Wie wĂŒrde es uns gehen, wenn wir uns nicht unsicher fĂŒhlen mĂŒssten, gut genug fĂŒr den anderen zu sein? Wenn wir mit 100%iger Wahrscheinlichkeit wĂŒssten dass der andere nicht gehen wird? Ein Experiment.

Chaos und AngstWas, wenn man sich dem inneren Strudel an Ängsten und Sorgen bewusst nicht hingibt?

So ziemlich jeder Mensch trĂ€gt in sich seine jeweils eigenen PrĂ€missen, gewissermaßen „GrundsĂ€tze“ seiner Selbst- und Weltsicht, die das was er erlebt filtern und an diese Erwartungshaltungen anpassen. Manche davon bringen uns Freude, andere sind einem zufriedenen Leben eher hinderlich, und so manche dieser PrĂ€missen ist uns – wenn ĂŒberhaupt – auch nur sehr nebulös bewusst.

Im Hinblick auf klassische Beziehungen findet sich bei mir unter anderem die PrĂ€misse „Das kann nicht glĂŒcklich machen“ mit den (sichtbaren) Alternativen

  1. Einsamkeit,
  2. Leiden innerhalb einer klassischen Beziehungsform sowie
  3. das Finden einer völlig neuen Art des Miteinanders, das bessere Voraussetzungen fĂŒr ein Gelingen schafft.

Letzteres fĂŒhrte ĂŒber die letzten Jahre zu einer langen Reihe von Experimenten mit alternativen Beziehungsformen. Langfristig sind jedoch sowohl meine eigenen Experimente wie auch jene anderer Menschen die ich miterleben durfte immer wieder gescheitert. Nicht in jeder Hinsicht: viel wurde gelernt und es gab auch viele schöne Erlebnisse. Aber vollends befriedigend war das Ganze auch nicht, und es flossen immer wieder auch TrĂ€nen.

Nun, in einer neuen Beziehung, jeder mit seinen PrÀgungen und PrÀmissen, stehen wir wieder einmal vor der Aufgabe, ein Miteinander zu finden, das uns Freude bereitet. Und zunehmend kristallisiert sich heraus, dass viele unserer Vorerfahrungen womöglich von bisher nur nebulös sichtbaren PrÀmissen geprÀgt wurden.

Viele meiner bisherigen Experimente wollten Antworten auf die Frage finden, wie man mit einem Menschen den man liebt auf Dauer sein kann. Offene Beziehungen schienen der einfachere Ansatz zu sein, weil sie zumindest theoretisch von dem Druck befreien können, fĂŒr den anderen perfekt sein zu mĂŒssen: Was der Andere nicht leisten kann oder will, kann an andere „ausgelagert“ werden. In der Praxis war die PrĂ€misse, dass jemand dann dauerhaft mit jemandem anderen sein will, weil man selbst nicht gut genug sei, meist zu stark ausgeprĂ€gt, als dass das auf Dauer gut funktionieren wĂŒrde. Wie es meine Freundin unlĂ€ngst ausdrĂŒckte: „Da muss man dann schon so recht knapp vor der Erleuchtung sein. Vielleicht sind wir da wo noch nicht.“

Möglicherweise sind die Formen offener Beziehungen die ich in mir schon als Vision finden kann eben nicht die „einfache Lösung“ der ursprĂŒnglichen PrĂ€misse, dass die Beziehungen wie ich sie sonst vorfand nicht funktionieren können, sondern vielmehr eine wenn auch vielleicht nicht unmögliche so doch eine sehr schwierig zu praktizierende Kunst.

Das natĂŒrliche Auf und Ab und das Problem der selbst-erschaffenen Trends

Gestern durfte ich von ihr einen denkwĂŒrdigen Satz hören: „Manchmal schaust du ganz schön zerknautscht – aber das wird eh wieder anders.“ Darin findet sich eine Art Grundweisheit aus dem Taoismus wieder, die mir seit vielen Jahren sehr vertraut ist: Alles vergeht, alles kommt wieder. Der Moment in dem ich jemandem in seine Augen schaue und mich so tief verbunden fĂŒhle wie noch nie in meinem Leben: Er wird vergehen. Ebenso wie der schreckliche Moment in dem ich das GefĂŒhl habe jemand nicht mehr wiederzuerkennen, in dem ein Gesicht wie eine Fassade zu sein scheint. Auch jener wird vergehen. Gemeinsam bilden jene Momente und alle dazwischen so etwas wie ein stetiges Auf und Ab, ein Ein- und Ausatmen des Lebens selbst.

Und doch kann es passieren, dass man anfĂ€ngt, so etwas wie Trends erkennen zu wollen. Was, wenn die Liebe langsam verblasst? Was, wenn es fĂŒr uns unausweichlich scheint, dass es frĂŒher oder spĂ€ter so sein wird? Dann haben wir eine Erwartungshaltung in uns aufgebaut, die wir uns immer wieder bestĂ€tigen, anstatt gemeinsam im Jetzt das zu erschaffen was uns gut tut. Weil wir ein Ende fĂŒrchten, suchen wir nach seinen Anzeichen, vermeintlich um ihm zu entkommen, und kreieren aus unserer Angst die Erfahrung wieder und wieder: Entweder finde ich mich in einem leidenden/sterbendem Miteinander wieder – oder allein. Um der vermeintlichen Unausweichlichkeit zu entkommen, beschĂ€ftigen wir uns zudem stĂ€ndig damit, ob das Miteinander (noch) gut fĂŒr uns ist bzw. ob man selbst denn noch ertragbar fĂŒr den anderen ist.

Womöglich ist dies gewissermaßen auch eine Art von „Randgruppenproblem“. Millionen, vielleicht Milliarden Menschen weltweit stellen sich und ihre Beziehung zum jeweils Anderen von vornherein womöglich gar nicht in Frage. Aber dann gibt es da auch eine gar nicht so geringe Anzahl an Menschen – tendenziell oft sehr „spĂŒrige“ Menschen – die das doch tun. Und sich dann so sehr daran gewöhnen können immer alles in Frage zu stellen, dass sie vor lauter in Frage stellen und vergangene Erfahrungen damit zu reflektieren bzw. zu diskutieren sich gar nicht mehr vorstellen können dass bzw. wie sich ein Miteinander auch (langfristig) gut anfĂŒhlen kann.

Ein radikales Experiment: Vertrauen

Weil es auch uns immer wieder so ging, kam mir gestern beim Bergwandern eine Idee, die ich anfangs fĂŒr möglicherweise absurd hielt, aber auch meine Freundin hielt sie fĂŒr interessant genug, sie auszuprobieren. Wenn die PrĂ€misse die so viel Schmerz und Angst erzeugt jene ist, dass man frĂŒher oder spĂ€ter verlĂ€sst oder verlassen wird, weil man sich nicht gut genug fĂŒr den anderen fĂŒhlt (oder bezweifelt dass der andere „die richtige Wahl“ ist), und alleine dadurch dass man immer wieder seine Unsicherheit durchleben und durchdiskutieren will sehr viel Zeit verstreicht die fĂŒr andere Visionen fehlen – warum nicht mal als Experiment diese misstrauische PrĂ€misse völlig auf den Kopf stellen und schauen was dann passiert? So entstand die Idee eines ergebnisoffenen Experiments:

Wir werden den ganzen Monat September beide bewusst gar nicht mehr in Frage stellen dass wir miteinander sein wollen, und so miteinander handeln/umgehen als wĂ€re das das SelbstverstĂ€ndlichste auf der Welt fĂŒr uns. Und dann nach dem Monat wollen wir uns anschauen was das Experiment fĂŒr uns verĂ€ndert hat. In einem Monat soll es dann einen weiteren Artikel zum Thema geben, in dem wir von unseren Erfahrungen dazu berichten. Dann entscheiden wir auch, ob wir das Experiment weiter fortfĂŒhren wollen.

Womöglich möchtest auch du ausprobieren wie es dir geht, wenn du dich ganz bewusst dafĂŒr entscheidest, die PrĂ€missen die fĂŒr deine Ängste wegweisend sind auf den Kopf zu stellen und fĂŒr eine Weile so zu leben als wĂ€ren diese freudebringender. Wenn ja, freue ich mich, wenn du auch deine Erfahrungen mit uns teilst.

Niklas

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

„Funktioniert der noch?“, fragte der erste Fahrgast, auf den Anker deutend, „Mir scheint, es fehlt ihm ein wenig an Halt!“
Der KapitĂ€n lĂ€chelte schweigend. Durch viele StĂŒrme hatte ihn jener Anker sicher gefĂŒhrt, hatte ihn gehalten, wenn die Wellenberge drohend auf das Schiff zurasten.
„TatsĂ€chlich!“, meinte nun ein weiterer Fahrgast, „KapitĂ€n! Da haben sich Algen angesetzt. Oder Seetang! GrĂŒnes Zeug eben! Igitt! So glitschig, wie das ist, rutscht der doch sicher ab!“
Er seufzte. „Nun lassen Sie die Beschaffenheit meines Ankers doch bitte meine Sorge sein.“
„NatĂŒrlich, KapitĂ€n. Wir wollten uns nur nĂŒtzlich machen.“

Schweigend steuerte er das Boot durch die ruhige See, in Gedanken versunken. Was wussten diese Menschen schon von dem Singen, das die Luft erfĂŒllte, wenn er an der alten Kurbel hantierte? Von den Geschichten, die in jenem ‚grĂŒnen Zeugs‘ zu entdecken waren? Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinen GĂ€sten vorzufĂŒhren, was sie verkannt hatten, beinahe drĂ€ngte es ihn – doch im Grunde wusste er, dass sie unfĂ€hig sein wĂŒrden, das Wunder wahrzunehmen. Der Anker sang nicht auf Befehl, und die Wunder, die er aus den Tiefen des Ozeans an die OberflĂ€che brachte, waren nicht allen als solche ersichtlich. Seine Magie war nur mit Geduld wahrzunehmen. Es war schade. Gerne hĂ€tte er ihnen den Zauber vorgefĂŒhrt.

Weiter drangen sie in ihn, doch am nĂ€chsten Hafen anzuhalten und sich einen funktionierenden Ersatz zu besorgen, und je mehr sie in ihn drangen, je mehr sie ihm ihre Argumente auseinandersetzten, desto verunsicherter wurde er. Was, wenn sie nun doch Recht hatten? Schließlich ließ er sich doch hinreißen und versuchte, an der Kurbel zu drehen, doch der erhoffte Gesang blieb aus. Mit ohrenbetĂ€ubendem Quietschen sank der Anker in die Tiefe, schien aber keinen Grund zu finden, denn das Boot stieß weiter ungehindert durchs Wasser.
„Was haben wir gesagt?“, meinte der erste Fahrgast ĂŒberlegen.
„Es ist doch nur zu Ihrem Besten, KapitĂ€n. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp an Land, tauschen das alte Teil fĂŒr ein Funktionierendes, und sind sofort wieder in See. Das tut niemandem weh und hilft allen.“
Was, wenn sie Recht haben, dachte der KapitĂ€n verunsichert. Was, wenn ich uns alle in Gefahr bringe mit meiner Sturheit? Es war schon seltsam. Noch nie hatte er sich auf See gefĂŒrchtet, seit er den neuen Anker montiert hatte, und nun…

Er fixierte das Steuerruder; fĂŒr die nĂ€chsten zwei Stunden konnte er Aufmerksamkeit erĂŒbrigen, nichts lag vor dem Boot als offene, glatte See. WĂ€hrend die FahrgĂ€ste weiter aufgebracht ĂŒber die richtige Funktionsweise eines guten Ankers diskutierten, ging er zurĂŒck, um mit dem bisher so verlĂ€sslichen StĂŒck alleine zu sein. Warum muss ich mich von dir trennen?, fragte er sich traurig, und TrĂ€nen stiegen ihm ins wettergegerbte Gesicht. Er liebte diesen Anker, der ihm Halt schenkte, wo Halt notwendig war, und Bewegungsfreiheit, wo er ManeuvrierfĂ€higkeit brauchte. Der ihm sang, wenn er sich einsam fĂŒhlte auf hoher See, sang von den tiefsten Tiefen der Ozeane, die er mit seinem Boot durchkreuzte, der ihm bisweilen Souveniers aus jenen Tiefen an die OberflĂ€che brachte.

Plötzlich drĂ€ngte sich ihm ein mentales Bild auf, durch all seine Sorgen und Ängste hindurch: einer der FahrgĂ€ste, wie er den‘ Seetang‘, mit dem er sich beim BerĂŒhren des Ankers ‚befleckt‘ hatte, angeekelt an der Reling abzuwischen versuchte. Sie sind nicht wie wir, ĂŒberwĂ€ltigte ihn heiß die Erkenntnis, sie wollen nur sicher ĂŒber den Ozean kommen. Sie wollen nicht sehen, was unter der OberflĂ€che zu finden ist, sie wollen nicht hören, wovon du singst. Aber ich will es, muss es! Und wenn du keinen Grund mehr findest, an den du uns binden kannst, weil du in Tiefen vorstĂ¶ĂŸt, die niemand vor dir errungen hat – bleib bei mir! Die wichtigste Verbindung ist mir nicht die an einen sicheren Grund, sondern jene zwischen uns! Bleib! Wir werden sie sicher in den Hafen bringen, unsere GĂ€ste, wo sie ihren Freunden Karten schreiben von ihren ‘Abenteuern’ auf See. Dann werde ich dich auswerfen, und du wirst fĂŒr mich singen, von all dem, was kaum ein Menschen Auge wagt zu erblicken, und ich werde an dir festhalten, auf dass du furchtlos tiefer vorstoßen kannst, wissend um meinen Halt wie ich um den deinen. Wir werden uns halten, durch StĂŒrme wie durch ruhige See, und unsere FahrgĂ€ste werden schimpfen und lachen ĂŒber uns, aber das wird uns egal sein, denn sie sind nicht wie wir, sie können nicht verstehen, oder vielleicht wollen sie, trauen sie sich auch nicht. Mein Anker, mein zauberhafter Anker, ich bleibe dir verbunden!

Und mit einem Male ertönte ein leises Summen, beinahe ein Ton, wie aus den tiefsten Tiefen der Ozeane, entfernt. Seine FahrgĂ€ste schienen nichts gehört zu haben, sie fachsimpelten eifrig weiter ĂŒber Funktionsweisen verschiedenster Teile eines Bootes. Sich erinnernd an frĂŒhere Fahrten begann er zu pfeifen, zu singen, zu frohlocken, und der Ton aus der Tiefe begleitete ihn, ließ ihn nicht mehr los. Wie schön, dich wieder um mich zu haben, dachte er beglĂŒckt, und all die Angst und die Zweifel fielen von ihm fort, wie sie es immer getan hatten und wohl auch immer tun wĂŒrden.

blasen
Die folgende Geschichte entstand als Assoziation mit dem obigen Bild, das ich unlĂ€ngst mit einem Freund gezeichnet habe. Im Sinne der Abwechslung habe ich es einfach mal beigefĂŒgt…

Hier im Norden waren die Blasen also etwas grĂ¶ĂŸer. Das hĂ€tte ihn nicht weiter ĂŒberraschen mĂŒssen, war er doch vor dem stereotypen Nordmann gewarnt worden, der sein Leben gerne innerhalb der gut kontrollierbaren SphĂ€re verbrachte, die er seinen geregelten und geordneten Alltag zu nennen pflegte. Ja, er war gewarnt worden, dass es schwierig werden wĂŒrde, hier zu Menschen durchzudringen. Einen selbstsicheren Eindruck machten sie alle hier, mit ihren Sonnenbrillen und durchgestylten Outfits. Nichts konnte sie erschĂŒttern, alles wurde durch ihre Hochsicherheits-Blasen von ihnen ferngehalten, die sie sich morgens anlegten wie andere ihre Kleidung. Und so wirkten sie eigentlich sehr glĂŒcklich, diese Menschen.

Die AuslĂ€nder haben sich an unsere Kultur anzupassen, hatte er vernommen, und sich bemĂŒht, den Anforderungen zu entsprechen. Ein Wirtschaftswunderland wie Deutschland musste eine Kultur hervorgebracht haben, die es sich zu imitieren lohnte. Also hatte er gelernt, die Menschen um ihn nicht mehr zu grĂŒĂŸen, wie er es aus seiner Heimat gewohnt war, sie nicht mehr anzusehen, um sie nicht in ihrem Alltag zu stören. Sie alle hatten wohl zu tun, gingen wichtigen GeschĂ€ften nach, wo sie doch so rasch an ihm vorbeiströmten, ohne die vielen kleinen Wunder im Augenwinkel noch wahrzunehmen, die er als Kind immer so geliebt hatte. Fokus, das hatte ihm immer gefehlt. Nicht links, nicht rechts zu sehen, sich nicht aufhalten zu lassen, sondern geradewegs auf das Ziel zu, mit aller Energie. Deutschland, das war das Land der Erwachsenen, von denen man noch etwas lernen konnte. Wie gut es war, hierhergekommen zu sein! Auch er wĂŒrde in KĂŒrze einer von ihnen sein, mit seiner eigenen großen Blase, die es ihm ermöglichte, den Kopf freizuhaben fĂŒr die wichtigen Dinge im Leben.

Nach einigen Monaten hatte er gelernt, genauso selbstsicher umherzulaufen wie die Menschen um ihn. Von seinem Gehalt hatte er sich eine Sonnenbrille gekauft, und zog nun unbeirrt an den neidischen Blicken der wenigen kindischen Menschen in diesem Land vorbei, die von solch einer UnabhĂ€ngigkeit und Zielstrebigkeit nur trĂ€umen konnten. NatĂŒrlich waren sie selber schuld, denn bei solch vielen Vorbildern in diesem Land war es sehr einfach, erwachsen zu werden. Wer leiden wollte, sollte leiden, aber keine anderen damit nerven oder ihren Tag durcheinanderbringen. Schließlich hatte ja ein jeder zu tun.

Eines Abends jedoch, als er von der Arbeit heimkehrte und seiner Freundin erklĂ€rt hatte, er hĂ€tte noch zu viel zu tun, um bereits schlafen zu gehen – und bewundernde Blicke fĂŒr solch Zielstrebigkeit erhalten hatte – stellte er verblĂŒfft fest, dass die NĂ€chte, die er fokussiert durchgearbeitet hatte, nicht dazu beigetragen hatten, den Berg der an ihn herangetragenen Arbeit zu verkleinern. Wozu eigentlich der Stress?, dachte er in einem Anflug von Überraschung, wozu all die Welt um mich ausblenden, um effektiver arbeiten zu können, wenn ich mir damit nur noch mehr Arbeit, noch mehr Druck schaffe? Er schritt auf die Terrasse des Hauses hinaus, das sie sich erarbeitet hatten. Ich war noch nie hier draußen, ĂŒberkam ihn die Erkenntnis. Er hatte noch nie die Zeit dazu gefunden. Nein. Er hatte sich noch nie die Zeit dazu genommen. Was nĂŒtzte es, zu besitzen, was seinem Fokus entging?

„Komm!“, schĂŒttelte er seine Freundin, die ihn mit verschlafenen Augen ansah.
„Bist du schon fertig mit deiner Arbeit?“
„Nein.“
„Warum weckst du mich dann? Ich muss schlafen, muss morgen fit sein. Morgen muss ich wieder zur Arbeit.“
„Weil es Zeit ist, aufzuwachen aus diesem Schlamassel. Komm!“
Er zog sie aus dem Bett und fĂŒhrte sie auf die Terrasse.
„Siehst du die Sterne da oben? Was fĂŒhlst du, wenn du sie betrachtest?“
„Ich fĂŒhl mich mĂŒde und will ins Bett.“
„Lass dein Bett mal eine halbe Stunde dein Bett sein, und opfere deinen Schönheitsschlaf der Schönheit dieser Welt.“
„Was redest du da fĂŒr Stuss?“
Und da erkannte er erst, dass auch sie sich in einer riesigen Seifenblase befand, die glitzerte, spiegelte, aber weitgehend undurchlĂ€ssig war. Erkannte, dass er in all den Jahren nie durch diese Masse gedrungen war, und dass das, was er fĂŒr seine Freundin gehalten hatte, nur ein verschwommenes Bild von ihr darstellen musste.
„Ich geh wieder schlafen. Mach doch, was du willst.“, zuckte sie die Achseln.
Und ihm wurde bewusst, dass er allein war in dieser Welt der Blasen, der Schemen und Schatten, dass er verlernt hatte, andere zu berĂŒhren, weil er verlernt hatte, sich selbst von der Welt berĂŒhren zu lassen, verlernt hatte, selbst mehr zu sein als undeutlicher Schemen, ein Schatten seiner selbst.
„Verdammt, wir mĂŒssen doch aufwachen können aus diesem Albtraum!“, schrie er, wĂŒtend ĂŒber sich selbst und seine UnfĂ€higkeit, auszubrechen aus diesem einsamen Spiel, das jeder fĂŒr sich zu spielen schien.

Doch die Welt um ihn schlummerte selbstzufrieden weiter.

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„Nun, uns bleiben also noch gut zehn Wochen miteinander.“, stellte er abschließend fest, und blickte in die Runde. Ruhig war es im Raum geworden, beinahe ehrfĂŒrchtig, und allen schien klar zu sein, dass sie Zeugen eines besonderen Moments geworden waren. Sechzig Menschen, jĂŒngere wie Ă€ltere, sprachlos. Schweigend. Es gab nur wenig zu sagen in diesem Augenblick, der klargestellt hatte, was das Gewusel des Alltags oft so erfolgreich vergessen machte: alles hat ein Ende.

„Aber wie lange wirst du denn weg sein?“, wurde er gefragt, „Etwa ein ganzes Jahr?“, und bangende Augen flehten ihn an, die Frage zu ignorieren, sich umzudrehen und zu gehen, es nicht auszusprechen, eine letzte Ungewissheit, eine letzte Hoffnung offen zu lassen. Doch er antwortete in einer Klarheit, die auch die letzten rettenden Zweifel zu vernichten vermochte: „Vermutlich fĂŒr immer.“
„
fĂŒr immer
“, schienen seine Worte sich wie ein Echo immer weiter im Raum auszubreiten, ĂŒber ihre kleinen Köpfchen hinweg und doch auch mit jedem FlĂŒstern in sie hinein, wĂ€hrend sie versuchten, das Gesagte zu begreifen. Sie waren zu jung, um ein Ende fassen zu können, zu Ă€ngstlich, die Konsequenzen begreifen zu können.
„Bedeutet das, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen werden?“, sprach einer von ihnen die ungeheure Vorstellung aus.
„Es bedeutet, dass wir noch zehn Wochen haben, um uns in Erinnerung zu bleiben.“

Den restlichen Tag hatte er damit verbracht, ĂŒber seine eigenen letzten Worte nachzudenken. Und wĂ€hrend sie seine NĂ€he suchten, ihn zu ĂŒberzeugen suchten, seine Worte zurĂŒckzunehmen, nicht zu gehen, wurde ihm die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erst vollkommen bewusst. Er liebte diese Menschen, und sie liebten ihn. Doch warum fĂŒhlte er beim Gedanken, sie bald nicht mehr tagtĂ€glich sehen zu können, keine Traurigkeit, sondern nur eine tiefe RĂŒhrung, die ihn auch die nĂ€chsten Tage nicht verlassen sollte?

Und dann dachte er an seine Mutter, die ihn einst ebenso in Liebe hinter sich gelassen hatte, die fortgegangen war an einen Ort, an den er ihr noch nicht folgen hatte können. Es musste ihr schwer gefallen sein zu gehen, damals, wohl wissend, dass sie Menschen zurĂŒckließ, die sie liebten und die sie brauchten. Und doch war sie gegangen, war der Notwendigkeit gefolgt, wie auch er nun einer inneren Notwendigkeit folgte, einen Weg zu beschreiten, auf dem diese Menschen ihm noch nicht folgen konnten.

Er fĂŒhlte in einem Anflug von VerblĂŒffung, dass er seiner Mutter lĂ€ngst verziehen hatte, ihn damals mit ihrer Traurigkeit angesteckt und ihm die Trennung damit noch schwerer gemacht zu haben. So hatte er lernen können, dass die Trauer nichts daran Ă€ndern konnte, dass ein anderer Mensch aus dem Leben verschwand. Dass es leichter war, das Unvermeidliche hinzunehmen, wenn man daran ging, dankbar zu sein fĂŒr die Zeit, die man mit einem anderen Menschen verbringen hatte dĂŒrfen. Und dass es die Unvermeidlichkeit eines Endes brauchte, um dies zu lernen.

Zehn Wochen waren es also noch, zehn Wochen, in denen sie alle die Chance haben wĂŒrden, eine Spur zu hinterlassen, einen Eindruck, der noch lange nachwirken wĂŒrden, nachdem ihre Wege sich getrennt haben wĂŒrden. Und vielleicht wĂŒrden sie sich irgendwann tatsĂ€chlich wieder treffen, an jenen Orten, die so manchem einst noch verwehrt gewesen waren. Dann wĂŒrden sie feststellen, dass eine jede Begegnung immer Spuren hinterließ, dass ein jeder Mensch immer Spuren hinterließ in jener Welt, die uns das Geschenk der Endlichkeit offenbarte.

#56 Das Geschenk der Endlichkeit als .pdf downloaden

In seinem (sehr empfehlenswerten!) Buch „Mastery“ beantwortet Robert Greene eine Frage, ĂŒber die ich auch schon viel nachgedacht habe, auf fĂŒr mich nachvollziehbare Weise: was ist Lernen eigentlich? Lernen ist nach ihm der Umgang mit KomplexitĂ€t, ist die Verinnerlichung der Ă€ußeren Welt in unser Bewusstsein.

Lernen: KomplexitÀt verinnerlichen

Indem wir durch Beobachtung, Erfahrungsaustausch und Tun ein Abbild der Ă€ußeren Welt in uns erschaffen, wird diese Ă€ußere Welt gewissermaßen zu einem Teil von uns. Als wir als Babys begonnen haben, unsere Muskeln zu bewegen und durch Ausprobieren herausgefunden haben, wie wir sie ansteuern mĂŒssen, um unsere Ziele zu erreichen, haben wir die entsprechende Steuerung nach und nach verinnerlicht, so dass wir heute nicht mehr darĂŒber nachdenken mĂŒssen, aber einst war das Zusammenspiel unser Muskeln fĂŒr uns wohl ein Ă€hnliches RĂ€tsel wie der Erwerb jeder neuen FĂ€higkeit, sei es Gitarre zu spielen, Gedankenexperimenten nachzuhĂ€ngen oder politisch zu denken und zu handeln.

Er beschreibt auch den Prozess, der zu einer jeden dieser FĂ€higkeiten fĂŒhrt: kleine TeilfĂ€higkeiten und Teilwissen werden immer wieder bewusst wiederholt, bis sie keiner bewussten Aufmerksamkeit mehr bedĂŒrfen, weil die KomplexitĂ€t der Aufgabe mittlerweile im Bewusstsein so verinnerlicht ist, dass sie auch ohne bewusste Anstrengung gelöst werden kann. Damit ist das aktive Bewusstsein wiederum frei, noch komplexere ZusammenhĂ€nge der Welt in sich aufzunehmen. Ein einfaches Beispiel ist der schriftliche Algorithmus beim Addieren. Wer das Addieren von kleineren Zahlen im Kopf nicht beherrscht, fĂŒr den stellt das schriftliche Addieren mit grĂ¶ĂŸeren Zahlen eine viel grĂ¶ĂŸere Herausforderung dar als fĂŒr jenen, der diese „kleinen“ Additionen fast unbewusst schafft, weil er ihre KomplexitĂ€t bereits in seinem Bewusstsein abgebildet hat.

Die Welt als unser Körper

Meisterschaft, so Greene, zeigt sich irgendwann durch die FĂ€higkeit, die Welt zu fĂŒhlen statt sie bewusst verstehen zu mĂŒssen. Dies zeigt sich unter anderem im Unterschied zwischen FahranfĂ€ngern und geĂŒbten Autofahrern. WĂ€hrend erstere viel Aufmerksamkeit darauf verwenden mĂŒssen, alle Verkehrszeichen zu beachten und Verkehrsteilnehmer im Blick zu behalten, funktioniert das Autofahren bei geĂŒbteren Fahrern fast ohne bewusste Aufmerksamkeit. Der langjĂ€hrige Musiker hört irgendwann, ob ein Ton passt, ob Instrument verstimmt ist oder er sich verspielt hat, er weiß, welche Töne zu welchen anderen Tönen passen, ohne es bewusst wahrnehmen oder planen zu mĂŒssen. Zu lernen ist den Teil der Ă€ußeren Welt, der uns interessiert, so in uns abzubilden, dass wir ihn fĂŒhlen können wie unseren eigenen Körper. Und wie wir unsere Körper völlig ohne das bewusste Wissen ĂŒber die dafĂŒr notwendigen elektrischen Signale, die unser Gehirn an ihn sendet, steuern, verĂ€ndert unser Wille plötzlich die RealitĂ€t: Das Auto bringt uns an unser Ziel, die Gitarre spielt den gewĂŒnschten Akkord, das WerkstĂŒck entsteht vor unseren Augen. Wir können mit höherer KomplexitĂ€t umgehen.

Viele Menschen haben TrĂ€ume, sie wissen mehr oder weniger genau, was sie wollen. Aber was diejenigen, die ihre TrĂ€ume auch umsetzen, von jenen, fĂŒr die sie TrĂ€ume bleiben, unterscheidet, ist die Bereitschaft, die RealitĂ€t, die sie verĂ€ndern wollen, erst kennenzulernen und langsam in sich aufzunehmen. Es ist wie mit unserem eigenen Körper: wenn ich mich weigere, ihn kennenzulernen, wie er ist, weiß ich nicht, wo ich ansetzen kann, ihn zu verĂ€ndern. Ich muss ihn zu einem Teil von mir werden lassen, um ihn bewegen zu können, und ebenso muss ich alles, was ich in der Welt „bewegen“ will, zu einem Teil von mir, meinem Bewusstsein werden lassen, um zu verstehen, wie ich es bewegen kann – um meinen Willen Wirklichkeit werden zu lassen.

Besser nichts wissen

Dies ist bereits bei rein materiellen Dingen wie einem WerkstĂŒck eine komplizierte Sache, aber noch interessanter wird es bei anderen Lebewesen bis hin zu anderen Menschen. Wenn ich den Wunsch habe, dass sich ein anderer Mensch auf eine bestimmte Weise „bewegen“ oder entwickeln soll, muss ich ihn nicht vorher verstehen lernen, intuitiv wissen, wie er innerlich „tickt“? Und spĂ€testens hier wird mir dann selbst klar, wie unglaublich komplex der Beruf des Lehrers eigentlich ist. Ich muss versuchen, eine ganze Reihe an Menschen in all ihrer inneren KomplexitĂ€t verstehen zu lernen, wĂ€hrend diese sich stĂ€ndig weiterentwickeln. Nur so kann ich mich soweit in sie hineinversetzen, um herauszufinden, ob und wie ich ihnen helfen kann. Dabei muss ich stets unterscheiden lernen, ob ihnen diese „Hilfe“ wirklich von Nutzen ist, oder ob sie meinen eigenen BedĂŒrfnissen entspringt. Nicht, dass meine eigenen BedĂŒrfnisse irrelevant wĂ€ren, aber es wĂ€re wohl verlogen, sie als die BedĂŒrfnisse anderer zu verkaufen.

Dies impliziert fĂŒr mich auch die Problematik, dass es sehr schwer ist, die Erfahrungen mit bestimmten SchĂŒlern auch auf andere zu ĂŒbertragen. Wenn ich an meiner Schule im Laufe der Jahre meine SchĂŒler sehr gut kennengelernt habe und fĂŒr sie ein guter Lehrer sein kann, bedeutet das nicht, dass ich an einer anderen Schule mit anderen SchĂŒlern sofort ein ebenso guter Lehrer sein werde. Eine der wichtigsten Ressourcen fĂŒr einen Lehrer ist somit wahrscheinlich Zeit. Zeit, seine SchĂŒler tatsĂ€chlich in ihrem Ich kennenzulernen und sich auf sie einzulassen. Sein schlimmster Feind wĂ€re dann wohl das BedĂŒrfnis zu nennen, „es zu können“, endlich ein guter Lehrer zu sein. Denn damit ersetzt er den langwierigen Prozess des Kennenlernens mit der AbkĂŒrzung, nur noch „den SchĂŒler“ zu sehen.

Es ist manchmal unglaublich frustrierend, zu merken, dass man es eben nie „können“ wird, man wird mit der Zeit nur besser darin, sich mit der Idee anzufreunden, dass man trotz aller Erfahrung und Praxis am Ende auch nur ein unwissender Mensch ist, bleiben wird und auch bleiben sollte, um eine eigenstĂ€ndige Entwicklung anderer erst zu ermöglichen.

Niklas

„Hast a Kleingeld fĂŒr mi?“

Der Mann sah sie mit ruhigen Augen an. Sie wollte ihn schon abwimmeln, wie sie es sonst auch immer tat. Was wĂŒrde der Mann damit schon anfangen, außer sich Alkohol oder sonstigen Drogen dafĂŒr zu kaufen? Doch dann kam ihr zu Bewusstsein, dass es nicht sonderlich konsequent war, erst eine Stunde am Taubenmarkt Umarmungen an Fremde zu verteilen und dann diesen Mann zu ignorieren.

NatĂŒrlich hatte sie ein wenig Kleingeld in der Tasche. Sie kam gerade aus der Billa-Filiale und hatte sich Ein LeberkĂ€seweckerl gekauft. „Ich hab kein Geld“ wĂ€re eine LĂŒge gewesen. Aber sie wollte dem Mann kein Geld geben, wenn er sich damit nur irgendwelche Drogen kaufen wĂŒrde. Sie merkte, dass sie bereits zu lange stehengeblieben war, um jetzt einfach weiterzugehen. Sie sah dem Mann in die Augen. „Geld will ich dir keines geben, aber möchtest du eine Umarmung?“

Der Mann schien ĂŒberrascht von diesem Angebot, doch nicht abgeneigt. Er stand auf, und wirkte plötzlich nicht mehr so heruntergekommen. Seine Haare und sein Bart waren immer noch zerzaust, und er schien ein wenig schwach auf den Beinen zu sein, doch er erwiderte die Umarmung herzlich. Als sie sich nach einigen Sekunden trennten, leuchtete ihr aus den Augen des Mannes Dankbarkeit entgegen. Etwas hatte sich verĂ€ndert.

Doch auch sie fĂŒhlte sich verĂ€ndert, kraftvoller, verbundener mit der Welt. Als hĂ€tte diese eine Umarmung etwas von der Isolation der Menschen untereinander aufgehoben, und fĂŒr eine Moment spĂŒrte sie die Wahrheit der östlichen Weisheiten, dass alles verbunden war. Verbunden, und doch so fern voneinander, dachte sie, wĂ€hrend sie in der Straßenbahn saß und die vielen Bettler an der Landstraße und die vielen Menschen, die achtlos an ihnen vorbeigingen, beobachtete. Wer seid ihr, ihr Schatten am Straßenrand?

Noch als sie zuhause war, spĂŒrte sie die Nachwirkungen der denkwĂŒrdigen Umarmung mit dem Bettler. Sie hatte an diesem Tag sehr viele Menschen umarmt, Menschen wie sie selbst, mit guter Ausbildung, einem Dach ĂŒber den Kopf, mit Perspektiven im Leben. Es hatte ihr Freude bereitet, die verblĂŒfften Gesichter der Passanten zu beobachten, zu zeigen, dass sie bereit war, Fremde zu umarmen. Sie hatte sich ĂŒberlegen gefĂŒhlt. Doch waren es Fremde gewesen?

Denn die Fremde begann wohl dort, wo es sie Überwindung kostete, den anderen zu umarmen, wo sie nicht wusste, ob sie dem anderen vertrauen konnte. Dort begann die Fremde, und dort fand sich auch die Grenze, an der aus einer aus der Langeweile geborenen Aktion wie dem Verteilen von Umarmungen an Unbekannte etwas werden konnte, dass diese Trennung ĂŒberwinden half. Das BrĂŒcken baute, so dass auf diesen BrĂŒcken eines Tages eine Heimat fĂŒr alle erbaut werden konnte. Und sie beschloss, den Grundstein zu legen.

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