Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblĂŒfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dĂŒrfen, wenn man seine Schwierigkeiten ĂŒberwunden hat. Dabei wĂ€r es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man UnterstĂŒtzung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die UnterstĂŒtzung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwĂŒrdigen Telefonat noch in der HĂ€ngematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis gehabt. So eine merkwĂŒrdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und wĂŒrden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form fĂŒr diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie ĂŒber den jĂŒngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, fĂŒr ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es fĂŒr sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr fĂŒrchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemĂŒtlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfĂ€nglich an der OberflĂ€che betrachtet. Und doch hatte er sofort gespĂŒrt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂŒr fĂŒr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der OberflĂ€che betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂŒher, noch ungeĂŒbter, hatte er sich bisweilen ĂŒberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er spĂ€ter bereute. Nur um frĂŒher oder spĂ€ter festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich ĂŒber seine Grenzen fĂŒhren wĂŒrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂŒbergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂŒtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂŒssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des GesprĂ€chs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wĂŒst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit lÀngerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso ĂŒber die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hĂ€tten sein können, ein verdĂ€chtig Ă€hnliches? Was wĂŒrde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham UnterstĂŒtzung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste AnsĂ€tze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fĂŒhlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂŒck weit war es die letzten Jahre ĂŒber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂŒtzung bat, wenn es um AlltĂ€gliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂŒblicherweise zurĂŒckgezogen. Bis er – gestĂ€rkt und bewehrt mit einer erzĂ€hlenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂŒr Kontakt fĂŒhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂŒr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemĂ€ĂŸ eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins VerĂ€ndern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelĂ€chelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂŒr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂŒsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der OberflĂ€che, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere OberflĂ€che” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden wĂŒrden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dĂŒrfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fĂŒhlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewĂ€ltigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und WertschĂ€tzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den AnsprĂŒchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genĂŒgte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite fĂŒr denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die FĂŒlle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene UnzulÀnglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Gestern hielt ich im FreiRaumWels einen meiner VortrĂ€ge, „FĂŒhren zur Selbstverantwortung“. In einem Teil des Vortrages spreche ich auch ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“, das ich vor einigen Jahren mal in einer VS-Klasse erfunden hatte, um den SchĂŒlern die Angst vor dem Fehlermachen zu nehmen. Wie so oft, kam mir dann, wĂ€hrend ich darĂŒber sprach, eine simple, aber doch sehr mĂ€chtige Erkenntnis ĂŒber die Natur des Fehlers. Abends sah ich mir dann noch eine Dokumentation ĂŒber das Leben des Buddhas an, und plötzlich passten viele Puzzle-Teile perfekt aufeinander. Die Erkenntnis will ich euch natĂŒrlich nicht vorenthalten…

Die relative Natur des Fehlers

Bevor er zum „ausgewachsenen“ Fehler wird, durchlĂ€uft er – bildlich gesprochen – mehrere Entwicklungsstufen. Er beginnt als Intention. Jemand hat die Absicht, etwas zu erreichen. Der nĂ€chste Schritt ist die Auswahl der vermutlich geeignetsten Handlungsweise. Diese muss nicht notwendigerweise bewusst stattfinden, sie kann beispielsweise auch aus Gewohnheit entstehen. Danach erfolgt die Umsetzung der Handlung, und schlussendlich die Bewertung der Konsequenzen nach den Kriterien der Intention. Habe ich mein Ziel erreicht? Gibt es eine Abweichung vom Ziel, und wenn ja, wie ausgeprĂ€gt ist diese Abweichung? Daraus ergibt sich, ob ich „richtig“ gehandelt habe, oder aber auch, wie dramatisch mein Fehler (meine Abweichung vom Ziel) war.

Im Alltag wird wohl kaum jegliche Intention und Handlung dermaßen genau durchdacht werden, stattdessen wird wohl viel unbewusst ablaufen. Diese sehr genaue Betrachtungsweise ermöglicht jedoch einige interessante Beobachtungen und Überlegungen ĂŒber die Natur des Fehlers.

  1. Die Möglichkeit, einen „Fehler“ zu machen, entsteht erst durch die Beurteilung des Endergebnisses nach bestimmten Kriterien. Ohne diese (nicht notwendigerweise rationalen) Beurteilungskriterien wĂŒrde es uns unmöglich sein, Fehler als solche ĂŒberhaupt zu erkennen. Unsere Welt wĂ€re gewissermaßen „Fehler-los“.
  2. Wir können Beurteilungskriterien vor, wĂ€hrend oder/und nach der Handlung anwenden, und werden möglicherweise zu verschiedenen Bewertungen gelangen. Es könnte beispielsweise sein, dass wir wĂ€hrend einer Handlung zur Bewertung „falsch“ kommen und daraufhin die Handlung abbrechen, obwohl das Endergebnis durchaus positiv fĂŒr uns gewesen wĂ€re.
  3. Unterschiedliche Menschen können unterschiedliche Bewertungskriterien fĂŒr die gleichen Intentionen annehmen.
  4. Unterschiedliche Menschen können selbst bei ĂŒbereinstimmenden Bewertungskriterien zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
  5. Dies fĂŒhrt zur Frage: welchen Menschen ĂŒbertragen wir die Macht ĂŒber unser Handeln zu, zu bewerten, was ein „Fehler“ ist und was nicht? Warum genau diesen Menschen? Und warum tun wir das ĂŒberhaupt?

All diese Überlegungen zeigen uns eines auf: Fehler sind etwas Relatives. Selbst die exakt gleiche Handlung zur Erreichung der exakt gleichen Intention mag von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich als korrekt, als Fehler oder auch als große Innovation interpretiert werden.

Abweichung: Die gemeinsame Voraussetzung von Fehler und Innovation

Ein Fehler und eine Innovation sind in ihrem “Embryo-Stadium” noch kaum zu unterscheiden: beide stellen lediglich eine Abweichung von der erwarteten oder sonst ĂŒblichen Handlungsweise dar. Dazu ein sehr simples Beispiel aus der Welt der Sprache: meine Ex-Freundin schreibt – ebenso wie ich – sehr gerne, und sie hat ein Talent dafĂŒr, Wörter zu erfinden, die es „nicht gibt“, aber sich beim Lesen trotzdem stimmig anfĂŒhlen. Eines meiner Lieblingswörter, die sie erfunden hat, ist „AngefĂŒhl“, z.B. verwendet fĂŒr „im AngefĂŒhl der Trennung“. Als strenger Lehrer, mit dem Wörterbuch als Kriterium an der Hand, mag man das Wort nun Ă€hnlich rot markieren wie mein Schreibprogramm das gerade gemacht hat – fĂŒr mich hingegen ist es eine wunderschöne neue Wortschöpfung, eine Innovation. Wer aber entscheidet jetzt darĂŒber, ob aus einer Abweichung ein Fehler oder eine Innovation wird?

Suchen wir nach einer Antwort auf diese Frage, kommen wir kaum um die Frage nach MachtverhĂ€ltnissen herum. Derjenige, von dessen Wohlwollen/UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, hat eine gewisse Macht, meine Handlungen in richtig/Falsch einzuteilen.

Das Interessante daran ist, dass diese Macht nicht aktiv ausgeĂŒbt werden muss, indem mir jemand stĂ€ndig sagt, was ich nicht schon wieder falsch gemacht habe. Es reicht, wenn ich vermute, dass jemand, von dessen UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, mein Verhalten als fehlerhaft ansehen wird. Es entsteht gewissermaßen eine Art Internalisierung der Bewertung des anderen, die dann irgendwann unabhĂ€ngig von den tatsĂ€chlichen Bewertungen des Anderen in mir ablĂ€uft. Die RelativitĂ€t des Fehlers geht verloren, er wird zu einem absoluten Fehler.

In der Folge passiert noch etwas sehr Interessantes: der Zeitpunkt der Bewertung verschiebt sich nach vorne. Habe ich ursprĂŒnglich noch ergebnisoffen gehandelt, und ist mein Handeln danach als fehlerhaft (oder auch nicht) bewertet worden, so findet dieser (interne) Bewertungsprozess nun zunehmend bereits wĂ€hrend der Handlung, und irgendwann auch schon vor der Handlung statt. Um das Risiko zu minimieren, negative Konsequenzen durch denjenigen erleben zu mĂŒssen, von dessen UnterstĂŒtzung man abhĂ€ngig ist, wird irgendwann jede Abweichung vom erfahrungsgemĂ€ĂŸ „richtigen“ (= keine negativen oder sogar positive Konsequenzen) Verhalten vermieden. Eine absolute innere Blockade wurde geboren: “Das ist nun mal einfach so.”

Innovation und Schaumamoi

In den im Nachhinein betrachtet bisher schönsten Jahren meines Lebens (auf deren Lebenseinstellung ich mich – hoffentlich – nun langsam wieder hinbewege) dominierte eine Grundformel meinen Alltag: „Schau ma moi, wos passiert“, also gewissermaßen eine radikale Neugier, die sich jeglicher Vor-Bewertung möglicher Folgen entzog. Nicht alle Konsequenzen meiner Handlungen waren positiv, manche waren durchaus auch negativ, aber selten in meinem Leben fĂŒhlte ich mich einerseits derart frei und andererseits derart glĂŒcklich.

Was ich meinen SchĂŒlern spĂ€ter ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“ beibrachte, praktizierte ich damals tagtĂ€glich selbst: ich tat, was sich richtig anfĂŒhlte, und sah mir am Ende – nicht ohne eine gewisse Neugier – an, was dabei rauskam. Oft kam ohnehin viel Gutes dabei raus, und wenn etwas nicht ideal gelaufen war, war das Ergebnis oft Grund zur Heiterkeit und Basis zahlreicher humorvoller Geschichten, die man miteinander teilen konnte.

Dieses Schaumamoi war möglicherweise der grĂ¶ĂŸte Schatz, den ich jemals besessen hatte. Jahre spĂ€ter, nach eingehender BeschĂ€ftigung mit allen möglichen religiösen Texten und vor allem auch östlicher Philosophie, finde ich ziemlich viel davon in buddhistischen Texten wieder, die von einem Loslassen der Anhaftung an gewĂŒnschte Folgen des eigenen Tuns sprechen. Sie sprechen nicht darĂŒber, nichts mehr wollen zu dĂŒrfen, sondern darĂŒber, sich von der Notwendigkeit zu lösen, dass dieses Wollen exakt so wie gewollt RealitĂ€t wird. Gewissermaßen ein Handeln mit einem Schaumamoi, und am Ende einem wertneutralen Herausfinden, was denn nun tatsĂ€chlich geschehen ist. Nicht ein Ende des Tuns, sondern eine Reduzierung der Wichtigkeit der erwĂŒnschten Konsequenzen des Tuns. Was sich praktischerweise auch gut deckt mit den Lehren des Taoismus, mit denen ich mich oft sehr gut identifizieren kann.

Die Illusion der BestÀndigkeit

Ein Aspekt aus der östlichen Philosophie (woher exakt ich den nun habe ist mir entfallen, aber das Woher fĂŒr mich auch irrelevant, solange das Was Sinn ergibt), der mir besonders gefĂ€llt, ist die Erkenntnis, dass alles gleichzeitig ewig und vergĂ€nglich ist. Es wird möglicherweise immer (oder zumindest noch fĂŒr lange Zeit) Jahreszeiten geben, aber dieser Sommer fĂŒr sich ist einzigartig, und dem Kreislauf von Entstehen/Vergehen unterworfen. In unserer Wahrnehmung wird es noch viele Montage geben, gewissermaßen ist “der Montag” als Konzept damit „ewig“, aber jeder Montag fĂŒr sich ist einzigartig. Ich werde in meinem Leben wohl noch viele Menschen kennenlernen, und der Kontakt mit Menschen ist gewissermaßen ewig, weil immer wiederkehrend, aber die einzelnen Menschen und die einzelnen Begegnungen und Momente mit ihnen sind einzigartig. Damit ist gleichzeitig jeder Moment unendlich wertvoll, und ein möglicher Neuanfang, aber auch jeglichem Druck, etwas ganz Großes aus ihm zu machen, enthoben: er ist auch ewig, wiederkehrend. Ihn „verschwendet“ zu haben (der Bezug zum „Fehler“ mag hier auffallen) hat keine große Relevanz, weil er (in anderer Form) wiederkehren wird.

Es gibt damit unabhĂ€ngig von der Situation, in der ich mich befinde, keinen Grund zur Hoffnungslosigkeit, weil jeder Moment die Chance eines radikalen (“radix” = Wurzel) Neuanfangs in sich birgt. Ich kann in jedem Moment einfach aufstehen, aus dem Haus gehen, und ein völlig neues Leben beginnen – wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu ertragen. Meine Anhaftungen (=Fixierung auf erwĂŒnschte Konsequenzen meiner Handlungen) sind somit meine einzigen realen Blockaden meiner absoluten Freiheit.

Ein SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler

In Bezug auf unser Thema des Fehlers ist das Durchschauen dieser Illusion der BestĂ€ndigkeit ein möglicher SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler. Denn eine Vor-Bewertung oder WĂ€hrend-Bewertung einer Handlung macht nur dann Sinn, wenn wir das Endergebnis verlĂ€sslich vorhersagen können. WĂ€re die Welt bestĂ€ndig und keinem Wandel unterworfen, so wĂŒrde eine solche Vorhersage tatsĂ€chlich immer Nutzen bringen, weil wir damit die Welt und ihre Wirkungsgesetze zunehmend besser verstehen könnten.

Da sich die Welt trotz ihres ewigen Aspekts aber auch stets im Wandel befindet, ist eine Vor- oder WĂ€hrend-Beurteilung eine Verkennung der RealitĂ€t, eine gewissermaßen selbst auferlegte Machtlosigkeit. Wir gehen davon aus, dass unser Verhalten, oft genug als „Fehler“ rĂŒckgemeldet, gewissermaßen „absolut“ ein Fehler sein muss, und versuchen dann, diese Fehler von vornherein zu vermeiden, um damit die Konsequenzen, die wir fĂŒrchten, zu vermeiden – bis wir uns irgendwann möglicherweise kaum mehr erinnern können, wie wir ĂŒberhaupt zu dem Schluss gekommen sind, dass ein Verhalten „falsch“ sein mĂŒsse.

Das Problem dabei ist (neben vielen anderen), dass Fehler, wie eingangs erwĂ€hnt, im Grunde immer nur relativ, nur situativ als solche bewertet werden können. Was unsere Eltern uns, als wir Kinder waren, als „falsch“ eingetrichtert haben, mag fĂŒr damals durchaus hilfreich und sinnvoll gewesen sein, aber ist es das nun als Erwachsener immer noch? Oder vielleicht war es auch damals schon nicht konstruktiv, aber wir waren als Kinder eben zu abhĂ€ngig von den Eltern, um widersprechen zu können – aber sind wir das immer noch?

Das GefÀngnis der Erwartungen

Vermutlich haben wir uns alle im Laufe unseres Lebens ein gewisses Maß an Erwartungshaltungen von richtig/falsch angeeignet, die von unseren AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen geprĂ€gt sind. Das ist nicht zwingend etwas Negatives, war wohl oft auch notwendige Überlebens-Strategie

Dort jedoch, wo wir zu erahnen beginnen, dass wir uns dadurch selbst blockieren, mag die Frage sinnvoll sein, wer im Bereich dieser Blockaden die Hoheit ĂŒber die Bewertung besitzt: wir selbst, die wir uns durchaus auch bewusst fĂŒr ein Schaumamoi entscheiden können, um herauszufinden, welche Handlungen sich fĂŒr uns stimmig anfĂŒhlen? Oder vielmehr jemand, von dem wir glauben, abhĂ€ngig zu sein, und von dem wir glauben, dass er bestimmte Verhaltensweisen wĂŒnscht oder ablehnt? Im letzteren Fall steht uns – zumindest als Erwachsenen – die Möglichkeit offen, mit den betroffenen Personen offen ĂŒber ihre tatsĂ€chlichen BedĂŒrfnisse zu kommunizieren, anstatt unseren Verhaltens-Spielraum möglicherweise unnötigerweise weiter basierend auf Annahmen einzuschrĂ€nken. Oft haben sich diese im Laufe der Zeit verĂ€ndert, oder wir haben sie von vornherein nicht treffend interpretiert. Oder aber die (erlebte) AbhĂ€ngigkeit von den betroffenen Personen kann reduziert werden, etwa indem man sich einen neuen/zusĂ€tzlichen Arbeitgeber sucht, oder weitere Freunde kennenlernt, um die AbhĂ€ngigkeit von den Meinungen des besten Freundes zu reduzieren. Vielleicht auch einen Konflikt wagt, und feststellt, dass sich die MachtverhĂ€ltnisse mit der Zeit verĂ€ndert haben.

Diese Überlegungen erinnern mich ein bisschen an ein sehr schönes Bild, das mein Tai Chi Lehrer RenĂ© oft benutzt hat. Er ließ sich von einem Freiwilligen an den Handgelenkten fassen, und zeigte, wie verkrampft jemand dabei werden konnte, weil er glaubte, nun „gefangen“ zu sein. Entspannte er seinen Körper, so konnte er wunderbar vorzeigen, so war er im Grunde ĂŒberhaupt nicht gefangen, konnte sich immer noch sehr frei umherbewegen, oder je nach Wunsch auch denjenigen, der ihn an den Handgelenken packte, gerade aufgrund der dadurch entstandenen Verbindung seinerseits kontrollieren. Die Verkrampfung in solch einer Situation ist eine automatische Reflexhandlung, die uns das GefĂŒhl gibt, unfrei zu sein. Bewusstes Entspannen und Zulassen können zeigt auf, welche Freiheiten wir eigentlich trotz aller angeblichen “EinschrĂ€nkungen” haben.

Da unsere Erwartungen, unsere – Ă€hnlich reflexartige – Angewohnheit, Bewertungen schon vor oder wĂ€hrend einer Handlung vorzunehmen, um negative Konsequenzen seitens denen, von denen wir uns abhĂ€ngig glauben, zu vermeiden, gewissermaßen „in uns“ stattfindet, können wir sie auch aktiv beeinflussen. Mein „Meditationswort“ dafĂŒr ist dieses irgendwann entstandene „Schau ma moi, wos passiert“, aber im Grunde braucht es das nicht – ich finde es nur lustig (Humor hilft definitiv!), und es versetzt mich recht zuverlĂ€ssig zurĂŒck in jene Zeit, in der ich diese Praxis ganz natĂŒrlich sehr meisterhaft beherrscht habe.

Warum ich sie ĂŒberhaupt ein StĂŒck weit verlernt habe? Nun, der Einstieg ins „echte“ Berufsleben war sicher ein Faktor. Vielleicht musste ich sie auch erst verlernen, dann mĂŒhsam neu erlernen, um sie auch anderen vermitteln zu können, die nicht diese natĂŒrlich entstandene Vorerfahrung mitbringen, wer weiß?

Niklas

P.S.: Einige AnkĂŒndigungen, genaueres dazu gibts wie gewohnt unter VortrĂ€ge/Workshops

  • NĂ€chste Woche Montags, 19:00, gibt’s im FreiRaumWels den dritten Vortrag meiner kleinen Vortragsreihe. Diesmal geht’s um Familien- und Rechts-Systeme: systemische Ursachen der Entstehung von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen (die sich interessanterweise sehr Ă€hneln), und auch, was das fĂŒr unsere aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Österreich bedeuten mag.
  • Das Konzept dazu steht noch nicht ganz konkret, aber ich werde wohl in Wels eine Art “Filiale” vom Tai Chi Kurs meines Lehrers RenĂ© aufbauen, nachdem mir einige rĂŒckgemeldet haben, sie hĂ€tten Interesse, wollen aber nicht nach Braunau fahren deswegen. Hab mir mal gesagt, bei 3 Interessenten wĂŒrd ich das machen, 2 haben sich schon gemeldet. Wir wohl kein reiner Tai Chi-Kurs werden, sondern Ă€hnlich wie bei René’s Kurs auch viele Aspekte wie Auflösung von Blockaden, Entspannung, Philosophie dahinter etc. werden. Genauere Infos folgen wie gewöhnt unter VortrĂ€ge/Workshops, bei grundsĂ€tzlichem Interesse wĂ€r eine Vormerkung bei mir sinnvoll, dann kann ich das besser planen, bzw. vielleicht auch mögliche Termine so abstimmen, dass möglichst viele Interessenten Zeit dafĂŒr finden können.
  • Unsere ResonanzWörter-Übungsgruppe Öffentliches Sprechen jeweils Sonntags, 18:00 im FreiRaumWels wird langsam eine bestĂ€ndigere Gruppe, jetzt waren wir schon 2x zu viert, das zĂ€hlt dann schon fast als „Öffentlichkeit“. Wer Lust hat mal vorbeizuschauen, sehr gerne, ist auch echt immer sehr spaßig gewesen bisher. Da das Zusammentreffen ausfĂ€llt, falls nicht genug Besucher zusammenkommen, bitte bei Interesse bei mir (per SMS z.B.) melden, damit ich bei Nicht-Zustandekommen auch absagen kann, sonst steht wer vor verschlossener TĂŒr, das wĂ€r schade 😉

Wann – wann wĂŒrde es genug sein? Die Frage ĂŒberkam ihn unerwartet, aus dem Hinterhalt, um den ohnehin bereits am Boden liegenden zu peinigen. Von der plötzlichen Klarheit seiner Gedanken ĂŒberrascht, hob er das trĂ€nenverquollene Gesicht und starrte an die Wand. Ein weiterer RĂŒckschlag auf dem Weg war es doch nur gewesen, der Konflikt mit den Mitbewohnern um den Abwasch und seine gerechte Verteilung. Ein weiteres ScharmĂŒtzel im lebenslangen Krieg der Eitelkeiten. Recht hatten sie gehabt, natĂŒrlich, wieder einmal war er ĂŒberarbeitet gewesen, hatte die hĂ€uslichen Pflichten vernachlĂ€ssigt. Seine TrĂ€nen hatten sie mehr schockiert als ihn.
„Komm setz dich erst mal“, hatten sie zu ihm gesagt, doch er hatte es nicht vermocht, war in sein Zimmerchen geflĂŒchtet und hatte die TĂŒr hinter sich verschlossen. Zu viel gearbeitet, nichts weiter. Kein Grund, die mit Sicherheit wertvolle Zeit seiner Mitmenschen unnötig zu verschwenden.

Doch nun, bĂ€uchlings auf seinem Bett liegend, drĂ€ngte es ihn doch, zurĂŒckzukehren in die gemeinsame KĂŒche. Sie hatten auf ihn gewartet, empfingen ihn mit einem LĂ€cheln, doch keine HĂ€me verunstaltete, entwertete es. „Tschuldigung“, brachte er hervor, doch die anderen wollten nichts davon wissen. Sie boten ihm Tee an, selbstgemachte Schokolade, ihre Zeit und noch etwas Wertvolleres – stille Anteilnahme. Stellten keine Fragen, sahen ihn nur liebevoll an. „Wir wohnen gerne mit dir zusammen“, fing sie dann doch zu sprechen an, nachdem lange niemand gewagt hatte, die Stille zu durchbrechen, „wir sagen dir, was uns stört, gerade weil wir dich gern haben.“

Plötzlich erkannte er, dass er unfĂ€hig war, diese Aussage zu verarbeiten. Er hatte versagt – wie konnten sie einen Versager wie ihn lieben wollen? Erneut ĂŒberfiel ihn der Drang zu weinen, erneut spĂŒrte er den Drang, die KĂŒche zu verlassen, fern von diesen Menschen zu sein, die ihn zu lieben glaubten, auf dass sie ihn auch weiterhin lieben wĂŒrden können, doch seine Mitbewohnerin ergriff seine Hand, und ihr Blick ließ ihn innehalten. „Es ist schön, dich auch mal weinen zu sehen.“, meinte sie, „dann wissen wir, dass in dir auch noch so etwas wie ein menschliches Wesen steckt.“

„Hast du dir schon mal die Frage gestellt, fĂŒr wen du dich so abmĂŒhst?“, hatte ihn ihr Freund gefragt, und ihn mit seiner restlichen Tasse Tee und einem StĂŒck Schokolade seinen Gedanken ĂŒberlassen. Lange schon hatte er die Versuchung ĂŒberwunden, den WĂŒnschen anderer zu entsprechen, um ihnen zu gefallen, dies konnte er also ausschließen. Er war doch frei. Und doch fĂŒhlte er nagende Zweifel. Wenn er tat, was er tat, weil er selbst es tun wollte, warum ĂŒberforderte er sich dann regelmĂ€ĂŸig selbst? Warum konnte er sich keine erreichbaren Ziele setzen?

Perfektion. Das war die Grundbedingung fĂŒr jedwede Liebe, hatte er schon als kleines Kind gelernt. Also war er stark geworden
 und doch war es nie genug gewesen, nur die Bestnoten alleine hatten nicht gereicht. Großes hatte er vollbringen mĂŒssen, stets Großes und noch GrĂ¶ĂŸeres, bis er in all dem GrĂ¶ĂŸenwahn an die Grenzen des Menschenmöglichen gestoßen, bis er wieder einmal zusammengebrochen war, und nun mit TrĂ€nen am KĂŒchentisch saß, ein StĂŒck Schokolade in der Hand und einen mit Liebe gebrĂŒhten Tee schlĂŒrfend. Seine Gedanken schweiften zurĂŒck in seine Kindheit. Und er erkannte plötzlich, dass er all die Jahre, einem Phantombild folgend, stets nur im Kreise gelaufen war, immer schneller, in der verzweifelten Hoffnung, ein Ende zu erreichen, sich ausruhen zu können. Erneut hatte sich der Kreis geschlossen, erneut lockte er den ewigen LĂ€ufer.

Doch zum ersten Mal in seinem Leben war er nun bereit, aufzugeben. Alles, was er sich nun noch wĂŒnschte, war zu schlafen. Sein Kopf war völlig leer. In einem Reflex versuchte er sich zu zwingen, zumindest etwas Produktives zu denken, doch eine irgendwie angenehme TrĂ€gheit ĂŒberkam ihn. Er wollte hier bleiben, hier an diesem Tisch, an dem ihm so viel Gutes widerfahren war, und auf seine Freunde warten, die ihn trotz der TrĂ€nen, trotz seiner SchwĂ€chen ein StĂŒck Schokolade schenkten.

Jahrelang war er der Illusion nachgelaufen, er mĂŒsse noch dies oder jenes schaffen oder erreichen, um dieses GlĂŒck zu rechtfertigen. Nun musste er staunend feststellen, dass all sein großartiges Schaffen ihn stets davon abgehalten hatte, sich mit seinen Mitmenschen an einen Tisch zu setzen und mit ihnen Tee zu trinken, ihnen Liebe zu schenken und seinerseits Liebe zu empfangen. FĂŒr einen Augenblick schĂ€mte er sich, nicht schon viel frĂŒher zu dieser Erkenntnis gelangt zu sein. Doch dann entdeckte er die Paradoxie dieses Gedankens – Und musste herzhaft lachen.

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