Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von Verlässlichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit Gründen
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich überfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttäuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurück in Einsamkeit
Ich wollt, ich hätt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quält und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kämpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe größter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darüber
Auf die, die Liebe lässt mich fühlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlässt

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch länger brauchen
Hab meine Brücke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fühlst
Dann öffnen wir die Dämme
In uns, um uns, tränken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelänge!
Die Dämme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geübt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

In den letzten Tagen wurde für mich ein altes Thema wieder sehr aktuell: wie umgehen mit unverlässlichen Mitmenschen? Als jemand, dessen Freundeskreis zu einem großen Teil aus eher „alternativen“ Menschen besteht, und sich auch entsprechend tendenziell zu „Freigeister“-Frauen hingezogen fühlt, habe ich in meinem Leben ziemlich oft mit diesem Thema zu tun gehabt. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass ich vor allem in meiner Jugend und als junger Erwachsener bisweilen ebenso nicht sonderlich verlässlich war. Im folgenden Beitrag möchte ich einerseits darüber schreiben, was meiner Erfahrung nach überhaupt die häufigsten Ursachen für Unverlässlichkeit sind, welche Auswirkungen Unverlässlichkeit auch auf andere haben kann, und wie man mit unverlässlichen Menschen umgehen kann, ohne dauerhaft selbst darunter leiden zu müssen.

Ursachen für Unverlässlichkeit

0. Implizierte Erwartungen

Ich habe diesem Grund die Ziffer 0 zugewiesen, weil es sich im Grunde um keine wirkliche Unverlässlichkeit handelt, sondern mehr um eine einseitig empfundene. Aber implizierte Erwartungen passieren häufig, deswegen verdienen sie es meiner Ansicht nach, erwähnt zu werden.

Das einfachste Beispiel dafür sind Beziehungen. Auch wenn es einige relativ universelle Vorstellungen davon gibt, was vom anderen erwartbar ist, wenn man “in einer Beziehung ist”, kommen dazu im Regelfall noch unzählige Erwartungen hinzu, die gefühlt “so selbstverständlich sind, dass man darüber gar nicht mehr reden braucht” – und die naturgemäß prompt enttäuscht werden, weil sie beispielsweise aufgrund der eigenen familiären Vorgeschichte geprägt wurden, die der jeweils andere natürlich nicht 1:1 so miterlebt hat.

Daher unterscheide ich für mich sehr klar zwischen impliziten und expliziten Abmachungen. Die Einhaltung von expliziten, klaren Abmachungen ist mir sehr wichtig, aber ich bin niemandem böse, wenn er implizite, nie klar kommunizierte Erwartungen nicht erfüllt – und auch nicht sehr verständnisvoll, wenn mir jemand vorwirft, seine impliziten, nie kommunizierten Erwartungen nicht erfüllt zu haben. Der Rest des Artikels bezieht sich dementsprechend auf explizite Abmachungen.

1. Unklare Kommunikation

Es mag kurios klingen, aber der vermutlich häufigste Grund für (empfundene) Unverlässlichkeit ist  schlicht unklare Kommunikation. Jemand geht aufgrund einer unklar formulierten Abmachung davon aus, dass sich der andere auf eine bestimmte Art und Weise verhalten wird („das ist ohnehin klar, da brauche ich nicht genauer nachfragen), und empfindet es dann als unverlässlich, wenn der andere sich anders verhält als erwartet (ohne dass dieser merkt, dass er damit als „unverlässlich“ rüberkommt, weil seine Version der Wahrheit für ihn ebenso „völlig klar“ ist). Beispielsweise meinte eine Freundin von mir unlängst, sie sei „Anfang August“ in Oberösterreich und würde mich dann gerne treffen. Ich ging (warum auch immer) vom 1./2. August aus, und war dann irritiert, dass sie in der Zeit nicht erreichbar war, wo sie doch meinte, sie will mich gerne sehen. Sie war entsprechend über meine Irritation irritiert 😉

An dieser Stelle sei noch erwähnt, was für mich – neben allgemeiner Ignoranz über mögliche Konsequenzen – die häufigsten zwei Gründe für unklare Kommunikation sind:

  1. man will sich noch nicht festlegen und Optionen offen lassen, und
  2. man will den anderen nicht verletzen.

2. Mangelnde Selbsteinschätzung/Organisation/Disziplin

Der zweite häufige Grund für Unverlässlichkeit ist in mangelnder Selbsteinschätzung, Organisationstalent oder Disziplin zu finden. Wer nicht einschätzen kann, ab wann er seine Ressourcen und sich selbst überfordert, wird sich regelmäßig überfordern, und zumindest einigen seiner eingegangen Abmachungen nicht gewachsen sein. Wer nicht gut darin ist, sich selbst zu organisieren, wird selbst bei allgemeiner Machbarkeit überfordert sein. Und wem die Selbst-Disziplin dazu fehlt, wird eventuell früher aufgeben als notwendig, oder sich leicht ablenken lassen.

3. Nicht Nein sagen können

Grund Nummer drei ist verwandt mit mangelnder Selbst-Einschätzung, aber ich möchte ihn hier extra herausheben: Nicht gut darin zu sein, Nein zu sagen. Wer nie gelernt hat, bewusst, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht will/leisten kann, wird sich früher oder später selbst überfordern, und eingegangene Abmachungen beim besten Willen nicht einhalten können. Oder anders ausgedrückt: Nur wer gelernt hat, Nein zu sagen, kann auch mit gutem Gewissen Ja sagen. Dieser Aspekt hat natürlich auch stark mit dem Ausmaß der persönlichen Abhängigkeit von anderen zu tun. Je abhängiger ich von der Unterstützung eines Menschen/einer Institution bin, desto eher werde ich bereit sein, nach außen Ja zu sagen, auch wenn mein Innerstes mir zu einem Nein rät.

4. Verkettete Abhängigkeiten auf unverlässliche Menschen basieren

Grund Nummer vier ist jener, dass ich mich auf andere verlasse, die selbst unverlässlich sind, und damit verkettete Abhängigkeiten eingehe. Ein simples Beispiel: mein Bruder hat mich und meine (mittlerweile) Ex-Freundin zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie gefragt, ob sie Zeit und Lust hat, mitzukommen, sie sagt Ja, und ich gebe meinem Bruder Bescheid, dass wir kommen werden. Am besagten Tag schafft meine Ex-Freundin es nicht rechtzeitig aus dem Bett, und ich stehe vor der Wahl:

  1. Auf sie zu warten und selbst zu spät zu kommen
  2. Ohne sie zu fahren, selbst pünktlich zu kommen, aber ohne – wie ausgemacht – mit meiner Ex-Freundin
  3. Wütend etc. zu reagieren und meiner Ex-Freundin Druck zu machen

Keine Option ist sonderlich befriedigend, vor allem wenn man öfter in eine solche Situation kommt, wie es mir regelmäßig passiert ist. Obwohl ich mich selbst sehr darum bemühte, verlässlich zu sein, wurde ich von anderen aufgrund von verketteten Abhängigkeiten oft trotzdem als unverlässlich wahrgenommen (vor allem von meiner Familie, die meine reale persönliche Unverlässlichkeit von früher noch in Erinnerung hatten).

Ich habe als junger Erwachsener relativ rasch verstanden, dass meine eigene Unverlässlichkeit Menschen, die mir wichtig sind, nervt, und negative Konsequenzen nach sich zieht. Aber dann nochmal knapp 10 Jahre gebraucht, um das Problem der verketteten Abhängigkeiten für mich so halbwegs zufriedenstellend zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die wie ich ziemlich viele “Hippie-Freunde” haben, mit dieser Schwierigkeit zu kämpfen haben.

Einige Lösungsansätze für das Problem der verketteten Abhängigkeiten

Nun, man kann schlicht darauf verzichten, verkettete Abhängigkeiten einzugehen. Aber recht viel braucht man dann nicht mehr vom Leben zu erwarten. Keine zufriedenstellende Lösung also.

Zweiter Ansatz: lernen, zwischen verlässlichen und unverlässlichen Menschen zu unterscheiden, und sich nur noch auf die zweite Art von Menschen verlassen. Das funktioniert tatsächlich auch ganz gut so. Aber was tun, wenn es um unverlässliche Menschen geht, die einem nahe stehen, etwa Familienmitglieder, der beste Freund, oder eine Frau, die man zutiefst liebt?

Aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte muss ich drittens davon ausgehen, dass ich unverlässliche Menschen gewissermaßen geradezu „anziehe“, schon alleine aus dem Grund, weil ich traditionell dafür gesorgt habe, dass diese Menschen nicht das volle Ausmaß der Konsequenzen ihrer Unverlässlichkeit erleiden mussten. Und dann habe ich mich ständig darüber geärgert (meist ohne es an den jeweiligen unverlässlichen Menschen direkt auszulassen), dass sich nichts an ihrem Verhalten änderte. In aller Ehrlichkeit: meine alte Angewohnheit, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden, war auch nicht sonderlich hilfreich.

Was trage ich selbst zur Unverlässlichkeit des Anderen bei?

Daher im Sinne der radikalen Selbstverantwortung die oft unangenehmen Fragen: Was trage ich selbst zum Verhalten der anderen Person bei? Was habe ich selbst dazu beigetragen, in die unangenehme Situation gekommen zu sein, in der ich mich jetzt aufgrund der Unverlässlichkeit des Anderen befinde?

Wenn man sich bemüht, ehrliche Antworten auf diese Fragen zu finden, finden sich oft auch Antworten, die helfen, aus diesen unangenehmen Erfahrungen zu lernen:

  • Möglicherweise hat der Andere unklar kommuniziert, aber ich habe es auch unterlassen, genauer nachzufragen.
  • Möglicherweise tut sich der andere schwer damit, Absprachen auch einzuhalten, aber ich habe es auch zugelassen, dass verkettete Abhängigkeiten entstehen, die meine Pläne wie ein Kartenhaus einstürzen lassen wenn er unverlässlich wird, indem ich keinen Notfallplan entwickelt habe, obwohl ich schon weiß, dass dieser Mensch nicht der verlässlichste ist.
  • Möglicherweise lernt der andere einfach nicht aus seinen Fehlern, aber ich helfe ihm auch nicht dabei, weil ich ihn, um ihn nicht zu verletzen, vor dem Ausmaß meiner Enttäuschung und Wut darüber schütze. Oder, weil ich das Gefühl habe, nicht ohne ihn leben zu können, nicht die notwendigen Konsequenzen für mich ziehe.

Das Kernproblem hintern den Kernproblemen

Die möglichen Gründe für Unverlässlichkeit, die ich oben beschrieben habe, sind für mich im Grunde nur Facetten eines dahinterstehenden Kernproblems: Darf ich mein Leben so leben, wie ich es für richtig halte, und traue ich mich auch, dies zu tun?

Wenn ich auf diese Fragen mit ganzem Herzen mit Ja antworten kann, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Vorlieben und Ressourcen Ja und Nein zu Anfragen antworten, die an mich gestellt werden, und entsprechende Prioritäten setzen. Ich kann klar, authentisch und ehrlich kommunizieren. Ich kann, wo dies notwendig ist, auch in Konflikt gehen, um dieses mir angestammte Recht auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu verteidigen.

Aber wer von uns ist tatsächlich soweit, dies 100%ig von sich behaupten zu können?

Wie ich mittlerweile mit unverlässlichen Menschen umgehe

Emotionen wie Wut, Enttäuschung etc. zu zeigen und auszudrücken, ist aus zwei Gründen wichtig: einerseits hilft es einem selbst, sie „rauszubekommen“ und nicht zu unterdrücken, andererseits hilft es dem Anderen, nachzuvollziehen, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Aber Emotionen auszudrücken alleine ist oft zu wenig. Es braucht auch Konsequenzen, die dem Anderen unabhängig von Emotionen ermöglichen, die Zukunft verlässlich vorherzusehen. Im Grunde sind Erwachsene „große Kinder“, und in einer komplexen Welt freuen sie sich ebenso über ein wenig Vorhersehbarkeit.

Im Idealfall ist die Vorhersehbarkeit entsprechend den realen Machtverhältnissen formuliert, und erzeugt nicht wieder neue verkettete Abhängigkeiten. Nehmen wir z.B. an, ich habe mir für heute mit einer Freundin ausgemacht, dass wir gemeinsam schwimmen gehen, aber ich erreiche sie nicht, und sie meldet sich auch nicht zurück.

Was ich mittlerweile im Regelfall mache, ist ihr eine Nachricht nach dem Muster „Ich erreiche dich leider nicht. Wenn ich bis 14:30 nichts von dir höre, mache ich mir mit jemand anderem etwas aus.“ Das beschränkt meinen Ärger über die Unverlässlichkeit zeitlich, und verhindert, dass ich (wie früher oft passiert) stundenlang herumwarte, und dann dem Anderen innerlich vorwerfe, meinen Tag versaut zu haben.

Heute konkret war ich dann doch auch mal ziemlich genervt von einer Freundin, die (im Gegensatz zu meinen anderen Freunden, die mittlerweile erstaunlich verlässlich geworden sind, seit ich sie so behandle) es geschafft hat, einige Tage in Folge unverlässlich/unerreichbar zu sein. Sie hat dann doch ausnahmsweise eine „Doppel-Behandlung“ in Form meiner deutlichen Genervtheit + Darlegung der Konsequenzen erhalten (üblicherweise reicht mittlerweile letzteres), und die Botschaft dürfte wohl mittlerweile angekommen sein.

Hauptsächlich war ich aber auch deswegen so genervt, weil ich eine andere Entscheidung von ihr abhängig gemacht hatte, also verkettete Abhängigkeiten auf jemanden aufgebaut hatte, der sich in dieser Situation als unverlässlich herausgestellt hat – meine Wut war also auch ein Stück weit selbst verursacht.

Wer das bei aller Genervtheit über die Unverlässlichkeit anderer nie vergisst, erinnert sich dabei auch an eine wichtige Konsequenz aus dem Faktum, dass ein Teil der Misere selbst verursacht ist: ich habe damit auch selbst die Macht, etwas daran zu ändern. Radikale Selbstverantwortung kann schon auch ziemlich hilfreich sein 🙂

In dem konkreten Fall habe ich nun die verkettete Abhängigkeit aufgelöst, und mir eine schöne Alternative geschaffen, falls der ursprüngliche Plan so nichts wird – und wenig überraschend hat sich die verbliebene Wut auch weitgehend aufgelöst.

Niklas

Ich möchte mich für die 2-wöchentliche Unterbrechung entschuldigen – die letzten Wochen waren in vielerlei Hinsicht schwierige Wochen – aber jetzt geht’s (hoffentlich auch im üblichen Rhythmus) erstmal wieder weiter. Danke für eure Geduld!

Es war seltsam, wie ihm dieses Wort nun immer häufiger in den Sinn kam, war es doch ein Wort, mit dem er sich ansonsten selten beschäftigt hatte, den tieferen Sinn als ohnehin gegeben angenommen hatte. Doch nun, erschüttert von inneren Zweifeln, wie weit Integrität ihn bisher getragen, wie weit sie ihn wohl noch tragen würde, tauchte es immer wieder unvermittelt auf. Bisher, so erkannte er jetzt, war es noch immer irgendwie gutgegangen. Vielleicht hatte er einfach Glück gehabt, oder die Alternativen gar nicht in Erwägung gezogen, hatte ihn ein nicht angreifbarer, weil impliziter naiver Glauben an das Gute im Menschen weitergetragen, vor weitreichenden Entscheidungen beschützt.

Seit er 14 war, hatte er nicht mehr gelogen, aber es anderen im Zweifelsfall nachgesehen, wenn sie den Verlockungen ihrer „Notlügen“ erlagen. Sie hatten eben nicht das Glück gehabt, die Konsequenzen unwahren Handelns schon in jungen Jahren so intensiv wahrnehmen zu dürfen wie er, waren wohl noch am Weg. Aber nie hatte er in Zweifel gezogen, dass sie sich auf einem Weg befanden, und noch weniger die Richtung dieses Weges, die die Mehrheit der Menschen zu wählen pflegte. Doch nun, zum ersten Mal in seinem Leben, regte sich nagender Zweifel in ihm. Was, wenn er seine Entscheidungen, sein Handeln auf Illusionen baute?

Das ist eben so, hatte der Freund gesagt, und: es ist sinnlos, da Energie zu verschwenden oder überhaupt darüber nachzudenken. Kein Wunder, dass du so oft krank bist. Das macht kein anderer Mensch. Schau, dass du deinen Job bekommst, und dann kannst du vielleicht irgendwas machen. Da muss man einfach durch. Doch wer war man noch, nachdem man „durch“ gegangen war, durch jene Maschine? Was hatte man noch zu geben, wenn man aufgab, woran man glaubte, um an jene Position zu gelangen, von der aus man glaubte, geben zu können? Du denkst zu viel nach, hatte der Freund darauf nur gemeint, das tut dir nicht gut, kostet nur unnütze Energie. Alle anderen machen es ja auch.

Alle anderen? Nein, er kannte Menschen, die integer waren, die verlässlich waren, auf die man vertrauen konnte. Aber waren sie nur die Ausnahme der Regel gewesen, wie der Freund behauptet hatte? War es wirklich so unintelligent in dieser Welt, das Richtige zu tun, weil es einem im Grunde nur Nachteile brachte? War die Welt im Grunde schlecht, oder wurde sie, wie die älteren Mitglieder der Gesellschaft gerne zu behaupten pflegten, tatsächlich immer schlechter?

Es war, wie er nach einigen Tagen eines psychisch-seelischen Ausnahmezustands feststellte, an ihm selbst, diese Frage für sich zu beantworten und mit den Konsequenzen zu leben. Ja, das System, in das er sich begeben würde, belohnte Unaufrichtigkeit mehr als Integrität. Aber keine bösartige Macht hatte es verbrochen, nur die Folge eines kraftlosen Glaubens, der sich aus der Realität ableitete, anstatt die Realität den Hoffnungen eines starken Glaubens annähern zu wollen. Glauben – es war seltsam, dieses Wort in sich zu spüren, als gehöre es zu ihm, hatte er doch seit vielen Jahren keine Kirche mehr freiwillig besucht, nachdem er als Kind erkannt hatte, wie unwahrscheinlich die Geschichten über Gott erschienen. Aber den Glauben, wenn schon nicht an einen Gott, dann zumindest an die Menschen oder zumindest das Potential, das Göttliche im Menschen, den hatte er sich bewahren können. Gott als Projektion selbst war ihm irrelevant geworden, aber die Idee, etwas zu dienen, was größer war als man selbst, die Bereitschaft, die sofortige eigene Befriedigung einem größeren Zusammenhang unterzuordnen, war für ihn die Grundlage dessen, was die Menschen Hoffnung zu nennen pflegten.

Gab es nur ihn alleine, hatte er nur Verantwortung für sich alleine zu tragen, war er in Wahrheit allein in dieser Welt, so war es tatsächlich unsinnig den eigenen Vorteil für das Wohl aller in Frage zu stellen, wie der Freund behauptet hatte. Aber so sehr ihn manchmal die Furcht übermannte, ihn prüfte, ihn in die dunkle Nacht des Glaubens warf, so wusste er auch, dass er niemals ganz alleine sein würde, solange er noch zu hoffen wagte, zu vertrauen wagte. Vertrauen, das hatte etwas mit trauen zu tun, mit Mut, aber auch mit Bindung, und er fühlte sich seinen Mitmenschen verbunden, auch wenn er oft Schwierigkeiten hatte, ihre Liebe anzunehmen. Doch darum ging es nur am Rande.

An erster Stelle ging es um die Erfüllung einer heiligen Pflicht, die ihm sein Glaube auferlegte: an den guten Willen der Menschen zu glauben, selbst wenn nichts in der Welt noch auf ihn hinweisen würde. Denn Glaube war mehr als nur Illusion, ein Glaube, der stark war und sich auf Integrität stützte, war fähig, die Realität der „Illusion“ anzunähern. Es gab keine Medaillen, keine Belohnungen für heilige Pflichten, nur die Gewissheit, seinem Gewissen zu folgen, das Gefühl, ganz zu bleiben, sich nicht aufteilen, zersplittern, verkaufen zu müssen.

Nein, Integrität war nicht mehr gegeben gewesen, war kein Fixum mehr, sondern eine tagtägliche Entscheidung, ein tagtäglicher Kampf geworden. Aber es war ein heiliger Kampf, ein wilder, zornig ausgetragener und doch heiliger Kampf, der ihn ängstigte, niederwarf, Schmerz fühlen und bluten ließ, aber auch daran erinnerte, dass es noch etwas zu verlieren gab, dass es noch Werte in ihm gab, die sich zu verteidigen, für die es sich zu kämpfen lohnte, kostbarstes Gut aller Güter.

Nun, auftauchend aus dem Nebel der angeblichen Notwendigkeiten und Zwänge, sah er wieder klar: die Nacht war vorüber. Die ersten Sonnenstrahlen lockten, die ersten Knospen brachen durch das Eis, und eine wunderbare Lebendigkeit kam über ihn: der herrliche Duft des Frühlings wehte erneut in seinem Herzen.

Auf dich kann man sich einfach nicht verlassen.
Etwas an der Art, wie sie es sagte, drang durch die Mauer in seinem Inneren, drang durch die Ritzen der alten Schutzwälle, und erweckte etwas wie Widerstand in ihm. Es war nur ein Satz gewesen von vielen anderen, die darauf abzielten, ihn für etwas verantwortlich zu machen, wofür er sich nicht verantwortlich fühlte. Und doch, etwas in ihm regte sich, fühlte sich unangenehm berührt. Energie durchfloss ihn, eine Art von heiligem Zorn, der ihm unbekannt war. Er hatte versagt, das hatte sie ihm wiederholt an den Kopf geworfen. War ein Versager für sie, wohl auch für den Rest der Welt. Aber etwas war falsch an dem, was sie sagte, entfachte seinen Zorn. Und dann, überwältigt von einem Schwall von Gefühlen, den er nicht in sich vermutet hatte, wurde ihm die Wahrheit bewusst: es lag an der Unermesslichkeit der Aufgabe, nicht an seiner Fähigkeit, sie zu erfüllen, dass er immer wieder scheitern musste.

Sein ganzes Leben lang war er für alles verantwortlich gemacht worden. Für den Schmerz und das Unglück seiner Eltern. Er, das Wunschkind, das ihre Beziehung hätte bessern sollen. Sie alle, die Kinder, die dafür verantwortlich gemacht wurden, dass eine von Anfang an gescheiterte Beziehung weitergeführt wurde. Für die Unfähigkeit all der vielen Menschen um ihn, sich einzugestehen, dass sie eine Wahl hatten. Da war so viel Liebe in ihm gewesen, so viel Bereitschaft, zu verzeihen, wissend, spürend, dass in all der Rücksicht auf andere kein Raum mehr für die Rücksicht auf sein eigenes Innerstes sein konnte. Jemand musste eben stark sein. Jemand musste halten, was nicht auf eigenen Beinen stehen konnte. Und so lernte er eben, eine Welt zusammenzuhalten, die an ihrer eigenen Instabilität zu zerbrechen drohte. Da war so viel Bedarf in dieser Welt nach Gehaltenwerden, und er lernte, mit den Anforderungen zu wachsen, sich dafür zu hassen, wenn er zu stürzen drohte. Er durfte nicht stolpern, durfte nicht fallen. Denn wer würde ihn halten können? Und so hatte er gelernt, die Anschuldigungen zu ertragen, die Verdrehungen und Projektionen zu verzeihen. So war er stark geworden, und er ertrug sein Schicksal nicht ohne einen gewissen Stolz.

Doch nun hatte sie eine Grenze übertreten, hatte eine Schleuse in ihm geöffnet, und er fühlte zum ersten Mal in seinem Leben, dass sein so oft unterdrückter Zorn der heilige Zorn der Gerechtigkeit war. Vor allem aber, dass er in seiner Bereitschaft, die Verantwortungslosigkeit anderer als Gegebenheit zu akzeptieren, diese darin nur unterstützt hatte. Verantwortungsbewusstsein setzte ein Bewusstsein für die Konsequenzen der eigenen Handlungen voraus, und wenn er bereit war, selbst massive Beschimpfungen und Entwürdigungen zu verzeihen, handelte er nicht selbst unverantwortlich? Welchen Sinn machte es, jemandem zu verzeihen, der nicht vorher zu einer Einsicht über die problematischen Konsequenzen seiner Handlungen gelangt war?

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, als er wieder auf sie getroffen war, und ihr die Konsequenzen ihrer Handlungen mitteilte. Er würde sie nicht wiedersehen, zumindest für eine Weile. Es war Zeit, wirklich erwachsen zu werden, anstatt für alle den überfürsorglichen Vater zu spielen. Zeit, Grenzübertretungen nicht nur zu spüren, sondern auch Konsequenzen zu ziehen, und wenn es bedeutete, manche Menschen auf Distanz zu halten. Es war nicht seine Aufgabe, die ganze Welt zu stützen, aber vielleicht konnte er lernen, selbst-ständig zu sein, und anderen damit ein Vorbild zu werden. Und wenn er strauchelte, würde er um Hilfe bitten, wo es notwendig war, und es auf eigene Faust versuchen, wo er es sich leisten konnte, Fehler zu machen.

Er fühlte keinen Hass. Der Zorn war notwendig gewesen, weil er Energie mobilisieren half, die notwendig war, Veränderungen anzugehen, aber den Hass hatte er zu Recht stets abgelehnt, weil er ja doch zu nichts führte. Andere für sein vergangenes Leiden verantwortlich zu machen, ignorierte seine eigene Verantwortung, nicht schon in der Vergangenheit gehandelt zu haben. Es hieß, jetzt zu handeln, und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Zu lange hatte er nicht gehandelt, zu lange hatte er gelitten, aber er hatte kein Recht, zu hassen, wo er doch selbst zu feige gewesen war, zu handeln, für sich und sein Wohlergehen zu kämpfen, wo es notwendig war. Es fühlte sich seltsam an, auf eigenen, und nur auf eigenen Beinen zu stehen, um festzustellen, dass die Welt auch ohne ihn nicht auseinanderbrechen würde. Diese Beine hatten es vermocht, seine kindliche Welt festzuhalten, und nun, nachdem er diese losgelassen hatte, fühlte er, dass er dieselbe immense Kraft und den dafür nötigen Willen wohl auch an anderen Orten gut gebrauchen würde können.

Du bist ein Arschloch! Du bist schwul! Hast Angst, Verantwortung zu übernehmen!
Ihr gingen langsam die Beleidigungen aus, die noch irgendwie schmerzten. Jahrelang hatte sie mit der ihr eigenen Zielsicherheit immer die Stellen erwischt, die wehtaten. Doch von ihr unbeobachtet hatte er diese Wunden geöffnet, hatte sie heilen lassen, auch wenn es oft schmerzte, an die Grenzen seiner Belastungsgrenze ging. Doch nun, ihr offen zuhörend, stellte er fest, dass sie sich in diesen Tagen nur noch selbst lächerlich machte, wenn sie ihn beschimpfte. Es war ein Ausdruck von Verzweiflung, weiter nichts. Ein bisschen tat sie ihm Leid, weil sie es nicht einmal selbst bemerkte. Aber er hatte gelernt, seinem Gefühl für Verantwortung zu vertrauen, und wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr noch etwas klarzumachen. Er hatte ihr wiederholt die Möglichkeit gegeben. Ob sie sie nützte, ob sie mit ihrem Leben glücklich wurde, war nun ihre Verantwortung, nicht mehr seine.

Auf dich kann ich mich einfach gut verlassen
, dachte er, sich gedanklich selbst auf die Schulter klopfend. Eine Weile war er geneigt gewesen, es den vielen Menschen seiner Kindheit gleichzutun, und sich als Opfer der Umstände zu betrachten, dem schon als Kleinkind viel zu viel zugemutet worden war. Aber diese Umstände hatten ihm auch einen unbändigen Willen verliehen. Die Tränen, die Verzweiflung, die Versagensängste lagen nun hinter ihm, waren wohl der notwendige Preis gewesen, den er zu bezahlen gehabt hatte. Nun lag ihm die Welt offen, offener wohl als so vielen anderen Menschen, denen keine solche Chance auf eine reichhaltige, herausfordernde Kindheit geschenkt worden war. Was war der Reichtum anderer gegen den inneren Reichtum, den er heute in sich fand? Er fühlte sich so dankbar, so viele Menschen getroffen zu haben, die ihn herausgefordert, ihn bereichert hatten. Es war nur einige wenige Wochen her, dass sie eine Grenze in ihm übertreten hatte. Nun war er bereit, einen weiteren Schritt zu tun, eine weitere innere Grenze zu übertreten, voller Neugier, was ihn wohl dahinter erwarten würde. Alles begann mit einem ersten Schritt. Behutsam, genießend, setzte er seinen Fuß auf, übertrag die Grenze in die Welt derjenigen, die nicht nur bereit waren, sie zu erleiden, sondern auch aktiv mitzuerschaffen.