Weil ich nun bereits mehrmals darauf angesprochen worden bin, wie Google Webseiten ordnet: Hier findest du Informationen darĂŒber, wie das Google-Ranking funktioniert, einfach erklĂ€rt.

Die Wahrheit ist: niemand weiß es so ganz genau. Der Algorithmus selbst ist geheim, und er wird auch stĂ€ndig verĂ€ndert.

Da Platz 1 in den Suchergebnissen sehr begehrt ist, konkurrieren sehr viele darum. Immer wieder kommt es vor, dass jemand einen Trick herausfindet, wie er den Algorithmus ĂŒberlisten kann. Bemerkt Google das Schlupfloch, wird versucht, es zu beseitigen. Bis findige Leute das nĂ€chste finden.

Abgesehen von jenen so nicht vorgesehenen Schlupflöchern gibt es jedoch zahlreiche Kriterien, nach denen Google vermutlich (!) Suchergebnisse reiht. FĂŒr jene, die es genau wissen wollen, hier eine recht ausfĂŒhrliche Liste an Kriterien auf Englisch.

bunterrichten in der Google-SucheWarum wird diese Seite noch nicht ganz oben gereiht? Im Artikel findet sich die Antwort..

Dieser Artikel hier soll jedoch eine auch fĂŒr den AnfĂ€nger verstĂ€ndliche Übersicht bieten worauf man achten kann und sollte. Ich werde versuchen, Fachvokabular zu vermeiden oder zu erklĂ€ren. Falls ich doch aus alter Gewohnheit unverstĂ€ndliche Wörter/Konzepte benutze, bitte einfach mit Hilfe der Kommentarfunktion (oder per Mail an mich) nachfragen. Ich versuche das dann zu korrigieren.

Der Artikel wird etwas lĂ€nger werden, aber hoffentlich trotzdem einfach und verstĂ€ndlich. Zuallererst werde ich versuchen zu beschreiben was der Google-Algorithmus fĂŒr Google erreichen soll. Wer das verstanden hat, fĂŒr den wird der Rest besser nachvollziehbar sein. Dann werde ich einige ĂŒbergeordnete Kriterien beschreiben, nach denen das Google-Ranking stattfindet.

1. Was will Google mit dem Google-Ranking erreichen?

Google ist ein gewinnorientiertes Unternehmen. Es erzielt seinen Gewinn unter anderem mit Werbe-Einnahmen. Andere Unternehmen bezahlen Google dafĂŒr, dass sie in Suchergebnissen weiter nach oben gereiht (und damit gefunden) werden.

Das funktioniert aber nur so lange gut, wie auch der Großteil der Nutzer Google weiter benĂŒtzt. Daher hat Google ein Interesse, dafĂŒr zu sorgen, dass seine Nutzer auch das finden, was sie finden wollen. Deswegen versucht der Google-Algorithmus diese Funktion auch möglichst gut zu erfĂŒllen. Es ist fĂŒr das Unternehmen langfristig ĂŒberlebenswichtig.

Daraus leiten sich auch einige Kriterien ab, nach denen der Algorithmus Webseiten reiht.

2. Was beeinflusst mein Google-Ranking?

Der Algorithmus selbst bezieht unzĂ€hlige Kriterien ein. Auf den Großteil davon werde ich hier im Sinne der Lesbarkeit fĂŒr Laien nicht eingehen. Die folgenden dĂŒrften aber auch fĂŒr AnfĂ€nger in der Materie nachvollziehbar sein:

  • Ergebnis entspricht Suche
  • Lesbarkeit
  • AktualitĂ€t
  • Verlinkung
  • Domain-Tiefe
  • QualitĂ€t/Verbleibezeit
  • Sicherheit

2.1 Das Ergebnis entspricht der Suche

Ein Nutzer, der nach “bunterrichten” sucht, wird wohl kaum zufrieden sein, wenn das erste Ergebnis der Suche ein Auto-Angebot sein wird. Aber wie erkennt Google, dass eine bestimmte Seite wahrscheinlich zur Suchanfrage passt?

Google zerteilt die eingegebenen Suchwörter in Wörter und Satzteile, und sucht nach diesen separat. Wer z.B. “bunterrichten Niklas BaumgĂ€rtler” eingibt, erhĂ€lt mehrere Suchbegriffe, nach denen Google dann tatsĂ€chlich in möglicherweise passenden Seiten sucht:

  • “bunterrichten”
  • “Niklas”
  • “BaumgĂ€rtler”
  • “bunterrichten Niklas”
  • “Niklas BaumgĂ€rtler”
  • “bunterrichten BaumgĂ€rtler”
  • “bunterrichten Niklas BaumgĂ€rtler”

Außerdem noch zahlreiche Synonyme und KorrekturvorschlĂ€ge, falls Google annimmt, dass man sich womöglich verschrieben hat. So ist “bunterrichten” beispielsweise eine Wortschöpfung von mir. Deswegen schlĂ€gt Google mir gerne vor “Meinten sie: unterrichten?”

Wenn mehrere zusammenhĂ€ngende Worte als Suchbegriff (z.B. “Niklas BaumgĂ€rtler”) zusammen in einer zu durchsuchenden Webseite auftauchen, zĂ€hlen diese mehr als ob unabhĂ€ngig voneinander einmal “Niklas” und einmal “BaumgĂ€rtler” auftauchen.

Je öfter die Suchbegriffe, Such-Phrasen bzw. Google bekannte Synonyme in einer einzelnen Webseite auftauchen, fĂŒr desto wahrscheinlicher hĂ€lt Google es, dass diese Seite dem Suchwunsch des Nutzers entspricht.

Wenn diese Suchbegriffe etc. an besonderen Stellen vorkommen, zÀhlen sie mehr:

  • Domain-Name (hier z.B. www.bunterrichten.com, da wird “bunterrichten” wohl erwartet)
  • Link-Pfad (z.B. “Wie kann ich mein Google-Ranking verbessern” fĂŒr diesen Artikel)
  • Überschriften: h1, h2, h3, …
  • Erster Absatz einer Seite
  • Fetter oder kursiver Text
  • Meta-Beschreibung einer Unterseite (lĂ€sst sich in WordPress z.B. ĂŒber Plugins wie YoastSEO relativ einfach definieren)

Überschrift im QuellcodeDie Überschrift ist im Quellcode in h1-Tags umschlossen.
Dadurch sind die darin vorkommenden Wörter “mehr wert”.

(Den Quellcode findet man auf jeder Webseite mit Rechtsklick und “Seitenquelltext anzeigen” )

Achtung: Wer es mit der Optimierung diesbezĂŒglich ĂŒbertreibt, wird von Google dafĂŒr mit schlechterem Ranking abgestraft. Außerdem sollen die Inhalte ja auch noch fĂŒr Menschen, die sie dann lesen, Sinn ergeben.

LĂ€nderspezifische Domains (z.B. .at fĂŒr Österreich) können fĂŒr Österreich-spezifische Suchen ein Vorteil sein. Sonst nicht. Im Idealfall hĂ€lt man aber zumindest auch (!) die .com-Variante.

2.2 Lesbarkeit

Es ist nicht 100%ig klar, wie Google die Lesbarkeit einer Seite einschÀtzt. Trotzdem hier einige Vermutungen:

  • Mobile Version: sieht man ĂŒber Handy, Tablet etc. auch alles Relevante?
  • Versteckte Elemente: sind bestimmte Inhalte nicht gleich sichtbar?
  • Alt-Texte bei Bildern: ohne diese kann Google Bilder nicht zuordnen, und Blinde können sich Bildbeschreibungen nicht vorlesen lassen
  • Inhaltsverzeichnisse bei lĂ€ngeren Artikeln
  • Rechtschreibung
  • Schwierigkeit des Textes: SatzlĂ€nge, … (auch hier hilft das Plugin YoastSEO bei der EinschĂ€tzung. Es ist allerdings nicht klar, wie sich dieses Kriterium auswirkt)

LesbarkeitYoastSEO hĂ€lt den Artikel fĂŒr gut lesbar. Kommt bei mir selten vor. Umso mehr freue ich mich!

2.3 AktualitÀt

Google geht grundsÀtzlich davon aus, dass neuere Webseiten aktuellere und damit relevantere Informationen bereitstellen. Was dabei u.A. eine Rolle spielt:

  • Erstveröffentlichung der Seite
  • Letzte Aktualisierung
  • HĂ€ufigkeit der Aktualisierung
  • Wie viel wurde aktualisiert
  • Wer hat aktualisiert: der Seiteninhaber oder war es Interaktion durch andere Nutzer?

2.4 Verlinkung

Eine einzelne Inhalts-Seite steht ja im Normalfall nicht alleine im Internet da, sondern ist Teil eines kleinen Netzwerkes (z.B. alle Unter-Seiten hier auf www.bunterrichten.com). Dieses kleine Netzwerk ist wiederum Teil eines noch viel grĂ¶ĂŸeren Netzwerkes (eben dem Internet).

Die “Pfade” zwischen diesen vielen Seiten werden Links genannt. Von denen gibt es 4 Arten:

  • auf andere Bereiche der selben Unterseite selbst, z.B. die Inhaltsverzeichnis-Links auf einer Seite.
  • innerhalb einer Domain, z.B. zwischen Unterseiten auf www.bunterrichten.com
  • von einer Domain nach außen (“Outbound Links“), z.B. von hier auf derStandard.at
  • von außen zu Unterseiten der eigenen Domain (“Inbound Links“), z.B. von derStandard.at zu hier

Eine einzelne Seite wird von Google dann als hochwertig eingeschÀtzt, wenn sie stark mit anderen Seiten verlinkt ist. Eine starke Verlinkung innerhalb der eigenen Domain zeigt Google, dass sich die gesamte Domain ungefÀhr mit diesem Thema befasst.

Eine starke Verlinkung nach außen zu passenden (!) Seiten anderer Domains zeigt Google, dass man ĂŒber den eigenen Teller-Rand hinausblicken kann.

Wirklich wertvoll sind jedoch die sogenannten “Inbound-Links”, also z.B. ein Link, ausgehend von einem Standard-Artikel, zu der eigenen Unterseite.

Auch relevant: Google berechnet daraus fĂŒr jede einzelne Seite und die ganze Domain, auf der sich diese Unterseite findet, einen “AutoritĂ€ts-Faktor”. Dieser berechnet, welches “Gewicht” eine Domain im Internet hat. Eine Seite wie derStandard z.B. hat mehr “Gewicht” als eine neue Visitenkarten-Homepage eines noch unbekannten Unternehmers. Ein Backlink von einer Seite mit mehr “Gewicht” ist mehr wert.

2.5 Domain-Tiefe

Die Domain-Tiefe kann man umschreiben mit der Anzahl der Unterseiten einer Webseite.

Eine Webseite/Domain, die nur aus einer einzigen Unterseite besteht (z.B. der Kontakt-Adresse und einer kurzen Selbstbeschreibung eines Unternehmers), hat eine sehr geringe “Tiefe“.

Meine Webseite hier, www.bunterrichten.com, mit ĂŒber 1500 A4-Seiten an Text und Hunderten Artikeln, hat hingegen eine sehr große Domain-Tiefe.

tiefeOha, auf bunterrichten.com finden sich 413 BeitrÀge (Artikel + Geschichten)!

Google geht davon aus, dass eine Domain im Allgemeinen umso relevanter fĂŒr Nutzer ist, je mehr sich auf ihr findet. Im Idealfall auch zu verwandten Suchanfragen.

Deswegen ist es auch ziemlich schlau, z.B. einen Blog anzulegen und in die eigene Seite zu integrieren. So entsteht mit der Zeit automatisch eine grĂ¶ĂŸere Domain-Tiefe, weil jeder Blog-Artikel ja auch eine eigene Unterseite darstellt. Wie oft/regelmĂ€ĂŸig dieser erscheint, ist dafĂŒr nicht relevant.

2.6 QualitÀt/Verbleibe-Zeit

Wie misst Google die QualitĂ€t einer Zielseite? Einerseits im “Eingangsbereich” der Seite durch die sogenannte CTR (“Click through rate”). Wenn die eigene Seite in den Google-Suchergebnissen dem Nutzer angezeigt werden und er draufklickt, gibt das den ersten Bonus.

Da die meisten Webseiten das Statistik-Tool Google-Analytics installiert haben, kann Google auch mitverfolgen:

  • wie lange ein Nutzer auf einer einzelnen Unterseite bleibt (“Verbleib auf Seite“)
  • wie lange ein Nutzer insgesamt auf der Domain bleibt (“Sitzungsdauer“)
  • Die Seiten-Ladezeit (ist sie sehr lang, gibt das Minuspunkte)

Ist eines oder beides der ersten beiden sehr kurz (z.b. nur 3 Sekunden lang), geht Google davon aus, dass

  • die Ergebnis-Seite inhaltlich nicht dem Nutzerwunsch entsprochen hat
  • die Ergebnisseite zwar inhaltlich entsprochen, aber qualitativ enttĂ€uscht hat

Bleibt ein Nutzer lÀnger auf einer besuchten Seite, geht Google dagegen tendenziell von einer hoher Passgenauigkeit und QualitÀt des Beitrages aus.

Google AnalyticsAha! Google sieht: Besucher verbleiben im Durchschnitt 3min auf einer Unterseite und 3-4min  insgesamt. Offensichtlich finden Nutzer hier etwas Interessantes vor!

Wenn den Besucher interaktive Elemente auf einer Seite erwarten, z.B. ein WĂ€hrungsrechner, ein Psychotest, ein Spiel oder ein Community-Bereich, steigt tendenziell die Verweildauer..

2.7 Sicherheit

Google hat keine Freude daran, wenn jemand ĂŒber die Google-Suche auf eine Seite gelangt, die diesem Jemand Schaden zufĂŒgt. Oder umgekehrt: ein Interesse daran, dass der Nutzer vor bösartigen Absichten geschĂŒtzt wird. Deswegen gibt es

  • Pluspunkte fĂŒr Webseiten, die ein https://-Protokoll verwenden (VerschlĂŒsselte Übertragung)
  • Pluspunkte fĂŒr Webseiten, die leicht aufzufindende und sinnvolle AGBs, Datenschutzbestimmungen, Über mich, Kontakt etc. aufweisen
  • Minus-Punkte fĂŒr Webseiten, die nervige PopUps, Werbung etc. fĂŒhren
  • Große Minus-Punkte fĂŒr automatische Weiterleitungen, die vom Nutzer nicht beabsichtigt sind
  • Bewertungen: Mittlerweile wieder leichter zu fĂ€lschen, daher fraglich, wie viel diese sich noch auswirken

https-ProtokollHat eine Webseite ein https://-Protokoll, kann man dies in der Adresszeile sehen. www.bunterrichten.com ist da vorbildlich.

Ganz allgemein kann man sagen: Alles, was Google verdĂ€chtig vorkommen könnte, fĂŒhrt zu schlechterem Ranking.

3. Abschließende Bemerkungen

Dies war eine kurze und hoffentlich auch fĂŒr den Laien verstĂ€ndliche Übersicht ĂŒber Kriterien, die das Google-Ranking einer Seite “auf natĂŒrlichem Wege” beeinflussen können. Wer diese beachtet, hat bessere Chancen, bei einer Google-Suche gefunden zu werden.

Bei aller Suchmaschinen-Optimierung gilt es jedoch auch zu beachten, dass die Inhalte, die auf diese Art aufgerufen werden, dann auch dem menschlichen Besucher gefallen/ihn weiterbringen sollen. Es nĂŒtzt nicht viel, wenn man zwar gefunden wird, aber der Besucher dann vom Gefundenen enttĂ€uscht ist.

Deshalb ist SEO (Search Engine Optimization, Suchmaschinenoptimierung) zwar wichtig, aber mit Vorsicht einzusetzen. Und nicht alles, was technisch möglich und legal ist, macht auch nachhaltig Sinn. So können etwa Bewertungen gefÀlscht werden. Oder zusÀtzliche Webseiten aufgesetzt, die nur dem Zweck dienen, der eigenen Haupt-Webseite zusÀtzliche Backlinks zu generieren.

Leider wird es mit jedem, der sich dazu hinreißen lĂ€sst, schwieriger fĂŒr “ehrliche Mitbewerber” um die besten PlĂ€tze im Google-Ranking.

Aber es gibt Alternativen dazu. Weil dieser Artikel auch so schon lang genug ist, werde ich diese in einem spĂ€teren Artikel beschreiben. Wer den nicht verpassen möchte, kann sich gerne in den Newsletter rechts eintragen (oder falls du das ĂŒbers Handy liest: oben auf den Kompass klicken).

Falls noch Fragen offen bleiben (oder ich z.B. versehentlich doch zu viele Fachbegriffe verwendet habe): Kontaktiert mich gerne per Kommentar hier oder per Mail. Ich versuche es dann noch zu klÀren.

Niklas

Es gibt so Punkte, denkt er, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Die nicht vorgesehen sind in so einem Leben. Da hat sich tatsĂ€chlich noch niemand jemals Gedanken darĂŒber gemacht, was an jenen Punkten dann zu tun ist. Da hat man weggeschaut, sie weggewĂŒnscht, und nachdem jahrzehntelang alle vorbeigelaufen sind an jenen Punkten, hat man eben angenommen, dass sie auch tatsĂ€chlich unerreichbar sind. Und plötzlich steht man da, inmitten der vorbeiströmenden Massen, die einen gar nicht wahrnehmen können (immerhin kann es erfahrungsgemĂ€ĂŸ gar nicht vorkommen, dass da jemand steht), an einem jener Punkte. Und wenn man Pech hat, hat man sich schon umgeschaut, bevor man die Gefahr erkennen kann. Und mit einem Mal merkt man, dass man nicht nur an einem Punkt angekommen ist, von dem die meisten sich einreden, dass er gar nicht existiert. Einen unachtsamen Moment spĂ€ter ist es schon um einen geschehen, und man hat einen Blick dafĂŒr entwickelt, wo sich noch weitere jener Punkte verstecken mögen.

Dabei hat er es im Grunde niemals darauf angelegt, auszubrechen aus dem stetigen Strömen der Massen. Im Gegenteil, immer hat er sich bemĂŒht, ein guter Junge zu sein. Er hat stets seine HausĂŒbung gemacht, nie gelogen, war immer pĂŒnktlich und zuvorkommend. So ist er im Leben weitergekommen, wie man es eben so macht, wenn man in der Moderne lebt.  Irgendwann ist er im Leben dann auch angestanden. „Seinen Platz in der Gesellschaft finden“ nennen sie es, und fĂŒr eine Weile hat es sich auch ganz gut angefĂŒhlt, mal auch wo anzukommen. Wenn er nur seinen verfluchten Geist unter Kontrolle gehabt hĂ€tte, wĂ€re er heute noch an seinem ihm zugedachten Platz. Ein wenig glĂŒcklich, ein wenig unglĂŒcklich, in schönem Ausgleich. Eine weitere angenehme, neutrale Null im Nullsummenspiel des Lebens.

Und doch, in einem unaufmerksamen Augenblick, hat er seinen Geist schweifen lassen, sie gesehen, die UnregelmĂ€ĂŸigkeit. Und anstatt daran vorbeizugehen und sie schleunigst zu vergessen, wie es fĂŒr Menschen wie ihn vorgesehen ist, ist er stehengeblieben und hat sie untersucht. Hat den Punkt entdeckt, an dem er jetzt steht. Die Architekten haben sich schon etwas dabei gedacht, das Leben anstrengend und stressig genug zu machen, so dass man ĂŒblicherweise gar nicht die Zeit findet, groß auf die Umgebung zu achten. Er ist sich sicher, dass alles zum Besten der Menschheit geplant ist. Niemand kann gern an jenem Ort verweilen, an dem er sich befindet. Niemand kann gern Freude daran empfinden, zu sehen, was er nun sehen kann.

Die Geschichte, die sie ihm erzĂ€hlt haben, die sie allen erzĂ€hlt haben, in der Schule, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen und in jedem zwanglosen GesprĂ€ch – es sind gute Geschichten. Übersichtlich. Klar. Geordnet. Es schmerzt ihn, hinter ihre Fassaden zu blicken und zu entdecken, dass sie am Ende immer nur Fassade waren, nur tote Buchstaben auf Papier, das Chaos, die Gier und die Gewalt des Lebens vor ungeschĂŒtzten Augen versteckend. Vor seinem geistigen Auge erlebt er sein bisheriges Leben erneut, entdeckt nun mit geschĂ€rftem Blick weitere UnregelmĂ€ĂŸigkeiten. Betritt weitere einst aufgegebene Punkte der Wahrnehmung. So sehr er sich mĂŒht, zurĂŒckzutreten, das Gesehene aus seiner Erinnerung zu löschen, es brennt sich in seinen Geist, ĂŒberschreibt die Fassaden mit einem grĂ¶ĂŸeren Ganzen. In einem Moment des geistigen Erwachens erkennt er, dass es keine Entscheidung mehr ist, weiterzumachen, im Grunde nie eine war. Die Wahrheit kann verdrĂ€ngt werden, zugedeckt, aber sie versteckt sich irgendwo dort draußen, wartend, lauernd auf den unachtsamen Wanderer. Doch hat sie erst einmal Einlass gefunden in den unvorsichtigen Geist, ist man ihr auf immer verfallen.

Mittlerweile ist er wahrgenommen worden von jenen, die zwischen den Punkten zuhause sind und die Massen vor der grausigen Wahrheit ihres Seins zu schĂŒtzen wissen. Sie beobachten ihn aus einiger Entfernung, unsicher, wie er sich wohl zu erkennen geben wird. Wird er einer von ihnen werden, mit der edlen Aufgabe betraut, die Wahrheit in Zaum zu halten, auf dass ein gutes Leben der Vielen möglich scheine? Oder wird er einer jener hoffnungsvollen Rebellen sein, die es der Menschheit zutrauen, ihr eigenes Spiegelbild zu ertragen, nur um dann enttĂ€uscht feststellen zu mĂŒssen, dass die Menschheit nicht dafĂŒr bereit ist, war und immer sein wird? Kann er einer der ihren werden? Wird er wohl einer der ihren werden?

Schattenhaft umschleichen sie ihn, suchen nach UnregelmĂ€ĂŸigkeiten, anhand derer sie ihn durchschauen, festmachen können. Werden fĂŒndig, selbst verunsichert, beschließen, dass er vertrieben werden muss, doch wohin kann er jetzt noch gehen? UnschlĂŒssig bleibt er also, wo er sich befindet. Sie bauen ihm einen Weg nach Hause, doch er spĂŒrt, dass er ihn nicht gehen kann, ausziehen muss, ein neues Zuhause fĂŒr sich zu finden. Sie können ihm nicht helfen, so eine Suche ist nicht vorgesehen. Wer die Punkte erreicht, wird einer von ihnen werden. Das ist gut, das ist vorhersehbar. Keine Sonderwege, keine ExtrawĂŒrste. Es gibt schließlich noch GesetzmĂ€ĂŸigkeiten hinter den offiziellen Gesetzen, an die man sich dann am Ende doch zu halten hat. Es gibt so Punkte, denkt er erneut, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Aber wenn ich nun schon mal hier bin…

Und endlich, nach langer Wanderschaft, erreicht er den einen Punkt, an dem alles begonnen hat. „Hallo?“, fragt er in die Leere, „Ist da jemand?“, und es hallt ein wenig, denn die Leere im Anfang ist absolut. „Wo bin ich hier?“

Doch im Grunde spĂŒrt er tief in sich die Erinnerung an jenen fernen Punkt in Raum und Zeit, von dem alles ausging und zu dem alles einst zurĂŒckstreben wird, an dem alles möglich ist und gerade deswegen nichts sein kann. Und dann, sich einlassend auf das allumfassende Nichts, kann er die Welt endlich wieder ertragen. Kann all jene Punkte, all jene UnregelmĂ€ĂŸigkeiten in eine noch grĂ¶ĂŸere RegelmĂ€ĂŸigkeit und Ordnung integrieren. Kehrt zurĂŒck zu jenen ausgetretenen Pfaden, begegnet endlich wieder Menschen. „Werde einer von von uns!“, wird ihm angeboten, in Tausend Formen und Zeiten. Bekenne dich ebenso als Muslim, als Zeuge, als Lehrer, als Mann, als Mensch!

Doch wozu sich bekennen, wozu sich kĂŒnstlich trennen vom Un-Bekannten? Es gibt so Punkte, an die sollte man wohl eigentlich gar nicht kommen, denkt er zum dritten Mal, wĂ€hrend sie ihn umringen, ihn auf ihre jeweilige „richtige“ Seite zu ziehen. Die Welt wird so durchschaubar.

Am Ende geht er zu einem alten Mann, der nichts von ihm zu wollen scheint, und lÀsst die um seine Seele streitenden hinter sich.
„Was willst du?“, fragt ihn der Alte.
„Gute Frage“, antwortet er.
„Die schwierigste von allen“, stimmt der Alte zu.

Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzĂ€hlen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmĂ€ĂŸig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mĂ€ĂŸiger wurde.  Die Wiederholungen hĂ€uften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile fĂŒr jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie fĂŒr sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie wĂŒrde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen mĂŒssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem GesprÀch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden KrÀften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne fĂŒr ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre GefĂŒhle könnten verletzt werden, wenn man ihr das GefĂŒhl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschĂ€tzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts fĂŒr sie tun konnten.

Am nĂ€chsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon lĂ€nger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk fĂŒr sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverĂ€ndert zu sein. Und doch fĂŒhlte es sich anders an – genauer gesagt fĂŒhlte es sich nicht an. Sie war taub gegenĂŒber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fĂŒhlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fĂŒhlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amĂŒsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen ĂŒber die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein StĂŒck ertrĂ€glicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich fĂŒr Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlĂ€ssigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen fĂŒr das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein StĂŒck Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genĂŒge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dĂŒrfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so ĂŒblich war – am Ende nicht gewagt.

Der Mensch entscheidet im Grunde rational. Berechnend. Aufgrund der ihm zur VerfĂŒgung stehenden Informationen vergleicht er die Konsequenzen der ihm möglichen Handlungen und entscheidet sich fĂŒr die wertvollste Variante. Er betrachtet seine HĂ€nde. Zehn Finger. Betrachtet sein Gesicht. Zwei blaugraue Augen, die leichte Höckernase, die schmalen Lippen. Die rudimentĂ€re Brustbehaarung und die rassentypische Kopf- wie Bartbehaarung. Definitiv Mensch. Betrachtet seine Bank-Karte, den Inhalt seiner Geldtasche, seiner Gedanken. Definitiv Geld. Ein Homo Oeconomicus, wie er im Buche steht. Die BĂŒcher haben also Recht.

Nun sitzt er da, auf seinem Stuhl, den er geschenkt bekommen hat. Gekauft hĂ€tte er sich den selbst niemals, denn er grenzt fast an Kunst, und Kunst ist bekanntlich teuer. Die Arme auf dem leicht wackeligen Tisch, den er aus dem SperrmĂŒll hat und selbst zusammenschrauben wollte. Das war fĂŒrchterlich irrational gewesen, aber auch schon lĂ€nger her. Die zwei Stunden hĂ€tte er besser damit verbringen können, Geld zu verdienen, um sich einen vernĂŒnftigen Tisch zu kaufen, der nicht wackelt. Nun ist es jedes Mal ein Drahtseilakt, sich ein Brot runterzuschneiden, ohne dabei gleich das Wasser der Tasse zum Überlaufen zu bringen. Vielleicht liegt das ja auch an den ungeschliffenen Messern. Vermutlich wĂ€re es auch rational betrachtet schlauer, die mal schleifen zu lassen, anstatt stĂ€ndig wertvolle Sekunden zu opfern, sich sein Brot sanft runterzuschneiden. Aber dazu fehlt’s dann wieder an Geld. Ist so ‘ne Sache mit dem Homo Oeconomicus und dem rationalen Denken: am Ende fehlt’s fast immer an Geld. Ein wirklich rationales und effizientes Leben kann sich dann doch kaum einer leisten.

Außerdem macht man manchmal ganz einfach Fehler. Zum Beispiel, wenn man umzieht, um die Wegstrecke zum Arbeitsplatz zu verkĂŒrzen. Das wirkt erstmal ziemlich effektiv, weil man Fahrtkosten und Zeit spart. Immerhin geht man im Durchschnitt öfter zur Arbeit, als Freunde zu besuchen, und mit der Zeit zahlt sich das dann schon aus. Nur: plötzlich entsteht so ein ekliger Anfangswiderstand, den man ĂŒberwinden muss, um Freunde besuchen zu können. Wenn der nĂ€chste echte Freund ĂŒber 30 Kilometer entfernt wohnt, muss sich die Fahrt dann irgendwie schon auszahlen. Schließlich kostet die umgerechnet gut sechs Euro, und dafĂŒr muss man schon mal gut ein, zwei Stunden arbeiten, bis man sich das leisten kann. Und wenn Freunde besuchen zu Arbeit wird, hat man dann rasch gar keine wirkliche Lust mehr drauf, oder macht es nur noch, wenn es ein großer Besuch wird, der mindestens so lange dauert, wie man dafĂŒr gearbeitet hat, um sich den leisten zu können.

Wenn man dann wirklich lange darĂŒber nachdenkt, ist es vielleicht sogar rationaler, seine Freunde gar nicht mehr zu besuchen. Wenn jeder Besuch Geld kostet und damit mehr Arbeit bedeutet, hat man doch das entspannteste Leben, wenn man sich diese Ausgaben einfach spart. Wenn man davon ausgeht, dass man sonst drei Mal die Woche Freunde besucht und im Durchschnitt pro Besuch 10 Euro an Fahrtkosten und eine Stunde Zeit verfĂ€hrt, sind das in Summe knapp sechs Stunden mehr, die man in der Woche fĂŒr sich hat, nicht wenig in Zeiten hĂ€ufigen Burnouts. Oder man kann die sechs Stunden nutzen, um mehr zu arbeiten und damit mehr Geld zu verdienen. Im Grunde ist das die rationalste Variante, vor allem wenn man noch nicht weiß, was man morgen machen will. Geld ist ja im Gegensatz zu vielen Mitmenschen relativ flexibel.

Und nun sitzt unser Homo Oeconomicus selbstzufrieden an seinem wackeligen Tisch (den er vom durch seine scharfsinnigen Überlegungen wieder eingesparten Geld bald gegen einen stabileren austauschen wird) und freut sich ĂŒber seinen ĂŒberwĂ€ltigenden Verstand, der ihm tagtĂ€glich hilft, die Effizienz in seinem Leben zu steigern. Ob „Oeconomicus“ tatsĂ€chlich eine Weiterentwicklung des „Sapiens“, der Weisheit ist? Er lĂ€chelt ĂŒber jene Chaoten, die immer noch jenen kindlichen Vorstellungen nachhĂ€ngen, es könnte anders sein. Er wird seine Energie nicht auf solche Nutzlosigkeiten verschwenden, fĂŒr die man nicht einmal bezahlt wird. Nein, er wird auch heute wieder fĂŒr sich, zuhause bleiben. Ein Leuchtturm der Effizienz, leuchtendes Vorbild fĂŒr alle, die ihm noch auf jenem glorreichen Weg folgen werden. Mutiger Wegbereiter einer effizienteren und damit mit Sicherheit fĂŒr alle auch besseren Welt.

„Was siehst du dort oben?“, hatte sie ihn gefragt, mit ihren tiefblauen Augen erwartungsvoll zu ihm aufschauend, in freudiger Erwartung dessen, was er ihr aus der Höhe herunterholen wĂŒrde. Sie, das kleine MĂ€dchen, die mit ihren sĂŒĂŸen kleinen HĂ€ndchen an seiner Hose zog. Dieses Leuchten nicht verblassen lassen! Den Moment nie vergehen lassen! Sein Blick richtete sich erneut auf die Tiefen der Baumkrone ĂŒber ihn. Was es wohl dort oben noch zu finden geben wĂŒrde? Er streckte sich ein weiteres Mal, um ihr eine Frucht herunterzureichen.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Davon kann man sich viele schöne Dinge kaufen.“
„Ist das wertvoll, Papa?“
„Sehr, Liebes. Lass mich sehen, was sich hier oben noch finden lĂ€sst!“
Ein letzter Blick in diese Augen, die ihn immer noch erwartungsvoll anblickten. Ein weiterer in jene der Frau, mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Interesse, wusste er doch, was ihn erwarten wĂŒrde. Dieselben Augen, und doch so hoffnungslos verblasst, so ewiglich ergraut. Nie, nie wĂŒrde er zulassen, dass auch ihre Augen ihr Blau verlieren wĂŒrden! Nur weiter in die Krone vordringen. Die Lösung war irgendwo zwischen den Schatten hier oben zu finden.

„Was siehst du dort oben?“, fragte sie ihn, mit ihren tiefblauen Augen, in denen er zunehmend Angst hatte, sich zu verlieren. Sie reichte ihm nun beinahe schon bis zur Brust. Wie die Zeit verging! Doch auch er war gewachsen, fand sich nun immer besser in der Krone zurecht. Er pflĂŒckte ihr ein grĂ¶ĂŸeres BĂŒndel.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Frisch fĂŒr dich vom Baum der Schöpfung gepflĂŒckt.“
„Danke, Papa.“
„Freust du dich nicht?“
„Sicher, Papa. Davon kann man sich ja viele schöne Dinge kaufen.“
„Bist ein gutes MĂ€dchen. Bis bald mal! Ich glaube, ich sehe da hinten noch mehr!“
Irgendwo im Dunkel der Krone leuchtete etwas. Ganz weit hinten. Das musste ein wahrer Schatz sein! Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich danach aus. Es reichte nicht. Noch ein kleines StĂŒck! Da wĂŒrden sie sich aber freuen, die beiden!

Ein scharfer Schmerz durchzog seinen unteren RĂŒcken. Impulsiv streckte er die Hand nach dem leuchtenden Etwas in der Ferne aus, um sich vor einem unangenehmen Fall zu retten, und tatsĂ€chlich erwischte er es. In seiner Freude bemerkte er erst spĂ€t, dass seine FĂŒĂŸe frei ĂŒber dem Boden baumeln mussten. Sehen konnte er das nicht, dazu war es zu Dunkel in der Krone des Baumes. Vorsichtig kletterte er zurĂŒck, so gut es sein RĂŒcken erlaubte. Warum hatten ihn die Frauen nicht gehalten, als er das Gleichgewicht verloren hatte?
VerblĂŒfft stellte er fest, dass die Frau fort war. Wo war sie wohl hingekommen? Mit schmerzverzerrtem Gesicht kletterte er den Stamm hinab. Und wo war sie? Den Schatz in seinen HĂ€nden am Stamm ablegend, sah er sich um, und erblickte sie ein StĂŒck weiter unter einem anderen Baum.
„Liebes, was machst du denn dort drĂŒben, so weit fort von mir?“
„Den Schatten genießen.“, antwortete sie nur, desinteressiert.
„Willst du nicht lieber zurĂŒck zu mir kommen? Ich habe einen riesigen Schatz entdeckt! Ich kann dir etwas davon abgeben-“
Dann erst erkannte er, dass ihr Beutel randvoll mit Geld gefĂŒllt war.
„Willst du etwa den ganzen Schatz haben? Aber so komm mich doch besuchen
“, stammelte er, beschĂ€mt ĂŒber sich selbst, und der Schmerz in seinem RĂŒcken wanderte durch seinen ganzen Körper, bis tief in sein Herz, „da gibt’s doch noch mehr, was ich fĂŒr dich finden könnte
 so viel mehr Geld
“
Sie zeigte ihm den Inhalt des Beutels. „Ich brauche nicht mehr. Ich habe genug davon.“
Er stolperte, schlug hart auf, musste zu ihr hochblicken, obwohl er doch immer grĂ¶ĂŸer gewesen war als sie. Was siehst du dort oben?, dachte er, sich erinnernd. Das hatte auch sie immer gefragt. Und jedes Mal bekommen, was sie wollte. Oder hatte sie das wirklich?

Und dann zerriss der Schleier, der so viele Jahre seinen Blick fĂŒr das Wesentliche verdeckt hatte, endgĂŒltig. Was siehst du dort oben, hatte sie ihn gefragt. Seine Sicht der Dinge hatte sie wissen wollen. Seine Liebe geschenkt bekommen. Und mit den Jahren gelernt, dass all das von ihm einfach nicht mehr zu haben war. Keine Zeit. Muss Geld suchen. FĂŒr euch. Immer noch mehr Geld. Ihr seid ja auch wirklich unersĂ€ttlich. Warum hatten sie nie etwas gesagt?
„Ich sehe dich“, sagten ihre stillen Augen.
„Ich sehe dich“, sagten ihre Lippen.
„Ich sehe dich“, sagte ihr offenes Herz, und ihm wurde klar, dass sie alle eine Wahrheit aussprachen, die ihn Ă€ngstigte. Sahen sie das lĂ€ngst gebrochene RĂŒckgrat, die Scham, das GefĂŒhl der Wertlosigkeit nicht, das ihn erfĂŒllte? Und dann sprach sie es aus. Sprach Worte, die ihn erschĂŒtterten wie HammerschlĂ€ge.
„Ich wollte dich lieben, Vater. Wollte wissen, was du siehst, was du in mir siehst, und ob da oben in deinen Augen auch Liebe fĂŒr mich ist. Aber alles, was ich bekommen habe, war immer noch mehr Geld. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt! So unglaublich wertvoll! Un-ersetzlich! Nicht mit Geld. Auch nicht mit mehr Geld. Und es tut so verdammt weh, dass du das nicht verstehn willst. Dass du dich nie fragst, was ich da unten in dir sehe, fĂŒr dich spĂŒre.“
„Du bist ziemlich gewachsen, Liebes.. was siehst du dort oben?“
„Eine Hand, die dich einlĂ€dt“, sagte sie, ihm ihre Hand reichend. „Ein Herz, das dich liebt, auch wenn du am Boden liegst. Wenn du es nur zulassen könntest…“

Aber in ihrem Inneren wusste sie, dass Jahrzehnte des Nebels einen undurchdringlichen Film auf seinen Augen, Jahrzehnte der Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit eine mÀchtige Mauer um sein Herz gebaut hatten.
“Ich sehe dich, sehe tief, so unglaublich tief in dich hinein. Ich sehe deinen Schmerz”, sagte sie, und heiße TrĂ€nen des MitgefĂŒhls rannen ĂŒber ihr Gesicht. TrĂ€nen, die er nicht sehen wollte, sehen konnte. Kurz die Augen schließen, die aufkommenden GefĂŒhle wegdrĂŒckend, wie er es gewohnt war, und er hatte sich wieder gefasst. Er war gestolpert, weiter nichts. Aurappeln. Weitermachen. Ganz einfach.
Doch das Stechen an der Basis, in seinem Herzen wollte nicht nachlassen. Was war nur los mit ihm?
Ihre stillen Augen waren Antwort genug:
Die spĂŒrbaren Konsequenzen eines zu lange unbehandelten Herzfehlers.

Was blieb nun, von all den großen TrĂ€umen, was blieb nun, hier in seinem kleinen Zimmerchen, was blieb noch zu tun, als die Sache zu Ende zu fĂŒhren? Die Eltern waren außer Haus, und die Geschwister ebenso. Niemand hier, ihn aufzuhalten, alles gut durchdacht. Schon lange hatte er mit dem Gedanken gespielt, seinem Leben und seinem Leiden ein Ende zu setzen, hatte mit seinen Freunden die möglichen Methoden diskutiert. Und nun, heute, an diesem verregneten Tag, war es wohl an der Zeit, endlich nicht mehr nur darĂŒber zu reden. Und doch, die Frage quĂ€lte ihn: Was wĂŒrde bleiben?

Das Messer in der Hand wiegend, sein Gewicht fĂŒhlend, versuchte er, seinen Geist zu beruhigen. Wahrscheinlich war es nur der Überlebensinstinkt seines Körpers, der ihn nun dazu brachte, alles wieder und wieder zu hinterfragen. Dieses StĂŒck Fleisch, Muskeln und Knochen wollte immer nur ĂŒberleben. Als wĂŒrde es einen tieferen Sinn haben, tagein, tagaus seine Nutella-Brote in sich hineinzustopfen, von den selben MitschĂŒlern angepöbelt zu werden und sich mit der Frage zu quĂ€len, wie irgendein Mensch einen Menschen wie ihn lieben wĂŒrde können. Zu leben war zu fragen, zu zweifeln, zu leiden, und nach so vielen Jahren des Zweifels war er es Leid geworden, auf einen nĂ€chsten Tag zu hoffen, an dem sich alles wie durch ein Wunder Ă€ndern wĂŒrde. Nichts wĂŒrde sich Ă€ndern an dieser Welt. Aber er konnte sie verlassen. Alles, was es dazu brauchte, war eine schnelle Bewegung, ein kurzer Stich. Und doch, wieder: was wĂŒrde bleiben?

Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen: es war an ihm, zu entscheiden, was bleiben sollte. Es war an ihm, zu entscheiden, warum er leben sollte. Sein ganzes Leben hatte er sich gefragt, warum er ĂŒberhaupt am Leben war, wo das Leben doch nur Leid fĂŒr ihn bereit hielt, wem er verpflichtet war, weiterzuleben, wenn doch die Entscheidung zu leben nicht von ihm selbst getroffen worden war. Seinen Eltern? Einem Gott?. Doch nun, mit der Entschlossenheit, seinem Leben ein Ende zu setzen, fĂŒhlte er sich plötzlich frei, fĂŒhlte eine gewaltige Wahrheit in sich aufdĂ€mmern.

Erst wer bereit war, zu sterben, war Herr ĂŒber sein Leben. Wie lĂ€cherlich waren doch von dieser Warte aus betrachtet jene, die ihm das Leben schwer machen wollten? Er konnte seinem Leben jetzt ein Ende setzen. Oder morgen. Oder in einem Jahr. Wenn Leben auch Leiden bedeutete, so wĂŒrde er sich fortan fĂŒr sein Leben und damit das dafĂŒr manchmal notwendige Leiden entschieden haben. Es war allein seine Entscheidung, zu leben, jeden Tag, jeden Augenblick aufs Neue, seine Entscheidung, dieses Leben mit all seinen Freuden und all seinem Leiden aufs Vollste auszukosten, oder es zu beenden.

Und dann erkannte er, dass von ihm bleiben wĂŒrde, wofĂŒr er bereit war zu leiden, vielleicht auch zu sterben, vor allem aber, wofĂŒr er bereit war zu leben. Von jenem Tag an kĂŒmmerte es ihn nicht mehr, wenn ihm Menschen vorwarfen, ihren Vorstellungen nicht zu entsprechen, weil er wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr Leben zu leben. Es war seine Entscheidung, zu leben, und seine Aufgabe, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie er selbst leben wollte, wie es ihre Entscheidung war, zu leben, und ihre Aufgabe, Antworten auf ihre eigenen Fragen zu finden. Und eines jeden Menschen Verantwortung, mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen zu leben.
Das Leben war schon seltsam, dass es manchmal erst die Bereitschaft zum Sterben brauchte, um einen Sinn im Leben zu finden. Was wĂŒrde also am Ende bleiben, warum leben?
„Weil ich mich dafĂŒr entschieden habe.“, dachte der Alte lĂ€chelnd, bevor er die Augen fĂŒr immer schloss.

#57 Was bleibt als .pdf downloaden

„Nun, uns bleiben also noch gut zehn Wochen miteinander.“, stellte er abschließend fest, und blickte in die Runde. Ruhig war es im Raum geworden, beinahe ehrfĂŒrchtig, und allen schien klar zu sein, dass sie Zeugen eines besonderen Moments geworden waren. Sechzig Menschen, jĂŒngere wie Ă€ltere, sprachlos. Schweigend. Es gab nur wenig zu sagen in diesem Augenblick, der klargestellt hatte, was das Gewusel des Alltags oft so erfolgreich vergessen machte: alles hat ein Ende.

„Aber wie lange wirst du denn weg sein?“, wurde er gefragt, „Etwa ein ganzes Jahr?“, und bangende Augen flehten ihn an, die Frage zu ignorieren, sich umzudrehen und zu gehen, es nicht auszusprechen, eine letzte Ungewissheit, eine letzte Hoffnung offen zu lassen. Doch er antwortete in einer Klarheit, die auch die letzten rettenden Zweifel zu vernichten vermochte: „Vermutlich fĂŒr immer.“
„
fĂŒr immer
“, schienen seine Worte sich wie ein Echo immer weiter im Raum auszubreiten, ĂŒber ihre kleinen Köpfchen hinweg und doch auch mit jedem FlĂŒstern in sie hinein, wĂ€hrend sie versuchten, das Gesagte zu begreifen. Sie waren zu jung, um ein Ende fassen zu können, zu Ă€ngstlich, die Konsequenzen begreifen zu können.
„Bedeutet das, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen werden?“, sprach einer von ihnen die ungeheure Vorstellung aus.
„Es bedeutet, dass wir noch zehn Wochen haben, um uns in Erinnerung zu bleiben.“

Den restlichen Tag hatte er damit verbracht, ĂŒber seine eigenen letzten Worte nachzudenken. Und wĂ€hrend sie seine NĂ€he suchten, ihn zu ĂŒberzeugen suchten, seine Worte zurĂŒckzunehmen, nicht zu gehen, wurde ihm die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erst vollkommen bewusst. Er liebte diese Menschen, und sie liebten ihn. Doch warum fĂŒhlte er beim Gedanken, sie bald nicht mehr tagtĂ€glich sehen zu können, keine Traurigkeit, sondern nur eine tiefe RĂŒhrung, die ihn auch die nĂ€chsten Tage nicht verlassen sollte?

Und dann dachte er an seine Mutter, die ihn einst ebenso in Liebe hinter sich gelassen hatte, die fortgegangen war an einen Ort, an den er ihr noch nicht folgen hatte können. Es musste ihr schwer gefallen sein zu gehen, damals, wohl wissend, dass sie Menschen zurĂŒckließ, die sie liebten und die sie brauchten. Und doch war sie gegangen, war der Notwendigkeit gefolgt, wie auch er nun einer inneren Notwendigkeit folgte, einen Weg zu beschreiten, auf dem diese Menschen ihm noch nicht folgen konnten.

Er fĂŒhlte in einem Anflug von VerblĂŒffung, dass er seiner Mutter lĂ€ngst verziehen hatte, ihn damals mit ihrer Traurigkeit angesteckt und ihm die Trennung damit noch schwerer gemacht zu haben. So hatte er lernen können, dass die Trauer nichts daran Ă€ndern konnte, dass ein anderer Mensch aus dem Leben verschwand. Dass es leichter war, das Unvermeidliche hinzunehmen, wenn man daran ging, dankbar zu sein fĂŒr die Zeit, die man mit einem anderen Menschen verbringen hatte dĂŒrfen. Und dass es die Unvermeidlichkeit eines Endes brauchte, um dies zu lernen.

Zehn Wochen waren es also noch, zehn Wochen, in denen sie alle die Chance haben wĂŒrden, eine Spur zu hinterlassen, einen Eindruck, der noch lange nachwirken wĂŒrden, nachdem ihre Wege sich getrennt haben wĂŒrden. Und vielleicht wĂŒrden sie sich irgendwann tatsĂ€chlich wieder treffen, an jenen Orten, die so manchem einst noch verwehrt gewesen waren. Dann wĂŒrden sie feststellen, dass eine jede Begegnung immer Spuren hinterließ, dass ein jeder Mensch immer Spuren hinterließ in jener Welt, die uns das Geschenk der Endlichkeit offenbarte.

#56 Das Geschenk der Endlichkeit als .pdf downloaden

Er hatte gleich gespĂŒrt, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, als sich sein Knie in ungewohntem Winkel verdrehte und er ein deutlich hörbares Schnalzen hörte. Vorsichtig war er, gestĂŒtzt auf den Trainer, in die Kabine gewankt, hatte sich die Fußballschuhe ausgezogen und tapfer die ZĂ€hne zusammengebissen.

Zuhause verließ er das Auto des Trainers und winkte ihm tapfer zum Abschied. Erst als er die wenigen Meter zur Einfahrt hinauf hinter sich bringen wollte, stellte er fest, dass er sein Kniegelenk weder abbiegen noch belasten konnte. Am Gartenzaun ließ er sich langsam hinab und robbte ins Haus. Stunden spĂ€ter, im Krankenhaus, konnte er es kaum fassen: sechs Monate wĂŒrde er nicht laufen können. Vorausgesetzt, die Operation wĂŒrde gut verlaufen.

Einige Tage spĂ€ter, der erste Tag in der neuen Schule, und er hatte sich seinen Spitznamen fĂŒr die nĂ€chsten Monate gesichert. „Hinki!“, riefen sie ihn, wenig einfallslos, und er, kaum fĂ€hig, einige Schritte ohne seine KrĂŒcken zu tun, konnte dem wenig entgegensetzen. Und wĂ€hrend andere Fußball und Volleyball spielten, den MĂ€dchen nachrannten oder vor ihnen flĂŒchteten, saß er an seinem Platz, beobachtete traurig das Geschehen, in dem er keine aktive Rolle spielte.

Endlich, nach sechs langen Monaten, war sein Kniegelenk wiederhergestellt. Die Spitznamen hatte er abgeschĂŒttelt, und wurde wieder bei seinem richtigen Namen gerufen. Wochenlang schon hatte er sich darauf gefreut, die Turnstunden endlich wieder inmitten des Geschehens anstatt nur am Rand als Zuseher verbringen zu können. Es sollte Volleyball gespielt werden, was seiner Verletzung entgegenkam – niemand konnte ihn umlaufen. Und er war gut in diesem Sport. Nun wĂŒrde er seinen MitschĂŒlern zeigen, wie sportlich ihr „Hinki“ in Wahrheit sein konnte.

Und tatsĂ€chlich war er trotz der fehlenden Übung wĂ€hrend der vielen Monate noch nicht eingerostet, zeigte rasche Reflexe und eine gute Zielgenauigkeit. Einer jener Reflexe jedoch wurde ihm zu VerhĂ€ngnis, als er unwillkĂŒrlich nach einem scharf nach links geschlagenen Ball sprang und seine Kniescheibe erneut ihre angestammte Bahn verließ. Warum ich?, fragte er sich. Warum nur hatte sich die Welt derart gegen ihn verschworen? Warum war er dazu verdonnert, das Geschehen um ihn stets nur von den ZuschauerrĂ€ngen aus zu verfolgen?

Einige Jahre spĂ€ter erst begriff er in einem Anflug von plötzlichem Verstehen, dass er mit seinem Knie möglicherweise kein Profi-Fußballer werden wĂŒrde – und doch hatte sich seine Verletzung als ein Geschenk erwiesen. Durch seine BewegungseinschrĂ€nkung zur Beobachterposition gezwungen, hatte er mit der Zeit gelernt, Menschen zu lesen, ihre Ansichten kennen und schĂ€tzen gelernt. Sein Körper mochte in seinen Bewegungen eingeschrĂ€nkt sein, doch sein Geist war umso reger geworden, hatte ihn zu BĂŒchern gefĂŒhrt, wĂŒrde ihn noch bis ans Ende der Welten fĂŒhren.

Und nun, siebzig Jahre spĂ€ter, in seinem siebzig Jahre verfalleneren Körper, in dem Bett liegend, das gute Chancen hatte, seine letzte RuhestĂ€tte zu werden, gedachte er lĂ€chelnd seinen ersten jugendlichen AnflĂŒgen von Weisheit. Sein Leben hatte auch in den folgenden Jahren noch viele RĂŒckschlĂ€ge fĂŒr ihn bereitgehalten. Doch niemals mehr hatte er lange gegen sie angekĂ€mpft, hatte gelernt, in den RĂŒckschlĂ€gen VorschlĂ€ge zu sehen.
Darum ich, dachte er ergriffen.

„FĂŒrchtest du mich?“, hatte ihn der Mann in der schwarzen Kutte beim Eintreten gefragt, doch er hatte nur lĂ€chelnd den Kopf geschĂŒttelt. Das Leben wie der Tod stellten die Bausteine, doch schon jung hatte er verstanden, wer sich aus jenen Teilen das Ganze zusammenzustellen hatte.
„Tritt ein, Freund“, begrĂŒĂŸte er den Alten. „Mein Werk ist beinahe vollendet, es fehlt nur noch der letzte Schliff.“
„Selten fĂŒhle ich mich so willkommen“, antwortete der Alte, und zĂŒckte die Sense. „Die meisten fĂŒrchten, ich wĂŒrde unter ihnen wĂŒten wollen.“
„Die Spreu vom Weizen trennst du nur, guter Freund“, sprach da der Kranke, „wer wird dich fĂŒrchten denn die Spreu?“
Und ein letztes Mal blickte er liebevoll auf seinen Körper hinab.
„Danke fĂŒr die Reise“, flĂŒsterte er leise.

#49 Darum ich als .pdf downloaden

Irgendwann, vor langer Zeit, hatte ich noch so etwas wie einen Plan. An der pĂ€dagogischen Hochschule war es immerhin auch Vorschrift, vor jeder Unterrichtseinheit einen schriftlichen Plan einzureichen, der beschreiben sollte, was man vorhatte, um die SchĂŒler dazu zu bringen, dieses und jenes zu machen. Da war es also etwa die Vorgabe, SchĂŒlern innerhalb einer Unterrichtseinheit beizubringen, wie sie mit Hilfe des schriftlichen Additionsverfahrens eine oder mehrere Summanden zu einer Summe addieren konnten. Ohne den Übertrag zu berĂŒcksichtigen, denn das sollte in einer eigenen Einheit geschehen.

WĂ€re ich nun ein ebenso „braver“ Lehrer gewesen, wie meine SchĂŒler brave SchĂŒler sein sollten, so hĂ€tte ich wohl entsprechende ÜbungsblĂ€tter vorbereitet und meine SchĂŒler stumpf irgendwelche Rechnungen herunterĂŒben lassen. Doch ich kannte meine SchĂŒler nach kurzer Zeit immerhin gut genug, um zu wissen, dass unter ihnen welche waren, die mit einer solchen Aufgabe massiv ĂŒberfordert waren – aber auch welche, die damit massiv unterfordert waren und sich dabei langweilen wĂŒrden. Also schrieb ich ihnen entsprechende Aufgaben auf Post-It-Zettelchen, auf deren RĂŒckseite sich die entsprechenden Lösungen befanden. Es gab dabei Aufgaben, die einfacher als die geforderte Unterrichtseinheit waren und Aufgaben, die bedeutend schwerer als sie waren. All diese Aufgaben lagen auf einem Teppich in der Mitte der Klasse verstreut, und es war den Kindern ĂŒberlassen, wie viele und welche der Aufgaben sie erledigen sollten. FĂŒr die ĂŒbermotivierten unter ihnen hatte ich leere Post-It-Zettelchen mitgenommen, die sie selbst mit Aufgaben und Lösungen versehen konnten. Nachdem ich ĂŒberprĂŒft hatte, ob die Lösungen auch tatsĂ€chlich korrekt waren, kamen auch sie in den Aufgaben-Pool hinzu.

Die Unterrichtseinheit „explodierte“ innerhalb kĂŒrzester Zeit in ein Mathematik-Spektakel. Jeder war am Rechnen, am Entwerfen neuer, besonders schwerer Aufgaben. „DĂŒrfen wir auch ĂŒber 1000 rechnen?“, fragte ein SchĂŒler. „DĂŒrfen wir auch Minus-Aufgaben aufschreiben?“ ein anderer. Als die Einheit vorĂŒber war, waren die SchĂŒler kaum von ihren Aufgaben zu trennen, was mir eine negative Beurteilung der Klassenlehrerin eintrug. Immerhin hatte ich es unterlassen, fĂŒr einen sauberen Übergang in die nĂ€chste Einheit meiner Kollegin zu sorgen und „die Kontrolle verloren“, denn die Kinder rechneten völlig andere Dinge als vorgegeben. Dass sie sich dabei völlig ohne Fremdeinwirkung bis in den Millionenbereich und an mathematische Operanden herangewagt hatten, die fĂŒr ihre Klasse noch weit nicht vorgesehen waren, war der Lehrerin egal.

Es war eine der denkwĂŒrdigsten Erfahrungen in meiner Lehrerlaufbahn gewesen, diese Lust am Rechnen völlig entflammt zu erleben. Ich wusste nicht, was passieren wĂŒrde, nur, dass ich nicht die Klassenlehrerin mit ihren immer gleichen ArbeitsblĂ€ttern kopieren wollte. Es war auch nicht meine erste Mathematik-Einheit in dieser Klasse gewesen, sondern das Ergebnis einer Art von „Feldforschung“, wie sie auch Maria Montessori in ihren BĂŒchern als das oberste Gebot fĂŒr Lehrer beschreibt. Es gehe nie darum, einer toten Methode nachzujagen, sondern herauszufinden, was fĂŒr die jeweilige Situation, die jeweiligen Kinder und Lehrer tatsĂ€chlich funktioniert.

Die Suche nach der “perfekten Methode”

Ein hĂ€ufiger Trugschluss, dem wir wohl unter anderem Skinner und seiner Lernmaschine zu verdanken haben, ist jener, dass eine Handlung auf unserer Seite notwendigerweise zu der geplanten Handlung im Kind fĂŒhrt. Negative wie positive VerstĂ€rkung haben ihre Effekte, doch nur indirekte. Ich kann mit Hilfe meiner Methoden, so ausgeklĂŒgelt sie auch sind, Druck auf jemanden ausĂŒben, sich in bestimmter Weise zu verhalten, aber ich kann ihn nicht direkt lenken. Das hat Viktor Frankl eindrucksvoll in seiner Beschreibung der Konzentrationslager im Nationalsozialismus beschrieben. Gleiche Behandlung der Gefangenen fĂŒhrt nicht zu den gleichen Reaktionen, vielmehr machte die entmenschlichende Behandlung die individuellen Unterschiede erst so richtig sichtbar. Es ist damit eine Illusion, wenn wir davon ausgehen, nur die „richtige“ Methode finden zu mĂŒssen. Wir mĂŒssen vielmehr versuchen, unseren SchĂŒlern so gute FĂŒhrer in dem oft schwierigen GelĂ€nde zu sein, in dem sie sich befinden, dass sie uns auch ohne irgendwelche Beeinflussungsmethoden vertrauen.

Nun wollte ich an der Schule, an der ich gerade arbeite, meinen SchĂŒlern helfen, Englisch zu lernen. Ich liebe diese Sprache und verwende sie tĂ€glich, und da ich innerhalb weniger Monate auch recht flĂŒssig Portugiesisch gelernt hatte und den Prozess dabei bewusst mitreflektiert hatte, war ich mir eigentlich sicher, eine ganz gute Methode zum Englisch-lernen anbieten zu können. TatsĂ€chlich stellte sich rasch heraus, dass sie den UmstĂ€nden und den Kindern nicht angemessen war. Ich habe es gleichzeitig mit Kindern zu tun, denen noch kein einziges Wort in Englisch ĂŒber die Lippen gekommen sein dĂŒrfte, und anderen, die durchaus bereits einen englischen Text ins Deutsche ĂŒbersetzen können. Mit meiner Methode, so durchdacht sie auch war, unter- bzw. ĂŒberforderte ich sie alle. Also beschloss ich, das Konzept des Kurses zu verĂ€ndern. Ich wollte eine Methode entwickeln, die eine Art Vakuum erzeugte, in das die SchĂŒler ihr Englisch hineinwerfen konnten, Ă€hnlich wie bei den Mathematik-Aufgaben.

Der unbehauene Block

Einem von außen Beobachtenden mag es dabei so vorkommen, als hĂ€tte ich keinen Plan von dem, was ich tue, und tatsĂ€chlich entspricht das irgendwo auch der Wahrheit. Nur entsteht diese Planlosigkeit weniger aus Hilflosigkeit, sondern vielmehr aus der Notwendigkeit, sich auf die RealitĂ€t einzulassen. Um meinen SchĂŒlern tatsĂ€chlich eine Hilfe zu sein, muss ich herausfinden, was sie bereits können und wohin es geht. Ich kann ihnen keinen Weg vorzeichnen, wenn ich nicht weiß, wo auf der Karte sie sich befinden oder wo sie hinwollen. An einer Schule, an der sich ein jeder auf völlig unterschiedlichen LeistungsstĂ€nden befindet, machen allgemeine ErklĂ€rungen fĂŒr alle nur selten Sinn, weil eine jede ErklĂ€rung auf Vorwissen aufbaut und auch dieses nicht bei allen voraussetzbar ist.

Mit drei Kindern ĂŒbersetzte ich also „Stairway to Heaven“, mit einem anderen hörte ich den Text eines anderen Liedes und schrieb ihn auf, bevor wir ihn ĂŒbersetzen konnten (das Internet war ausgefallen, deswegen konnten wir den Text nicht einfach heraussuchen und mussten ihn abtippen). Mit anderen schrieb ich Geschichten und besserte gemeinsam mit ihnen die Fehler aus. FĂŒr eine junge SchĂŒlerin, die immerhin das Wort „horse“ kannte, wurde ich eben zum Pferd, auf dem sie umherritt. NatĂŒrlich war ich ein englisches Pferd, das nur englische Befehle verstand, woraufhin sie dann einige englische Befehle lernen wollte. Zwei Ă€ltere SchĂŒlerinnen, mit denen ich einen Unfall und anschließenden Krankenwagentransport in englischer Sprache nachspielte, vergaßen offensichtlich irgendwann völlig, dass sie sich ĂŒberhaupt auf Englisch unterhielten und gingen völlig in dem Rollenspiel auf.

Kaum lernen meine SchĂŒler dabei die Vokabeln von 25 Tierarten auswendig, wie sie es innerhalb einer „Unit“ in einem Englisch-Buch lernen wĂŒrden, um dann zu den nĂ€chsten 30 Vokabeln, die vielleicht mit „ghosts & castles“ zu tun haben, ĂŒberzugehen. Sie lernen dabei zwar auch Vokabeln, aber sie lernen sie dabei je nach Notwendigkeit. Wenn ihnen Wörter fehlen, um eine Aussage zu treffen oder einen Satz zu verstehen, so werden sie sie eben nachschlagen und diese im Kontext speichern. Das MĂ€dchen, das mich als Pferd gebrauchte, wird sich wohl nicht ein jedes der Vokabeln gemerkt haben, womit es mich mit „Go to the 
“ geschickt hatte, aber sich vielleicht die Bedeutung der Phrase merken, und mit großer Sicherheit die zwei Phrasen “Go where? Go there!”, die ihr sichtlich großen Spaß gemacht haben. Diejenigen, die Stairway to heaven ĂŒbersetzten, wissen nun, was der Text tatsĂ€chlich bedeutet.

Es geht mir um den Sinn des Gesagten, nicht um die perfekte Grammatik oder um eine möglichst große Anzahl an Vokabeln, die sie wörtlich ĂŒbersetzen können. Denn Wörter ĂŒbersetzen kann auch der Google Translator, aber den tiefen Sinn einer Aussage zu verstehen bzw. ihn zu vermitteln ist die FĂ€higkeit, die in einem GesprĂ€ch oder beim Lesen eines Textes tatsĂ€chlich ausschlaggebend ist. Eine Aussage ist wie ein kleines RĂ€tsel, und die ĂŒbersetzten Wörter Hinweise, aber noch nicht die Lösung. SpĂ€testens bei Metaphern steht der wörtliche Übersetzer dann völlig vor einem Buch mit sieben Siegeln.

Keine AbkĂŒrzungen auf Kosten der Verantwortung

Es wĂ€re durchaus eine schöne, wenn wohl auch unrealistische Vorstellung, eines Tages ein derart feines GefĂŒhl fĂŒr die FĂ€higkeiten meiner SchĂŒler zu entwickeln, dass ich sie mit nur einem Blick dort abholen kann, wo sie sich gerade befinden. Die RealitĂ€t sieht jedoch derzeit so aus, dass ich es bei einem jeden einzelnen meiner SchĂŒler herausfinden muss, und da manche meiner SchĂŒler erst noch herausfinden mĂŒssen, wie sie ihren Tag so organisieren, dass sie auch nicht vergessen, einen Kurs, fĂŒr den sie sich interessieren, auch zu besuchen, dauert es beizeiten eine Weile, bis sich hier ein wirklich produktives Arbeiten einstellt.

Es ist ein StĂŒck weit auch immer erst ein Abtasten, ob es der andere auch tatsĂ€chlich ernst meint mit der Intention, ihn zu seinem Besten zu fĂŒhren und nicht nur zu dem, was der Lehrer fĂŒr das Beste hĂ€lt. Ein durchschnittlicher SchĂŒler wurde schon so oft von wohlmeinenden Lehrern, die tatsĂ€chlich glaubten, ihnen etwas Gutes zu tun, indem sie den modernsten und angeblich „besten“ Methoden folgten, enttĂ€uscht, dass es fĂŒr ihn oft schwer ist, sich erneut einem Lehrer anzuvertrauen. Das ist schade, aber doch auch ebenso ein Teil der RealitĂ€t, mit der wir uns als Lehrer auch befassen mĂŒssen.

Ich bringe also keine fertige Methode mit in meinen Kurs, sondern einen Freiraum, den wir jedes Mal aufs Neue mit dem fĂŒllen können, was wir an jenem Tag brauchen, um unser Englisch zu verbessern. Außerdem bringe ich einige bewĂ€hrte Werkzeuge. Was damit dann auch tatsĂ€chlich passiert, liegt dann nicht mehr nur in meiner Hand, sondern in der Hand aller Beteiligten. Ich zwinge niemanden, etwas bestimmtes zu tun, das wĂŒrde jegliche natĂŒrliche AutoritĂ€t sofort völlig untergraben. Entweder entdeckt er selbst den Sinn der Sache, oder er vertraut mir genug, es auf Basis dieses Vertrauens zu versuchen. Beides benötigt Zeit und Raum fĂŒr Experimente.

Auch wenns manchmal weh tun mag: Ich bin fĂŒr das Übernehmen von Verantwortung fĂŒr das, was ich tue, und fĂŒr ein Übernehmen von Verantwortung von SchĂŒlern fĂŒr das, was sie tun. Das dauert zwar manchmal dann eine Weile, bis sich erste sichtbare Ergebnisse zeigen (vor allem fĂŒr den ungeĂŒbten Beobachter), doch es ist der Weg, der mir der wertvollste erscheint. Da kommt dann eben ein SchĂŒler, der gerne Fußball spielen wollte, wĂŒtend zu mir und beschwert sich, warum ich ihn nicht erinnert habe, dass es schon nach der ausgemachten Zeit ist, und ich sage ihm dann eben, dass es seine Aufgabe sei, auf die Zeit zu achten. Eine Woche spĂ€ter schafft er es tatsĂ€chlich selbststĂ€ndig und kommt wie ganz selbstverstĂ€ndlich, aber doch mit einem Zwinkern pĂŒnktlich. Andere brauchen dafĂŒr auch mehrere Wochen, was immer wieder zu Frustrationen bei allen Beteiligten fĂŒhren kann. Und doch halte ich es langfristig fĂŒr den besseren Weg, auch jungen Menschen das Recht auf ein gesundes Maß an Selbstverantwortung nicht vorzuenthalten.

Niklas

Wie jeden Tag besuchte er nach getaner Arbeit noch kurz den stĂ€dtischen Park, um sich die Beine zu vertreten. Nach einer Runde um den kleinen Teich pflegte er dann seine Tasche zu öffnen, seine Zeitung herauszuholen und den Sportteil zu lesen, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte. Als er sich gerade hinsetzen wollte, bemerkte er, dass er sich auf etwas gesetzt haben musste. Es war ein kleines Schild mit sehr viel Text darauf. „Parkbank“ stand da in großen Buchstaben zu lesen, den Rest konnten seine alten Augen nicht mehr ohne Brille entziffern. „Da hĂ€tte ich trotz meines Alters kein Schild gebraucht, um das zu erkennen“, dachte er schmunzelnd. Hatte sich da jemand einen Scherz erlaubt? Er kramte in seiner Tasche nach der Lesebrille und fuhr fort:

Diese Bank ist Eigentum von Herrn Simon F. und wird Ihnen freundlicherweise zum Parken Ihres werten GesĂ€ĂŸes zur VerfĂŒgung gestellt. Da die bestĂ€ndige Pflege (Aufrechterhaltung der Hygiene, Neulackierungen usw.) eine verantwortungsvolle Aufgabe darstellt, wurde von dem gemeinnĂŒtzigen Verein Parkbank e.V. einstimmig beschlossen, ParkgebĂŒhren fĂŒr die Benutzung unserer PrachtstĂŒcke einzufordern.

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Nicht zahlende Personen, die von unseren Mitarbeitern auf unseren BĂ€nken angetroffen werden, mĂŒssen wir leider auffordern, sie fĂŒr zahlende GĂ€ste freizugeben. Sollte der Aufforderung nicht nachgegangen werden (etwa wegen zu hohem Alkoholspiegel oder VerstĂ€ndigungsproblemen), behalten wir uns das Recht vor, Sie kostenpflichtig von unseren professionellen ParkwĂ€chtern ab- bzw. fortschleppen zu lassen.

Wir wĂŒnschen Ihnen viel Freude an der Nutzung unseres Angebots und hoffen, Sie beehren uns baldigst wieder!

Ihr ParkbÀnke e.V.-Team

Er musste es zwei Mal lesen, um sicherzustellen, dass er sich da nicht verlesen hatte. Schlussendlich setzte er sich einfach auf die Bank, ohne zu zahlen. Als wenig spĂ€ter ein ParkwĂ€chter des Weges kam, um ihn darauf hinzuweisen, dass er die grĂŒne Parkuhr nicht gestellt hĂ€tte, fragte er den ParkwĂ€chter, ob es sich dabei um einen schlechten Scherz handle, doch der winkte ab. Die Leute werden eben kreativ, wenn ihnen die Arbeit ausgeht, meinte er achselzuckend. Anfangs wird so etwas einfach ignoriert, meinte er, dann, wenn es mehr solche BĂ€nke gibt, wird darĂŒber gelĂ€chelt. Irgendwann, wenn immer mehr auf den Zug aufspringen, werden sie bekĂ€mpft. Und dann, irgendwann, finden sich die Leute damit ab. Das war doch mit den Wasserflaschen ebenso, wer hĂ€tte vor zwanzig Jahren Wasser in Flaschen gekauft, wo es doch gĂŒnstig aus der Leitung kam? Heute setzen Sie sich einfach neben die Bank, aber was wenn ihnen jahrelang eingeredet wird, die Wiese um die Bank sei gefĂ€hrlich, weil dort Bakterien lauern wĂŒrden, die sie nicht sehen können? Dass nur die Bank ein sicherer Sitzplatz sei? Angst ist das beste Marketing, meinte er nur noch. Und Sie mĂŒssen entweder zahlen oder sich neben die Bank oder eine der freien setzen. Tut mir Leid, die Bank ist im Privatbesitz.

Also ging er, um eine freie Bank zu finden. Doch Parkbank e.V. dĂŒrfte wohl alle BĂ€nke in dem Park erworben haben, denn ĂŒberall sah er die grĂŒnen Parkuhren. Da er alt und mĂŒde vom Gehen war, setzte er sich eben auf eine der BĂ€nke und zahlte die GebĂŒhr fĂŒr eine Stunde. Weil es lĂ€cherlich ist, redete er sich ein. Und doch tat er es. WĂŒrden nicht andere folgen? Was wĂŒrde als nĂ€chstes privatisiert werden? Die Luft, die er atmete?

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