Langsam aber sicher beginnen auch in meiner neuen Arbeit nun die von mir schon so oft beobachteten Prozesse zu wirken: die Kinder bekommen plötzlich Lust aufs Schreiben, obwohl sie gar nicht müssten. Erzählen mir Geschichten über sich selbst, die sie nicht einem jeden erzählen würden, Geschichten, die ihr Selbstverständnis mit definiert haben. Beginnen, sich mit sich selbst, mir und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, sie produktiv zu gestalten. Was Paulo Freire, mein leider schon verstorbener brasilianischer Lieblings-Pädagoge in seinen Büchern beschreibt, entfaltet sich aufs Neue: den Menschen nicht nur das Lesen der Welt aufzeigen, sondern auch das Schreiben. Nicht nur die Re-Produktion des Bestehenden, Äußeren ermöglichen, nicht nur die Ausbildung zu fähigen Objekten zu fördern, sondern das Akzeptieren des jeweils anderen als Subjekt, als aus sich selbst heraus handelnde Person, mit allen produktiven Folgen.

Von Objekten und Subjekten

Es scheint die Grundfesten unseres Schulsystems eine Art von Vorstellung zu durchziehen, dass Menschen, um aus sich selbst heraus produktiv sein zu können, erst lernen müssen, Vorhandenes zu re-produzieren, und natürlich hat diese Ansicht ihre Berechtigung in dem Sinne, dass ein Sich-Ausdrücken und auch Verstandenwerden das Erlernen einer gewissen gemeinsamen Sprache voraussetzt. Die Problematik beginnt dort, wo die Re-Produktion als Ziel statt als Mittel angesehen wird. Nach Paulo Freire ausgedrückt hieße dann mein Ziel, den Menschen das Lesen beizubringen, aber eben nicht auch das Schreiben. Sie zu verständigen Empfängern zu formen, nicht aber auch zu möglichen Reformern. Paulo Freire hatte meiner Ansicht nach recht, wenn er schrieb, dass sein Ansatz ein höchst politischer sei, und die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, Schreiben zu lernen, sei ein ebenso höchst politischer Akt. Dieser Akt sagt: Ja, ich will sie mitschreiben, meine eigene Geschichte, die Geschichte meiner Familie, meines Landes, dieser Welt. Ich verbleibe nicht passives Opfer der Umstände. Ich bin Subjekt. Ich kann handeln.

Ein Mensch, der zu der Vorstellung gelangt ist, Subjekt zu sein, ist ein zutiefst produktiver Mensch, auch wenn er sehr wahrscheinlich die Notwendigkeit der Re-Produktion als Mittel zum Zweck anerkennt. Kein großer Maler wird abstreiten, dass es viele Stunden dauerte, bis er seine Technik verfeinert hat, kaum ein großer Musiker abstreiten, dass er jahrelang geübt hat, bis er die Töne, die er spielen wollte, seiner Intention gemäß re-produzieren konnte. Nur hatte diese Reproduktion einen ihm bewussten und von ihm intendierten Zweck, ist nicht fremdbestimmt, sondern von ihm selbst als Mittel zum Zweck als notwendig und sinnvoll empfunden.

Das Subjekt und die intrinsische Motivation

Im Grunde hat – so hoffe ich – ein jeder sowohl in eigener Erfahrung als auch durch Beobachtung den Unterschied wahrnehmen können, etwa zwischen einem Kind, das eine Hausübung genervt abarbeitet (und damit ohne die Ausrichtung auf ein ihm verständliches Endziel re-produziert, was von ihm verlangt wird) und einem Kind, das – vielleicht sogar mit ebenso großen fachlichen Schwierigkeiten – sich durch eine ihm bedeutsame Aufgabe kämpft. Ersteres braucht oftmals direkte oder indirekte Motivation von außen, um die Aufgabe zu erledigen, das zweite wird vielleicht zwischendurch aufgeben, aber (wenn es nicht zu sehr enttäuscht ist, die Aufgabe nicht zu schaffen) immer wieder darauf zurückkommen. Ein aktuelles Beispiel: Vor knapp zwei Wochen stellte mir mein Cousin eine Mathematik-Aufgabe:

Ein Bauer hat ein exakt kreisförmiges Feld von 50m² und will eine Ziege mit einer Leine so am Rand des Feldes anbinden, dass die von ihr abgegraste Fläche exakt das halbe Feld beträgt. Wie lang muss dazu die Leine sein?

Ich habe dann bei ihm noch eine Stunde gerätselt, zuhause noch eine Stunde, bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe noch eine Stunde probiert, sie wieder nicht geschafft, bis ich die Lösung dann am Vormittag des nächsten Tages nach insgesamt gut 5 Stunden Arbeit gefunden hatte. Niemand hat mich extern dazu motiviert, ich hatte keinen Vorteil davon sie zu lösen oder Nachteil, sie nicht zu lösen, und trotzdem fĂĽhlte es sich produktiv fĂĽr mich an – ich wollte herausfinden ob ich es schaffen kann. Die Aufgabe selbst war durchaus reproduktiv, es gibt (wie ich im Nachhinein feststellte) auch im Internet Lösungen dazu, aber ich wollte sie lösen, weil ich jemand sein möchte, der komplexe Problemstellungen erkennen und Lösungen finden kann, und die Aufgabe damit zu einem Mittel fĂĽr meine Zwecke wird.

Um nun den Kreis wieder ein wenig zu schließen: Ich bin überzeugt davon, dass diese produktive, aus einem selbst motivierte Art zu lernen a) mit Abstand effizienter ist als eine stur reproduktive und b) den Lernenden selbstständiger und unabhängiger macht und damit – in meinem Weltbild – sinnvoller ist.

(Mir ist klar, dass eine gewisse Unselbstständigkeit und Abhängigkeit durchaus auch im Interesse so mancher Menschen liegen könnte. Trotzdem nehme ich einerseits naiverweise und andererseits im festen Glauben, dass es für eine Gesellschaft langfristig besser ist, wenn alle ihre Mitglieder die Möglichkeit haben, produktiv und damit auch innovativ zu sein, an, dass dies ein gemeinsames Ziel von Pädagogen ist)

Aber der Lehrplan…!

Nun liegt natürlich das Argument sehr nahe, dass ein rein Interesse-geleiteter Lernansatz kaum dazu geeignet sei, den gesamten vorgegebenen Lernstoff zu ergründen. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist, woran das liegt. Haben diejenigen, die nach jenem Lehrplan lehren, selbst den Wert der vermittelnden Wissensgebiete und Fähigkeiten noch nicht ausreichend erschöpfend verstanden, um den wirklichen Nutzen sichtbar zu machen, oder enthält er auch unnütze bzw. nur für spezialisierte Anwendungen notwendige Bereiche? Nun ist eine Beurteilung dieser Fragen naturgemäß schwierig, weil verschiedene Menschen gewissen Wissensgebieten anhand ihrer Erfahrungen unterschiedlichen Wert beimessen. Um beim Volksschul-Lehrplan zu bleiben: es fällt mir selbst schwer, das vorgesehene Wissen über Pflanzen mit Sinn zu besetzen, weil ich – ehrlich gesagt – leider selbst kaum Ahnung von Pflanzen habe. Ich kann zwar anerkennen, dass es da Faszinierendes zu finden gibt (glücklicherweise habe ich Menschen kennengelernt, die das besser verkörpern als ich), aber selbst könnte ich diese Begeisterung wohl nur schwerlich vermitteln.

Was mich – während ich dies schreibe – zu einer interessanten Schlussfolgerung führt: kein Mensch wird alleine fähig sein, für alle Stoffgebiete zu begeistern, weswegen es umso notwendiger wäre, möglichst viele Menschen möglichst vielen unterschiedlichen anderen Menschen auszusetzen, die sich für verschiedenste Themen begeistern können, ob sie sich nun offiziell „Lehrer“ nennen dürfen oder nicht. Nicht notwendigerweise, um ihr Wissen oder ihr Können zu vermitteln, sondern um im Anderen den Funken an Begeisterung zum Glimmen zu bringen. Ich kann dies offensichtlich unter Anderem mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit im Bereich des Schreibens leisten, vermutlich einfach weil ich es so gern tue und seinen Wert regelmäßig erkennen und spüren kann.

Was es dann sonst noch braucht

Hat dieser Funken dann erst einmal jemanden „entflammt“, so braucht jener kaum mehr externe Motivation, dass er etwas machen soll, wohl aber Räume und Werkzeuge, um produktiv sein zu können. Jemand, der Schreiben lernen will, wird auch mit Ästen im Waldboden seine Buchstaben schreiben oder sie legen oder was auch immer, wird eben statt dem Lehrer den Großvater fragen ihm etwas beizubringen, wirklich aufzuhalten sind die Kids da ohnehin schwer. Trotzdem kann man es ihnen ein Stück weit erleichtern, wenn man ihnen Papier und Stifte zur Verfügung stellt und ihnen die Experimentierräume (zeitlich, räumlich, Schutzräume) und Ressourcen zur Verfügung stellt, sich zu versuchen. Schule/Lernzentren etc. in dem Sinne halte ich für eine durchaus sinnvolle Einrichtung.

Und dann gibt es da noch die notwendigen Frusterfahrungen. Wer mal versucht hat, ein Instrument zu erlernen, weiß wohl, wovon ich spreche. Nur zwischen zwei Akkorden auf der Gitarre schnell genug zu wechseln, kann anfangs schon eine Überforderung darstellen. Oder einen  Ton auf dem Saxophon zu spielen, der nicht scheußlich klingt (bei mir kommt da meist nur ein unschönes Piep!, sehr frustrierend). Da kommt dann der Heilungskreis bzw. der Ablauf signifikanten Lernens ins Spiel, über die ich schon des Öfteren geschrieben habe: Es braucht die Frusterfahrung, es braucht die Übergangsperson, es braucht den Schutzraum, den Glauben dass man kompetenter werden kann, den Glauben an die Methoden usw.

Wahrscheinlich war ich – systemisch betrachtet – tatsächlich ein etwas ungeeigneter Lehrer, weil mein Fokus nie auf dem Re-Produzieren als Endziel lag, wie das eben so üblich zu sein scheint in der Regelschule. Was mir wichtig war, war jedem einzelnen mir anvertrauten Kind zumindest eine Art von produktiver Erfahrung zu ermöglichen, egal wie unwahrscheinlich und unmöglich es anfangs schien, im festen Vertrauen darauf, dass ein produktiv, ein Subjekt gewordener Mensch die zu seiner Entfaltung notwendige reproduktive Arbeit danach ohnehin freiwillig und selbstmotiviert (im Sinne von aus sich selbst heraus angetrieben, „motivieren“ und „Motor“ haben ja sehr ähnliche Wortstämme) leistet, solange er durch die notwendigen Frusterfahrungen durchbegleitet wird. Die letzten Jahre haben mir immer und immer wieder gezeigt, dass dieses Vertrauen nicht unbegründet war. Ob dieser Zugang zum Lernen in eine Regelschule passt, bleibt nach meinen doch eher negativen Erfahrungen mit „dem System“ fraglich.

Nichtsdestotrotz funktioniert er fĂĽr mich – und offenbar zumindest bisher auch fĂĽr die mir anvertrauten Kinder – wunderbar, weswegen ich auch weiterhin gerne – im Sinne der produktiven Tätigkeit – darĂĽber schreiben und ihn auch praktisch mit Freuden anwenden werde.

Niklas

Als HTL-Schüler hatte ich ein Problem. Ich wollte eigentlich nur lernen, wie man Computerspiele programmiert. Mir wurde das sogar von der Schule versprochen, bevor ich mich dazu entschieden hatte, diese Schule zu besuchen. In der Realität ließen uns die Lehrer stets nur Wirtschaftsprogramme erstellen, die aber so viel Zeit verschlangen, dass es schwer war, in der Freizeit noch mit der Entwicklung meines Computerspiels fertigzuwerden. Die Lösung für mich war es dann, einen guten Teil des Unterrichts, der mich sowieso in vielen Fällen langweilte, dazu zu nutzen, heimlich Algorithmen zu entwerfen oder die Geschichte unseres Spiels weiterzudenken. Manchmal fiel es den Lehrern auch auf, und sie werteten es (völlig korrekt) als „Nicht Aufpassen“. Aber sobald ich aus eigener Erfahrung verstanden hatte, dass ich das, was die Lehrer mir beibringen wollten, auf eigene Faust meist viel rascher lernen konnte, konnten sie mir kaum mehr etwas anhaben. Immerhin erbrachte ich die Leistungen. Damals wusste ich es noch nicht zu benennen, aber heute kann ich es: ich hatte das System gehackt.

Und in diesem Geist findet sich auch eine mögliche Lösung auf die (durchaus begrĂĽndeten) Ă„ngste vieler Eltern, ob es denn nicht gefährlich sei, Kindern die Erfahrung zu ermöglichen, in einem freien (oder freieren) System zu lernen, als es die Regelschule hergibt. Was, wenn sie mit der Folgeschule ĂĽberfordert sein werden? Wenn die Folgeschule mit ihnen ĂĽberfordert ist? Wenn es gelingt, Kindern vor Augen zu fĂĽhren, dass sie sich innerhalb eines sozialen Systems bewegen, das sie fĂĽr sich hacken können, um ihren BedĂĽrfnissen besser zu entsprechen, werden sie zukĂĽnftig mit einem jeden sozialen System zurechtkommen, in dem sie sich wiederfinden werden. Ăśblicherweise lernen die meisten Kinder ohnehin von selbst, wie sie ihre Schulklasse “hacken” können, manche ĂĽber einen „legalen“ Weg, der den MitschĂĽlern und dem Lehrkörper gefällt, manche ĂĽber dem „illegalen“, der fĂĽr Konsequenzen sorgt. Aber in irgendeiner Form sind alle Kinder notorische Hacker.

Was würde also passieren, wenn man ihnen entsprechend entgegenkommt, und ihnen dieses Hacken erleichtert, davon ausgeht, dass sie es machen, und es sogar fördert? Begünstigende Faktoren sind sicherlich das Herstellen einer gewissen Berechenbarkeit (Rechtsstaatlichkeit), der Transparenz, das Schaffen legaler Möglichkeiten, unerfüllte Bedürfnisse konstruktiv zu kanalisieren und das Trainieren des „guten Hackertums“. Was viele nicht wissen: es gibt tatsächlich so etwas wie eine Hacker-Ethik. Ich habe mich bemüht, diese Hacker-Ethik in eine Art Algorithmus umzuschreiben, der auch Kindern vermittelbar sein sollte. Und zwar besteht dieser Algorithmus aus 7 Fragen, die eine Art Hacker-Spirale ergeben:

aaron plakat
Aaron fühlt sich sichtlich wohl in seinem Lösungs-Algorithmus.

1. Problem erkannt?

Dies ist sozusagen der Startpunkt des Algorithmus. Ein Problem wurde erkannt, das mich „anspricht“, dessen Lösung ich mich annehmen möchte. Je genauer mir das Problem erkannt ist, desto einfacher wird es in späteren Schritten sein, die Lösung zu finden. Es macht also durchaus Sinn, mit diesem Schritt eine gewisse Zeit zu verbringen.

In meinem Eingangsbeispiel besteht das Problem darin, dass ich eigentlich ein Computerspiel programmieren will, aber a) nicht weiß, wie das geht und b) in der Schule kaum etwas lerne, was mich diesem Ziel näher bringt.

2. Wen betrifft es?

Wen betrifft das Problem? Wen könnte ich in eine mögliche Lösungsfindung einbeziehen? Wer hat möglicherweise schon eine Lösung gefunden?

In meinem Beispiel betrifft es mindestens zwei weitere Schüler, die ebenso mit mir gemeinsam unser Computerspiel programmieren möchten. Bei den sehr zeitaufwendigen Programmier-Hausübungen gab es oft bereits andere Schüler, die die Hausübung fertig hatten – diese konnte man als Grundlage der eigenen nehmen bzw. sich durch Ansehen einiges an Denkarbeit ersparen.

3. Mögliche Lösung?

Was könnte eine mögliche Lösung sein? In diesem Schritt ist es durchaus möglich, mehrere Lösungen in einer Art von Brainstorming durchzuüberlegen und zu träumen.

In meinem Beispiel ist es eine Lösung, dort weniger Aufmerksamkeit dem Lehrer zukommen zu lassen, wo ich ohnehin weiß, dass ich das Erklärte selbst rascher lernen kann, und die Zeit zur Planung des Computerspiels zu nutzen. Außerdem ist es möglich, dass immer nur einer der Gruppe für alle Mitglieder aufpasst und das Gelernte danach den anderen erklärt, während die anderen beiden sich weiter mit unserem Projekt beschäftigen. Ich habe damals auch ein Forum online gestellt, in dem ein jeder unserer Klasse die erledigten Programmier-Hausübungen online stellen konnte. So haben wir viel Zeit eintespart.


4./5. Wen betrifft diese Lösung? Welche Konsequenzen hat diese Lösung für die Betroffenen?

Würde ich diese Lösung des Problems umsetzen, wer würde davon betroffen sein? Oftmals ist uns überhaupt nicht bewusst, wie viele Menschen eigentlich von unserem Handeln betroffen sind, an die wir nie denken würden. In vielen Fällen wird der 5. Schritt mit dem 4. Zusammenfallen – bei komplexeren Problemen kann es aber durchaus Sinn machen, die beiden zu trennen, um sich vorher genau Gedanken zu machen, wen es tatsächlich betreffen könnte.

Mein Forum betraf damals auch alle meine Mitschüler, die sich für das Service sehr dankbar zeigten. Sie betraf (auch wenn mir das damals nicht so bewusst war) auch die Lehrer, die sich möglicherweise von unserem Nicht-Aufpassen gekränkt gefühlt haben. Einmal brachte ich einen Programmier-Lehrer versehentlich zum Weinen, weil ich ihm sagte, dass wir seine Muster-Lösungen nie ansahen, da die unseren viel übersichtlicher waren. Hätte mir diese Konsequenz vorher jemand erlärt, hätte ich ihn wohl ausgelacht. Damals waren Lehrer für mich noch völlig unemotionale Dinger, keine echten Menschen wie ich selbst einer wahr. Das kommt wohl von der dämlichen Idee, die eigene Authentizität mit dem Überstreifen der Lehrer-Rolle abzustreifen. Ich hätte wohl noch viel bessere Lösungen gefunden, wäre mir früher klar gewesen, dass auch Lehrer Gefühle haben.

6. Ist diese Lösung für alle Betroffenen gleich gut oder besser?

Die Beurteilung der Konsequenzen von dem Überlegen der Konsequenzen selbst zu trennen kann helfen, zu einer objektiveren Einschätzung zu gelangen. Befürchtete negative Konsequenzen können sonst entweder gar nicht bedacht werden, um die Lösung nicht zu gefährden. Oder Lösungen, die nur noch ein wenig Mehrarbeit bräuchten, werden von vornherein als undurchführbar abgetan, „weil sonst X beleidigt auf mich sein könnte“. Möglicherweise fühlt sich X aber gar nicht so gestört von meiner Lösung – ich könnte ihn ja fragen. Oder ich finde eine nur leicht adaptierte Lösung.

Einerseits waren meine Mitschüler sehr dankbar über dieses Service, andererseits zeigte sich auch, dass einige von ihnen ihn nicht nutzten, um für andere, ihnen wichtigere Projekte Zeit freizuschaufeln, sondern um mehr Zeit für gefühlt weniger produktive Tätigkeiten wie Fernsehen zu haben. In gewisser Weise habe ich mit meinem Forum damit auch die Bequemlichkeit meiner Mitschüler mitunterstützt.

Ich hätte, sobald ich festgestellt habe, dass viele das Forum nutzen, um ihre Bequemlichkeit zu fördern, das Forum wieder abdrehen können. Immerhin gefährdete ich damit ein Stück weit ihren Lernerfolg. Aber schon damals hielt ich viel auf Selbstverantwortung, und diejenigen, die es gerne bequem hatten, hätten auch so Wege gefunden, unangestrengt durch die Schule zu kommen. Es handelte sich um ein Angebot, das niemand nutzen musste.

7. Entstehen dadurch weitere Probleme (fĂĽr mich)?

Sind die Konsequenzen so negativ, dass dadurch weitere Probleme entstehen, die mir wichtig genug sind, dass ich sie lösen möchte? Dies kann sein, weil die Konsequenzen mich direkt betreffen, oder weil es Probleme für andere Menschen bereitet, die mir wichtig sind. Tendenziell werden jüngere Menschen wohl eher darauf achten, dass keine weitere Probleme für sie selbst entstehen, während ältere, weisere Menschen von vornherein mehr andere Menschen und ihre Bedürfnisse in ihr Handeln einbeziehen werden.

In unserem Beispiel sind dadurch keine weiteren für mich wahrnehmbaren Probleme entstanden, oder zumindest hatte ich keine negativen Konsequenzen daraus mehr. Das Problem war erstmal gelöst. Ergäben sich daraus weitere Probleme, wäre ich wieder bei Schritt 1 angelangt.

Was uns Aaron, die Hacker-Schnecke, sagen will

Beim Zeichnen der Spirale fiel mir auf, dass der spiralförmige Pfeil einem Schneckenhaus ähnelt – schon war mein Maskottchen dieses Algorithmus geboren. Den Namen Aaron wählte ich zu Ehren des bekannten Hackers Aaron Swartz. Mir gefällt auch die Analogie der Schnecke außerordentlich gut. Schnecken sind bekanntlich langsam, bedächtig. „Bedächtig“ kommt von Denken. Gutes Problemlösen erfordert eben nachdenken – und Zeit. Und Aaron – ganz die erfahrene Hacker-Schnecke – nimmt sich die Zeit einfach: „Ich nehme mir Zeit für gute Lösungen. Am Ende bin ich so schneller. Und glücklicher“, sagt er.

Im Grunde lassen sich beinahe alle zwischenmenschlichen Probleme als Folge eines nicht oder nur zu wenig bedachten Schrittes dieser Hacker-Spirale beschreiben. Möglicherweise wurde ein Problem noch gar nicht als Problem erkannt (und führt wegen Nicht-Lösung zu größeren Problemen). Möglicherweise wurden nicht alle Betroffenen identifiziert, und diese beschweren sich plötzlich über ein Verhalten, das sie stört. Oder es wurde nicht bedacht, ob die Lösung für alle Betroffenen gleich gut oder besser ist. Oder ob dadurch nicht noch weitere Probleme entstehen könnten. Im Sinne der radikalen Selbstverantwortung würde ich es den Kindern auch freistellen, Aaron’s Rat zu ignorieren. Solange daraus keine Probleme für sie entstehen, ist es ja in Ordnung. Und entstehen Probleme, lässt es sich schön auf Aaron verweisen.

Diese Hacker-Lösungs-Spirale ist ein Werkzeug, Probleme zu lösen und weitere Folgeprobleme, die aus unzureichend durchdachten Lösungen entstehen, zu verhindern. Sie setzt voraus, dass der Anwender fähig ist, sich in andere Menschen ein Stück weit hineinzuversetzen und – ähnlich wie beim Schach – gewisse Reaktionen auf eigenes Handeln zu antizipieren. Vor allem kleine Kinder werden damit möglicherweise überfordert sein. Aber das ist durchaus ok. Auch eigene Erfahrungen zu machen wird sie in den meisten Fällen irgendwann zum selben Ziel führen. Aaron kann aber jenen, die sich dafür interessieren, einige Abkürzungen auf diesem sonst mit vielen Enttäuschungen und Konflikten gespickten Weg aufzeigen.

Niklas

Können Menschen tatsächlich mit Hilfe von Zuckerbrot und Peitsche so weit gebracht werden, dass ihr Verhalten zu 100% kontrollierbar, oder zumindest vorhersagbar ist? Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch „Elemente und UrsprĂĽnge des Totalitarismus“, dass diese Ansicht zumindest eine Zeit lang sehr weit verbreitet war. Sowohl im Nationalsozialismus als auch im Stalinismus, die die traditionelle telweise Fremdbestimmung in Form von Gottes Willen durch andere, totalere zu ersetzen suchten, war ein gewisser Hang zum Determinismus wiederzufinden. In beiden Weltanschauungen wurde ein Gesetz zur treibenden Kraft der Geschichte erhoben, deren Verlauf und Ende als vorhersehbar angesehen wurde. Der Rassenkampf wie der Klassenkampf waren deterministische Erklärungsmodelle der Welt, und eine Unterwerfung unter die entsprechenden „Naturgesetze“ wurde als notwendig angesehen. Während die Religion zumindest noch einem Gott (und in gewissem Sinne den Interpreten seines Willens) einen wirklich freien Willen zusprach, wurde in den totalitären System selbst dieser abgeschafft, und alles den zwingenden Notwendigkeiten der “entdeckten” historischen Naturgesetze untergeordnet.

Laut Arendt waren etwa die Konzentrationslager der Nationalsozialisten unter anderem auch Experimentierstätten, wie weit man Menschen mit Hilfe der Konditionierung formen konnte. In gewisser Hinsicht war es auch ein gesamtgesellschaftliches Experiment, aber nirgends war die Abschottung von einer eventuell rettenden Außenwelt so total wie in den Lagern. Für die Außenwelt machte es wenig Unterschied, ob die Menschen in den Lagern noch am Leben waren oder nicht – nachdem kaum Informationen in die Lager oder aus den Lagern drang, glichen sie dem Gleichnis von Schrödinger’s Katze. Wer drin war, konnte für die Außenwelt tot sein, obwohl er vielleicht noch am Leben war. In den Lagern war die Macht der Aufsichtspersonen, ihre Gefangenen zu konditionieren, so total wie selten sonst in der Geschichte der Menschheit. Und doch gelang es ihnen nicht, alle Insassen gleichmäßig zu konditionieren.

Der bekannte Psychologe Viktor Frankl, der selbst eine Zeit lang in den Konzentrationslagern verbracht hatte, beschreibt dazu eine interessante Theorie. Nach ihm existieren gewisse äußere Bedingungen, die auf einen Menschen Druck ausüben, auf bestimmte Art zu Handeln. Das spezifisch Menschliche am Menschen beschreibt er jedoch als die Fähigkeit des Menschen, frei auf diesen Druck zu antworten. Dies nennt er als den Grund, warum manche Menschen in den Konzentrationslagern unter enormen Druck zu Verrätern an ihren Mitgefangenen wurden, während andere zu Helden wurden. Die Bedingungen, denen sie ausgesetzt waren, waren weitgehend gleich. Würde die Konditionierung des Menschen direkt funktionieren, müssten die Menschen folgerichtig allesamt ähnliche Reaktionen auf die unmenschliche Behandlung in den Konzentrationslagern gezeigt haben. Doch das haben sie nachweislich nicht, was stark für die Theorie spricht, dass Menschen in ihrem Inneren eine Art Selbst haben, das mit dem Druck der Außenwelt im Dialog steht, und dessen Willens-Kraft es mit einem bestimmten Maß an äußeren Druck aufnehmen kann.

Konsequenzen fĂĽr die Schule

Wenn wir nun davon ausgehen, dass ein jeder unserer Mitmenschen diese innere Entscheidungsinstanz in sich hat, können wir feststellen, dass wir unsere Mitmenschen in Wahrheit immer nur indirekt kontrollieren können, indem wir einen bestimmten Druck auf sie ausüben. In vielen Fällen wird uns dies gar nicht auffallen, weil ihr eigener Wille sich mit dem ihren ohnehin weitgehend überschneidet. Interessant wird es dort, wo sich mein Wille mit dem eines Schülers spießt. Ich kann dann auf verschiedene Arten Druck ausüben, um seinen Willen zu überrumpeln, was umso leichter ist, je weniger entwickelt dieser noch ist. Man könnte sich dies als eine Art Kugel in einem 3-dimensionalen Raum vorstellen, die sich in eine bestimmte Richtung bewegen möchte, während die äußere Welt versucht, sie ebenfalls in bestimmte Richtungen zu bewegen. Je nach Kräfteverhältnissen wird sich die Kugel nun in die Richtung bewegen, die sie selbst einschlagen möchte, oder eher in die Richtung, die von außen von ihm verlangt wird. Vielleicht bewegt sie sich auch in eine Richtung, die man einen Kompromiss nennen könnte.

Wenn wir die Theorie Frankls akzeptieren, können wir auch die Konditionierung in einem neuen, tieferen Licht betrachten. Konditionierung funktioniert. Aber sie funktioniert nicht deswegen, weil Menschen über Belohnung oder Bestrafung „programmierbar“ sind, sondern weil diese Formen des Drucks sind, die die Entscheidungsfreiheit eines Menschen einschränken. Dies ist wertneutral gemeint. Worauf ich hinauswill, ist, dass man sich in Wahrheit nicht darauf verlassen kann, dass einmal konditionierte Verhaltensweisen auch auf Dauer Bestand haben, gerade eben weil sie nur Formen von Druck sind, die in einem komplizierten Wechselspiel mit zahlreichen anderen Bedingungen wie anderen „Druckmitteln“ von außen oder dem eigenen, sich entwickelnden Willen stehen.

Es ist ja mittlerweile vermutlich hinlänglich bekannt, dass Konditionierung mit Hilfe von Belohnungen meistens nur so lange wirkt, wie die Belohnungen aufrechterhalten beziehungsweise sogar gesteigert werden. Auch dies lässt sich mit Frankls Theorie erklären. Der Druck (oder Sog) auf die Kugel wird mit dem Wegfall der Belohnung schwächer, womit andere Einflüsse (oder der eigene Wille) relativ gesehen stärker werden. Das gleiche Prinzip gilt für Bestrafungen.

Bei einer gesunden Entwicklung junger Menschen, bei denen ihr Wille nicht dermaßen unter Druck gesetzt wurde, dass er bricht, wird dieser mit der Zeit widerstandsfähiger gegen Druck von außen. Es ist daher kein Wunder, wenn unsere Kugel bald nicht mehr von denselben äußeren Einflüssen wie früher „unter Kontrolle“ gehalten werden kann. Mitunter entwickelt sich dieser Wille dermaßen stark, dass selbst Erwachsene nicht mehr die Kraft aufbringen können, Kinder davon abzuhalten, destruktives Verhalten an den Tag zu legen. In vielen Fällen liegt diese Destruktivität der Kinder jedoch daran, dass sie nie verlässliche Vorbilder für ein weitgehend druckfreies Miteinander erlebt haben.

Um beim Bild mit der Kugel zu bleiben, gibt es für mich zwei Varianten, mit jemandem umzugehen, dessen „Bewegungsrichtung“ mir nicht behagt. Einerseits kann ich den Weg der Konditionierung wählen und versuchen, genügend Druck aufzubauen, seinen Willen umzulenken oder ganz zu stoppen. Dies führt jedoch rasch zu massiven Machtkämpfen ohne wirkliche Sieger. Die andere Variante, mit solchen Situationen umzugehen, habe ich aus dem Tao Te King bzw. dem Tai Chi Training. Wenn es mir gelingt, dass die Kugel etwas anderes will als das, was mir unpassend erscheint, muss ich keine Kraft aufwenden, um sie davon abzuhalten. Sie wird dann von selbst das machen wollen, was ich ebenso von ihr will. Dies setzt jedoch voraus, dass ich mich in die Weltsicht des Anderen hineinversetze, um ihn wirklich zu verstehen. Erst dann, wenn ich ihn wirklich verstehe, kann er mir genügend vertrauen, um sich von mir leiten zu lassen.

“Schlimme SchĂĽler” als logische Folge gescheiterter Konditionierung

Heute habe ich an einer Schule beispielsweise beobachtet, wie „Mein rechter Platz ist leer“ gespielt wurde, und ein Schüler wiederholt von Erwachsenen ermahnt wurde, das Spiel nicht zu stören. Während die anderen Kinder offensichtlich noch die Kraft und Energie hatten, weiterzuspielen, wirkte der Schüler überfordert mit der Situation. Offenbar war es ihm zu anstrengend geworden, still zu sitzen und darauf zu warten, dass er wieder dran war, weswegen er alle möglichen Faxen machte. Um ihn ruhig zu bekommen, wurde er mehrere Male ermahnt, dann umgesetzt und immer wieder mit einem „Shhh“ bedacht. Die Erwachsenen, die in der Situation die Position der Anführer der Gruppe für sich beanspruchten, nutzten die Mittel der Konditionierung, um ihn zum Schweigen zu bringen, waren aber nicht konstant genug in ihrer Aufmerksamkeit, um ihn völlig ruhig zu stellen. Vergeblich schienen sie zu hoffen, dass er von selbst aufhören würde, nachdem sie ihn mehrfach ermahnt hatten. Aber das Verhalten des Schülers folgte relativ genau dem oben beschriebenen Muster: solange Druck auf ihn ausgeübt wurde, beugte er sich der Übermacht der Erwachsenen. Fiel der Druck weg, regte sich in ihm wieder das eigentliche Bedürfnis, das er aufgrund des Drucks unterdrücken zu müssen glaubte.

Aus meiner Beobachterposition, und nicht verantwortlich fĂĽr die ganze Klasse, hatte ich den geistigen Freiraum, mich auf seine Welt einzulassen, und rasch war klar, was notwendig gewesen wäre: der Situation fehlte der geordnete, konstruktive Ausweg. Es gab fĂĽr den SchĂĽler keine (fĂĽr ihn sichtbare) Möglichkeit, den Sesselkreis zu verlassen, ohne negative Aufmerksamkeit zu erregen – deswegen suchte er – vergeblich – selbstständig alternative Wege, dies zu erreichen. Sein nach auĂźen getragenes BedĂĽrfnis, den Kreis verlassen zu können, erzeugte einen gewissen Druck, der von den Erwachsenen mit Gegendruck begegnet wurde. Er fĂĽgte sich zwar, fĂĽhlte sich aber sichtlich unverstanden. Eine jede Situation, in der mit Druck reagiert wird, anstatt die BedĂĽrfnisse der SchĂĽler in konstruktive Bahnen zu ĂĽberfĂĽhren, untergräbt die Autorität der FĂĽhrungskräfte, in dem Fall der Erwachsenen. Das einzige, was in solchen Situationen wirklich effektiv konditioniert wird, ist das Image des Unruhestifters, – beziehungsweise, je nach Ansehen der Erwachsenen – des Heldens, der als Revolutionär gegen schlechte FĂĽhrung zum Märtyrer wird.

Eine Alternative wäre es gewesen, im Vorhinein oder spätestens dann, wenn diese BedĂĽrfnisse offensichtlich werden, eine konstruktive Möglichkeit fĂĽr die SchĂĽler zu schaffen, sich diese BedĂĽrfnisse selbstständig zu erfĂĽllen. So könnte man etwa den SchĂĽlern mitteilen, dass sie den Kreis jederzeit verlassen könnten, wenn sie in einen bestimmten Bereich des Raumes gehen, wo die WeiterfĂĽhrung der Aktivität selbst nicht gestört wird. Existiert diese Möglichkeit, den Kreis selbstständig zu verlassen, wenn es einem SchĂĽler zu viel wird, steigt die Chance, dass er diese Möglichkeit nutzen wird, um seinen BedĂĽrfnissen nachzukommen, und sinkt die Chance, dass er zu destruktiven Verhaltensweisen greifen wird, um sie zu erfĂĽllen. Ăśberhaupt halte ich es fĂĽr realistisch, dass die meisten destruktiven Verhaltensweisen daher rĂĽhren, dass Menschen sich als FĂĽhrer ĂĽber andere Menschen aufspielen, deren BedĂĽrfnisse sie verkennen. Oder – was noch schlimmer ist – nicht fĂĽr wichtig genug erachten, sich damit zu beschäftigen. Auch hier gibt das Tao Te King einen schönen Rat: “Warum ist das Meer König Tausender FlĂĽsse? Weil es unter ihnen liegt”. Wer erfolgreich fĂĽhren will, muss lernen, zu dienen.

Aber im Alltag?

Natürlich ist es einfacher, diese Prozesse aus der Beobachterposition zu reflektieren, denn die pädagogische Praxis nimmt einen oft derart in Anspruch, dass solche Beobachtungen im Alltag schnell untergehen können. Ich will damit auch nicht die Erwachsenen in meinem Beispiel kritisieren, sondern damit nur illustrieren, welchen Unterschied es macht, ob man Situationen mit Hilfe von druckbasierter Konditionierung oder mit empathischer Führung zu lösen versucht. In jedem Fall wird es hilfreich sein, sich immer wieder zu fragen, wie gut man seine Schüler und ihre Bedürfnisse tatsächlich kennt – und wenn man unsicher ist, sie auch einfach zu fragen.

Ein Schüler, der regelmäßig die Erfahrung gemacht hat, dass seine Bedürfnisse und sein Wille von einem Erwachsenen wertgeschätzt und nicht (nur) mit Hilfe von Druck gelenkt wird, wird tendenziell umgekehrt auch andere Schüler wie Erwachsene ebenso wertschätzend behandeln. Wie wir weiter oben erörtert haben, ist alles, was wir tun, nur ein Faktor in einem sehr komplexen Wechselspiel vieler Faktoren im Inneren eines Menschen, und es mag Menschen geben, die von unserem empathischen Verhalten relativ unbeeindruckt bleiben. Aber das ist ebenso ihr gutes Recht wie unseres, uns tagtäglich dafür zu entscheiden, unsere Mitmenschen empathisch führen zu wollen.

Niklas

Unlängst erzählte eine Freundin von mir, die unter anderem Tanzworkshops für Kinder anbietet, wie sie einem ihrer Schützlinge, der sich eher unmotiviert bewegte, erklärt hatte, dass es keine Selbstverständlichkeit war, auf einer Bühne stehen zu dürfen. Dass es einen Wert hatte. Dass es Anstrengungen oder zumindest einer gewissen Fähigkeit bedurfte, um dazu berechtigt zu sein, eine bestimmte Rolle einzunehmen. Als jemand, der immer wieder gerne an öffentlichen Plätzen Musik macht oder seine Geschichten aufhängt, war die Aussage auch für mich relevant: Was oder wer gab mir eigentlich das Recht dazu? Auch von einem pädagogischen Standpunkt aus erscheint mir die Frage relevant, sobald ich ein System wie das der relativen Meister schaffe, indem ein jeder (auch Kinder) die leitende Rolle eines Seminars einnehmen können.

Wenn keine “BĂĽhne” existiert

Ich glaube, es wird notwendig sein, zwei verschiedenartige Situationen zu differenzieren. Diejenige, in der ich gemeinsam mit einer Gruppe ein oder mehrere bestimmte Ziele verfolge, in der ein jeder grundsätzlich die gleiche Rolle einnimmt bzw. die Rollenverteilungen stets im Fluss sind. In der Vorbereitung zur Matura hatten wir beispielsweise Mathematik-Lerngruppen gebildet, die sich regelmäßig nach der Schule trafen und sich gegenseitig halfen. Oder die Gruppe Freies Musizieren in Kiel, die aus vielen motivierten Musikern bestand und deren Ziel es ist, in einer gemütlichen Atmosphäre gemeinsam mit anderen Musik zu machen und dabei seine eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Natürlich gibt es in einer solchen Gruppe manche Mitglieder, die tendenziell schon etwas „weiter“ sind als andere und dementsprechend öfter anderen weiterhelfen können. Aber sie haben keine grundsätzlich andere Rolle in der Gruppe, sie teilen die Gruppe nicht in eine Meister-Schüler-Dualität oder noch komplexere Pluralität.

Die BĂĽhne, die die Menschen teilt

Dann existiert noch eine weitere Art des gemeinsamen Arbeitens, die verschiedene Rollen kennt. Die klassische Lehrer-Schüler-Beziehung wäre ein bekanntes Beispiel. Der Lehrer hat dabei fundamental andere Aufgaben (lehren) als der Schüler (lernen). Aufgaben, die sich im Idealfall aufeinander beziehen können, aber nicht zwingend müssen. Die Übernahme der Lehrer-Rolle in einer bestimmten Gruppen-Situation bedeutet nicht, dass der die Rolle Ausfüllende nicht in einer anderen Situation Schüler sein kann. Aber sobald er die Rolle und die entsprechenden Verhaltensweisen bzw. Symbole annimmt, werden bestimmte Rollenerwartungen an ihn gestellt. Verschiedenste (alternativ-)pädagogische Reformer haben versucht, diese Rollenerwartungen aufzubrechen. Die Dualität der Meister-Schüler-Beziehung gar nicht mehr aufkommen zu lassen, verhindert jedoch die eingehende Betrachtung der dahinterliegenden Prozesse, die uns in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wiederbegegnen. Die Frage ist für mich weniger diejenige, ob es eine dualistische Meister-Schüler-Beziehung geben sollte (oder eine Musiker-Zuhörende, Autor-Leser, …), sondern was jemanden eigentlich berechtigt, eine bestimmte Rolle einzunehmen.

An unserer Schule war es ganz im Sinne des Relative-Meister-Prinzips für einen jeden, auch externe Erwachsene, Eltern und Schüler, möglich, Angebote und Kurse anzubieten. Diese Möglichkeit wurde nur sehr vereinzelt genutzt, und mit sehr unterschiedlichen Resultaten. Einmalige Angebote (wie z.B. wir bauen Papierboote und lassen sie den Fluss runterfahren) wurden oft sehr gut besucht, aber es gab kaum längerfristig gut besuchte Angebote. Die wöchentliche NERF-Schlacht war eine Ausnahme, bei der der Initiator offensichtlich seine Rolle als verantwortlicher Leiter so gut ausfüllen konnte, dass die anderen Besucher über viele Wochen regelmäßig teilnahmen. Das lag nur zum Teil an dem Interesse an der Materie selbst, wie der gescheiterte Versuch eines anderen Schülers, einen zusätzlichen Termin unter seiner Leitung zu etablieren, deutlich zeigte. Es musste auch etwas mit den Qualitäten des ersten Schülers zu tun haben, den Kurs zu leiten.

Was berechtigt zum Besteigen der BĂĽhne?

In unserem System liefen die meisten der gruppendynamischen Prozesse selbstreguliert ab, ohne dass wir Erwachsenen eingreifen mussten. Trotzdem wird es für manche interessant sein, herauszufinden, was genau dazu führt, dass manche in ihrer Rolle als Anführer/Leiter akzeptiert werden und andere nicht. Viele der Prozesse, die dabei in Kindern ablaufen, laufen wohl unbewusst ab – aber in ihren Grundzügen dürften sie denen ähneln, die in Erwachsenen ablaufen. Und darüber kann ich doch einiges aus Gesprächen und eigener Erfahrung erzählen.

In dem Buch „Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten“ findet sich der Begriff der „Qualität“, der (laut Autor) nicht anhand von anderen Meta-Wertungen weiter ausdefiniert werden kann. Nichtsdestotrotz können die meisten Menschen zwischen einem qualitativ hochwertigen oder nicht so hochwertigen Bild unterscheiden. Zu einem Teil ist diese Bewertung beeinflusst durch die eigene Erfahrung mit der Thematik oder dem persönlichen Geschmack, aber nicht völlig. Wir können die effiziente Funktionsweise technischer Geräte als qualitativ hochwertiger wahrnehmen als ein kaum funktionierendes Teil, das nach den ersten paar Verwendungen kaputtgeht. Können unterscheiden zwischen einem Roman, der uns mitreißt und unser Leben verändert und einem, der uns kalt lässt. Vielleicht ist auch diese persönliche Betroffenheit das Kriterium, das über unser Wahrnehmen von Qualität entscheidet. Fühlen wir uns in unseren Bedürfnissen wahrgenommen (wie genau macht das Gerät, was ich brauche) oder wiedererkannt (erzählt das Buch auch meine Geschichte), so empfinden wir etwas als qualitativ hochwertig. Oder, auf die Schule bezogen: Wie viel hat das, was der Lehrer vorne da erzählt, eigentlich mit mir zu tun?

Eine Gruppe von Menschen, die sich zusammenschließt, um gemeinsam und in der jeweils gleichen Rolle an sich zu arbeiten, sei es, um Instrumente zu lernen oder zu tanzen, kann eine hohe Toleranz gegenüber ihren Mitgliedern aufbringen. Es ist der Urzustand des freien Spiels, wie wir ihn in vielen freien Schulen finden. Aber derjenige, der sich in die Öffentlichkeit wagt, der durch sein Sprechen einfordert, dass ihm zugehört wird, der eine andere Rolle für sich beansprucht und damit die Struktur der Gruppe und auch die Rollen der anderen verändert, und sei es nur für einen Moment, muss damit rechnen, bewertet zu werden. Und zwar, ob er diese Rolle auch in einer Qualität ausfüllt, die ihn dazu berechtigt.

Das war es, was die eingangs erwähnte Freundin meinte. Ich kann mich irgendwo an einer StraĂźe hinsetzen und Gitarre spielen, kein Problem. Aber sobald ich möchte, dass aus neutralen Passanten Zuhörer werden, auf mich bezogene Menschen, nehme ich eine andere Rolle ein. Besteige ich eine imaginäre BĂĽhne. Und muss damit rechnen, bewertet zu werden, vielleicht auch ent-wertet zu werden. Es macht einen fĂĽhlbaren Unterschied, diese „BĂĽhne“ zu besteigen, mir – wie es eine andere junge Frau ausdrĂĽckte – „den Raum zu nehmen“. Man spielt, singt anders. Man schreibt anders, wenn man das GefĂĽhl hat, etwas zu sagen zu haben. Man hört auf, zu “performen”, anzugeben mit dem, was man kann. Man fängt an, anderen zu dienen. Wer schon einmal an öffentlichen Orten gespielt hat, wird den Unterschied kennen. Man kann spielen, gut spielen, und dafĂĽr Bewunderung, auch Geld bekommen. Aber andere Menschen zu berĂĽhren, mitzureiĂźen, zu fĂĽhren, ist eine qualitativ andere Erfahrung.

Die BĂĽhne der Pioniere

Gestern redete ich mit einer jungen Frau darüber, ob sie denn schon berechtigt sei, die leitende Rolle in einem Tanzworkshop auszufüllen. Rein formal hatte sie die Berechtigung in Form eines Zertifikats in der Tasche, und doch fühlte sie sich verunsichert, sich der damit einhergehenden Bewertung auszusetzen. Wie würde diese Bewertung ausfallen? Würde sie den Erwartungen entsprechen können, die auch an die Pioniere ihrer Kunst gestellt wurden, würde sie das Werk ihrer Vorarbeiterinnen weitertragen können? In unserem Gespräch fiel uns auf, dass auch hier wieder eine Unterscheidung zu treffen war, zwischen jenen, die ein Werk möglichst originalgetreu weiterzutragen hofften, und jenen, die es wagten, Neues zu schaffen. Während die Angst, bewertet zu werden, im ersten Fall die Angst ist, als schlechte, minderwertige Kopie erkannt zu werden, die dem Original nicht entsprechen kann, ist es im zweiten Fall noch komplexer. In letzterer Situation stellt man sich selbst zur Bewertung. Nur sehr wenige wagen jenen Schritt, und viele sind daran zerbrochen. Die, die überblieben, sind die Montessoris, Freinets, Freires, die wir heute kennen.

Es kostet eine gewisse Überwindung, sich hinzustellen und zu sagen: „Ich bin Montessori-Lehrer“. Aber es gibt gesellschaftlich anerkannte Zertifikate, die helfen. Es gibt externe Kriterien, anhand deren ich feststellen kann, wie exakt ich nach Montessori arbeite, mit welcher Selbstsicherheit ich mich Montessori-Pädagoge nennen darf. Manche mögen anderer Meinung sein, aber ich kann für mich anhand der definierten Kriterien feststellen, ob sie Recht haben. Wenn wir es aber wagen, Neues zu schaffen, existiert nur noch ein Kriterium, und es ist findet sich in uns selbst: ob es sich richtig anfühlt. Wer Neues schaffen will, ob aus bewusster Entscheidung oder weil das Bestehende ihn, auch gegen seine Ängste, innerlich dazu antreibt, wird akzeptieren müssen, nicht verstanden zu werden. Wird akzeptieren müssen, zur Projektionsfläche der Ängste anderer zu werden, zum Sündenbock, und alles, worauf er sich am Ende wirklich verlassen kann, ist das innere Gefühl, dass es richtig ist, was er tut.

Im besten Falle kehrt er zurĂĽck aus der WĂĽste der Einsamkeit, in die er sich begeben hat, um den Menschen um ihn eine Botschaft zu bringen, die sie inspiriert, ihren Horizont erweitert. Manche haben verlernt, die Sprache der Welt zu sprechen. Manche kehren nie zurĂĽck. Die, die zurĂĽckkehren, um ihren Mitmenschen mit ihren neuen Erfahrungen zu dienen, sind es, die die Welt in Bewegung halten.

Im letzten Schuljahr arbeitete ich an einer der (meiner Meinung nach) fortschrittlichsten freien Schulen Deutschlands, wo es mir durch die tatkräftige Unterstützung meiner tollen Kollegen und Kolleginnen (und auch der Schüler, …) möglich war, viel von dem umzusetzen, was ich für gut und richtig hielt. Im kommenden Schuljahr erwartet mich eine Aufgabe an einer neuen Schule, ein riesiger Freiraum, der mit dem zu füllen ist, was ich für richtig halte. Eine Aufgabe, die mich mit einer interessanten Mischung aus Stolz, Glück und Angst erfüllt. Ich kann hier schaffen, was ich für richtig halte, und bin für die Qualität des Ergebnisses weitgehend selbst verantwortlich. Es ist der (auch äußerlich sichtbare) Schritt, eine Rolle einzunehmen, die ich mir weitgehend selbst definieren kann und für die es dementsprechend noch keine Kriterien gibt, an denen ich mich orientieren kann. Es fühlt sich richtig an, auch das Gefühl der immensen Verantwortung, die mit dieser Rolle auf mich zukommen wird, und der Angst, ob es mir möglich sein wird, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Wenn alles gut geht, werde ich dann mit Beginn des nächsten Schuljahres hier wieder regelmäßiger von meinen Erfahrungen und Beobachtungen berichten können. Bis dahin wünsche ich euch allen erholsame Ferien und – aus dem Zustand der Entspannung heraus – einige schöne Erkenntnisse.

Niklas

Gestern war es dann soweit: der letzte Schultag war angebrochen. Erst gab es die Schule auf Vordermann zu bringen und darüber zu staunen, wie viel Müll, Staub sowie durchaus nützliche Dinge sich in all den im Alltag unerreichbaren Ecken angesammelt hatten. Tief unter einem riesigen Holzbehälter, in dem unsere geometrischen Pölster der Turnhalle gestapelt werden, fand ich etwa neben einem wohl schon seit Jahren herumschimmelnden Brotstück einige Jonglierkeulen und – was mir besondere Freude bereitete, weil mein letztes beim Straßenmusizieren schon wieder verloren gegangen war – ein Rassel-Ei, das mich wohl nun immer an den Geräteraum der Turnhalle erinnern wird, wenn ich es benutze.

Dann wurden die Zeugnisse verteilt – es waren meine ersten „richtigen“ Ganzjahres-Zeugnisse, und nach den letzten stressigen Wochen, in denen sie zu schreiben waren, war es ein schönes Gefühl, zu wissen, dass sich meine Schüler über jedes einzelne freuen würden, weil ich sie ihnen im Vorhinein schon lesen lassen hatte. Es war ein emotionaler Moment, als einer meiner Schüler, der im Halbjahr noch gemeint hatte, die drei Seiten wären zu viel zum Lesen für ihn, sich nun hinsetzte und durch die nächsten drei Seiten durchkämpfte, weil es ihm im vergangenen Jahr wichtig geworden war, was ich ihm zu sagen hatte. Es war ein noch viel emotionalerer, als ich einem anderen Schüler den für ihn formulierten Text vorlas und dabei merkte, wie wir beide uns ansahen und einfach nur weinen konnten. Das ganze Jahr war er an unserer Schule umhergewandert, in Gedanken versunken, die für sein Alter viel zu groß waren, und kaum hatten wir es geschafft, miteinander zu sprechen. Und doch, uns durch tränende Augen anblickend, war klar, dass wir uns trotzdem stets in einer Tiefe verstanden hatten, die selten war.

Eine Weile war danach nichts zu tun gewesen, und ich setzte mich mit meiner Gitarre auf eine Bank, spielte und sang, um nicht in der Welle der Emotionalität zu versinken, die mich innerlich überrollte. Kinder kamen, lauschten, spielten mit, tanzten. Noch nie in meinem Leben habe ich derart für andere gespielt. Ich liebe sie, jeden einzelnen von ihnen. Und doch, das Ende rückte näher.

Wir saßen auf einer Decke, wir, die wir die Schule verlassen würden, einige Schüler und ein Kollege, der aufbrechen würde, um eine Weltreise zu machen. Umringt von den Menschen, mit denen wir das letzte Jahr die Schule geteilt hatten. Wir dürften hören, was sie uns zu sagen hatten, wünschten. We are the world wurde gesungen, im Surround Sound des Kreises. Liebe von allen Seiten. Ich hatte überlegt, mir eine Ansprache zurechtzuschreiben, dann aber doch gewusst, dass sie von selbst im rechten Moment kommen würde, aus der Tiefe des Moments. Es war still, als ich ansetzte zu sprechen, unüblich still für eine freie Schule. Vielleicht spürten sie, dass es ein feierlicher Augenblick war.

Vor etwa einem Jahr war ich erstmals an diese Schule gekommen, am Ende einer Reise zu vielen Schulen in Österreich und Deutschland, auf der Suche nach einem Ort, an dem ich mich finden würde können, an dem all die Ideen, die mir im Kopf herumschwirrten, Realität werden konnten. Rasch war mir damals klar geworden, dass ich diesen Ort gefunden hatte. Voller Übermotivation war ich also rund 1000km von meiner Heimat entfernt angelangt, an einem Paradies zu bauen. Drei Jahre würde ich mir Zeit nehmen, um diese Schule zur interessantesten Europas zu machen, zu einer Pionierin der Bildungslandschaft. Dann würde ich entscheiden, ob ich weiter bleiben wollte.

Doch nur Mensch

Doch ich hatte zu viele Ideen gehabt, und zu wenig Selbstdisziplin, sie nacheinander einzuführen. Eine Schule ist ein Ort, an dem überall Probleme auftreten können – oder, wie ich es gerne sehe, Möglichkeiten und Potentiale entstehen. Es passiert zu schnell, sich selbst und seine Energiereserven zu ignorieren, wenn man der Faszination des Möglichen erliegt. Und so fühlte ich mich nach einem halben Jahr bereits ziemlich ausgebrannt, ausgezehrt von der Saugkraft der vielen Möglichkeiten hier. Und ich erkannte in diesem Jahr erstmals so richtig, dass wohl kein Mensch (auch ich nicht) fähig ist, angeblich Unmögliches zu leisten, wenn er nicht auf ein soziales Netz zurückgreifen kann, das ihn hält, wenn er droht, zu fallen.

Ich habe es trotzdem versucht, aber bin wunderbar gescheitert. Es war eine harte Erfahrung, aber auch eine sehr wertvolle. Auch ich brauche Menschen, die für mich da sind, wenn es nötig ist. Und diese Menschen sind nicht ersetzbar, sind zu selten, als dass man davon ausgehen kann, dass man schon im rechten Moment welche kennenlernen wird. Nun, in den letzten Wochen und Monaten hier in Kiel, habe ich doch noch Menschen kennengelernt, mit denen ich mich tief verbunden fühle, und die ich vermissen werde, wenn ich nächste Woche wieder nach Österreich zurückkehre.

Ich glaube, ein jeder Mensch braucht etwas, das er Heimat nennen kann, seien es nun andere Menschen, ein Ort oder vielleicht auch ein Gegenstand wie ein Boot oder eine Gitarre, eine Art sicherer Hafen, von dem aus man dann seine Streifzüge in die Welt unternehmen kann. Ich war immer der Ansicht, ich sei mir in diesem Sinne selbst genug, aber ich glaube, das war eher eine Form des Selbstbetrugs denn die Wahrheit. Heimat ist das Gefühl bedingungsloser Liebe, und ich bin wohl noch lange nicht weise genug, mich selbst auch dann bedingungslos zu lieben, wenn ich es am meisten brauche – dann, wenn die Selbstzweifel, die unter normalen Umständen eine durchaus konstruktive Funktion erfüllen, Überhand nehmen. Wenn man den Boden zu verlieren droht, muss das Netz halten, wenn man nicht fallen will, oder schon fliegen gelernt hat. Und meine Flügel tragen noch nicht alleine.

Und doch…

Gestern, nach all den Wochen des Drucks, der Zeugnisschreiberei und den Verabschiedungsfeiern, wurde mir klar, dass ich wohl nirgends in der Welt einen Kritiker finden würde, der meinem inneren Kritiker das Wasser reichen könnte. Was ich mir vorgenommen hatte, war – reflektierend betrachtet – völlig unmöglich in der kurzen Zeit umzusetzen. Und trotzdem: ein riesiger Teil davon ist nun, nach nur einem Jahr, trotzdem gelebte (und auch allseits beliebte) Realität hier an der Schule.

Ich habe mich selbst kritisiert, weil der Umsonstladen nicht in seinem vollen Potential ausgeschöpft wird, und doch wird er von vielen Eltern eifrig benutzt, etwa um Kleidung der jeweils viel zu rasch aus ihnen herauswachsenden Kindern auszutauschen. Ich habe mich selbst kritisiert, weil das Open-Source-Vorgehen, das ich für so sinnvoll halte, immer noch nicht umgesetzt wird (mit allen negativen Konsequenzen), aber es sieht wohl so aus, als seien nun endlich alle Weichen gestellt, dass es in Zukunft auch tatsächlich geschieht. Wir haben die soziokratische Entscheidungsfindung sowohl in der Teamsitzung wie auch der Schulversammlung eingeführt. Wir haben die Schulregeln so überarbeitet, dass das Prinzip der Gleichbehandlung vor dem Gesetz mittlerweile sehr durchgehend wirkt und die Willkür viel weniger geworden ist, und sehen die Effekte auch im Verhalten der Schüler.

Vor allem aber haben wir in diesem Jahr in einem völlig neuen Gebäude, neuen Mitarbeitern und rund 30% neuer Schüler, viele davon Quereinsteigern aus Regelschulen, eine Gemeinschaft aufgebaut, die nun, nach einem Jahr, alle ihre Mitglieder inkludieren und akzeptieren kann. In der die Älteren sich als Vorbilder der Jüngeren wahrnehmen und sich rührend um sie kümmern. Unsere Schüler haben eine innere Disziplin erworben, die ich noch in kaum einer anderen Schule so beobachten durfte, und die weitgehend ohne die äußere Disziplin der Autorität Erwachsener auskommt. Ich bin stolz auf jeden einzelnen von ihnen.

Ich habe etwas zu sagen

Auch ich habe in diesem Jahr viel gelernt. Das für mich überraschendste und gleichzeitig auch bereicherndste war aber wohl die Erfahrung, dass all die Ideen, die seit Jahren in meinem Kopf umherschwirren oder aus der Situation entstehen, auch in der Realität Sinn ergeben. Als ich vor einem Jahr hierher gezogen bin, hatte ich gerade mein Studium abgeschlossen und war ein junger Mann mit großen Ideen, die man gut finden konnte oder eben nicht. Jetzt aber, nach einem Jahr, kann ich guten Gewissens sagen: das sind meine Ideen. Du musst sie nicht gut finden. Aber sie funktionieren, und ich kann es beweisen. Vieles ist schwieriger, wie ich es mir vorgestellt hatte, braucht mehr Betreuung, mehr Führung, um das Potential wirklich auszuschöpfen, und leider waren unsere personellen Ressourcen im letzten Jahr oft zu knapp, um dies leisten zu können. Aber sie funktionieren.

Eine weitere Erfahrung war für mich überraschend: meine Art, zu denken, und die Ergebnisse dieses Denkens sind etwas Besonderes. Mir war immer bewusst, dass ich viele Bücher lese und mich mit Dingen beschäftige, auf die andere vielleicht gar nicht kommen würden. Aber wie besonders meine Gedanken manchmal zu sein scheinen, hat mich doch sehr verblüfft. So viel von dem, was für mich völlig logisch und gar nicht erwähnenswert erscheint, ist für andere augenscheinlich eine bahnbrechende Idee. Oft habe ich in der Vergangenheit geschwiegen, weil ich geglaubt habe, dass meine Ideen so einfach sind, dass sie wohl schon angedacht und verworfen worden waren. Nun habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie einen Wert haben, wert-voll sind. Ich habe etwas zu sagen. Etwas zu geben, das andere wollen, das andere brauchen. Der Gedanke ist noch neu für mich, noch schwer zu fassen, zu glauben. Aber auch wunderschön.

Vor etwa einem Jahr meinte eine Freundin zu mir, es wäre doch dumm, ins Ausland zu gehen, nur weil hier in meiner Heimat gerade kein passender Job in Aussicht wäre. Ich solle doch einfach hier bleiben, dann würde sich schon etwas auftun. Ich habe hier gelitten, ich habe hier gekämpft, manchmal auch geweint, mich einsam gefühlt und mich gefragt, was ich hier überhaupt mache. Aber auch gelacht, gefühlt, erfahren. Festgestellt, dass das, was ich hier mache, vermutlich das sinnvollste ist, das ich gerade machen konnte. Ich habe zum ersten Mal auf öffentlichen Veranstaltungen eine Lesung meiner Geschichten gemacht. Ich habe viel über die Liebe gelernt, über Heimat und das Leben im Allgemeinen. Ich bin ein Stück weiser geworden, und habe ein Stück sinnlosen Ballast, der sich als Weisheit getarnt hatte, abwerfen können.

Ein Ausblick

Nun geht es nächste Woche zurück nach Österreich, und es wartet eine neue interessante Herausforderung auf mich, und zwar diesmal an einer Regelschule. Ich habe mir oft gedacht, dass das, was ich hier schreibe, für Lehrer an Regelschulen völlig utopisch klingen muss, und sie das Gefühl haben, das sei an ihren eigenen Schulen unmöglich. Doch irgendjemand hat mir mal den schönen Spruch geschrieben: „Alle sagten, das ist unmöglich. Dann kam einer, der hat das nicht gewusst, und hat es getan.“ Ich will zeigen, dass es auch an Regelschulen möglich ist, viel von dem umzusetzen, was wir hier erreicht haben.

Ich habe in diesem Jahr gelernt, dass wir in all unseren Plänen und Visionen oft ordentlich an der Realität verzweifeln können, die uns die Unmöglichkeit der vollendeten Verwirklichung gnadenlos aufzeigt. Vor allem aber durfte ich lernen, dass es trotz dieser scheinbaren Unmöglichkeit wertvoll ist, es zu versuchen, mit aller Macht und Energie, die einem zur Verfügung stehen. Dass es immer Menschen geben wird, die mit dem Ergebnis unzufrieden sind, und dass der erste dieser Menschen meistens der eigene innere Kritiker ist. Aber auch, dass es immer Menschen (und in diesem Fall sind es wohl in der Masse die Schüler, um die es bei einer Schule ja auch gehen sollte) gibt, die wertschätzen, wofür man sich bemüht, und dort, wo sie können, plötzlich anfangen, mitzuhelfen, den Traum Realität werden zu lassen. Und wo dieser Prozess losgetreten wird, ist plötzlich nichts mehr unmöglich.

Denn am Ende jedes Weges bleibt Staunen, was eben eben dann doch alles möglich war.

Niklas

Als jemand, der sich sehr gerne mit der (Vor-)Geschichte vieler Fragen und gesellschaftlicher wie individueller Antworten darauf beschäftigt, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie wenig Stellenwert dem Fach Geschichte üblicherweise beigemessen wird. Das Argument, man hätte selbst einen sehr langweiligen Geschichte-Lehrer gehabt und hätte sich deswegen nie so recht dafür begeistern können (das ich tatsächlich bereits öfter gehört habe), mag im individuellen Zugang seine Berechtigung haben, aber es verwundert mich, dass einen Gesellschaft als Ganzes Geschichte eher stiefmütterlich als „Nebenfach“ betrachtet.

Das Problematische an der Disziplin Geschichte erscheint auf den ersten Blick möglicherweise in der Unsumme an geschichtlichen Vorgängen, die kaum ein Mensch in seiner Gesamtheit zu erfassen vermag. Geschichtliches Wissen kann am Ende immer nur eine Abstraktion, eine Art Auszug aus dem tatsächlichen Geschehen sein. Menschliches Handeln in seiner Gesamtheit ist zu komplex, um jede einzelne Handlung der gesamten Menschheit in seiner vollen Bedeutung verstehen zu können, weswegen es sich immer um einen Versuch handelt, eine tiefere Bedeutung in einer Abstraktion zu finden, selbst wenn den einzelnen Handelnden diese zugeschriebene Bedeutung gar nicht bewusst sein kann. Ein interessantes Beispiel ist der Marxismus, der aus den vielen einzelnen Handlungen vieler Menschen eine geschichtliche Tendenz ableitete, aus der er auch eine zwingende Zukunftsprognose bildete. Warum diese Prognose (oder sollte man lieber „Prophezeiung“ schreiben?) problematisch sein muss, erläutere ich weiter unten.

Die Komplexität menschlichen Handelns und die Schwierigkeit der Deutung von Gesamttendenzen führt zwar einerseits möglicherweise dazu, dass Zusammenhänge nur vereinfacht vermittelt (und damit falsch interpretiert) werden. Andererseits lassen sich bei der Betrachtung jeglicher geschichtlicher Vorgänge drei grundsätzliche Erkenntnisse ableiten. Dies hat zur Folge, dass es möglich sein sollte, sich verschiedensten geschichtlichen Vorgängen zu widmen, und darauf zu vertrauen, dass Menschen, die sich weiter damit beschäftigen, die Lücken selbst entsprechend auffüllen und ihre Ansichten entsprechend aktualisieren können.

1. Die Welt, wie sie ist, war nicht immer, wie sie ist

Wenn wir davon ausgehen, dass ein jeder Mensch ein Stück weit in seiner ganz eigenen subjektiven Weltsicht lebt, einer Art Blase (und meine bisherigen Erfahrungen bestätigen dies), so können wir davon ausgehen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass (junge) Menschen auf die Idee kommen, dass ihre Umwelt ist, wie sie ist, weil sie sich aus verschiedensten Gründen dorthin entwickelt hat. Es ist (was mich lange verwundet hat) eben nicht selbstverständlich, dass Menschen bei der Beantwortung der Frage „Warum ist das so?“ überlegen, wie es dazu gekommen sein könnte. Oft hört die Überlegung bei einem „Ist eben so“ auf.

Was ebenso ein nicht zu unterschätzender Faktor ist, ist die Frage, ob für jemanden klar ist, dass etwa geschichtliches Wissen über das Mittelalter irgendetwas mit der heutigen Welt, in der man selbst lebt, zu tun hat. Vor allem in jungen Jahren wirkt es auf mich oft so, als würden Kinder Themen wie Römer, Mittelalter oder Indianer mehr als Abenteuer-Geschichten erleben denn als irgendwie mit ihrer eigenen Vergangenheit verknüpft. Es sind dann Rollen, in die sie im Spiel schlüpfen, wie sie auch in die Rollen ihrer Fernseh- und Romanhelden schlüpfen, aber keine Anhaltspunkte, um ihre eigene Realität tiefer zu verstehen.

Das Wort, das mächtig ist, diese Verbindung herzustellen, ist das Warum. Wenn ich irgendeine Begebenheit aus dem Jetzt herausgreife, und die Frage stelle, warum diese ist, wie sie ist, und das „Ist eben so“ zu durchbrechen vermag, komme ich automatisch tief in die Vergangenheit. Und wenn ich dann nicht haltmache, sondern weiterfrage, wird klar, dass Geschichte eine lange Kette von sich aufeinander beziehenden Entscheidungen ist.

Es ist interessant, dass Geschichte üblicherweise gelehrt wird, indem „beim Anfang“ begonnen wird, bis es irgendwann zu den Weltkriegen kommt, die in der Vorstellung von Kindern dann erst tatsächlich etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Viel logischer erscheint es mir, vom Jetzt der Kinder auszugehen und mit Hilfe der Warum-Frage immer tiefer in die Vergangenheit vorzudringen. In einigen Fragen wie „Warum verdienen Frauen eigentlich weniger als Männer?“ oder „Warum müssen Menschen arbeiten, um Geld zu verdienen?“ habe ich das bereits ziemlich erfolgreich mit einigen Schülern gemacht. Der Vorteil dieses Vorgehens ist nicht nur, dass es Verbindungen zur Gegenwart herstellen hilft, sondern auch, dass es nicht innerhalb eines speziellen Faches stattfinden muss, sondern ständig geschehen kann.

2. Menschen wie du formten damals die Welt von heute

Es ist leicht für Kinder, sich die alten Römer oder Ritter als bestimmte Rollen vorzustellen, aber nicht selbstverständlich, dass sie erkennen, dass diese ebenso Menschen waren wie sie selbst, mit möglicherweise ähnlichen Wünschen und Ängsten wie sie. Die geschichtliche Abstraktion des „wichtigsten“ Geschehens führt meist dazu, dass all die individuellen Kämpfe der handelnden Personen im Sinne der Übersichtlichkeit herausabstrahiert werden. Das ist sinnvoll, um größere Zusammenhänge zu zeigen, verstellt aber leicht den Blick dafür, dass z.B. ein Hitler oder ein Napoleon oder ihre Zeitgenossen ebenso Menschen waren, die in einer ganz bestimmten Blase gelebt haben, die ihre historische Prägung war. Dass es leicht ist, Menschen aus der Sicht und der Wertewelt einer Zukunft zu verurteilen, aber für jene Menschen in ihrer jeweiligen Zeit vielleicht um ein Vielfaches schwerer zu überblicken. In einem Buch von Rosa Luxemburg schreibt sie etwa unverblümt darüber, wie „die Rasse der Juden“ schlau sei, dies oder jenes zu durchschauen, oder die Frage des Fortbestands der germanischen Rasse. Damals etwa schien es völlig normal, Menschen in Rassen zu unterscheiden, etwas, was heute nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus entsprechend abgelehnt wird.

3. Menschen wie DU formen heute die Welt von morgen

Was die Marxisten wie die Nationalsozialisten mit ihren Ableitungen der historischen Vorgänge zu beschreiben versuchten (wobei man darüber streiten kann, wie akkurat diese zu ihrer Zeit waren), war der Versuch, bisherige Vorgänge so zu abstrahieren, dass ein tieferer Sinn, eine bedeutungs-volle Geschichte daraus werden konnte, was ansonsten nur als sinnloses Chaos menschlicher Konflikte wahrgenommen werden konnte. Richtig problematisch wurde die Sache jedoch, als aus dieser historischen Geschichte dann versucht wurde, eine Zukunft abzuleiten, und zwar nicht nur im Sinne einer Tendenz (was ja auch die Statistik versucht) sondern im Sinne einer prophetischen Vorhersehung, der sich das gesellschaftliche Handeln zu unterwerfen habe. Die fatalen Folgen haben unsere Großeltern ja noch selbst erlebt.

Wie Hannah Arendt in ihrem großartigen Buch „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ beschreibt, sind totalitärer Herrschaft egal welcher Ausprägung zwei Sachen gemein: die ausgeprägte Fähigkeit, aus einigen Prämissen logische Schlussfolgerungen zu ziehen, und zwar bis zum bitteren Ende und über alle moralisch-ethischen Grenzen hinweg – und die Unfähigkeit, diese Prämissen zu hinterfragen, um einen neuen Anfang zu ermöglichen. Aus A muss B muss C folgern.

Was Geschichte jedoch ebenso lehrt, ist, dass aus dem Bestehenden über lange Zeitstrecken noch nie die Zukunft vorhergesagt werden konnte. War zu Zeiten des Nationalsozialismus absehbar (und damit logisch herleitbar), dass es heute technische Geräte wie den Laptop, an dem ich gerade schreibe, geben würde? War vorhersehbar, dass das Internet zu einer globalen Vernetzung ungeahnten Ausmaßes führen würde? Geschichte lehrt uns auch dies: die Zukunft entsteht durch die Entscheidungen vieler einzelner Menschen gemeinsam, die sich gegenseitig behindern oder befruchten, aber die Resultate und Wechselwirkungen dieser Entscheidungen in ihrer Totalität sind grundsätzlich unvorhersehbar. Der Kapitalismus etwa mag sich in der Vergangenheit zunehmend selbst seiner Grundlage beraubt haben (wie Luxemburg schreibt), aber dies bedeutet nicht, dass dieser Prozess sich in gleicher Weise fortsetzen muss oder durch die Revolution des Proletariats beendet werden muss, weil der Druck zu groß wird. Es kann genauso sein, dass ihr schönes Proletariat sich an den Druck gewöhnt wie der bekannte Frosch im langsam erwärmten Wasser. Oder was auch immer passiert.

Was auch immer passiert, das ist ein guter Ausdruck, um das Ende des Artikels einzuleiten. Was auch immer passiert, es geschieht durch die Entscheidungen einzelner Menschen, die sich gegenseitig beeinflussen. Menschen, die durch die Entscheidungen der vor ihnen lebenden Menschen in ihrer Wahrnehmung und ihrer Vorstellungen mitgeprägt sind – die aber gleichzeitig die Möglichkeit haben, diese Prägungen zu überwinden, um Neues, Unerwartetes zu schaffen, was niemand vorhersehen konnte. Diese Fähigkeit, sich aus unseren Prägungen und Konditionierungen zu befreien, Neues zu denken und auch zu handeln, ist das spezifisch Menschliche nach Arendt, ist das, dessen Abwesenheit nach Viktor Frankl die Konzentrationslager der Nationalsozialisten vergeblich versuchten zu beweisen. Der Mensch ist immer geprägt von seiner Umwelt und seinen Konditionierungen – aber grundsätzlich frei, sich zu ihnen zu positionieren.

Das ist für mich wohl die ultimative Wahrheit, die die Beschäftigung mit historischen Prozessen lehrt: mein lieber Mensch, du bist möglicherweise freier, als du denkst. Du kannst dich über deine Prägungen erheben, und auch die Prägungen der Menschen um dich, deiner gesamten Umgebung sind nur Prägungen, die entstanden sind, als Menschen wie du sich daran machten, die Prägungen ihrer Zeit zu überwinden. Das bedeutet, auch du kannst das, wenn du bereit bist, den Preis dafür zu bezahlen, den Menschen in allen Zeiten für Veränderung bezahlt haben, und von dem in Geschichtsbüchern meist nur wenig steht. Aber vor allem: du bist kein Objekt der Geschichte, das von äußeren Einflüssen gesteuert wird, sondern Subjekt, bist Held deiner eigenen Geschichte, mit allen Konsequenzen.

Vielleicht wird Geschichte deswegen gerne als unwichtiges Nebenfach abgetan.

Niklas

P.S.: Kann man tatsächlich davon ausgehen, dass Menschen von selbst erkennen, dass ihr geschichtliches Wissen immer nur ein Ausschnitt aus der Wahrheit sein wird und durch neues Wissen in seiner Grundbedeutung in Frage gestellt werden kann? Ich wĂĽrde es mir wĂĽnschen, dass aus dem bisherigen Weltbild und neuen Erfahrungen, die diesem Weltbild widersprechen, ein neues, die Erfahrung sinnvoll inkludierendes Weltbild entstehen wĂĽrde, aber wie wir – ebenso aus der Geschichte – lerenn können, ist das nicht die einzige Möglichkeit, mit vom Weltbild abweichenden Erfahrungen umzugehen. Es gibt auch zum Beispiel die Möglichkeit, neue Erfahrung, die dem Weltbild widerspricht, einfach zu ignorieren.

Eine 4. Lehre aus der Geschichte, die noch hinzuzufĂĽgen wäre als “Grundlehrplan”, wäre demnach das Vorgehen mit Erfahrungen oder Wissensbrocken, die im Konflikt mit dem aktuellen Weltbild stehen. Ansonsten ist es einfach, ein Weltbild “verhärten” zu lassen, und der Schritt hin zum Verschwörungstheoretiker, Fanatiker oder sonstigen etwas seltsamen Gesellen ist ein rascher. Die Fähigkeit, Neues zu denken, muss möglicherweise verbunden werden mit der “Kulturtechnik”, das Neue mit dem Alten sinnvoll verbinden zu können, ohne das eine gegen das andere ausspielen zu mĂĽssen.

Bei all der Diskussion über die österreichische Zentral-Matura, auf die ich hier nicht tiefer eingehen werde, wird schnell übersehen, welches Potential die Idee bieten würde, wenn man sie auf die richtige Art und Weise umsetzt. Es hat nämlich durchaus etwas für sich, wenn es eine zentrale Vorgabe gibt, was als (z.B. österreichweiter) Standard vorausgesetzt wird, um einen bestimmten Abschluss zu erlangen. In der derzeit umgesetzten Form werden jedoch zahlreiche Chancen vertan. An unserer Schule können die Kinder und Jugendlichen bisher lediglich einen Hauptschul- bzw. Realschulabschluss ablegen, und auch dies nur über externe Prüfungen. Doch das Prinzip, das ich nun in der Folge vorstellen werde, würde sich wohl auch für eine Zentral-Matura eignen. Ich werde hier zuerst das zugrundeliegende Prinzip erklären, und weiter unten stehen dann die ersten entsprechenden Probe-Tests für die 5. Klasse Mathematik zum Download bereit.

Der Sinn dieser Probe-Tests

Ursprünglich ist mir die Idee vor gut 1,5 Jahren gekommen, als ich in einer anderen freien Schule gearbeitet habe. Schon Jahre vorher habe ich bei Ivan Illich gelesen, es sei notwendig, die Lehre vom Lernen zu trennen, d.h. bei ihm, Prüfungen ablegbar zu machen, ohne dass eine bestimmte Lehrveranstaltung besucht werden muss. Er schweigt sich ein wenig dazu aus, wie dies nun praktisch umsetzbar wäre, aber die Idee fand ich genial. Die Lösung, die mir bisher am einfachsten umsetzbar erscheint, ist die Schaffung zweier von der Struktur her identer Test-Formen: den „Probe-Tests“ und der „Meisterschaft“, wobei ersterer auf der Rückseite mit Lösungen versehen ist und zweiterer nicht. Probe-Tests sind (beispielsweise in einem Ordner als Kopiervorlagen) für die Kinder stets frei verfügbar, und mit Hilfe der Lösungen können sie sich selbst relativ selbstständig an ihnen messen. Fühlen sie sich in der Materie sicher genug, können sie ihre Meisterschaft in einer Prüfungs-Situation beweisen – dies ist dann die zweite Variante ohne Lösungen auf der Rückseite.

An jener Schule haben wir dann auch ein großes Plakat mit allen einzelnen Themen der Mathematik für die Grundschule aufgezeichnet, so dass für die Kinder ersichtlich war, was es überhaupt im Lehrplan alles „gibt“. Über die Probe-Tests mit den Lösungen bekamen sie auch ohne die Mithilfe von Erwachsenen meist eine ungefähre Vorstellung davon, um was es jeweils ging. Diejenigen, die ihre Meisterschaft in einer Prüfungssituation bei einzelnen Themen bewiesen hatten, wurden mit dem jeweiligen Anfangsbuchstaben auf dem Plakat markiert. Dies hatte den Sinn, dass nun andere Kinder nicht nur uns Lernbegleiter um Hilfe fragen konnten, sondern auch die anderen Kinder, die bereits eine Meisterschaft im jeweiligen Thema erreicht hatten – die eben als relative Meister dienen konnten.

Die jeweiligen Meisterschafts-Versuche wurden von uns als ein Teil der Dokumentation gesammelt, hatten aber keine weiteren negativen Auswirkungen fĂĽr die SchĂĽler. Es ging rein darum, die gesamte Meisterschaft fehlerfrei zu schaffen, wer sich der Herausforderung stellte und es nicht schaffte, konnte es jederzeit erneut versuchen. FĂĽr diejenigen, die eine unschöne Konkurrenz-Situation vermuten: diese entsteht in einem solchen Setting erst dann, wenn alle Kinder zu einer bestimmten Zeit bestimmte PrĂĽfungen zu schaffen haben. Konkurrenz ist nicht zwingend etwas Negatives, solange sie auf Freiwilligkeit basiert. Die meisten der SchĂĽler jener anderen Schule hatten den Stoff ihrer jeweiligen Altersgruppe auf diese Weise ĂĽbrigens in einem Monat erarbeitet – und dies war damals nur der erste, unbeholfene Versuch mit dieser Systematik…

Transparenz – auch fĂĽr ExternistenprĂĽfungen

Vor allem sorgt eine strukturelle Kopplung von Probe-Test und Meisterschaft (die exakt gleich aufgebaut sind) für ein Höchstmaß an Transparenz – und damit dafür, dass sich Schüler tatsächlich selbstständig auf Prüfungsanforderungen vorbereiten können. Dies ist bereits innerhalb einer Schule ein großer Vorteil, wird aber vor allem dann noch ein Stück interessanter, wenn es um solche Dinge wie Externisten-Prüfungen geht.

Wie ich auch an der Schule, an der ich gerade arbeite, wieder feststelle, ist es offensichtlich eine sehr schwierige Sache für Prüfer, Kindern, die zu jenen Prüfungen antreten, im Vorfeld klar und verständlich zu erklären, was sie denn für jene Prüfungen überhaupt tatsächlich können sollen. Es ist sehr schwer für ein Kind, sich auf eine Prüfung vorzubereiten, die zu einem guten Stück von der Willkür des Prüfers abhängt, und ebenso schwierig für den Prüfer, eine faire Prüfung für ein Kind vorzubereiten, dessen Bildungsstand ein wenig von der Willkür seiner Betreuer abhängt. Mein Probe-Test/Meisterschafts-System könnte da möglicherweise eine Abhilfe schaffen, die beide Seiten massiv entlastet, sobald es voll einsatzbereit ist.

Angenommen, ein Kind würde in einer normalen Schule die 5. Klasse besuchen, besucht jedoch eine freie Schule ohne Öffentlichkeitsrecht (bzw. wird zuhause unterrichtet) und soll nun gegen Ende des Jahres eine Externisten-Prüfung ablegen. Nun wäre es möglich, dem Externisten-Prüfer die jeweiligen Probetests und Meisterschaften zukommen zu lassen, und ihm die Frage zu stellen, ob das Bestehen dieser Meisterschaften auch für das Bestehen seiner externen Prüfungen ausreichen wird, bzw. welche Lerninhalte ihm noch abgehen und die noch eingearbeitet werden müssen. Gemeinsam mit dem Prüfer wäre es dann bereits zu Anfang des Schuljahres möglich, die konkreten Prüfungsanforderungen auszuarbeiten, und zwar nicht nur thematischr Eingrenzungen, die einen großen Interpretationsspielraum offen lassen, sondern ganz konkret. Da die hier bereitgestellten Probe-Tests nach dem Open-Source-Prinzip frei verwendbar und veränderbar sind und bleiben sollen, wäre es nun möglich, jeweils individuell je nach Prüfer und Kind einzelne Anpassungen vorzunehmen und – das wäre nun wirklich der Idealfall – die Überarbeitungen auch wieder anderen zur Verfügung zu stellen.

Zum Download

Einige Erläuterungen zum Download selbst.

  • Die .html-Datei enthält die Auflistung der Anforderungen mit einem kurzen Versuch, das WARUM der Themen an den Anfang zu stellen. Viele meiner ehemaligen NachhilfeschĂĽler hatten mehr Schwierigkeiten mit der Frage, warum sie etwas lernen sollten, als etwas zu lernen. Sie soll mit der Zeit anwachsen auf alle Klassenstufen, weswegen man fĂĽr die 5. Klasse derzeit ein wenig herunterscrollen muss.
  • Die Datei mit den BrĂĽchen ist deswegen auch im .docx-Format, weil die BrĂĽche im .doc-Format in Bilder konvertiert werden und damit nicht mehr bearbeitbar sind. Die restlichen Dateien sind im .doc-Format, weil dies auf den meisten Plattformen gut bearbeitbar ist.
  • Zwei Themen habe ich nicht als .doc herausgearbeitet, weil es sich um graphische Themen handelt, die einfacher im Gespräch bzw. mit der Hand gearbeitet werden.

Als .zip herunterladen

AbschlieĂźende Anmerkungen

Ich werde die grundsätzliche Vorgehensweise in meiner derzeitigen bzw. auch in den folgenden Schulen, an denen ich arbeiten werde, weiterverfolgen. Falls sich jemand findet, der ebenso Interesse daran hat, würde es mich sehr freuen, von euren Erfahrungen, Schwierigkeiten und Durchbrüchen damit zu hören.

Danke,
Niklas

In den letzten Wochen dämmerte mir eine Erkenntnis: Ich unterdrücke weite Teile menschlicher Erfahrung, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe. Und während der Gedanke noch zu neu ist, um die Folgen abschätzen zu können, bildet sich in den letzten Tagen nun so etwas wie eine Hypothese in meinem Kopf heraus: Ist Gewalt oft nur eine Folge der unterdrückten Anteile menschlicher Existenz in uns?

Ab ins Unbewusste mit euch

Lange Zeit dachte ich, dass es so etwas wie „gute“ Verhaltensweisen und „schlechte“ Verhaltensweisen gibt, die dem Menschen zur Verfügung stehen, und dass ich als Mensch, der gut mit anderen auskommen möchte, dazu einfach die positiven verkörpern und die schlechten kontrollieren lernen müsste. Tatsächlich hat es mich dazu geführt, dass ich nur sehr selten mit meinen Mitmenschen in Konflikt gerate, und wenn doch, fühle ich mich dabei moralisch meistens „im Recht“. Abgesehen davon, dass darin mit Sicherheit eine gewisse Überheblichkeit verborgen ist, stellt sich mir mittlerweile die Frage, wie konstruktiv mein Verhalten im Alltag tatsächlich ist. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass sich Menschen in Konflikten von mir unverstanden fühlen, und meine empfundene moralische Überlegenheit tröstet mich nicht wirklich darüber hinweg, dass ich (wieder einmal) unfähig war, einen anderen Menschen in seinem ganzen Sein zu sehen, zu verstehen, zu akzeptieren und wertzuschätzen.

Ich habe mich jahrelang gefragt, warum ich einerseits ein gutes intuitives Gespür für andere Menschen habe und mich oft sehr gut in sie einfühlen kann, und dann wieder derartige „Aussetzer“ habe, in denen ich das Verhalten anderer Menschen überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann. Es ist bisher nur eine – wenn auch interessante – Hypothese, dass mich der Kontakt mit jenen Menschen in Bereiche menschlicher Existenz bringt (oder bringen würde), die ich mir selbst irgendwann verwehrt habe.

Einigkeit und Abgrenzung

Ich glaube, es gibt zwei Arten von Möglichkeiten, eine Verbindung mit einem anderen Menschen, vielleicht allgemein einem anderen Wesen herzustellen: sich zu synchronisieren oder das entsprechende Gegenverhalten zu verkörpern. Ich kann ein Gefühl von Verbindung mit jemandem herstellen, indem ich seine Gefühle oder sein Verhalten spiegle. In der Pädagogik passiert dies oft, wenn sich Pädagogen mit ihren Schülern „verbrüdern“ und sich auf ihre Seite schlagen, nach der Marke „Ja, ich finde diese Regel auch doof“. Oder wir versuchen, einen entsprechenden Gegensatz zu finden, der in Verbindung zu einem größeren Ganzen führen kann – etwa, indem wir dem wir bewusst leiser werden, wenn jemand anfängt, zu schreien (das Bedürfnis nach Gehört-Werden wird durch das Zuhören erfüllt). In dem zweiten Beispiel könnte sich der Pädagoge auch auf die Seite des Schülers schlagen und ebenso mitschreien, um Verständnis auszudrücken. In den meisten Fällen jedoch wird der Schüler (wie auch wir selbst) durch das Herstellen eines größeren Ganzen mehr aus der Situation lernen können.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen im Regelfall zwischen den BedĂĽrfnissen nach Einigkeit, Verständnis, Harmonie und Abgrenzung, Autonomie, Spannung pendeln, so wĂĽrde es demnach auf zwei Fähigkeiten ankommen: einerseits, das BedĂĽrfnis des Anderen richtig abzuschätzen (Harmonie oder Autonomie) und dann die entsprechend passenden Handlungen fĂĽr die jeweilige Situation auszuwählen (bewusst aufeinander bezogene oder bewusst nicht aufeinander bezogene), um gewalttätige Konflikte vielleicht vermeiden zu können. Alle Beteiligten können dann dazu beitragen, die jeweiligen Verhaltensweisen entweder zu synchronisieren oder zu entsynchronisieren. Gewalt entsteht dann vermutlich dort, wo diese BedĂĽrfnisse falsch eingeschätzt oder geringgeschätzt werden, etwa wenn eine Mutter das BedĂĽrfnis des Sohnes nach Autonomie, ausgedrĂĽckt in betont unterschiedlichem Verhalten, durch Druck “korrigieren” oder durch die Anpassung des eigenen Verhaltens mit dem Sohn synchronisieren will und sein BedĂĽrfnis nach Abrenzung und Autonomie dadurch nur noch verstärkt.

Der halbvolle Werkzeugkoffer

Und nun kommt meine eingangs angeführte Feststellung ins Spiel, dass ich – wie ich zunehmend feststelle – einige Aspekte menschlichen Verhaltens in dem Glauben, damit dem Frieden zu dienen, unterdrückt habe. Es kostet mir beispielsweise große Mühe, Wut auszudrücken, und wenn ich es doch einmal tue, fühlt es sich irgendwie seltsam an, als wäre ich in jenem Moment gar nicht ich selbst sondern jemand anderer, der wütend ist, als könnte ich nicht wütend sein.

Eine Freundin versucht mir seit Jahren zu erklären, warum ich ihrer Ansicht nach nicht vernünftig singen kann, und als sie mir vor einigen Wochen beibringen wollte, wie man Salsa tanzt, habe ich wohl zum ersten Mal verstanden, was sie damit eigentlich meint, wenn sie sagt, bei mir klingen die meisten Leider gleich: ich habe gelernt (und ich bin es gewöhnt), manche Emotionen nicht auszuleben, zu blockieren, nicht zuzulassen. Deswegen verbreitet mein Tanzstil auch bei den eigentlich traurigsten Liedern Fröhlichkeit, klingt mein Gesang immer gleich nett. Nicht unschön, wahrscheinlich mit Potential, aber doch… fehlt etwas. Es fehlt der große Spielraum des Menschlichen, fehlt die Erfahrung im Negativen, um das Schöne und Positive umso mehr erstrahlen zu lassen.

Ich glaube, dass es mir nicht nur beim Singen oder Tanzen helfen wird, diese noch unterdrückten Möglichkeiten menschlichen Seins zu erlernen, sondern auch als Pädagoge, wenn ich zum jeweiligen Yang im Verhalten anderer Menschen das entsprechende Yin ausleben kann, ohne immer wieder an meine eigenen inneren Blockaden zu stoßen.

Es ist immer wieder schön, festzustellen, dass der GroĂźteil dessen, was man glaubt zu wissen, oft nur eine Illusion ist, hinter der sich eine noch viel tiefere, noch viel interessantere Wahrheit verstecken könnte, mit der man sich beschäftigen und ĂĽber die man nachdenken kann…

Niklas

Eine Freundin von mir sagte mir vor ein paar Tagen, sie würde gerne lernen, so friedfertig wie ich zu leben, und tatsächlich kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass ich auf viele meiner Mitmenschen wohl eine harmonisierende Ausstrahlung habe, während sie aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, oft mit ihren Mitmenschen in Konflikt gerät. Und so sehr ich mich manchmal über unnütze Konflikte ärgere, wird mir doch zunehmend bewusst, dass ich mich in meiner friedfertigen Welt ohne Menschen wie sie nicht sehr wohl fühle. Ich glaube, wir Menschen brauchen den Konflikt ebenso notwendig wie die Harmonie. Die Art und Weise, Konflikte auszutragen, halte ich oft für verbesserungswürdig, aber ich merke, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich auf Dauer in einer zu harmonischen Umgebung lebe. Harmonie ist wunderbar ent-spannend, aber es fehlt dann auf Dauer die Spannung.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Konflikte als etwas „Schlechtes“ wahrgenommen wurden und damit zu einem recht erfolgreichen Konflikt-Vermeider geworden. In vielen Situationen ist das eine sehr hilfreiche Eigenschaft, in anderen steht es mir jedoch auch im Weg. Dadurch, dass Konflikte für mich nichts Alltägliches, sondern Katastrophen waren, ist es für mich schwer nachzuvollziehen, dass man sich nach Konflikten auch wieder verstehen kann, während es für jene Freundin schwer nachvollziehbar ist, wie man Konflikten derart aus dem Weg gehen kann, weil man sich ja ohnehin danach wieder in die Arme nimmt und gerne hat. Ich bin ihr sehr dankbar, dass ich durch sie lernen konnte, dass Konflikte nicht das Ende der Welt (oder zumindest von Beziehungen) sind, sondern ein essentieller und ebenso wertvoller Teil des Lebens.

Ein-samkeit

Ein Kollege in meiner Schule, der sich viel mit dem Buddhismus beschäftigt hat, hat mir erklärt, dass viele Konflikte in der Welt aus der Illusion der Menschen entstehen, dass wir in der gleichen Welt leben (bzw. diese gleich wahrnehmen) und dann enttäuscht sind, dass der Andere anders als erwartet handelt. Wenn ein bestimmtes Handeln aus unserer Sichtweise völlig logisch erscheint, dann muss jemand, der anders gehandelt hat, das absichtlich getan haben, und wenn dieses Handeln mir schadet, dann will er mir folglich schaden. Er meinte auch, dass es eine sehr wunderbare Erfahrung sei, tatsächliches Verständnis für die individuelle Sichtweise des Anderen, tatsächliches Verstehen zu erleben, das die Illusion der Gleichheit ablöst.

Mein Kollege ist – soweit ich das beurteilen kann – ein eher kopflastiger Mensch, der Sachverhalte gerne rational erfasst und von Prinzipien ableitet, wohingegen ich mich eher als jemanden bezeichnen wĂĽrde, der Sachen „erspĂĽrt“ und aus diesen Ahnungen dann das ableite, was ich zu wissen glaube. Ich kenne diese Ăśbereinstimmung zwar auch aus Gesprächen, aber weit intensiver aus einer Art „energetischen“ Ăśbereinstimmung mit anderen (ich mag das Wort nicht so gerne, aber mir fällt kein besseres dafĂĽr ein). In jenem Zustand fĂĽhle ich mich mit anderen sehr verbunden, kann ihre GefĂĽhle und Ă„ngste nachfĂĽhlen, und was ich will, will auch der Andere. Es ist, als wĂĽrde ich in jenen Momenten die Grenzen meines eigenen Körpers ĂĽberwinden und seelisch mit anderen verschmelzen, fĂĽr einige Momente eins mit ihnen sein. Es fĂĽhlt sich dann ein bisschen so an, als wĂĽrde ich hingebungsvoll Gitarre spielen. Dann wird die Gitarre zu einem Teil des Körpers und meine Finger bewegen die Seiten ebenso unbewusst, wie die Muskeln in meiner Hand meine Finger bewegen, wenn ich spiele. Die Trennung voneinander löst sich dabei auf. Es ist ein Zustand völliger Harmonie, völliger Entspannung. Konflikte kommen erst wieder ins Spiel, wenn die Trennung spĂĽrbar wird und wir uns wieder “von auĂźen” begegnen.

Zwei-Samkeit

Die letzten Tage habe ich bei meinem Vater verbracht, in dessen Haus für mich seit einigen Jahren eine unglaublich entspannende Atmosphäre wirkt. Normalerweise fällt es mir schwer, freie Zeit zu nutzen, mich zu entspannen, doch in diesem Haus überfällt es mich regelmäßig. Und so habe ich den 25. Dezember eigentlich nur damit verbracht, im Wohnzimmer auf einer Couch zu liegen und mich damit ganz wohl zu fühlen. Niemand schrieb mir vor, was zu tun war, nicht einmal ich selbst fühlte mich müßig, unbedingt etwas erledigen oder tun zu müssen. Es war eine sehr entspannte Zeit, und sehr schön. Doch schon am 26. wurde es mir innerlich irgendwie zu viel der Harmonie. Also ging ich laufen, arbeitete an einem Gedicht, kurz: entfloh der Harmonie des süßen Nichts-Tuns. Es wird mir einfach nach sehr kurzer Zeit auch wieder zu langweilig. Vielleicht bin ich besonders sensibel für jene Bedürfnisse, aber ich denke, dass es uns allen so geht, dass wir ein Bedürfnis nach einem Wechsel von Spannung und Entspannung, von Harmonie und Konflikt, von Eins-Sein und Trennung haben.

Leben in Dualitäten

Es ist für mich eine der genialsten Erfindungen des Lebens, Konstruktion und Destruktion, Aufbau und Zerstörung als notwendige Bedingung für seinen Weiterbestand festzulegen, den Tod zur Grundbedingung für das Leben einzuführen. Als die Schlange Eva den Apfel anbot, der ihr das Wissen über Gut und Böse eröffnen würde, bat sie ihr das Leben selbst an, denn Leben ist Veränderung, und es kann ein „Gut“ nur in Abhängigkeit von einem „Bösen“ geben, ein „kalt“ nur in Relation zu einem „warm“, eine „Freude“ nur in Relation zu einem „Leiden“, ein Wachsen nur in Relation zu einem Schwinden und den Fortbestand einer Idee, etwas Bestehendem nur in einem stetigen und ausbalancierten Wechsel zwischen diesen Dualitäten. Was bestehen soll, muss gehen und wiederkehren können.

Gestern habe ich mir einen alten chinesischen Film angesehen, in der eine Frau einige faszinierende Sätze sprach. Sie meinte, sie hätte einen Mann nicht heiraten wollen, weil er ihr nicht sagen wollte, dass er sie liebte, auch wenn sie wusste, dass er sie liebte, denn sie hatte geglaubt, Worte würden länger leben als Gefühle, die doch stets vergehen. Doch sie hätte sich geirrt: Alles würde vergehen, und nun hätte sie die Blütezeit ihres Lebens ohne den Mann verbracht, der sie doch geliebt hatte.

In all dem natürlichen Fluss des Lebens und der Seele zwischen den Dualitäten scheinen wir Menschen uns doch nach der Beständigkeit zu sehnen, wollen etwas dem Tod entreißen, wollen schaffen, was auch in Zukunft, was auch nachdem wir gegangen sind noch besteht. Es mag paradox erscheinen, doch mir scheint es, als würde nur jenes die Jahre überstehen, was wir bereit sind aufzugeben. Nur Weltbilder, denen ich der Disharmonie abweichender Erkenntnisse aussetzte, konnten stärker wiederauferstehen, wohingegen alle fixen Ideen irgendwann an der Realität zerbrechen mussten. Nur die Liebe, die (oft schmerzlich) verblassen durfte, kehrte mit neuer Macht wieder, weil der Wunsch nach Eins-Sein nur im Wechsel mit dem Wunsch nach Zwei-Sein aufrecht bleiben kann, der Wunsch nach Harmonie nur in Disharmonie entstehen kann und das Bedürfnis nach Spannung nur in der Entspannung.

Und die Pädagogik?

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird vermutlich schon festgestellt haben, dass ich hier eine bunte Mischung aus praktischen Erfahrungsberichten, pädagogischen Spekulationen und allgemeinen Lebenserfahrungen veröffentliche. Dies hat den Grund, weil ich davon ausgehe, dass Pädagogik am Ende des Tages hauptsächlich Menschenkunde ist, und auch in der Menschenkunde an die Dualität der Harmonie (des Verstehens) und der Disharmonie (des Missverstehens) glaube. Es wird menschliche Eigenschaften geben, die sich auf andere Menschen, andere Situationen übertragen lassen, und welche, die eher speziell zu sehen sind, doch ich glaube, dass es wertvoll ist, eine Fülle an möglichen „Menschlichkeiten“ wirklich verstehen zu wollen. Einerseits hilft es dabei, andere Menschen besser zu verstehen, andererseits ist es eine schöne Idee, dass wir den jeweils anderen wohl niemals völlig verstehen werden. Denn dies bedeutet, dass er uns noch überraschen, dass er uns noch zum Staunen bringen kann.

Und anderen Menschen mit dieser interessierten Einstellung zu begegnen ist für mich schon an sich ein Grundpfeiler sinnvoller Pädagogik.

Niklas

In einem TED Talk, den ich gestern sah, ging es darum, warum Menschen Selbstmord begehen, und der Redner sprach davon, dass Menschen oft eine subjektive Wahrnehmung besitzen, die sich von der objektiven Realität manchmal immens unterscheiden kann. In jener subjektiven Wahrnehmung halten sie ein für einen außenstehenden Beobachter möglicherweise völlig irrelevantes Detail für den wichtigsten Faktor. Sie sehen Probleme, wo gar keine Probleme existieren müssen, und schränken damit (meist unbewusst) ihren Handlungsspielraum zunehmend so weit ein, dass es nur noch eine Möglichkeit gibt: dem Leiden ein Ende zu setzen. Es hat keinen Sinn, sich noch dagegen zu stemmen, die Hindernisse sind zu mächtig, man selbst zu schwach, zu wertlos.

Erfahrungen eines potentiellen Selbstmörders

Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, war mir schleichend bewusst geworden, dass ich nicht mehr leben wollte. Meine Klassenkameraden hielten nichts von mir, die Mädchen noch umso weniger, und diejenige, in die ich unsterblich verliebt war und in die ich die aus heutiger Sicht leicht überfordernde Hoffnung gesetzt hatte, mich zu erretten, wollte nicht nur nichts von mir wissen, sondern wechselte gleich noch die Schule. Der Schulwechsel hatte nichts mit mir zu tun, doch ich nahm es als persönliche Demütigung an und überlegte, wie ich es am besten anstellen sollte: Wenn mein Leben derart wertlos war, sollte zumindest mein Tod etwas bewirken. In Gesprächen mit meinen Schulkollegen stellte sich heraus, dass ich nicht der einzige war, dem es so erging. Wir träumten davon, mit unserem heldenhaften Tod etwas zu verändern.

Die Sache beschäftigte mich dermaßen, dass ich anfing, eine Geschichte dazu zu schreiben, die in ein Drehbuch von beinahe Hundert Word-Seiten mündete. In jener Geschichte „verbündeten“ sich einige Jugendliche, die festgestellt hatten, dass ein Selbstmord rasch wieder vergessen wurde, zu einer Art kollektiven Selbstmord-Gruppe, die durch die gemeinsame, beinahe politische Selbstmord-Aktion auf Missstände hinweisen wollte. Doch selbst in meiner Geschichte ging die Idee nicht so auf wie geplant, ein opportunistischer Fanatiker deutete die Gründe der Selbstmörder nachträglich um und verfälschte so die Botschaft. Der Tod hatte nichts an der Welt der Lebenden verändert. Das gab mir zu denken. So sehr ich sterben wollte, ich wollte keinen sinnlosen Tod sterben.

Inversion

Irgendwann jedoch kam mir der Gedanke, der Schwäche in Stärke umzuwandeln vermochte, der mir eine völlig neue Art von Selbstvertrauen einflößte. Ich war bereit, zu sterben, wenn es sein musste. All die Hindernisse, die mir das Leben in den Weg zu legen schien, all die Häme, die mir meine Mitschüler entgegenwarfen, ich konnte nun mit ihnen ringen, denn zu leiden hatte ich in all den Jahren gelernt. Mein Leiden musste nur sinnlos bleiben, wenn ich es nicht in ein Handeln münden ließ. Und sterben konnte ich später immer noch, nachdem ich versucht hatte, etwas an der Welt zu verändern, die mir das Leben schwer machte. Und als ich mich den Hindernissen näherte, die mich beinahe in den Selbstmord getrieben hatten, stellte ich fest, dass die meisten von ihnen nur in meinem Kopf existiert hatten. Dass viele meiner Mitschüler eigentlich eine sehr gute Meinung von mir gewonnen hatten, und dass ich auf die Anerkennung derjenigen, die schlecht von mir dachten, ohnehin nicht angewiesen war.

Ich begann, nicht nur meine subjektive Wahrnehmung mit der allgemein akzeptierten objektiven Realität abzugleichen, sondern auch die Illusionen der angeblichen objektiven Realität zu untersuchen. Plötzlich gelangen mir gänzlich “unrealistische” Dinge, wie etwa die Organisation meines Jahres in Brasilien. Eine Studienkollegin schrieb mir als Abschied einen schönen Spruch dazu: “Alle sagten: es ist unmöglich. Bis einer kam, der wusste das nicht, und hat es gemacht.”

Ich treffe viele Menschen, die mir erzählen, dass sie sich eingesperrt fĂĽhlen in ihrem Leben, aber “man kann ja nix machen”, die sich mit Alkohol oder anderen Drogen zudröhnen (seltsamerweise treffe ich sehr oft derlei Menschen, obwohl ich selbst nicht einmal Alkohol trinke). Vielleicht unterscheidet uns die Tatsache, dass mir klar geworden ist, dass ich mein Leben jederzeit beenden kann, und ich mich gerade deshalb bewusst fĂĽr das Leben entschieden habe und immer wieder entscheide. Wenn ich leide, ist es eine Folge meiner Entscheidungen, am Leben zu bleiben. Wenn ich mich freue, ist das eine Folge meiner Entscheidungen, am Leben zu bleiben. Ich kenne den Ausgang, aber ich will noch nicht gehen. Ich bin zu neugierig, was mich hier noch erwartet, welche Illusionen es noch zu durchschauen gibt und an welchen Realitäten ich mir noch eine blutige Nase holen werde. Ich habe ein Leben gelebt, dass mir von meinen Eltern geschenkt wurde, doch als ich mich entschied, es weiterzufĂĽhren, wurde es zu meinem Leben, meiner Verantwortung, meinem Sinn.

Rückfälle

Manchmal jedoch erlebe ich dennoch auch Rückfälle in jene dunklen Zeiten, in denen die Wahrnehmung sich auf ein Hier und Jetzt einschränkt und jegliche Hoffnung auf ein besseres Morgen zu ersticken droht. Wenn ich alleine in meinem Zimmer sitze und mich einsam fühle, obwohl sich nur wenige Schritte weiter die Tür befindet, die mich nach draußen bringt, in eine Stadt mit knapp 200.000 Menschen. Oder in die Küche zu meinen WG-Kollegen, die für mich schon zu einer Art Ersatz-Familie geworden sind. Dann rotiert mein Geist oft in waghalsiger Geschwindigkeit um sich selbst, spricht von Sinnlosigkeit und nur einem einzigen Ausweg, wie damals. Dann verbringe ich manchmal einige Stunden in diesem seltsam traurigen Zustand, um nie zu vergessen, wie unfrei sich ein objektiv doch so freier Mensch fühlen kann.

Und dann folge ich dem ersten Impuls, der in jene beinahe undurchdringlichen Gedankenwirbel dringt, weil ich nach all den Jahren gelernt habe, dass ich in jenen Situationen in Bewegung kommen muss, raus aus meiner Wohnung, vielleicht Joggen, vielleicht jemanden anrufen, etwas kochen oder auch einfach schlafen, ganz egal, nur raus aus diesem lähmenden Kreislauf an Gedanken. So schön es manchmal sein kann, im Moment zu leben, so schrecklich kann es sein, wenn jene Momente der Sinnlosigkeit ewig zu dauern scheinen. Dann hilft oft nur noch der Glauben daran, dass es vergehen wird, frĂĽher oder später. Tatsächlich spricht Lisa Miller in einem weiteren TED Talk darĂĽber, dass Depressionen und Spiritualität beziehungsweise Glaube eng miteinander verbunden sein sollen – vielleicht auch deswegen, weil sich depressive Phasen ohne eine Art von Glauben, eine Art von Hoffnung wohl kaum ĂĽberstehen lassen.

Schön und gut, aber was nützt mir das als Pädagoge?

Warum schreibe ich ĂĽberhaupt darĂĽber? Nun, einerseits wird es auch in so manchen Schulen junge Menschen geben, die mit dem Gedanken an Selbstmord spielen, und vielleicht mag es jemandem helfen, ĂĽber die Erfahrungen eines Menschen, der sich sehr ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt hat, zu lesen. Ich lerne immer wieder auch SchĂĽler kennen, die sich mit den selben Fragen beschäftigen wie ich damals und heute, und ich glaube, diesen SchĂĽlern ist nur zu helfen, wenn sie sich tatsächlich verstanden fĂĽhlen und keine Sätze hören mĂĽssen wie “Das wird schon wieder!” oder “Kopf hoch!”, die ihrer eigenen Wahrnehmung, in der es so etwas wie eine Zukunft gar nicht mehr gibt, völlig widersprechen mĂĽssen.

Vor allem aber lehrt es uns auch etwas über Freiheit beziehungsweise die Freiräume, die wir unseren Schülern lassen wollen. Nur weil wir ihnen objektiv gesehen gewisse Freiräume zugestehen, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie diese auch entsprechend wahrnehmen. Für den einzelnen Menschen ist es oft weniger bedeutsam, welche tatsächlichen Spielräume ihm zur Verfügung stehen, als welche er glaubt zu haben. Bei all unseren schönen und pädagogisch wertvollen Systemen, die wir gerne entwerfen (ich mache das zumindest sehr gerne) dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Systeme aus Menschen bestehen, und dass eine Systemänderung nicht automatisch wie bei einer Maschine auch tatsächlich beim Menschen ankommt. Es ist – anders als bei einer Maschine, bei der wir an einem Schräubchen drehen – ein langfristiger Prozess, der nicht nur in unseren Händen liegt, und wir müssen uns immer wieder auch empathisch die Frage stellen, wie die einzelnen Menschen um uns herum ihre Welt eigentlich wahrnehmen. Vieles davon mag uns unlogisch vorkommen, und doch ist es die Welt, in der sie sich bewegen und die für sie durchaus real ist, mit all den (oft eingebildeten) Ängsten, aber auch Möglichkeiten.

Es ist eine Welt, auf die wir uns einlassen werden mĂĽssen, in die wir uns hineinwagen mĂĽssen, wenn wir ihnen helfen wollen, ihre Ă„ngste und (eingebildeten wie realen) Hindernisse zu ĂĽberwinden und an ihnen zu wachsen. Schon Carl Rogers schrieb, dass es die lohnendste Sache fĂĽr ihn sei, sich ganz auf die Welt seiner Klienten einzulassen und sie vollends zu verstehen. Und ich halte sehr, sehr viel von diesem Mann.Es ist dies eine oft furchterregende, aber auch sehr befriedigende und lehrreiche Aufgabe, die wir uns damit stellen, und nicht selten auch eine, die uns viel ĂĽber unsere eigenen inneren Welten und Illusionen lehrt.

Niklas