ÔÇ×Was ist los?ÔÇť, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
ÔÇ×NichtsÔÇť, antwortete er. ÔÇ×Ich hatte nur das seltsame Gef├╝hl, als w├Ąr die K├╝chent├╝r grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.ÔÇť
ÔÇ×Ich habe davon geh├ÂrtÔÇť, meinte sie. ÔÇ×Das passiert, wenn jemandÔÇŽ anwesend ist. In diesem Fall deine-ÔÇť
Ein Schauer ├╝berkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
ÔÇ×MamaÔÇť

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt ÔÇ×auftauchteÔÇť. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die Tr├╝mmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchw├╝hlen. Jene, die ein Loslassen erm├Âglichen mochten, das nicht mit dem Preis der Verdr├Ąngung und gro├čz├╝gigen nachtr├Ąglichen Einf├Ąrbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schw├Ąrend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ├╝berdeckt mit Verb├Ąnden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch sa├čen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage sp├Ąter sa├č er bei einer Veranstaltung einer Frau gegen├╝ber, wohl gut 10 Jahre ├Ąlter als er, mit der er sich seltsam verbunden f├╝hlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erz├Ąhlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verbl├╝ffende Weise ├Ąhnelte. Und wieder dieses sonderbare Gef├╝hl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen w├╝nschte, und auch er f├╝hlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben w├╝rde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit f├╝hlte, die einst aus Schmerz und ├ťberforderung ├╝ber Krankheit und Tod Versto├čene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtm├Ą├čigen Platz in seinem Leben zur├╝ckerk├Ąmpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder ├Âffnend, musste er sich erst wieder an all jene Eindr├╝cke gew├Âhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkw├╝rdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben k├Ânnen, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er f├╝hlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art ÔÇ×HintergrundstrahlungÔÇť seines Alltages. Oder wom├Âglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art ÔÇ×VermittlerÔÇť hin zu einer ├╝ber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ├╝berall. Sie alle waren ├╝berall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich h├Ątte aufrichten k├Ânnen. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewisserma├čen ÔÇ×unbesiegbarÔÇť zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, f├╝r etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen M├Âglichkeit einer ├Ąu├čerlichen Kampfhandlung zur├╝ckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. ├ťberall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal w├╝rde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall d├Ąmpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen fr├╝her oder sp├Ąter stets wieder in luftige H├Âhen f├╝hren w├╝rde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art nat├╝rlicher Konstante. Um ihn. In ihm. ├ťberall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ├╝berwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ├╝berall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu ├Âffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, sp├╝rte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die Unverg├Ąnglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der H├╝llen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entz├╝ndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? Wof├╝r willst du einstehen? Wof├╝r bist du bereit zu k├Ąmpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer Endg├╝ltigkeit beraubt worden war. ├ťberall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. Daf├╝r einzustehen, wof├╝r es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. ├äu├čeren Widerst├Ąnden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft daf├╝r reichte, und sich dort Unterst├╝tzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

ÔÇ×In dir ist unglaublich viel Liebe zu sp├╝renÔÇť, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der Pr├Ągungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, fr├╝her oder sp├Ąter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen f├╝hren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe f├╝reinander.

Diese innere Gewissheit im Au├čen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu w├Ąhlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. ├ťberall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale ├ťbermacht, wie auch Napoleon, der gro├če Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im allt├Ąglichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unz├Ąhligen kleinen K├Ąmpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. ├ťberall.

Aber zuerst war es an der Zeit, ÔÇ×unterzutauchenÔÇť, gewisserma├čen ÔÇ×getauftÔÇť zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden Selbst├Ąndigkeit. F├╝r etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gest├Ąrkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. ├ťberall.

Mit m├╝den Augen starrte er aus dem Fenster der Wohnung in den Vorhof des Komplexes. Die Sonne war bereits vor Stunden untergegangen, und nur noch die letzten ├ťberreste ihrer tausendfach gespiegelten Strahlen verliehen dem Tag noch die Illusion eines Lichtblicks. Von seiner Position nah am Fenster konnte er sogar noch ein kleines St├╝ck tiefblauen Himmels ├╝ber den vielen Stockwerken der Gemeinschaftswohnungen erkennen. Sein Blick suchte die Sterne seiner Kindheit, den gro├čen B├Ąren, Orion. Doch die Lichter der umgebenden Wohnungen waren zu grell, und die Sterne und Tr├Ąume der Kindheit zu fern, um sie auszumachen.

Weit war er gekommen, er, der schm├Ąchtige Junge, den seinen Mitsch├╝ler stets ÔÇ×SolettiÔÇť zu nennen pflegten. Ihre H├Ąme hatte er still ertragen, wusste er doch, was die Buchstaben auf den edlen Papieren ihm bescheinigten: Sehr gut. Er mochte d├╝rr sein, mochte still sein, mochte seine Tage ├╝ber B├╝chern verbringen anstatt umringt von M├Ądchen, doch diese Dokumente, die sich Semester f├╝r Semester in einem seiner Ordner ansammelten, b├╝rgten ihm f├╝r eine andere Wirklichkeit. Und w├Ąhrend seine Peiniger im Laufe der Jahre aus seinem Leben verschwunden waren, hatten ihn seine B├╝cher beharrlich weitergetragen, auf ein ungewisses und doch mit Sicherheit wunderbares Ziel zu. Es war gut. Er war gut. Sehr gut.

Irgendwann gegen Ende der Schulzeit hatte er die ├Âffentliche Bibliothek entdeckt. Stunden verbrachte er nun in den stillen Hallen, las Buch um Buch. Bis er irgendwann mit Schrecken feststellte, dass er mehr wusste als seine Lehrer, die ihm seit Jahren mitgeteilt hatten, dass seine Leistung stets ÔÇ×sehr gutÔÇť gewesen war. Aber war sie das wirklich, oder wussten es die Lehrer blo├č nicht besser? Auf wessen Urteil konnte er sich nun noch verlassen?

Also war er an die Universit├Ąt gegangen, um zu studieren. Hier w├╝rden sich doch gewiss Menschen finden, die ihm sagen konnten, ob seine Leistung denn in Ordnung war. Doch auch hier traf er vorwiegend Menschen an, die viele seiner B├╝cher nie gelesen hatten oder nur manche als Wahrheit durchgehen lie├čen. War denn nicht in allem, was ein Mensch denken mochte, ein Funke Wahrheit, und sei er noch so klein? Warum also B├╝chern den Wert absprechen, anstatt diesen Funken in ihnen zu suchen, um einen neuen Gedanken, eine neue Idee zu entfachen?

Nun war er ins Ausland gegangen, ├╝berzeugt, wenigstens hier jemanden finden zu k├Ânnen, der seine Leistungen und sein Wissen zu bewerten vermochte. Doch auch hier bestand ein jeder auf seinem eng abgesteckten Standpunkt. Einen Moment lang fragte er sich, warum er denn all die B├╝cher gelesen, all die Feste verstreichen hatte lassen, wenn er doch nun alleine hier in dieser Wohnung sa├č und aus dem Fenster starrte. Wo war die Frau, die ihn f├╝r ÔÇ×sehr gutÔÇť hielt, wo die Familie, stolz auf den wissbegierigen Sohn? Fern war sie, die Familie, und unendlich fern die Liebe der Frauen, die er stets gemieden hatte. Was waren seine B├╝cher schon wert gewesen?

Die Lichter im gesamten Wohnkomplex gingen pl├Âtzlich aus. Jemand musste einen Kurzschluss verursacht haben. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewohnt hatten, sah er ihn. Der gro├če B├Ąr war immer noch am Nachthimmel, wachte ├╝ber den kleinen Jungen mit den gro├čen Tr├Ąumen, der er einst gewesen war. Was machte er hier, eine h├Âhere Autorit├Ąt zu suchen, die ihm best├Ątigte, ob er gut genug f├╝r diese Welt war? Er war schlie├člich hier, war am Leben, konnte f├╝hlen, leiden, lachen. Das musste gen├╝gen. Nein, es war gut. Es war sogar sehr gut.

Ein ├╝berw├Ąltigendes Verlangen ├╝berkam ihn, die Wohnung zu verlassen und in den nahegelegenen Park zu gehen. Hier, fern der blendenden Lichter der Stadt, konnte er nun endlich klar sehen, sah die fernen Lichtpunkte der Sterne ├╝ber ihm, und die schemenhaften Umrisse seiner Gestalt, die sich im See spiegelten. Er w├╝rde schreiben. F├╝r alle anderen Schatten da drau├čen, die im Blendwerk des Lebens die Sterne nicht mehr sehen konnten. Er w├╝rde ihr Stern sein, der ├╝ber sie wachte, wenn sie sich einsam und verlassen f├╝hlten.

Zur├╝ck in der Wohnung brannten Worte in seinem Geist, wie ein alles verzehrendes Feuer. Er sprach sie aus. Er schrieb sie nieder, Leuchtfeuer in der Einsamkeit der Moderne: Es werde Licht.

Irgendwo in der Dunkelheit des Komplexes entz├╝ndete jemand ein Streichholz.

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Die letzten Tage und Wochen f├╝hlte ich mich innerlich zerrissen zwischen all den M├Âglichkeiten, die sich in den letzten Monaten und Jahren f├╝r mich aufgetan hatten. Unf├Ąhig, die Entscheidungen zu f├Ąllen, die in n├Ąchster Zeit zu f├Ąllen waren. Eine gute Freundin riet mir, mich endlich zu entscheiden, was ich mit meinem Leben anzufangen gedenke, und schenkte mir auch gleich ihre Antwort auf die Frage: Ich sei ein Lehrer, Punkt. Aber ich zweifelte weiter. War ich nicht ebenso Musiker, Autor, und noch viel mehr?

Musiker

Die viele Zeit, die ich damit verbracht hatte, Gitarre zu spielen und meine Emotionen in Kompositionen und Liedtexte einflie├čen zu lassen, schienen sich nun endlich bemerkbar zu machen. Innerhalb kurzer Zeit wurde mir von verschiedenster Seite gesagt, dass meine Musik verdammt gut ist. Und selbst mein jahrelanges Trauma, nicht gut singen zu k├Ânnen, obwohl es doch immer mein Traum gewesen war, einst zu singen, seit ich mit meinen f├╝nf Jahren lautstark zur MeatloafÔÇÖs Bat out of hell mitgebr├╝llt hatte, hatte ich ├╝berwunden. Ich hatte nicht begonnen, Gitarre zu spielen, um einst der n├Ąchste Gott auf diesem Instrument zu werden, sondern um meine Unsicherheit zu ├╝berwinden, dass ich m├Âglicherweise doch nicht der gro├če S├Ąnger war, der ich immer sein wollte. Und mit der Zeit wurde ich wirklich gut mit meiner Gitarre. Doch immer wieder h├Ârte ich von meinen ehemaligen Bandkollegen, dass ich doch bitte endlich aufh├Âren sollte, zu singen.

Nun, Jahre sp├Ąter, hatte ich in Brasilien begonnen, mich auf die Stra├če zu stellen, und das zu tun, was immer mein Traum gewesen war: zu singen. Wenn andere dort ungestraft Essen verkaufen konnten, das zwar gut schmeckte, aber aufgrund mangelnder Hygiene Durchfall verursachte, dann durfte ich wohl auch mein Gitarrenspiel mit Gesang begleiten, der nicht sonderlich ├╝berzeugte. ├ťberraschenderweise schien sich niemand gro├č daran zu st├Âren. Mit der Zeit erkannte ich sogar, dass mir Menschen, wenn ich ohne Gitarre die XV de Novembro, die Stra├če, in der ich immer spielte, entlanglief, zuwinkten, ich sollte doch wieder meine Gitarre holen. Ich fing an, mich einfach zu trauen, und dieser Mut verlie├č mich auch zur├╝ck in ├ľsterreich nicht mehr. Nun, knapp 20 Jahre nach meinen ersten Versuchen, beginne ich, meine eigene Stimme zu finden und auch zu liebe. Erkenne dich selbst, sprach einst ein weiser Mann: Ich bin Musiker. Ich liebe das Gef├╝hl, sich vollends in der Musik zu verlieren. Aber es ist nur ein Teil von mir.

Autor

Nachdem ich in einem Seminar an der Universit├Ąt in Curitiba, Brasilien, einen Vortrag ├╝ber meine Bildungsideen gehalten hatte, bekam ich so viele positive R├╝ckmeldungen von den Studenten und dem Professor, dass ich beschloss, diesen Blog zu starten. M├Âglicherweise w├╝rden auch andere dadurch zum Nachdenken angeregt werden. Und ich fand heraus, dass es tats├Ąchlich Menschen gab, die sich daf├╝r interessierten. Verbl├╝fft stellte ich fest, dass Menschen aus allen Erdteilen ├╝ber verschiedenste Wege und Umwege auf meinen Blog fanden und sich augenscheinlich Gedanken ├╝ber das machten, was ich geschrieben hatte. Und ich erkannte ein Potential, das ich immer schon geahnt haben musste: eine Alternative anzubieten und den anderen entscheiden zu lassen, ob bzw. wie er diese Alternative in sein Weltbild inkludieren m├Âchte.

Als ich mich dann n├Ąher mit den verschiedenen M├Âglichkeiten, Texte zu verfassen, befasste, fragte ich mich, warum ich in den letzten Jahren kaum Geschichten geschrieben hatte. Jahre zuvor hatte ich dies immer wieder getan, sogar ein 96-seitiges Drehbuch verfasst. Seitdem jedoch hatte ich au├čer einigen (sehr zufriedenstellenden) Liedtexten kaum mehr etwas geschrieben, was einer Geschichte gleichkam. Mir kam zu Bewusstsein, dass ich das meiste, was ich in meinem Leben jemals gelernt hatte, von Geschichten gelernt hatte. Warum nicht selbst Geschichten schreiben, um anderen ebenso diese M├Âglichkeiten zu er├Âffnen? Ein Buch zu lesen ist f├╝r gew├Âhnlich ein freiwilliger Akt und widersprach nicht meinen Prinzipien der Gewaltfreiheit. Also fing ich an, kurze, 1-seitige Geschichten zu schreiben, jede Woche eine, in der Hoffnung, Menschen die M├Âglichkeit zu er├Âffnen, etwas durch sie zu lernen. Und ich erkannte mich selbst als Autor. Ich liebe es, wenn die Worte aus mir sprudeln und die Erkenntnis, die ich selbst daraus ziehe, wenn ich lese, was da aus mir geflossen ist. Doch auch dies war nur ein Teil des Ganzen.

Lehrer

Es mag kein sonderlich nachvollziehbarer Grund sein, aus dem ich damals beschloss, Lehrer zu werden, aber ich bin ein Verfechter der Wahrheit: ich war unzufrieden mit dem Schulsystem und wollte es ├Ąndern. Ich hatte einige B├╝cher gelesen und meine Erfahrungen gemacht, wie ich und andere tats├Ąchlich lernten, was uns tats├Ąchlich interessierte und wie wenig davon in einer durchschnittlichen Schule wahrgenommen und aufgegriffen wurde. Auch an der p├Ądagogischen Hochschule fand ich wenig von dem vor, was mir selbst wichtig erschien, aber ich nahm es als notwendiges ├ťbel hin. Es war meine Mission, und der Held einer jeden Geschichte musste eben manchmal leiden, um sein Ziel zu erreichen.

Wie jeder Mensch habe ich meine St├Ąrken und Schw├Ąchen. W├Ąhrend ein jeder Mensch mit gewissen Grundvoraussetzungen an eine Aufgabe herangeht, wird er wohl mit der Zeit versuchen, zumindest in jenen Punkten, die ihm wichtig sind, seine St├Ąrken auszuspielen und seine Schw├Ąchen zu ├╝berwinden, und ├Ąhnlich war es auch bei mir. Ich bin kein Lehrer im herk├Âmmlichen Sinn, der m├Âglicherweise recht gut in seinem Fach ist und seine Sch├╝ler dazu bringt, in diesem ihm zugeteilten Fach zu H├Âchstleistungen zu bringen, auch wenn es bedeutet, seine Sch├╝ler gegen ihren Willen zu etwas zu zwingen. Ich zwinge meine Sch├╝ler nie zu einem bestimmten Verhalten, ich zeige ihnen jedoch sehr klar, was sie in meiner Anwesenheit nicht tun werden. Zwang nimmt ihnen die M├Âglichkeit, Verantwortung zu ├╝bernehmen. In meinen Nachhilfekursen fordere ich meine Sch├╝ler heraus, Verantwortung zu ├╝bernehmen ÔÇô f├╝r sich selbst und ihre Lernprozesse, aber auch f├╝r das Wohlbefinden der ganzen Gruppe.

Dies ist eine politische Entscheidung, die ich hier treffe. Ich sage ihnen nicht, sie sollen bitte den Pythagoras lernen und den Satz von Thales, dann wird alles gut. Ich sage ihnen, ├╝bernehmt Verantwortung, und daraus erwachsen all die anderen Fragen und m├Âglichen Antworten. Um Verantwortung zu ├╝bernehmen, muss man sich ├╝ber M├Âglichkeiten und Konsequenzen informieren, kritisch urteilen und die Bed├╝rfnisse anderer wahrnehmen und mitbedenken. Ich kann auch unerw├╝nschte Entscheidungen treffen, aber ich muss bereit sein, die m├Âglichen Konsequenzen zu tragen. Das ist Verantwortung. Ich erziehe meine Sch├╝ler nicht zu sonderlich pflichtbewussten Menschen, sondern zu Menschen, die sich f├╝r die Konsequenzen ihrer Handlungen und der der anderen interessieren und dann versuchen, fundierte Entscheidungen zu treffen. Selbst, wenn diese fundierte Entscheidung eines Tages sein sollte, dass das, was ich ihnen damit beibringen wollte, ein Bl├Âdsinn ist und es doch viel einfacher f├╝r sie ist, sich an die Pflichterf├╝llung zu halten. Ich will nicht, dass sie denken wie ich. Ich will erreichen, dass sie denken.

In der Nachhilfeinstitution, in der ich seit Jahren arbeite, habe ich in einer der B├╝roleiterin eine sehr verst├Ąndnisvolle Verb├╝ndete gefunden, die mir sehr viel Autonomie gew├Ąhrt. Die Resultate sind interessant: meine Sch├╝ler arbeiten meist von selbst an ihren Aufgaben oder bitten mich, ihnen komplexere (oder lustigere, ich erfinde gerne spa├čige Geschichten dazu) zu erfinden. Die Gruppen harmonieren im Regelfall sehr gut miteinander und selbst die Noten verbessern sich oft in relativ kurzer Zeit, manchmal um mehrere Grade. Auch in der Schule, in der ich zuletzt gearbeitet habe, hat sich in den zwei Monaten, in denen ich dort war, viel zum Positiven ver├Ąndert. Problematisch wurde es dann, als von oben versucht wurde, meine Autonomie einzuschr├Ąnken und mir vorzuschreiben, wie ich die Kinder zu behandeln hatte oder dass ich diesen Blog vom Netz nehmen sollte.

Wer bin ich nun wirklich?

In der Folge verlor ich f├╝r einige Zeit den Mut, dass es m├Âglich sein w├╝rde, eine Schule zu finden, an der ich so arbeiten k├Ânnen w├╝rde, wie ich sp├╝rte, dass es richtig f├╝r mich und die Sch├╝ler war. Und war ich nicht mittlerweile musikalisch auf einem guten Weg? Wurden nicht meine Geschichten immer besser? War ich nicht auf einem guten Weg, meine Ausgaben soweit zu reduzieren, dass ich m├Âglicherweise ohne einen regelm├Ą├čigen Job ├╝berleben konnte. Vielleicht in meinem alten VW-Bus herumsausen, runter nach Spanien, Portugal, da sollte es eine interessante Schule geben. Einige Freunde holten mich auf den Boden der Tatsachen zur├╝ck. Das sei viel zu gef├Ąhrlich. Was ich mir ├╝berhaupt einbilde? Nat├╝rlich h├Ątte ich es in meiner Sturheit trotzdem durchgezogen, doch mein Vater sprach das aus, was mir nun als eine schwer von der Hand zu weisende Wahrheit bewusst wurde: es w├Ąre ein Davonlaufen. Ein Davonlaufen, ein Aufgeben und ein Begraben meiner selbstgesteckten Mission, etwas zum Guten zu ver├Ąndern. Und ich wollte nicht zur gro├čen Masse derjenigen z├Ąhlen, die aufgegeben haben.

Ich bin ein Musiker, und mittlerweile sogar ein sehr guter, und meine Gitarre wird mich begleiten, wo auch immer mein Weg mich hinf├╝hren wird. Ich bin ein Autor, ich liebe es, zu schreiben, und m├Âglicherweise werde ich eines Tages sogar B├╝cher ver├Âffentlichen. Doch was ich wohl im tiefsten Kern bin, ist trotzdem ein Lehrer. Einer derjenigen, die den Sch├╝lern auch nach Jahren noch in Erinnerung bleiben k├Ânnen, weil sie anders waren, die jedoch auch einen schwierigeren Weg vor sich haben, wenn es darum geht, einen passenden Ort f├╝r ihr Wirken zu finden. Praktischerweise muss ich mich aufgrund meiner guten Sprachkenntnisse und dem Faktum, dass ich im Juli in Linz ausziehe, in meiner Suche nicht auf Ober├Âsterreich oder ├ľsterreich beschr├Ąnken, auch Deutschland, die Schweiz, englisch- sowie portugiesisch/spanisch-sprachige L├Ąnder stellen eine Alternative dar. In den n├Ąchsten Tagen werde ich mich also einfach mal sowohl innerhalb ├ľsterreichs als auch international bei den verschiedensten Schulen bewerben.

Falls jemand von euch einen Tipp hat, an wen ich mich wenden k├Ânnte, freue ich mich nat├╝rlich dar├╝ber (hier findet ihr meine Mailadresse). Ansonsten w├╝nsche ich euch noch einen sch├Ânen Sonntag, und ebensolche Momente der Selbsterkenntnis.

Niklas