Zerbrochener Felsbrocken

Er war seit Monaten nur noch selten in jener Wohnung gewesen, seit er begonnen hatte, an ihrer Seite Wurzeln zu schlagen, Raum einzunehmen. Nun, da er im Zuge des Umzugs StĂŒck fĂŒr StĂŒck seiner Vorgeschichte, verewigt in all jene Objekte die das alte Zimmer ausfĂŒllten, ausgerĂ€umt und auf seine zukĂŒnftige NĂŒtzlichkeit ĂŒberprĂŒft hatte, war er dem Moment zunehmend nĂ€her gekommen, wo er sich mit dem Felsbrocken beschĂ€ftigen wĂŒrde mĂŒssen.

Der Felsbrocken war das Symbol gewesen, dass auch der Vater bereit sei, seinen Teil der Verantwortung zu tragen. In einem Moment der Verbundenheit hatten sie ihn aus dem Fluss geholt und gemeinsam nach Hause gebracht, sichtbares Zeichen einer neuen, gesĂŒnderen Ordnung zwischen ihnen.

Nun, einige Monate spĂ€ter, wĂ€hrend das Zimmer rundherum sich mehr und mehr leerte, wurde ihm die AbsurditĂ€t des Ganzen mehr und mehr sichtbar: Der Felsbrocken, die Schwere, die Verantwortung fĂŒr die er stand, war wieder einmal nur bei ihm liegen geblieben, trotz aller hoffnungsvollen Worte und Versprechungen, dass von nun an alles anders werden wĂŒrde. Der Kontakt zu jenem anderen war mittlerweile vollends abgebrochen. Die Schwere, der große Brocken, war ihm geblieben.

Auf ihr Anraten hatte er den Felsbrocken von seinem Platz entfernt, ihn mitgenommen, auch wenn dieser fast zu schwer war, ihn alleine weiter als einige Meter zu schleppen. Ins Auto damit. Dorthin, wo er hingehört. Zu ihm. Einfach in den Garten legen. Oder vor seine Einfahrt. Dann musste jener zumindest einmal auch diese Schwere ertragen, wenn er mit dem Auto rauskommen wollte. Aber durfte man so etwas ĂŒberhaupt? Vielleicht ĂŒbersah der Andere ja den Felsen einfach und fuhr ungebremst dagegen…? Schadenersatzforderungen waren in diesem Fall wohl gar nicht so abwegig.
„Der bleibt nicht in deinem Auto. Oder hier bei uns. Das ist nicht gut fĂŒr dich und uns“, hatte seine GefĂ€hrtin gemeint, und natĂŒrlich Recht damit gehabt. Also doch einfach zu seinem Vater bringen?

Doch da war da noch ein Nachflimmern einiger SĂ€tze, die dieser ihm irgendwann gesagt hatte. Davon, dass seine Mutter sich einst durch ihre Krankheit und ihren Tod aus der Verantwortung gestohlen hĂ€tte, und dass er doch eigentlich auch auf sie wĂŒtend sein mĂŒsse. Aber durfte man das? Was konnte sie fĂŒr ihre Krankheit, ihren Tod? Und doch.. war da ein Funken Wahrheit zu finden. Womöglich  nicht so, wie der Vater es meinte. Aber trotzdem hatte auch seine Mutter einen Teil des Felsbrockens verdient. Auf die ihre Art.

Einige Tage spĂ€ter fuhr er mit seiner GefĂ€hrtin zu dem nahe gelegenen Fluss. Eine kleine BrĂŒcke fĂŒhrte darĂŒber, womöglich ein geeigneter Ort fĂŒr ihr Vorhaben, den Felsen endlich aufzubrechen. Er war derart massiv, dass es wie ein absurdes Unterfangen wirkte. Konnte es tatsĂ€chlich gelingen? Und doch
 aus genĂŒgend großer Höhe womöglich
?

Der Anblick des fallenden Felsbrockens, sein Zerbersten und das donnernde GerÀusch dabei brannten sich in seine Erinnerung ein als ein glorreicher Moment der Befreiung.
„Welchen Teil gehört fĂŒr dich denn zu deinem Vater?“, fragte sie ihn. „Welcher zu deiner Mutter?“
Den zu seiner Mutter konnte er sofort ausmachen. Der wĂŒrde gut zu ihrem Grabstein passen. Der grĂ¶ĂŸere Rest des Felsbrockens erschien ihm jedoch unfair groß im Vergleich, wurde seinem Vater nicht gerecht. Die noch kleineren Splitter schienen dagegen zu klein.
Der Große muss noch einmal brechen, wurde ihm klar.

Wieder auf die andere Seite der BrĂŒcke, barfuß durch den Fluss gewatet, den verbliebenen grĂ¶ĂŸeren Teil des Felsbrockens holend, wieder auf die BrĂŒcke, und er ließ den Brocken nochmals fallen. Zahlreiche Splitter sprengten sich nochmals ab.
„Und jetzt?“, fragte sie ihn.

Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass er niemals fertig werden wĂŒrde, einem jeden seinen gerechten Teil zukommen zu lassen. Er selbst hatte wohl seinen Teil verdient, sein Vater, seine Mutter, aber ebenso ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern und immer so weiter, gar nicht zu sprechen von allen möglichen weiteren Menschen die einen im Laufe eines Lebens so beeinflussten. Und selbst wĂŒrde ihm diese Aufgabe gelingen – was hĂ€tte er damit erreicht? Machte es wirklich freier wenn man wusste warum man unfrei war, sich BegrĂŒndungen dafĂŒr aus einer Vergangenheit logisch herleiten konnte?

„Der Felsen bleibt hier“, meinte er zu ihr, fĂŒhlend, wie die Schwere des Felsbrockens, der Schuld, des Schmerzes von seinen Schultern genommen worden war, wenn er ihn nur loszulassen vermochte. Warum irgendjemanden anderen weiter damit belasten? Er brauchte nichts mehr von ihnen.

Kurz fand er in sich den Impuls, sich ein Andenken an jenen denkwĂŒrdigen Moment mitzunehmen, ein kleines StĂŒck des einst so schwerwiegend erscheinenden Brockens. Aber das hĂ€tte eine Erfahrung entehrt, die da ganz war, nicht nur eine stĂŒckweise Erleichterung, von viel zu schwer zu weniger schwer.

Was, wenn man tatsĂ€chlich einfach aufhörte, irgendwelche Felsbrocken an irgendjemanden verteilen zu wollen, weil man glaubte es sei ja so unfair dass man ihn selber tragen mĂŒsse und der andere nicht? Denn die unbequeme Wahrheit war am Ende doch jene: er selbst hatte den Felsbrocken damals mit nach Hause geschleppt. Es war seine eigene Idee gewesen, ihn gemeinsam aus dem Fluss zu holen, und er hatte ihn sich behalten wollen. Nun war auch er es, der ihn gehen lassen musste. Diese Verantwortung konnte ihm niemand abnehmen.

Denn sonst, so fĂŒhlte er es mittlerweile recht deutlich, wĂ€re man ja wie jemand, der einen Roman liest der ihm nicht gefĂ€llt, wissend dass er auch nicht besser wird, trotzdem weiterliest und sich dann beschwert dass das Buch schlecht war. Man konnte auch einfach das Buch weglegen und ein anderes lesen. Oder selbst eins schreiben, mit ĂŒberraschenden Wendungen und viel mehr Freude drin. Oder sogar ganz wagemutig sein, all die BĂŒcher hinter sich lassen, die TĂŒr aufmachen und mal rausfinden wie das Leben so ist wenn man sich mal wieder ungefiltert drauf einlĂ€sst.

Vermutlich war das dann gar nicht mehr so schwer.

In den letzten Tagen wurde fĂŒr mich ein altes Thema wieder sehr aktuell: wie umgehen mit unverlĂ€sslichen Mitmenschen? Als jemand, dessen Freundeskreis zu einem großen Teil aus eher „alternativen“ Menschen besteht, und sich auch entsprechend tendenziell zu „Freigeister“-Frauen hingezogen fĂŒhlt, habe ich in meinem Leben ziemlich oft mit diesem Thema zu tun gehabt. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass ich vor allem in meiner Jugend und als junger Erwachsener bisweilen ebenso nicht sonderlich verlĂ€sslich war. Im folgenden Beitrag möchte ich einerseits darĂŒber schreiben, was meiner Erfahrung nach ĂŒberhaupt die hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit sind, welche Auswirkungen UnverlĂ€sslichkeit auch auf andere haben kann, und wie man mit unverlĂ€sslichen Menschen umgehen kann, ohne dauerhaft selbst darunter leiden zu mĂŒssen.

Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit

0. Implizierte Erwartungen

Ich habe diesem Grund die Ziffer 0 zugewiesen, weil es sich im Grunde um keine wirkliche UnverlÀsslichkeit handelt, sondern mehr um eine einseitig empfundene. Aber implizierte Erwartungen passieren hÀufig, deswegen verdienen sie es meiner Ansicht nach, erwÀhnt zu werden.

Das einfachste Beispiel dafĂŒr sind Beziehungen. Auch wenn es einige relativ universelle Vorstellungen davon gibt, was vom anderen erwartbar ist, wenn man “in einer Beziehung ist”, kommen dazu im Regelfall noch unzĂ€hlige Erwartungen hinzu, die gefĂŒhlt “so selbstverstĂ€ndlich sind, dass man darĂŒber gar nicht mehr reden braucht” – und die naturgemĂ€ĂŸ prompt enttĂ€uscht werden, weil sie beispielsweise aufgrund der eigenen familiĂ€ren Vorgeschichte geprĂ€gt wurden, die der jeweils andere natĂŒrlich nicht 1:1 so miterlebt hat.

Daher unterscheide ich fĂŒr mich sehr klar zwischen impliziten und expliziten Abmachungen. Die Einhaltung von expliziten, klaren Abmachungen ist mir sehr wichtig, aber ich bin niemandem böse, wenn er implizite, nie klar kommunizierte Erwartungen nicht erfĂŒllt – und auch nicht sehr verstĂ€ndnisvoll, wenn mir jemand vorwirft, seine impliziten, nie kommunizierten Erwartungen nicht erfĂŒllt zu haben. Der Rest des Artikels bezieht sich dementsprechend auf explizite Abmachungen.

1. Unklare Kommunikation

Es mag kurios klingen, aber der vermutlich hĂ€ufigste Grund fĂŒr (empfundene) UnverlĂ€sslichkeit ist  schlicht unklare Kommunikation. Jemand geht aufgrund einer unklar formulierten Abmachung davon aus, dass sich der andere auf eine bestimmte Art und Weise verhalten wird („das ist ohnehin klar, da brauche ich nicht genauer nachfragen), und empfindet es dann als unverlĂ€sslich, wenn der andere sich anders verhĂ€lt als erwartet (ohne dass dieser merkt, dass er damit als „unverlĂ€sslich“ rĂŒberkommt, weil seine Version der Wahrheit fĂŒr ihn ebenso „völlig klar“ ist). Beispielsweise meinte eine Freundin von mir unlĂ€ngst, sie sei „Anfang August“ in Oberösterreich und wĂŒrde mich dann gerne treffen. Ich ging (warum auch immer) vom 1./2. August aus, und war dann irritiert, dass sie in der Zeit nicht erreichbar war, wo sie doch meinte, sie will mich gerne sehen. Sie war entsprechend ĂŒber meine Irritation irritiert 😉

An dieser Stelle sei noch erwĂ€hnt, was fĂŒr mich – neben allgemeiner Ignoranz ĂŒber mögliche Konsequenzen – die hĂ€ufigsten zwei GrĂŒnde fĂŒr unklare Kommunikation sind:

  1. man will sich noch nicht festlegen und Optionen offen lassen, und
  2. man will den anderen nicht verletzen.

2. Mangelnde SelbsteinschÀtzung/Organisation/Disziplin

Der zweite hĂ€ufige Grund fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit ist in mangelnder SelbsteinschĂ€tzung, Organisationstalent oder Disziplin zu finden. Wer nicht einschĂ€tzen kann, ab wann er seine Ressourcen und sich selbst ĂŒberfordert, wird sich regelmĂ€ĂŸig ĂŒberfordern, und zumindest einigen seiner eingegangen Abmachungen nicht gewachsen sein. Wer nicht gut darin ist, sich selbst zu organisieren, wird selbst bei allgemeiner Machbarkeit ĂŒberfordert sein. Und wem die Selbst-Disziplin dazu fehlt, wird eventuell frĂŒher aufgeben als notwendig, oder sich leicht ablenken lassen.

3. Nicht Nein sagen können

Grund Nummer drei ist verwandt mit mangelnder Selbst-EinschĂ€tzung, aber ich möchte ihn hier extra herausheben: Nicht gut darin zu sein, Nein zu sagen. Wer nie gelernt hat, bewusst, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht will/leisten kann, wird sich frĂŒher oder spĂ€ter selbst ĂŒberfordern, und eingegangene Abmachungen beim besten Willen nicht einhalten können. Oder anders ausgedrĂŒckt: Nur wer gelernt hat, Nein zu sagen, kann auch mit gutem Gewissen Ja sagen. Dieser Aspekt hat natĂŒrlich auch stark mit dem Ausmaß der persönlichen AbhĂ€ngigkeit von anderen zu tun. Je abhĂ€ngiger ich von der UnterstĂŒtzung eines Menschen/einer Institution bin, desto eher werde ich bereit sein, nach außen Ja zu sagen, auch wenn mein Innerstes mir zu einem Nein rĂ€t.

4. Verkettete AbhÀngigkeiten auf unverlÀssliche Menschen basieren

Grund Nummer vier ist jener, dass ich mich auf andere verlasse, die selbst unverlÀsslich sind, und damit verkettete AbhÀngigkeiten eingehe. Ein simples Beispiel: mein Bruder hat mich und meine (mittlerweile) Ex-Freundin zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie gefragt, ob sie Zeit und Lust hat, mitzukommen, sie sagt Ja, und ich gebe meinem Bruder Bescheid, dass wir kommen werden. Am besagten Tag schafft meine Ex-Freundin es nicht rechtzeitig aus dem Bett, und ich stehe vor der Wahl:

  1. Auf sie zu warten und selbst zu spÀt zu kommen
  2. Ohne sie zu fahren, selbst pĂŒnktlich zu kommen, aber ohne – wie ausgemacht – mit meiner Ex-Freundin
  3. WĂŒtend etc. zu reagieren und meiner Ex-Freundin Druck zu machen

Keine Option ist sonderlich befriedigend, vor allem wenn man öfter in eine solche Situation kommt, wie es mir regelmĂ€ĂŸig passiert ist. Obwohl ich mich selbst sehr darum bemĂŒhte, verlĂ€sslich zu sein, wurde ich von anderen aufgrund von verketteten AbhĂ€ngigkeiten oft trotzdem als unverlĂ€sslich wahrgenommen (vor allem von meiner Familie, die meine reale persönliche UnverlĂ€sslichkeit von frĂŒher noch in Erinnerung hatten).

Ich habe als junger Erwachsener relativ rasch verstanden, dass meine eigene UnverlĂ€sslichkeit Menschen, die mir wichtig sind, nervt, und negative Konsequenzen nach sich zieht. Aber dann nochmal knapp 10 Jahre gebraucht, um das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten fĂŒr mich so halbwegs zufriedenstellend zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die wie ich ziemlich viele “Hippie-Freunde” haben, mit dieser Schwierigkeit zu kĂ€mpfen haben.

Einige LösungsansĂ€tze fĂŒr das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten

Nun, man kann schlicht darauf verzichten, verkettete AbhÀngigkeiten einzugehen. Aber recht viel braucht man dann nicht mehr vom Leben zu erwarten. Keine zufriedenstellende Lösung also.

Zweiter Ansatz: lernen, zwischen verlÀsslichen und unverlÀsslichen Menschen zu unterscheiden, und sich nur noch auf die zweite Art von Menschen verlassen. Das funktioniert tatsÀchlich auch ganz gut so. Aber was tun, wenn es um unverlÀssliche Menschen geht, die einem nahe stehen, etwa Familienmitglieder, der beste Freund, oder eine Frau, die man zutiefst liebt?

Aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte muss ich drittens davon ausgehen, dass ich unverlĂ€ssliche Menschen gewissermaßen geradezu „anziehe“, schon alleine aus dem Grund, weil ich traditionell dafĂŒr gesorgt habe, dass diese Menschen nicht das volle Ausmaß der Konsequenzen ihrer UnverlĂ€sslichkeit erleiden mussten. Und dann habe ich mich stĂ€ndig darĂŒber geĂ€rgert (meist ohne es an den jeweiligen unverlĂ€sslichen Menschen direkt auszulassen), dass sich nichts an ihrem Verhalten Ă€nderte. In aller Ehrlichkeit: meine alte Angewohnheit, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden, war auch nicht sonderlich hilfreich.

Was trage ich selbst zur UnverlÀsslichkeit des Anderen bei?

Daher im Sinne der radikalen Selbstverantwortung die oft unangenehmen Fragen: Was trage ich selbst zum Verhalten der anderen Person bei? Was habe ich selbst dazu beigetragen, in die unangenehme Situation gekommen zu sein, in der ich mich jetzt aufgrund der UnverlÀsslichkeit des Anderen befinde?

Wenn man sich bemĂŒht, ehrliche Antworten auf diese Fragen zu finden, finden sich oft auch Antworten, die helfen, aus diesen unangenehmen Erfahrungen zu lernen:

  • Möglicherweise hat der Andere unklar kommuniziert, aber ich habe es auch unterlassen, genauer nachzufragen.
  • Möglicherweise tut sich der andere schwer damit, Absprachen auch einzuhalten, aber ich habe es auch zugelassen, dass verkettete AbhĂ€ngigkeiten entstehen, die meine PlĂ€ne wie ein Kartenhaus einstĂŒrzen lassen wenn er unverlĂ€sslich wird, indem ich keinen Notfallplan entwickelt habe, obwohl ich schon weiß, dass dieser Mensch nicht der verlĂ€sslichste ist.
  • Möglicherweise lernt der andere einfach nicht aus seinen Fehlern, aber ich helfe ihm auch nicht dabei, weil ich ihn, um ihn nicht zu verletzen, vor dem Ausmaß meiner EnttĂ€uschung und Wut darĂŒber schĂŒtze. Oder, weil ich das GefĂŒhl habe, nicht ohne ihn leben zu können, nicht die notwendigen Konsequenzen fĂŒr mich ziehe.

Das Kernproblem hintern den Kernproblemen

Die möglichen GrĂŒnde fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit, die ich oben beschrieben habe, sind fĂŒr mich im Grunde nur Facetten eines dahinterstehenden Kernproblems: Darf ich mein Leben so leben, wie ich es fĂŒr richtig halte, und traue ich mich auch, dies zu tun?

Wenn ich auf diese Fragen mit ganzem Herzen mit Ja antworten kann, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Vorlieben und Ressourcen Ja und Nein zu Anfragen antworten, die an mich gestellt werden, und entsprechende PrioritÀten setzen. Ich kann klar, authentisch und ehrlich kommunizieren. Ich kann, wo dies notwendig ist, auch in Konflikt gehen, um dieses mir angestammte Recht auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu verteidigen.

Aber wer von uns ist tatsÀchlich soweit, dies 100%ig von sich behaupten zu können?

Wie ich mittlerweile mit unverlÀsslichen Menschen umgehe

Emotionen wie Wut, EnttĂ€uschung etc. zu zeigen und auszudrĂŒcken, ist aus zwei GrĂŒnden wichtig: einerseits hilft es einem selbst, sie „rauszubekommen“ und nicht zu unterdrĂŒcken, andererseits hilft es dem Anderen, nachzuvollziehen, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Aber Emotionen auszudrĂŒcken alleine ist oft zu wenig. Es braucht auch Konsequenzen, die dem Anderen unabhĂ€ngig von Emotionen ermöglichen, die Zukunft verlĂ€sslich vorherzusehen. Im Grunde sind Erwachsene „große Kinder“, und in einer komplexen Welt freuen sie sich ebenso ĂŒber ein wenig Vorhersehbarkeit.

Im Idealfall ist die Vorhersehbarkeit entsprechend den realen MachtverhĂ€ltnissen formuliert, und erzeugt nicht wieder neue verkettete AbhĂ€ngigkeiten. Nehmen wir z.B. an, ich habe mir fĂŒr heute mit einer Freundin ausgemacht, dass wir gemeinsam schwimmen gehen, aber ich erreiche sie nicht, und sie meldet sich auch nicht zurĂŒck.

Was ich mittlerweile im Regelfall mache, ist ihr eine Nachricht nach dem Muster „Ich erreiche dich leider nicht. Wenn ich bis 14:30 nichts von dir höre, mache ich mir mit jemand anderem etwas aus.“ Das beschrĂ€nkt meinen Ärger ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit zeitlich, und verhindert, dass ich (wie frĂŒher oft passiert) stundenlang herumwarte, und dann dem Anderen innerlich vorwerfe, meinen Tag versaut zu haben.

Heute konkret war ich dann doch auch mal ziemlich genervt von einer Freundin, die (im Gegensatz zu meinen anderen Freunden, die mittlerweile erstaunlich verlĂ€sslich geworden sind, seit ich sie so behandle) es geschafft hat, einige Tage in Folge unverlĂ€sslich/unerreichbar zu sein. Sie hat dann doch ausnahmsweise eine „Doppel-Behandlung“ in Form meiner deutlichen Genervtheit + Darlegung der Konsequenzen erhalten (ĂŒblicherweise reicht mittlerweile letzteres), und die Botschaft dĂŒrfte wohl mittlerweile angekommen sein.

HauptsĂ€chlich war ich aber auch deswegen so genervt, weil ich eine andere Entscheidung von ihr abhĂ€ngig gemacht hatte, also verkettete AbhĂ€ngigkeiten auf jemanden aufgebaut hatte, der sich in dieser Situation als unverlĂ€sslich herausgestellt hat – meine Wut war also auch ein StĂŒck weit selbst verursacht.

Wer das bei aller Genervtheit ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit anderer nie vergisst, erinnert sich dabei auch an eine wichtige Konsequenz aus dem Faktum, dass ein Teil der Misere selbst verursacht ist: ich habe damit auch selbst die Macht, etwas daran zu Ă€ndern. Radikale Selbstverantwortung kann schon auch ziemlich hilfreich sein 🙂

In dem konkreten Fall habe ich nun die verkettete AbhĂ€ngigkeit aufgelöst, und mir eine schöne Alternative geschaffen, falls der ursprĂŒngliche Plan so nichts wird – und wenig ĂŒberraschend hat sich die verbliebene Wut auch weitgehend aufgelöst.

Niklas

Vor einigen Jahren durchlebte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich mich fĂŒr ein glĂŒckliches Leben entschieden hatte. Wie diese glĂŒckliche Phase exakt begann, ist in den Untiefen meiner Erinnerung verloren gegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, mich dafĂŒr entschieden zu haben, GlĂŒck in die Welt auszustrahlen, und jegliche Reaktionen meiner Umwelt positiv zu interpretieren.

Die Konsequenzen waren unglaublich. Über Monate, Jahre traf ich kaum je einen Menschen, mit dem ich negative Erfahrungen gemacht hĂ€tte. Lernte fast tagtĂ€glich wunderbare neue Menschen kennen, und fĂŒhlte mich im Großen und Ganzen pudelwohl mit mir selbst und meiner Umgebung. Mein Selbst-Vertrauen war groß, und noch grĂ¶ĂŸer war mein Welt-Vertrauen.

Jahre spĂ€ter sorgte ein Ă€hnlich ausgeprĂ€gtes Urvertrauen in das Gute in der Welt dafĂŒr, dass ich in meiner NaivitĂ€t die Möglichkeit politischer Intrigen und MachtkĂ€mpfe in meinem Arbeits-Umfeld völlig ausblendete, selbst als die Anzeichen dafĂŒr fĂŒr jeden anderen offensichtlich gewesen wĂ€ren. Es folgte eine lĂ€ngere Zeit, in der ich versuchte, mit diesem „realistischeren“ Weltbild klarzukommen. Eine wichtige Zeit, in der ich viel ĂŒber die KomplexitĂ€t des menschlichen Seins und Miteinanders gelernt habe. Aber glĂŒcklicher hat mich diese Zeit nicht gemacht.

Oft dachte ich an jene Zeit vor einigen Jahren zurĂŒck, als völlig unabhĂ€ngig von Ă€ußeren UmstĂ€nden in mir stets die Sonne zu scheinen schien, und fragte mich, warum es mir nun, Jahre spĂ€ter, so viel schwerer fiel, diesen unbeschwerten Zustand erneut zu erreichen. NatĂŒrlich hatten sich auch einige UmstĂ€nde seit damals geĂ€ndert: viele meiner besten Freunde hatten sich ebenso verĂ€ndert, oder lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt von mir. Ich war voll ins Arbeitsleben eingetreten, die „Schonzeit“ des Studiums war nun offensichtlich vorbei.

Und doch
 irgendetwas schien mir falsch daran zu sein, hier nur eine Art „natĂŒrlichen Verlauf“ eines Lebens nachgezeichnet zu sehen. Vor allem aber auch frustrierend: was fĂŒr eine Verarschung war ein Leben, das einen erst 20-25 Jahre lang zeigte, wie sich GlĂŒck anfĂŒhlen kann, um dann nochmal 3-4x so lang zu sagen „Sry, diese Phase ist jetzt vorbei fĂŒr dich“?

Und dann begann mich eine noch sehr nebulöse Idee nicht mehr loszulassen: dass unsere IdentitĂ€t und Weltbild möglicherweise gewissermaßen Filter darstellen – die wir bewusst kontrollieren lernen können.

Filter unserer Wahrnehmung

Ich stellte mir die Frage erneut, warum ich vor einigen Jahren jeden Tag unglaublich geniale Begegnungen hatte und jetzt nicht mehr. War es tatsĂ€chlich nur an meiner Entscheidung gelegen, die Welt positiv zu betrachten? Erschufen wir durch unsere Erwartungen – wie es manche behaupteten – tatsĂ€chlich erst die objektive Wirklichkeit?

Es schien irgendwie unrealistisch, davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre die Anzahl an sympathischen Menschen objektiv so dermaßen verringert hatte. Was also, wenn ich schlicht die FĂ€higkeit eingebĂŒĂŸt hatte, sie wahrzunehmen? Angenommen, auch heute wĂŒrden sich ca. gleich viele geniale Menschen in meinem Umfeld bewegen, aber ich wĂ€re gewissermaßen „blind“ fĂŒr sie geworden: wĂŒrde ich dann nicht in meiner subjektiven Wahrnehmung keine sehen, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus da waren? Ich hatte sie gewissermaßen aus meinem subjektiven Erleben „ausgefiltert“. Und da mein subjektives Erleben mein tatsĂ€chliches Erleben darstellte, erlebte ich die Welt eben nun nicht mehr so interessant und voll sympathischer Menschen als frĂŒher.

Dies wĂŒrde sich selbst dann nicht Ă€ndern, wenn in meinem Umfeld aus irgendeinem Ă€ußeren Grund plötzlich doppelt so viele sympathische Menschen herumlaufen wĂŒrden – ich wĂŒrde sie trotzdem nicht sehen können, weil ich dann eben doppelt so viele Menschen aus meinem bewussten Erleben ausfiltern wĂŒrde. Oder umgekehrt: wenn ich mehr sympathische Menschen treffen möchte, reicht es nicht, auf bessere Zeiten zu hoffen – ich muss stattdessen meinen Filter „sĂ€ubern“ bzw. neu einstellen.

Das hatte ich wohl damals ohne es zu wissen richtig gemacht: ich hatte meine Filter darauf eingestellt gehabt, mir hauptsÀchlich positive Seiten der Welt zu zeigen. Vermutlich passierte damals ebenso viel Negatives und Positives wie jetzt auch, aber damals hatte ich durch meine Entscheidung das Negative ausgefiltert, und dadurch fast nur Positives erlebt.

Nun, die letzten Wochen, habe ich ganz bewusst damit experimentiert, und festgestellt, dass das PhĂ€nomen bestĂ€ndig ist: wenn ich meine Filter bewusst zu lenken beginne, verĂ€ndert sich mein subjektives Erleben entsprechend. Ich beginne wieder, Möglichkeiten wahrzunehmen, die ich die letzten Jahre von vornherein herausgefiltert hatte. Treffe plötzlich wieder unzĂ€hlige interessante Menschen. Irgendetwas muss dran sein an meinem Filter-Konzept…

Unser mehrstufiges Filtersystem

Die Schwierigkeit, mit diesen Filtern zu arbeiten, ist, dass wir sie meistens unbewusst einsetzen. Unsere bewusste subjektive Wahrnehmung ist ja bereits vorgefiltert, daher ist es schwierig, den Filterungs-Prozess ĂŒberhaupt zu bemerken.

GlĂŒcklicherweise kann uns der Vergleich unseres Erlebens mit unserem vergangenen Erleben (wie oben beschrieben) helfen, oder auch der Vergleich mit anderen Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als wir. Ein eher depressiv „gefilterter“ Mensch wird in der Welt andere Möglichkeiten wahrnehmen als ein positiv „gefilterter“ Mensch, und uns mit anderen zu vergleichen, zeigt uns die RealitĂ€t auf, dass ein jeder Mensch filtert.

Da ich erst dabei bin, mit dem Konzept der Filter zu experimentieren, hier nur eine Art erste Skizze, wie unsere Filter-Hierarchie nach meinen ersten Experimenten und Reflexionen aufgebaut sein könnte:

Ganz unten finden wir die Welt, wie sie ist.

Unsere Sinne sind der erste Wahrnehmungs-Filter. Alles, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können, bleibt uns verborgen. Daraus entsteht unsere Wahrnehmung, gewissermaßen die Rohe Summe an Sinnes-EindrĂŒcken.

Diese große Anzahl an Sinnes-EindrĂŒcken wird nun eingeordnet in bekannte Muster, um sie zu deuten. Unser Bewusstsein nimmt diese ja nicht in Roh-Form wahr, sondern in ihrer angenommenen „Bedeutung“. Es kann nur deuten, was es einordnen kann. Kann es Sinnes-EindrĂŒcke nicht einordnen, so entsteht Unklarheit/Überforderung. Dieser Filter ist gewissermaßen unser Bild von der Welt.

Ein weiterer Filter ist unsere eigene IdentitĂ€t. Möglicherweise deuten wir unsere Wahrnehmung korrekt, dass ein Mensch an unserer Stelle nun diese oder jene Handlungsmöglichkeiten hĂ€tte, aber wir als der Mensch, der wir sind, schrĂ€nken diese weiter ein, um unsere IdentitĂ€t nicht infrage stellen zu mĂŒssen. Beispielsweise mag die Deutung der Situation aufgrund der Vorfilterung anzeigen, dass ein Anschreien des GegenĂŒbers angebracht wĂ€re, aber als „Mensch, der nie andere anschreit“ (=IdentitĂ€t) tun wir das nicht.

Ein bewusstes VerÀndern der Filter

Erfolgreiche Menschen haben möglicherweise einfach ein konstruktiveres Filter-System, das ihnen Möglichkeiten sichtbar macht, die andere aus dem bewussten Erleben herausfiltern wĂŒrden. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich, wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, eine Zeit lang (korrekterweise) gemeint habe, ich „mache mich gerade selbststĂ€ndig“. Diese IdentitĂ€t filtert die tatsĂ€chlichen Möglichkeiten in einer Situation anders, als wĂŒrde ich von mir selbst behaupten, ich „bin selbststĂ€ndig“. Vielleicht fĂ€llt es mir beispielsweise als „neuer“ SelbststĂ€ndiger schwerer, fĂŒr meine Angebote Geld zu verlangen, als es mir als SelbststĂ€ndiger (ohne den Zusatz “bin gerade dabei es zu werden) fallen wĂŒrde.

Wie aber verĂ€ndert man nun tatsĂ€chlich seine Filter? Das kommt meiner Ansicht nach ein StĂŒck weit auf die Art des Filters an, den man verĂ€ndern möchte. Möchte man seine Sinnes-Filter verĂ€ndern, kann man direkt seine Sinne verfeinern. Etwa wenn jemand, der gerne Wein trinkt, einen feineren Gaumen bekommen möchte, oder ein Musiker sein Gehör trainiert.

Will jemand seinen Filter verĂ€ndern, der die Einordnung und Deutung der Wahrnehmung betrifft, so wird er sich damit beschĂ€ftigen, alternative und komplexere „Muster“ zu erlernen, um seine Wahrnehmung verfeinert zu den Deutungen zuordnen zu können, die ihnen entsprechen. In meinem Fall beispielsweise habe ich die letzten Jahre gelernt, auch die „dunkle Seite“ des menschlichen Miteinanders wahrnehmen und korrekter deuten/einschĂ€tzen zu können. Es hat mich in der Zeit nicht glĂŒcklicher gemacht, aber mich in stimmigeren Kontakt mit der Welt gebracht. Man könnte sagen, meine Deutungen der Wahrnehmung ist realistischer geworden, weil ich mehr Möglichkeiten habe, sie in verschiedene zur VerfĂŒgung stehende Muster einzuordnen und entsprechend zu deuten.

Geht es um den Filter der eigenen IdentitĂ€t, so kann der universelle Entwicklungskreislauf, ĂŒber den ich bereits viel geschrieben habe, hilfreich sein. Kaum jemand schafft es auf Dauer, gegen das eigene Selbstbild zu handeln, deshalb ist es wichtig, auch diesen Filter genau zu betrachten.

Die drei Filter bauen gewissermaßen aufeinander auf – jemand, der beispielsweise nur einen sehr groben Sinn fĂŒr Emotionen hat, z.B. nur subjektiv „gute“ von „schlechten“ unterscheiden kann, dessen Einordnung der Sinnes-Informationen wird (in diesem Bereich) auch nur eine geringe KomplexitĂ€t erreichen können. Wenn dieser Jemand nun lernt, feiner zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, so wird es ihm auch leichter fallen, seine  Umgebung einschĂ€tzen zu lernen. Meine SensibilitĂ€t fĂŒr Emotionen ist beispielsweise extrem ausgeprĂ€gt, jene fĂŒr das Riechen lĂ€cherlich gering.

„GlĂŒck“ filtern?

Ist an diesem zugegebenermaßen noch etwas nebulösen Filter-Modell etwas dran, so wĂŒrde es fĂŒr mich gut erklĂ€ren, warum ich vor einigen Jahren schlicht durch Entscheidung eine so glĂŒckliche Zeit erlebt habe: ich hatte bewusst meinen Filter der Deutung der Welt so „eingestellt“, dass ich ĂŒberall Schönheit und Möglichkeit wahrnahm, und die „negativeren“ Interpretationen der Welt schlicht herausgefiltert hatte. Das machte es einfach, an das Gute in der Welt zu glauben, und einfach fĂŒr die Welt, mir mein Weltbild zu bestĂ€tigen, weil ich das Positive, das ich in der Welt annahm, auch selbst ausstrahlte.

Es machte mich aber auch verwundbar, von der „dunklen Seite“ des Menschlichen, die ich dabei ausfilterte, ĂŒberrumpelt zu werden. Es verhinderte, dass ich die FĂ€higkeit zur Einordnung und Deutung entwickelte, aus den fĂŒr andere wohl offensichtlichen Anzeichen in meiner Umgebung schlau zu werden und mich entsprechend fĂŒr die bevorstehenden KĂ€mpfe zu rĂŒsten. Gewissermaßen zog ich fröhlich, nichtsahnend und unbewaffnet in einen Krieg gegen gut vorbereitete Gegner – den ich natĂŒrlich haushoch verlor.

Es waren schmerzliche Erfahrungen, aber auch wertvolle: die Welt nur positiv zu filtern, reicht nicht. Man muss auch die andere, „dunklere“ Seite sehen können, um gerĂŒstet zu sein. Muss – wie es in einigen KampfkĂŒnsten so schön heißt – lernen zu kĂ€mpfen, um nicht kĂ€mpfen zu mĂŒssen.

Die Welt an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Unsere subjektive Welt jedoch, die Welt, die wir erleben, fĂŒr die sind wir mitverantwortlich, weil unsere Filter sie gestalten.

Niklas

P.S.: NĂ€chsten Dienstag, 19:00, halte ich im FreiRaumWels einen Vortrag ĂŒber den universellen Entwicklungskreislauf, die Wochen drauf auch noch weitere. Bitte weitersagen – und natĂŒrlich auch selbst vorbeischauen, wenn sichs irgendwie ausgeht 🙂

„Es wĂ€re alles viel leichter, wenn du nur anders wĂ€rst.“ Warum uns dieser Satz nicht weiterbringt – und was stattdessen hilft: Der Welt erlauben, sich in unserem Sinne zu verĂ€ndern.

Im Grunde sind fĂŒr mich vier Faktoren dafĂŒr verantwortlich, ob die VerĂ€nderungen stattfinden, die wir uns wĂŒnschen:

Sind wir bereit hinter den Vorhang des „Zufalls“ zu blicken?

Ach, warum nur habe ich so viel Pech? WĂŒrde es doch eine Möglichkeit geben, das zu Ă€ndern!

Es gibt viele Menschen, die sind durchaus zufrieden damit, sich von den Wogen mitreißen zu lassen, die sie „Zufall“ nennen. Passiert ihnen etwas, das sie als „negativ“ erleben, so nennen sie es „Pech“. Passiert ihnen etwas, das sie als „positiv“ erleben, so nennen sie es „GlĂŒck“.

Der aufmerksame Leser hat vermutlich schon entdeckt, dass ich mehrere Mal die Phrase „passiert ihnen“ verwendet habe. Menschen, die so denken, betrachten sich je nach Ausgang einer Situation als Opfer oder auch Nutznießer des Schicksals, dem sie ausgeliefert sind. Jemand oder etwas im Außen handelt, und sie sind den Konsequenzen dieses Handelns ausgeliefert.

„Zufall“ ist jedoch im Grunde nur eine Umschreibung fĂŒr einen Vorgang, den wir (noch) nicht verstehen. FĂŒr einen blutigen AnfĂ€nger ist der Aktienhandel mehr oder weniger ein GlĂŒcks-Spiel, fĂŒr jemanden mit mehr Erfahrung ein berechenbares Risiko. Einen Volleyball in die gewĂŒnschte Richtung zu baggern ist fĂŒr den AnfĂ€nger ein GlĂŒcksspiel, fĂŒr den Profi vorhersehbar.

Wer sich wie ich fĂŒr Geschichte interessiert, wird feststellen, dass es zu allen Zeiten PhĂ€nomene gegeben hat, die sich niemand erklĂ€ren konnte und die als „Zufall“ oder „göttliche FĂŒgung“ betrachtet wurden. Irgendwann wurde dann durch engagierte Interessierte mehr und mehr Licht in diese „Blackboxen“ gebracht, und damit erhöhte sich die Chance, dem „Zufall“ höhere Wahrscheinlichkeiten fĂŒr das Eintreffen des gewĂŒnschten Ausganges abzuringen.

Ich möchte damit keinesfalls ausschließen, dass es nicht durchaus etwas wie „göttliche FĂŒgung“ geben könnte – mein Ziel ist es nicht, glĂ€ubige Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Umschreibungen im Alltag ein wenig zu inflationĂ€r gebraucht werden, und es fĂŒr manche Menschen durchaus sinnvoll wĂ€re, sich zu fragen wie die „Mechanik“ eines zufĂ€lligen Ereignisses tatsĂ€chlich zustande kam. Vor allem dann, wenn die “ZufĂ€lligkeit” eines Ereignisses sehr subjektiv zu sein scheint.

Noch einmal: Was wir „Zufall“ nennen, sind VorgĂ€nge, die wir bisher noch in zu geringer KomplexitĂ€t erforscht haben. Sind wir bereit, uns der Erkenntnis zu stellen, die hinter dem Etikett „Zufall“ auf uns wartet? Die Antwort entscheidet darĂŒber, ob wir das erste Hindernis zur VerĂ€nderung ĂŒberwinden und uns aus der Opfer-Rolle befreien.

Damit können wir handeln.

Durchschauen wir die Illusion der direkten Kontrolle anderer?

Meist ist die sichtbare VerĂ€nderung die wir uns wĂŒnschen außerhalb von uns selbst zu finden. Wir wollen mehr Geld auf dem Konto, dass der Mitarbeiter endlich bessere Leistungen erbringt, dass die Kollegin aufhört uns zu mobben oder die Regierung zur Abwechslung einmal sinnvolle Gesetze verabschiedet. Mit uns selbst ist ja alles in Ordnung, aber die Welt da draußen mĂŒsste doch einsehen, dass


Das Problem dabei ist jedoch, dass ein jeder dieser Menschen, die wir gerne verĂ€ndert hĂ€tten, einen eigenen Kopf hat, mit eigenen Gedanken. Und vielleicht sogar im selben Moment davon trĂ€umen, dass wir uns endlich Ă€ndern, damit ihre Welt ertrĂ€glicher wird. In der Informatik wĂ€re das ein klassischer „Deadlock“, bei dem nichts mehr weitergeht, weil jeder darauf angewiesen ist, dass der andere endlich was macht, bevor er selbst handelt. Und so vergeht die Zeit, ohne dass VerĂ€nderung eintritt


Andere hingegen versuchen den direkten Weg, andere zu beeinflussen, etwa indem sie Chef eines anderen werden und sich der Illusion hingeben, dieser wĂŒrde nun machen was man wolle, eben weil man Chef sei oder weil man ihn bezahle. Was hierbei ausgeblendet wird ist wiederum eine Art „Blackbox“, die in dem Mitarbeiter ablĂ€uft und ihn im Endergebnis dazu fĂŒhrt fĂŒr den Chef zu tun was dieser verlangt. Solang der Chef aber diese Blackbox nicht tiefer versteht wird es ihm möglicherweise eines Tages ergehen wie Kristen Hadeed in ihrem Buch „Permission to screw up“ anschaulich beschreibt: „ohne Vorwarnung“ kĂŒndigen auf einen Schlag 75% der Belegschaft. Autsch!

Wir können andere Menschen zu einem bestimmten Punkt beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Wir können lernen, den Grad unserer Möglichkeit Einfluss zu nehmen zu erhöhen, indem wir die KomplexitĂ€t aushalten, tiefer in ihre „Blackbox“ zu sehen (manche nennen das auch „sich besser kennenlernen“). Aber 100%ige Kontrolle dabei erreichen zu wollen halte ich fĂŒr nicht sinnvoll.

Was wir jedoch durchaus kontrollieren (= direkt steuern) können, ist uns selbst: unser Körper, unsere Emotionen, unser Geist. Und hierbei finden wir paradoxerweise auch den SchlĂŒssel zur VerĂ€nderung im Außen. Wie das funktioniert?

Öffnen wir RĂ€ume fĂŒr Innovationen oder motivieren wir nur?

Warnhinweis: Wenn wir RĂ€ume öffnen, könnten wir auch positiv ĂŒberrascht werden.

Am einfachsten als mentales Bild darzustellen ist dies, wenn wir uns um alle Menschen eine Art 3-dimensionale Form vorstellen, die jeweils an die Formen der anderen Menschen anliegt. Diese Formen stellen unser Sein im Alltag dar, das wir gewöhnt sind. Wenn ich nun jemanden direkt verĂ€ndern will, so stoße ich mit Druck in seine Form vor, was ihn zu Abwehr-Reaktionen ermuntern wird: Druck erzeugt Gegendruck. VerĂ€ndere ich jedoch meine Form, indem ich zwischen seiner Form und meiner Raum eröffne, so lade ich ihn damit ein, sich durch die VerĂ€nderung seiner alten Form an meine neue Form anzupassen, um wieder einen stimmigen Kontakt zwischen uns herzustellen. Dies hat gleich 3 Vorteile:

  • Der Andere tut es freiwillig und in seinem Tempo, es kostet mich weniger Kraftanstrengung
  • Diejenigen, die gegen meine VerĂ€nderung sind, bleiben auf Distanz
  • Ich schenke meiner Umwelt Raum, mich positiv zu ĂŒberraschen

Anstatt meine Energie und Zeit zu vergeuden, jemanden an einen Ort zu schieben, den er gar nicht erreichen will, lade ich ihn stattessen ein und mache den Weg frei. Menschen, die meine VerÀnderung nicht mit mir mitgehen können oder wollen, zeigen dies, indem sie auf Distanz bleiben und nicht erneut Kontakt suchen (ich verschwende meine Energie nicht an Menschen, die dies ohnehin nicht schÀtzen). Indem ich Raum öffne, können andere mich auf Arten beschenken, an die ich selbst gar nicht gedacht hÀtte, hÀtte ich ihr Verhalten steuern wollen.

Dies ist ĂŒbrigens – kurz zusammengefasst – eines der Geheimnisse meines Erfolges als Lehrer. Ich bringe SchĂŒler nicht direkt dazu zu tun was ich fĂŒr richtig halte, sondern öffne ihnen Raum, das, was ich von ihnen verlange (Grenzen des geöffneten Raumes), auf dem fĂŒr sie passendsten Weg zu erreichen. Weil es ihr Weg ist den sie selbst gewĂ€hlt haben, muss ich sie auch nicht von außen motivieren (=“anschieben“), sie bewegen sich selbststĂ€ndig durch eigenen Impuls.

Wenn der SchlĂŒssel zur VerĂ€nderung in uns selbst liegt und allen zugĂ€nglich ist, warum wenden ihn dann so wenige Menschen an? Um dies zu verstehen, mĂŒssen wir uns dem PhĂ€nomen der Anhaftung widmen.

Unterliegen wir der Anhaftung?

Was soll die blöde Frage? NatĂŒrlich brauch ich das alles noch!

Haftung zu haben, also wo befestigt zu sein, ist an sich ein neutraler Zustand ohne Wertung. Problematisch wird es, wenn wir uns in Bewegung setzen wollen und gleichzeitig noch irgendwo anhaften. Wer seine Hand noch auf der TĂŒrklinke hat und nicht loslassen will, gleichzeitig aber vor hat jetzt 20 km zu laufen, der wird nicht weit kommen (oder die TĂŒr mitschleppen mĂŒssen).

So plump dieses Beispiel auch gewĂ€hlt ist: genau so agieren tagtĂ€glich Millionen von Menschen weltweit. Wir „wollen“ aufhören zu rauchen, trotzdem aber hin und wieder „beim Fortgehen“ eine rauchen. Wir „wollen“ den Sixpack-Körper, aber trotzdem den ganzen Tag nur Computer spielen oder im BĂŒro sitzen und uns nicht bewegen. Oder, subtiler: wir wollen uns das Verhalten unseres Partners nicht mehr gefallen lassen, aber sind nicht bereit, ihn im Ernstfall zu verlassen. Wir wollen, dass eine Kollegin aufhört uns zu mobben – sind aber nicht bereit, ihr deutlich zu machen, dass sie Grenzen ĂŒbertritt, weil wir kein “Menschen der herumschreit” sein wollen.

Die meisten Menschen, die davon sprechen was sie wollen, setzen ihr „Wollen“ deswegen nicht in Handlungen um, weil diese Handlungen voraussetzen, dass sie bestimmte Anhaftungen aufgeben, ohne die sie fĂŒrchten nicht auskommen zu können. Wer aber zu vielen Anhaftungen erliegt, wird bewegungsunfĂ€hig und damit – um im vorherigen bildlichen Beispiel mit den Kugeln zu bleiben) unfĂ€hig, Raum fĂŒr VerĂ€nderungen zu schaffen.

Wer also beispielsweise einer klassischeren Vorstellung des Lehrer-Seins anhaftet, wird Schwierigkeiten haben, Àhnliches mit Kindern zu erleben wie es mir geschenkt wurde. Nicht weil es dieser Person grundsÀtzlich nicht möglich wÀre, sondern weil die Identifikation (=Anhaftung) mit einem bestimmten Bild vom Lehrer-Sein die Verhaltensweisen verbietet, die notwendig wÀren, um einen solchen Raum zu öffnen.

Wie man sich von seinen Anhaftungen befreien kann fĂŒllt ganze Bibliotheken voller BĂŒcher, deswegen erspare ich mir diesen Aspekt vorerst. Aber eigene Anhaftungen als Ursache anzuerkennen, warum die Welt noch nicht so ist wie man sie gerne hĂ€tte hilft schon einmal ungemein, die Verantwortlichkeiten klarer zu sehen.

Wie wir die Welt verÀndern

Wie verĂ€ndern wir nun also unsere Welt? Wir anerkennen, dass GlĂŒck, Pech und Zufall nur Umschreibungen sind fĂŒr „noch (!) nicht verstanden“ – und ein Auftrag, tiefer zu forschen. In diese „Blackbox“ zu blicken hilft uns spĂ€ter, gute und passende RĂ€ume fĂŒr VerĂ€nderung zu eröffnen.

Wir anerkennen ebenso die Grenzen dieses Zuganges, und das wir was außerhalb von uns selbst ist nur beeinflussen, niemals vollends kontrollieren können.

Wir anerkennen, dass der energieeffizienteste Weg, VerĂ€nderung im Außen zu bewirken, eine VerĂ€nderung in und an uns selbst ist, mit der wir Zwischen-RĂ€ume eröffnen, die das Außen auf kreative Weise fĂŒllen kann.

Und letztlich anerkennen wir, dass wir dort, wo wir dies nicht vermögen, eine konstruktive VerĂ€nderung durch unsere eigenen inneren Anhaftungen blockieren – und es selbst in der Hand haben, diese aufzulösen, wo die VerĂ€nderung die wir uns erwĂŒnschen dieses Opfer wert scheint.

Die Welt verĂ€ndert sich nicht fĂŒr uns. Aber sie verĂ€ndert sich, und wenn wir ihr den passenden Raum dafĂŒr schenken, auch durchaus in unserem Sinne.

Niklas

P.S.: Wenn euch dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich, wenn ihr ihn mit anderen Menschen teilt, denen er auch gefallen könnte 😉

Warum fĂŒhlen wir uns manchmal machtlos, fremdbestimmt? Warum fĂŒhren manche das Leben das sie leben wollen, andere erleiden es nur? Warum werden manche Menschen vor einer Herausforderung aktiv und andere depressiv? Ich glaube mittlerweile, es liegt an der Bereitschaft, sich mit KomplexitĂ€t zu beschĂ€ftigen. Aber urteilt selbst:

Ihr könnt auch direkt zu den einzelnen Kapiteln springen:

  1. Praktische Anwendungen dieser Erkenntnis
  2. Wir wÀhlen die KomplexitÀt, mit der wir Menschen und Problemstellungen betrachten
  3. Dimensionen erhöhen, um Handlungsspielraum zu gewinnen
  4. Dimensionen verringern, um Aufmerksamkeit freizuschaufeln
  5. Ich kann doch nicht einfach… doch, du kannst!

In den letzten Wochen habe ich mich viel mit einem inneren Bild beschÀftigt, das zunÀchst ungewohnt erscheinen mag: wir sind umso freier, je komplexer wir die Welt und uns in ihr wahrnehmen können.

Stellen wir uns, um das Bild zu verdeutlichen, einen sehr simpel aufgebauten Wahrnehmungsapparat eines Menschen vor, nennen wir ihn Hannes. Hannes fĂŒhlt sich seinem Problem völlig ausgeliefert. Sein Handlungsspielraum hat keine einzige Dimension, ist – geometrisch betrachtet – im Grunde nur ein Punkt, an dem sein Problem ihn ĂŒberwĂ€ltigen wird und er kann nichts dagegen tun:

Der arme Hannes ist seiner Umwelt völlig ausgeliefert. Jemand helfe ihm doch!

Aber nicht mehr lange! Hannes hat gelernt, eine erste Dimension hinzuzufĂŒgen, so dass er nun immerhin eine Handlungsalternative in jeder Situation kennt. Geometrisch ließe es sich als Linie darstellen. Stellen wir uns vor, er erkennt irgendwo auf dem Weg vor sich ein Problem. Alles was er auf einer Linie tun kann ist sich dem Problem zu nĂ€hern, stehenzubleiben oder vor ihm zurĂŒckzuweichen.


Hannes hat sich entschieden vor seinem Problem davonzulaufen. Zum GlĂŒck ist er ein guter LĂ€ufer!

Was aber, wenn unser Hannes neben der Unterscheidung Tun/Nicht tun auch noch aus verschiedene Handlungsmöglichkeiten wĂ€hlen könnte, sein Handlungsspielraum sich gewissermaßen verbreitern wĂŒrde? Wir erhalten ein Rechteck:

Hannes ist schon ziemlich beweglich geworden. Ha, nimm das, Problem!

Unser Hannes hat nun plötzlich die Möglichkeit, seitlich um das Problem herumzugehen und es sich auch von einer anderen Perspektive aus anzusehen. Er muss sich möglicherweise dem Problem auch gar nicht stellen, weil er es umgehen kann.

Wenn nun aber die Lösung zu einem Problem erst sichtbar wird, wenn man es von oben betrachtet, so hat unser Hannes immer noch zu wenig Möglichkeiten, es zu lösen, weswegen wir ihm eine dritte Dimension dazu schenken wollen und einen dreidimensionalen Raum gewinnen, der erheblich mehr Möglichkeiten fĂŒr unseren Hannes bietet, sein Problem zu ĂŒberwinden.

Das arme Problem kann weniger Dimensionen wahrnehmen als unser Hannes und findet ihn daher nicht mehr. Der sieht ja mittlerweile ziemlich entspannt aus!

1. Praktische Anwendungen dieser Erkenntnis

All dies ist den meisten von uns bekannt und wenden wir auch im Alltag an. Faszinierend wird es, wenn wir erahnen dass es mehr als nur drei Dimensionen geben könnte. Wenn uns zwei Dimensionen (Quadrat) mehr Bewegungs-Freiheiten erlauben als eine einzige (Linie), wĂŒrden uns dann fĂŒnf Dimensionen auch mehr Bewegungs-Freiheiten erlauben als drei?

Interessanterweise hilft uns die deutsche Sprache, indem sie ein Wort sowohl im Geometrischen als auch im Sozialen verwendet und uns damit einen Hinweis schenkt: „Tiefe“. Bekommt ein Rechteck Tiefe hinzu, so bekommt es eine zusĂ€tzliche Dimension und wird so ein Quader. Wir vertiefen uns in ein Fachgebiet, unsere Arbeit oder Problemstellung.

Ein anderes Wort, das uns einen schönen Hinweis schenkt, ist „genauer“. Wer einen Menschen genauer kennenlernt, sieht mehr als nur oberflĂ€chlich, und damit mehr-dimensional. In dem Wort „genauer“ steckt bereits die Erkenntnis, dass wir andere Menschen immer nur in einer gewissen Reduktion ihres ganzen Seins erkennen, ĂŒber eine Reduzierung ihrer vielen Dimensionen auf jene die notwendig sind um mit ihnen umzugehen. Lernen wir sie genauer kennen, also in einer höheren KomplexitĂ€ts-Dimension, so erweitern wir unseren Handlungsspielraum mit ihnen.

2. Wir wÀhlen die KomplexitÀt, mit der wir Menschen und Problemstellungen betrachten

Wir vergessen dies im Alltag oft, aber das Bild, das wir von anderen Menschen haben, ist immer eine subjektive Reduktion ihrer Gesamtheit, die ihnen nicht gerecht wird. Unsere Beurteilung ihres Verhaltens basiert auf diesem reduzierten Abbild, und gerade weil es reduziert ist und wichtige Dimensionen ihres Seins wegreduziert hat, können wir oftmals Handlungsalternativen fĂŒr uns selbst mit der Situation umzugehen nicht wahrnehmen.

Einen DrogenabhĂ€ngigen schlicht als solchen zu betrachten reduziert ihn in unserer Wahrnehmung mehr oder weniger auf einen Strich (was auch interessante VerknĂŒpfungen zu “auf den Strich gehen” erzeugt wie ich finde). Er kann weiter Drogen nehmen oder damit aufhören, und je nachdem in welche Richtung er sich bewegt wĂŒrden wir das vielleicht als „gut“ oder „schlecht“ empfinden. In diesem reduzierten Bild ist aber kein Platz fĂŒr die KomplexitĂ€t, die MehrdimensionalitĂ€t seines ganzen Seins, was es uns erschweren wird ihm wirklich hilfreich zur Seite zu stehen.

Das bedeutet nicht, dass ein jeder von uns alle Menschen in ihrer vollstĂ€ndigen KomplexitĂ€t und MehrdimensionalitĂ€t wahrnehmen sollte oder gar mĂŒsste. Es bedeutet aber, dass wir uns dessen bewusst sein sollten, mit welcher KomplexitĂ€tsstufe wir gerade einen Menschen oder eine Herausforderung betrachten, und wie gerecht wir diesem in dieser Stufe werden können.

Es ist eine Tatsache, der die wenigsten von uns wohl gerne ins Auge sehen: wir wĂ€hlen die KomplexitĂ€ts-Dimension, mit der wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen. Und selbst wenn wir glauben keine Wahl zu haben, dann ist dieser Glauben die Folge einer Entscheidung. Wenn wir mit den Ergebnissen unserer bisherigen Entscheidungen wie wir die Welt und uns selbst betrachten wollen nicht zufrieden sind, haben wir immer die Möglichkeit die Dimension der KomplexitĂ€t mit der wir die Welt betrachten zu verĂ€ndern. Wer “keinen Ausweg” sieht hat sich einen Schritt vorher mit der Wahl seiner KomplexitĂ€ts-Dimension durchaus mögliche Auswege verwehrt.

Es bedeutet auch, dass es fĂŒr uns sinnvoll sein kann, uns in der Wahrnehmung und im Aushalten von KomplexitĂ€t zu ĂŒben. Je mehr Handlungs-Spielraum wir uns selbst unabhĂ€ngig von der Ă€ußeren Situation schaffen können und je geĂŒbter wir im “Umschalten” werden, desto grĂ¶ĂŸer unsere Chance, zufrieden und glĂŒcklich zu werden und zu bleiben.

3. Dimensionen erhöhen, um Handlungsspielraum zu gewinnen

Ein jeder Mensch ist fĂŒr sich selbst gewissermaßen ein soziales System, und das aktive Bewusstsein ist nur ein Akteur von vielen anderen darin, etwa dem Unterbewusstsein.

Wenn wir uns darin ĂŒben, im Außen wie im Innen zwischen verschiedenen KomplexitĂ€ts-Dimensionen zu wechseln, dann entdecken wir womöglich mit der Zeit auch in unserem Inneren gewisse „lineare“ AblĂ€ufe, oder gar „Punkte“, die fĂŒr ein „ich bin dem ausgeliefert“ stehen wie bei unserem Hannes weiter oben.

Aus einem „Ich bin dem ausgeliefert“-Punkt kann relativ einfach eine „Ich kann eine VerĂ€nderung anstreben oder nicht“-Linien-Dimension werden. Ist das „Ich kann eine VerĂ€nderung anstreben“ noch zu gruselig, so kann man versuchen, eine weitere Dimension hinzuzufĂŒgen, um mehr inneren Bewegungsspielraum zu erlangen, bis plötzlich gangbare Handlungsalternativen sichtbar werden.

Am einfachsten funktioniert das (zumindest fĂŒr mich), wenn man sich daran gewöhnt, es tatsĂ€chlich als „Spiel-Raum“ zu betrachten. In der Mechanik gibt es ja den Begriff des „Spiels“, der eine Bewegungsfreiheit beschreibt, und auch hier geht es darum, aus einer gefĂŒhlt beengenden und problematischen Situation mit Hilfe seines Bewusstseins in einen grĂ¶ĂŸeren Freiraum zu gelangen in dem man genĂŒgend Handlungs-Alternativen vorfindet um auch eine zu entdecken die wahrscheinlich konstruktiv sein wird.

Ein kleiner Tipp: Humor ist gewissermaßen eine AbkĂŒrzung, die aus einer niedrigen KomplexitĂ€ts-Dimension (“Ich muss den Artikel heute noch abgeben aber mir fĂ€llt nichts ein!”) einen großen Freiraum schaffen kann (“Oder ich schreibe einfach darĂŒber wie schwierig es ist zu schreiben. Da fĂ€llt mir viel ein dazu, da bin ich ja Experte drin!”).

4. Dimensionen verringern, um Aufmerksamkeit freizuschaufeln

Das Spiel funktioniert ĂŒbrigens auch umgekehrt: wer sich in Problemen oder Mitmenschen gerne mal verzettelt ist möglicherweise in zu vielen Bereichen in einer zu hohen Dimension involviert. Es stellt sich die Frage, in welchen Bereichen man nicht vielleicht die Dimension der eigenen Wahrnehmung herunterschrauben könnte – weil man sich ohnehin darauf verlassen kann dass der jeweils andere das schon richtig macht, selbst wenn man ihm nicht alles lang und breit und komplex erklĂ€rt.

So kann die Kommunikation zwischen Chef und Mitarbeiter beispielsweise reduziert werden auf die Dimension der Erwartungen aneinander und den Konsequenzen wenn die Erwartungen nicht erfĂŒllt werden. Das Warum der Erwartungen, obwohl sicher interessant an sich, ist möglicherweise irrelevant fĂŒr die AusfĂŒhrung, und wenn einer oder beide ohnehin gestresst sind kann hier Aufmerksamkeit „eingespart“ werden.

5. Ich kann doch nicht einfach… doch, du kannst!

Mit KomplexitĂ€tsdimensionen frei spielen zu lernen braucht Zeit und Praxis. Es wird möglicherweise nicht immer gleich gut klappen, aber es lohnt sich, sich darin zu ĂŒben, weil es die FĂ€higkeit verleiht, inneren Freiraum auch in den Ă€ußerlich einengendsten Situationen zu schaffen. Vermutlich ist es diese FĂ€higkeit, die Menschen wie Viktor Frankl ein KZ ĂŒberleben ließen oder einen Nelson Mandela seinen jahrzehntelangen GefĂ€ngnisaufenthalt.

Es gibt zumindest einen großen inneren Widersacher in dieser Teildisziplin der Kunst des Bunterrichtens: die Anhaftung. Aber dazu mehr in weiteren Artikeln.

FĂŒrs erste möchte ich euch die Empfehlung geben, euch immer wieder mal fĂŒr ein paar Minuten darin zu ĂŒben, KomplexitĂ€ts-Dimensionen in eurer Wahrnehmung zu verĂ€ndern. 1x/Tag als fixes Ritual funktioniert fĂŒr mich gut, am besten verknĂŒpft mit wiederkehrenden Ereignissen wie „immer morgens nach dem Aufwachen“ oder „immer vor dem Duschen“ – aber wie das genau fĂŒr euch am besten funktioniert findet ihr am besten selbst heraus.

Viel Freude damit!

Niklas

P.S.: Ich hoffe ihr habt Freude an meinen kleinen Zeichnungen, falls ja werde ich mich bemĂŒhen öfter welche einzusetzen. Bringen ein wenig Farbe in die langen Texte, und machen auch Spaß beim Malen 🙂

UnlĂ€ngst kam mir ein GesprĂ€ch vor einigen Monaten in den Sinn, in dem es um die grundsĂ€tzlichen psychologischen Funktionen einer Gerichtsverhandlung ging. Neben den eher offensichtlichen Funktionen wie Abschreckung (Angst vor Strafe) oder Schutz potentieller zukĂŒnftiger Opfer (etwa wenn jemand ins GefĂ€ngnis geschickt wird) war in dem GesprĂ€ch auch ein sehr interessanter Aspekt aufgeworfen worden: die Anerkennung des Schmerzes.

Es ist ein Aspekt, dessen Wichtigkeit mir auch bei Konflikten zwischen SchĂŒlern bereits öfter aufgefallen ist, und wohl einer der GrĂŒnde, warum SchĂŒler derart allergisch darauf reagieren wenn sie das GefĂŒhl haben ein anderer stehe nicht zu dem, was er ihrer Ansicht nach getan haben soll. Sobald der TĂ€ter in einem Konflikt zugibt, etwas getan zu haben, kann das Opfer der Tat seinen erlebten Schmerz lokalisieren und damit verarbeiten. Ein Vergewaltigungsopfer, dem nicht geglaubt wird, hat keinen Raum im Außen fĂŒr seinen Schmerz. Ein SchĂŒler, der von anderen SchĂŒlern getreten wurde, die es der Lehrkraft schlĂŒssig darstellen konnten sie wĂ€ren es nicht gewesen, hat keinen Raum im Außen fĂŒr seinen Schmerz. Und wenn eine Verletzung sehr tief geht – wie es bei einer Vergewaltigung oft der Fall sein wird – verĂ€tzt sie, anstatt im Außen gehört und geheilt werden zu können, das Innerste eines Menschen. Zuweilen, je nach Schwere der Verletzung, sind auch Ă€ußere Symptome erkennbar, aber in Ermangelung der Anerkennung des Schmerzes ist die Lokalisierung der Schmerzursache mit der Zeit selbst fĂŒr das Opfer selbst schwierig, weswegen zwar dann im Außen behandelt wird, aber nicht die ursĂ€chliche Verletzung.

Die Anerkennung der TĂ€terschaft

Nun braucht es fĂŒr die Anerkennung des Schmerzes – und damit der Möglichkeit der Heilung des Opfers – jedoch eine oft schwer zu erreichende Voraussetzung: die Anerkennung der TĂ€terschaft durch den TĂ€ter. Denn hat niemand eine Tat begangen, wie darf man sich dann noch als Opfer fĂŒhlen?

Nun haben bekanntermaßen die meisten Menschen in sich das BedĂŒrfnis, von sich ein „positives“ Selbstbild aufrechtzuerhalten. Auch wenn die exakte Definition von „positiv“ von Mensch zu Mensch durchaus verschieden sein mag, wird kaum ein Mensch freiwillig von sich behaupten, er hĂ€tte unprovoziert und nur aus seinem bösartigen Wesen heraus jemand anderem mit voller Absicht Schaden zugefĂŒgt. Stattdessen wird ein TĂ€ter wahrscheinlich eher behaupten, er sei a) ĂŒberfordert gewesen, b) dazu provoziert worden, c) es wĂ€re auf Wunsch des Opfers geschehen,  d) es wĂ€re keine Absicht gewesen oder eben e) ein MissverstĂ€ndnis.

Weil die Anerkennung der eigenen TĂ€terschaft sowohl in der Schule als auch unter Erwachsenen oftmals mit zusĂ€tzlichen externen negativen Konsequenzen verbunden ist, wird sie entsprechend oft vermieden. In der Folge ist es fĂŒr die Opfer der Tat meist schwer, den durch die Tat erlittenen Schmerz zu lokalisieren (=zuzuordnen) und auszuheilen.

Je nach Schwere der Verletzung wird es beim Ausbleiben der Anerkennung der TĂ€terschaft durch den TĂ€ter entweder zum Versuch einer Gerichtsverhandlung kommen (damit die Gesellschaft die TĂ€terschaft anerkennt und die Verletzung damit verarbeitbar macht) oder zum Versuch fĂŒhren, andere Menschen vom Tathergang zu ĂŒberzeugen („Du bist doch mein bester Freund, du glaubst mir doch, oder?“). Befriedigend sind diese Ersatzhandlungen jedoch meist nur zum Teil.

Die Macht der Anerkennung der TĂ€terschaft

Vor einigen Tagen wurde ich spontan von dem BedĂŒrfnis ĂŒberwĂ€ltigt, mich bei einem Menschen aus tiefstem Herzen zu entschuldigen, dem ich – so hatte ich plötzlich erkannt – ĂŒber Jahre ohne es zu merken sehr Unrecht getan hatte. Daraufhin erzĂ€hlte sie mir, sie hĂ€tte nicht mehr damit gerechnet, aber freue sich umso mehr darĂŒber. Dieser Mensch hatte mir zuweilen mein Leben zur Hölle gemacht und war in vielen Situationen TĂ€ter gewesen, hatte mich und andere verletzt, aber auch ich hatte ihn verletzt, und die Anerkennung meiner TĂ€terschaft ermöglichte es ihm, sich selbst etwas zu entlasten und auch einen Teil des Schmerzes, der ihn immer wieder ĂŒbermannte und selbst zum TĂ€ter werden ließ, zu verarbeiten. Vor allem aber war der Moment, als ich meine eigene TĂ€terschaft ihr gegenĂŒber endlich anerkennen konnte, ein Moment, in dem ich körperlich spĂŒren konnte, wie viel Energie ich tagtĂ€glich ohne es zu merken aufgewandt haben musste um die Illusion aufrechtzuerhalten, ich wĂ€re in Bezug zu ihr stets nur Opfer gewesen.

Was ich an dieser Stelle zu beschreiben suche, geht weit ĂŒber ein simples „Ja ich habe etwas angestellt“ bzw. ein „Es tut mir Leid“ hinaus. Oft entschuldigen sich Menschen, ohne dass wir das GefĂŒhl haben, sie wĂŒrden es ernst meinen. Dies dĂŒrfte meiner Erfahrung nach dann der Fall sein, wenn sie sich entweder a) dazu gezwungen fĂŒhlen oder, hĂ€ufiger, b) wenn sie sich entschuldigen wollen, ohne den Grad und die Art der Verletzung erkannt und anerkannt zu haben. Die Anerkennung des Schmerzes und damit dessen Heilung ist nur dort möglich, wo nicht nur ein Schmerz anerkannt wird, sondern genau dieser Schmerz. Deswegen habe ich weiter oben wohl auch intuitiv das Wort „lokalisieren“ benutzt: eine Entschuldigung ist wie eine Heilsalbe, die nur dann wirkt, wenn sie auch die passende Salbe ist und genau auf die Verletzung aufgetragen wird. Kaum jemand wĂŒrde auf die Idee kommen, bei einer Verbrennung der linken Hand eine Ă€tzende Salbe auf die Nase zu streichen und dann zu erwarten dass das den Heilungsprozess unterstĂŒtzen wĂŒrde – und doch geschieht dies ĂŒberraschenderweise stĂ€ndig im emotionalen Miteinander.

TÀter  und Opfer in einer Person?

Leider ist das Modell von einer Person als TĂ€ter und einer Person als Opfer nur eine sehr vereinfachte Abbildung der RealitĂ€t. Ein ĂŒblicher Streitverlauf zwischen Kindern zeigt dies sehr deutlich auf: beide spielen miteinander (er wollte es), einer ĂŒbertreibt (provozieren) etwas, der andere interpretiert böse Absicht (MissverstĂ€ndnis), schlĂ€gt auf den anderen ein, der (Überforderung) schlĂ€gt so hart zurĂŒck dass sich der erste weinend beim Lehrer beschwert, er sei „ohne Grund geschlagen worden“ wĂ€hrend der andere behauptet, er hĂ€tte sich „nur gewehrt“. Beide suchen vor der AutoritĂ€t des Lehrers die BestĂ€tigung ihrer Opfer-Rolle, um ihren Schmerz fĂŒhlen zu dĂŒrfen, aber verweigern ihren eigenen Anteil als TĂ€ter. Denn obwohl die UmstĂ€nde sie dazu verleitet haben mögen („ich werde selbst geschlagen“), haben sie durch ihre Gegenwehr selbst Schmerzen verursacht und sind damit auch selbst zum TĂ€ter geworden. Nur einen der SchĂŒler als Opfer darzustellen und den anderen als TĂ€ter ermöglicht dem einen zwar, seinen Schmerz gut lokalisieren und heilen zu können, dem anderen aber wird diese Möglichkeit verwehrt. Im Alltag wird ein durchschnittlicher Lehrer wohl versuchen herauszufinden, wer von den SchĂŒlern mehr schuld ist, und diesem die TĂ€ter-Rolle zuweisen – was aus den beschriebenen GrĂŒnden nicht ideal ist.

Das obige Beispiel mit den zwei streitenden SchĂŒlern ist noch ein vergleichsweise einfaches Beispiel, weil sie sich gegenseitig TĂ€ter und Opfer sind. Komplexer (aber nicht weniger lebensnah) wird es, wenn jemand selbst Opfer eines Menschen wurde und aufgrund dessen einem Dritten als TĂ€ter Schmerzen zufĂŒgt – etwa wenn ein Mann, der als Kind Opfer der Lieblosigkeit seiner Eltern wurde, seine eigenen Kinder nicht zu lieben vermag. Wenn dieser Mann auf sein eigenes Opfer-Dasein verweist, wenn er von seinen Kindern auf ihren unerfĂŒllten BedĂŒrfnisse aufmerksam gemacht wird, so stellt er seine Kinder vor eine schwer aufzulösende Endlos-Schleife: vermutlich hatte auch die von ihm erlebte Lieblosigkeit seiner eigenen Eltern seine GrĂŒnde in den Generationen davor, und seine eigenen Eltern wĂŒrden ihn wiederum an ihre Eltern verweisen, diese wiederum auf ihre und so weiter – bis eine Generation erreicht wird, die bereits gestorben ist und die Verantwortung nicht mehr selbst „weiterleiten“ kann. Alternativ mag man die Verantwortung jeweils weiterleiten bis zum mythischen „SĂŒndenfall“, oder auf erlittene „große Traumata“ einer bestimmten Generation wie Kriege die als Bedingungen realistisch genug klingen, die UrsprĂŒnge bestimmter Verhaltensmuster zu rechtfertigen.

Noch problematischer wird es jedoch, wenn ich mir den Geschichtsverlauf in die andere Richtung ansehe. Werde ich meinen eigenen Kindern erzĂ€hlen, ich hĂ€tte sie so behandelt wie ich es tat, weil ich schlicht Opfer meiner eigenen Eltern war? Werden sie es mit ihren Kindern ebenso handhaben? Sind wir also alle dazu verdammt, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit bis in alle Ewigkeit weiterzufĂŒhren? Erfreulicherweise dĂŒrfte dies nicht der Fall sein, und auch wenn wir von unserer Eltern-Generation gewisse Muster und teilweise auch Traumatisierungen „ererbt“ haben, sind die meisten von uns innerhalb gewisser Grenzen fĂ€hig uns zu entscheiden. Und wenn ich anerkenne, dass ich mich entscheiden kann, muss ich auch anerkennen, dass ich dort, wo andere durch mein Handeln Schmerzen erlitten haben, als TĂ€ter gehandelt habe. Wenn ich auch das anerkennen kann, so kann ich den erlittenen Schmerz anderer als solchen und als von mir verursachten anerkennen. Erst dann, wenn ich genau diesen Schmerz anerkannt habe, kann ich auf echte Verzeihung hoffen wenn ich darum bitte. Ansonsten handelt es sich um „Blanco-Verzeihungen“, die in der Tiefe nicht verzeihen können, weil der entsprechende Schmerz nie lokalisiert und damit echte Heilung nie möglich wurde.

In der Folge werden Grundmuster sich immer wieder in unserem Leben manifestieren, um uns an unverarbeitete Verletzungen zu erinnern. Wiederkehrende Muster sind damit nicht nur durchaus lĂ€stige WiederholungstĂ€ter in unserem Leben sondern auch Orientierungshilfen, die uns helfen können, ursprĂŒngliche Verletzungen zu lokalisieren und das GegenĂŒber zu finden, das sie uns ursprĂŒnglich zugefĂŒgt hat – um eines Tages hoffentlich den Raum im Außen zu finden, die innere Verletzung auszuheilen.

Alternativlose Situationen

Was aber, wenn ich in einer Situation andere verletzt habe, in der ich selbst so ĂŒberfordert war, dass ich das GefĂŒhl hatte, es gebe keinen anderen Weg? Kann man mich auch dann dafĂŒr verantwortlich machen? Ist es gerecht, mir auch dann die Schuld zu geben?
Wer an diesem Punkt noch diese Fragen stellt, der möge diesen Artikel noch einmal von Anfang an durchlesen. Es geht bei der Anerkennung des Schmerzes nicht im Endziel darum herauszufinden, wer der Schuldigere in einem Konflikt ist oder war. Es geht darum anzuerkennen, dass die Verletzung real erlebt wurde und reale Schmerzen verursacht hat, um damit RĂ€ume fĂŒr ihre Heilung zu ermöglichen. Und damit ist die Situation in der sich ein TĂ€ter befand oder ob er hĂ€tte anders handeln können im Grunde völlig irrelevant.

Diese Verwirrung dabei dĂŒrfte wohl aus der gefĂ€hrlich groben Vereinfachung der RealitĂ€t gewonnen worden sein, dass nur bösartige Menschen Verletzungen verursachen wĂŒrden und damit im Umkehrschluss verletzende Menschen auch bösartige Menschen seien. TatsĂ€chlich ist es fĂŒr einen durchschnittlichen Menschen realistischerweise kaum bis unmöglich, alle Konsequenzen seines Handelns vorherzusehen. Eine geplant „gute“ Tat mag langfristig betrachtet dramatische negative Folgen haben, ebenso wie umgekehrt, und der Kontext einer Handlung trĂ€gt viel dazu bei, wie eine Handlung zu bewerten ist – ein Kontext, den die meisten Menschen wĂ€hrend sie handeln oft gar nicht einschĂ€tzen können. Um nun vor sich selbst und anderen als „guter“ Mensch dazustehen, wird die Anerkennung der eigenen TĂ€terschaft und damit Verantwortung fĂŒr Entscheidungen, die sich in Konsequenz als negativ herausgestellt haben, gerne vermieden – in der Folge wird viel verursachter Schmerz nie von den TĂ€tern anerkannt.

Ich habe einen bewundernswerten SchĂŒler, der zwar regelmĂ€ĂŸig etwas anstellt, aber bisher immer dazu gestanden hat. Der auf Nachfrage beispielsweise ohne Zögern antwortet, ja er hĂ€tte einen anderen SchĂŒler geschlagen, eigentlich wollte er es nicht aber es sei ihm dann passiert dass er ausgerastet sei. Dieser SchĂŒler gerĂ€t oft in Konflikte mit anderen SchĂŒlern, aber diese sind jeweils fĂŒr sich sehr rasch geklĂ€rt und die anderen SchĂŒler haben großen Respekt vor ihm, obwohl er sich manchmal „negativ“ verhĂ€lt und Schmerzen verursacht. Über die letzten Monate hinweg sind die Konflikte, die er mit anderen SchĂŒlern noch hat, auch seltener geworden, vermutlich weil er seinen eigenen Beitrag zu den Konflikten – da er sich auch als TĂ€ter anerkennt – sehr deutlich sehen kann. Ich glaube, dass viele Erwachsene von diesem SchĂŒler lernen können, zu ihren eigenen Handlungen zu stehen. Denn auch wenn sie nicht stolz auf sie sind und sie ihnen – etwa aufgrund von massiver Überforderung – „passiert sind“, so sind sie doch die handelnden Personen gewesen, die die Schmerzen verursacht haben, und damit die geeignetsten Personen, um den Schmerz anzuerkennen und damit dem Opfer zu helfen, ihn zu lokalisieren und zu heilen.

Ich mag in – fĂŒr mich – alternativlosen Situationen gewesen sein, aber trotzdem war ich Handelnder und damit – wo Verletzungen durch mein Handeln (oder auch Nicht-Handeln wo es notwendig gewesen wĂ€re) passiert sind – auch TĂ€ter. Das macht weder mich zu einem schlechteren noch das Opfer zu einem besseren Menschen. Aber ich kann mir selbst und dem so Verletzten eine Erleichterung sein und meine TĂ€terschaft und damit den verursachten Schmerz auch anerkennen. Und selbst wenn die Situation, in der ich zum TĂ€ter wurde, fĂŒr mich einst alternativlos gewesen sein mag, den Schmerz anzuerkennen erschafft mir im Jetzt eine Alternative, Schmerzen zu lindern und Heilung zu fördern.

Wenn schon nicht fĂŒr mich selbst, dann im Wissen, damit auch meinen eigenen Kindern und deren Nachkommen eine gangbare und im Positiven nachhaltigere Alternative zur Alternativlosigkeit geschenkt zu haben.

Niklas

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote FĂ€den sich ergeben
WĂ€hrend Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
LĂ€rm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂŒttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂŒcklich ĂŒberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂŒnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂŒde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, drĂ€nge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den TrÀger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂŒtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂŒrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂŒrde

Gestern kam ich endlich dazu, eine Idee umzusetzen, die ich schon etwa ein halbes Jahr mit mir herumtrage: ich habe mir die Menschen sichtbar gemacht, die mir wirklich wichtig sind.

kontakt-ubersicht

Schon vor vielen Jahren habe ich festgestellt, dass ich beizeiten unter einer seltsamen Aufmerksamkeits-AusprĂ€gung leide: ich vergesse oft, wie viele wunderbare Menschen ich eigentlich kenne. Immer wieder kommt es vor, dass ich mich ziemlich einsam in der Welt fĂŒhle, obwohl ich doch in gewisser Weise mit vielen dieser Menschen verbunden bin, selbst wenn ich sie aus verschiedensten GrĂŒnden gerade nicht sehen kann. Oder ich mache mir Sorgen, mit jemandem nicht genĂŒgend Kontakt auszuleben wie er oder sie es verdient hĂ€tte, und fĂŒhle mich dann nicht mehr „berechtigt“, die Person dann zu kontaktieren, wenn ich tatsĂ€chlich Zeit und freudvolle Erwartung aufbringen kann.

Der Großteil der damit verknĂŒpften Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind ziemlich diffus und haben nur wenig mit der tatsĂ€chlichen RealitĂ€t zu tun. Mit den meisten meiner lĂ€nger bestehenden Bindungen hat sich mit der Zeit ein gewisser Rhythmus eingependelt, der den Bedingungen unserer jeweiligen Lebenswelten geschuldet ist – und fĂŒr den Großteil der Betroffenen ist dies entgegen meinen diffusen Vorstellungen im Regelfall auch völlig in Ordnung so. Rationales Wissen darĂŒber hilft allerdings nicht unbedingt sonderlich gut gegen diffuse Ängste, weswegen meine inneren Selbst-Beruhigungsversuche bisher meist nur mĂ€ĂŸig erfolgreich waren.

Beziehung außerhalb von Gruppen

Vor allem aber gab es da viele Menschen, mit denen ich mich gefĂŒhlt enger verbunden fĂŒhlte, als ich als tatsĂ€chlichen Kontakt auslebte. Menschen, in deren Leben ich gerne mehr Teil wĂ€re, mehr eingebunden – gleichzeitig habe ich mit den Jahren auch mein oftmals unberechenbares Innenleben kennen und schĂ€tzen gelernt und weiß, dass es mir schwer fĂ€llt, meine VerlĂ€sslichkeit auf allzu viele Beziehungen auszudehnen. Ich war nie ein Gruppen-Kontakt-Mensch. Das hat den Vorteil, dass man ĂŒber Gruppendruck eher lĂ€cheln kann, aber auch den Nachteil, dass man Schwierigkeiten hat, sich wirklich zugehörig zu fĂŒhlen.

Beziehung entsteht dadurch fĂŒr mich durch den „Akt der wiederkehrend Tat“, wie ich es unlĂ€ngst in einem Gedicht formuliert habe, und verliert sich grĂ¶ĂŸtenteils durch ein Nicht-mehr-Tun. Das hat den Vorteil, dass Beziehung in jeglicher Form jederzeit von Neuem entstehen kann, dass ich selten in die Verlegenheit komme, alle BrĂŒcken zu jemandem abbrechen zu mĂŒssen, demonstrativ zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Entweder fĂŒhle ich Liebe, ein Hingezogen-Sein zu jemandem oder nicht, und ich weiß mittlerweile genug ĂŒber das ewige Kommen und Gehen dieser GefĂŒhle, um ĂŒblicherweise niemanden festhalten zu mĂŒssen. Es hat eine Art Ă€sthetische Schönheit, die Welt und den Kontakt zu ihr auf diese Art zu erleben. Es macht beizeiten aber auch sehr einsam.

Viele meiner Mitmenschen leben eher in Gruppen-Beziehungen, die sich durch Eintritts-Rituale, Gruppen-Normen wie auch Austritts-Rituale ausdrĂŒcken. Es gibt Schwellen des Kontaktes zwischen Fremder, Bekannter, Freund, guter Freund, bester Freund, Partner, zwischen One Night Stand, Friends with Benefits, Beziehungen, offenen Beziehungen und was auch immer es noch gibt an verschiedenen Definitionen – die fĂŒr mein primĂ€res Erleben eine Art von Fremdsprache darstellen. Ich habe ihr Vokabular erlernt und ich kann es situationsadĂ€quat einsetzen, aber es wird mir nie so nah sein wie mein primĂ€res Erleben, dass viel eher den Gezeiten in ihrem steten Wandel Ă€hnelt denn den Fixsternen, an denen man sich orientiert.

Die Menschen, die ich will erheben

Als ich begann die Namen derjenigen niederzuschreiben, die mich in wiederkehrender IntensitĂ€t durch mein Leben begleitet hatten, wurde mir bewusst, dass es mir trotz aller Wechselhaftigkeit doch möglich war, unterschiedliche Kontakt-„Stufen“ zuzuweisen. Da gab es die tĂŒrkisen Post-Its mit Menschen, ĂŒber deren Wiedersehen ich mich jedes Mal sehr freute, aber fĂŒr die ich kaum Energie aufwand, um aktiv zu einem Treffen beizutragen. Dann andere, gelbe Post-Its fĂŒr Kontakt mit Menschen, fĂŒr den ich in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden eigene Energie aufwende, um den Kontakt nicht völlig „absterben“ zu lassen. Orange Post-Its fĂŒr Menschen, an die ich normalerweise mindestens wöchentlich denke und versuche, engeren Kontakt zu halten. Rosa fĂŒr jemanden, den ich mit einer an völliger IrrationalitĂ€t grenzenden Macht lieben gelernt habe und der vielleicht der einzige Mensch ist, mit dem ich mir in meinem primĂ€ren Erleben eine Art von Gruppen-IdentitĂ€t vorstellen kann.

Nachdem ich das Bild vor mir hatte, erkannte ich rasch, dass es einige Menschen gab, die gelb markiert waren, bei denen ich mir allerdings einen orangen Kontakt wĂŒnschen wĂŒrde. Es waren weniger als ich ursprĂŒnglich gedacht habe (ich zwang mich, ehrlich zu mir selbst zu sein), vor allem aber schien es machbar. Nicht mehr diffus unmöglich, sondern sehr plakativ erreichbar, fast – einfach. Wie erfolgreich ich in der Umsetzung sein werde, wird die Zukunft zeigen, aber seit ich diese bildliche Darstellung angefertigt habe, halte ich es – anders als vorher – fĂŒr möglich, und das halte ich fĂŒr einen wichtigen ersten Schritt.


und die Menschen, die ich fallen lassen kann

Besonders heilsam fand ich die Erkenntnis, wie viele Menschen mir im Grunde egal sind. Ich wĂŒnsche grundsĂ€tzlich allen Menschen ein wunderbares Leben, „egal“ beschreibt hier nicht, dass es mir egal ist, ob jemand leidet oder nicht. Es beschreibt die gefĂŒhlte Notwendigkeit, Verantwortung fĂŒr das Leben eines anderen Menschen mit zu ĂŒbernehmen. Zeit meines Lebens habe ich mich da meist eher selbst ĂŒberfordert, mittlerweile nĂ€here ich mich da wohl einem gesunderen Zugang an. Vor allem war es auch interessant herauszufinden, inwieweit der Faktor Familienmitglied fĂŒr mich eine Rolle spielt, und mein Schaubild fĂŒr mich selbst hat mir gezeigt, dass – wissenschaftlich gesprochen – kein wirklich signifikanter Zusammenhang zu finden war. Einige Familienmitglieder sind als Mensch fĂŒr mich wahnsinnig wichtig, aber das hat mit ihrer Person zu tun, nicht mit Abstammungslinien.

Ein besonders schöner – fast poetischer – Abschluss entstand, als ich feststellte, dass eine – rosa – Person noch fehlte, mit der ich eine wichtige Beziehung fĂŒhrte und auf die ich regelmĂ€ĂŸig Aufmerksamkeit aufwendete und weiter aufwenden will: mich selbst.

Von den Vorteilen der Schamlosigkeit

Ich habe deshalb ein halbes Jahr gebraucht, diese alte Idee auch in die Tat umzusetzen, weil ich mich lange dafĂŒr geschĂ€mt habe, solch ein Werkzeug ĂŒberhaupt zu brauchen. In der Folge war ich oft unglĂŒcklich, fĂŒhlte mich einsam und unfĂ€hig. Gestern, heute und morgen freu(t)e ich mich auf Kontakt mit Menschen, die ich in dem diffusen Glauben, es gehe sich alles gar nicht aus, bisher nicht so oft treffen wollte wie es sich eigentlich richtig angefĂŒhlt hĂ€tte. Irgendwann, nachdem ich die Idee zaghaft mit einigen guten Freunden angesprochen hatte, habe ich dann jedoch festgestellt, dass ich mit meinem Sein und meiner Scham darĂŒber nicht allein bin, dass – wie so oft – aus Scham nur nie jemand offen darĂŒber spricht.

Wer es fĂŒr notwendig hĂ€lt nachzuschauen welche „Farbe“ er bei mir einnimmt, ist gerne eingeladen vorbeizukommen – auf eigenes Risiko. Die Wahrheit kann wie jeder weiß auch schmerzlich sein. Aber ganz im Sinne der „rosa Beziehung“ zu mir selbst schĂŒtze ich mich jetzt und in Zukunft lieber vor der Energieverschwendung, jemandem etwas vorspielen zu wollen, um seine GefĂŒhle nicht zu verletzen, vor allem, wenn dieser jemand fĂŒr mich nur ein „tĂŒrkiser Kontakt“ ist oder gar nicht erst in meinem Schaubild aufscheint.

Was sind eure rosa, orangen, gelben und tĂŒrkisen Kontakte? Wie passend ist euer tatsĂ€chlicher Energieeinsatz zu der IntensitĂ€t der jeweiligen Bindung, die ihr mit euren Mitmenschen fĂŒhlt? Ich kann mir gut vorstellen, dass dem einen oder anderen bei der Anfertigung eines Ă€hnlichen Schaubildes einige Überraschungen bevorstehen…

Niklas

Eine Warnung bzw. Klarstellung: ich schreibe hier ausdrĂŒcklich ĂŒber private Kontakte. Mir ist natĂŒrlich klar, dass im beruflichen Umfeld ĂŒblicherweise völlig andere Regeln gelten und Konsequenzen drohen.

„Ich habe ein neues Auto, da wird die Couch nicht reinpassen“, meinte er zu dem Freund, doch der winkte ab. „Die passt schon rein!“
Also waren sie zu der angegebenen Adresse gefahren, hatten geklingelt, und ein leicht abwesender junger Mann hatte geöffnet.
„Das ist sie also“, sagte der Freund, und: „Das ist sie“, der EigentĂŒmer. Und: „Sobald sie aus der TĂŒr ist, will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben.“
„Die passt niemals in mein Auto“, warnte er den Freund, doch der gab sich zuversichtlich: „NatĂŒrlich passt sie rein, du wirst schon sehen.“

Einige Minuten spĂ€ter standen sie vor der verschlossenen TĂŒr der Wohnung, nachdem sich der ursprĂŒngliche EigentĂŒmer mit einem Grinsen verabschiedet hatte.
„Und wie bringen wir sie jetzt die Treppe herunter?“, fragte er, Böses ahnend, den Freund, der einen weiteren Freund nannte. Ein Passant bot seine Hilfe an, und so truegen sie nun zu viert die Couch die zwei Stockwerke herunter in den Vorgarten.
„Lasst uns das Auto holen“, meinte er, und zum Freund, der unentschlossen dreinsah, „Wie groß ist die Chance, dass vier Diebe gleichzeitig hier in diesen Vorgarten kommen und in den paar Sekunden die Couch wegschleppen werden?“

NatĂŒrlich passte die Couch nicht in das Auto, nicht einmal ansatzweise, auch wenn der Freund darauf bestand, es zumindest zu probieren, was dem  Auto erste Gebrauchsspuren zufĂŒgte.
„Dann holen wir eben den Rollwagen“, entschied der Freund.
„Und schieben die Couch die ganze Strecke bis zu dir nach Hause?“, fragte er unglĂ€ubig.

Es musste ein ungewöhnlicher Anblick fĂŒr die Passanten gewesen sein, als drei lachende MĂ€nner mit einer Couch auf einem Rollwagen durch die ganze Stadt liefen, aber niemand sprach sie darauf an, wohl weil von außen schwerlich zu erkennen war, ob es ein ausgelassenes oder ein irrsinniges Lachen war. Angekommen in der Wohnung des Freundes entstand nun das nĂ€chste Problem: Die Couch passte nicht in den Lift, und als auch dieses Problem durch viel Schieben und der Hilfe eines zufĂ€llig vorbeikommenden Inders gelöst worden war, passte sie nicht durch die EingangstĂŒr der Wohnung.
„So, perfekt“, meinte der Freund, als auch dieses Problem mit ein wenig sanfter Gewalt ĂŒberwunden war.
„Die Couch besetzt gut 50% deiner WohnflĂ€che.“
„Meine neue Wohnung wird grĂ¶ĂŸer sein.“
“Dein Optimismus grenzt an Idiotie.”
“Die Dummen haben das GlĂŒck.”

„Ich brauche deine Hilfe!“, rief der Freund einige Wochen spĂ€ter durch das Telefon, „Ich muss heute abend ausgezogen sein!“
„Und das fĂ€llt dir erst jetzt ein?“, fragte er unglĂ€ubig.
„Hilfst du mir oder hilfst du mir nicht?“
„NatĂŒrlich. Wann soll ich da sein?“

Als er eintraf, hatte der Freund den Großteil seiner Sachen bereits gepackt, bis auf-
„Die Couch!“, rief er, sich erinnernd, aus. „Was machen wir mit der Couch?“
„Ein Freund wird sie morgen abholen. Heute hat er keine Zeit mehr.“
„Aber du musst doch heute die Wohnung ausrĂ€umen!“
„Wir stellen sie wo fĂŒr ihn unter.“

Einige Stunden spĂ€ter, als der Rest der Sachen des Freundes verstaut war, trieb jener GlĂŒckspilz noch spontan zwei Helfer auf, um die Couch auf dem Rollwagen aus der Wohnung zu bringen.
„Wohin bringen wir das Ding?“, fragte einer der Helfer, misstrauisch, als er sich auf einem kleinen Feldweg wiederfand.
„Ich wĂŒrde sie zum Supermarkt stellen, da kommen tagtĂ€glich viele Menschen vorbei. Irgendwer freut sich bestimmt darĂŒber“, meinte der Freund.
„Ich dachte, dein Bekannter holt sie sich morgen?“
„Vielleicht stellen wir sie auch hier hin. Hier ist es schön ĂŒberdacht und sie wird nicht kaputt, wenn es regnet.“
„Hast du zumindest eine Announce auf Ebay ode so geschaltet?“
„Das werde ich noch.“
„Mit ‚Selbstabholung unter der BrĂŒcke‘?“
Der Helfer erntete ein anerkennendes Grinsen.
„Wir verstehen uns.“

Zwei Tage spĂ€ter konnte ein Ă€lterer Mann sein GlĂŒck kaum glauben: da stand doch tatsĂ€chlich eine saubere, gemĂŒtlich aussehnde Couch unter seiner LieblingsbrĂŒcke, die man sogar in ein gemĂŒtliches Bett umwandeln konnte! Das war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Gott meinte es am Ende also doch gut mit ihm. Es wĂŒrde wieder aufwĂ€rts gehen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren auf der Straße schlief er ruhig und ohne Angst ein, vertrauensvoll sich hingebend der DĂ€mmerung, voller Hoffnung auf den Anbeginn eines neuen Lebensabschnitts.

In Homage an einen großartigen Mann, der mir fĂŒr einige Monate Ratgeber und Mentor war und der vor einigen Wochen leider verstorben ist, möchte ich hier eines seiner Grundprinzipien beschreiben. Das Prinzip ist an sich sehr simpel und besagt lediglich, dass es ĂŒblicherweise schlauer ist, eine Aufgabe an genau eine Person zu delegieren als geteilte Verantwortungen zuzulassen oder gar aktiv zu fördern.

Wer wie ich gerade mit anderen Menschen in einer Wohngemeinschaft zusammenlebt, kann den Effekt der geteilten Verantwortung ganz gut im Alltag beobachten, etwa bei der Aufgabe, die gemeinsamen Wohnbereiche in Ordnung bzw. sauber zu halten. Solange die Verantwortung fĂŒr diese gemeinsame Aufgabe im Ganzen als gemeinsame Aufgabe gesehen wird, wirken einige Aspekte, die es unwahrscheinlicher machen, dass ein fĂŒr alle Beteiligten adĂ€quater Grad an Sauberkeit aufrechterhalten wird. Dadurch, dass niemand konkret zur Verantwortung gezogen werden kann (man hĂ€tte es ja auch selbst machen können, oder war doch der Dritte dran?) erhöht sich die Chance, aus Bequemlichkeit Aufgaben nicht zu Ende zu fĂŒhren oder gar nicht erst anzugehen. Zudem ist die Definition des gewĂŒnschten Ergebnisses ĂŒblicherweise schwammig bis sehr unterschiedlich (verschiedene Vorstellungen von „Sauberkeit“ etwa). Und schließlich, da die jeweiligen Aufgaben plural verteilt sind und nicht klar ist, wer was wann gemacht oder nicht gemacht hat, entstehen vor allem in grĂ¶ĂŸeren Gruppen rasch Neid-Konflikte im Stile von „du machst ja nie etwas“.

Die gleichen Strukturen, die ich gerade in einer Wohngemeinschaft zum Thema Sauberkeit beschrieben habe, lassen sich auch auf Institutionen umlegen, wo die Effekte mit zunehmender Anzahl an Mitgliedern eher exponentiell denn linear zunehmen. Das kann in EinzelfĂ€llen auch gut funktionieren (etwa an einer freien Schule, an der ich gearbeitet habe), und in gewissem Sinne kann eine plurale Verantwortung auch dazu fĂŒhren, dass sich die TrĂ€ger der Verantwortung besser mit der Gruppe identifizieren können bzw. flexibler auf Anforderungen reagieren können. Nur: in 3 von 4 Schulen, an denen ich gearbeitet habe, waren die Konsequenzen pluraler Verantwortung eher destruktiv denn konstruktiv.

Einige Vorteile singulÀrer Verantwortung

Ich glaube, was passiert, wenn man die singulĂ€re Verantwortung als Prinzip einsetzt, ist, dass man tendenziell sachlicher miteinander umgeht, was die Beziehungsebene (auf der bei aller Sachlichkeit immer noch soziale Konflikte ausgetragen werden) massiv entlasten kann. Wenn fĂŒr alle Beteiligten klar ist, wer fĂŒr welche Aufgaben verantwortlich ist, kann man sich dann, wenn Aufgaben nicht gemĂ€ĂŸ den Vorgaben erledigt wurden, die konfliktreiche Suche des oder der Schuldigen ersparen und mehr Zeit darauf verwenden, konstruktive Lösungen zu erarbeiten.

Ein angenehmer Nebeneffekt singulĂ€rer Verantwortung ist auch, dass es dazu notwendig ist, sich genauer zu ĂŒberlegen, was ĂŒberhaupt fĂŒr Aufgaben zu erledigen sind. Wenn es eine geteilte Verantwortung von 3 Personen gibt, einen gemeinsamen Wohnraum sauber zu halten, oder von 6 Personen, einen Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, dann steigen die Chancen, dass einzelne Beteiligte gar keine Ahnung davon haben, was in der Gesamtheit der Aufgaben zusammen ĂŒberhaupt zu tun ist. Wenn jeder das beitrĂ€gt, was er fĂŒr notwendig hĂ€lt, kann das am Ende bedeuten, dass die gemeinsame Aufgabe zufriedenstellend gelöst wird, aber auch, dass Teil-Aufgaben unnötigerweise mehrfach oder andere auch gar nicht erledigt werden.

Funktioniert die Beziehungsebene im Team (noch) gut, werden einzelne Beteiligte die NachlĂ€ssigkeit der anderen ausgleichen. Sind es AusnahmefĂ€lle, kann das gutgehen, handelt es sich um regelmĂ€ĂŸige NachlĂ€ssigkeiten, steigt die Chance, dass die Beziehungsebene dadurch belastet wird, ohne die Konflikte sachlich anzusprechen, bis die gemeinsamen Aufgaben nur noch minderwertig oder gar nicht mehr erledigt werden.

Ist das nicht fĂŒrchterlich kompliziert und unflexibel?

SingulĂ€re Verantwortungen zuzuweisen bedeutet nicht, dass es plötzlich unmöglich wird, sich gegenseitig zu helfen oder Aufgaben spontan zu tauschen. Es bedeutet lediglich, dass es am Ende eines Kontrollzeitraums klar ist, wer bei NichterfĂŒllung seiner Verantwortungen dafĂŒr verantwortlich ist, konstruktive Lösungen zu finden. Wenn ich also dafĂŒr verantwortlich bin, in meiner Wohnung den MĂŒll rauszutragen, darf das gerne auch einer meiner Mitbewohner fĂŒr mich erledigen, wenn er das möchte und ohnehin gerade an den MĂŒllcontainern vorbeigeht. Aber wenn am Ende des Kontrollzeitraums (z.B. in einer – fiktiven – WG-Besprechung) erkannt wird, dass der MĂŒll nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ entsorgt wurde und dies meine singulĂ€re Verantwortung ist, sind nicht meine Mitbewohner verantwortlich.

Das Interessante an dem Prinzip der singulĂ€ren Verantwortung ist, dass es ĂŒblicherweise von den meisten Menschen nicht sehr gerne gesehen wird. Ich kann nur vermuten, dass fĂŒr viele Menschen die Vorstellung furchterregend erscheint, sich nicht auf UmstĂ€nde oder faule Kollegen herausreden zu können sondern unumgĂ€nglich zu ihren Fehlern stehen zu mĂŒssen. Was dabei bei aller verstĂ€ndlicher Furcht leider etwas unter den Tisch fĂ€llt, ist der Vorteil singulĂ€rer Verantwortung: sie ist – und zwar auf einer Sachebene, wenn sie gut definiert ist – begrenzt. Unter dem Prinzip der singulĂ€ren Verantwortung kann ich Aufgaben abschließen und damit mein Bewusstsein entlasten.

Vielleicht wird es auch deswegen nicht gerne gesehen oder angewendet, weil ein Zu-meinen-Fehlern-stehen offenbar in vielen Institutionen als No-Go angesehen wird, das mit allen Mitteln verhindert werden muss. Es braucht dazu einen gewissen geschĂŒtzten und gehaltenen Raum, und dieser fehlt wohl an vielen Stellen. Diesen geschĂŒtzten Raum zu schaffen, dazu braucht es nicht zwingend zusĂ€tzliche Ressourcen (auch wenn es offensichtlich Menschen gibt, die dazu besser befĂ€higt sind als andere, und eine Ausbildung, etwa zum Supervisor, erscheint mir nicht das bestimmende Kriterium dafĂŒr zu sein), wohl aber eine gehörige Portion Mut. Aber mit ein wenig Durchhaltevermögen kann der mittel- bis langfristige Gewinn an Effizienz und Arbeitszufriedenheit aller Beteiligten enorm sein.

Niklas