Die Filter unserer Wahrnehmung

Vor einigen Jahren durchlebte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich mich für ein glückliches Leben entschieden hatte. Wie diese glückliche Phase exakt begann, ist in den Untiefen meiner Erinnerung verloren gegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, mich dafür entschieden zu haben, Glück in die Welt auszustrahlen, und jegliche Reaktionen meiner Umwelt positiv zu interpretieren.

Die Konsequenzen waren unglaublich. Über Monate, Jahre traf ich kaum je einen Menschen, mit dem ich negative Erfahrungen gemacht hätte. Lernte fast tagtäglich wunderbare neue Menschen kennen, und fühlte mich im Großen und Ganzen pudelwohl mit mir selbst und meiner Umgebung. Mein Selbst-Vertrauen war groß, und noch größer war mein Welt-Vertrauen.

Jahre später sorgte ein ähnlich ausgeprägtes Urvertrauen in das Gute in der Welt dafür, dass ich in meiner Naivität die Möglichkeit politischer Intrigen und Machtkämpfe in meinem Arbeits-Umfeld völlig ausblendete, selbst als die Anzeichen dafür für jeden anderen offensichtlich gewesen wären. Es folgte eine längere Zeit, in der ich versuchte, mit diesem „realistischeren“ Weltbild klarzukommen. Eine wichtige Zeit, in der ich viel über die Komplexität des menschlichen Seins und Miteinanders gelernt habe. Aber glücklicher hat mich diese Zeit nicht gemacht.

Oft dachte ich an jene Zeit vor einigen Jahren zurück, als völlig unabhängig von äußeren Umständen in mir stets die Sonne zu scheinen schien, und fragte mich, warum es mir nun, Jahre später, so viel schwerer fiel, diesen unbeschwerten Zustand erneut zu erreichen. Natürlich hatten sich auch einige Umstände seit damals geändert: viele meiner besten Freunde hatten sich ebenso verändert, oder lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt von mir. Ich war voll ins Arbeitsleben eingetreten, die „Schonzeit“ des Studiums war nun offensichtlich vorbei.

Und doch… irgendetwas schien mir falsch daran zu sein, hier nur eine Art „natürlichen Verlauf“ eines Lebens nachgezeichnet zu sehen. Vor allem aber auch frustrierend: was für eine Verarschung war ein Leben, das einen erst 20-25 Jahre lang zeigte, wie sich Glück anfühlen kann, um dann nochmal 3-4x so lang zu sagen „Sry, diese Phase ist jetzt vorbei für dich“?

Und dann begann mich eine noch sehr nebulöse Idee nicht mehr loszulassen: dass unsere Identität und Weltbild möglicherweise gewissermaßen Filter darstellen – die wir bewusst kontrollieren lernen können.

Filter unserer Wahrnehmung

Ich stellte mir die Frage erneut, warum ich vor einigen Jahren jeden Tag unglaublich geniale Begegnungen hatte und jetzt nicht mehr. War es tatsächlich nur an meiner Entscheidung gelegen, die Welt positiv zu betrachten? Erschufen wir durch unsere Erwartungen – wie es manche behaupteten – tatsächlich erst die objektive Wirklichkeit?

Es schien irgendwie unrealistisch, davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre die Anzahl an sympathischen Menschen objektiv so dermaßen verringert hatte. Was also, wenn ich schlicht die Fähigkeit eingebüßt hatte, sie wahrzunehmen? Angenommen, auch heute würden sich ca. gleich viele geniale Menschen in meinem Umfeld bewegen, aber ich wäre gewissermaßen „blind“ für sie geworden: würde ich dann nicht in meiner subjektiven Wahrnehmung keine sehen, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus da waren? Ich hatte sie gewissermaßen aus meinem subjektiven Erleben „ausgefiltert“. Und da mein subjektives Erleben mein tatsächliches Erleben darstellte, erlebte ich die Welt eben nun nicht mehr so interessant und voll sympathischer Menschen als früher.

Dies würde sich selbst dann nicht ändern, wenn in meinem Umfeld aus irgendeinem äußeren Grund plötzlich doppelt so viele sympathische Menschen herumlaufen würden – ich würde sie trotzdem nicht sehen können, weil ich dann eben doppelt so viele Menschen aus meinem bewussten Erleben ausfiltern würde. Oder umgekehrt: wenn ich mehr sympathische Menschen treffen möchte, reicht es nicht, auf bessere Zeiten zu hoffen – ich muss stattdessen meinen Filter „säubern“ bzw. neu einstellen.

Das hatte ich wohl damals ohne es zu wissen richtig gemacht: ich hatte meine Filter darauf eingestellt gehabt, mir hauptsächlich positive Seiten der Welt zu zeigen. Vermutlich passierte damals ebenso viel Negatives und Positives wie jetzt auch, aber damals hatte ich durch meine Entscheidung das Negative ausgefiltert, und dadurch fast nur Positives erlebt.

Nun, die letzten Wochen, habe ich ganz bewusst damit experimentiert, und festgestellt, dass das Phänomen beständig ist: wenn ich meine Filter bewusst zu lenken beginne, verändert sich mein subjektives Erleben entsprechend. Ich beginne wieder, Möglichkeiten wahrzunehmen, die ich die letzten Jahre von vornherein herausgefiltert hatte. Treffe plötzlich wieder unzählige interessante Menschen. Irgendetwas muss dran sein an meinem Filter-Konzept…

Unser mehrstufiges Filtersystem

Die Schwierigkeit, mit diesen Filtern zu arbeiten, ist, dass wir sie meistens unbewusst einsetzen. Unsere bewusste subjektive Wahrnehmung ist ja bereits vorgefiltert, daher ist es schwierig, den Filterungs-Prozess überhaupt zu bemerken.

Glücklicherweise kann uns der Vergleich unseres Erlebens mit unserem vergangenen Erleben (wie oben beschrieben) helfen, oder auch der Vergleich mit anderen Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als wir. Ein eher depressiv „gefilterter“ Mensch wird in der Welt andere Möglichkeiten wahrnehmen als ein positiv „gefilterter“ Mensch, und uns mit anderen zu vergleichen, zeigt uns die Realität auf, dass ein jeder Mensch filtert.

Da ich erst dabei bin, mit dem Konzept der Filter zu experimentieren, hier nur eine Art erste Skizze, wie unsere Filter-Hierarchie nach meinen ersten Experimenten und Reflexionen aufgebaut sein könnte:

Ganz unten finden wir die Welt, wie sie ist.

Unsere Sinne sind der erste Wahrnehmungs-Filter. Alles, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können, bleibt uns verborgen. Daraus entsteht unsere Wahrnehmung, gewissermaßen die Rohe Summe an Sinnes-Eindrücken.

Diese große Anzahl an Sinnes-Eindrücken wird nun eingeordnet in bekannte Muster, um sie zu deuten. Unser Bewusstsein nimmt diese ja nicht in Roh-Form wahr, sondern in ihrer angenommenen „Bedeutung“. Es kann nur deuten, was es einordnen kann. Kann es Sinnes-Eindrücke nicht einordnen, so entsteht Unklarheit/Überforderung. Dieser Filter ist gewissermaßen unser Bild von der Welt.

Ein weiterer Filter ist unsere eigene Identität. Möglicherweise deuten wir unsere Wahrnehmung korrekt, dass ein Mensch an unserer Stelle nun diese oder jene Handlungsmöglichkeiten hätte, aber wir als der Mensch, der wir sind, schränken diese weiter ein, um unsere Identität nicht infrage stellen zu müssen. Beispielsweise mag die Deutung der Situation aufgrund der Vorfilterung anzeigen, dass ein Anschreien des Gegenübers angebracht wäre, aber als „Mensch, der nie andere anschreit“ (=Identität) tun wir das nicht.

Ein bewusstes Verändern der Filter

Erfolgreiche Menschen haben möglicherweise einfach ein konstruktiveres Filter-System, das ihnen Möglichkeiten sichtbar macht, die andere aus dem bewussten Erleben herausfiltern würden. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich, wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, eine Zeit lang (korrekterweise) gemeint habe, ich „mache mich gerade selbstständig“. Diese Identität filtert die tatsächlichen Möglichkeiten in einer Situation anders, als würde ich von mir selbst behaupten, ich „bin selbstständig“. Vielleicht fällt es mir beispielsweise als „neuer“ Selbstständiger schwerer, für meine Angebote Geld zu verlangen, als es mir als Selbstständiger (ohne den Zusatz “bin gerade dabei es zu werden) fallen würde.

Wie aber verändert man nun tatsächlich seine Filter? Das kommt meiner Ansicht nach ein Stück weit auf die Art des Filters an, den man verändern möchte. Möchte man seine Sinnes-Filter verändern, kann man direkt seine Sinne verfeinern. Etwa wenn jemand, der gerne Wein trinkt, einen feineren Gaumen bekommen möchte, oder ein Musiker sein Gehör trainiert.

Will jemand seinen Filter verändern, der die Einordnung und Deutung der Wahrnehmung betrifft, so wird er sich damit beschäftigen, alternative und komplexere „Muster“ zu erlernen, um seine Wahrnehmung verfeinert zu den Deutungen zuordnen zu können, die ihnen entsprechen. In meinem Fall beispielsweise habe ich die letzten Jahre gelernt, auch die „dunkle Seite“ des menschlichen Miteinanders wahrnehmen und korrekter deuten/einschätzen zu können. Es hat mich in der Zeit nicht glücklicher gemacht, aber mich in stimmigeren Kontakt mit der Welt gebracht. Man könnte sagen, meine Deutungen der Wahrnehmung ist realistischer geworden, weil ich mehr Möglichkeiten habe, sie in verschiedene zur Verfügung stehende Muster einzuordnen und entsprechend zu deuten.

Geht es um den Filter der eigenen Identität, so kann der universelle Entwicklungskreislauf, über den ich bereits viel geschrieben habe, hilfreich sein. Kaum jemand schafft es auf Dauer, gegen das eigene Selbstbild zu handeln, deshalb ist es wichtig, auch diesen Filter genau zu betrachten.

Die drei Filter bauen gewissermaßen aufeinander auf – jemand, der beispielsweise nur einen sehr groben Sinn für Emotionen hat, z.B. nur subjektiv „gute“ von „schlechten“ unterscheiden kann, dessen Einordnung der Sinnes-Informationen wird (in diesem Bereich) auch nur eine geringe Komplexität erreichen können. Wenn dieser Jemand nun lernt, feiner zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, so wird es ihm auch leichter fallen, seine  Umgebung einschätzen zu lernen. Meine Sensibilität für Emotionen ist beispielsweise extrem ausgeprägt, jene für das Riechen lächerlich gering.

„Glück“ filtern?

Ist an diesem zugegebenermaßen noch etwas nebulösen Filter-Modell etwas dran, so würde es für mich gut erklären, warum ich vor einigen Jahren schlicht durch Entscheidung eine so glückliche Zeit erlebt habe: ich hatte bewusst meinen Filter der Deutung der Welt so „eingestellt“, dass ich überall Schönheit und Möglichkeit wahrnahm, und die „negativeren“ Interpretationen der Welt schlicht herausgefiltert hatte. Das machte es einfach, an das Gute in der Welt zu glauben, und einfach für die Welt, mir mein Weltbild zu bestätigen, weil ich das Positive, das ich in der Welt annahm, auch selbst ausstrahlte.

Es machte mich aber auch verwundbar, von der „dunklen Seite“ des Menschlichen, die ich dabei ausfilterte, überrumpelt zu werden. Es verhinderte, dass ich die Fähigkeit zur Einordnung und Deutung entwickelte, aus den für andere wohl offensichtlichen Anzeichen in meiner Umgebung schlau zu werden und mich entsprechend für die bevorstehenden Kämpfe zu rüsten. Gewissermaßen zog ich fröhlich, nichtsahnend und unbewaffnet in einen Krieg gegen gut vorbereitete Gegner – den ich natürlich haushoch verlor.

Es waren schmerzliche Erfahrungen, aber auch wertvolle: die Welt nur positiv zu filtern, reicht nicht. Man muss auch die andere, „dunklere“ Seite sehen können, um gerüstet zu sein. Muss – wie es in einigen Kampfkünsten so schön heißt – lernen zu kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen.

Die Welt an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Unsere subjektive Welt jedoch, die Welt, die wir erleben, für die sind wir mitverantwortlich, weil unsere Filter sie gestalten.

Niklas

P.S.: Nächsten Dienstag, 19:00, halte ich im FreiRaumWels einen Vortrag über den universellen Entwicklungskreislauf, die Wochen drauf auch noch weitere. Bitte weitersagen – und natürlich auch selbst vorbeischauen, wenn sichs irgendwie ausgeht 🙂

#125 Essentiell

Nun war es also soweit.
Nach all den Jahren, in denen sie sich doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit getroffen hatten, war es immer schwieriger geworden, noch Zeit füreinander zu finden. Man war umgezogen, hatte geheiratet, war Vater oder Mutter geworden, und auch im Allgemeinen ein anderer Mensch. Noch war ein Rest lebendig von jener wunderbaren Anziehungskraft, die sie alle einst vereint hatte, von der Wurzel der liebgewonnen Traditionen. Doch mehr und mehr wurde fühlbar, dass irgendetwas seltsam hohl geworden war, die realen Erfahrungen den freudigen Erwartungen an die Zusammenkünfte nicht mehr genügten.
Endlich wieder ein Spieleabend. Und am Ende dann doch nicht, ein müder Abklatsch alter Traditionen. Spiele waren genügend vorhanden, auch die Menschen hatten sich versammelt, doch gespielt wurde immer weniger.

Und dann hatte er zufällig den anderen alten Freund wiedergetroffen, an den er Tage zuvor oft mit Wehmut gedacht hatte. Auch mit ihm verband ihn die Erinnerung an andere Zeiten, als sie noch zu dritt beinahe jeden Tag miteinander verbracht hatten. Spielend, erforschend die Welt mit lockeren Lachmuskeln und dem Gefühl, die Welt stände jenen offen, die sich an und in sie wagten. Auch heute noch kamen sie hin und wieder zusammen, aßen gemeinsam und erzählten sich von früher, als alles noch anders war. Doch die Frequenz ihrer Zusammenkünfte hatte sich verändert. Anstatt beinahe täglich trafen sie sich nun nur noch etwa alle 2-3 Monate. Und ohne große Überraschung stellte er fest, dass es nicht daran lag, dass sie alle zu viel zu tun hatten. Sondern daran, dass sie sich anders als früher kaum mehr etwas zu sagen hatten.

War dies also der natürliche Verlauf menschlicher Beziehungen? Man lernte sich kennen, erfreute sich eine Zeit lang aneinander, bis man sich auseinanderlebte? Die Erfahrung schien die These zu bestätigen, und doch wehrte sich ein Teil von ihm dagegen, dies als absolute Wahrheit zu akzeptieren. Denn er hatte auch Ausnahmen von der Regel erlebt, und erlebte sie auch heute noch immer wieder. Was unterschied jene Ausnahmen also, und war es möglich, aus den Ausnahmen die Regel zu machen?

Eine alte Bekannte durchbrach seine Gedankenspiele mit einem Lächeln, setzte sich zu ihm. Immer schon hatte er eine Verbindung zu dieser Frau gefühlt, wann immer er sie erblickt hatte, aber nie war es zu mehr als kurzen Gesprächsfetzen gekommen, begleitet von einem losen Gespür für das Potential einer tieferen Verbindung. Doch dieses Mal war es anders. Rasch war die Musik des Lokals in den Hintergrund getreten, und Stunden später fand er sich in tiefem Austausch von Seelen wieder, der ihm eine Antwort auf die Frage schenkte, die ihn so beschäftigt hatte:

Der Spieleabend, das war eine nützliche Form gewesen, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, um dem lebendigen und wertvollen Kontakt, der ihm vorausgegangen war, auch im Alltag zu stützen. Über lange Zeit hatte er seine Funktion erfüllt, aber nun, beinahe 10 Jahre später, waren sie der Form entwachsen wie Kinder ihrer Kleidung. Vielleicht war es an der Zeit, ihn als nicht mehr passende Form aufzugeben, und eine neue, passendere Form zu finden. Denn die Essenz ihrer Verbindung, die Vorfreude auf ein Wiedersehen, eine Erneuerung des Kontaktes, war noch immer spürbar.

Ja, nun war es also soweit, das Alte sterben zu lassen, um neue Formen zu gebären.
Zeit, sich wieder mehr von dem inneren Ja leiten zu lassen, das doch die Urmutter jenes Kontaktes gewesen war.

Warum die Welt sich nicht für uns ändert

„Es wäre alles viel leichter, wenn du nur anders wärst.“ Warum uns dieser Satz nicht weiterbringt – und was stattdessen hilft: Der Welt erlauben, sich in unserem Sinne zu verändern.

Im Grunde sind für mich vier Faktoren dafür verantwortlich, ob die Veränderungen stattfinden, die wir uns wünschen:

Sind wir bereit hinter den Vorhang des „Zufalls“ zu blicken?

Ach, warum nur habe ich so viel Pech? Würde es doch eine Möglichkeit geben, das zu ändern!

Es gibt viele Menschen, die sind durchaus zufrieden damit, sich von den Wogen mitreißen zu lassen, die sie „Zufall“ nennen. Passiert ihnen etwas, das sie als „negativ“ erleben, so nennen sie es „Pech“. Passiert ihnen etwas, das sie als „positiv“ erleben, so nennen sie es „Glück“.

Der aufmerksame Leser hat vermutlich schon entdeckt, dass ich mehrere Mal die Phrase „passiert ihnen“ verwendet habe. Menschen, die so denken, betrachten sich je nach Ausgang einer Situation als Opfer oder auch Nutznießer des Schicksals, dem sie ausgeliefert sind. Jemand oder etwas im Außen handelt, und sie sind den Konsequenzen dieses Handelns ausgeliefert.

„Zufall“ ist jedoch im Grunde nur eine Umschreibung für einen Vorgang, den wir (noch) nicht verstehen. Für einen blutigen Anfänger ist der Aktienhandel mehr oder weniger ein Glücks-Spiel, für jemanden mit mehr Erfahrung ein berechenbares Risiko. Einen Volleyball in die gewünschte Richtung zu baggern ist für den Anfänger ein Glücksspiel, für den Profi vorhersehbar.

Wer sich wie ich für Geschichte interessiert, wird feststellen, dass es zu allen Zeiten Phänomene gegeben hat, die sich niemand erklären konnte und die als „Zufall“ oder „göttliche Fügung“ betrachtet wurden. Irgendwann wurde dann durch engagierte Interessierte mehr und mehr Licht in diese „Blackboxen“ gebracht, und damit erhöhte sich die Chance, dem „Zufall“ höhere Wahrscheinlichkeiten für das Eintreffen des gewünschten Ausganges abzuringen.

Ich möchte damit keinesfalls ausschließen, dass es nicht durchaus etwas wie „göttliche Fügung“ geben könnte – mein Ziel ist es nicht, gläubige Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Umschreibungen im Alltag ein wenig zu inflationär gebraucht werden, und es für manche Menschen durchaus sinnvoll wäre, sich zu fragen wie die „Mechanik“ eines zufälligen Ereignisses tatsächlich zustande kam. Vor allem dann, wenn die “Zufälligkeit” eines Ereignisses sehr subjektiv zu sein scheint.

Noch einmal: Was wir „Zufall“ nennen, sind Vorgänge, die wir bisher noch in zu geringer Komplexität erforscht haben. Sind wir bereit, uns der Erkenntnis zu stellen, die hinter dem Etikett „Zufall“ auf uns wartet? Die Antwort entscheidet darüber, ob wir das erste Hindernis zur Veränderung überwinden und uns aus der Opfer-Rolle befreien.

Damit können wir handeln.

Durchschauen wir die Illusion der direkten Kontrolle anderer?

Meist ist die sichtbare Veränderung die wir uns wünschen außerhalb von uns selbst zu finden. Wir wollen mehr Geld auf dem Konto, dass der Mitarbeiter endlich bessere Leistungen erbringt, dass die Kollegin aufhört uns zu mobben oder die Regierung zur Abwechslung einmal sinnvolle Gesetze verabschiedet. Mit uns selbst ist ja alles in Ordnung, aber die Welt da draußen müsste doch einsehen, dass…

Das Problem dabei ist jedoch, dass ein jeder dieser Menschen, die wir gerne verändert hätten, einen eigenen Kopf hat, mit eigenen Gedanken. Und vielleicht sogar im selben Moment davon träumen, dass wir uns endlich ändern, damit ihre Welt erträglicher wird. In der Informatik wäre das ein klassischer „Deadlock“, bei dem nichts mehr weitergeht, weil jeder darauf angewiesen ist, dass der andere endlich was macht, bevor er selbst handelt. Und so vergeht die Zeit, ohne dass Veränderung eintritt…

Andere hingegen versuchen den direkten Weg, andere zu beeinflussen, etwa indem sie Chef eines anderen werden und sich der Illusion hingeben, dieser würde nun machen was man wolle, eben weil man Chef sei oder weil man ihn bezahle. Was hierbei ausgeblendet wird ist wiederum eine Art „Blackbox“, die in dem Mitarbeiter abläuft und ihn im Endergebnis dazu führt für den Chef zu tun was dieser verlangt. Solang der Chef aber diese Blackbox nicht tiefer versteht wird es ihm möglicherweise eines Tages ergehen wie Kristen Hadeed in ihrem Buch „Permission to screw up“ anschaulich beschreibt: „ohne Vorwarnung“ kündigen auf einen Schlag 75% der Belegschaft. Autsch!

Wir können andere Menschen zu einem bestimmten Punkt beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Wir können lernen, den Grad unserer Möglichkeit Einfluss zu nehmen zu erhöhen, indem wir die Komplexität aushalten, tiefer in ihre „Blackbox“ zu sehen (manche nennen das auch „sich besser kennenlernen“). Aber 100%ige Kontrolle dabei erreichen zu wollen halte ich für nicht sinnvoll.

Was wir jedoch durchaus kontrollieren (= direkt steuern) können, ist uns selbst: unser Körper, unsere Emotionen, unser Geist. Und hierbei finden wir paradoxerweise auch den Schlüssel zur Veränderung im Außen. Wie das funktioniert?

Öffnen wir Räume für Innovationen oder motivieren wir nur?

Warnhinweis: Wenn wir Räume öffnen, könnten wir auch positiv überrascht werden.

Am einfachsten als mentales Bild darzustellen ist dies, wenn wir uns um alle Menschen eine Art 3-dimensionale Form vorstellen, die jeweils an die Formen der anderen Menschen anliegt. Diese Formen stellen unser Sein im Alltag dar, das wir gewöhnt sind. Wenn ich nun jemanden direkt verändern will, so stoße ich mit Druck in seine Form vor, was ihn zu Abwehr-Reaktionen ermuntern wird: Druck erzeugt Gegendruck. Verändere ich jedoch meine Form, indem ich zwischen seiner Form und meiner Raum eröffne, so lade ich ihn damit ein, sich durch die Veränderung seiner alten Form an meine neue Form anzupassen, um wieder einen stimmigen Kontakt zwischen uns herzustellen. Dies hat gleich 3 Vorteile:

  • Der Andere tut es freiwillig und in seinem Tempo, es kostet mich weniger Kraftanstrengung
  • Diejenigen, die gegen meine Veränderung sind, bleiben auf Distanz
  • Ich schenke meiner Umwelt Raum, mich positiv zu überraschen

Anstatt meine Energie und Zeit zu vergeuden, jemanden an einen Ort zu schieben, den er gar nicht erreichen will, lade ich ihn stattessen ein und mache den Weg frei. Menschen, die meine Veränderung nicht mit mir mitgehen können oder wollen, zeigen dies, indem sie auf Distanz bleiben und nicht erneut Kontakt suchen (ich verschwende meine Energie nicht an Menschen, die dies ohnehin nicht schätzen). Indem ich Raum öffne, können andere mich auf Arten beschenken, an die ich selbst gar nicht gedacht hätte, hätte ich ihr Verhalten steuern wollen.

Dies ist übrigens – kurz zusammengefasst – eines der Geheimnisse meines Erfolges als Lehrer. Ich bringe Schüler nicht direkt dazu zu tun was ich für richtig halte, sondern öffne ihnen Raum, das, was ich von ihnen verlange (Grenzen des geöffneten Raumes), auf dem für sie passendsten Weg zu erreichen. Weil es ihr Weg ist den sie selbst gewählt haben, muss ich sie auch nicht von außen motivieren (=“anschieben“), sie bewegen sich selbstständig durch eigenen Impuls.

Wenn der Schlüssel zur Veränderung in uns selbst liegt und allen zugänglich ist, warum wenden ihn dann so wenige Menschen an? Um dies zu verstehen, müssen wir uns dem Phänomen der Anhaftung widmen.

Unterliegen wir der Anhaftung?

Was soll die blöde Frage? Natürlich brauch ich das alles noch!

Haftung zu haben, also wo befestigt zu sein, ist an sich ein neutraler Zustand ohne Wertung. Problematisch wird es, wenn wir uns in Bewegung setzen wollen und gleichzeitig noch irgendwo anhaften. Wer seine Hand noch auf der Türklinke hat und nicht loslassen will, gleichzeitig aber vor hat jetzt 20 km zu laufen, der wird nicht weit kommen (oder die Tür mitschleppen müssen).

So plump dieses Beispiel auch gewählt ist: genau so agieren tagtäglich Millionen von Menschen weltweit. Wir „wollen“ aufhören zu rauchen, trotzdem aber hin und wieder „beim Fortgehen“ eine rauchen. Wir „wollen“ den Sixpack-Körper, aber trotzdem den ganzen Tag nur Computer spielen oder im Büro sitzen und uns nicht bewegen. Oder, subtiler: wir wollen uns das Verhalten unseres Partners nicht mehr gefallen lassen, aber sind nicht bereit, ihn im Ernstfall zu verlassen. Wir wollen, dass eine Kollegin aufhört uns zu mobben – sind aber nicht bereit, ihr deutlich zu machen, dass sie Grenzen übertritt, weil wir kein “Menschen der herumschreit” sein wollen.

Die meisten Menschen, die davon sprechen was sie wollen, setzen ihr „Wollen“ deswegen nicht in Handlungen um, weil diese Handlungen voraussetzen, dass sie bestimmte Anhaftungen aufgeben, ohne die sie fürchten nicht auskommen zu können. Wer aber zu vielen Anhaftungen erliegt, wird bewegungsunfähig und damit – um im vorherigen bildlichen Beispiel mit den Kugeln zu bleiben) unfähig, Raum für Veränderungen zu schaffen.

Wer also beispielsweise einer klassischeren Vorstellung des Lehrer-Seins anhaftet, wird Schwierigkeiten haben, ähnliches mit Kindern zu erleben wie es mir geschenkt wurde. Nicht weil es dieser Person grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern weil die Identifikation (=Anhaftung) mit einem bestimmten Bild vom Lehrer-Sein die Verhaltensweisen verbietet, die notwendig wären, um einen solchen Raum zu öffnen.

Wie man sich von seinen Anhaftungen befreien kann füllt ganze Bibliotheken voller Bücher, deswegen erspare ich mir diesen Aspekt vorerst. Aber eigene Anhaftungen als Ursache anzuerkennen, warum die Welt noch nicht so ist wie man sie gerne hätte hilft schon einmal ungemein, die Verantwortlichkeiten klarer zu sehen.

Wie wir die Welt verändern

Wie verändern wir nun also unsere Welt? Wir anerkennen, dass Glück, Pech und Zufall nur Umschreibungen sind für „noch (!) nicht verstanden“ – und ein Auftrag, tiefer zu forschen. In diese „Blackbox“ zu blicken hilft uns später, gute und passende Räume für Veränderung zu eröffnen.

Wir anerkennen ebenso die Grenzen dieses Zuganges, und das wir was außerhalb von uns selbst ist nur beeinflussen, niemals vollends kontrollieren können.

Wir anerkennen, dass der energieeffizienteste Weg, Veränderung im Außen zu bewirken, eine Veränderung in und an uns selbst ist, mit der wir Zwischen-Räume eröffnen, die das Außen auf kreative Weise füllen kann.

Und letztlich anerkennen wir, dass wir dort, wo wir dies nicht vermögen, eine konstruktive Veränderung durch unsere eigenen inneren Anhaftungen blockieren – und es selbst in der Hand haben, diese aufzulösen, wo die Veränderung die wir uns erwünschen dieses Opfer wert scheint.

Die Welt verändert sich nicht für uns. Aber sie verändert sich, und wenn wir ihr den passenden Raum dafür schenken, auch durchaus in unserem Sinne.

Niklas

P.S.: Wenn euch dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich, wenn ihr ihn mit anderen Menschen teilt, denen er auch gefallen könnte 😉

Vom Opfer zum Gestalter

In den letzten Tagen hat mich die Frage viel beschäftigt, was manche Menschen zu Opfern ihrer Umstände werden lässt und andere nicht. Was unterscheidet Menschen, die „ihr Schicksal in die Hand nehmen“, von jenen, die ein „schweres Schicksal“ haben? Tatsächlich nur äußere Umstände – oder gibt es womöglich andere Faktoren, die den Unterschied ausmachen, Faktoren, die man erlernen und damit auch lehren könnte? Immerhin handelt es sich bei dieser Frage um die Feststellung einer Grundvoraussetzung selbstständigen Lernens oder gar Lebens an sich: sind manche Menschen „geborene Opfer“, oder können selbst jene, die sich ihr Leben lang immer wieder als Opfer erlebt haben, diesen Teufelskreis durch eigene Initiative bzw. auch Begleitung von außen schließlich durchbrechen? Und falls dieses Wissen lehrbar ist, wäre es nicht ein sehr wertvolles Wissen?

Zufällige oder systemische Opfer

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir als ersten Schritt eine erste Grundunterscheidung treffen, und zwar zwischen einem zufälligen Opfer-Sein und einem systemischen Opfer-Sein. Ein zufälliges Opfer kann beispielsweise Mann sein, der auf offener Straße von einem sein Opfer wahllos auswählenden Räuber überfallen wird. Natürlich könnte man im Nachhinein feststellen, der Überfallene sei durch seine eigene Entscheidung zu genau jenem Zeitpunkt an jener Stelle gewesen, aber in den meisten Fällen wird der Überfallene keine Möglichkeit gehabt haben, dies im Vorhinein zu wissen. Wird jemand zufällig zum Opfer, ist sein Opfer-Dasein keine direkte Folge seiner vorangegangenen Entscheidungen, oder umgekehrt: Der Täter hätte genauso gut jemand anderen für seine Tat auswählen können. Handelt es sich um ein zufälliges Opfer-Sein, so bleibt dieses Erlebnis für die meisten Menschen ein isoliertes, sich nicht-wiederholendes.

Was aber ist mit Menschen, die immer wieder zum Opfer werden, die sich wiederholt in ähnlichen Grundmustern wiederfinden? Es wird sehr rasch sehr problematisch und kompliziert, wenn es zum Beispiel um Gewalt- oder Sexualverbrechen geht, Traumatisierungen und so weiter, weswegen ich (auch aus Mangel an fundierter Kompetenz) diesen Bereich eher ausblenden möchte. Stattdessen möchte ich die Frage eingrenzen: in sozialen Situationen, etwa wenn jemand wiederholt seinen Job verliert, von seinem Partner verlassen wird und Ähnlichem. Gerade in diesen Bereichen nämlich fällt mir bei vielen Menschen ein interessantes Muster auf: sie bewerten die Macht der (äußeren) Bedingungen höher als die Macht ihrer (inneren) Entscheidungen. Die Entscheidungen, die sie jetzt im Moment mit dem Ziele der Überwindung der einschränkenden Bedingungen treffen, scheinen ihnen – metaphorisch ausgedrückt – nicht kraftvoll genug, die Mauern der äußeren Bedingungen zu durchbrechen oder zumindest zu überspringen.

Die unterschätzte Komponente der Zeit

Oftmals haben sie damit sogar Recht. Nur weil ich mich hier und jetzt entscheide, 1x/Woche laufen zu gehen, heißt dies nicht, dass ich das auch wirklich umsetzen werde, wenn meine Bedingungen (Zeitdruck, Gewohnheiten, vielleicht auch schwerfällige Körpermasse, …) zu erschwerend scheinen. Was Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, von wiederholten Opfern unterscheidet, ist wohl die Einbeziehung der Zeit-Komponente. Fügt man der (Un-)Gleichung „Entscheidung < Umstände“ ein Zeitverständnis hinzu, so können wir feststellen, dass die Umstände die uns umgeben die Folge der Summe unserer vergangenen Entscheidungen sind. Was wiederum bedeutet, dass wir, indem wir jetzt eine Entscheidung treffen, die für sich alleine zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreicht, um die Bedingungen zu überwinden die uns einschränken, mit dieser Entscheidung im Jetzt die zukünftigen Bedingungen verändern. Ohne der Einbeziehung der Zeit-Komponente hätte es tatsächlich keinen Sinn, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, wenn die umgebenden Bedingungen sie unausführbar machen (ich bin Opfer und kann nichts daran ändern). Mit ihr aber werden wir selbst zum Mit-Schöpfer nicht nur unserer Entscheidungen, sondern auch der Bedingungen, unter denen diese Entscheidungen umgesetzt werden. Anstatt uns als Opfer zu erleben, erleben wir mit der Zeit (im mehrfachen Sinne) unsere Selbst-Wirksamkeit.

Das Opfer im Beziehungsnetz

Nun mag jemand richtigerweise einwerfen, schön und gut, aber wir sind ja nicht alleine auf der Welt, und unsere äußeren Bedingungen sind nicht nur die Folge unserer Entscheidungen, sondern der Entscheidungen vieler anderer Akteure ebenso – was als isolierte Aussage völlig korrekt ist. Jedoch ermöglicht auch hier die Einbeziehung der Zeit-Achse einiges an „Spiel-Raum“. Obwohl wir uns unsere Bezogenheit zu bestimmten Menschen und Räumen nicht ohne weiteres aussuchen können (etwa die Befolgung der Gesetze – sie zu ändern ist zwar möglich, aber sehr langwierig und schwierig), können wir uns doch immer wieder für, gegen oder auch für eine bestimmte Art der Bezogenheit zu unseren Mitmenschen entscheiden und damit die Bedingungen für unsere eigenen Entscheidungen entscheidend beeinflussen. Wenn etwa der enge Kontakt zu einem alten Freund sich mit den Jahren nicht mehr passend anfühlt, können wir uns – die statische Variante – über ihn beschweren, und dass er ständig mit uns Kontakt haben will – oder aber die Beziehung zu ihm entsprechend unserer aktuellen Bedürfnisse anpassen.

Natürlich wird diese „Anpassung“ im Kontakt bei vielen Mitmenschen zumindest im ersten Moment einen gewissen Widerstand auslösen, aber auch hier mag wieder unser Bild hilfreich sein: wenn ich jetzt unzufrieden bin und mich als Opfer fühle, ist das die Folge meiner vorangegangenen Entscheidungen. Wenn ich dieselbe Entscheidung im Jetzt wiedertreffe, werde ich mich auch beim nächsten Mal wieder als Opfer der Umstände fühlen. Treffe ich hingegen jetzt eine Entscheidung, die in Zukunft meine Bedingungen verändern könnte, kann ich aus meinem Opfer-Dasein ausbrechen und wieder handlungsfähig werden.

Der Vorteil dieses Zugangs liegt zusätzlich noch darin, dass er auch dort zum Handeln ermutigt, wo es „offensichtlich“ sinnlos erscheint zu handeln. Anstatt ergebnisorientiert zu handeln wird das Handeln vom (direkten) Ergebnis abgekoppelt, um – wenn die direkte Überwindung der äußeren einschränkenden Bedingungen nicht gelingt – zumindest indirekt durch die Beeinflussung dieser äußeren Bedingungen einen Vorteil in der oben beschriebenen Ungleichung „Entscheidung < Umstände“ zu ermöglichen. Und zwar indem der Betrag des Unterschieds so lange verringert wird, bis sich „die Vorzeichen ändern“.

Nachtrag: Aber was bedingt Entscheidungen?

Nochmals darüber geschlafen ist mir aufgefallen, dass noch ein relevantes Puzzle-Teil in unserem Modell fehlt: warum fällt es manchen Menschen leichter, sich für bestimmte Handlungen zu entscheiden und diese Entscheidungen auch umzusetzen?

Ich glaube, dass wir zur Beantwortung dieser Fragestellung überprüfen sollten, ob der betreffende Mensch fähig und willens ist, für sich selbst Prioritäten zu setzen – und nun wirds philosophisch: eine Art Grundgesetz des Lebens ist es für mich, dass ein jeder Moment meines Lebens einzigartig ist und nie mehr in der exakt gleichen Form wiederkommen wird. Jeder Moment meines Lebens entspricht damit einer einzigen Chance, ihn möglichst so zu gestalten, wie er für mich am wertvollsten werden kann, sowohl auf diesen Moment selbst bezogen als auch im Zusammenspiel mit den vorhergehenden und den danach kommenden Momenten (womit wir wieder bei der Einbeziehung der Zeit-Komponente wären). Unabhängig von den getroffenen Entscheidungen selbst lässt sich daraus ableiten, dass zwar die Anzahl an möglichen Optionen zur Gestaltung eines Moments gegen unendlich tendieren, die Anzahl der konkreten Umsetzungs-Durchläufe je Moment jedoch nur 1 beträgt. Anders ausgedrückt: die Chance ist hoch, sich falsch zu entscheiden.

Es steht uns wohl nicht zu, die Prioritätensetzung eines anderen Menschen in seiner Wertigkeit zu beurteilen, aber eine besondere Art der Entscheidung lässt sich dennoch gesondert betrachten: die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, sich möglichst viele Optionen offenhalten zu wollen. Was auf den ersten Blick sogar vernünftig wirken mag (wer hat nicht gern viele Optionen?), führt in der Praxis rasch dazu, dass die Prioritätensetzung eines solchen Menschen von seinen äußeren Bedingungen diktiert wird. Wenn ich frage: Was ist möglich?, so orientiere ich mich an äußeren Bedingungen, nicht an meinen inneren Prioritäten und Wertvorstellungen.

So beängstigend dies sich anfühlen mag (weil es einen jeden von uns, unabhängig vom Umfeld, in die eigene Verantwortung nimmt): die Entscheidung für unsere jeweils einzigartigen Prioritäten bedingt das Werturteil unserer Entscheidungen, und die Folgen dieser Entscheidungen bedingen die Umsetzbarkeit unserer Prioritäten in der Zukunft.

Niklas

Das Problem der Aktivierungsenergie

Das folgende Modell ist so simpel wie universal, dass es sich auf beinahe alle Lebensbereiche anwenden lässt, wo es um Änderungen des Verhaltens geht. Im Grunde lässt es sich folgendermaßen zusammenfassen:

Um energiefressende Verhaltensweisen oder Umstände zu verändern, ist für eine gewisse Zeit der Einsatz zusätzlicher Einsatz von Energie notwendig, bevor die Veränderung sich positiv auf die Energiebilanz auswirken kann. Die so eingesetzte Aktivierungs-Energie kann also als eine Art „Investition in die Zukunft“ betrachtet werden.

Einige Beispiele

Um das Konzept ein wenig besser zu verdeutlichen, will ich es mit Beispielen aus verschiedensten Lebensbereichen untermauern:

Mein Mitbewohner spielt seit einiger Zeit mit dem Gedanken, mit dem Rauchen aufzuhören, empfindet es allerdings als „zu anstrengend“. Gleichzeitig fällt ihm sehr wohl auf, dass seine Kräfte durch das Rauchen empfindlich geschwächt sind und es seinem Körper zu schaffen macht. Auf den Moment betrachtet ist die Entscheidung, nicht zu rauchen, anstrengender als die Entscheidung, weiterzurauchen, langfristig betrachtet würde er – auch laut seiner eigener Aussage – davon profitieren, aufzuhören. Ein ähnliches Muster findet sich bei den meisten Süchten wieder. So beschreibt etwa auch Christiane F. in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ihren ersten Entzug sinngemäß als „einige Tage Leiden“, bevor es besser und leichter wurde.

Noch alltäglicher wird für viele meiner Leser die Entscheidung sein, rauszugehen in die Sonne oder Sport zu treiben. Wenn ich gemütlich in meiner Wohnung sitze, ist es manchmal doch eine Willensanstrengung, vor die Tür zu gehen. Bin ich dann erst einmal draußen und bewege mich, wundere ich mich, überhaupt darüber nachgedacht zu haben, drinnen zu bleiben. Ähnlich die Entscheidung, bestimmte Speisen und Gerichte zu bestimmten Zeitpunkten zu essen – rein ausgehend von der Lust am Schmecken könnte man ja den ganzen Tag essen, aber langfristig sinnvoll wird es im Alltag nicht sein.

Und letztlich ein Beispiel aus dem Schulalltag: ich kann mir als Ziel vornehmen, tagtäglich die mir anvertrauten Schüler in eine gewisse Ruhe zu bringen und mit ihnen durchzuarbeiten, was ich für richtig halte. Ich kann aber auch versuchen, so in sie zu „investieren“, dass sie langfristig selbstständiger an ihrer eigenen Weiterentwicklung arbeiten können und mich immer weniger brauchen. Die zweite Variante kann, wie ich nun bereits an mehreren Schulen erlebt habe, gerade in der Anfangsphase sehr an den eigenen Kräften zehren, aber sie lohnt sich üblicherweise nach einigen Wochen.

Das Problem der dunklen Nacht des Glaubens

Paulo Coelho hat in einem seiner zahlreichen Bücher einen Begriff geprägt, den ich wunderschön finde: die dunkle Nacht des Glaubens. Er beschreibt damit die Situation, in der unser Glauben an einen langfristigen Nutzen eines kurzfristigen Aufwandes auf die Probe gestellt wird. So verbringt die Heldin des Buches eine Nacht alleine (in einem Wald, wenn ich mich recht erinnere), bekommt Angst, will die Prüfung, die ihr von einem Magier gestellt wurde, abbrechen, schläft dann irgendwann doch erschöpft ein, um am nächsten Tag gereifter zu erwachen. Sie hat ihrem Meister (Magier) vertraut, obwohl ihr momentanes Erleben ihr geraten hat, die Situation zu verlassen, und wurde belohnt.

Das Problem der dunklen Nacht des Glaubens ist allerdings, dass die Nacht oft zu furchterregend wirkt oder der Glaube an den Morgen danach zu schwach ist, um sie durchzumachen. Der Raucher fängt doch wieder an zu rauchen, der Heroin-Abhängige wird rückfällig, der Übergewichtige stopft sich doch nachts heimlich wieder voll. Oder in der Schule: der Lehrer zweifelt doch am langfristigen Nutzen seines zusätzlichen Energieaufwandes und hakt die Öffnung des Unterrichts als „ausprobiert, funktioniert nicht“ ab. Möglicherweise muss ein Lehrer, der sich aufmacht, einen auf langfristiges Wachstum seiner Schüler ausgerichteten Unterricht zu erteilen, nicht nur mit seinen eigenen Zweifeln kämpfen, sondern auch noch jene der Eltern, Kollegen oder Vorgesetzten mittragen, die jenen Glauben an das Mögliche als Irr-Glauben wahrnehmen und den Häretiker dementsprechend bekämpfen und zum rechten Glauben zurückzuführen gedenken. Es handelt sich wohl im Grunde um denselben Prozess, den ein Raucher in einer Gruppe von – ebenso rauchenden – Freunden durchmacht, wenn er mit dem Rauchen aufhören möchte: er muss bereit sein, zusätzlich zu den Schwierigkeiten des Aufhörens selbst noch ein hohes Maß an Gruppendruck auszuhalten, der ihn in eine andere Richtung zu drängen versucht, als er es möchte. Nicht wenige scheitern.

Eine Trennung von Staat und Religion in der Schule?

Paulo Freire, einer meiner großen Helden der Pädagogik, hat in seinen Büchern geschrieben, es gäbe keine apolitische Bildung – wer sich als apolitisch bezeichnet, unterstütze nur das vorherrschende System. Was er nicht geschrieben hat, aber meines Erachtens – nach längerem Nachsinnen über dieses Thema – ebenso zutrifft, ist dass es keine nicht-spirituelle Bildung geben kann. Die Erklärungsmodelle, an die der jeweils einzelne Lehrer glaubt, sei er christlich geprägt, Muslim, agnostisch, atheistisch, ein Zeuge Jehovas oder was auch immer, werden Einfluss darauf haben, was er in seinem Unterricht für möglich oder sinnvoll hält. Im Hinblick auf konkrete schulische Rituale (morgendliches Beten/Singen, …) und Gespräche über religiös-spirituelle Themen, vor allem aber indirekt im Sinne der Auffassung des Lehrers, in welcher Beziehung Menschen zueinander, zu ihrer Welt, keinem, einem oder mehreren Göttern und vielen anderen wichtigen Komponenten stehen. Welche Verhaltensweisen definiere ich für mich als „böse/schlecht“, was als „gut“, und welche Definitionen habe ich überhaupt für das Böse an sich? Halte ich es für meine Aufgabe, das „Böse“ im Menschen zu bekämpfen, oder gestehe ich ihm einen Platz in dieser Welt zu? Menschen streiten dann über pädagogische Methoden, ohne die Wurzel ihrer Bewertungen – politische un spirituelle Einstellungen –  auch nur anzuschneiden.

Die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen hat jedoch ganz reale Konsequenzen für den täglichen Unterricht für jeden einzelnen Lehrer und die ihm zugewiesenen Schüler, und doch wird Religion/Politik an Schulen üblicherweise eher ausgelagert an die für diese Belange zuständigen „Experten“ wie Religionslehrer oder Lehrer für politische Bildung.

Je nachdem, wie ich diese Fragen für mich beantworten werde, wird es mir auch leichter oder schwieriger möglich sein, die uns alle erwartenden dunklen Nächte des Glaubens zu überstehen, sei es im Alltag oder in der Schule. In meinem eigenen derzeitigen Menschenbild bestätigt sich in verschiedensten Situationen immer wieder, dass es üblicherweise langfristig sinnvoller ist, für eine gewisse Zeit mehr Energie zu investieren, um später die „Früchte“ ernten zu können, etwa ein entspannteres Miteinander nach einem aufgeladenen, aber nun gelösten Konflikt, oder einer Klasse von Schülern, die nun statt äußerer Disziplin, kontrolliert und organisiert über den Lehrer, weitgehend über innere Disziplin der Schüler arbeiten kann.

Warum überhaupt Aktivierungsenergie einsetzen?

Das eingangs beschriebene Problem der Aktivierungsenergie, das so häufig davon abhält, das langfristig sinnvollere und für alle Seiten lohnendere zu tun, ist für mich ein universales, ebenso wie es die Lösung sein könnte: zu glauben. Sich – nach einem Check der notwendigen Ausrüstungsgegenstände – zu erlauben, in die dunkle Nacht zu gehen, dort zu zittern, zu fürchten, zu zweifeln. Um sich dann um so mehr am strahlenden Morgen eines nächsten Tages erfreuen zu können.

Es steht einem jeden frei, dies zu tun oder nicht. Doch mit der Zeit äußert sich die so „eingesparte“ Zeit und Energie wohl in den meisten Fällen entweder als eigene Unzufriedenheit mit den Anforderungen des „so harten Schicksals“ oder in einer gewissen Asozialiät gegenüber anderen, die dann die Konsequenzen der eigenen von energetischem „Geiz“ bestimmten Entscheidungen ausbaden müssen. Beides halte ich für nicht sonderlich wünschenswert, weswegen ich die Problematik der Aktivierungsenergie als hilfreiches Konzept und theoretische Sicherheit in der jeweiligen Situation auch so schätze.

Niklas

Verkettete Abhängigkeiten

Letzten Sommer zog ich vom Norden Deutschlands zurück nach Oberösterreich. Eine Freundin von mir hatte uns eine Wohnung organisiert, in die wir am 1. August einziehen konnten – oder zumindest war das der Plan. Aufbauend auf diesen Versicherungen bot mir meine Schwester an, ich könnte einige meiner Sachen bis zum 1. August bei ihr unterstellen, so dass ich die letzten Juli-Tage nicht mit einem vollgepackten Bus herumfahren musste. Da dieser zunehmend Öl und Wasser zu verlor, plante ich, ihn sofort nach dem Umzug am 1. August reparieren zu lassen.

Tatsächlich verzögerte sich der Einzug in die Wohnung dann auf „unbestimmte Zeit“, was zur Folge hatte, dass ich meine auf dieser Abmachung basierenden Verpflichtungen nicht oder nur schwer einhalten konnte. Ich war dann – um die Abmachung mit meiner Schwester einzuhalten, die Sachen am 1. August wieder abzuholen, gezwungen, den Bus wieder mit all den Sachen vollzustopfen, und da ich ihn am 14. August wieder (repariert) brauchte, um jemanden vom Flughafen abzuholen und nicht wusste, wie lange eine Reparatur dauern würde, machte ich massiv Druck auf meine zukünftige Wohnungskollegin, mir endlich ein verlässliches Einzugsdatum zu nennen.

Am Ende klappte dann doch alles irgendwie, wenn auch fern von idealen Abläufen. Die Bus-Reparatur kostete mehrere Tausend Euro, der Einzug war am 10. August möglich und die Urlaubsreise mit meinem Gast, den ich vom Flughafen abholen sollte, dauerte statt 10-14 Tagen nur 5 Tage, was nicht unbedingt einem entspannten Miteinander entspricht.

Warum ich die Geschichte (oder einen Teil davon) erzähle? Weil sie geeignet ist, einige immer wieder auftretende Prozesse aufzuzeigen, die sich in vielfältigen Formen ständig im Alltag wie auch in der Schule abspielen.

Domino-Effekte

Ein interessantes Phänomen, das sich in der Geschichte zeigt, ist der Domino-Effekt, den einzelne Versäumnisse auf andere Menschen haben können. Da ich einige meiner Entscheidungen und Abmachungen mit anderen Menschen auf dem Einzugsdatum des 1. August basierte, war mit dem Fallen des Einzugstermins unklar, ob ich meine eigenen Verpflichtungen erfüllen würde können. Besonders unerträglich fand ich damals die Aussicht, dass sich das Einzugsdatum auf „unbestimmte Zeit“ verschieben würde, weil ich damit nicht einschätzen konnte, ob es schlauer war, die Sachen aus dem Bus bei anderen Freunden unterzubringen und ihn erst mal reparieren zu lassen oder die Sachen im Bus zu lassen, weil es ohnehin nicht mehr lange dauern konnte. Meine weiteren Entscheidungen waren in jener Situation abhängig davon zu treffen, wann ich in die Wohnung konnte. Ohne diese Information war es schwer bis unmöglich, gute Entscheidungen zu treffen.

Weitergegebener Druck

Aus dieser Verunsicherung heraus machte ich damals meiner zukünftigen Wohnungskollegin massiv Druck, mir einen verlässlichen Einzugstermin zu besorgen (sie war damals verantwortlich für die Klärung jener Fragen und wollte dies auch nicht ändern). Es stellte sich heraus, dass auch unser zukünftiger Vermieter von seinen Handwerkern hängen gelassen worden war und die Wohnung schlicht noch nicht fertig renoviert war. An jeder Stelle der Abhängigkeitskette hatten die einzelnen Akteure versucht, Druck auf das vorherige Glied der Kette auszuüben, was den Druck vom Ende der Kette bis zu ihrem Anfang weitergegeben hatte.

Interessanterweise kommt es jedoch üblicherweise nur selten vor, dass einzelne Menschen einen Überblick über die gesamte Kette an Abhängigkeiten haben. Meist sehen wir nur 1-2 Glieder weit, ohne zu überblicken, dass jene Glieder wiederum von anderen Menschen abhängig sind, die oft nicht „liefern“, was sie versprochen haben. Es wäre auch ein Stück weit anstrengend, so viele Stufen von Abhängigkeiten für jede Entscheidung durchdenken zu müssen. Kaum jemand, der in einem Supermarkt eine Karotte kaufen will, möchte sich überlegen, wie viele Menschen reibungslos zusammenarbeiten müssen, damit diese Karotte in diesem Supermarkt für mich bereit liegt. Wir verlassen uns einfach darauf, dass es so ist. Gibt es wider Erwarten an einem bestimmten Tag keine Karotten zu kaufen, wird eben der Besitzer des Supermarktes als verantwortlich angesehen, unabhängig davon, ob er selbst die Hauptverantwortung für das Nicht-Funktionieren der ganzen Kette zu tragen hat oder nicht.

Einerseits ist es für den Durchschnittsmenschen wohl auch einfach leichter, sich nicht mit allen Verkettungen beschäftigen zu müssen, andererseits ist es bei uns normalerweise auch sozial nicht sehr angesehen, sich darauf herauszureden, dass jemand anderer seine Verpflichtungen nicht eingehalten hat. Wenn ich bei jemandem eingeladen bin und mich jemand gebeten hat, ihn mitzunehmen, dieser dann aber morgens nicht hochkommt und einige Minuten zu spät zu mir kommt, so dass wir beide zu spät kommen, werde üblicherweise trotzdem ich als Fahrer gescholten. Oder auf die Schule bezogen: Verliert sich ein Kind bei einem Wandertag in der Betrachtung der am Weg wachsenden Blumen und trödelt dementsprechend herum, wird beim Zuspätkommen der ganzen Gruppe auch die Lehrerin verantwortlich gemacht, dass die Gruppe zu spät kam, nicht das trödelnde Kind.

Warum Schule gezwungen scheint, Druck auszuüben

Nun kommen wir zu einem interessanten Phänomen: üblicherweise wird (wie oben beschrieben) ein Lehrer dafür verantwortlich gemacht, ob und was ein Kind lernt oder tut. Ersteres von außen kontrollieren zu wollen halte ich ohnehin für ein ziemlich absurdes Unterfangen, aber was ein Kind tut oder zumindest zu tun scheint lässt sich durchaus von außen steuern – wenn man bereit ist, Druck auszuüben. Dies ist nicht immer notwendig, um ein bestimmtes Verhalten zu erreichen, immer wieder werden Kinder auch von selbst Interesse für das entwickeln, was von ihnen verlangt wird, oder ihrem Lehrer weit genug vertrauen, seinen Anweisungen zu folgen. Aber wo dies nicht der Fall ist, werden Lehrer trotzdem dafür verantwortlich gemacht, was die ihnen anvertrauten Kinder machen. Wenn ein Kind laut ist, ist der Lehrer schuld, es nicht beruhigt zu haben. Wenn ein Kind sich weigert, eine Rechen-Übung zu machen, die es machen soll, ist der Lehrer schuld, es nicht dazu gebracht zu haben.

Mir geht es hierbei nicht um die Frage, ob es sinnvoll ist, dass ein Kind leise ist oder sein kann oder eine bestimmte Übung macht – sondern um die Druck-Kette verketteter Abhängigkeiten. Und damit ein Lehrer seine Arbeit gegenüber Eltern, Kollegen, Direktion und Gesellschaft „vorzeigen“ kann, ist er faktisch abhängig vom Verhalten seiner Schüler. Er muss, um den Erwartungen, die an ihn gestellt sind, zu erfüllen, die Schüler dazu bringen, den Erwartungen, die an sie gestellt werden, zu erfüllen. Ähnlich eine Hierarchiestufe aufwärts zwischen Direktoren und Lehrern und so weiter. Das kann auf freundliche Weise geschehen – oder unter Androhung und Anwendung von Druck bis hin zu Gewalt.

Den Druck nicht 1:1 weitergeben?

Ein jeder innerhalb dieser Kette an Abhängigkeiten kann sich jederzeit entscheiden, den Druck nicht weiterzugeben. Ein Direktor kann sich vor seine Lehrer stellen und ihnen mehr Freiräume gewähren. Ein Lehrer kann sich vor seine Schüler stellen und ihnen mehr Freiräume gewähren. Aber ein jeder, der so handelt, muss damit zusätzlichem Druck standhalten, belastet sich selbst mit dem Druck, den er von seinen ihm Anvertrauten nimmt. Es ist einfacher, den Druck, der auf einem selbst lastet, einfach weiterzugeben. Bequemer, und noch dazu üblicher.

Eine Bekannte hat mir unlängst erzählt, sie hätte einmal eine Kollegin gehabt, die sich „reingesteigert“ habe und versucht habe, den Druck von den Schülern fernzuhalten. Nach wenigen Monaten habe sie den Schuldienst mit Burnout verlassen. Auch selbst habe ich die massive Überforderung, die dadurch entstehen kann, schon ansatzweise spüren dürfen. Es braucht wohl eine gewisse innere Festigkeit, braucht Unterstützungssysteme, ob kollegial, ob in Form eines Unterstützungs-Netzwerks oder im privaten Umfeld. Ansonsten ist kaum eine nachhaltige Lösung wahrscheinlich.

Nichtsdestotrotz halte ich ein Graswurzel-Vorgehen immer noch für realistischer, auch nur in Ansätzen etwas zum Positiven für alle Beteiligten, Kinder, Pädagogen, Direktoren, Eltern und wer auch immer noch beteiligt sein mag, beizutragen, als darauf zu warten, dass von oberster Stelle (Bildungsministerium beispielsweise) sinnvolle und nachhaltige Veränderung auf den Weg gebracht wird. Die Kette an Abhängigkeiten, die Entscheidungen ganz oben durchlaufen müssen, bis sie bei den Kindern ankommen, ist wohl schlicht zu lang. Aber auf Klassen- wie Schulebene ist vielleicht etwas zu machen. Hier mag es tatsächlich auf den Einzelnen ankommen.

Niklas

Struktureller Druck

Ich beschäftige mich nun schon seit längerer Zeit mit der Frage, was Strukturen eigentlich sind. Einerseits kenne ich das Gefühl, dass Strukturen sehr einengend wirken können, andererseits aber auch jenes, dass sie befreiend sein können. Ich kann also beide Parteien, jene, die mehr Struktur und Ordnung fordern, und jene, die sie völlig ablehnen, nachvollziehen. Um da irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, müssen wir uns wohl genauer damit befassen, was „Struktur“ eigentlich ist oder sein kann. Beim Schreiben sind mir dann einige sehr interessante Erkenntnisse gekommen, die ich mit euch teilen möchte.

Was meine ich mit einer „Struktur“?

Weil „Struktur“ erfahrungsgemäß ein Wort ist, das von verschiedenen Menschen je nach eigener Erfahrung sehr unterschiedlich verstanden wird, möchte ich zum Anfang dieses Artikels eine Art von Begriffsklärung stellen. Da ich eine Vorliebe für abstrakte und damit auf viele konkrete Situationen anwendbare Konzepte habe, werde ich den Begriff vorerst sehr allgemein halten und erst später mit Beispielen konkretisieren. „Struktur“ bedeutet für mich eine Art „Verfestigung“ von Handlungen. Im Gegensatz zum völlig freien Willen, der jede Entscheidung völlig unbeeinflusst trifft, ist der Wille innerhalb von dem, was ich „Strukturen“ nennen möchte, nicht völlig frei, sondern eher in seinem Fluss in „bestimmte Richtungen gelenkt“. Wie es Viktor Frankl sinngemäß ausdrückt: Die Bedingungen schaffen die Grenzen des Handlungsspielraumes, der Wille entscheidet innerhalb dieser Grenzen. „Strukturen“ sind für mich diese Grenzen des Handlungsspielraumes, die „fester“ sind als das Innere des Raumes. Sie sind nicht unzerstörbar oder unverrückbar, aber „fester“ – wie etwa die Verfassung eines Staates „fester“ ist als normale Gesetze.

Dieses Prinzip lässt sich nun auf zahlreiche konkrete Bereiche anwenden. Individuelle Gewohnheiten können eine Art von Struktur sein. Gesetze. Definierte Abläufe in Unternehmen. Verträge. Verabredungen. Gruppennormen. Beziehungen. Der Charakter eines Menschen. Der Hunger-, der Sexualtrieb. Die bauliche Struktur einer Schule. Im Grunde alles, was eine Art „festere“ Begrenzung eines ansonsten frei fließenden Entscheidungsspielraumes darstellt – und zwar nicht nur die „offiziellen“, transparenten Strukturen, sondern auch jene, die implizit, im Verborgenen wirken.

Warum brauchen wir Strukturen?

Weil unsere (bewusste) Willenskraft in Wahrheit lächerlich klein ist. Es scheint zwar gewisse individuelle Unterschiede zwischen Menschen zu geben, aber im Grunde bewegen sich diese in einem Bereich, der für die Grundfrage irrelevant ist. Zahlreiche Versuche, das Gegenteil zu beweisen, haben durch die Geschichte jedes Mal wieder bewiesen, dass jene Menschen, die sich aus zu einengenden Strukturen gekämpft haben, nach kurzer Zeit wieder versucht haben, neue Strukturen auszubilden, seien sie explizit (Ausrufung der Demokratie) oder eher implizit (Kommunen mit Gruppennormen, die „fast ohne Regeln“ funktionieren). Totale Freiheit, der so häufige Traum so vieler sich eingeengt fühlender Menschen, scheint auf Dauer eher ein Albtraum zu sein. Der Mensch will wohl wählen können, was er tut, aber er braucht offensichtlich eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten, um überhaupt wählen zu können. Wieder: die ideale Anzahl an Möglichkeiten ist individuell unterschiedlich, die Notwendigkeit der Begrenzung an sich scheint jedoch universell zu sein.

Interessanterweise gibt es nicht nur Strukturen, die als äußere Grenzen fungieren, sondern auch jene, die innere Grenzen festlegen. So gibt es zum Beispiel in der Struktur einer Freundschaft (die der individuelle Mensch jeweils anders definieren wird) möglicherweise eine äußere Grenze, die besagt, dass Ex-Freundinnen des Freundes tabu sind, aber auch eine innere Grenze, die besagt, dass „echte Freunde sich mindestens 1x/Woche anrufen“. Während äußere Grenzen den Handlungsspielraum einengen und damit zu Frust führen kann („aber ich bin verliebt in deine Ex-Freundin!“), stellen innere Grenzen eine Art Mindest-Leistungs-Anspruch dar, der strukturellen Druck erzeugen kann.

Struktureller Druck

Ein jeder von uns befindet sich ständig in einem weitverzweigten Netz von Strukturen, die sein Handeln bewusst oder unbewusst beeinflussen. Einige dieser Strukturen sind Bedürfnisse des Körpers (Hunger->Essen beschaffen), andere sind Folgen von Beziehungsstrukturen, Gruppennormen, eingegangen Verpflichtungen und so weiter. In vielen dieser Strukturen bestehen neben äußeren Grenzen auch innere Grenzen, also Leistungsansprüche an eine Person. Manche davon sind explizit (z.B. bei Verträgen oder Gesetzen), ein sehr großer Teil davon auch implizit (in Familienstrukturen oder bei Freundschaften etwa). Vor allem die impliziten inneren Grenzen können sich in ihrer Masse sehr rasch zu einem überwältigenden Druck aufsummieren, der eine Überforderung an die eigene Kapazität darstellt.

Das geht eine Weile gut, weil man mit Willenskraft über einige Tage, Wochen oder wenn notwendig auch Monate überbrücken kann. Und während eine leichte Überforderung sogar zu positiven Lerneffekten führen kann, ist eine langfristige massive Überforderung ein Patentrezept für a) Burnout oder b) dem unkontrollierten Ausbrechen aus einigen Verpflichtungen. Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich etwa selbst einfach ohne Vorwarnung umgekippt, hab mir beim Fall Nase und Kinn blutig geschlagen und dann drei Tage im Krankenhaus verbracht. Keine Körperlichen Probleme an sich, nur monatelange Überarbeitung aufgrund groben Personalmangel aus finanziellen Gründen, den unser übermotiviertes Team mit reiner Willenskraft ausgleichen wollte. Das war eine Notbremse meines Körpers, die mich dann doch sehr zum Nachdenken gebracht hat.

Das Problem bei mir war – und ich denke, es geht vielen Menschen ähnlich – die Beantwortung der Frage „Wer bin ich?“. Meine Arbeitsweise ist des manchmal gekennzeichnet von großen Energieschüben und danach entsprechenden Niedrig-Energie-Phasen. Weil es dem Ego mehr schmeichelt, ist man natürlich eher geneigt, die Hoch-Phasen als „Normalzustand“ und die Tief-Phasen als Ausnahme anzusehen, wobei die Realität wohl irgendwo dazwischen liegt. Nur: wenn ich meine strukturellen Verpflichtungen basierend auf einer zwar schmeichelnden, aber in der Realität doch eher überzogenen Vorstellung meiner Kapazitäten eingehe, ist die Chance groß, dass ich mich schon rein strukturell überfordere und in eine Art Teufelskreis gerate. Eine leichte Überforderung oder selbst eine größere, wenn sie klar begrenzt ist und eine Erholungsphase beinhaltet, halte ich für durchaus Wachstumsfördernd, aber eine zu große und dauerhafte Überforderung erscheint mir schlicht nicht mehr nachhaltig, weil es ein Raubbau an den eigenen Kapazitäten ist.

Eines der großen Schwierigkeiten mit strukturellem Druck ist, dass es rasch zu einer Verwechslung von Ursache und Auslöser kommen kann, wenn der Druck zu groß ist und die Kapazität nicht mehr reicht. So kann eine ohnehin massiv unter strukturellem Druck stehende Person im Gespräch mit dem Partner plötzlich „überkochen“ und den Partner für alles Mögliche verantwortlich machen, z.B. „weil der nie mithilft“. In einem Wutanfall, ausgelöst durch einen Satz des Partners aber verursacht durch die selbst gestaltete Überforderung des gesamten strukturellen Drucks, wirft sie ihm alle möglichen Dinge an den Kopf, er fühlt sich verletzt, verlässt sie vielleicht sogar. Wenig später lernt sie einen anderen Mann kennen, auch er kommuniziert ein Bedürfnis nach mehr Nähe, was wieder zusätzlichen strukturellen Druck in ihr erzeugt, und das Muster wiederholt sich, weil sie nicht gelernt hat, den übrigen, von ihm völlig unabhängigen strukturellen Druck besser zu managen

4 Wege, mit strukturellem Druck besser umzugehen

Ein mittel- bis langfristig gangbarer Weg ist es, die eigene Kapazität zu erhöhen. Dies inkludiert das Achten auf den eigenen Körper im Sinne der Bewegung, Ernährung und genügend Schlaf. Ebenso Training der mentalen Fähigkeiten und Stimulierung des Geistes im Allgemeinen. Dort, wo möglich, auch die Verarbeitung von Traumata und anderen Belastungen, die mentale Energie und Kapazitäten bündeln, solange sie unverarbeitet wirken.

Eine zweite Möglichkeit ist das Entwerfen und anwenden von effizienten Hebeln. Die eigene Willenskraft ist im Grunde ziemlich begrenzt, und auch, wer sie steigert, wir damit allein nicht allzu weit kommen. Mit Hilfe von „Hebeln“ kann man diese begrenzte Kraft in ihrer Wirkung jedoch oftmals multiplizieren. Ich denke, die meisten meiner Leser werden das Prinzip der Hebelwirkung kennen, drum verzichte ich an dieser Stelle auf Beispiele und belasse es bei dem Impuls, dass das Prinzip der Hebelwirkung nicht nur im Physischen anwendbar ist.

Eine dritte Möglichkeit ist die Bitte um Hilfe. Wenn ich mich auf andere Menschen wirklich verlassen kann und mit ihnen gut zusammenspiele, vervielfältigt sich unsere gemeinsame Kapazität wiederum um ein Vielfaches. Zudem ist signifikantes Lernen leichter, wenn es Menschen gibt, die mich vertrauensvoll begleiten und leiten können. Kapazitätssteigerungen und bessere Hebel können die Folge sein.

Die vierte Möglichkeit ist es, sich die Strukturen selbst genau anzusehen, in denen man sich bewegt. Tatsächlich ist dies die Methode, die ich im Alltag bei anderen Menschen am allerwenigsten beobachten kann, obwohl sie meiner Ansicht nach die allermächtigste der vier Möglichkeiten ist. Im Grunde gibt es zwei wichtige „Methoden“: die der Analyse/Sichtbarmachung und jene der Veränderung. Ich behaupte mal mutig, dass ca. 95% aller Menschen oder mehr nur zu einem geringen Teil eine Ahnung haben, innerhalb welcher Strukturen sich eigentlich bewegen. Unter anderem deswegen, weil der Großteil der Menschen den Großteil der sie beeinflussenden Strukturen nie hinterfragt hat und sie deswegen gar nicht als Strukturen wahrnimmt – beispielsweise Familien-Normen oder abstrakt-gesellschaftliche Systeme. Es werden als Konsequenz oftmals Strukturen als bekämpfenswert erlebt (etwa „der Kapitalismus“ oder „die Banken“), was möglicherweise oft auch nur die Folge der Nicht-Hinterfragung ganz anderer Strukturen sein kann. Ich will nicht behaupten, dass es an einem Kapitalismus nichts zu kritisieren gäbe. Aber teilweise sind die Gründe für die Kritik, die ich von Bekannten höre, erheblich einfacher und auch effizienter auf anderer Ebene zu lösen als in einem globalen Systemwechsel, und eine nur auf diese Möglichkeit aufgebaute Sichtweise verdammt fast zwangsweise zum Opfer-Dasein. Ist es erst einmal möglich, einen guten Überblick über den strukturellen Druck, der auf einem lastet, zu erhalten, so kann nun der nächste Schritt erfolgen.

Wenn ich mir bewusst werde, wie lächerlich klein meine Kapazität für bewusstes Handeln in Wahrheit ist, ist die logische Konsequenz, dass ich einen Teil der mich umgebenden Strukturen zumindest für den Moment als „gegeben“ akzeptieren muss, damit ich mir Kapazitäten für die Veränderungen, die notwendig sind, freischaufeln kann. Fokus wird wichtig. Das erscheint mir der Grund zu sein, warum Neujahres-Vorsätze kaum funktionieren: da wird immer alles Mögliche auf einmal verändert, sich selbst überfordert und dann doch wieder auf alte Gewohnheiten zurückgegriffen. Neue Gewohnheiten zu schaffen in Menschen ist schwer, und die alten gehen nicht weg, sondern werden nur durch neue überlagert. „Bricht“ die neue Struktur, weil sie noch nicht zur Struktur geworden ist und noch geistige Aufmerksamkeit braucht, die durch anderen strukturellen Druck aufgebraucht wurde, fällt der Mensch, um Kapazität zu sparen, auf alte Gewohnheiten zurück. Veränderung braucht Aufmerksamkeit und verlässlich freie Kapazität. Vor jeder tiefgreifenden Veränderung müsste also im Grunde der strukturelle Druck so verringert werden, dass genügend Kapazität frei bleibt.

Institutionelle Strukturen: wem nützen sie?

Wenn wir auf der individuellen Ebene bleiben, so können die eigenen Strukturen erkannt und je nach Bedarf so verändert werden, dass die eigene Kapazität möglichst auf die wichtigen Dinge fokussiert werden kann und der Rest automatisiert wird. Wenn die Strukturen den eigenen Zielen nicht mehr entsprechen, können sie relativ einfach selbst verändert werden, um dies wieder zu ermöglichen. Das wird komplexer bei institutionellen Strukturen, seien sie explizit oder implizit, weil die Strukturen oft darauf ausgelegt sind, den Nutzen der Vereinfachung in bestimmte Richtungen auszurichten. In hierarchisch organisierten Institutionen könnten die Strukturen beispielsweise darauf ausgelegt sein, den Informationsfluss möglichst so zu vereinfachen, dass der Geschäftsführer alle Informationen von unten rasch bekommt und seine Anweisungen von oben rasch nach unten weitergegeben werden. Das Ziel könnte in jenem Fall eine gewisse Kontrollierbarkeit des Unternehmens sein.

Es dürfte für die meisten Unternehmen – und auch Schulen – durchaus interessant sein, einmal die impliziten wie expliziten Strukturen im Hinblick darauf zu analysieren, wem sie bestimmte Erleichterungen und bestimmte Schwierigkeiten bieten. So kann es beispielsweise für einen Mitarbeiter sehr bequem sein, Informationen per Mail-Verteiler an alle anderen Mitarbeiter zu senden, was für andere Mitarbeiter, die mit Emails nicht so vertraut sind, ein Mehr an Anstrengung bedeutet. Ich schätze, dass in vielen Institutionen die Analyse ergeben würde, dass die Vor- und Nachteile der Strukturen sehr ungleich unter den Mitarbeitern verteilt sind. Ebenso kann ich mir vorstellen, dass diese Unterschiede nicht nur durch hierarchische Positionen bedingt sind, sondern auch durch persönliche Beziehungen zwischen Mitarbeitern verschiedener Ebenen. Vor allem aber kann eine solche (im Idealfall gemeinsam erstellte) Analyse auch helfen, „Flaschenhälse“ des strukturellen Drucks in einem Unternehmen sichtbar zu machen, die auf einzelnen Mitarbeitern lasten. Ich denke, dazu könnte sich sogar eine Art „Stresstest“ entwickeln lassen, den man institutionsunabhängig durchführen könnte.

Wie können Strukturen von Vornherein weniger einengend gestaltet werden?

Abgesehen von der individuellen Ebene und gemeinsam durchgeführten „Stresstests“ gibt es auch weitere Instrumente, die erfahrungsgemäß den strukturellen Druck ein Stück weit reduzieren können. Ein erstes Prinzip ist jenes der Transparenz und Schriftlichkeit. Wenn Strukturen und Verfahren transparent gemacht werden, muss erheblich weniger geistige Kapazität aufgewendet werden, sie zu erraten. Und was nicht vergessen werden darf: Es wirken immer Strukturen. Nur: je weniger explizit ich sie mache desto mehr wirken sie „im Untergrund“. Was zwar gewissen Gruppen meist auch durchaus hilft, aber auch für großes Misstrauen sorgen kann, weil dann von den gefühlt benachteiligten angenommen wird, die anderen würden sie nur ausnutzen, obwohl dies gar nicht stimmen muss. Solange Strukturen aber im Untergrund wirken, sind die Beteiligten auf Vermutungen angewiesen, was zu allen möglichen Verschwörungstheorien und Intrigen führen kann.

Ein weiteres ist jenes der Mitsprache: Wenn ich als Mitarbeiter das Gefühl habe, die Struktur auch konstruktiv kritisieren zu können und es für konstruktive Veränderung auch klare und transparente Verfahren gibt, fühle ich mich weniger als Opfer und eher mitverantwortlich dafür, dass es mir und anderen in den Strukturen gut geht. Ein Opfer-Dasein ist für das „Opfer“ selbst unangenehm, aber im Grunde auch für den Rest der Institution, weil der betreffende Mitarbeiter wahrscheinlich weit unter seinem Potential arbeitet – eine Lose-Lose-Situation, wenn man so will.

Und letztens, und ich glaube, die Wichtigkeit davon kann gar nicht überschätzt werden: ein geschützter Raum, um über den gefühlten Druck (und andere wichtige Dinge) reden zu können. Die größte Gefahr bei strukturellem Druck ist, dass man seine Überforderung nur auf sich als Person bezieht und sich schämt, dem Druck nicht gewachsen zu sein. Wenn dieser Raum nicht existiert, kommen überforderte Mitarbeiter schnell in die Gewohnheit, ihren Druck anderweitig loszuwerden, etwa indem sie mit Kollegen über den Chef schimpfen (der vielleicht gar nichts von der Überforderung mitbekommt). Oder ein Mitarbeiter möchte „nicht schlecht über andere reden“ und schweigt, driftet dadurch aber immer tiefer in sein Opfer-Denken ab. Oder möchte nur mit dem Chef persönlich darüber sprechen, aber der hat leider keine Zeit dafür. Vielleicht ist es dieser geschützte Raum, in dem man auch mal Mensch sein kann und nicht nur Mitarbeiter oder Lehrer, der am meisten fehlt, um ein menschlicheres Arbeitsumfeld zu schaffen.

Niklas

Scheitern: Wir müssen es anerkennen

Am Donnerstag besuchte ich einen Freund in Linz, der ständig den Satz „We have to admit it“ (Wir müssen es anerkennen) benutzt, ohne dass es ihm auffällt. Diesen Satz – in anderen Zusammenhängen – wiederholt zu hören, hat einen Prozess zu einem vorläufigen Abschluss gebracht, der mich seit einigen Wochen beschäftigt: Ich bin die letzten Monate gescheitert. Ich kann mir einreden, dass die Voraussetzungen mangelhaft waren, dass ich nicht alleine dafür verantwortlich war und dass auch sehr viel von dem, was ich getan habe, positive Konsequenzen nach sich gezogen hat, und alles das ist meiner Ansicht nach ebenso wahr. Aber das, was ich erreichen wollte, habe ich nicht erreicht. Ich muss es also anerkennen: Ich bin (zumindest vorläufig) gescheitert.

In den ersten Tagen nach dem Ende der Zusammenarbeit war ich schlicht zu irritiert von dem, was geschehen ist. Ich habe es schlicht nicht verstanden, weil es so gar nicht in meine Weltsicht zu passen schien: dass im Grunde alle Menschen in jeder Situation so handeln, wie sie es für am besten halten. Es erschien mir einige Wochen lang schwer möglich, diese Weltsicht, an der ich ehrlicherweise doch sehr hänge, in Anbetracht des Geschehens aufrecht zu erhalten. Nach vielen Gesprächen, einigen Büchern, Videos, langen Spaziergängen und krankheitsbedingt im Bett verbrachten Tagen und Nächten geht es mir nun wieder besser. Ich habe vor Monaten mal über qualitatives Lernen geschrieben, und wie massive Frusterfahrungen oft die Voraussetzungen sind, dass sich signifikant etwas am Denken und Verhalten von Menschen ändert. Ich bin mit dem gescheitert, woran ich mit ganzem Herzen glaube, nämlich die Etablierung von stützenden Strukturen an einer Schule. Wir müssen es anerkennen, wie mein Freund sagen würde. Aber wenn dieses Scheitern nicht dazu führen soll, dass ich alles hinwerfe, muss ich mich der Frage stellen, woran es lag, und was ich selbst bei einem nächsten Mal anders, besser angehen kann. Hier muss qualitatives Lernen bei mir stattfinden, wenn die letzten Monate ihren Sinn haben sollen. Also will ich es versuchen:

Kapazitätsüberschreitungen

Ich glaube, der massivste Fehler, den ich gemacht habe, war jener der Selbstüberschätzung, verbunden mit der Scham, um Hilfe zu bitten, was gemeinsam eine explosive Mischung darstellt. Ich war den Luxus einer vermutlich außergewöhnlichen freien Schule gewohnt, ein eng zusammenarbeitendes Team um mich zu haben, das den Eingewöhnungsprozess eines neuen Mitarbeiters mitträgt und mitbegleitet. Ich war es gewöhnt, jederzeit mit anderen Mitarbeitern reden zu können. Dass Regeln schriftlich festgelegt sind, so dass man sie jederzeit nachlesen und gemeinsam ändern kann. Dass es regelmäßige Gesprächstermine für alle Mitarbeiter gibt. Dass Konflikte offen und lösungsorientiert angesprochen werden. Gewöhnt und damit verwöhnt von allen möglichen Errungenschaften, die ich wohl fälschlicherweise auch hier als vorhanden oder zumindest als Wunschvorstellung aller angenommen hatte. Ich hatte (wohl utopischerweise) angenommen, dass der Nutzen jener Institutionen und Strukturen völlig offensichtlich sei.

Und, mich illusorisch auf die Zusammenarbeit eines Teams verlassend und nach einigen Wochen auf mich selbst zurückgeworfen, war ich zu stolz, mir einzugestehen, dass meine selbstgestellte Aufgabe so nicht durchführbar war und meine eigenen Kapazitäten massiv überstieg. In meiner Überforderung habe ich übersehen, dass diese Überforderung nicht (nur) an meinen mangelnden Fähigkeiten (schwer einzugestehen, wenn auch sicherlich mit wahr), sondern auch an den strukturellen Schwierigkeiten liegen konnte, die es wohl auch dem besten Lehrer erschwert bis unmöglich gemacht hätten, meine Aufgabe zu erfüllen. Jetzt, Wochen später und mit einer gewissen emotionalen Distanz, fällt es leichter, die persönliche wie die strukturelle Ebene mitzubetrachten. In gewisser Weise hängen beide zusammen: Je weniger hilfreich die Struktur ist, in der ich mich bewege, desto mehr muss ich durch persönliche Fähigkeiten ausgleichen. Damit ergeben sich zwei Ansatzpunkte, etwas zu verbessern, wobei ich nur über einen davon direkte Kontrolle habe.

Sicherheit

Ich war aus formellen Gründen in einer besonderen Anstellungsform angestellt worden, wogegen ich auf den ersten Blick nichts einzuwenden hatte, weil ich mich einfach nur freute, diese Chance zu bekommen. Daraus entstanden jedoch zahlreiche problematische Konsequenzen, vor allem auch jene, dass ich im Gegensatz zu etwa einem Lehrer keinen rechtlich begründeten Rahmen hatte, der im Konfliktfall stützend wirkte und Sicherheit geben konnte. Der stützende Rahmen wurde hauptsächlich von einer engagierten Führungskraft geschaffen und gehalten – was den Rahmen jedoch auch direkt abhängig machte von deren eigenen Kapazitäten. Dies führte dann zu von ihr sicherlich nicht beabsichtigten, aber für mich auf Dauer untragbaren Situationen.

Ich bin ihr heute dankbar für den Versuch, diesen Rahmen überhaupt zu schaffen, weil er sichtbar sehr gut gemeint war. Nur glaube ich (mittlerweile, nach einigem Nachdenken darüber), dass es auf Dauer undurchführbar ist, nur durch persönlichen Einsatz das zu schaffen, was sie versucht hat, egal, wie stark oder gut ein Mensch ist. Es braucht die Strukturen dahinter, die es ihr erleichtern, nicht erschweren, das zu tun, sonst zehrt es zu viel an ihren eigenen Kapazitäten. Was passiert, wenn die eigenen Kapazitäten (mit besten Absichten, was es besonders bedauerlich macht) dauerhaft überschätzt werden, durfte ich in verschiedensten Formen erleben.

In Zukunft würde ich eine Aufgabe wie jene, die ich mir gesetzt habe, nur noch im Rahmen entweder eines Lehrerpostens (der von Vornherein einen rechtlich abgesicherten sicheren Rahmen unabhängig von Einzelpersonen darstellt) oder einer auch offiziell/rechtlich für diese Aufgabe geschaffene Stelle ausführen wollen. Dies nicht von Anfang an „richtig“ eingeführt zu haben, hat sicher dazu beigetragen, dass mein Versuch, sie später, als alles bereits ins Wanken geraten war, nachträglich einzuführen, gescheitert ist. Ich habe dadurch zumindest dazu beigetragen, eine Überforderungs-Situation mit zu erschaffen, die nicht nur mich betroffen hat. Dazu beigetragen hat sicher auch mein teilweise wohl etwas naiver Glauben an das Gute im Menschen.

Die Wahrheit hinter den Fassaden

Mein Bruder hat mir in einem sehr persönlichen Gespräch aufgezeigt, wie illusionär mein Weltbild in manchen Belangen eigentlich ist. Ich halte es immer noch für eine gute Sache, an das Beste im Menschen zu glauben, weil es wohl auch das Beste an ihm fördert, dass er zu geben bereit ist, aber es kann problematisch werden, sich (blind) darauf zu verlassen. Er hat mir die Frage gestellt, ob ich wohl, wäre ich ein Lehrer, der den Job tatsächlich nur wegen dem Urlaub macht und dem seine eigene Familie oder seine Hobbies wichtiger ist als sein Job, das auch laut sagen würde? Und dann ist mir klar geworden, dass wir es hier mit Scham zu tun haben, der „Königin der Emotionen“, wie René Brown schreibt. Es ist nicht sehr angesehen, als Lehrer zu sagen, man mache den Job nur, weil er halt ein gemütlicher Job ist, darum wird es auch selten jemand offen sagen. Und die meisten Sachen, die Lehrer machen, werden zumindest offiziell „zum Wohle der Kinder“ so gemacht, weil das einfach besser klingt als zum Beispiel ein „Ich hatte keine Lust, mich mehr zu bemühen, ich wollte zum See baden fahren“. Das bedeutet aber auch, dass es durchaus realistisch ist, dass das offizielle Bild meiner Kollegen (unabhängig von der spezifischen Schule oder Firma, ich rede hier von strukturellen Fragen) ziemlich von dem abweichen kann, wie sie in konkreten Situationen handeln.

Interessanterweise ist es möglicherweise gar nicht so sehr die Vorstellung, dass nicht alle Lehrer ein ureigenes Interesse daran haben, ihre Schule zu einer großartigen Schule zu machen, die mich irritiert. Ich glaube, ich kann damit umgehen, wenn Kollegen offen sagen, ihnen ist ihre Familie oder ihr Hobby wichtiger. Problematisch wird es für mich vor allem dann, wenn ich mich auf ihre Aussagen verlasse. Dann gehe ich davon aus, dass Kollege die Zusage X zuspricht und es auch tatsächlich so meint, während er möglicherweise nur zugestimmt hat, um nicht schlecht dazustehen oder um einen Konflikt zu vermeiden, und dann in Wahrheit uninteressiert oder sogar tatsächlich dagegen ist. Wenn ich mich nun jedoch auf sein X verlasse und dann sinngemäß ent-täuscht werde, so kann ich relativ rasch ins Strudeln kommen und meine eigenen Zusagen, die sich auf seine Zusage X verlassen, nicht mehr einhalten. Vor allem in einem ohnehin bereits chronisch überlasteten System wie einer Schule kann das zu unschönen Kettenreaktionen führen.

Man könnte jetzt argumentieren, dass das ein sehr individuelles Problem meinerseits ist – nur führt dies systemisch betrachtet im Grunde ganz allgemein zu einem gewissen Misstrauen untereinander. Und wenn ich anderen nicht mehr traue, mich auf sie verlassen zu können, bin ich im rasch auf mich selbst und meine eigene Kapazität zurückgeworfen, anstatt die gestalterische und stützende Macht einer Gemeinschaft für eine gemeinsame Sache nutzbar machen zu können. Vielleicht ist das illusorisch, aber ich glaube, dass es der Lehrergemeinschaft einer Schule mehr Nutzen als Schaden bringt, wenn die einzelnen Mitglieder ihre persönlichen Visionen und Prioritäten in einem geschützten und wertfreien Raum offenlegen können. Dann könnten jene, deren Visionen und Prioritäten sich überlappen, in vertrauensvoller Atmosphäre zusammenarbeiten, und die anderen müssten nicht mehr unnütze Energie verschwenden, ihre hintergründigen Einstellungen zu verbergen. Was einer wie auch immer gearteten konstruktiven Veränderung wohl am meisten im Weg ist, ist die Unfähigkeit oder –Willigkeit, die Realität anzuerkennen. Man kann die schönsten Hebel entwerfen, um die Welt aus den Angeln zu heben, wenn die Vorstellung der Welt auf Illusionen basiert, wird der Hebel nicht greifen können.

Das Problem ist nicht so sehr, dass einzelne Lehrer vielleicht nicht 100%ig geeignet für ihren Beruf seien, wie es manche behaupten. Selbst in Unternehmen stellen jene Menschen (laut meinem Bruder) offensichtlich zumindest eine nicht unbedeutende Minderheit, und trotzdem funktioniert das Ganze so halbwegs. In einer Schule, in der nicht zusammengearbeitet wird, kommen auf jeden einzelnen Lehrer heute jedoch rein strukturell gesehen eine solche Ansammlung von Aufgaben zu, dass das auf Dauer gesehen (!) nicht gutgehen kann. Menschen können – vor allem, wenn sie das Gefühl haben, für eine wichtige Sache einzustehen – eine Zeit lang weit über ihren eigentlichen Kapazitäten arbeiten. Aber irgendwann bricht der erste ein, und die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, ist für mich eine funktionierende klassen-übergreifende Zusammenarbeit, so dass durch die Schaffung von Synergien die Kapazitäten der Lehrer auch effektiv genutzt werden können.

Es ist illusorisch, davon auszugehen, dass ein jeder Lehrer in allen an ihn gestellten Aufgaben brillant ist. Aber es kann durchaus realistisch sein, dass in der Gemeinschaft der Schule jemand ist, der für die jeweilige Aufgabe gut geeignet ist. Reale, funktionierende Arbeitsteilung kann aber nur in einem Team entstehen, das neben den individuellen Teilaufgaben jedes einzelnen die gemeinsame Gesamt-Aufgabe im Blick hat und sich vertrauen kann. Nicht mehr Lehrer oder mehr Unterstützungspersonal können Schulen und Lehrer meiner Ansicht nach „retten“, sondern die effizientere Zusammenarbeit aller. Da verpufft derzeit gefühlte 90% der Energie nutzlos, was mich ziemlich betroffen macht, weil ich es so schade finde, wenn inspirierte Menschen dann irgendwann ausbrennen und resignieren, weil da die unterstützenden Strukturen fehlen. Mal ganz abgesehen vom volkswirtschaftlichen Wahnsinn: kein Unternehmen am freien Markt könnte lange bestehen, das die eingesetzte Arbeitskraft nur zu 10% nutzbar macht.

Holistisches Design

In den Weihnachtsferien habe ich auch eine Biographie von Steve Jobs, dem Mitgründer von Apple, gelesen, und was mich fasziniert hat, war die Einstellung, jedes kleinste Detail durchzudesignen, etwas, wofür ich bisher noch sehr wenig Aufmerksamkeit aufgewendet habe. Während des Lesens ist mir jedoch ein mentales Bild entstanden, in dem ein Verkaufsregal mit mehreren Boxen zu sehen ist. In den Boxen sind meine Ideen als Produkt, und die Boxen sowie die Gestaltung des Regals sind die Art und Weise, wie ich die Ideen präsentiere sowie wie ich selbst als Mensch auf andere wirke. Den Inhalt der Boxen halte ich bereits jetzt für sehr wertvoll, aber die Boxen und das Regal sind noch so uninteressant gestaltet, dass viele potentielle „Kunden“ einfach daran vorübergehen. Wenn ich also will, dass mehr Menschen sich für die Ideen in den Boxen interessieren, muss ich lernen, mich auch um den Rest der „Kauferfahrung“ zu kümmern. Im Grunde werde ich lernen müssen, meine Ideen in minimaler Zeit so zu erklären, dass sie auch jemanden, der ursprünglich eigentlich gar kein Interesse daran hat, faszinieren können. Da bin ich offensichtlich noch nicht.

Als ersten – auch symbolischen – Schritt habe ich mir von meiner Schwester die Haare schneiden lassen. Sie waren eine der „Krücken“, von denen ich hier häufig geschrieben habe – sie haben es mir abgenommen, andere Menschen ansprechen zu müssen, weil ich oft von ihnen auf meine Haare angesprochen wurde. Dadurch habe ich jedoch auch ein Stück weit verlernt, selbst andere Menschen anzusprechen, etwas, was ich nun, um meine Ideen zu verbreiten, (wieder) lernen muss. Ich bin Teil der „Box“, in der meine Ideen und Anliegen stecken.

Vor allem aber passten die Haare nicht mehr in mein Tai-Chi-mitbeeinflusstes Weltbild. Im Tai Chi wird (unter anderem) versucht, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Wirkung zu erzielen, also möglichst große Hebelkräfte zu identifizieren und zu nutzen. Meine langen Haare waren ein ziemlich großer Hebel, aber teilweise war der Hebel auch einfach unnötig groß und schuf dadurch nicht nur Vorteile. Die Aufgabe, die ich mir gerne für die nächsten Monate stellen würde, ist jene, immer weniger dieser „Krücken“ zu brauchen und mit immer feineren Handlungen immer größere, aber vor allem auch genauere Wirkungen zu erzielen.

Wann „klappt“ es endlich?

Es ist interessant, was passiert, wenn man an dem Punkt kommt, durch seine Frustration und seine Scham über das Scheitern „hindurchgegangen“ zu sein. In einem Buch über lernende Organisationen, das ich gerade lese, spricht der Autor von der kreativen Spannung zwischen Vision und Realität, und dass üblicherweise nach einem frustrierenden Erlebnis die Vision der Realität angepasst wird, um die Spannung nicht mehr fühlen zu müssen. Aber geht man durch das Erlebnis, stellt man möglicherweise fest, dass die Lösung zwar für die angenommene Realität funktioniert hätte, man aber die Realität einfach noch lange nicht genug verstanden hat, damit die entworfenen Hebel auch in sie greifen und etwas bewegen können.

Die schockierendste und auf den ersten Blick unangenehmste Realität ist wohl immer die, wenn man feststellt, dass man etwas an sich selbst wird ändern müssen, um etwas an der von allen Menschen geteilten Realität verändern zu können. Es ist leichter, anderen Personen oder „dem System“ die Schuld zu geben und zu schmollen, aber die ändern sich eben genauso ungern wie man selbst es tut. Wahrscheinlich wären die meisten Menschen gerne irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem sie es „geschafft“ haben und nicht mehr ständig durch den Frust, der tiefe Veränderungsprozesse notgedrungen begleitet, kämpfen müssen. Ich ärgere mich jedes Mal wieder, wenn ich feststelle, dass ich „immer noch“ nicht da bin. Rational betrachtet weiß ich, dass es gut ist so, und dass dieser Punkt (hoffentlich) nie erreichbar ist, aber natürlich hilft das nichts gegen den Frust und die Verzweiflung des Scheiterns.

Andererseits könnte man es auch so betrachten, dass ein Scheitern auch ein gutes Zeichen ist: es bedeutet, dass man sich einer Herausforderung gestellt hat, die diesen Namen auch verdient.

Niklas

#85 Entfesselt

Schon lange hatte er den alten Bekannten nicht mehr gesehen gehabt, der ihn jetzt unverbindlich grüßte. Vor Monaten – oder waren es bereits Jahre? – hatten sie mal einige Wochen hintereinander miteinander gesprochen, Freude aneinander gefunden. Auslöser war ein Apfelstrudel gewesen, den er – wie fast jedes Mal, wenn er sie besuchte – von seiner Oma bekommen hatte und den er dann ins Lokal mitnahm, um ihn zu verteilen. Der andere hatte damals zufällig Geburtstag gehabt und sich besonders darüber gefreut. Zum Ausgleich hatte er ihm als DJ des Lokals einige Wunschlieder mehr gespielt, und so hatte sich so etwas wie eine Bekanntschaft entwickelt. Doch in Ermangelung von Apfelstrudeln war der Kontakt dann irgendwie abgebrochen, mehr zufällig geblieben als Ausdruck einer tatsächlich vorhandenen Verbindung. Nun, als der andere vor ihm stand, folgte er einem inneren Impuls und schlug vor, doch auf die Treppe zu wechseln. Dort war die Musik zwar noch hörbar, aber in einer Lautstärke, die ein Gespräch ermöglichte.

Zwei Stunden später fiel ihm erst auf, wie intensiv das Gespräch geworden war. Der andere war vor Monaten in die Politik gegangen, um zu verändern, und war gescheitert – aber keineswegs verbittert. Rasch waren Bezüge zur eigenen Situation hergestellt, war das Gespräch zu einer Art von Mentor-Gespräch geworden. Erst jetzt war ihm aufgefallen, dass er seine eigene Sache zwar für sich vehement verteidigte und Lösungen zu finden suchte, aber mit kaum jemand darüber sprach. Als würde er sich nicht getrauen, offen darüber zu sprechen, oder als würde es ohnehin niemanden interessieren. Doch der alte Bekannte interessierte sich außerordentlich dafür, stellte kluge Fragen, bot mögliche Lösungswege für verzwickte Situationen an und teilte seine Erfahrungen in ähnlichen Situationen. Irgendwann wurde es doch zu kalt auf der Treppe, und sie trennten sich, erfrischt von der unerwarteten Tiefe des Gesprächs.

Eine Weile später lernte er einen jungen Mann kennen, der ihn in ein Gespräch über Flüchtlingsfragen und die diesbezüglichen Fragen betreffend dem Bildungssystem verwickelte, und stellte fest, dass er dazu einiges beizutragen hatte. Rasch entwickelte sich das nächste tiefe Gespräch. Und wieder einige Zeit später traf er noch einen alten Bekannten, mit dem er – nun geübter darin – nicht nur seine Erfahrungen, sondern auch seine Sorgen, Herausforderungen und Visionen teilte, und merkte, dass dies auch den Bekannten veranlasste, sich ihm mehr zu öffnen. Alle hatten sie ihre Sorgen, Enttäuschungen, alle ihre Hoffnungen, die sie verbanden – und ab dem Moment, an dem er auch die seinen mit ihnen teilte, entdeckte er darin den Schlüssel zu dieser Verbundenheit wieder, den er vor so vielen Jahren einst in den Wirren des vermeintlichen Erwachsenwerdens verloren hatte.

Damals, enttäuscht von der Erfahrung, dass selbst die tiefsten Bindungen nicht standzuhalten schienen, wenn er seine ganze innere Welt mit anderen Menschen zu teilen versuchte und nicht nur die schön lackierte Seite, hatte er für sich beschlossen, „erwachsen“ zu werden, un-abhängig, selbstständig. Irgendwann jedoch war ihm zunehmend bewusst geworden, dass seine Art der Selbst-Ständigkeit dazu führte, dass er in Wahrheit ständig nur auf sich selbst bezogen war, sich nur um sich selbst zu kümmern vermochte. Weil die Erfahrung ihn lehrte, dass sich niemand, selbst die älteren, wohl doch weiseren Erwachsenen, im tiefsten Inneren um andere Menschen scherten. Wohl übernahmen sie Verantwortung, erfüllten die Pflichten, die Gesetz und gesellschaftliche Normen ihnen auferlegten. In Wahrheit war der Mensch am Ende aber doch allein, und hatte sich wohl damit abzufinden. Darin bestand die Weisheit der Welt, und innere Größe darin, sie zu akzeptieren.

Nun jedoch, nach jener intensiven Nacht nachhaltig berührt, ließ ihn ein Gedanken nicht los: was, wenn er die Wahrheit verkannt hatte? Was, wenn nicht die Welt ihm verwehrte, mit ihr verbunden zu sein, sondern er es schlicht nicht mehr zuließ? Es war ein quälender Gedanke, der alten Schmerz und mit ihm noch viel älteren Schmerz aus der Tiefe hervorbrechen ließ. Doch auch wenn der Automatismus, den er im Laufe der Jahre entwickelt hatte, ihn davor schützte, den Schmerz zu fühlen, war nun etwas anders. Er wusste nun, dass er sein Leben auf einen Schutzmechanismus baute. Ihm vielleicht sogar sein Überleben verdankte. Aber zu welchem Preis? War es wirklich weise, Leid zu vermeiden, wie die Buddhisten zu behaupten schienen, wenn der Preis dafür war, sich von allem in der Welt abzuschotten?

Erschüttert erkannte er nun, dass er Herr über sein Leben war – selbst über seine Einsamkeit. Dass sein Grundsatz der radikalen Selbstverantwortung möglicherweise nur eine ins Gegenteil verkehrte Reaktion auf übergriffige Erfahrungen war, eine Art Vergeistigung eines akuten Problems, die aus einem konkreten, unerfüllten Bedürfnis eine starre Ideologie geformt hatte, die selbst er als Urheber kaum mehr zu durchbrechen vermochte. Seine Gedanken waren klar gewesen. Messerscharf hatte er die Begriffe herausgearbeitet, die Handlungsanweisungen seiner Ethik daraus abgeleitet. Es klang sehr einleuchtend, was er daraus zog, und vermied viele unnötige Konflikte.

Aber – und das erkannte er nun mit Erschaudern – es hatte auch die notwendigen Konflikte verhindert. Jene, an denen er hätte wachsen können. Aus seiner Maxime des friedvollen Umgangs miteinander war die Diktatur eines erzwungenen Friedens geworden – mitsamt friedfertigem Abbruch der Beziehungen, wo es notwendig war, um Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, bis hin zu seiner letzten grandiosen Idee, den Kontakt dort gar nicht mehr entstehen zu lassen, wo den Frieden gefährdende Folgen abzusehen waren. Und so hatte er in einer friedlichen, unanstrengenden Welt gelebt und sich beizeiten über jene leicht amüsiert, die noch in jener anderen, konfliktbehafteten und oft grausamen Welt lebten. Nur: das war eben der springende Punkt. Sie lebten in einer anderen Welt. Er lebte in einer anderen Welt, die er sich für sich geschaffen hatte und in die ihm kaum jemand zu folgen vermochte, weil er weder Lust verspürte, sie zu verlassen noch Lust verspürte, andere einzulassen. Kein Wunder, dass er sich oft einsam fühlte.

Aber das war nun vorbei. Wenn es stimmte, was Raul Seixas in seinem Lied besang, dass jeder Mensch ein Universum war, dann gab es auch außerhalb seiner schönen Welt noch einiges zu entdecken, einige Freundschaften zu schließen und an einer gemeinsamen Welt zu bauen, die sich für alle gemeinsam wohlig und behaglich anzufühlen vermochte. Dazu brauchte es alle, auch ihn. Es war an ihm, seine Geschichte zu erzählen, und an ihm, den ihren zuzuhören. Auch, um sich gegenseitig zu helfen, Probleme zu lösen, was er all die Jahre gerne getan hatte. Aber zuallererst, um sich gegenseitig ganz persönliche Geschichten zu erzählen, von sich zu erzählen, von der einzigartigen Sicht der Dinge, die ein jeder mit sich trug und die dazu beitrug, die Welt reicher zu machen. Dies – so erkannte er nun nach einer wild durchträumten Nacht – war eine notwendige Essenz des gemeinsames Seins, ohne die all seine Klarheit und sein Frieden nutzlos war: zu teilen, was man sah, was man fühlte, was einen belastete, worauf man hoffte. Zu teilen, und damit nicht mehr einsam, sondern gemeinsam zu sein.

In einer Welt und Zeit, in der es üblich geworden war, alles zu teilen außer das, was tatsächlich gerade in einem wohnte, würde es schwer sein, eine Lanze für das wahre Innere zu brechen, ihm Raum zu geben. Dieser Raum, so sagte man sich, war das Private, das Heimliche, das Für-Sich-Sein. Und doch brauchte es genau diesen Raum auch im Öffentlichen, das spürte er nun deutlich. Es brauchte die Mutigen, die ihre Tränen zu zeigen vermochten, wo Tränen angebracht waren, brauchte den öffentlichen Raum für den Schmerz, die Hoffnung, das Echte. Brauchte er selbst ihn. Und gerade darum war es auch seine Aufgabe, diesen Raum für sich und andere zu schaffen wie ihn auch einzufordern. Es war Zeit, hinter die Schutzmechanismen zu blicken. Die starren Ideologien zu durchbrechen und wieder in eine Art von Fluss zu kommen. Lebendig zu werden. Sofort sprang wieder der Mechanismus an, wollte ihn schützen – doch wovor? Und was konnte ihn noch erschüttern, wenn er nicht mehr alleine war, es zu ertragen, sich endlich die Tür öffnen traute, andere miteinzulassen, sein Leben mitzutragen?

Alles, sagte die Angst, alles kann dich erschüttern, vernichten. Nur mich alleine, antwortete er ihr liebevoll. Aber ich bin nicht mehr allein. Diese Fesseln habe ich nun abgelegt.

Gesetzmäßigkeit: Die wichtigste äußere Grundlage für selbstverantwortliches Handeln

Was brauche ich, um Verantwortung für mein Handeln übernehmen zu können? Neben einigen inneren Voraussetzungen (die geistige Fähigkeit, aus mehreren Möglichkeiten eine auszuwählen beispielsweise, oder die Folgen meiner Handlungen abschätzen zu können) gibt es eine Voraussetzung in unserem Umfeld, ohne die der Versuch, verantwortlich zu handeln, völlig sinnlos wäre: Vorhersehbarkeit.

All unser geplantes Handeln basiert auf der Voraussetzung, dass unsere Umwelt gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt. Wir legen uns beruhigt schlafen, weil wir davon ausgehen, dass wir am nächsten Tag wieder aufwachen werden. Wir essen eine Banane, weil wir davon ausgehen, dass sie für uns nicht giftig ist. Wir stellen uns bei Regen unter, weil wir davon ausgehen, dass der Regen von oben kommt und uns ein Unterstand hilft, nicht nass zu werden. Wir gehen davon aus, dass Nässe unserem Organismus schaden könnte, deswegen stellen wir uns unter. Um unser Überleben zu sichern, haben wir eine Vielzahl an Gesetzmäßigkeiten erlernt, die uns dabei helfen, nicht nur eine Augenblickliche Gefahr zu vermeiden, sondern auch zukünftigen Schwierigkeiten vorzubeugen.

Der größte Teil der Wissenschaft, der Suche nach der „Wahrheit“ basiert wohl auf dem Bedürfnis, treffendere Vorhersagen treffen zu können, die uns bei der Gestaltung unseres Lebens behilflich sein können. Denn Irr-glauben, das heißt das Treffen von Entscheidungen, die auf unrichtigen Vorhersagen basieren, kann für uns problematische Folgen haben. Wenn wir beispielsweise davon ausgehen, dass der Regen eine Strafe Gottes ist, die uns ohnehin treffen wird, macht es wenig Sinn, sich unterzustellen. Wenn es allerdings wahrscheinlich ist, dass der Regen immer von oben kommt (oder, bei viel Wind, von der Seite), wird es möglich, sich vor ihm zu schützen, zu handeln, anstatt ausgeliefert zu sein. Auch mit dem Wissen, dass der Regen von oben kommt, kann man sich immer noch der Willkür ausgeliefert fühlen – aber nun besteht die theoretische Möglichkeit, sich anders zu entscheiden, und die Erfahrung, dass dieses Handeln andere, für mich vorteilhaftere Konsequenzen haben kann. Die Möglichkeit, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen, ist geboren.

Gesetze und Normen

Mit Menschen ist die ganze Sache nun ein wenig komplizierter, weil Menschen (oder zumindest ist das meine Hoffnung) in ihren Entscheidungen eine Auswahl treffen – und damit nicht von vornherein vorhersehbar entscheiden. Im Grunde kann ein Passant, der mir auf der Straße begegnet, mich freundlich grüßen, aber auch ebenso ein Messer ziehen und mich abstechen – das gesamte Spektrum des möglichen menschlichen Verhaltens ist ziemlich groß, und gehe ich bei jedem Menschen, der mir begegnet, von diesem gesamten Spektrum aus, ist es eigentlich unmöglich, für mich selbst verantwortliche Entscheidungen zu treffen, solange ich nicht weiß, wie sich die Menschen um mich verhalten werden. Sie sind dann wie ein Regentropfen, der von allen Seiten kommen kann – oder auch gar nicht.

Weil dieser Zustand zu sehr impraktikablen Konsequenzen bis zur Handlungsunfähigkeit führt, haben Menschen irgendwann begonnen, sich selbst Gesetzen zu unterwerfen, die ihr mögliches Handlungsspektrum begrenzen. Für einen Passanten auf der Straße, mit dem ich sonst nicht viel zu tun habe, besteht die Begrenzung im Regelfall aus jenen Vorschriften, die verhindern sollen, dass wir uns Schaden zufügen. Da gibt es einerseits explizit ausformulierte Gesetze, andererseits auch implizit gelebte Normen, die dies ermöglichen, was jeweils eigene Vor- und Nachteile hat. Gesetze sind hierarchisch organisiert und basieren auf der Staatsmacht in Form des Militärs bzw. der Polizei, um sie durchzusetzen, während Normen eher auf der Macht der sozialen Ächtung basieren – wer sich außerhalb der Normen bewegt, wird eben als seltsam betrachtet. Soziale Normen arbeiten auf der Beziehungsebene: wenn du das nicht tust, mag dich keiner mehr (und dann entziehen wir dir Unterstützung), während Gesetze auf einer entpersönlichten, sachlichen Ebene funktionieren. Gesetze stellen meist eher den groben Rahmen dar, um jeden einzelnen zu schützen, während Normen (meist) innerhalb der Gesetze als zusätzliche Kontrollmechanismen funktionieren.

Normen funktionieren auf der Beziehungsebene

Die meisten Menschen, die es irgendwann in ihrem Leben gewagt haben, in irgendeiner Form „anders“ zu sein, haben wohl die die Auswirkungen sozialer Normen zu spüren bekommen. Interessanterweise hat dieses Anders-Sein (zumindest meiner Erfahrung nach) nicht immer nur negative Auswirkungen. Als ich mir (zugegebenermaßen ursprünglich aus Faulheit) erstmals meine Haar lang wachsen ließ, reagierten vor allem meine Großeltern sehr kritisch und wollten mich dazu bringen, sie wieder kurz zu schneiden. Andererseits machte ich jedoch auch die Erfahrung, dass viele Fremde mich auf der Straße oder beim Fortgehen ansprachen, weil sie begeistert von meinen Haaren waren und sie angreifen wollten – so habe ich viele Menschen kennengelernt, die ich sonst wohl nie kennengelernt hätte. Ich glaube, alles, was sozialen Normen widerspricht, polarisiert, und zwar auf der Beziehungsebene. Ich habe nun seit vielen Jahren meine Haare lang, und ich kann mich nicht erinnern, dass irgendwann mal jemand mit mir eine sachliche Diskussion darüber geführt hatte – ich aber oft große Zustimmung oder Ablehnung erfahren habe, also eine soziale Wertung.

Dies ist in Bezug auf meine Haare nach Erlangung eines gewissen Grund-Selbstbewusstseins diesbezüglich eine im Grunde irrelevante Angelegenheit. Was aber, wenn auch andere, gesellschaftlich relevantere Prozesse im Grunde gleich ablaufen? Das Problem an der Beziehungsebene ist jene, dass sie von sehr vielen Faktoren abhängt, die mit dem expliziten Thema wenig zu tun haben. Meine Großeltern hatten beispielsweise Angst, ich würde nun – mit langen Haaren – zum Drogenjunkie werden. Auf eine sachliche Diskussionsebene, was lange Haare denn eigentlich mit Drogen zu tun hätten, sind wir kaum je gekommen. Oder sie reagieren anders auf das, was ich tue oder nicht tue, wenn sie selbst mehr unter Druck stehen. Als Kind wie Jugendlicher, wenn man noch faktisch von der Unterstützung der Eltern direkt abhängig ist, ist es essentiell, die jeweiligen Interessensgruppen zumindest soweit zufriedenzustellen, dass sie die Unterstützung nicht völlig einstellen. Irgendwann, wenn zwar eine Abhängigkeit von der Gesellschaft als Ganzes weiterbesteht, aber die Normen sich von jenen des Familiensystems verallgemeinern auf jene der Gesellschaft, entstehen andere Freiräume – vor allem aber die Möglichkeit, sich für jene Gruppierungen zu entscheiden, in deren spezielleren Normen man sich ohnehin wohlfühlt.

Wer die Erfahrung gemacht hat, in eine Gruppe mit sehr anderen Normen zu kommen, von deren Unterstützung man jedoch abhängig ist (beispielsweise, wenn man für einige Zeit in einem fremden Land lebt), wird feststellen, wie unglaublich anstrengend es ist, diesen zahlreichen und nie wirklich explizit definierten Normen zu entsprechen. „Das ist ja selbst-verständlich“ ist wohl einer der für den Neuhinzugekommenen nervigste Satz überhaupt – denn für ihn, der (noch) nicht die jahrelange Erfahrung der Gruppe teilt, ist es eben nicht selbst-verständlich. Und da der Neue die impliziten Gesetzmäßigkeiten nicht kennt, ist er der – für ihn in Ermangelung von Wissen und Erfahrung so empfundenen – Willkür der Gruppe ausgeliefert. Für ihn ist es sehr schwer, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, weil er schlicht nicht vorhersehen kann, was die jeweiligen Konsequenzen sein werden. Im Grunde wird er erstmal ordentlich anecken, bevor ihm (im Regelfall wiederum auf Beziehungsebene) klargemacht wird, wie daneben er sich doch benimmt.

Eine Schule, basierend auf der Beziehungsebene

Wenn mir nun einmal annehmen, dass eine durchschnittliche Schule ebenso auf Normen und dem Aushandeln aller Konflikte auf der Beziehungsebene basiert, was ich für ein durchaus realistisches Bild halte, welche Konsequenzen würde dies nach sich ziehen? Vermutlich würde es bedeuten, dass das Handeln der Akteure je nach Tagesverfassung sehr unterschiedliche Konsequenzen durch die anderen Akteure zur Folge hätte. Im sozialen System einer Schulklasse würde das bedeuten, dass ein Lehrer unter Stress auf die Anfragen der Schüler anders reagiert als wenn er entspannt ist. Möglicherweise wird er auch auf die Anfragen der Schüler jeweils unterschiedlich reagieren, je nachdem, wie sehr er sie auf der Beziehungsebene mag (auch wenn er dies wohl nie zugeben würde).

Dadurch, dass er ja je nach Tagesverfassung unterschiedlich handelt, wird es in der Klasse keine explizit ausformulierten und umgesetzten Abläufe geben, die für alle Kinder gleich sind. Es wird wohl eine Art von Klassen-Kultur geben, an die sich die Kinder mit der Zeit anpassen, aber diese Anpassung basiert ebenso auf der Beziehungsebene. Neu hinzu kommenden Kinder lernen (ebenso auf der Beziehungsebene) von ihm wie den anderen Kindern die Normen, an die sie sich zu halten haben. Norm-Verstöße führen zu Konsequenzen auf der Beziehungsebene, die willkürlich entschieden werden.

Dadurch, dass es keine verlässlichen Abläufe gibt, mit denen die Kinder rechnen können, setzen sich diese auch nicht durch. Es gibt kaum ein entwickeltes Rollenverständnis unabhängig von den diese Rollen ausfüllenden Personen, und ein Kind kann kaum unterscheiden zwischen der Lehrer-Rolle und dem Lehrer als Person. Wird der Lehrer durch einen anderen ersetzt, kann der Neue nicht auf etablierte Abläufe zurückgreifen. Es gibt kaum eine Verbindlichkeit, die nicht auf der Beziehungsebene wieder aufgehoben werden kann, weswegen es aus Sicht des Kindes auch gar keinen Sinn macht, verantwortlich zu handeln. Ja. Die Einsicht mag schmerzen, aber es ist so.

Unter Erwachsenen

Noch interessanter wird die Sache, wenn man dieselben Beziehungsstrukturen auf das Verhältnis zwischen der Leitung einer Schule und den einzelnen Lehrern überträgt. Wenn auch hier Anfragen auf der Beziehungsebene geklärt werden, können sich auch die Lehrer nicht wirklich auf etwas verlassen. Vor allem aber ist es ihnen damit im Grunde erschwert bis unmöglich gemacht, ihren Kindern eine auf Rechtsgrundsätzen basierende (und damit vorhersehbare) Umgebung zu schaffen, solange ihr eigener Raum nicht nach diesen Rechtsgrundsätzen abgesichert ist. Dieser Rechtsraum ist für Lehrer zwar grundsätzlich gesetzlich abgesichert, aber dies betrifft (meines Wissens) nicht den klassenübergreifenden Raum, der dann wiederum sehr wohl von Willkür auf der Beziehungsebene geprägt sein kann.

Wenn hier keine klaren Prozesse nach Recht-mäígem Handeln geschaffen werden, bedeutet dies vor allem, dass hierbei gruppendynamische Prozesse frei wirken können. Das bedeutet im Regelfall die Etablierung einer sich mit sich wohl fühlenden Mehrheit, die Vorstöße einzelner mit abweichender Meinung entsprechend sozial bestraft. Jedwede tatsächliche Veränderungen auf dieser Ebene müssen dementsprechend entweder direkt vom Direktor kommen, der die formale Position innehat, diese auch gegen Widerstände durchzusetzen, oder verlangen nach einer (hier wertfrei gemeinten) politischen Intrige im Sinne des Schmiedens von Allianzen und heimlichen Mehrheiten. All dies kostet enorme Kraft, schließt vor allem aber auch einige, die keine Lust haben, den Großteil ihrer Energie auf die Beruhigung von Egos zu verschwenden, von einem Veränderungsprozess aus. Damit werden wertvolle Ressourcen unnötig verworfen.

Ich möchte hier niemandem Bösartigkeit unterstellen und gehe auch davon aus, dass im Grunde alle immer nur glauben das Bestmögliche zu tun (ansonsten wäre mein Leben wohl um einiges unglücklicher), aber diesen (oder irgendeinen Raum) auf der Beziehungsebene zu regeln, hat systemische Konsequenzen. Denn selbst wenn der so willkürlich führende Direktor Gutes im Sinne hat, verunmöglicht er, so lange er auf der Beziehungsebene bleibt und keine Strukturen nach Recht-mäßigem Vorgehen erlaubt oder schafft, ein selbstverantwortliches Handeln seiner untergebenen Lehrer.

Dies mag dort in Ordnung sein, wo eine Schule genau den Ansprüchen und Bedürfnissen aller Beteiligten entspricht (auch wenn ich das für eine Utopie halte), aber spätestens dann, wenn Veränderung erwünscht ist, halte ich Recht-mäßiges Vorgehen mittlerweile für ein Muss. Mit jeder Entscheidung, die transparent, verbindlich, allgemein, schriftlich und mit dem Ziel der Schaffung von Abläufen und Strukturen getroffen wird, erspart man sich in Zukunft eine Heidenarbeit. Zudem ist allen Beteiligten ersichtlich, wo sie für gewünschte Veränderungen ansetzen müssen, anstatt sich durch einen Morast von Befindlichkeiten wühlen zu müssen.

Als ich diese Art zu denken erstmals konkret bei dem Supervisor einer Schule, an der ich gearbeitet habe, gesehen habe, habe ich den Sinn noch nicht ganz verstanden und ihm oft widersprochen, weil er hart gegen auf der Beziehungsebene vorgetragenen Einwänden als „unsachlich“ vorging. Mittlerweile allerdings bin ich ihm sehr dankbar, mir diese Sichtweise ermöglicht zu haben, weil sie zum Aufbau funktionierender sozialer Systeme einfach absolut notwendig ist und bei ihrem Fehlen die Gefahr von eigentlich unnötigen Burnout-Erscheinungen und resignierenden Menschen enorm erhöht.

Niklas