„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

Nun war es also soweit.
Nach all den Jahren, in denen sie sich doch mit einer gewissen RegelmĂ€ĂŸigkeit getroffen hatten, war es immer schwieriger geworden, noch Zeit fĂŒreinander zu finden. Man war umgezogen, hatte geheiratet, war Vater oder Mutter geworden, und auch im Allgemeinen ein anderer Mensch. Noch war ein Rest lebendig von jener wunderbaren Anziehungskraft, die sie alle einst vereint hatte, von der Wurzel der liebgewonnen Traditionen. Doch mehr und mehr wurde fĂŒhlbar, dass irgendetwas seltsam hohl geworden war, die realen Erfahrungen den freudigen Erwartungen an die ZusammenkĂŒnfte nicht mehr genĂŒgten.
Endlich wieder ein Spieleabend. Und am Ende dann doch nicht, ein mĂŒder Abklatsch alter Traditionen. Spiele waren genĂŒgend vorhanden, auch die Menschen hatten sich versammelt, doch gespielt wurde immer weniger.

Und dann hatte er zufĂ€llig den anderen alten Freund wiedergetroffen, an den er Tage zuvor oft mit Wehmut gedacht hatte. Auch mit ihm verband ihn die Erinnerung an andere Zeiten, als sie noch zu dritt beinahe jeden Tag miteinander verbracht hatten. Spielend, erforschend die Welt mit lockeren Lachmuskeln und dem GefĂŒhl, die Welt stĂ€nde jenen offen, die sich an und in sie wagten. Auch heute noch kamen sie hin und wieder zusammen, aßen gemeinsam und erzĂ€hlten sich von frĂŒher, als alles noch anders war. Doch die Frequenz ihrer ZusammenkĂŒnfte hatte sich verĂ€ndert. Anstatt beinahe tĂ€glich trafen sie sich nun nur noch etwa alle 2-3 Monate. Und ohne große Überraschung stellte er fest, dass es nicht daran lag, dass sie alle zu viel zu tun hatten. Sondern daran, dass sie sich anders als frĂŒher kaum mehr etwas zu sagen hatten.

War dies also der natĂŒrliche Verlauf menschlicher Beziehungen? Man lernte sich kennen, erfreute sich eine Zeit lang aneinander, bis man sich auseinanderlebte? Die Erfahrung schien die These zu bestĂ€tigen, und doch wehrte sich ein Teil von ihm dagegen, dies als absolute Wahrheit zu akzeptieren. Denn er hatte auch Ausnahmen von der Regel erlebt, und erlebte sie auch heute noch immer wieder. Was unterschied jene Ausnahmen also, und war es möglich, aus den Ausnahmen die Regel zu machen?

Eine alte Bekannte durchbrach seine Gedankenspiele mit einem LĂ€cheln, setzte sich zu ihm. Immer schon hatte er eine Verbindung zu dieser Frau gefĂŒhlt, wann immer er sie erblickt hatte, aber nie war es zu mehr als kurzen GesprĂ€chsfetzen gekommen, begleitet von einem losen GespĂŒr fĂŒr das Potential einer tieferen Verbindung. Doch dieses Mal war es anders. Rasch war die Musik des Lokals in den Hintergrund getreten, und Stunden spĂ€ter fand er sich in tiefem Austausch von Seelen wieder, der ihm eine Antwort auf die Frage schenkte, die ihn so beschĂ€ftigt hatte:

Der Spieleabend, das war eine nĂŒtzliche Form gewesen, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, um dem lebendigen und wertvollen Kontakt, der ihm vorausgegangen war, auch im Alltag zu stĂŒtzen. Über lange Zeit hatte er seine Funktion erfĂŒllt, aber nun, beinahe 10 Jahre spĂ€ter, waren sie der Form entwachsen wie Kinder ihrer Kleidung. Vielleicht war es an der Zeit, ihn als nicht mehr passende Form aufzugeben, und eine neue, passendere Form zu finden. Denn die Essenz ihrer Verbindung, die Vorfreude auf ein Wiedersehen, eine Erneuerung des Kontaktes, war noch immer spĂŒrbar.

Ja, nun war es also soweit, das Alte sterben zu lassen, um neue Formen zu gebÀren.
Zeit, sich wieder mehr von dem inneren Ja leiten zu lassen, das doch die Urmutter jenes Kontaktes gewesen war.

Und gegen Ende zu
Da pflegt man sich zu fragen
Ob nicht der Rucksack gar zu schwer
Ihn voller Hast zu tragen

Dann bleibt am Rande Schritt fĂŒr Schritt
Was einst noch schien so wichtig
Und statt es vollen Rucksack’s Ziel
Wird Ziel nun was ist richtig

Beginnt die Zeit der Ernte doch
Was immer man gesÀt
An Freude, Hass und and’ren Tand
Reich FrĂŒchte nun es trĂ€gt

So wĂŒnsch ich, Wanderer auf Zeit
Dir Kunst, Geschmack und Seele
Und wenn manch Frucht auch bitter schmeckt
Dass du dich nicht dran quÀlest

Mensch wandert manchen finstr’en Ort
Auch du hast’s nicht vermieden
Schau nur getrost dein Leben’s Werk
Ich hoff, du bist zufrieden

Farben segeln um uns nieder
Das Leben gibt und nimmt rasch wieder
Was gestern war, wird morgen sein
Der Halt am Jetzt gebiert die Pein
Erfreu dich an der Farben Pracht
Das Ende naht, es naht mit Macht
Ein Anfang bricht in deinen Raum

Weiße fĂ€llt, wirbelt uns nieder
Wir sammeln uns, wir singen Lieder
Dunkel wird‘s, die Flammen brechen
Nun möge sich der Sommer rÀchen
Beizeiten sind wir hoch geflogen
In alle Winde wir zerstoben
Sieh!, nun schwindet letzter Halt

Neckisch Kitzeln, sanftes Regen
Es streckt sich, weitet sich das Leben
Unter Decken, unterm Grund
WĂ€chst die Sehnsucht nach dem Und
Nach dem Mehr hinter den Zeilen
Forsch und ungezwungen eilen
Federn ĂŒber leeres Blatt

Nun komm‘n wir an, nach alter Weise
Der Sonne  WÀrme trÀgt uns leise
Ins Schattenspiel, naiv wir sind
Glaub‘n, wir wĂ€r‘n fĂŒr immer Kind!
Und die Schatten wĂŒrd’n schwinden
Wenn wir nur die Augen binden
Wenn wir warten nur auf Morgen
Wird Kummer fern sein, fort die Sorgen
Ein‘ Sommer lang! Soll es nur halten
So viel MĂŒh, nun lass verwalten
Halten, greifen sie, bewahren
Und wenn es auch nur Schatten waren

Rhythmen ziehen ihre Kreise
Bald schon wird es wieder leise
Freude, Schmerz, vergeblich Ringen
Entfernt noch in Erinn’rung klingen
Vom Streben bleibt nur Schall und Rauch
Lass ziehen, Kind, lass ziehen!
Den Schmerz, den jedes Ende braucht
Wenn Anfang bricht in deinen Raum

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen falsch zu stellen
Was hell ist, zu ergrellen
Bis blind wir alle sind
Die Namen sind gerufen
Sie fĂŒhlen sich berufen
Und geben ihren Rat

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Liebe wirft schon Schatten
Kalt, kÀlter wird der Atem
Wir bauen Kathedralen
Herrlich auszumalen
Kommen feierlich, zu beten
Geh‘n leise, schuldig, und betreten
Wir wohnen  nicht mehr hier.

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich völlig zu verlieren
In zweien, dreien, vieren
Bis einsam wir uns wiederfinden
Erinnern uns der Lieder
Doch die Herzen schweigen wieder
Hat wohl nicht sollen sein

Wie schnell es manchmal gehen mag
Sich Zukunft auszumalen
Mit Worten, Geist und Zahlen
Sich in Zukunft zu verlieren
Nur Vergangenheit zu spĂŒren
Hör die Gegenwart, sie spricht:

Halt ein, du Wanderer auf Zeit
Lass hinter dir der Zukunft Eitelkeit!
Hör, was mein Moment dir spricht
Getrau dich, schau mein Angesicht!
Ich bin die Wahl, die du gern fliehst
Bin Potential, das du nicht siehst
Der Mensch – ein LĂ€ufer – lĂ€uft geschwind
Was kĂŒmmert’s ihn, wohin er ging?
Nun, wenn er will, so soll er leiden
Wer bin ich, Mensch, ihn dir zu neiden
Den Augenblick, den ich dir schenke
NĂŒtz ihn, lass ihn, fĂŒhle, denke –
Schenke, teile, liebe, gebe
Ruhe, schlafe, mĂŒh dich, strebe
Am Ende: alles einerlei
Irgendwann bin ich vorbei

Wie schnell es manchmal gehen mag
FĂŒr einen Augenblick zu spĂŒren
Was fĂŒr Leben wir so fĂŒhren
Welche Opfer wir erbringen
Welch‘ GefĂŒhle wir bezwingen
Weil wir glauben, dass wir sollten
Vielleicht auch glauben, dass wir wollten
Hab‘n wir uns doch “lĂ€ngst entschieden”
Und so geschickt den Augenblick vermieden

Wie schnell es manchmal gehen mag
Die Fragen neu zu stellen
Und bangend Herzen zu erhellen
Das Licht zieht Motten an
Sie fĂŒhlen sich berufen
Solch Liebe zu verfluchen
Und geben ihren Rat
Doch Liebe ist und bleibt
Ein Akt der wiederkehrend Tat

Ich habe deine Meinung angehört.
Ich habe deine BĂŒcher gelesen.
Dann habe ich darĂŒber nachgedacht.

Ich habe mich an neuen Erkenntnissen erfreut.
Ich habe ĂŒber alte Wahrheiten gelĂ€chelt.
Dann habe ich Ehrfurcht erfahren
Vor der Anmut und Unendlichkeit des Lebens.

Doch deinen Glauben anzunehmen
DafĂŒr erschien es mir noch zu frĂŒh
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe deinen Körper berĂŒhrt.
Ich habe die SĂŒĂŸe deiner Lippen gekostet
Dann war ich voller GlĂŒck.

Ich habe deine Formen nachvollzogen.
Ich habe deinen Splitter des ImmerwÀhrenden erkannt.
Meine Seele dehnte sich, bis sie auf die deine traf
Und fĂŒr einen Moment waren wir zuhause

Doch deine Angst und Heilmittel anzunehmen
Ward mir in meiner Seele verboten
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch

 

Ich bin stundenlang durchs nasse Gras gelaufen.
Ich habe zwei Tage im Bett verbracht.
Dann habe ich mich wieder gespĂŒrt.

Ich habe mich an deinem LĂ€cheln erfreut
Ich habe das GlĂŒck der Welt in HĂ€nden gehalten
Es umgedreht, und sodann, beschwert vom UnglĂŒck
War fĂŒr einen Moment ein stabiler Mittelpunkt zu finden

Doch zu verweilen an jenem Punkt der Stille
Mehr als einen Augenblick

Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe Jahre nach dir gesucht.
Ich habe dich jahrelang gefunden
Bis ich dich endlich erkennen konnte.

Ich habe mir so lange die Seele aus dem Leib gesungen
In der schallgeschĂŒtzten Kammer meines Körpers
Du hast ihm die wahrhaftigen Töne entlockt
Und sie mit den deinen veredelt.

Froh locken, laden wir nun also die Welt zum Fest der tanzenden Seelen.
VerĂ€ngstigt droht sie uns mit dem UnglĂŒck, das man gegen uns fĂŒhren könnte.

Doch so sehr sie sich mĂŒhen, die HĂŒllen zu verletzen
Das Wahre kommt nur umso rascher ans Licht
Wir hoffen, sie können verzeihen –
Wir leben noch

 

Und wenn der Tag kommen wird
An dem die Endlichkeit in mein Leben tritt
Werde ich ihr gegenĂŒbertreten können.

Sie wird mit mir sprechen wollen.
Sagen, Aus! Nun ist es zu Ende!
Fragen, Hast du denn wahrhaftig gelebt?

Dann werden wir ihr sagen können: Ja!
Wir haben das Unverzeihliche gewagt:
Wir haben wahrhaftig gelebt.

Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzĂ€hlen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmĂ€ĂŸig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mĂ€ĂŸiger wurde.  Die Wiederholungen hĂ€uften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile fĂŒr jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie fĂŒr sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie wĂŒrde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen mĂŒssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem GesprÀch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden KrÀften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne fĂŒr ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre GefĂŒhle könnten verletzt werden, wenn man ihr das GefĂŒhl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschĂ€tzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts fĂŒr sie tun konnten.

Am nĂ€chsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon lĂ€nger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk fĂŒr sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverĂ€ndert zu sein. Und doch fĂŒhlte es sich anders an – genauer gesagt fĂŒhlte es sich nicht an. Sie war taub gegenĂŒber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fĂŒhlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fĂŒhlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amĂŒsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen ĂŒber die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein StĂŒck ertrĂ€glicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich fĂŒr Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlĂ€ssigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen fĂŒr das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein StĂŒck Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genĂŒge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dĂŒrfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so ĂŒblich war – am Ende nicht gewagt.

Es war einmal eine kleine Blume namens Lunea Löwenzahn. Sie war sehr stolz auf ihren schönen Namen, den ihre Eltern ihr gegeben hatten, und war sicher, dass sie eines Tages so wunderschön blĂŒhen wĂŒrde wie sie. Aber weil es draußen noch so kalt war, versteckte sie sich noch unter der Erde. Dort war es wohlig warm, und in dem kleinen Samen fĂŒhlte sie sich sicher. So verbrachte sie einen langen Winter. Du wirst sehen, hatten ihre Eltern-Blumen zu ihr gesagt, eines Tages kommt der FrĂŒhling, und dann wirst auch du so wunderschöne BlĂŒtenblĂ€tter haben wie wir. Aber erst wird es Winter sein, kalt sein. Du wirst dich fragen, ob es den FrĂŒhling ĂŒberhaupt wirklich gibt. Doch keine Sorge: auch dein FrĂŒhling kommt bestimmt.

Lunea machte sich keine Sorgen ĂŒber den Winter, so wohlig warm war ihr in ihrem Samenkern. Manchmal naschte sie von einem vorbeikommenden Regentropfen, der in die Erde gesickert war, und freute sich darĂŒber, dass sie so schön beschĂŒtzt war vor der KĂ€lte. Eines Tages aber war auf einmal alles anders. Es war, als hĂ€tte sie etwas gekitzelt. Etwas kribbelte in ihr, ließ ihr keine Ruhe. War das der FrĂŒhling? Nun wurde sie neugierig. Ihr ganzes Leben hatte sie in dem kleinen Samenkern verbracht. Dort drin war sie beschĂŒtzt vor der Welt da draußen. Aber nun, mit diesem seltsamen Kribbeln, fĂŒhlte sie sich auch ein bisschen eingesperrt. Es war auch so furchtbar wenig Platz hier drin! Und irgendwie war es auch langweilig. Lunea gĂ€hnte, streckte sich und plötzlich passierte es: der Samenkern platzte!

Sofort kugelte sich die kleine Blume wieder zusammen, aber es war zu spĂ€t – der schĂŒtzende Samenkern war geplatzt, und jetzt war sie der Welt schutzlos ausgeliefert. Zusammengekugelt wartete sie ab. Sicherlich wĂŒrde sie nun gleich sterben mĂŒssen, fĂŒr ihre Ungeschicklichkeit bezahlen. Aber keine bösen Monster fraßen sie auf. Das einzige, was sie fĂŒhlen konnte, war eine ungewohnte WĂ€rme, die sie so noch nie gefĂŒhlt hatte. War das die Sonne, von der ihre Eltern erzĂ€hlt hatten? War das der FrĂŒhling?

Der Samenkern war nun nutzlos fĂŒr sie geworden. Sie streckte sich ein wenig mehr und schĂŒttelte ihn ab. Alles war plötzlich viel intensiver: die Wassertropfen und die Erde, an denen sie naschte, die WĂ€rme, das Rumoren der vorbeigrabenden RegenwĂŒrmer. Ein unbĂ€ndiger Drang erfasste sie, sich zu strecken, immer weiter, höher, zu wachsen! Einige Tage spĂ€ter durchbrach sie die Erde und atmete zum ersten Mal frische Luft. Es war fast zu viel fĂŒr sie. So viel GrĂŒn und Blau und Rot und Gelb! In der Erde war ja alles dunkel gewesen. Und statt dem Rumoren der RegenwĂŒrmer hörte sie nun: Musik! Das Flattern der Schmetterlinge, das Zwitschern der Vögel, das Schreien der Kinder, die ĂŒber die Wiese tobten. Vor allem aber: sie war nicht allein. Zum ersten Mal sah sie ihre Verwandten, all die Blumen in tausenden Formen und Farben. Da wurde ihr das Herz ganz warm, und plötzlich entdeckte sie, dass auch in ihr eine farbenprĂ€chtige gelbe BlĂŒte steckte.

Da stand vor ihr ein Kind mit nachdenklichen Augen und streckte seine Hand nach ihr aus, um sie zu pflĂŒcken. Plötzlich bekam sie Angst, wĂŒnschte sich zurĂŒck in ihren Samenkern, wo es keine HĂ€nde gab, die nach ihr griffen. Was nutzten ihr all die Farben, all die Musik, all der FrĂŒhling, wenn der rasche Ruck einer Hand alles beenden konnte? Doch Lunea hatte GlĂŒck: das Kind ĂŒberlegte es sich anders, rannte zurĂŒck zu den anderen Kindern, um mit ihnen weiter zu toben.

Es war Sommer geworden, Herbst. Erneut ĂŒberfiel sie ein seltsames GefĂŒhl. Sie fĂŒhlte sich trĂ€ge, mĂŒde, wollte schlafen. Grau war sie geworden, Kinder hatte sie bekommen, und Samenkörner in alle Winde verstreut. An einem nebeligen Herbsttag erkannte sie, dass sie sterben wĂŒrde wie der FrĂŒhling, der Sommer und ihre Eltern vor ihr. FĂŒr einen Moment wĂŒnschte sie sich, nie ihr Samenkorn verlassen zu haben, nie ihr Leben fĂŒr einen FrĂŒhling gegeben zu haben. Es machte ihr Angst, sterben zu mĂŒssen, es machte sie traurig. Was, wenn sie lĂ€nger gewartet hĂ€tte, auf einen anderen FrĂŒhling? Nein. Dies war ihr FrĂŒhling gewesen. Der nĂ€chste wĂŒrde ihren Kindern gehören. Bestimmt fĂŒrchteten sie sich in ihren winzigen Samenkörnern, tief in der Erde, wie auch sie sich damals gefĂŒrchtet hatte.

Keine Angst, Kinder, dachte Lunea Löwenzahn, auch euer FrĂŒhling kommt bestimmt.

Diese Barfuß-Geschichte kannst du dir jetzt auch vorlesen lassen: Link zum “Hörbuch”.

Irgendwann frĂŒher, in glĂŒcklichen Tagen, da gab es das noch: das Besondere. Als wir uns mit Nachbarskindern im Schlamm wĂ€lzten und noch die Zeit fanden, danach drei Tage krank zu sein. Stundenlang Gesteinsbrocken aneinander klopften in der sinnlosen Hoffnung, darin wertvolle Kristalle zu entdecken. Sechs Stunden am Straßenrand an einer unbelebten Siedlungsstraße warteten, um Zeichnungen zu verkaufen, ohne uns darum zu kĂŒmmern, ob die Einnahmen reichten, einen Lebensunterhalt zu bestreiten. Damals waren wir jung, naiv. Vielleicht auch glĂŒcklich, manchmal zumindest. Aber was das Wichtigste war: Wir hatten uns immer genug neue Geschichten zu erzĂ€hlen.

Irgendwann nĂŒtzen sich Geschichten nĂ€mlich ab. Selbst die absurdesten Erlebnisse werden schal, vorhersehbar, wenn sie zu oft erzĂ€hlt werden. Wir wissen schon, wie die Geschichten ausgehen, und wir kennen den Schmerz, der uns erwartet. Bei manchen dauert es ein wenig lĂ€nger, aber irgendwann erwischt sie einen doch, die Weisheit, und dann weiß man einfach, was zu tun ist, um das UnglĂŒck zu vermeiden. Wer im nassen Schlamm spielt, ist danach vielleicht krank, also lĂ€sst man es eben. FrĂŒher dachten wir, man mĂŒsse kĂ€mpfen fĂŒr ein gutes Leben. Heute wissen wir: es geht auch anders, einfacher, bequemer. Da gibt es eine Anzahl an BedĂŒrfnissen und eine Anzahl an Möglichkeiten, sie zu befriedigen, um sich im Grunde wohl zu fĂŒhlen. Wir waren mal hungrig nach so etwas wie einem tieferen Sinn, nach einer grĂ¶ĂŸeren Geschichte. Aber es gibt auch effektivere, schmerzlosere Varianten, ein aufgeblasenes Ego zu befriedigen.

Und am Ende: was bleibt? Zellen, Bausteine, alles vergeht, auch das Ego. Er ist friedlich eingeschlafen, werden wir uns erzĂ€hlen, oder: Sie hatte ein gutes Leben, weil man das eben so sagt in Situationen, in denen wir uns sonst nichts zu sagen haben. Platzhalter fĂŒr die Geschichten, die wir uns am Ende nicht voneinander erzĂ€hlen können. Es gab so viel, was wir uns zu erzĂ€hlen hatten, als wir jung waren, und wir wunderten uns, warum die Erwachsenen so selten die Zeit fanden, uns zuzuhören. Nun, selbst erwachsen, verstehen wir endlich. Unsere Geschichten waren zu aufregend, zu anstrengend fĂŒr die Welt der Erwachsenen. Wer findet schon im Alltag noch die Zeit, solche Geschichten zu erleben?

Bei uns gab es ausgekochte Bösewichter, peinliche Missgeschicke, Gerade-noch-Sieger und wirklich frustrierte Verlierer, die nicht immerzu im nĂ€chsten Moment entdeckten, dass sie dem Sieger den Sieg gut gönnen konnten. Wir wussten, dass die Bösen mindestens so wichtig waren wie die Guten, weil es sonst keinen Kampf, keine Spannung gegeben hĂ€tte. Igendwann trocknete das Blut, heilten die blauen Flecken, und wenn wir – wie so oft – am Ende gar nicht mehr wussten, wie sich alles zugetragen hatte, erfanden wir eben Geschichten drumherum, schmĂŒckten sie aus, bis sie völlig fantastisch waren und mit dem Geschehenen nur noch wenig zu tun hatten. Jetzt, erwachsen, verstehen wir, dass das politisch nicht allzu korrekt war. Wir alle haben BedĂŒrfnisse, und es gibt keine wirklich Bösen mehr, nur noch Kommunikationsschwierigkeiten. Und auch keine Geschichten mehr. Heute beeindrucken uns Daten, Fakten, NachprĂŒfbares.

Wie war dein Tag heute?, sagen wir heute zueinander, den Frage-Charakter lĂ€ngst einem Aussagesatz geopfert, und beenden irritiert das GesprĂ€ch, sobald jemand die Floskel als Frage misszuverstehen droht. Das Übliche, antworten wir mit dem ebenso ĂŒblichen Grinsen, um nicht darĂŒber nachdenken zu mĂŒssen, ob uns „das Übliche“ nicht mit den Jahren zu wenig wird. Irgendwann, so sagen wir uns, muss man ja auch mal erwachsen werden, mal Verantwortung ĂŒbernehmen und etwas richtig machen. Also nehmen wir brav die Feder zur Hand und schreiben sie ab, die Geschichte eines erfolgreichen Menschen, Buchstabe fĂŒr Buchstabe. Damit wir uns irgendwann erzĂ€hlen können, er „hatte ein gutes Leben“, und anerkennend nicken können, dass derjenige immerhin bis zur Seite X gekommen ist mit dem Abschreiben.

Und doch sind es jene anderen Geschichten, nach denen wir uns sehnen. Jene, die wir uns bei der Beerdigung eines Menschen nur ĂŒber jenen einen Menschen erzĂ€hlen können, kopfschĂŒttelnd und doch bewundernd. Die sich in Rechtschreibung und Grammatik wohl an die Konventionen der einzig wahren Geschichte eines geglĂŒckten Lebens halten, aber in Ausdruck und Inhalt Überraschendes offenbaren. Floskeln in Wort und Leben sind unsterblich, aber sie gehören uns nicht, weisen nicht auf ihren Verwender. Wagen wir, einzigartig zu sein oder begnĂŒgen wir uns einzig mit der Bequemlichkeit, artig zu sein – so oder so: am Ende sind es nicht die Leben, die wir glauben gelebt zu haben, die bleiben, sondern die Geschichten, die wir einander darĂŒber erzĂ€hlt haben, der Sinn, dem wir jenen Leben gaben. Ich hab mir nen neuen Saftmixer bestellt!, erzĂ€hlen wir uns heute beinahe aufgeregt, und: Andrea hat dich eingeladen, ihren Beitrag zu liken.

Wir waren mal hungrig nach grĂ¶ĂŸeren Geschichten.