„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von VerlÀsslichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit GrĂŒnden
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich ĂŒberfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttÀuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurĂŒck in Einsamkeit
Ich wollt, ich hÀtt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quĂ€lt und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kÀmpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe grĂ¶ĂŸter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darĂŒber
Auf die, die Liebe lĂ€sst mich fĂŒhlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlÀsst

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch lÀnger brauchen
Hab meine BrĂŒcke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fĂŒhlst
Dann öffnen wir die DÀmme
In uns, um uns, trÀnken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelÀnge!
Die DĂ€mme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geĂŒbt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

Vor einigen Monaten stieß ich zum ersten Mal ĂŒber einen TEDxTalk auf einen Vortragenden namens Simon Sinek, der ĂŒber ein sehr simples, aber doch geniales Konzept sprach. Mittlerweile finden sich im Internet zahlreiche Blog-BeitrĂ€ge und Interpretationen darĂŒber. Auch die bunterrichten-Plattform orientiert sich in ihrer Gestaltung an seinem „Goldenen Kreis“. Aber was meint er damit ĂŒberhaupt? Und wie kann uns sein Goldener Kreis helfen, a) passendere Mitarbeiter fĂŒr unser Team zu finden und b) mit den vorhandenen besser zusammenzuarbeiten?

Der „Goldene Kreis“

Die Idee ist einfach, aber sehr mÀchtig: Unsere Kommunikation lÀsst sich in drei Sinn-Stufen einteilen, und zwar danach, welche der drei Fragen Was, Wie oder Warum sie zu beantworten sucht.

Er beschreibt unsere Angewohnheit, in den meisten FĂ€llen ĂŒber das Was zu sprechen, bevor wir ĂŒber das Wie (wenn ĂŒberhaupt) endlich zum Warum kommen, und rĂ€t, die Reihenfolge umzudrehen: Zuerst das Warum zu klĂ€ren, dann das Wie, dann erst das Was.

Vor allem relevant wird dieser Rat dort, wo das GegenĂŒber nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne zur VerfĂŒgung stellt, etwa wenn man jemanden neu kennenlernt, oder in der Werbung. Am Beispiel von dieser Web-Plattform:

Warum: Menschen helfen aufzublĂŒhen. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen ein Samenkorn steckt, das – wenn die Umgebung mitspielt – aufblĂŒhen und dieser Umwelt große Freude bereiten kann.
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass dies im Header bzw. in den ersten 2-3 SĂ€tzen auf der Startseite zu finden ist – die Chance ist damit groß, dem Erstbesucher in den ersten 5-10 Sekunden auf diese Information hinzuweisen.

Wie: Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es eine der effektivsten Methoden, dieses Samenkern zum AufblĂŒhen zu bringen, ist, dem Menschen zu vermitteln, als der gesehen zu werden, der er ist. Dazu braucht es etwas, das ich fĂŒr mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe. Nun ist es fĂŒr die meisten Menschen schwierig, mit mehr als ein paar wenigen Menschen gleichzeitig in stimmigem Kontakt zu bleiben. Deshalb halte ich es auch fĂŒr wichtig, sich in indirektem stimmigen Kontakt zu ĂŒben, bei dem anhand der Reaktionen derer, mit denen man in direktem stimmigen Kontakt ist, auf andere geschlossen werden kann.
Ich helfe Menschen, in stimmigem Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen, damit sie in  ihrem jeweiligen sozialen Umfeld im Sinne aller Entscheidungen treffen und AblÀufe entwerfen können.
Die Antwort auf das Wie ist auf der Startseite sowie auf der 2. Seite nach der Startseite zu finden.

Was: Ich treffe mich mit Menschen 1:1 und bin zusĂ€tzlich mittel- bis langfristig mit ihnen im laufenden schriftlichen Kontakt. Außerdem gibt es noch ein Archiv von Blog-BeitrĂ€gen zum Thema sowie eine kleine Community mit anderen Interessierten, die als Ressource zur VerfĂŒgung steht.

WĂŒrde ich jemanden neu kennenlernen und nur eine Minute Zeit haben ihm zu erklĂ€ren worum es mir geht, was könnte er mit der Antwort auf die Was-Frage anfangen? Sie macht in Kombination mit dem Rest schon ihren Sinn, aber der Rest ist nach einem derart langweiligen Was schon gar nicht mehr interessant. Die Antwort auf Warum-Fragen kann jedoch Lust auf mehr machen.

Warum funktioniert das Warum?

Wenn wir annehmen, dass es sehr hilfreich sein kann, mit dem Warum zu starten, entsteht fĂŒr mich eine interessante Folge-Frage: Warum funktioniert es eigentlich  so gut, mit dem Warum zu beginnen?

Die Antwort liegt meiner Ansicht nach darin, dass die Antworten auf diese Fragen einer impliziten Hierarchie unterliegen. Diese Hierarchie ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen auf einer darunterliegenden Ebene ĂŒber aus der ĂŒbergeordneten Ebene abgeleitete Kriterien aufzulösen. Das klingt jetzt sehr kompliziert, deswegen ein Beispiel:

Ein neuer Lehrer kommt in ein bestehendes Kollegium. Frisch von der pĂ€dagogischen Hochschule gekommen, ist er motiviert, alles neu und besser zu machen, und eckt prompt an den bestehenden Strukturen an damit. „Wir machen das anders hier“, bekommt er zu hören, und rasch entsteht ein Konflikt ĂŒber das Was des pĂ€dagogischen Tuns. Bleiben wir auf der Ebene des Was, so steht Meinung gegen Meinung. Begeben wir uns jedoch eine Ebene höher, auf das Wie, so finden wir vielleicht einen ĂŒbergeordneten Zugang, auf den sich die Konfliktparteien einigen können. Wird dies vollbracht, so können die unterschiedlichen ZugĂ€nge zur Umsetzung des Wie durch vom ĂŒbergeordneten Wie abgeleiteten Kriterien objektiver beurteilt werden.

Angenommen, der neue Kollege und das bestehende Kollegium einigen sich darauf, dass es wichtig ist, dass sich die SchĂŒler als Individuum gesehen fĂŒhlen. Danach können sie gemeinsam beurteilen, ob ihre unterschiedlichen AnsĂ€tze, den  Unterricht zu gestalten, diesem Kriterium mehr oder weniger gut entsprechen. Möglicherweise wird dann etwa sichtbar, dass beide AnsĂ€tze, der alte wie der neue, dem Kriterium gut entsprechen und damit auch gut nebeneinander existieren können.

Zugehörigkeit durch ein gemeinsames Warum

Aus dem Handeln eines Menschen ist oft nicht klar ersichtlich, was seine BeweggrĂŒnde fĂŒr dieses Handeln sind. In der Folge bewerten wir sein Handeln basierend auf den Annahmen, die wir treffen. Wenn das Handeln des anderen unserem Warum zuwiderlĂ€uft (oder wir es annehmen), so wird die handelnde Person als nicht unserer Gruppe zugehörig empfunden, wird zum Gegenspieler.

Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, mĂŒsste es doch eigentlich sehr einfach sein, stattdessen einfach mit dem Warum zu beginnen, und so eine gemeinsame Basis in einem Team herzustellen. Dies ist durchaus auch möglich, aber einfach ist es nicht. Der Grund dafĂŒr liegt fĂŒr mich darin, dass nur wenigen Menschen klar ist, warum sie tun, was sie tun. Klingt unglaublich, aber dĂŒrfte nach meinen Beobachtungen durchaus der RealitĂ€t entsprechen.

Ich selbst, der ich doch – soweit ich das beurteilen kann – vergleichsweise sehr viel Zeit damit verbringe nachzudenken, zu reflektieren, zu lesen, zu schreiben, kĂ€mpfe nun seit gut 1,5 Jahren mit dieser Fragestellung. Mittlerweile bin ich auch so halbwegs zufrieden mit meiner Antwort, vor allem weil sie – anders als vor 2-3 Monaten – nicht mehr mehrere A4-Seiten benötigt, um erklĂ€rt zu werden.

Warum bin ich Lehrer? Direktor? Warum bin ich Teamleiter? Warum habe ich dieses Unternehmen gegrĂŒndet? Diesen Sozialverein? Wenn es mir gelingt, diese Frage fĂŒr mich zu beantworten, so erleichtere ich es damit anderen herauszufinden ob sie sich mit dieser Antwort ebenso identifizieren können. Können sie es nicht und handelt es sich nicht nur um ein MissverstĂ€ndnis in Worten und Deutungen, so wird eine Zusammenarbeit auf Dauer kaum fruchtbar sein. Ist aber eine grundsĂ€tzliche Übereinstimmung im Warum gegeben, so können unterschiedliche Meinungen ĂŒber das Wie oder ein weit unwichtigeres Was befruchtend fĂŒr Innovationen sein.

Die meisten von uns nehmen an, dass die Antwort auf diese Fragen ohnehin so klar ist, dass sie es nicht wert ist, gestellt zu werden. Was dazu fĂŒhrt dass wir uns so hĂ€ufig missverstehen, weil wir – unhinterfragt – annehmen, dass ein jeder von uns zu der gleichen Antwort kommen muss.  Damit beschrĂ€nken wir jedoch auch implizit unsere Möglichkeiten des Miteinanders.

LĂ€sst sich ein gemeinsames Warum auch herstellen?

Laut Simon Sinek ist das GefĂŒhl, von Menschen mit Ă€hnlichen Wertvorstellungen umgeben zu sein, essentiell fĂŒr ein gegenseitiges Vertrauen und der Bereitschaft, auch Neues auszuprobieren – und seine AusfĂŒhrungen machen meiner Ansicht nach auch durchaus Sinn.

Wirklich interessant ist jedoch die Kombination mit seinem Konzept vom Goldenen Kreis, weil es bedeuten wĂŒrde, dass wir sehr oft von Menschen mit Ă€hnlichen Wertvorstellungen umgeben sind, es aber nicht erkennen können, weil wir ĂŒber das Was statt ĂŒber das Warum sprechen. Beispielsweise gehe ich (optimistischerweise) davon aus, dass die meisten Menschen, die von Beruf Lehrer sind, sich mit meinem Warum, Menschen zu helfen aufzublĂŒhen, identifizieren können. Die wenigsten wĂŒrden wohl von sich behaupten, sie wĂ€ren Lehrer geworden, um zu verhindern, dass Menschen das Beste aus ihren Anlagen und Chancen machen. Aus ihren Handlungen (Was) alleine ist dies aber nicht immer eindeutig zu erkennen.

Eine Hierarchie-Ebene darunter,  beim Wie, werden viele Lehrer schon nicht mehr mit mir einig sein. Vielleicht noch damit, dass es Menschen gut tut, gesehen zu werden, aber dass dies einen stimmigen Kontakt voraussetzt, da wird es wohl schon problematischer. Weniger noch bei der Frage ob dies wĂŒnschenswert sei, sondern eher bei der Frage der praktischen Umsetzbarkeit: Das wĂ€re schön und sinnvoll, aber wer soll das leisten?

Und spĂ€testens beim Was lĂ€sst sich dann trefflich darĂŒber streiten was denn nun die schlauesten Umsetzungen von all dem darstellt.

Und noch eine Ebene darĂŒber

Das Konzept von Warum, Wie und Was als Hierarchie-Ebenen lĂ€sst sich in beide Richtungen weiterfĂŒhren. So basiert etwa mein Warum, Menschen helfen aufzublĂŒhen, auf der stillschweigenden Annahme und meinem Weltbild (= Vorstellung, wie diese Welt funktioniert, noch ohne Wertung), dass in Menschen Potential angelegt ist, das mit Hilfe einer konstruktiven Umwelt inneres und Ă€ußeres Wachstum ermöglicht. Jemand anderer basiert sein Warum vielleicht auf dem Weltbild, dass der Mensch ein leeres GefĂ€ĂŸ ist, das von außen „befĂŒllt“ werden muss, und wird zu anderen SchlĂŒssen kommen. Der Fantasie sind damit kaum Grenzen gesetzt, das Konzept weiterzufĂŒhren. Mit der Hierarchie von Warum, Wie und Was kann man jedoch schonmal viel erreichen.

Viel Freude damit!

Niklas

FĂŒr jemanden wie mich, der sich fĂŒr Menschen und was sie zu Menschen macht interessiert, gibt es wohl nur wenige Bereiche, in denen ich wertvollere Erfahrungen machen kann als eine freie Schule, in der auf allen Ebenen Menschen mehr oder weniger losgelöst von gesellschaftlichen Erwartungen aneinandergeraten und irgendwie miteinander auskommen mĂŒssen. Hier stoßen alle Beteiligten immer wieder an ihre Grenzen, machen Fehler, die sie dann bereuen, und meist entschuldigen sie sich dann auch. Manchmal ĂŒberdauern Konflikte auch einige Zeit, und hin und wieder mag es vorkommen, dass sich der eine oder andere auch eine dauerhafte Abneigung gegen jemanden entwickelt.

Da haben wir nun all die Werkzeuge bei der Hand, von der gewaltfreien Kommunikation bis zur Streitschlichter-Ausbildung, all die Liebe zueinander, die uns immer wieder morgens aus dem Bett lockt und uns nach einem ereignisreichen Tag mit einem LĂ€cheln die Schule verlassen lĂ€sst, und doch haben wir dieses LĂ€cheln oft auch hart mit unseren TrĂ€nen erkĂ€mpft, die wir fĂŒreinander vergossen haben. Hier wechseln sich Frustrationen mit HochgefĂŒhlen ab, und nicht an allen Tagen wissen wir, dass Letztere doch ĂŒberwiegen. Und doch kehren wir wieder, an jene StĂ€tte, die uns aufs Neue einladen will, die uns sanft ruft, uns in ihr zu versammeln.

Denn irgendwo tief in uns spĂŒren wir doch, was hier an jenem Ort mit uns geschehen kann, wenn wir uns auf ihn einlassen können. Dass die Freude, die wir erleben, wenn wir feststellen, dass andere uns anfeuern, wĂ€hrend wir Anlauf fĂŒr den großen Sprung ĂŒber die aufgestapelten Polster nehmen, vor allem auch eines ist, und zwar echt. Dass die Trauer und manchmal die Wut aus dem Leiden an echten BedĂŒrfnissen stammen, die es dem Anderen ermöglichen, innezuhalten und uns gegenseitig in den Arm zu nehmen. Und wenn dann die TrĂ€nen frei fließen können, spĂŒren wir die Kraft, die uns am Ende jenes Stroms erwartet.

Traurige Geschichten

Und doch haben wir alle unsere Geschichte, haben alle gelernt, uns vor denjenigen zu schĂŒtzen, von denen wir glauben, dass sie es nicht gut mit uns meinen. Und so haben wir gelernt, die Trauer ebenso zu verbergen wie unsere Freude, haben gelernt, „politisch“ zu handeln, und „strategisch“ zu denken, um unsere Widersacher dort zu ĂŒberrumpeln, wo sie es am wenigsten erwarten. Und so schaffen wir uns verbitterte Feinde, wo wir doch nur UnverstĂ€ndnis vermuten mĂŒssten, anstatt aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig aufzuklĂ€ren, was wir unter Freundschaft verstehen, unter Liebe – und einem guten Menschen. Dort, wo wir es wagen, finden wir oft erst wahre Freunde.

Ich habe in meiner Arbeit das GlĂŒck, jungen Menschen beim Heranwachsen zusehen zu dĂŒrfen, und auch bei ihnen zeigt sich relativ rasch, wer von ihnen gelernt hat, sich anderen zu öffnen und wer von ihnen gelernt hat, sich vor anderen zu schĂŒtzen und zu verschließen, und welche Folgen dies fĂŒr ihr Leben (an der Schule) zu haben scheint. Diejenigen, die gelernt haben, sich keine BlĂ¶ĂŸen zeigen zu dĂŒrfen, werden oft zu EinzelgĂ€ngern oder suchen sich andere GrĂŒppchen, die ihnen das GefĂŒhl von StĂ€rke vermitteln können. Gerade, wenn sie sich wohl schwach fĂŒhlen, scheinen sie ihre StĂ€rke demonstrieren zu mĂŒssen. Kaum sieht man sie trauern, des Öfteren jedoch wĂŒtend werden. Andere jedoch scheinen gelernt zu haben, sich in Konflikten eher zu öffnen denn zu verschließen, und manchmal leiden sie auch darunter. Und doch wirken diese SchĂŒler im Großen und Ganzen glĂŒcklicher als jene, die sich ihre Strategien zurechtlegen, um zu „gewinnen“. Denn fĂŒr jeden Sieg, den der Stratege erlangt, schafft er sich mit dem Besiegten einen Gegner, vielleicht sogar einen Feind, wo er durch Offenheit einen Freund hĂ€tte gewinnen können.

Konstruktives Leiden?

Es ist manchmal eine schwierige Gratwanderung zwischen dieser konstruktiven Offenheit und jener destruktiver, sich alles gefallen zu lassen. Der SchlĂŒssel dazu lautet wohl AuthentizitĂ€t. Authentisches Feedback einem anderen gegenĂŒber wirft die Konsequenzen seines Handelns auf ihn zurĂŒck und nimmt ihn in die Verantwortung. Eine Freundin von mir hat es einmal in etwa so ausgedrĂŒckt: „Ich bin es gewöhnt, dass mir jemand auf einen wĂŒtenden Kommentar einen ebenso wĂŒtenden Kommentar zurĂŒckgibt. Wenn du das nicht machst, ist das gemein von dir, weil dann fĂŒhle ich mich schlecht und will mich bei dir entschuldigen. Wenn du mich nicht zurĂŒck angreifst, muss ich mich fragen, warum ich dich angreife.”

Das bedeutet nicht, dass mir egal ist, was sie tut oder sagt. Aus dem Tai Chi Chuan habe ich gelernt, dass es wichtig ist, stets Kontakt mit dem Anderen zu halten, um seine Energie auf ihn zurĂŒckleiten zu können, und auch in der Kommunikation scheint dies ein Grundgesetz zu sein. Ich setze mir keine Strategie zurecht, dem Gegner zuvorzukommen und ihn zu schlagen, ich nehme Kontakt zu ihm auf und helfe ihm, seine eigene „Energie“ zu verstehen, indem ich darauf eingehe und sie ihm zurĂŒckleite. VerstĂ€ndnis entsteht dort, wo wir fĂŒr ein jedes Yang das passende Yin geben können, das dem Yang als Spiegel zur Selbsterkenntnis dient.

Ich habe in meinem Leben noch keinen einzigen „bösen“ Menschen kennengelernt, wohl aber viele Menschen, die nur wenig Ahnung davon hatten, was sie mit ihren Aussagen und Handlungen fĂŒr Konsequenzen nach sich zogen. Ich habe bisher nur wenige Menschen getroffen, die authentisch genug waren, anderen diese Konsequenzen auch aufzuzeigen, um echtes Lernen zu ermöglichen. Virginia Satir schrieb einst sinngemĂ€ĂŸ in einem Buch ĂŒber Familientherapie, dass ein jeder Mensch in jedem Moment versuche, das fĂŒr alle Beteiligten (die ihm bewusst/wichtig sind) das Beste zu tun, und meiner Erfahrung nach hatte sie durchaus recht damit. Wir mĂŒssen uns also weniger darum kĂŒmmern, dass Menschen einander Gutes tun wollen, als darum, ihnen aufzuzeigen, wie sich ihr Handeln tatsĂ€chlich auf andere Menschen auswirkt, damit sie das Gute, dass sie sich und der Welt tun wollen, auch wirklich so umsetzen können.

Warum Kinder uns doch als Vorbilder brauchen

Wir gehen oft davon aus, dass Kinder erwachsene Vorbilder brauchen, um zu lernen, doch wer ist authentischer als ein kleines Kind, dass sich hemmungslos seinen TrÀnen und seiner Freude hingibt? Kinder brauchen keine Vorbilder, um authentisch zu sein, aber dringend authentische Erwachsene, um auch in den Wirren der menschlichen Entwicklung authentisch bleiben zu können.

An uns Erwachsenen finden Kinder Vorbilder, was es heißt, „erwachsen“ zu sein, entnehmen ihnen den Rahmen des Möglichen und trennen ihn von dem Bereich des „Kindlichen“, von dem sie sich emanzipieren wollen. Je nachdem, welche Erwachsene in ihrer Umgebung vorfinden, werden sie unter „erwachsen werden“ wohl eher das politische Spiel und die Verleugnung der authentischen BedĂŒrfnisse lernen oder den authentischen Umgang mit ihnen. Ich halte es fĂŒr wichtig, dass sie auch die sanfte Macht der Offenheit und ihre Konsequenzen an Erwachsenen beobachten können, dass sie nicht “alternativlos” aufwachsen mĂŒssen.

Ich meine es gut mit dir, ich bin nur manchmal etwas unfÀhig

Ein authentischer Umgang mit den eigenen BedĂŒrfnissen ist nicht gleichbedeutend mit deren sofortigen ErfĂŒllung, solange er auch die BedĂŒrfnisse anderer einbezieht. Dazu benötigen wir zumindest ein Mindestmaß an Empathie, doch auch diese wird wohl durch ein ErspĂŒren der eigenen BedĂŒrfnisse eher gefördert denn gehemmt. Was ich in mir spĂŒre, kann ich auch in anderen nachvollziehen. Viriginia Satir schrieb, Menschen wĂŒrden das tun wollen, was sie glauben, „das fĂŒr alle Beteiligten am besten ist“. Nicht immer erkennen Menschen alle anderen Beteiligten oder sie liegen falsch damit, was jene selbst fĂŒr am besten halten.

Eine Freundin verblĂŒffte mich einst mit der Frage, ob mir eigentlich bewusst wĂ€re, dass nicht alle Menschen denken wĂŒrden, dass alle anderen Menschen es eigentlich gut miteinander meinen wĂŒrden. Ich war damals ziemlich verblĂŒfft darĂŒber, denn fĂŒr mich war es sonnenklar, dass mein Leben um einiges unglĂŒcklicher wĂ€re, wenn ich davon ausgehen wĂŒrde, dass es Menschen, bei denen ich es nicht wirklich wusste, im Zweifelsfall eher schlecht mit mir meinten als gut. Und auch die Erfahrung zeigt mir, dass Menschen, von denen man ausgeht, dass sie gute Menschen sind, sich tendenziell auch so verhalten. Mein Leben wĂ€re wohl unabhĂ€ngig von den tatsĂ€chlichen Handlungen meiner Mitmenschen um einiges unglĂŒcklicher, wenn ich davon ausginge, dass andere Menschen mir böses WĂŒnschen wĂŒrden. Warum also mich selbst unglĂŒcklich machen und anderen, die nichts dafĂŒr können, die Schuld zuschieben?

Alte Geschichten und neue Potentiale

Auch oder gerade in einer freien Schule gibt es nun historisch gewachsene Konflikte, die nie ganz ausgerĂ€umt wurden und zu anhaltenden Verstimmungen gefĂŒhrt haben. Es ist immer wieder interessant fĂŒr mich, wie diese Konflikte dazu fĂŒhren können, dass Menschen untereinander nur noch das voneinander verstehen, was sie glauben, dass der andere sagt, dass sie irgendwann dazu ĂŒbergehen, das Gesagte des Anderen abzuwerten, bevor sie den Sinn des Gesagten ĂŒberhaupt verstanden haben. Und so reden sie aufeinander ein anstatt miteinander und vertiefen einen Konflikt, bei dem es lĂ€ngst nicht mehr um die Sache selbst, sondern nur noch um das Negative, das sie in die andere Person hineininterpretieren, geht. Es ist bezeichnend, dass die Lebensdauer jener destruktiven Konflikte mit dem Alter der beteiligten Personen zuzunehmen scheint.

Und so darf es uns nicht wundern, wenn auch die Kinder, die ihre Konflikte einst unter TrĂ€nen der Wut und manchmal auch der Ergriffenheit oder Freude ausgetragen haben, lernen, ihre tatsĂ€chlichen GefĂŒhle zu verstecken und lernen, ihre Gegnern mit politischem KalkĂŒl zu Fall zu bringen, lernen, die SchĂ€digung des Gegners selbst vor das eigene GlĂŒck zu stellen. Oft können Kinder dann auch die negativen Konsequenzen dieser Handlungsweisen beobachten, aber sie benötigen erwachsene Vorbilder, die aufzeigen, wie es noch gehen kann, wenn sie sich nicht mit einem „Das ist eben so, wenn man erwachsen wird“ abfinden sollen.

Niklas

Er war bis zu jenem Tag kein sonderlich auffĂ€lliger Bursche gewesen. Andere ein wenig zu schubsen oder ihnen ihre Sachen wegzunehmen, um sie zu einer Verfolgungsjagd quer durch die Schule aufzufordern, das konnte er schon nachvollziehen, aber Gewalt als solche hatte er stets abgelehnt. Das war etwas fĂŒr Vollidioten gewesen, die sich nicht anders zu helfen wussten. Bis zu jenem verhĂ€ngnisvollen Tag.

Markus hatte ihm die MĂŒtze weggenommen, er hatte ihn quer durchs SchulgelĂ€nde verfolgt und sie hatten einen Heidenspaß dabei gehabt. Irgendwann jedoch, als ihm die Puste ausgegangen war, hatte es ihm gereicht, und er wollte seine MĂŒtze zurĂŒck haben, schließlich war der Herbst im Kommen und es wurde langsam kĂ€lter. Jedermann hier an der Schule wusste, dass es einen Punkt gab, an dem es reichte, und dass es zum guten Ton gehörte, an diesem Punkt das Spiel zu beenden. Was den anderen dazu geritten hatte, trotzdem weiterzumachen, wusste er bis heute nicht. Aber er wusste, dass er genug hatte, dass ihm trotz der Verfolgungsjagd langsam kalt wurde und er die MĂŒtze, die rechtmĂ€ĂŸig ihm gehörte, nun endlich wiederhaben wollte. Der Spaß war vorbei, es ging nicht mehr ums Spielen, ums KrĂ€ftemessen. Es ging darum, wem die MĂŒtze rechtmĂ€ĂŸig gehörte, und der Fall war eigentlich klar gewesen. Doch Markus wollte noch nicht aufgeben. Von dem, was danach geschah, wusste er nur noch BruchstĂŒcke.

Irgendwo tief in ihm war eine entsetzliche Flamme aufgelodert, die ihn brannte, die ihn Ă€ngstigte, die ihm flĂŒsterte, dass sein Recht hier mit FĂŒĂŸen getreten wurde und dass es nur einen Weg gab, das Recht wiederherzustellen: es selbst in die Hand zu nehmen. Nicht zu warten, bis einer der Erwachsenen zu Hilfe kam, um den Streit beilegen zu können, nein! In diesem entsetzlichen Moment war der Andere kein MitschĂŒler mehr, der sich einen Streich erlaubt und eine Grenze ĂŒbersehen hatte. Nein, in diesem Moment hatte er gefĂŒhlt, dass Markus nach anderen Regeln spielte, sich an andere Gesetze hielt als er selbst, und sich ihm ĂŒberlegen fĂŒhlte, gerade weil er sich nicht daran hielt. Warum sollte er sich Markus gegenĂŒber zurĂŒckhalten? Und dann, als ihm
dieser Gedanke kam, war eine letzte Sicherung, die ihn noch zurĂŒckgehalten hatte, durchgebrannt.

Markus musste die VerĂ€nderung in seinem Blick bemerkt haben, denn in dem Sekundenbruchteil, indem er sich auf ihn stĂŒrzte, warf er die MĂŒtze weit von sich, als wollte er damit sagen, dass es vorbei war. Doch es ging in diesem Moment nicht mehr um die MĂŒtze, sondern um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, notfalls mit Gewalt, wie sein Großvater zu sagen pflegte. Und all die jahrelang unterdrĂŒckte Wut seines Lebens, die er stets zurĂŒckgehalten hatte, entlud sich in diesem einen Schlag, diesem einzigen Mal, indem er die Kontrolle verloren hatte. Dem Schlag, der Markus das Kiefer brach, ihn gegen die Wand schleuderte und dort bewusstlos zusammensacken ließ, der ihm ein TriumpfgebrĂŒll entlockte, das jenem eines Tieres Ă€hnelte. Bevor er realisierte, dass sich sein MitschĂŒler nicht mehr rĂŒhrte und ihm klar wurde, dass er soeben einen Menschen niedergestreckt, schwer verletzt oder sogar getötet hatte.

Als Markus Wochen spĂ€ter wieder in der Schule erschien, wirkte er von den Erlebnissen gezeichnet, war still geworden und mied es, andere anzusprechen. Auch dem Mörder, wie er mittlerweile hinter vorgehaltener Hand von den anderen Kindern genannt wurde, war es nicht viel besser ergangen. Sie hatten Angst vor ihm, all die anderen Kinder, Angst vor einem weiteren Wutausbruch. Das war keine Rangelei gewesen, bei der der Sieger an Respekt gewann, es war ein Kampf ohne Regeln gewesen. Wie seltsam die Welt doch war! Er hatte doch gesiegt –
oder doch verloren?

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Ein heller Gong bedeutete dem Meister, dass es wieder einmal Streit unter den SchĂŒlern des Klosters gegeben hatte, und dass er aufgerufen war, ihn beilegen zu helfen. Als er die schwere HolzschiebetĂŒr des Tempels lĂ€chelnd zur Seite schob, kamen ihm die StreithĂ€hne bereits wild gestikulierend entgegen.

„Dao hat mir auf den Kopf geschlagen!“, schrie der eine, „aber nur, weil du mir in den Bauch getreten hast!“, der andere. „Aber das habe ich doch nur gemacht, weil du mir auf die WirbelsĂ€ule geschlagen hast! Und das tut man nicht!“. “Ja aber du hast mich vorher geschubst!“. Und nach einer Menge weiterer gegenseitiger Anschuldigungen, bei denen Ursache und Wirkung jeweils seitenverkehrt zugewiesen wurde, schrien zwei vom Streiten erschöpfte SchĂŒler schließlich: „Meister, wer ist nun im Recht?“

Doch der Meister schwieg nur lĂ€chelnd und winkte sie in den Tempel. Nachdem sie eingetreten waren, deutete er ihnen, sich auf einen der großen Teppiche zu setzen und auf ihn zu warten. Als er wieder zurĂŒckkam, hatte er viele kleine Steinplatten bei sich und begann, sie vor den ungeduldigen SchĂŒlern aufzustellen. „Dies“, meinte er, auf die erste Steinplatte vor ihm zeigend, „ist der letzte Auslöser eures Streits, an den ihr euch erinnern könnt. Er hat den Streit vermeintlich angefangen“. Damit gab er dem ersten Stein einen Stoß, woraufhin alle anderen Steine vom jeweiligen Nachbarn umgeworfen wurden. „Wer war nun der erste Stein?“, wollten die SchĂŒler wissen.

Der Meister stellte alle Steine wieder auf und zeigte wieder auf den ersten. „Dies“, meinte er lĂ€chelnd, „ist der erste Grund, an den ihr euch erinnern könnt. Doch davor“ – er stellte weitere Steine auf – „gab es noch ganz viele andere GrĂŒnde, die ihr lĂ€ngst vergessen habt. Ein Stein kann ein schlechtes FrĂŒhstĂŒck sein, schlechtes Wetter oder einfach ein Versehen.“

„Aber wer ist nun im Unrecht?“, wollten die ungeduldigen SchĂŒler wissen, „wer von uns war tatsĂ€chlich der erste Stein?“. Doch der Meister stellte weitere Steine vor die immer lĂ€nger werdende Reihe. „Das war der letzte Grund, an den ihr euch erinnern könnt. Das war das Wetter. Das FrĂŒhstĂŒck am Morgen. Der schlechte Schlaf davor. Es gibt keinen ersten Grund, denn es gibt immer einen Stein davor. Das macht die Suche nach dem Schuldigen so schwer und schließlich so sinnlos. Aber ich will euch zeigen, wie man in einem Streit einen Meister von einem SchĂŒler unterscheiden kann.“

Er baute die Steinplattenreihe zum dritten Male auf und stieß den ersten um. „Der SchĂŒler, der von einem Stein angestoßen wird, fĂ€llt um, um einen weiteren Stein umzustoßen, und sucht dann die Schuld beim ersten Stein, der ihn umgestoßen hat.“ Er legte einen Finger auf eine der Steinplatten und hielt damit den Fall der anderen Steine auf. „Der Meister jedoch ist derjenige, der fĂŒhlt, dass der Stein neben ihm droht, umzufallen, und all seine Kraft zusammennimmt, um ihn aufzufangen. Man erkennt einen Meister nicht daran, wie stark sie sind, andere umzuwerfen, sondern daran, wie stark und sicher sie sind, andere aufzufangen, die umzufallen drohen.”

Nachdem er sie hinausgeschickt hatte, waren die SchĂŒler weiter verwirrt. Wer war denn nun schuld an dem Streit? Der Meister, der sie im Weggehen weiter diskutieren hörte, lĂ€chelte. Es hatte schon seinen Grund, warum es nur sehr wenige Meister ohne graue Haare zu geben schien.

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