ÔÇ×Was ist los?ÔÇť, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
ÔÇ×NichtsÔÇť, antwortete er. ÔÇ×Ich hatte nur das seltsame Gef├╝hl, als w├Ąr die K├╝chent├╝r grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.ÔÇť
ÔÇ×Ich habe davon geh├ÂrtÔÇť, meinte sie. ÔÇ×Das passiert, wenn jemandÔÇŽ anwesend ist. In diesem Fall deine-ÔÇť
Ein Schauer ├╝berkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
ÔÇ×MamaÔÇť

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt ÔÇ×auftauchteÔÇť. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die Tr├╝mmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchw├╝hlen. Jene, die ein Loslassen erm├Âglichen mochten, das nicht mit dem Preis der Verdr├Ąngung und gro├čz├╝gigen nachtr├Ąglichen Einf├Ąrbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schw├Ąrend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ├╝berdeckt mit Verb├Ąnden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch sa├čen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage sp├Ąter sa├č er bei einer Veranstaltung einer Frau gegen├╝ber, wohl gut 10 Jahre ├Ąlter als er, mit der er sich seltsam verbunden f├╝hlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erz├Ąhlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verbl├╝ffende Weise ├Ąhnelte. Und wieder dieses sonderbare Gef├╝hl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen w├╝nschte, und auch er f├╝hlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben w├╝rde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit f├╝hlte, die einst aus Schmerz und ├ťberforderung ├╝ber Krankheit und Tod Versto├čene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtm├Ą├čigen Platz in seinem Leben zur├╝ckerk├Ąmpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder ├Âffnend, musste er sich erst wieder an all jene Eindr├╝cke gew├Âhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkw├╝rdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben k├Ânnen, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er f├╝hlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art ÔÇ×HintergrundstrahlungÔÇť seines Alltages. Oder wom├Âglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art ÔÇ×VermittlerÔÇť hin zu einer ├╝ber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ├╝berall. Sie alle waren ├╝berall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich h├Ątte aufrichten k├Ânnen. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewisserma├čen ÔÇ×unbesiegbarÔÇť zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, f├╝r etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen M├Âglichkeit einer ├Ąu├čerlichen Kampfhandlung zur├╝ckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. ├ťberall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal w├╝rde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall d├Ąmpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen fr├╝her oder sp├Ąter stets wieder in luftige H├Âhen f├╝hren w├╝rde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art nat├╝rlicher Konstante. Um ihn. In ihm. ├ťberall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ├╝berwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ├╝berall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu ├Âffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, sp├╝rte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die Unverg├Ąnglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der H├╝llen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entz├╝ndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? Wof├╝r willst du einstehen? Wof├╝r bist du bereit zu k├Ąmpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer Endg├╝ltigkeit beraubt worden war. ├ťberall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. Daf├╝r einzustehen, wof├╝r es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. ├äu├čeren Widerst├Ąnden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft daf├╝r reichte, und sich dort Unterst├╝tzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

ÔÇ×In dir ist unglaublich viel Liebe zu sp├╝renÔÇť, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der Pr├Ągungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, fr├╝her oder sp├Ąter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen f├╝hren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe f├╝reinander.

Diese innere Gewissheit im Au├čen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu w├Ąhlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. ├ťberall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale ├ťbermacht, wie auch Napoleon, der gro├če Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im allt├Ąglichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unz├Ąhligen kleinen K├Ąmpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. ├ťberall.

Aber zuerst war es an der Zeit, ÔÇ×unterzutauchenÔÇť, gewisserma├čen ÔÇ×getauftÔÇť zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden Selbst├Ąndigkeit. F├╝r etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gest├Ąrkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. ├ťberall.

Was blieb nun, von all den gro├čen Tr├Ąumen, was blieb nun, hier in seinem kleinen Zimmerchen, was blieb noch zu tun, als die Sache zu Ende zu f├╝hren? Die Eltern waren au├čer Haus, und die Geschwister ebenso. Niemand hier, ihn aufzuhalten, alles gut durchdacht. Schon lange hatte er mit dem Gedanken gespielt, seinem Leben und seinem Leiden ein Ende zu setzen, hatte mit seinen Freunden die m├Âglichen Methoden diskutiert. Und nun, heute, an diesem verregneten Tag, war es wohl an der Zeit, endlich nicht mehr nur dar├╝ber zu reden. Und doch, die Frage qu├Ąlte ihn: Was w├╝rde bleiben?

Das Messer in der Hand wiegend, sein Gewicht f├╝hlend, versuchte er, seinen Geist zu beruhigen. Wahrscheinlich war es nur der ├ťberlebensinstinkt seines K├Ârpers, der ihn nun dazu brachte, alles wieder und wieder zu hinterfragen. Dieses St├╝ck Fleisch, Muskeln und Knochen wollte immer nur ├╝berleben. Als w├╝rde es einen tieferen Sinn haben, tagein, tagaus seine Nutella-Brote in sich hineinzustopfen, von den selben Mitsch├╝lern angep├Âbelt zu werden und sich mit der Frage zu qu├Ąlen, wie irgendein Mensch einen Menschen wie ihn lieben w├╝rde k├Ânnen. Zu leben war zu fragen, zu zweifeln, zu leiden, und nach so vielen Jahren des Zweifels war er es Leid geworden, auf einen n├Ąchsten Tag zu hoffen, an dem sich alles wie durch ein Wunder ├Ąndern w├╝rde. Nichts w├╝rde sich ├Ąndern an dieser Welt. Aber er konnte sie verlassen. Alles, was es dazu brauchte, war eine schnelle Bewegung, ein kurzer Stich. Und doch, wieder: was w├╝rde bleiben?

Und pl├Âtzlich fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen: es war an ihm, zu entscheiden, was bleiben sollte. Es war an ihm, zu entscheiden, warum er leben sollte. Sein ganzes Leben hatte er sich gefragt, warum er ├╝berhaupt am Leben war, wo das Leben doch nur Leid f├╝r ihn bereit hielt, wem er verpflichtet war, weiterzuleben, wenn doch die Entscheidung zu leben nicht von ihm selbst getroffen worden war. Seinen Eltern? Einem Gott?. Doch nun, mit der Entschlossenheit, seinem Leben ein Ende zu setzen, f├╝hlte er sich pl├Âtzlich frei, f├╝hlte eine gewaltige Wahrheit in sich aufd├Ąmmern.

Erst wer bereit war, zu sterben, war Herr ├╝ber sein Leben. Wie l├Ącherlich waren doch von dieser Warte aus betrachtet jene, die ihm das Leben schwer machen wollten? Er konnte seinem Leben jetzt ein Ende setzen. Oder morgen. Oder in einem Jahr. Wenn Leben auch Leiden bedeutete, so w├╝rde er sich fortan f├╝r sein Leben und damit das daf├╝r manchmal notwendige Leiden entschieden haben. Es war allein seine Entscheidung, zu leben, jeden Tag, jeden Augenblick aufs Neue, seine Entscheidung, dieses Leben mit all seinen Freuden und all seinem Leiden aufs Vollste auszukosten, oder es zu beenden.

Und dann erkannte er, dass von ihm bleiben w├╝rde, wof├╝r er bereit war zu leiden, vielleicht auch zu sterben, vor allem aber, wof├╝r er bereit war zu leben. Von jenem Tag an k├╝mmerte es ihn nicht mehr, wenn ihm Menschen vorwarfen, ihren Vorstellungen nicht zu entsprechen, weil er wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr Leben zu leben. Es war seine Entscheidung, zu leben, und seine Aufgabe, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie er selbst leben wollte, wie es ihre Entscheidung war, zu leben, und ihre Aufgabe, Antworten auf ihre eigenen Fragen zu finden. Und eines jeden Menschen Verantwortung, mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen zu leben.
Das Leben war schon seltsam, dass es manchmal erst die Bereitschaft zum Sterben brauchte, um einen Sinn im Leben zu finden. Was w├╝rde also am Ende bleiben, warum leben?
ÔÇ×Weil ich mich daf├╝r entschieden habe.ÔÇť, dachte der Alte l├Ąchelnd, bevor er die Augen f├╝r immer schloss.

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ÔÇ×YOLO ÔÇô you live only onceÔÇť, du lebst nur einmal, war als erkl├Ąrender Kommentar unter dem Foto zu lesen, das sein letztes sein w├╝rde. Gepostet von seinem Smartphone, zu finden auf seiner Facebook-Pinwand. Dem Foto, das ihn stolz auf dem Dach des F├╝hrerabteils des ICE 471 posierend zeigte. F├╝r einige Sekunden hatte er sich wie der K├Ânig der Welt gef├╝hlt – doch wie so oft im Leben war dem Hochmut der tiefe Fall gefolgt. Ein Fall, der ihn, als der Zug ├╝berraschenderweise tats├Ąchlich p├╝nktlich um 19:32 losfuhr, buchst├Ąblich unter die R├Ąder des Zuges kommen lie├č.

F├╝r einige Sekunden weigerte sich ihr ├╝berfordertes Gehirn schlichtweg, die r├Âtliche Masse, die der Zug hinterlassen hatte, als ihren alten Freund wiederzuerkennen. Als jedoch um sie immer mehr Menschen in panikartige Zust├Ąnde ausbrachen, sank sie auf die Knie, w├Ąhrend sich das eben Geschehene vor ihrem geistigen Auge erneut abspielte. Unerbittlich langsam, so langsam und deutlich, dass es sogar durch ihren Schockzustand brach. Nachdem ihr der Gedanke gekommen war, dass es wohl eine ihrer zuk├╝nftigen Aufgaben sein w├╝rde, den Unfallhergang der Polizei zu schildern, verlie├č sie fluchtartig den Bahnhof. Sie brauchte jetzt Zeit. Zeit, um all das zu verarbeiten.

Du lebst nur einmal, das war ihr Spruch gewesen, um diese und ├Ąhnliche Aktionen einzuleiten. Es war eine harmlos wirkende M├Âglichkeit gewesen, ihre eigenen ├ängste zu ├╝berwinden, und sie waren sich ziemlich erwachsen und gro├čartig vorgekommen darin. Immerhin hatten sie im Gegensatz zu ihren Altersgenossen bereits ├╝ber den Tod und die Konsequenzen f├╝r ihr Leben nachgedacht. Und war es nicht logisch, dass man, wenn man davon ausging, nur ein Leben zu haben, dieses Leben auch nutzen musste, um all das zu erleben, was es zu erleben gab, all das zu genie├čen, was es zu genie├čen gab? Wenn man nur einmal lebte, war es nicht v├Âllig egal, was die anderen von einem dachten? War nicht alles, was z├Ąhlte, das eigene Leben auszukosten, ohne R├╝cksicht auf Verluste?

Doch nun, w├Ąhrend sie ziellos durch die Stra├čen der Stadt lief und ihr das Bild des Fleischklumpens, der einst ihr Freund gewesen war, nicht mehr aus dem Kopf ging, kamen ihr unangenehme Gedanken. Wie w├╝rden sich seine Mitmenschen an ihn erinnern? Was w├╝rde bleiben von den 15 Jahren seines Lebens, von denen ihr Freund die letzten zwei angeblich ÔÇ×voll ausgelebtÔÇť hatte?

Und dann kam ihr zu Bewusstsein, dass das Leben ihres Freundes nun abgeschlossen war wie ein Buch, dessen letzte Seite geschrieben worden war. Es war sozusagen ÔÇ×in Druck gegangenÔÇť, ohne das sein Autor noch etwas daran zu ├Ąndern vermochte. Und sie erkannte mit ihren 16 Jahren zum ersten Mal den Hintersinn der W├Ârter Paradies und H├Âlle der heiligen B├╝cher. War es nicht die Erinnerung der Menschen, in der die Toten weiterlebten? Und die Ewigkeit des Paradieses und der H├Âlle wohl die Problematik, nichts mehr an diesen Erinnerungen ver├Ąndern zu k├Ânnen?

Und noch in ihrem Schockzustand fasste sie einen Entschluss, der ihr Leben ver├Ąndern sollte. Wenn es stimmte, dass ein Mensch tats├Ąchlich nur einmal lebte, so wollte sie ihr Leben anderen Menschen und ihrem Wohlergehen widmen. Und wenn sie dann sterben sollte, w├╝rde sie ihr Paradies in den Erinnerungen der Menschen finden, die sie mit ihrem Wirken ber├╝hrt hatte. Und ihrem Freund, dem sie nun nicht mehr pers├Ânlich f├╝r diese wertvolle Lektion danken konnte, beschloss sie in Ehren zu gedenken. Er hatte ihr durch sein unfreiwilliges Opfer einen Schl├╝ssel zum Paradies geschenkt. Nun schenkte sie ihm ein gedankliches L├Ącheln, in der Hoffnung, dass es seine Seele, was auch immer das war, irgendwie erreichte. Mochte er dadurch Frieden finden.

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Gestern hatte ich ein faszinierendes Gespr├Ąch mit einem Menschen, den ich ├╝ber die Jahre kennen und lieben lernen durfte, bei dem es darum ging, dass besagter Mensch sich hoffnungslos f├╝hlte, was die Zukunft betraf, weil er sich seiner fr├╝her im ├ťbermass vorhandenen Kr├Ąfte nicht mehr sicher sein konnte, weil er sich ÔÇ×besch├ĄdigtÔÇť f├╝hlte. Weil ich mich (wie sehr oft) gerade wieder sehr intensiv mit dem Tod besch├Ąftige, bat ich diesen Menschen, sich vorzustellen, er h├Ątte nur noch begrenzt Zeit in seinem Leben. Faszinierenderweise waren die Priorit├Ąten in dieser Vorstellung jenen der so f├╝r diesen Menschen so krisenhaften Situation diametral gegen├╝bergestellt. Das Problem kam ├╝berhaupt nicht mehr vor.

Die letzten Monate

Im Zuge dieses Gespr├Ąchs dachte ich auch dar├╝ber nach, was ich selbst tun w├╝rde, h├Ątte ich nur noch bis zu meinem Geburtstag (im M├Ąrz) zu leben. Ich w├╝rde noch einige Wochen in der Schule, in der ich gerade arbeite, mitarbeiten, erstens, weil ich das Gef├╝hl habe, dass meine Arbeit hier zutiefst sinnvoll ist, dass Ich selbst hier zutiefst sinnvoll bin, und zweitens, weil ich f├╝r mich herausfinden m├Âchte, ob all das, was ich mir in teils praktischer Erfahrung, teils theoretischer Aneignung, erarbeitet habe, tats├Ąchlich der Wirklichkeit entspricht, und sollten diese meine Erfahrungen sich als wertvoll erweisen, w├╝rde ich sie in irgendeiner Form (diesem Blog, einem Buch, Videos, etc.) der Nachwelt hinterlassen wollen.

Ich w├╝rde einigen Menschen Mut machen wollen, den von ihnen eingeschlagenen Weg weiterzugehen, weil ich stolz auf sie bin und mich ihr Weg und Weiterkommen mit Freude erf├╝llt. Ich w├╝rde all meine Texte und Lieder, die ich gerne singe und f├╝r die ich auch bereits viel positives Feedback bekommen habe, in einem Tonstudio aufnehmen und frei verf├╝gbar machen, mitsamt Tabulaturen und sonstigen Werkzeugen, die denjenigen nutzen k├Ânnen, die einen Wert in diesen Liedern erkennen und sie selbst spielen m├Âchten.

Ich w├╝rde noch sehr oft mein Lieblingslokal besuchen, um einfach nur zu tanzen. Weil es mich erf├╝llt und ich merke, dass es auch andere erf├╝llen kann, wenn ich tanze. Vielleicht w├╝rde ich auch in der Schule den Tanz als eine Art ÔÇ×FreiveranstaltungÔÇť anbieten wollen.

Einige Wochen oder Monate, bevor es dann wirklich mit mir zu Ende geht, w├╝rde ich eine gute Freundin von mir bitten, mit mir zu kommen, und ob sie dann mit f├Ąhrt oder nicht, mit unserem Verschwindibus so lange in Richtung S├╝dafrika fahren, bis ich eines Tages einfach tot bin.

Der Tod ist ein sanfter F├╝hrer

Das Faszinierende an unserem Gespr├Ąch war jedoch weniger die exakte Auspr├Ągung der W├╝nsche, ÔÇ×falls ich bald sterben w├╝rdeÔÇť, sondern die ├ťberraschung, dass ich all das, was ich gerne noch tun w├╝rde, tue. Ich arbeite in einer sehr neuen Schule, was der Schulgr├╝ndung, die ich mir immer gew├╝nscht habe, ├Ąhnlich kommt, ich tanze und habe mir vorgenommen, die M├Âglichkeit dieser Tanz-Veranstaltungen an der Schule zumindest zu recherchieren, ich musiziere und singe oft und gerne mit anderen Menschen und ich schreibe regelm├Ąssig an diesem Blog. Im Sommer ist f├╝r mich klar, dass ich mit dem Bus Richtung Afrika fahren werde.

Wirklich spannend wird es jedoch erst dann, wenn man den Todeszeitpunkt beispielsweise an den n├Ąchsten Tag verlegt, wo sich die M├Âglichkeiten, sein Leben doch noch in die Hand zu nehmen, dann doch sehr reduzieren. Ich h├Ątte kein gr├Âsseres Problem damit, morgen zu sterben, wenn es sein muss. Ich habe es nicht vor, und ich w├╝nsche mir noch Zeit, um beispielsweise die Bus-Reise zu schaffen (weil es einfach im Sommer sinnvoller ist), aber wenn ich sie nicht mehr erleben w├╝rde, w├Ąre es ebenso in Ordnung f├╝r mich.

Und nun n├Ąhern wir uns einem faszinierenden Punkt: m├Âglicherweise ist die Angst vor dem Tod nur Ausdruck der Angst, etwas im n├Ąchsten Moment vielleicht nicht mehr tun zu k├Ânnen, was man in diesem Moment auf die Zukunft verschoben hat. Der Mann, der immer den Traunstein besteigen wollte, nur um dann kurz davor querschnittsgel├Ąhmt zu werden. Die Frau, die immer auf einen Bauernhof ziehen wollte, um dem einfachen Landleben zu fr├Ânen, dann aber mit 70 inmitten der Grossstadt verstirbt.

Der Tod (wie das Alter, das an ihn erinnert) wird in unserer Gesellschaft ganz gerne ausgeblendet: Sch├Ânheits-OPs, Altenheime, Pallitativ-Stationen usw. helfen, sich nicht allzu viel mit ihm besch├Ąftigen zu m├╝ssen. Die Besch├Ąftigung mit der eigenen Endlichkeit w├╝rde wohl bei vielen zu ├╝berraschenden Erkenntnissen f├╝hren (und kann ich einem jeden daher nur ans Herz legen).

Das, was wir halten, bindet uns die H├Ąnde

Ein spannendes Element ist beispielsweise jenes, dass angeblich ÔÇ×unm├ÂglichÔÇť aufzul├Âsende Situationen sich pl├Âtzlich entwirren k├Ânnen, dass die angebliche Unm├Âglichkeit der L├Âsungsfindung f├╝r einen Situation oft auch auf die Weigerung des vor dem Problem stehenden zur├╝ckzuf├╝hren ist, sich von bestimmten Dingen oder auch verh├Ąrteten Einstellungen zu l├Âsen. Wir k├Ânnen nichts mitnehmen, wir k├Ânnen einzig etwas hinterlassen, und Geld oder Besitz, den wir hinterlassen, sind keine zuverl├Ąssigen Zeugen unserer Existenz.

Wenn die Angst vor dem Tod besiegt wird, in dem wir eine bleibende Erinnerung an uns in die Welt bringen, so ist die effektivste M├Âglichkeit, diese Erinnerung in die Welt zu bringen, diejenige, ein unverwechselbares Leben zu f├╝hren. Wie es Viktor Frankl beschreibt, ein Werk zu vollbringen, dass nur ich vollbringen konnte, eine Liebe zu f├╝hlen, die nur dieses Ich nur mit diesem Du f├╝hlen kann oder ein edles Leiden zu erleiden, dass wahre Gr├Âsse wachsen und gedeihen l├Ąsst. Die Erinnerung an einen Menschen wird dort verbleiben, wo Menschen ihr Innerstes der Welt offenbaren, ob in der Liebe oder in der mutigen Ver├Âffentlichung der innersten Gedanken und Gef├╝hle. Ich glaube, es gibt keine innerlich oberfl├Ąchlichen Menschen und stille Wasser sind tats├Ąchlich tief, wie es heisst. Aber was hat die Welt davon, wenn diese Tiefe nie an die Oberfl├Ąche kommt? Oberfl├Ąchlichkeit ist Austauschbarkeit, und Austauschbarkeit bedeutet das rasche Vergessen, vor dem wir uns mehr f├╝rchten als den Tod selbst.

Was macht Dich einzigartig?
Und wie gibst du der Welt die Gelegenheit, diese Einzigartigkeit zu schauen, zu kosten?

In den Antworten zu diesen Fragen liegt der Schl├╝ssel zur Unsterblichkeit verborgen.

Niklas

Vor einigen Tagen besuchte ich mit meiner Schwester meine Urgrossmutter, die mittlerweile im Altenheim lebt und waren ├╝berrascht, sie mit einem blauen Auge und ├╝bers├Ąht mit Pflastern und blauen Flecken anzutreffen. Sie erz├Ąhlte uns, dass sie zu Fuss mit ihrem Rollwagerl in ihr altes Haus gelaufen war, um die nun in grossen Mengen von den B├Ąumen fallenden ├äpfel aufzulesen, weil diese ja nichts daf├╝r k├Ânnten, da einfach zu verfaulen und man m├╝sse diese Geschenke der Natur schon auch nutzen, und bei der Gelegenheit hatte sie mit ihren ├╝ber 90 Jahren noch das Unkraut im Garten gej├Ątet, weil wohl niemand einen verwilderten Garten kaufen w├╝rde. Beim R├╝ckweg von diesem Abenteuer war sie eben dann ÔÇôkurz vor dem Altenheim ÔÇô gest├╝rzt, woraufhin f├╝nf Schwestern und sp├Ąter ein Doktor herbeieilten, um sicherzustellen dass ihr nichts Schlimmes passiert war.

Meine Grossmutter, die wenig sp├Ąter zuf├Ąllig vorbeikam, war entsetzt und versuchte ihr auszureden, weiterhin solche Expeditionen zu unternehmen, sie werde sich noch eines Tages ernsthaft verletzen und dann w├╝rde man sie noch tot in ihrem alten Garten auffinden, aber meine Urgrossmutter liess sich nicht beirren. Die ├äpfel konnten nichts daf├╝r, da einfach verfaulen zu m├╝ssen, und wenn sie niemand sonst auflas, m├╝sse sie sich eben darum k├╝mmern. Ich glaube, es geht hier nur vordergr├╝ndig um ein paar ├äpfel. Vielmehr geht es um Sinn, um W├╝rde.

W├╝rde ist keine L├Ąnge

Als ich vor Jahren f├╝r ein Monat in einem Linzer Altenheim arbeitete, durfte ich bis heute tief sitzende Erfahrungen ├╝ber das Alt-Sein, ├╝ber den Unterschied zwischen der Quantit├Ąt und der Qualit├Ąt des Lebens machen. Die vielen seit Jahren abgeschriebenen Menschen, am Leben erhalten durch Sonden-Ern├Ąhrung und bereits lange abgestumpfte H├Ąnde, die alle paar Stunden durch kundige Bewegungen verhinderten, dass sich der K├Ârper wundlag, dass der K├Ârper sein jeden Tag aufs Neue geschundenes kostbares Innenleben, seine Seele nicht freigab, mit dem Ursprung eins zu werden. Kundige H├Ąnde, gut genug ausgebildet, den kaum wahrnehmbaren H├Ąndedruck und das Flehen in den Augen einer alten Dame wahrzunehmen, die ihr trauriges Dasein seit Jahren im Gef├Ąngnis ihres eigenen K├Ârper fristete.

Diese flehentliche Ber├╝hrung, diese traurigen, wissenden Augen sprachen von solchem Schmerz, den kein Morphium, kein Psychologe und keine Tr├Ąnen jemals wegwaschen konnte, dass ich lernte, warum die Pfleger so abgestumpft waren, warum sie diese Augen und diese Ber├╝hrungen gar nicht mehr wahrnehmen konnten: der Schmerz ist zu stark f├╝r einen lebendigen K├Ârper, spricht von Tod, von der letzten Befreiung und dem letzten Schlaf. V├Âllig unvorbereitet auf diese Situation traf mich dieser Schmerz ungefiltert und gnadenlos. Ich erbrach mich, ich hatte Fieber, Tage lang. Diese Frau hatte keine Angst vor dem Tod, dem Ende des Schmerzes, sie f├╝rchtete nichts mehr als einen weiteren Tag, eine weitere Stunde, beraubt jedes Sinns, beraubt der M├Âglichkeit, in Frieden ihren Weg zu Ende zu bringen und den Kreis des Lebens zu schliessen.

Mahnmal

Diese Frau dient mir immer wieder, wenn ich es brauche, als Mahnmal. Es wird eine Zeit geben, in der meine k├Ârperlichen, vielleicht auch meine mentalen Kr├Ąfte schwinden werden, an denen meine M├Âglichkeiten, mein Leben selbst gestalten zu k├Ânnen, immer weniger werden, dem Punkt, an dem die Verl├Ąngerung der Quantit├Ąt einer Lebensspanne vor der Qualit├Ąt des umspannten Lebens gestellt werden wird. An dem Punkt, an dem es sich zu sterben lohnt, an dem andere anfangen, dar├╝ber entscheiden zu wollen, was gut f├╝r mich ist, mich am Leben erhalten wollen, aus egoistischen Motiven (wie soll ich es ohne dich schaffen) oder gleich welchem Ideal folgend, und dass es sich wohl um einen schmalen Grat zwischen meiner Urgrossmutter, fleissig und zufrieden ├äpfel auflesend, und dieser seit Jahren unerh├Ârt dahinvegetierenden alten Dame handelt.

Als Mahnmal, Quantit├Ąt nicht derart mit Qualit├Ąt zu verwechseln, aber auch als Mahnmal, mein Leben bis zu diesem Punkt den Freiraum zu geben, sich auf die Art und Weise entfalten zu k├Ânnen, die es mit Sinn erf├╝llen, selbst wenn ich im Zuge dieser Entfaltung auch immer wieder leiden werde. Seit meiner Brasilien-Reise versp├╝re ich neben grosser Dankbarkeit auch eine grosse Unsicherheit, weil ich erkennen durfte, dass mein Leben mir viel mehr M├Âglichkeiten bietet, als ich mir je vorstellen konnte. Unsere tiefste Angst ist nicht unsere Unzul├Ąnglichkeit, sondern dass wir grenzenlos machtvoll sein k├Ânnten, schreibt Marianne Williamson, und sie d├╝rfte damit gar nicht so Unrecht haben. Grosse Macht impliziert immer auch grosse Verantwortung, eine Verantwortung f├╝r unser Leben, die Angst machen kann.

Die Angst vor dem Tod ist die Angst, unser Leben noch nicht gelebt zu haben, wenn der grosse Meister an unsere T├╝ren klopft, und die Verl├Ąngerung des Lebens alleine ist, wie am Beispiel der armen alten Frau im Altenheim zu sehen ist, keine sehr erfolgsversprechende Strategie, dieser Angst beizukommen. Die Angst vor dem Tod zu besiegen, bedeutet, bis zum Moment seines Eintretens sein Leben so zu leben, dass er seinen Schrecken verliert, dass wir ihm ins Auge sagen k├Ânnen, tritt ein, guter Freund, ich habe dich bereits erwartet – lass uns gehen. Bedeutet, sich den vielen ├ängsten des Lebens zu stellen. Furchtlos zu lieben und furchtlos loslassen zu k├Ânnen, furchtlos zu werden und furchtlos zur├╝ckzulassen, wenn es n├Âtig ist. Bedeutet, sich der Angst vor unserem eigenen unermesslichen inneren Licht zu stellen und unsere in ihm gleissende Seele der Welt, der wir sie f├╝r die Dauer eines Lebens entliehen haben, eines Tages zur├╝ckzugeben.

Niklas