihr sichtlich großen Spaß gemacht haben. Diejenigen, die Stairway to heaven übersetzten, wissen nun, was der Text tatsächlich bedeutet.

Es geht mir um den Sinn des Gesagten, nicht um die perfekte Grammatik oder um eine möglichst große Anzahl an Vokabeln, die sie wörtlich übersetzen können. Denn Wörter übersetzen kann auch der Google Translator, aber den tiefen Sinn einer Aussage zu verstehen bzw. ihn zu vermitteln ist die Fähigkeit, die in einem Gespräch oder beim Lesen eines Textes tatsächlich ausschlaggebend ist. Eine Aussage ist wie ein kleines Rätsel, und die übersetzten Wörter Hinweise, aber noch nicht die Lösung. Spätestens bei Metaphern steht der wörtliche Übersetzer dann völlig vor einem Buch mit sieben Siegeln.

Keine Abkürzungen auf Kosten der Verantwortung

Es wäre durchaus eine schöne, wenn wohl auch unrealistische Vorstellung, eines Tages ein derart feines Gefühl für die Fähigkeiten meiner Schüler zu entwickeln, dass ich sie mit nur einem Blick dort abholen kann, wo sie sich gerade befinden. Die Realität sieht jedoch derzeit so aus, dass ich es bei einem jeden einzelnen meiner Schüler herausfinden muss, und da manche meiner Schüler erst noch herausfinden müssen, wie sie ihren Tag so organisieren, dass sie auch nicht vergessen, einen Kurs, für den sie sich interessieren, auch zu besuchen, dauert es beizeiten eine Weile, bis sich hier ein wirklich produktives Arbeiten einstellt.

Es ist ein Stück weit auch immer erst ein Abtasten, ob es der andere auch tatsächlich ernst meint mit der Intention, ihn zu seinem Besten zu führen und nicht nur zu dem, was der Lehrer für das Beste hält. Ein durchschnittlicher Schüler wurde schon so oft von wohlmeinenden Lehrern, die tatsächlich glaubten, ihnen etwas Gutes zu tun, indem sie den modernsten und angeblich „besten“ Methoden folgten, enttäuscht, dass es für ihn oft schwer ist, sich erneut einem Lehrer anzuvertrauen. Das ist schade, aber doch auch ebenso ein Teil der Realität, mit der wir uns als Lehrer auch befassen müssen.

Ich bringe also keine fertige Methode mit in meinen Kurs, sondern einen Freiraum, den wir jedes Mal aufs Neue mit dem füllen können, was wir an jenem Tag brauchen, um unser Englisch zu verbessern. Außerdem bringe ich einige bewährte Werkzeuge. Was damit dann auch tatsächlich passiert, liegt dann nicht mehr nur in meiner Hand, sondern in der Hand aller Beteiligten. Ich zwinge niemanden, etwas bestimmtes zu tun, das würde jegliche natürliche Autorität sofort völlig untergraben. Entweder entdeckt er selbst den Sinn der Sache, oder er vertraut mir genug, es auf Basis dieses Vertrauens zu versuchen. Beides benötigt Zeit und Raum für Experimente.

Auch wenns manchmal weh tun mag: Ich bin für das Übernehmen von Verantwortung für das, was ich tue, und für ein Übernehmen von Verantwortung von Schülern für das, was sie tun. Das dauert zwar manchmal dann eine Weile, bis sich erste sichtbare Ergebnisse zeigen (vor allem für den ungeübten Beobachter), doch es ist der Weg, der mir der wertvollste erscheint. Da kommt dann eben ein Schüler, der gerne Fußball spielen wollte, wütend zu mir und beschwert sich, warum ich ihn nicht erinnert habe, dass es schon nach der ausgemachten Zeit ist, und ich sage ihm dann eben, dass es seine Aufgabe sei, auf die Zeit zu achten. Eine Woche später schafft er es tatsächlich selbstständig und kommt wie ganz selbstverständlich, aber doch mit einem Zwinkern pünktlich. Andere brauchen dafür auch mehrere Wochen, was immer wieder zu Frustrationen bei allen Beteiligten führen kann. Und doch halte ich es langfristig für den besseren Weg, auch jungen Menschen das Recht auf ein gesundes Maß an Selbstverantwortung nicht vorzuenthalten.

Niklas

#26 Parkbänke

Wie jeden Tag besuchte er nach getaner Arbeit noch kurz den städtischen Park, um sich die Beine zu vertreten. Nach einer Runde um den kleinen Teich pflegte er dann seine Tasche zu öffnen, seine Zeitung herauszuholen und den Sportteil zu lesen, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte. Als er sich gerade hinsetzen wollte, bemerkte er, dass er sich auf etwas gesetzt haben musste. Es war ein kleines Schild mit sehr viel Text darauf. „Parkbank“ stand da in großen Buchstaben zu lesen, den Rest konnten seine alten Augen nicht mehr ohne Brille entziffern. „Da hätte ich trotz meines Alters kein Schild gebraucht, um das zu erkennen“, dachte er schmunzelnd. Hatte sich da jemand einen Scherz erlaubt? Er kramte in seiner Tasche nach der Lesebrille und fuhr fort:

Diese Bank ist Eigentum von Herrn Simon F. und wird Ihnen freundlicherweise zum Parken Ihres werten Gesäßes zur Verfügung gestellt. Da die beständige Pflege (Aufrechterhaltung der Hygiene, Neulackierungen usw.) eine verantwortungsvolle Aufgabe darstellt, wurde von dem gemeinnützigen Verein Parkbank e.V. einstimmig beschlossen, Parkgebühren für die Benutzung unserer Prachtstücke einzufordern.

Preise:
– 0,50€/Stunde*
– 3€/Tag
– 300€ als exklusives Angebot für unsere werten Dauernutzer**

* Sollten sie vorhaben, ein Nickerchen zu machen, bitten wir höflichst um die Verwendung der beigelegten grünen (umweltfreundlichen) Park-Uhr.

** auf Anfrage kann die Bank auch mit Ihrem Abbild und Namen reserviert werden. Keine kalten Nächte auf frostigem Boden mehr! DAS Angebot für Benutzer ohne festen Wohnsitz! Besuchen Sie unser Büro in der Elisabethstraße 12 und reservieren Sie jetzt!

Nicht zahlende Personen, die von unseren Mitarbeitern auf unseren Bänken angetroffen werden, müssen wir leider auffordern, sie für zahlende Gäste freizugeben. Sollte der Aufforderung nicht nachgegangen werden (etwa wegen zu hohem Alkoholspiegel oder Verständigungsproblemen), behalten wir uns das Recht vor, Sie kostenpflichtig von unseren professionellen Parkwächtern ab- bzw. fortschleppen zu lassen.

Wir wünschen Ihnen viel Freude an der Nutzung unseres Angebots und hoffen, Sie beehren uns baldigst wieder!

Ihr Parkbänke e.V.-Team

Er musste es zwei Mal lesen, um sicherzustellen, dass er sich da nicht verlesen hatte. Schlussendlich setzte er sich einfach auf die Bank, ohne zu zahlen. Als wenig später ein Parkwächter des Weges kam, um ihn darauf hinzuweisen, dass er die grüne Parkuhr nicht gestellt hätte, fragte er den Parkwächter, ob es sich dabei um einen schlechten Scherz handle, doch der winkte ab. Die Leute werden eben kreativ, wenn ihnen die Arbeit ausgeht, meinte er achselzuckend. Anfangs wird so etwas einfach ignoriert, meinte er, dann, wenn es mehr solche Bänke gibt, wird darüber gelächelt. Irgendwann, wenn immer mehr auf den Zug aufspringen, werden sie bekämpft. Und dann, irgendwann, finden sich die Leute damit ab. Das war doch mit den Wasserflaschen ebenso, wer hätte vor zwanzig Jahren Wasser in Flaschen gekauft, wo es doch günstig aus der Leitung kam? Heute setzen Sie sich einfach neben die Bank, aber was wenn ihnen jahrelang eingeredet wird, die Wiese um die Bank sei gefährlich, weil dort Bakterien lauern würden, die sie nicht sehen können? Dass nur die Bank ein sicherer Sitzplatz sei? Angst ist das beste Marketing, meinte er nur noch. Und Sie müssen entweder zahlen oder sich neben die Bank oder eine der freien setzen. Tut mir Leid, die Bank ist im Privatbesitz.

Also ging er, um eine freie Bank zu finden. Doch Parkbank e.V. dürfte wohl alle Bänke in dem Park erworben haben, denn überall sah er die grünen Parkuhren. Da er alt und müde vom Gehen war, setzte er sich eben auf eine der Bänke und zahlte die Gebühr für eine Stunde. Weil es lächerlich ist, redete er sich ein. Und doch tat er es. Würden nicht andere folgen? Was würde als nächstes privatisiert werden? Die Luft, die er atmete?

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Überlegungen zu einem sinnvollen Sprachunterricht

Gestern sprach ich mit einer Englischlehrerin über die Schwierigkeit, innerhalb einer Schule einen sinnvollen Sprachunterricht zu gestalten, welch Aufwand es vor allem für Lehranfänger bedeutete, all die einzelnen Stundenvorbereitungen neben der praktischen Arbeit zu schaffen, wie schwer und gleichzeitig möglicherweise unsinnig es war, Jahrespläne für das Sprachlernen so vieler Kinder im Voraus zu schreiben. Und mir fiel dazu eine alte Idee wieder ein, die mir im Zuge eines Seminars für Englisch-Lehrer an der Universität in Brasilien gekommen war, als es um das Lehren der für die Orientierung nötigen Wörter ging. Und wie sich dieses ursprünglich in diesem Kontext verwendete Konzept für das Erlernen aller möglicher Sprachen einsetzen ließe – mit einem Mindestmaß an außerschulischer Vorbereitungszeit und einem Maximum an Realitätsbezug. In der hier vorgestellten Form habe ich es noch nicht in der Praxis ausprobiert, aber es erscheint mir so logisch und gleichzeitig simpel, dass es fast funktionieren muss.

Interessante Situationen

Ein großes Problem im Sprachen lernen ist es ja oft, dass die in den Sprachlehrbüchern vorgefunden Situationen im Regelfall völlig uninteressant sind. Jemand besucht London, alle sind glücklich, es passiert nichts, was uns die gleiche Geschichte auf Deutsch lesen lassen würde. Ebenso sind die verwendeten Dialoge oft ziemlich unrealistisch gestaltet, und sie nachzusprechen hilft den Schülern (was ich in meiner Tätigkeit als Nachhilfelehrer erkennen konnte) nicht sonderlich, ein freies Gespräch zu führen, sobald der Gesprächspartner von den vorgegebenen Dialogen abweicht – und wer ent-spricht schon den Dialogen eines Schulbuches?

In unserer Methode soll es also gelingen, Situationen zu schaffen und Geschichten zu erzählen, die einerseits tatsächlich und nicht nur aufgrund des Sprachlernens interessant sind, und die dazu führen, dass sich unsere Schüler auch in ähnlichen oder ganz neuen Situationen zurechtfinden können. Die einfachste Möglichkeit, dies zu erreichen, ist dem Sprachlernen eine politische Komponente zu gewähren: das, was ich tue, was ich sage, hat tatsächlich Auswirkungen auf meine Umwelt. Sprache wird dabei zu einem Medium, einem Werkzeug, nicht zum Selbstzweck. Entgegen der üblichen Lehrerlogik führt dies in meiner Erfahrung dazu, dass in kürzester Zeit enorme Fortschritte erzielt werden.

Sprache als Werkzeug, nicht als Selbstzweck

Während mich der Schul-Englisch-Unterricht kaum je interessiert hat, habe ich in meiner Freizeit, – unterstützt durch meinen Bruder – angefangen, englische Lied-Texte zu übersetzen, um zu verstehen, was ich da eigentlich ständig nachsinge, habe englische Filme gesehen und entdeckt, dass es im englischen Sprachraum Dinge gibt, die mir im deutschen verwehrt bleiben. Später habe ich viele Computerspiele, Brettspiele auf Englisch gespielt, mich in englischen Foren herumgetrieben, entdeckt, wie viele Bücher es in .pdf-Form auf Englisch im Internet zu finden gibt, und wie spannend die Erzählungen von (oft englischsprachigen) Reisenden und Couchsurfern für mein eigenes Leben waren. Nicht nur habe ich mir dabei kaum jemals vorgenommen, Englisch zu lernen, nachdem ich in Brasilien auf dieselbe Methode Portugiesisch gelernt (und den Sprachkurs als sinnlos empfunden) habe, habe ich sogar entdeckt, dass ich Sprachen gar nicht bewusst (wie in der Schule verlangt) lernen kann.

Die folgende Methode ist dementsprechend abgeleitet von meinen Bedürfnissen des Sprachlernens und muss nicht für alle Menschen gleich gut funktionieren. Nichtsdestotrotz ist meine Englisch-Lehrerin der Oberstufe damals an mir verzweifelt, weil ich ihr regelmäßig beweisen konnte, dass ihr mein Englisch bereits voraus war und ich ihr fast immer, wenn sie mir Fehler anstrich, beweisen konnte, dass nicht ich, sondern sie dabei einen Fehler gemacht hatte. Es geht mir dabei nicht darum, meine Englisch-Lehrerin schlecht zu machen, sondern zu zeigen, wie effektiv dieses “sinnvolle” Lernen sein kann.

Materialvoraussetzungen

Das dazu benötigte Material stellt eine große leere Fläche dar, es kann auch eine Wand sein. Darauf können die Schüler eine Stadt einzeichnen, mit Straßen, Gebäuden, Institutionen und so weiter, am besten mit Bleistift und nur einen Teil der Fläche ausfüllend, vielleicht eine Art von Start-Dorf. Ausgehend von dieser kleinen Stadt können nun eine unendliche Anzahl an Situationen abgeleitet, durchgespielt und die Ergebnisse der Situationen wiederum in die Stadt eingezeichnet werden, um den aktuellen Stand der Geschichte festzuhalten.

Wir schreiben Geschichte

So könnte beispielsweise eine Lehrkraft die Idee haben, dass an einer bestimmten Kreuzung ein Unfall passiert sei, und die Schüler spielen die Situation nach. Ein Arzt muss gerufen werden, dem erklärt werden, was passiert sei, und so weiter, alles in der Sprache, die eben für die Stadt festgelegt ist. Oder die Bewohner der Stadt fühlen sich nicht wohl und verlangen nach mehr Grünflächen, demonstrieren vor dem Rathaus – wie verhält sich der Bürgermeister? Eine Fabrik verschmutzt den nahegelegenen Fluss – welche Auswirkungen hat es auf das Leben der Menschen? Eine neue Erfindung verändert das Leben der Menschen, die Raumfahrt ist für den Durchschnittsbürger leistbar geworden. Welche Auswirkungen hat es auf die Stadt? Mexikanische Asylwerber klopfen an die Tore der Stadt, um aufgenommen zu werden. Wie nehmen die Stadtbewohner sie auf? Verschiedene Sprachen und Verständnisschwierigkeiten können eingebunden werden, auch deutsche Bereiche/Städte. Die Orientierung in der Stadt wird zu schwer, weil sie zu groß wird, wie die Straßen benennen? Welche Geschichte haben die Straßennamen? Je nachdem, wie die Situationen ausgehen, verändert sich die Stadt entsprechend.

Dadurch, dass es sich um (fantastische) Situationen handelt, die jedoch in einen geschichtlichen Verlauf eingebettet sind, der sich aus den vorherigen Situationen ergibt, ergibt sich ein gewisses Maß an Verantwortung, an politscher Relevanz. Die Figuren sind mit der Zeit bekannt, leben ihre Leben wie Romanfiguren, die man liebgewinnt und mit denen man sich identifizieren kann. Man könnte auch andenken, dass die erlebten Situationen mit ihren Folgen für die Stadt schriftlich festgehalten werden, damit auch alle anderen „Mitspieler“ nachvollziehen können, warum etwa neue Gebäude hinzukommen oder andere Veränderungen stattfinden.

Auch andere „Städte“ könnten über die Geschehnisse der verschiedenen Städte berichten und damit wieder komplexe Folgen nach sich ziehen, die man kaum isoliert mit Schülern besprechen könnte, etwa die Problematik der Wahrheit von Informationen: Betrügt ein staatlicher Fernsehsender seine Bevölkerung um die Wahrheit? Warum schreiben „ausländische“ Zeitungen andere Dinge als die „unseren“? Welche Auswirkungen hat dies auf das Vertrauen in die Regierung? Keine unwichtigen Themen, wenn man die Situation etwa in der Türkei betrachtet, und nebenbei ein weiterer Grund, mehr als eine Sprache zu lernen, um mehrere Perspektiven auf die Wahrheit zu erhalten.

In der Schule, in der ich nun ab Herbst arbeiten werde, wurden auch häufig Rollenspiele ähnlichem Muster, teilweise sogar eine Art von Live-Rollenspielen aufgeführt. Die obige Beschreibung mit modernen Städten ist natürlich ebenso denkbar mit mittelalterlichen Fantasy-Städten, Burgen und Drachen. Nachdem ich jahrelang Magic: The Gathering, ein Kartenspiel gespielt habe, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen, wie effektiv auch das Erforschen und Erspielen von Fantasy-Welten für die Ausbildung von Sprachkenntnissen sein können.

Natürliches Sprachlernen vs. Grammatik

All diese Vorschläge sollen nicht den Eindruck erwecken, dass ein gewisses grammatikalisches Grundwissen nicht sinnvoll sein kann, um eine Sprache zu erlernen. Aber in meiner Erfahrung ist grammatikalisches Wissen alleine wertlos, weil es eher dazu führt, dass vor jedem Satz noch nachgedacht wird, ob dieser Satz wohl grammatikalisch korrekt ist, anstatt einfach zu sprechen und zu versuchen, dem Gesprächspartner den Sinn der Aussage zu übermitteln, was für mich ja die eigentliche Hauptfunktion einer jeden Sprache ist. Grammatik kann eine Abkürzung zur Erreichung dieses Ziels – der Kommunikation von Sinn-Zusammenhängen – darstellen, aber nicht den Endzweck.

Aus dem Problem, eine Meinung, einen Willen dem anderen verständlich zu machen, ergibt sich erst das Bedürfnis, vom anderen verstanden zu werden und dementsprechenden Konventionen zu folgen: einem Mindestmaß an Grammatik und gemeinsamen Wortschatz. Wenn erkannt wird, dass der andere nicht oder missversteht, entsteht erst der Wunsch, das Verständnis durch die Nutzung gemeinsamer Sprachregeln zu verbessern. Dazu muss mir jedoch erst wichtig sein, dass der andere mich versteht. Und dann ist das Angebot erfahrener Menschen oder Lehrer auch willkommen, da ein paar (grammatikalische) Tricks zu lehren.

Niklas