Nun also war der letzte Tag angebrochen.
Bis hierher hatte er es ganz gut ausgehalten. Hatte sich beschäftigt. Schließlich gab es noch so viel zu tun. Einkaufen. Aufräumen. Abschließen, was knapp ein Jahr zuvor begonnen worden war. Ein Ende finden, das tragbar war, übertragbar, in ein neues Jahr, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen. Das hier würde weitergehen. Er würde weitergehen. Nur die Wege, die würden sich trennen.

Als die anderen eintrafen, wurde viel gesprochen, wurde wenig gesagt. Rasch merkte er, dass er niemals fertig werden würde mit all dem, was er sich vorgenommen hatte. Einige der Kinder fingen von sich aus an, sich nützlich zu machen. Manche Eltern erschienen, bereits früher als erwartet. Die Räumlichkeiten, mit denen er ursprünglich geplant gehabt hatte ,standen nun spontan doch nicht zur Verfügung. Improvisieren. Sich beschäftigen. Nicht nachdenken. Bald war es vorbei.

Als der Junge die Gitarre aus der Hand gab, strahlte er, ein Lichtblick, verkannt im allgemeinen Trubel. Wochenlang hatte er auf diesen Moment hingeübt gehabt, hatte mit sich gerungen, ob er sich trauen sollte oder nicht. Hatte sich getraut. Glückwunsch! Auch die anderen kleinen Darbietungen der Kinder waren nun durch. Der Moment. Nun war es also soweit.

Eine Woche lang hatte er sich hingesetzt und sich jeden Tag vorgestellt, was er ihnen noch sagen würde. Eine kleine Rede hatte er sich vorgestellt. „Was ich euch noch sagen wollte“. Was blieb zu sagen, in den wenigen Minuten? Wie in Worte fassen, was ihn schier zerriss?

Als er ansetzte zu sprechen, wurde es stiller, und als die Versammelten erkannten, dass er nicht laut sprechen würde, völlig still. Es war schwierig zu sprechen, jedes Wort ein Kampf. Und plötzlich, in die Stille, das Klatschen einer der Jugendlichen. Er verlor irritiert den Faden, alles Zeitgefühl, und brachte seine Rede rascher zu Ende als geplant, weil er wähnte, bereits Stunden gesprochen zu haben.

Später entspannte sich die Stimmung etwas, und einige der Erwachsenen saßen recht gemütlich zusammen, während die Kinder nebenbei spielten. Er fühlte sich elend, freute sich darauf, dass alles vorbei sein würde, wollte es sich aber nicht anerkennen lassen.
„Ich bin heute ein wenig überfordert“, meinte er entschuldigend.
„Ja, warum hast du uns denn dann nicht um Hilfe gebeten?“, hatte eine ältere Dame geantwortet.

Ja, warum nicht? Die Frage kam ihm nun, Monate später, wieder in den Sinn, und die Antwort, die ihm in den Sinn kam, war irritierend: es war ihm schlicht gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte die unausgesprochene Überforderung aller mit der Situation gespürt, und offenbar ganz automatisch versucht, sie für alle anderen auszuhalten. Hatte anderen Sicherheit schenken wollen, wo er doch innerlich selbst derart zerrissen gewesen war.

Das war, rückblickend betrachtet, auch der wahre Grund gewesen, warum sich schlussendlich die Wege getrennt hatten. Er war nicht bereit oder fähig gewesen, seine eigenen Begrenzungen anzuerkennen, und entsprechend zu handeln. Er hätte früher für überschaubarere Verhältnisse sorgen müssen, aber er hatte sich davor gescheut. Oder um Hilfe bitten müssen, und auch das war ihm offensichtlich damals noch nicht gelungen. Wozu diese ohmächtigen Allmachts-Fantasien von Ich-komme-schon-zurecht?

Später hatte man ihm erzählt, der klatschende Jugendliche wäre ehrlich begeistert gewesen von seinen Worten. Gern hätte er dem Jungen nachträglich dafür gedankt.

Gestern kam ich endlich dazu, eine Idee umzusetzen, die ich schon etwa ein halbes Jahr mit mir herumtrage: ich habe mir die Menschen sichtbar gemacht, die mir wirklich wichtig sind.

kontakt-ubersicht

Schon vor vielen Jahren habe ich festgestellt, dass ich beizeiten unter einer seltsamen Aufmerksamkeits-Ausprägung leide: ich vergesse oft, wie viele wunderbare Menschen ich eigentlich kenne. Immer wieder kommt es vor, dass ich mich ziemlich einsam in der Welt fühle, obwohl ich doch in gewisser Weise mit vielen dieser Menschen verbunden bin, selbst wenn ich sie aus verschiedensten Gründen gerade nicht sehen kann. Oder ich mache mir Sorgen, mit jemandem nicht genügend Kontakt auszuleben wie er oder sie es verdient hätte, und fühle mich dann nicht mehr „berechtigt“, die Person dann zu kontaktieren, wenn ich tatsächlich Zeit und freudvolle Erwartung aufbringen kann.

Der Großteil der damit verknüpften Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind ziemlich diffus und haben nur wenig mit der tatsächlichen Realität zu tun. Mit den meisten meiner länger bestehenden Bindungen hat sich mit der Zeit ein gewisser Rhythmus eingependelt, der den Bedingungen unserer jeweiligen Lebenswelten geschuldet ist – und für den Großteil der Betroffenen ist dies entgegen meinen diffusen Vorstellungen im Regelfall auch völlig in Ordnung so. Rationales Wissen darüber hilft allerdings nicht unbedingt sonderlich gut gegen diffuse Ängste, weswegen meine inneren Selbst-Beruhigungsversuche bisher meist nur mäßig erfolgreich waren.

Beziehung außerhalb von Gruppen

Vor allem aber gab es da viele Menschen, mit denen ich mich gefühlt enger verbunden fühlte, als ich als tatsächlichen Kontakt auslebte. Menschen, in deren Leben ich gerne mehr Teil wäre, mehr eingebunden – gleichzeitig habe ich mit den Jahren auch mein oftmals unberechenbares Innenleben kennen und schätzen gelernt und weiß, dass es mir schwer fällt, meine Verlässlichkeit auf allzu viele Beziehungen auszudehnen. Ich war nie ein Gruppen-Kontakt-Mensch. Das hat den Vorteil, dass man über Gruppendruck eher lächeln kann, aber auch den Nachteil, dass man Schwierigkeiten hat, sich wirklich zugehörig zu fühlen.

Beziehung entsteht dadurch für mich durch den „Akt der wiederkehrend Tat“, wie ich es unlängst in einem Gedicht formuliert habe, und verliert sich größtenteils durch ein Nicht-mehr-Tun. Das hat den Vorteil, dass Beziehung in jeglicher Form jederzeit von Neuem entstehen kann, dass ich selten in die Verlegenheit komme, alle Brücken zu jemandem abbrechen zu müssen, demonstrativ zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Entweder fühle ich Liebe, ein Hingezogen-Sein zu jemandem oder nicht, und ich weiß mittlerweile genug über das ewige Kommen und Gehen dieser Gefühle, um üblicherweise niemanden festhalten zu müssen. Es hat eine Art ästhetische Schönheit, die Welt und den Kontakt zu ihr auf diese Art zu erleben. Es macht beizeiten aber auch sehr einsam.

Viele meiner Mitmenschen leben eher in Gruppen-Beziehungen, die sich durch Eintritts-Rituale, Gruppen-Normen wie auch Austritts-Rituale ausdrücken. Es gibt Schwellen des Kontaktes zwischen Fremder, Bekannter, Freund, guter Freund, bester Freund, Partner, zwischen One Night Stand, Friends with Benefits, Beziehungen, offenen Beziehungen und was auch immer es noch gibt an verschiedenen Definitionen – die für mein primäres Erleben eine Art von Fremdsprache darstellen. Ich habe ihr Vokabular erlernt und ich kann es situationsadäquat einsetzen, aber es wird mir nie so nah sein wie mein primäres Erleben, dass viel eher den Gezeiten in ihrem steten Wandel ähnelt denn den Fixsternen, an denen man sich orientiert.

Die Menschen, die ich will erheben

Als ich begann die Namen derjenigen niederzuschreiben, die mich in wiederkehrender Intensität durch mein Leben begleitet hatten, wurde mir bewusst, dass es mir trotz aller Wechselhaftigkeit doch möglich war, unterschiedliche Kontakt-„Stufen“ zuzuweisen. Da gab es die türkisen Post-Its mit Menschen, über deren Wiedersehen ich mich jedes Mal sehr freute, aber für die ich kaum Energie aufwand, um aktiv zu einem Treffen beizutragen. Dann andere, gelbe Post-Its für Kontakt mit Menschen, für den ich in unregelmäßigen Abständen eigene Energie aufwende, um den Kontakt nicht völlig „absterben“ zu lassen. Orange Post-Its für Menschen, an die ich normalerweise mindestens wöchentlich denke und versuche, engeren Kontakt zu halten. Rosa für jemanden, den ich mit einer an völliger Irrationalität grenzenden Macht lieben gelernt habe und der vielleicht der einzige Mensch ist, mit dem ich mir in meinem primären Erleben eine Art von Gruppen-Identität vorstellen kann.

Nachdem ich das Bild vor mir hatte, erkannte ich rasch, dass es einige Menschen gab, die gelb markiert waren, bei denen ich mir allerdings einen orangen Kontakt wünschen würde. Es waren weniger als ich ursprünglich gedacht habe (ich zwang mich, ehrlich zu mir selbst zu sein), vor allem aber schien es machbar. Nicht mehr diffus unmöglich, sondern sehr plakativ erreichbar, fast – einfach. Wie erfolgreich ich in der Umsetzung sein werde, wird die Zukunft zeigen, aber seit ich diese bildliche Darstellung angefertigt habe, halte ich es – anders als vorher – für möglich, und das halte ich für einen wichtigen ersten Schritt.

…und die Menschen, die ich fallen lassen kann

Besonders heilsam fand ich die Erkenntnis, wie viele Menschen mir im Grunde egal sind. Ich wünsche grundsätzlich allen Menschen ein wunderbares Leben, „egal“ beschreibt hier nicht, dass es mir egal ist, ob jemand leidet oder nicht. Es beschreibt die gefühlte Notwendigkeit, Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen mit zu übernehmen. Zeit meines Lebens habe ich mich da meist eher selbst überfordert, mittlerweile nähere ich mich da wohl einem gesunderen Zugang an. Vor allem war es auch interessant herauszufinden, inwieweit der Faktor Familienmitglied für mich eine Rolle spielt, und mein Schaubild für mich selbst hat mir gezeigt, dass – wissenschaftlich gesprochen – kein wirklich signifikanter Zusammenhang zu finden war. Einige Familienmitglieder sind als Mensch für mich wahnsinnig wichtig, aber das hat mit ihrer Person zu tun, nicht mit Abstammungslinien.

Ein besonders schöner – fast poetischer – Abschluss entstand, als ich feststellte, dass eine – rosa – Person noch fehlte, mit der ich eine wichtige Beziehung führte und auf die ich regelmäßig Aufmerksamkeit aufwendete und weiter aufwenden will: mich selbst.

Von den Vorteilen der Schamlosigkeit

Ich habe deshalb ein halbes Jahr gebraucht, diese alte Idee auch in die Tat umzusetzen, weil ich mich lange dafür geschämt habe, solch ein Werkzeug überhaupt zu brauchen. In der Folge war ich oft unglücklich, fühlte mich einsam und unfähig. Gestern, heute und morgen freu(t)e ich mich auf Kontakt mit Menschen, die ich in dem diffusen Glauben, es gehe sich alles gar nicht aus, bisher nicht so oft treffen wollte wie es sich eigentlich richtig angefühlt hätte. Irgendwann, nachdem ich die Idee zaghaft mit einigen guten Freunden angesprochen hatte, habe ich dann jedoch festgestellt, dass ich mit meinem Sein und meiner Scham darüber nicht allein bin, dass – wie so oft – aus Scham nur nie jemand offen darüber spricht.

Wer es für notwendig hält nachzuschauen welche „Farbe“ er bei mir einnimmt, ist gerne eingeladen vorbeizukommen – auf eigenes Risiko. Die Wahrheit kann wie jeder weiß auch schmerzlich sein. Aber ganz im Sinne der „rosa Beziehung“ zu mir selbst schütze ich mich jetzt und in Zukunft lieber vor der Energieverschwendung, jemandem etwas vorspielen zu wollen, um seine Gefühle nicht zu verletzen, vor allem, wenn dieser jemand für mich nur ein „türkiser Kontakt“ ist oder gar nicht erst in meinem Schaubild aufscheint.

Was sind eure rosa, orangen, gelben und türkisen Kontakte? Wie passend ist euer tatsächlicher Energieeinsatz zu der Intensität der jeweiligen Bindung, die ihr mit euren Mitmenschen fühlt? Ich kann mir gut vorstellen, dass dem einen oder anderen bei der Anfertigung eines ähnlichen Schaubildes einige Überraschungen bevorstehen…

Niklas

Eine Warnung bzw. Klarstellung: ich schreibe hier ausdrücklich über private Kontakte. Mir ist natürlich klar, dass im beruflichen Umfeld üblicherweise völlig andere Regeln gelten und Konsequenzen drohen.

Seit einigen Wochen arbeite ich an einer neuen Schule mit jeweils einigen Fachlehrer-Stunden in verschiedenen Klassen, und interessanterweise fällt mir auf, dass ich in den verschiedenen Klassen und Fächern jeweils sehr unterschiedlich unterrichte – von sehr eng geführtem frontalen Unterricht hin zu fast völliger Offenheit des Unterrichts in Sozialform, Lösung und selbst Aufgabe ist je nach Klasse, Fach und Tagesverfassung alles zu finden, und auch wenn es Methoden und Zugänge gibt, mit denen ich es weniger gewöhnt bin zu arbeiten (z.B. Frontalunterricht), so werden sie in den meisten Klassen gut angenommen. In den Klassen bin ich nun auf Anraten meiner Vorgesetzten auch zum ersten Mal der „Herr Baumgärtler“ statt des Niklas, was sich nach bisherigen Erfahrungen gut bewährt.

Und doch… gibt es eine Klasse, in der ich Stunden zu halten habe, mit der ich nach meinen eigenen – hohen – Ansprüchen bisher nur ungenügend zurechtkomme. Es handelt sich um jüngere Kinder, und da ich auch in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht habe, mit älteren Kindern und Jugendlichen am besten zurechtzukommen, war eine spontane Idee, mich zu erkundigen, ob ich nicht auf NMS-Lehrer umsatteln könne, etwa für Deutsch, Englisch, Mathematik und Geschichte. Aber der Forscher in mir gibt nur ungern auf, und da ich seit letzten Samstag angeschlagen und seit gestern auch offiziell krankgemeldet bin und die Zeit im Bett verbringen muss, hat mein Geist Zeit und Aufmerksamkeit, die Situation zu analysieren. Ich habe also eine Liste angefertigt mit Aufgaben und Situationen, die in der betreffenden Klasse gut oder nicht gut funktionieren – und dabei einige für mich interessante Entdeckungen gemacht.

Verteilungs-Kämpfe

Eine erste Entdeckung ist jene, dass die Kinder in dieser Klasse offensichtlich überfordert sind, wenn sie einen erlebten Mangel sozial auszuhandeln haben, wobei ich mit „Mangel“ etwa eine bestimmte Art von Stuhl meine, von denen es nicht genügend für alle Kinder gibt, auf dem aber alle Kinder sitzen wollen. Ändert sich etwas an der von einer Autorität festgesetzten Aufteilung dieser Mangel-Güter und entsteht ein offener Raum (z.B. weil ein Kind, das üblicherweise einen Stuhl besetzt, an einem Tag krank ist), so entsteht ein Interessenskonflikt, den die Kinder jener Klasse (noch) schwer untereinander aushandeln können – und schon gar nicht, wenn ich währenddessen versuche, ihnen etwas zu erklären. Der gleiche Effekt tritt beispielsweise ein, wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen, die nur jeweils einmal (oder eine bestimmte Anzahl Mal) zu erledigen sind – sofort setzt ein Macht- bzw. Verteilungskampf ein, der die Aufmerksamkeit vom restlichen Geschehen abzieht.

Man könnte nun als Lehrer verschiedene Strategien wählen, mit einer solchen Situation umzugehen, wobei ich mich in den letzten Wochen in dieser Klasse oft nicht ideal entschieden habe. Einerseits kann ich meine Autorität als Lehrer einsetzen, rasch eine Lösung herbeizuführen. Diese wird nicht immer ideal sein, weil ich oft nur ungenügende Informationen zur Verfügung habe. Ich kann versuchen, alle betroffenen Seiten anzuhören, um eine möglichst konstruktive Lösung zu finden, aber dies dauert oft lange und nervt diejenigen, die vom Konflikt nicht betroffen sind. Oder ich kann beispielsweise die Kinder dazu aufrufen, den Konflikt selbst zu lösen bzw. mich darauf verlassen, dass diese das schon untereinander schaffen. In jener Klasse habe ich die Fähigkeit der Kinder, Konflikte untereinander zu lösen, bisher wohl ziemlich überschätzt, was wohl mit dazu geführt hat, dass meine Autorität in dieser Klasse gelitten hat.

Unverlässliche Autoritäten sind keine Autoritäten

Autorität in einer Gruppe entsteht bzw. erhält sich durch die Erfahrung, dass man sich bei persönlicher Überforderung auf die Autorität verlassen kann, und in dieser Klasse war ich nun einige Male selbst so überfordert mit einer  Situation, dass dieses Vertrauen in mich als Autorität gelitten hat. Unverlässliche Autoritäten werden auf Dauer nicht mehr als solche wahrgenommen. Das schmerzt. Nagt am Ego eines Menschen, der sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Und doch… habe ich vor einiger Zeit hier auf diesem Blog darüber geschrieben, dass qualitatives Lernen, wirklich signifikante Weiterentwicklung nur durch Erleben und einem Sich-Stellen von Frusterfahrungen stattfindet, und ich glaube an die universelle Wahrheit dieser Aussage. Den Frust durchlebe ich, erst latent und nun, durch die Zeit zu reflektieren, die mir mein Körper durch die Krankheit und meine Vorgesetzte durch den Vorschlag, einen Tag auch offiziell krank zu sein, geschenkt haben, ungefiltert. Ich hoffe, dass er mich eine konstruktiven Lösung des Problems näher gebracht hat.

Ich werde also versuchen, in jener Klasse stabilere Verhältnisse zu schaffen oder zumindest nicht mehr durch eigenes Verschulden (z.B. unklar formulierte Arbeitsaufträge oder unnötigen Mangel und daraus resultierende Verteilungskämpfe) zusätzliche Überforderung für meine Schüler zu schaffen, und jene Rituale zu forcieren, die sich bisher bewährt haben bzw. Neuerungen behutsamer einführen. In all meiner Übermotivation übersehe ich manchmal den Fakt, dass auch ich nur ein Mensch bin, der die Überforderung meiner Schüler nur bis zu einem gewissen Punkt durch eigenen Einsatz ausgleichen kann, und dass dieser eigene Energievorrat auch von meinem eigenen Tageszustand abhängt.

Das meiste von dem, was ich für mehr Erfolg wissen müsste, habe ich wohl schon irgendwo auf diesem Blog niedergeschrieben. Aber zu wissen, was richtig wäre, ist alleine noch kein Garant dafür, auch das Richtige und Notwendige zu tun. Letzteres ist oft ein Kampf und harte Arbeit. Aber im Grunde liebe ich ja glücklicherweise auch die Herausforderung.

Niklas

Die letzten Wochen verbrachte ich in einer Art von Arbeitswut, wie ich es selbst von mir selbst noch selten erlebt habe, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich mich in Dinge, die mich faszinieren, völlig hineinsteigern und alles rund um mich vergessen kann. Das macht mich zu einem Menschen, der neue Dinge sehr rasch und sehr gut lernen kann, aber auch zu einem Menschen, der immer wieder in Gefahr läuft, die innere Instabilität so lange durch Übermotivation auszugleichen, bis auch diese Energie verbraucht ist. Der dann immer wieder nach Phasen des Übermuts verblüfft feststellen muss, dass die eigene Kraft eben doch nicht unerschöpflich ist, und dass er für all die versetzten Berge mit der Leere des nächsten Tages zu zahlen hat. Meistens werde ich dann krank, weil mein Körper keinen anderen Weg sieht, meinem übermotivierten Gehirn klarzumachen, dass es sich gerade überfordert.

Macht und Gewalt

Gestern war dann wieder einmal ein Punkt erreicht, der mir zu denken gab: ich war so genervt davon, dass einige Schüler es keine fünf Minuten schafften, sich nicht gegenseitig abzulenken, während ich einige wichtige Tagespunkte mitteilen wollte, dass ich wütend wurde. Nicht genervt, was öfter mal passieren kann, sondern so richtig wütend, und erklärte ihnen in durchaus lauterem Tonfall, dass mich ihr Verhalten tierisch nerve. Die beiden beruhigten sich, und ich konnte meine Durchsagen störungsfrei beenden, aber ich fühlte mich nicht gut dabei. Anfangs schob ich es auf meine Erkältung, aber im Endeffekt wusste ich, was der wahre Grund war: ich hatte einen Teil meiner Autorität geopfert, indem ich (eine leichte Form von) Gewalt ausgeübt hatte. Ich hatte Schüler, denen ich vorleben wollte, dass es auch ohne Gewalt gehen musste, vorgelebt, dass es ein legitimes Mittel war, um seine Ziele, so berechtigt sie auch sein mögen, durchzusetzen.

Überforderung

Ich fuhr also nach Schulschluss nach Hause und verbrachte den restlichen Nachmittag im Bett. Erkältungen sind sehr nervig, wenn man sie gerade nicht brauchen kann und dagegen ankämpfen will, aber manchmal auch ein Segen, wenn der Körper besser weiß als der Geist, dass es an der Zeit ist, nachzudenken, zu reflektieren und zu sich zu kommen. Plötzlich nämlich konnte ich spüren, dass ich mich in den letzten Wochen und Monaten selbst völlig überfordert hatte, indem ich meine Heimat und all die Menschen hinter mir ließ, die mir wichtig waren, um hier zu arbeiten und zu leben. Mein Kopf war ständig irgendwo mit Menschen und Dingen beschäftigt, die sich weit weg von mir befanden, noch unterstützt durch Skype und andere technischen Kommunikationsmöglichkeiten. Ich war kaum hier im Jetzt, sondern geistig immer woanders. Kein Wunder, dass ich mich unwohl fühlte.

Denn am Ende des Tages brauchen wir wohl alle echten Kontakt, mit echten Menschen. Und so gerne ich meine Schüler und meine Kollegen habe – ich habe im Umgang mit ihnen auch eine bestimmte Rolle zu erfüllen, die diesen Kontakt beeinflusst. Selbst wenn ich es persönlich für wünschenswert halte, diese Rollen weitgehend hinter uns zu lassen und uns als Menschen zu begegnen: ich glaube, das wird uns nie vollends gelingen.

Die Basis

Es mag Berufe und Berufungen geben, in denen es möglich ist, Höchstleistungen zu vollbringen und gleichzeitig sich selbst zu vernachlässigen. Der Lehrerberuf gehört wohl zu denjenigen, die Selbstvernachlässigung hart bestrafen. Das eigene Leben und die eigene Erfahrung außerhalb der Schule gehört wohl mit zur wichtigsten Ressource, auf die ein Lehrer zurückgreifen kann. Vernachlässigt er das eigene Leben, fehlt ihm die Basis für seinen Beruf.

Im Tai Chi Chuan gibt es ein Grundprinzip (ich hoffe, ich habe das auch richtig verstanden), das besagt, dass man seine Ziele erreichen soll, ohne dafür Kraft aufzuwenden, im Tao Te King heißt das wohl „arbeiten, ohne zu arbeiten“. Der Lehrer, der es vernachlässigt, auf seine „Basis“ achtzugeben, muss zusätzliche Energie aufwenden, um den Verlust dieser Energiequelle zu kompensieren. Aber diese Energie hat ihre Grenzen, und die Grenzen nennen sich wohl mittlerweile Burnout und Depressionen.

Demut

Es ist leicht frustrierend, wenn man immer wieder die gleichen Fehler macht, und mein großer, immer wiederkehrender Fehler ist wohl jener, dass ich dazu neige, meine Demut zu verlieren, wenn alles gut klappt. Immer dann, wenn dies passiert, ob es mir bewusst wird oder nicht, reibe ich mich innerlich auf und komme wieder an den Punkt, an dem ich vor mir selbst zugeben muss, dass ich mich verzettelt habe, dass ich nicht so genial bin, wie ich es gerne sein würde. Ich glaube, ich kann in meinem Leben vieles erreichen, wenn ich es vermeiden kann, in die Fallen von Hochmut und Ungeduld zu tappen, so schwer es auch manchmal ist, nicht übermütig zu werden oder alle Demut zu vergessen angesichts eines wolkenlosen Horizonts.

Also möchte ich tun, was mir die Demut befiehlt: am Montag vor die Schüler treten und mich bei ihnen entschuldigen. Einen neuen Weg suchen, mit den alltäglichen Problemen umzugehen, und versuchen, nicht mehr wütend zu werden, wenn für mich so logische und nachvollziehbare Wege nicht funktionieren wollen. Denn eine hochmütige Haltung ist schlecht vereinbar mit der Idee, dass auch ich mit meinen lächerlichen 25 Jahren noch nicht aus-gelernt bin, dass auch auf mich noch viele Überraschungen, positive wie negative, warten. Und so nebenbei: ein Leben, eine Schule, in der alles so funktioniert wie ich mir das vorstelle – wie langweilig wären sie auf Dauer? Wo bliebe da noch die Herausforderung?

Es ist manchmal schwer, in dieser Doppelrolle zwischen einem Vorbild, das manche Dinge einfach besser wissen sollte, und einem Vorbild, das bereit ist, noch dazuzulernen, den schmalen begehbaren Grat zu finden, ohne in Perfektionismus auf der einen Seite oder völlige Naivität auf der anderen Seite zu verfallen. Aber alles, was sich lohnt, zu tun, erfordert eben seinen Preis, und wenn es nur Lebenszeit ist, die man aufopfert, um zu lernen.

Niklas

In den letzten Wochen habe ich meinen Traum gelebt: einst eine eigene Schule zu gründen. Die Schule, zu der ich vor einigen Wochen hinzustiess, war kurz nach ihrer Gründung bereits eher vor dem Ende als vor einer glücklichen Zukunft, und ich trat hinzu in einer sehr chaotischen Situation, in der alle Beteiligten heillos überfordert schienen und aufgrund dieser Überforderung auch in ihrer Entscheidungsfindung beeinträchtigt waren. Glücklich über diese Chance, die ich mir seit langem erträumt hatte, warf ich mich in die Arbeit, mit dem Vorsatz, etwas Ruhe und Entspannung in die Situation zu bringen, damit sich alle Beteiligten wieder ein wenig besinnen konnten und entspannte, konstruktive Gespräche wieder möglich sein würden.

Ausbrennen

Die vor mir stehende Aufgabe war schwieriger, als ich erwartet hatte. Menschen, die über Monate unter enormen Stress gelitten hatten, weil sie etwas, was sie aus dem Nichts aufgebaut hatten und fürchteten, dass alles umsonst gewesen sein konnte, setzten naturgemäss nicht allzu viel Vertrauen in jemanden wie mich, einem Dahergelaufenen. Vor allem konnten sie sich naturgemäss in ihrer furchtbedingt eingeschränkten Perspektive nicht so sehr vorurteilslos einer Situation stellen. Meine mir selbst gestellte Aufgabe war es also, zum einen gestaltend in die Situation einzugreifen, um ein Arbeiten zu ermöglichen, mit dem ich zufrieden war, die Freiräume zu schaffen, die dafür nötig waren, gleichzeitig jedoch denjenigen die Furcht vor diesen Freiräumen zu nehmen, die die negativen Konsequenzen totaler Freiheit in traumatischer Weise erlebt hatten.

Es waren zu viele Fronten auf einmal, und da ich nebenbei meine Bachelor-Arbeit endlich fertigstellen wollte, um danach mehr Freiheiten für die Arbeit in der Schule zu haben, folgte daraus, dass es in den letzten Wochen kein Wochenende, eigentlich keinen einzigen Tag gab, an dem ich nicht noch nach Schulschluss stundenlang entweder für die Schule vorbereitete oder an meiner Bachelor-Arbeit schrieb. Ich bin selbst überrascht, dass mein Körper dies durchhielt, weil der normalerweise relativ empfindlich auf übermässigen Stress reagiert. Ich fühlte mich nicht immer wohl, aber nie unwohl genug, um ein Auskurieren zu rechtfertigen, und mit dem Weggang meiner Kollegin hatte ich auch das Gefühl, dass es als einziger Pädagoge schlicht nicht möglich war, sich auf sich selbst zu besinnen und schlicht einmal auszuspannen. Ich hatte schliesslich eine Aufgabe, und eine, der offensichtlich niemand sonst gewachsen war.

So schön das Gefühl war, gebraucht zu werden, und zwar nicht in einer Rolle als Pädagoge mit festgelegten Kompetenzen und Funktionen, sondern als Mensch mit all seinen Facetten, so völlig überfordert fand ich mich auch zeitweise wieder. Das Gefühl, unersetzlich zu sein, stiftet einerseits Sinn, gibt das Gefühl, für etwas da zu sein in dieser Welt, aber wenn eine sinnstiftende Aufgabe so überhandnimmt, wie es bei mir der Fall war, besteht offensichtlich die Gefahr, dass ein Mensch sich weitgehend bis völlig mit einer Aufgabe identifiziert und anderer Lebensbereiche vernachlässigt.

Stützkräfte

Gestern hatte ich grossartige Unterstützung von einer befreundeten Pädagogin, und es war der erste Arbeitstag an dieser Schule und es ist jetzt das erste Wochenende seit Wochen, an dem ich das Gefühl habe, tatsächlich für eine Weile loslassen zu können, weil ich die Last der Aufgabe nicht mehr alleine trage. Wir haben gemeinsam alles organisiert, was ich für Montag brauche, ich hatte die Möglichkeit, mit jemanden zu reflektieren, der mir gut tut und mir hilft, meine Gedanken zu ordnen, und ich konnte gestern endlich, nach Wochen, mich einfach ins Bett legen, entspannen und schlafen.

Als ich aufwachte, war eine Freundin von mir zu Besuch, zu der ich die letzten Tage und Wochen sehr abweisend gewesen war, weil mich ihre kleinen Unzulänglichkeiten, die ich sonst mit einem Lächeln übersehen hatte, plötzlich unglaublich zu nerven begonnen hatten. Nun etwas entspannt, war es mir möglich, mich für mein Verhalten zu entschuldigen und zuzugeben, dass ich mich ganz einfach selbst überfordert hatte. Wir beschlossen, Lebkuchen zu backen, hörten gute, gemütliche Musik dazu, und ich konnte förmlich fühlen, wie meine Anspannung der letzten Wochen einem überwältigenden Gefühl von Dankbarkeit zu weichen begann. Dankbarkeit, dass es auch in den schlimmsten Situationen immer wieder Menschen gibt, die dann für einen da sind, wenn man sie braucht.

Eine Umkehr

Meine Eigenschaft, mich ungehemmt in eine Aufgabe stürzen zu können, die mir gerade sinnvoll erscheint, hat neben all den positiven Aspekten wie dem, dass ich diese Aufgaben dann oft in wirklich toller Art und Weise angehen kann, auch eine Gefahr in sich: es besteht die Gefahr, sich in einer Aufgabe zu verlieren, ganz in ihr aufzugehen und sie nicht mehr als ganzer Mensch sondern nur noch als von einem Menschen gegebene Antwort auf jene Aufgabe zu beantworten. Eine vom Leben gestellte Aufgabe benötigt jedoch in meiner Erfahrung immer einen ganzen Menschen mit all seinen passenden und unpassenden Eigenschaften und Facetten, um sie sinnvoll beantworten zu können. Ein wirklich guter Lehrer ist nie nur Lehrer, sondern immer auch der Mensch dahinter, von dem seine Schüler auch über das Menschliche lernen können.

Ich glaube heute, dass ich, um mich derart ungehemmt in eine Aufgabe stürzen zu können, wie es manchmal eben auch nötig ist, ein festes Netz an Beziehungen brauche, das mich hält, das mir Halt gibt und das mich auffängt, wenn ich in Gefahr gerate, mich zu verlieren. Ein Netz, an das ich mich wenden kann, dessen Menschen aber auch auf mich schauen, wenn ich selbst den Überblick über das, was wichtig ist, zu verlieren drohe, weil die Gefahr durchaus real und furchterregend ist. Dieses Verlieren in einer Aufgabe, das vermutlich der Zeitkrankheit „Burnout“ sehr nahe kommt, ist es, vor der ich mich hüten möchte.

Es sind die kleinen Warnsignale: weniger selbst zu kochen und mehr Fertiggerichte zu sich zu nehmen, mehr Süssigkeiten unkontrolliert in sich hineinzustopfen, mehr Zeit damit zu verbringen, am Computer zu spielen oder sich im Internet abzulenken, andere Aktivitäten, die einem wichtig sind, einzuschränken, das nicht mehr weggehende Gefühl der Erschöpfung – die eine Entwicklung andeuten, der entgegenzuwirken ist. Es ist der Versuch, nie zur Selbstreflexion gelangen zu müssen, weil bei dieser Selbstreflexion auch Gefühle der Überforderung, die nicht zuzulassen sind, zu Tage kommen würden, und es wird erreicht durch Ablenkung: Essen, spielen, sich den Kopf zerbrechen über andere Themen.

Eine Einkehr

Ein Gegenmittel könnte ein Ritual sein, dass ich mir hiermit vornehme: jeden Tag für zumindest fünf Minuten in sich zu gehen und sich zu fragen, wie man sich tatsächlich fühlt, ohne zu werten und damit gewisse Gefühle von vornherein nicht zuzulassen. Die Moslems machen etwas in der Art fünf Mal am Tag, die Buddhisten nennen es Meditation, und ich kenne die positiven Effekte von früher und hoffe, dass ich dieses Ritual wieder mit einer gewissen Regelmässigkeit in mein Leben integrieren kann.

Abschliessend noch einige Worte, die aus diesem Reflektieren entstanden sind: Ich finde in mir ein enormes Kraftpotential, schwierige Situationen durchzustehen und auch andere dabei zu stützen, aber in all dem Stützen von anderen brauche ich hin und wieder auch jemanden, der mich stützt und mich einfach umarmt, damit ich auch weiterhin für andere da sein kann. Es ist schön, dass auch öffentlich zugeben zu können, und es befreit mich ungemein, es hier zu tun. An alle, die mir nahe sind oder mir sein wollen, ich bitte euch: wo es euch möglich ist, helft mir, auf mich selbst zu achten und sagt mir, wenn ihr das Gefühl habt, ich verliere mich wieder einmal.

Ich danke euch allen dafür, dass ihr da seid, weil ihr es seid, für die ich leben kann.

Euer Niklas