Wie wĂŒrde es uns gehen, wenn wir uns nicht unsicher fĂŒhlen mĂŒssten, gut genug fĂŒr den anderen zu sein? Wenn wir mit 100%iger Wahrscheinlichkeit wĂŒssten dass der andere nicht gehen wird? Ein Experiment.

Chaos und AngstWas, wenn man sich dem inneren Strudel an Ängsten und Sorgen bewusst nicht hingibt?

So ziemlich jeder Mensch trĂ€gt in sich seine jeweils eigenen PrĂ€missen, gewissermaßen „GrundsĂ€tze“ seiner Selbst- und Weltsicht, die das was er erlebt filtern und an diese Erwartungshaltungen anpassen. Manche davon bringen uns Freude, andere sind einem zufriedenen Leben eher hinderlich, und so manche dieser PrĂ€missen ist uns – wenn ĂŒberhaupt – auch nur sehr nebulös bewusst.

Im Hinblick auf klassische Beziehungen findet sich bei mir unter anderem die PrĂ€misse „Das kann nicht glĂŒcklich machen“ mit den (sichtbaren) Alternativen

  1. Einsamkeit,
  2. Leiden innerhalb einer klassischen Beziehungsform sowie
  3. das Finden einer völlig neuen Art des Miteinanders, das bessere Voraussetzungen fĂŒr ein Gelingen schafft.

Letzteres fĂŒhrte ĂŒber die letzten Jahre zu einer langen Reihe von Experimenten mit alternativen Beziehungsformen. Langfristig sind jedoch sowohl meine eigenen Experimente wie auch jene anderer Menschen die ich miterleben durfte immer wieder gescheitert. Nicht in jeder Hinsicht: viel wurde gelernt und es gab auch viele schöne Erlebnisse. Aber vollends befriedigend war das Ganze auch nicht, und es flossen immer wieder auch TrĂ€nen.

Nun, in einer neuen Beziehung, jeder mit seinen PrÀgungen und PrÀmissen, stehen wir wieder einmal vor der Aufgabe, ein Miteinander zu finden, das uns Freude bereitet. Und zunehmend kristallisiert sich heraus, dass viele unserer Vorerfahrungen womöglich von bisher nur nebulös sichtbaren PrÀmissen geprÀgt wurden.

Viele meiner bisherigen Experimente wollten Antworten auf die Frage finden, wie man mit einem Menschen den man liebt auf Dauer sein kann. Offene Beziehungen schienen der einfachere Ansatz zu sein, weil sie zumindest theoretisch von dem Druck befreien können, fĂŒr den anderen perfekt sein zu mĂŒssen: Was der Andere nicht leisten kann oder will, kann an andere „ausgelagert“ werden. In der Praxis war die PrĂ€misse, dass jemand dann dauerhaft mit jemandem anderen sein will, weil man selbst nicht gut genug sei, meist zu stark ausgeprĂ€gt, als dass das auf Dauer gut funktionieren wĂŒrde. Wie es meine Freundin unlĂ€ngst ausdrĂŒckte: „Da muss man dann schon so recht knapp vor der Erleuchtung sein. Vielleicht sind wir da wo noch nicht.“

Möglicherweise sind die Formen offener Beziehungen die ich in mir schon als Vision finden kann eben nicht die „einfache Lösung“ der ursprĂŒnglichen PrĂ€misse, dass die Beziehungen wie ich sie sonst vorfand nicht funktionieren können, sondern vielmehr eine wenn auch vielleicht nicht unmögliche so doch eine sehr schwierig zu praktizierende Kunst.

Das natĂŒrliche Auf und Ab und das Problem der selbst-erschaffenen Trends

Gestern durfte ich von ihr einen denkwĂŒrdigen Satz hören: „Manchmal schaust du ganz schön zerknautscht – aber das wird eh wieder anders.“ Darin findet sich eine Art Grundweisheit aus dem Taoismus wieder, die mir seit vielen Jahren sehr vertraut ist: Alles vergeht, alles kommt wieder. Der Moment in dem ich jemandem in seine Augen schaue und mich so tief verbunden fĂŒhle wie noch nie in meinem Leben: Er wird vergehen. Ebenso wie der schreckliche Moment in dem ich das GefĂŒhl habe jemand nicht mehr wiederzuerkennen, in dem ein Gesicht wie eine Fassade zu sein scheint. Auch jener wird vergehen. Gemeinsam bilden jene Momente und alle dazwischen so etwas wie ein stetiges Auf und Ab, ein Ein- und Ausatmen des Lebens selbst.

Und doch kann es passieren, dass man anfĂ€ngt, so etwas wie Trends erkennen zu wollen. Was, wenn die Liebe langsam verblasst? Was, wenn es fĂŒr uns unausweichlich scheint, dass es frĂŒher oder spĂ€ter so sein wird? Dann haben wir eine Erwartungshaltung in uns aufgebaut, die wir uns immer wieder bestĂ€tigen, anstatt gemeinsam im Jetzt das zu erschaffen was uns gut tut. Weil wir ein Ende fĂŒrchten, suchen wir nach seinen Anzeichen, vermeintlich um ihm zu entkommen, und kreieren aus unserer Angst die Erfahrung wieder und wieder: Entweder finde ich mich in einem leidenden/sterbendem Miteinander wieder – oder allein. Um der vermeintlichen Unausweichlichkeit zu entkommen, beschĂ€ftigen wir uns zudem stĂ€ndig damit, ob das Miteinander (noch) gut fĂŒr uns ist bzw. ob man selbst denn noch ertragbar fĂŒr den anderen ist.

Womöglich ist dies gewissermaßen auch eine Art von „Randgruppenproblem“. Millionen, vielleicht Milliarden Menschen weltweit stellen sich und ihre Beziehung zum jeweils Anderen von vornherein womöglich gar nicht in Frage. Aber dann gibt es da auch eine gar nicht so geringe Anzahl an Menschen – tendenziell oft sehr „spĂŒrige“ Menschen – die das doch tun. Und sich dann so sehr daran gewöhnen können immer alles in Frage zu stellen, dass sie vor lauter in Frage stellen und vergangene Erfahrungen damit zu reflektieren bzw. zu diskutieren sich gar nicht mehr vorstellen können dass bzw. wie sich ein Miteinander auch (langfristig) gut anfĂŒhlen kann.

Ein radikales Experiment: Vertrauen

Weil es auch uns immer wieder so ging, kam mir gestern beim Bergwandern eine Idee, die ich anfangs fĂŒr möglicherweise absurd hielt, aber auch meine Freundin hielt sie fĂŒr interessant genug, sie auszuprobieren. Wenn die PrĂ€misse die so viel Schmerz und Angst erzeugt jene ist, dass man frĂŒher oder spĂ€ter verlĂ€sst oder verlassen wird, weil man sich nicht gut genug fĂŒr den anderen fĂŒhlt (oder bezweifelt dass der andere „die richtige Wahl“ ist), und alleine dadurch dass man immer wieder seine Unsicherheit durchleben und durchdiskutieren will sehr viel Zeit verstreicht die fĂŒr andere Visionen fehlen – warum nicht mal als Experiment diese misstrauische PrĂ€misse völlig auf den Kopf stellen und schauen was dann passiert? So entstand die Idee eines ergebnisoffenen Experiments:

Wir werden den ganzen Monat September beide bewusst gar nicht mehr in Frage stellen dass wir miteinander sein wollen, und so miteinander handeln/umgehen als wĂ€re das das SelbstverstĂ€ndlichste auf der Welt fĂŒr uns. Und dann nach dem Monat wollen wir uns anschauen was das Experiment fĂŒr uns verĂ€ndert hat. In einem Monat soll es dann einen weiteren Artikel zum Thema geben, in dem wir von unseren Erfahrungen dazu berichten. Dann entscheiden wir auch, ob wir das Experiment weiter fortfĂŒhren wollen.

Womöglich möchtest auch du ausprobieren wie es dir geht, wenn du dich ganz bewusst dafĂŒr entscheidest, die PrĂ€missen die fĂŒr deine Ängste wegweisend sind auf den Kopf zu stellen und fĂŒr eine Weile so zu leben als wĂ€ren diese freudebringender. Wenn ja, freue ich mich, wenn du auch deine Erfahrungen mit uns teilst.

Niklas

Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblĂŒfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dĂŒrfen, wenn man seine Schwierigkeiten ĂŒberwunden hat. Dabei wĂ€r es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man UnterstĂŒtzung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die UnterstĂŒtzung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwĂŒrdigen Telefonat noch in der HĂ€ngematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis gehabt. So eine merkwĂŒrdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und wĂŒrden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form fĂŒr diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie ĂŒber den jĂŒngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, fĂŒr ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es fĂŒr sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr fĂŒrchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemĂŒtlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfĂ€nglich an der OberflĂ€che betrachtet. Und doch hatte er sofort gespĂŒrt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂŒr fĂŒr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der OberflĂ€che betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂŒher, noch ungeĂŒbter, hatte er sich bisweilen ĂŒberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er spĂ€ter bereute. Nur um frĂŒher oder spĂ€ter festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich ĂŒber seine Grenzen fĂŒhren wĂŒrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂŒbergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂŒtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂŒssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des GesprĂ€chs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wĂŒst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit lÀngerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso ĂŒber die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hĂ€tten sein können, ein verdĂ€chtig Ă€hnliches? Was wĂŒrde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham UnterstĂŒtzung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste AnsĂ€tze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fĂŒhlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂŒck weit war es die letzten Jahre ĂŒber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂŒtzung bat, wenn es um AlltĂ€gliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂŒblicherweise zurĂŒckgezogen. Bis er – gestĂ€rkt und bewehrt mit einer erzĂ€hlenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂŒr Kontakt fĂŒhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂŒr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemĂ€ĂŸ eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins VerĂ€ndern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelĂ€chelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂŒr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂŒsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der OberflĂ€che, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere OberflĂ€che” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden wĂŒrden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dĂŒrfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fĂŒhlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewĂ€ltigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und WertschĂ€tzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den AnsprĂŒchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genĂŒgte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite fĂŒr denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die FĂŒlle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene UnzulÀnglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschÀmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die NĂ€hrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwĂ€cher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kĂŒhlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nĂ€chsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wÀre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner BrĂŒder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kĂŒmmern. Du wĂ€chst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezĂ€hlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? KĂŒmmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir Ă€hnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu ĂŒberleben. Ich ĂŒberlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurĂŒck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des ZurĂŒckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurĂŒckschauen. Nun, verĂ€ndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je grĂ¶ĂŸer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare GrĂ¶ĂŸe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum ErfĂŒllung finden.

Nun ist ein MarienkĂ€fer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemĂŒtlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flĂŒchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berĂŒhrt. Mich nĂ€her an den Ursprung zurĂŒckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurĂŒckkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flĂŒchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je Ă€lter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behĂ€lt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. NatĂŒrlich, wenn man alles gut ĂŒbersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzĂ€hlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ĂŒberhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fĂŒhlen zu mĂŒssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschĂ€ftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun wĂŒrden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ mĂŒssen. Wir haben sogar VertrĂ€ge erfunden dafĂŒr! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

TatsĂ€chlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „GlĂŒcklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natĂŒrlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wĂŒnschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wĂ€r ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wĂ€r. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war stĂ€ndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschĂ€tzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die FĂ€den zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen Ă€hnlich anfĂŒhlen, erschien es fĂŒr eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafĂŒr, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ĂŒbrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lĂ€sst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuĂŒben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir wĂŒrden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fĂŒhlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufĂŒllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzĂ€hlte, meinte sie, ich wĂŒrde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rĂŒcken.

Was wĂŒrde ich Ă€ndern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht wĂŒrde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewĂ€hren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ ĂŒberhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darĂŒber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

WĂ€re das eine Welt, in der du gerne leben wĂŒrdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein StĂŒck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht
 und nur vielleicht
 wĂŒrdest du dann hier in deiner Ritze auch lĂ€nger weiterleben dĂŒrfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fĂŒhlen:
Ich bin es auch.

In den letzten Tagen wurde fĂŒr mich ein altes Thema wieder sehr aktuell: wie umgehen mit unverlĂ€sslichen Mitmenschen? Als jemand, dessen Freundeskreis zu einem großen Teil aus eher „alternativen“ Menschen besteht, und sich auch entsprechend tendenziell zu „Freigeister“-Frauen hingezogen fĂŒhlt, habe ich in meinem Leben ziemlich oft mit diesem Thema zu tun gehabt. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass ich vor allem in meiner Jugend und als junger Erwachsener bisweilen ebenso nicht sonderlich verlĂ€sslich war. Im folgenden Beitrag möchte ich einerseits darĂŒber schreiben, was meiner Erfahrung nach ĂŒberhaupt die hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit sind, welche Auswirkungen UnverlĂ€sslichkeit auch auf andere haben kann, und wie man mit unverlĂ€sslichen Menschen umgehen kann, ohne dauerhaft selbst darunter leiden zu mĂŒssen.

Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit

0. Implizierte Erwartungen

Ich habe diesem Grund die Ziffer 0 zugewiesen, weil es sich im Grunde um keine wirkliche UnverlÀsslichkeit handelt, sondern mehr um eine einseitig empfundene. Aber implizierte Erwartungen passieren hÀufig, deswegen verdienen sie es meiner Ansicht nach, erwÀhnt zu werden.

Das einfachste Beispiel dafĂŒr sind Beziehungen. Auch wenn es einige relativ universelle Vorstellungen davon gibt, was vom anderen erwartbar ist, wenn man “in einer Beziehung ist”, kommen dazu im Regelfall noch unzĂ€hlige Erwartungen hinzu, die gefĂŒhlt “so selbstverstĂ€ndlich sind, dass man darĂŒber gar nicht mehr reden braucht” – und die naturgemĂ€ĂŸ prompt enttĂ€uscht werden, weil sie beispielsweise aufgrund der eigenen familiĂ€ren Vorgeschichte geprĂ€gt wurden, die der jeweils andere natĂŒrlich nicht 1:1 so miterlebt hat.

Daher unterscheide ich fĂŒr mich sehr klar zwischen impliziten und expliziten Abmachungen. Die Einhaltung von expliziten, klaren Abmachungen ist mir sehr wichtig, aber ich bin niemandem böse, wenn er implizite, nie klar kommunizierte Erwartungen nicht erfĂŒllt – und auch nicht sehr verstĂ€ndnisvoll, wenn mir jemand vorwirft, seine impliziten, nie kommunizierten Erwartungen nicht erfĂŒllt zu haben. Der Rest des Artikels bezieht sich dementsprechend auf explizite Abmachungen.

1. Unklare Kommunikation

Es mag kurios klingen, aber der vermutlich hĂ€ufigste Grund fĂŒr (empfundene) UnverlĂ€sslichkeit ist  schlicht unklare Kommunikation. Jemand geht aufgrund einer unklar formulierten Abmachung davon aus, dass sich der andere auf eine bestimmte Art und Weise verhalten wird („das ist ohnehin klar, da brauche ich nicht genauer nachfragen), und empfindet es dann als unverlĂ€sslich, wenn der andere sich anders verhĂ€lt als erwartet (ohne dass dieser merkt, dass er damit als „unverlĂ€sslich“ rĂŒberkommt, weil seine Version der Wahrheit fĂŒr ihn ebenso „völlig klar“ ist). Beispielsweise meinte eine Freundin von mir unlĂ€ngst, sie sei „Anfang August“ in Oberösterreich und wĂŒrde mich dann gerne treffen. Ich ging (warum auch immer) vom 1./2. August aus, und war dann irritiert, dass sie in der Zeit nicht erreichbar war, wo sie doch meinte, sie will mich gerne sehen. Sie war entsprechend ĂŒber meine Irritation irritiert 😉

An dieser Stelle sei noch erwĂ€hnt, was fĂŒr mich – neben allgemeiner Ignoranz ĂŒber mögliche Konsequenzen – die hĂ€ufigsten zwei GrĂŒnde fĂŒr unklare Kommunikation sind:

  1. man will sich noch nicht festlegen und Optionen offen lassen, und
  2. man will den anderen nicht verletzen.

2. Mangelnde SelbsteinschÀtzung/Organisation/Disziplin

Der zweite hĂ€ufige Grund fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit ist in mangelnder SelbsteinschĂ€tzung, Organisationstalent oder Disziplin zu finden. Wer nicht einschĂ€tzen kann, ab wann er seine Ressourcen und sich selbst ĂŒberfordert, wird sich regelmĂ€ĂŸig ĂŒberfordern, und zumindest einigen seiner eingegangen Abmachungen nicht gewachsen sein. Wer nicht gut darin ist, sich selbst zu organisieren, wird selbst bei allgemeiner Machbarkeit ĂŒberfordert sein. Und wem die Selbst-Disziplin dazu fehlt, wird eventuell frĂŒher aufgeben als notwendig, oder sich leicht ablenken lassen.

3. Nicht Nein sagen können

Grund Nummer drei ist verwandt mit mangelnder Selbst-EinschĂ€tzung, aber ich möchte ihn hier extra herausheben: Nicht gut darin zu sein, Nein zu sagen. Wer nie gelernt hat, bewusst, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht will/leisten kann, wird sich frĂŒher oder spĂ€ter selbst ĂŒberfordern, und eingegangene Abmachungen beim besten Willen nicht einhalten können. Oder anders ausgedrĂŒckt: Nur wer gelernt hat, Nein zu sagen, kann auch mit gutem Gewissen Ja sagen. Dieser Aspekt hat natĂŒrlich auch stark mit dem Ausmaß der persönlichen AbhĂ€ngigkeit von anderen zu tun. Je abhĂ€ngiger ich von der UnterstĂŒtzung eines Menschen/einer Institution bin, desto eher werde ich bereit sein, nach außen Ja zu sagen, auch wenn mein Innerstes mir zu einem Nein rĂ€t.

4. Verkettete AbhÀngigkeiten auf unverlÀssliche Menschen basieren

Grund Nummer vier ist jener, dass ich mich auf andere verlasse, die selbst unverlÀsslich sind, und damit verkettete AbhÀngigkeiten eingehe. Ein simples Beispiel: mein Bruder hat mich und meine (mittlerweile) Ex-Freundin zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie gefragt, ob sie Zeit und Lust hat, mitzukommen, sie sagt Ja, und ich gebe meinem Bruder Bescheid, dass wir kommen werden. Am besagten Tag schafft meine Ex-Freundin es nicht rechtzeitig aus dem Bett, und ich stehe vor der Wahl:

  1. Auf sie zu warten und selbst zu spÀt zu kommen
  2. Ohne sie zu fahren, selbst pĂŒnktlich zu kommen, aber ohne – wie ausgemacht – mit meiner Ex-Freundin
  3. WĂŒtend etc. zu reagieren und meiner Ex-Freundin Druck zu machen

Keine Option ist sonderlich befriedigend, vor allem wenn man öfter in eine solche Situation kommt, wie es mir regelmĂ€ĂŸig passiert ist. Obwohl ich mich selbst sehr darum bemĂŒhte, verlĂ€sslich zu sein, wurde ich von anderen aufgrund von verketteten AbhĂ€ngigkeiten oft trotzdem als unverlĂ€sslich wahrgenommen (vor allem von meiner Familie, die meine reale persönliche UnverlĂ€sslichkeit von frĂŒher noch in Erinnerung hatten).

Ich habe als junger Erwachsener relativ rasch verstanden, dass meine eigene UnverlĂ€sslichkeit Menschen, die mir wichtig sind, nervt, und negative Konsequenzen nach sich zieht. Aber dann nochmal knapp 10 Jahre gebraucht, um das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten fĂŒr mich so halbwegs zufriedenstellend zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die wie ich ziemlich viele “Hippie-Freunde” haben, mit dieser Schwierigkeit zu kĂ€mpfen haben.

Einige LösungsansĂ€tze fĂŒr das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten

Nun, man kann schlicht darauf verzichten, verkettete AbhÀngigkeiten einzugehen. Aber recht viel braucht man dann nicht mehr vom Leben zu erwarten. Keine zufriedenstellende Lösung also.

Zweiter Ansatz: lernen, zwischen verlÀsslichen und unverlÀsslichen Menschen zu unterscheiden, und sich nur noch auf die zweite Art von Menschen verlassen. Das funktioniert tatsÀchlich auch ganz gut so. Aber was tun, wenn es um unverlÀssliche Menschen geht, die einem nahe stehen, etwa Familienmitglieder, der beste Freund, oder eine Frau, die man zutiefst liebt?

Aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte muss ich drittens davon ausgehen, dass ich unverlĂ€ssliche Menschen gewissermaßen geradezu „anziehe“, schon alleine aus dem Grund, weil ich traditionell dafĂŒr gesorgt habe, dass diese Menschen nicht das volle Ausmaß der Konsequenzen ihrer UnverlĂ€sslichkeit erleiden mussten. Und dann habe ich mich stĂ€ndig darĂŒber geĂ€rgert (meist ohne es an den jeweiligen unverlĂ€sslichen Menschen direkt auszulassen), dass sich nichts an ihrem Verhalten Ă€nderte. In aller Ehrlichkeit: meine alte Angewohnheit, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden, war auch nicht sonderlich hilfreich.

Was trage ich selbst zur UnverlÀsslichkeit des Anderen bei?

Daher im Sinne der radikalen Selbstverantwortung die oft unangenehmen Fragen: Was trage ich selbst zum Verhalten der anderen Person bei? Was habe ich selbst dazu beigetragen, in die unangenehme Situation gekommen zu sein, in der ich mich jetzt aufgrund der UnverlÀsslichkeit des Anderen befinde?

Wenn man sich bemĂŒht, ehrliche Antworten auf diese Fragen zu finden, finden sich oft auch Antworten, die helfen, aus diesen unangenehmen Erfahrungen zu lernen:

  • Möglicherweise hat der Andere unklar kommuniziert, aber ich habe es auch unterlassen, genauer nachzufragen.
  • Möglicherweise tut sich der andere schwer damit, Absprachen auch einzuhalten, aber ich habe es auch zugelassen, dass verkettete AbhĂ€ngigkeiten entstehen, die meine PlĂ€ne wie ein Kartenhaus einstĂŒrzen lassen wenn er unverlĂ€sslich wird, indem ich keinen Notfallplan entwickelt habe, obwohl ich schon weiß, dass dieser Mensch nicht der verlĂ€sslichste ist.
  • Möglicherweise lernt der andere einfach nicht aus seinen Fehlern, aber ich helfe ihm auch nicht dabei, weil ich ihn, um ihn nicht zu verletzen, vor dem Ausmaß meiner EnttĂ€uschung und Wut darĂŒber schĂŒtze. Oder, weil ich das GefĂŒhl habe, nicht ohne ihn leben zu können, nicht die notwendigen Konsequenzen fĂŒr mich ziehe.

Das Kernproblem hintern den Kernproblemen

Die möglichen GrĂŒnde fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit, die ich oben beschrieben habe, sind fĂŒr mich im Grunde nur Facetten eines dahinterstehenden Kernproblems: Darf ich mein Leben so leben, wie ich es fĂŒr richtig halte, und traue ich mich auch, dies zu tun?

Wenn ich auf diese Fragen mit ganzem Herzen mit Ja antworten kann, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Vorlieben und Ressourcen Ja und Nein zu Anfragen antworten, die an mich gestellt werden, und entsprechende PrioritÀten setzen. Ich kann klar, authentisch und ehrlich kommunizieren. Ich kann, wo dies notwendig ist, auch in Konflikt gehen, um dieses mir angestammte Recht auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu verteidigen.

Aber wer von uns ist tatsÀchlich soweit, dies 100%ig von sich behaupten zu können?

Wie ich mittlerweile mit unverlÀsslichen Menschen umgehe

Emotionen wie Wut, EnttĂ€uschung etc. zu zeigen und auszudrĂŒcken, ist aus zwei GrĂŒnden wichtig: einerseits hilft es einem selbst, sie „rauszubekommen“ und nicht zu unterdrĂŒcken, andererseits hilft es dem Anderen, nachzuvollziehen, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Aber Emotionen auszudrĂŒcken alleine ist oft zu wenig. Es braucht auch Konsequenzen, die dem Anderen unabhĂ€ngig von Emotionen ermöglichen, die Zukunft verlĂ€sslich vorherzusehen. Im Grunde sind Erwachsene „große Kinder“, und in einer komplexen Welt freuen sie sich ebenso ĂŒber ein wenig Vorhersehbarkeit.

Im Idealfall ist die Vorhersehbarkeit entsprechend den realen MachtverhĂ€ltnissen formuliert, und erzeugt nicht wieder neue verkettete AbhĂ€ngigkeiten. Nehmen wir z.B. an, ich habe mir fĂŒr heute mit einer Freundin ausgemacht, dass wir gemeinsam schwimmen gehen, aber ich erreiche sie nicht, und sie meldet sich auch nicht zurĂŒck.

Was ich mittlerweile im Regelfall mache, ist ihr eine Nachricht nach dem Muster „Ich erreiche dich leider nicht. Wenn ich bis 14:30 nichts von dir höre, mache ich mir mit jemand anderem etwas aus.“ Das beschrĂ€nkt meinen Ärger ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit zeitlich, und verhindert, dass ich (wie frĂŒher oft passiert) stundenlang herumwarte, und dann dem Anderen innerlich vorwerfe, meinen Tag versaut zu haben.

Heute konkret war ich dann doch auch mal ziemlich genervt von einer Freundin, die (im Gegensatz zu meinen anderen Freunden, die mittlerweile erstaunlich verlĂ€sslich geworden sind, seit ich sie so behandle) es geschafft hat, einige Tage in Folge unverlĂ€sslich/unerreichbar zu sein. Sie hat dann doch ausnahmsweise eine „Doppel-Behandlung“ in Form meiner deutlichen Genervtheit + Darlegung der Konsequenzen erhalten (ĂŒblicherweise reicht mittlerweile letzteres), und die Botschaft dĂŒrfte wohl mittlerweile angekommen sein.

HauptsĂ€chlich war ich aber auch deswegen so genervt, weil ich eine andere Entscheidung von ihr abhĂ€ngig gemacht hatte, also verkettete AbhĂ€ngigkeiten auf jemanden aufgebaut hatte, der sich in dieser Situation als unverlĂ€sslich herausgestellt hat – meine Wut war also auch ein StĂŒck weit selbst verursacht.

Wer das bei aller Genervtheit ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit anderer nie vergisst, erinnert sich dabei auch an eine wichtige Konsequenz aus dem Faktum, dass ein Teil der Misere selbst verursacht ist: ich habe damit auch selbst die Macht, etwas daran zu Ă€ndern. Radikale Selbstverantwortung kann schon auch ziemlich hilfreich sein 🙂

In dem konkreten Fall habe ich nun die verkettete AbhĂ€ngigkeit aufgelöst, und mir eine schöne Alternative geschaffen, falls der ursprĂŒngliche Plan so nichts wird – und wenig ĂŒberraschend hat sich die verbliebene Wut auch weitgehend aufgelöst.

Niklas

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glĂŒcklich geworden waren. Es ĂŒberwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug fĂŒr ein „glĂŒcklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die RealitĂ€t hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spĂŒrte, sondern mit ihr unmissverstĂ€ndlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu ĂŒberdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glĂŒcklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den ZĂŒgen jener „GlĂŒcklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewĂ€hrten, in jene, die ordnungsgemĂ€ĂŸ gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen KomplexitĂ€t, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu fĂŒhren. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafĂŒr in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekĂ€uter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wĂ€hlen durfte, ursprĂŒnglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht fĂŒr eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war ĂŒberhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe fĂŒr sich allein beanspruchen wollten, ihn einschrĂ€nken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug fĂŒr alle da!“. Und lange, ĂŒber viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natĂŒrliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem FĂŒhlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabĂ€nderliche Essenz, und unbestĂ€ndige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war
 vergĂ€nglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war
 keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wĂ€hlen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser verĂ€nderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natĂŒrlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch ĂŒber Jahrtausende gelernt, WasserlĂ€ufe ein StĂŒck weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprĂŒnglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeintrĂ€chtigen. War das etwa, neben der FĂ€higkeit, unabhĂ€ngig der gerade sichtbaren Formen an die immerwĂ€hrende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die fĂŒr ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein wĂŒrden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemĂŒht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die BedĂŒrftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrĂ€ngt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefĂŒhlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen IdentitĂ€t, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschĂŒtzen vorgaben, hinter die Wörter, die die IdentitĂ€t des Einzelnen davor schĂŒtzten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch
 fand er sich bestĂ€tigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe NervositĂ€t und Freude spĂŒrte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurĂŒckkehrte. Hier war
 Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprĂŒnglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen ĂŒberhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen BedĂŒrfnisse der Betroffenen auch erfĂŒllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrĂŒckt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂŒckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂŒr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein LĂ€cheln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schĂŒrfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfĂŒhlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wĂ€hlen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂŒnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nÀchsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂŒchte darin? Was können wir daraus fĂŒr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂŒhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂŒhrt man andere so, dass sie eigenstĂ€ndig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂŒtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter VortrĂ€ge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

Nun also war der letzte Tag angebrochen.
Bis hierher hatte er es ganz gut ausgehalten. Hatte sich beschĂ€ftigt. Schließlich gab es noch so viel zu tun. Einkaufen. AufrĂ€umen. Abschließen, was knapp ein Jahr zuvor begonnen worden war. Ein Ende finden, das tragbar war, ĂŒbertragbar, in ein neues Jahr, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen. Das hier wĂŒrde weitergehen. Er wĂŒrde weitergehen. Nur die Wege, die wĂŒrden sich trennen.

Als die anderen eintrafen, wurde viel gesprochen, wurde wenig gesagt. Rasch merkte er, dass er niemals fertig werden wĂŒrde mit all dem, was er sich vorgenommen hatte. Einige der Kinder fingen von sich aus an, sich nĂŒtzlich zu machen. Manche Eltern erschienen, bereits frĂŒher als erwartet. Die RĂ€umlichkeiten, mit denen er ursprĂŒnglich geplant gehabt hatte ,standen nun spontan doch nicht zur VerfĂŒgung. Improvisieren. Sich beschĂ€ftigen. Nicht nachdenken. Bald war es vorbei.

Als der Junge die Gitarre aus der Hand gab, strahlte er, ein Lichtblick, verkannt im allgemeinen Trubel. Wochenlang hatte er auf diesen Moment hingeĂŒbt gehabt, hatte mit sich gerungen, ob er sich trauen sollte oder nicht. Hatte sich getraut. GlĂŒckwunsch! Auch die anderen kleinen Darbietungen der Kinder waren nun durch. Der Moment. Nun war es also soweit.

Eine Woche lang hatte er sich hingesetzt und sich jeden Tag vorgestellt, was er ihnen noch sagen wĂŒrde. Eine kleine Rede hatte er sich vorgestellt. „Was ich euch noch sagen wollte“. Was blieb zu sagen, in den wenigen Minuten? Wie in Worte fassen, was ihn schier zerriss?

Als er ansetzte zu sprechen, wurde es stiller, und als die Versammelten erkannten, dass er nicht laut sprechen wĂŒrde, völlig still. Es war schwierig zu sprechen, jedes Wort ein Kampf. Und plötzlich, in die Stille, das Klatschen einer der Jugendlichen. Er verlor irritiert den Faden, alles ZeitgefĂŒhl, und brachte seine Rede rascher zu Ende als geplant, weil er wĂ€hnte, bereits Stunden gesprochen zu haben.

SpĂ€ter entspannte sich die Stimmung etwas, und einige der Erwachsenen saßen recht gemĂŒtlich zusammen, wĂ€hrend die Kinder nebenbei spielten. Er fĂŒhlte sich elend, freute sich darauf, dass alles vorbei sein wĂŒrde, wollte es sich aber nicht anerkennen lassen.
„Ich bin heute ein wenig ĂŒberfordert“, meinte er entschuldigend.
„Ja, warum hast du uns denn dann nicht um Hilfe gebeten?“, hatte eine Ă€ltere Dame geantwortet.

Ja, warum nicht? Die Frage kam ihm nun, Monate spĂ€ter, wieder in den Sinn, und die Antwort, die ihm in den Sinn kam, war irritierend: es war ihm schlicht gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte die unausgesprochene Überforderung aller mit der Situation gespĂŒrt, und offenbar ganz automatisch versucht, sie fĂŒr alle anderen auszuhalten. Hatte anderen Sicherheit schenken wollen, wo er doch innerlich selbst derart zerrissen gewesen war.

Das war, rĂŒckblickend betrachtet, auch der wahre Grund gewesen, warum sich schlussendlich die Wege getrennt hatten. Er war nicht bereit oder fĂ€hig gewesen, seine eigenen Begrenzungen anzuerkennen, und entsprechend zu handeln. Er hĂ€tte frĂŒher fĂŒr ĂŒberschaubarere VerhĂ€ltnisse sorgen mĂŒssen, aber er hatte sich davor gescheut. Oder um Hilfe bitten mĂŒssen, und auch das war ihm offensichtlich damals noch nicht gelungen. Wozu diese ohmĂ€chtigen Allmachts-Fantasien von Ich-komme-schon-zurecht?

SpĂ€ter hatte man ihm erzĂ€hlt, der klatschende Jugendliche wĂ€re ehrlich begeistert gewesen von seinen Worten. Gern hĂ€tte er dem Jungen nachtrĂ€glich dafĂŒr gedankt.

Ein bisschen lĂ€cherlich fĂŒhlte er sich schon. Seit lĂ€ngerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsĂ€chlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes PhĂ€nomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und ĂŒber die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafĂŒr aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes GegenĂŒber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfĂ€hrigere GefĂ€hrten fĂŒr seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geĂŒbt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwĂŒhlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale StĂ€rke, als ĂŒberragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwĂŒnschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdĂ€chtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner ÜberschĂ€tzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese hĂ€ufig AbhĂ€ngigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst ĂŒberflĂŒssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spĂŒrte er auch, dass es nun kein ZurĂŒck mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefĂŒhlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfĂŒhlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lĂ€chelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

Welchen Einfluss hat unsere subjektive Erwartung davon was passieren wird auf das tatsĂ€chliche Geschehen? Eröffnet sie uns Möglichkeits-RĂ€ume, die uns durch die BeschrĂ€nkung auf eine objektive Wissenschaft verschlossen bleiben wĂŒrden?

Vor etwa 10 Jahren durchlief ich eine Phase, in der ich mit so ziemlich jedem der mir begegnete ein GesprĂ€ch begann, egal ob Mann oder Frau, ob Kind, Erwachsener oder Ă€lterer Mensch. Fast alle dieser GesprĂ€che waren interessant fĂŒr beide Seiten. Nur selten entwickelten sich daraus mehr als lose Kontakte im Moment, aber doch trennte man sich mit einem warmen GefĂŒhl der gegenseitigen Bereicherung.

Nun hatte sich diese Angewohnheit ĂŒber die letzten Jahre ein wenig gelegt, bis zu dem Punkt, an dem ich kaum mehr mit Fremden sprach. Mir war (von Menschen, die daran gewöhnt waren) erklĂ€rt worden, dass es unter Erwachsenen höflicher und damit erwĂŒnschter sei, erst einen Termin zu vereinbaren. Als ob diese gewissermaßen „gedankenlose“ Phase eine Ausgeburt meiner Jugend sei, ein naiver Zugang zur Welt, der nur aufgrund meiner damaligen Jugend geduldet worden war. Nun, als bald 30-jĂ€hriger, waren andere Methoden der Kontaktaufnahme angebracht.

All die MĂŒhen, diese „Angebrachtheit“ des Kontaktes zu erreichen, fĂŒhrten im Grunde jedoch nur dazu, dass sich die HĂ€ufigkeit und die QualitĂ€t des Kontaktes zu meinen Mitmenschen spĂŒrbar verringerten. Je mehr Planungsaufwand ein gewĂŒnschtes Treffen mit sich brachte, desto seltener wurde dieser Planungsaufwand von einem tatsĂ€chlichen Treffen gekrönt. Traditionelle Formen des Kontaktes waren da effizienter und kamen öfter zustande (etwa der 2-monatliche Spiele-Abend mit einem bestimmten Freundeskreis), aber auch hier nahm die QualitĂ€t des Kontaktes spĂŒrbar ab, obwohl die Liebe zu den Menschen an sich noch genauso stark war wie ursprĂŒnglich.

War ich einfach Àlter geworden? War das der normale Lauf der Dinge?

Ist die Welt, wie die Welt eben ist?

Irgendwann stolperte ich dann zufĂ€llig ĂŒber ein Konzept, das davon ausgeht, die Welt wĂŒrde sich nach den Erwartungen richten, die man an die Welt kommuniziere. Das brachte mich dazu, meine Erfahrungen vor 10 Jahren testweise damit zu interpretieren, denn tatsĂ€chlich hatte ich mich damals selbst davon ĂŒberzeugt, dass ein jeder Mensch, den ich treffen wĂŒrde, interessante Begegnungen mit sich bringen wĂŒrde – und wurde nur selten in meiner Erwartung enttĂ€uscht.

Was mir an dem Konzept trotzdem ein wenig fraglich vorkommt, ist die Idee, dass die Welt sich nach meinen WĂŒnschen richten soll. Das wĂŒrde demnach ja auch bedeuten, dass die Welt sich nach den WĂŒnschen von potentiell Milliarden Menschen zu richten hat, was einige Folgefragen nach sich zieht, die fĂŒr mich schwer zu beantworten sind, etwa: wĂŒrde das nicht bedeuten, dass wir im Grunde alle ziemlich alleine in unserer derart subjektiven Welt leben?

Was aber, wenn unsere Erwartungen nicht die Welt, sondern unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen? Viele Menschen kennen vermutlich das PhĂ€nomen, dass wir etwas, das uns gerade beschĂ€ftigt, plötzlich ĂŒberall wahrnehmen. Wenn wir als Hypothese davon ausgehen, dass unsere bewusste Wahrnehmung eine Art Filter darstellt, der aus der Masse an unbewusster Wahrnehmung das herausfiltert, was fĂŒr uns am relevantesten ist, dann macht es durchaus Sinn, dass wir je nachdem, wie wir diesen Filter „einstellen“, andere Aspekte unserer Umwelt wahrnehmen.

Wenn ich also meinen „Filter“ darauf eingestellt habe, in allen Menschen Interessantes zu vermuten, erhöhe ich damit meine Chance, es auch zu finden. Objektiv existent ist es womöglich unabhĂ€ngig davon, ob ich danach suche, aber wenn mein Filter es „ausfiltert“, ist es fĂŒr mich selbst nicht wahrnehmbar – und damit subjektiv nicht existent, bis ich meinen Filter entsprechend umstelle.

Was, wenn die Hypothese stimmt?

Wenn diese Hypothese stimmt, hat sie dramatische Auswirkungen. Offenbar existieren in der Medizin Studien, die darauf hinweisen, dass je nach Krankheitsbild ĂŒber 60% der Heilungschancen von den Erwartungen des Patienten abhĂ€ngen, also auch von der FĂ€higkeit des behandelnden Arztes, ihn zu ĂŒberzeugen an die Behandlungsmethode zu glauben (auch bekannt unter “Placebo-Effekt”). Auch in der PĂ€dagogik gibt es entsprechende Studien, die drastische Auswirkungen des Glaubens des Lehrers an seine SchĂŒler belegen. An einer 4. Klasse Volksschule, die ich vor Jahren in Deutsch ĂŒbernommen habe, bin ich davon ausgegangen, dass alle SchĂŒler Bestleistungen erzielen können – und wurde nicht enttĂ€uscht, obwohl die Leistungen bevor ich die Klasse ĂŒbernahm durchaus sehr unterschiedlich waren.

Wie die meisten meiner Freunde wissen, verfolge ich gerade mein Ziel, mich selbststĂ€ndig zu machen. Ein Aspekt dabei ist bekanntlich die Generierung von Einkommen. In den letzten Wochen haben sich plötzlich Möglichkeiten und Kontakte aufgetan, von denen ich nicht zu trĂ€umen gewagt hĂ€tte. Diese waren vermutlich immer schon „da“ im objektiven Sinne, aber erst durch meine Entscheidung zur SelbststĂ€ndigkeit wurde mein „Filter“ der Aufmerksamkeit so eingestellt, dass ich sie tatsĂ€chlich wahrnehmen und entsprechend agieren konnte.

So habe ich mich gefragt, wie ich wohl einen grĂ¶ĂŸeren Bekanntheitsgrad erreichen könnte – und ein paar Tage spĂ€ter fragte mich ein Bekannter, ob er mich irgendwann mal fĂŒr einen lokalen TV-Sender interviewen dĂŒrfte. Ich habe mir gedacht, ich wĂŒrde gerne VortrĂ€ge halten, und irgendwann auch dafĂŒr Geld verdienen. Kurz darauf vermittelte mir eine Freundin den Kontakt zu einer Location, in der ich bald einen Vortrag halten kann. Irgendwann kam mir der Gedanke es wĂ€re interessant mit anderen zusammenzuarbeiten, die in anderen Disziplinen (FĂŒhrung von Erwachsenen z.B.) zu Ă€hnlichen SchlĂŒssen gekommen sind wie ich – ein paar Tage spĂ€ter traf ich genau diese Menschen, und wir sind nun ein StĂŒck weit am Herausfinden, wie diese Zusammenarbeit am Konstruktivsten stattfinden könnte.

Keine dieser Möglichkeiten offenbarte sich exakt in einer Form, die ich hĂ€tte planen können, und setzte jeweils ein wenig FlexibilitĂ€t meinerseits voraus, sie als solche zu erkennen. Trotzdem wirken diese Erlebnisse verdĂ€chtig konsistent, als wĂ€re tatsĂ€chlich ein Muster dahinter: glauben, vertrauen, sich bereit machen/“den Filter einstellen“ fĂŒr die Antwort.

Entzieht sich „Glaube“ der wissenschaftlichen Methode?

Die die Wissenschaftliche Methode ein StĂŒck weit eine  skeptische Einstellung des Forschenden zu Aussagen und vor allem eine gewisse objektive Reproduzierbarkeit voraussetzt, stellt sich fĂŒr mich die Frage, inwieweit positive Aspekte dieser Erwartungshaltungen (die ja stets – auch – subjektiv sind) tatsĂ€chlich nach einer klassischen wissenschaftlichen Methode nachweisbar wĂ€ren.

Die interessante Fragestellung, die sich fĂŒr mich nach zahlreichen Alltagsbeobachtungen daraufhin stellt, ist jene, wie es denn alternativ möglich wĂ€re, tatsĂ€chlich wirksame Erwartungshaltungen von Angeboten von Hochstaplern zu unterscheiden, bzw. auch „unfreiwillige Hochstapler“, also Menschen, die tatsĂ€chlich selbst an die Ursache einer Wirkung glauben, aber falsch liegen, von jenen zu trennen, die richtig liegen?

Ich kann mir z.B. gut vorstellen (und es deckt sich auch mit den ErzĂ€hlungen einiger  Bekannter die in dieser „Szene zuhause sind“), dass fĂŒr denjenigen, der zu bestimmten Produkten wie Grander-Wasser die Erwartung hat dass sie funktionieren, diese Produkte auch tatsĂ€chlich funktionieren können. Die Ursache ist aber dabei nicht notwendigerweise das Produkt selbst, sondern möglicherweise die Erwartungshaltung an das Produkt.  Wenn nun ein Mensch z.B. von seinem Krebs geheilt wird, weil er daran glaubt, dass ein an sich objektiv nutzloses Produkt ihm Heilung verspricht –  ist es nun unethisch, ihm dieses Produkt glaubhaft ans Herz zu legen, oder ist es unethisch, es ihm zu verwehren, weil es objektiv betrachtet keinen wirklichen Nutzen hat?

Das sind schwierige Fragen, und ich bin froh, keines dieser Produkte vertreiben zu wollen – aber interessant finde ich sie trotzdem, weil sie eine mögliche Schwachstellen unserer sonst so sinnvollen wissenschaftliche Methodik aufzeigen könnten.

Das Problem der Mittelbarkeit               

In einem GesprĂ€ch mit einem guten Freund heute, der sich mit Ă€hnlichen Fragen beschĂ€ftigt, brachte er mich auf den Gedanken, die Frage zu stellen, wer denn beurteilen könne, ob ein Produkt/ein Zugang nĂŒtzlich sei. Unsere wissenschaftliche Methodik stellt ja den Anspruch der objektiven NĂŒtzlichkeit und Nachvollziehbarkeit, das heißt sie möchte die Welt auf eine Weise beschreiben, die fĂŒr einen jeden nachvollziehbar ist. Sie versucht allgemeine, objektive Urteile zu treffen. Damit muss der Einzelne sich nicht mehr stĂ€ndig selbst die Frage stellen, was fĂŒr ihn gut und richtig ist, er erreicht eine gewisse Mittelbarkeit dadurch, dass er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlĂ€sst.

Wenn ich in meiner subjektiven Erfahrung feststelle, dass etwas fĂŒr mich – also wieder subjektiv – einen Wert hat, stellt das noch kein Problem dar. Problematisch wird es erst, wenn ich aus dieser subjektiven Erfahrung schließe, dass es fĂŒr andere in ihrer eigenen subjektiven Erfahrung auch gleich sein muss. Bewegen wir uns aus dem „sicheren Bereich“ der wissenschaftlichen Methode heraus, braucht es daher wohl stets die subjektive ÜberprĂŒfung der NĂŒtzlichkeit: spĂŒrt es sich fĂŒr mich richtig an?

Solange diese “Sicherheitsabfrage” gewĂ€hrleistet ist und der Mensch, der sich in diese subjektiven, un-mittelbaren ErfahrungsrĂ€ume wagt, die Verantwortung fĂŒr die Konsequenzen seiner Entscheidungen selbst ĂŒbernimmt, könnte es durchaus sinnvoll sein, mit der Macht der subjektiven Wahrnehmung zu experimentieren.

Wenn der Glaube allein nicht reicht: Vorstellungen und Systeme

Vor allem bei grĂ¶ĂŸeren Projekten wie meiner SelbststĂ€ndigkeit kann es eine Weile dauern, bis sich vorzeigbare Ergebnisse einstellen, und Kommentare der gutmeinenden Anderen können da auch manchmal nicht hilfreich sein. Was mir dabei hilft sind vor allem zwei Vorstellungen und ein kleiner psychologischer Trick, die ich gerne mit euch teilen möchte:

Die erste Idee ist die Vorstellung vom Samenkorn, das die ersten Tage/Wochen noch unter der Erde auf seinen glorreichen Moment wartet. Das braucht obwohl es „noch nicht da ist“ regelmĂ€ĂŸig Wasser und Pflege, damit es keimen und wachsen kann. Es braucht eine Vor-Investition, und Glauben an das spĂ€tere Keimen der Pflanze, weil wir sie sonst vielleicht nicht weiterpflegen und damit verhindern dass sie langfristig aufkeimen kann. Was wir erreichen wollen, verhĂ€lt sich oft wie ein Samenkern, der eine Weile braucht, bis er reagiert

Eine zweite Vorstellung, die hilfreich ist fĂŒr mich ist, ist die Vorstellung einer Kugel immenser Masse im Weltraum, die durch wiederholte kleine Kraftanstrengungen in Bewegung gebracht wird. Anfangs hat der Impuls von außen kaum sichtbare Auswirkungen, aber oft genug wiederholt summiert sich die Bewegungsgeschwindigkeit der großen Masse dann doch. Anmerkung: vielleicht ist die Physik dahinter völlig falsch, aber mir hilft das Bild so 😉

Aus psychologischen Studien wissen wir, dass Belohnungen sich irgendwann abnutzen, aber Belohnungen die subjektiv mehr oder weniger zufĂ€llig geschehen, nicht. Diesen Aspekt kann man sich zunutze machen, indem man regelmĂ€ĂŸig Kontakt zu genĂŒgend potentiell hilfreichen Mitmenschen aufnimmt, die dann entweder gar nicht oder mit unterschiedlich langen Antwortzeiten darauf reagieren. Gestern Abend z.B. habe ich eine sehr freundliche Mail von einem recht hochrangigen OÖ Politiker bekommen, der mir auf eine Mail vor ein paar Tagen geantwortet hat – und mich total gefreut, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er so freundlich zurĂŒckschreibt bzw. die Mail ihn ĂŒberhaupt erreicht, da ich sie mangels Privat-Adresse ĂŒber offizielle Kontakt-KanĂ€le schicken musste. Da eine Art unregelmĂ€ĂŸiges „Schöne-Überraschungs-System“ an potentiell schönen Erlebnissen aufzubauen kann helfen, ĂŒber schwierigere Zeiten hinwegzukommen.

Niklas

Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, GegenĂŒber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrĂ€ngt, dass Geschichten Wort fĂŒr Wort errungen werden. Dass das Erleben flĂŒchtig ist und nur die RĂŒckschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz ĂŒbrig ist sich zu entfalten, an letzten SchrĂ€ubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was lĂ€ngst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hĂ€tte auch gehen können, vielleicht auch sollen. WĂ€re das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemĂ€ĂŸ „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch ĂŒberstieg die Überforderung meine KrĂ€fte. Ich wollte dich nicht hĂ€ngen lassen, blieb fĂŒr dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner KrĂ€fte erwachte plötzlich ein neues BedĂŒrfnis in mir: gesehen werden. GewertschĂ€tzt fĂŒr das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhĂ€ngiges BedĂŒrfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu mĂŒssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darĂŒber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach ĂŒber dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hĂ€tte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, wĂŒrde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so wĂŒrde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die HĂŒlle meines Ă€ußeren Lebens mir lĂ€sst. Ich wĂŒrde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten BedĂŒrfnissen und Formen. Die grĂ¶ĂŸte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wĂ€re nichts gewesen, als hĂ€tten wir uns nicht lĂ€ngst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wĂ€r vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.

Ich möchte darauf hinweisen, dass im folgenden Artikel einige SchlĂŒsse zu finden sind, die mich selbst beunruhigen. Nichtsdestotrotz erscheinen sie meinen eigenen Erfahrungen im Kleinen wie im Großen sowie einem Großteil der menschlichen Geschichte, wie sie uns schriftlich ĂŒberliefert ist, zu entsprechen.

Der Ausdruck von Emotionen stellt eine sehr elementare Form der zwischenmenschlichen Kommunikation dar. So wissen wir etwa ĂŒblicherweise unabhĂ€ngig vom Grund seiner Erregung, wenn ein Mensch sich wĂŒtend, traurig, Ă€ngstlich oder etwa glĂŒcklich fĂŒhlt. Vor allem bei Menschen, die uns nahe/wichtig sind, passen wir unser eigenes Verhalten oft an diese Emotionen an, in vielen FĂ€llen ohne es zu merken. Dann sind wir besonders freundlich zu einem wĂŒtenden Menschen oder nehmen einen Ă€ngstlichen Menschen in Schutz.

Nun gibt es Menschen, die ihre Emotionen klarer nach außen transportieren als andere. UrsprĂŒnglich dachte ich mir, es lĂ€ge einfach am Charakter eines Menschen, wie emotional offen er anderen gegenĂŒber ist. Mittlerweile denke ich, es liegt am Grad des Vertrauens, den er in seine aktuelle Umgebung legt. Bei mir selbst kann ich feststellen, dass ich je nach den Menschen, die um mich sind, und meiner eigenen Verfassung sehr unterschiedlich offen sein kann. FĂŒhle ich mich unter meinen Mitmenschen sicher bzw. in mir selbst gerade gefestigt genug, kann ich sehr offen meine Emotionen zeigen. FĂŒhle ich mich krank, schwach oder in einer bedrohlichen Situation, so sind dieselben Emotionen zwar vorhanden, dringen aber nicht nach außen oder – in besonders bedrohlichen FĂ€llen – wandern sofort ins Unterbewusstsein, offensichtlich um kein Risiko einzugehen. Nach außen hin bin ich dann wohl schwer zu lesen, emotionslos, regungslos – ein bisschen, als wĂŒrde ich mich totstellen.

In den letzten Tagen habe ich eine Biographie von Yassir Arafat gelesen und festgestellt, dass ich seine Perspektive nur dann in meine bisherigen Erfahrungen einordnen kann, wenn ich in meinem Weltbild die Möglichkeit einer Art „Blase“ schaffe, in der wir in Zentraleuropa leben. Innerhalb dieser Blase ist eine gewisse Art des Zusammenlebens möglich, weil unsere Vorfahren jahrhundertelang dafĂŒr gekĂ€mpft haben und wir uns im Laufe der Zeit an ein gewisses Miteinander gewöhnt haben. FĂŒr jemanden wie mich und viele andere Österreicher ist es z.B. selbstverstĂ€ndlich, das Existenzrecht meiner Mitmenschen zu respektieren, auch wenn ich sie vielleicht nicht mag oder sie anderen Subgruppen angehören als ich. Weltweit betrachtet dĂŒrfte dies wohl eher eine Anomalie denn eine NormalitĂ€t darstellen. Beim Lesen seiner Biographie dachte ich regelmĂ€ĂŸig „ist der Typ völlig wahnsinnig?“. Irgendwann habe ich mich dann jedoch gefragt, wie er zu diesem Denken gekommen sein mag. Und bin dann auf diese“ Blasen-Theorie“ gekommen.

Emotionsausdruck in Eigengruppe und Fremdgruppe

Bei allen zivilisatorischen Errungenschaften der letzten Jahrtausende, ein Teil unseres Verhaltens basiert immer noch unterschwellig auf unseren tierischen Wurzeln (Platzangst unter Menschen z.B. dĂŒrfte ebensolche Wurzeln haben). Oft, wenn wir uns „ohne Grund“ unwohl fĂŒhlen in einer Situation, sind diese EinflĂŒsse – wenn auch nicht bewusst – spĂŒrbar. Oder die Tendenz, sich zusammenzurotten, um als Gruppe StĂ€rke zu zeigen. Wer sich entweder alleine stark fĂŒhlt oder in einer starken Gruppe unterwegs ist, wird sich tendenziell eher trauen, seine Emotionen frei auszudrĂŒcken als jemand, der um seine Sicherheit besorgt ist. Innerhalb einer befreundeten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, eine Grenze ĂŒberschritten zu haben und aufzuhören. Innerhalb einer feindlich gesinnten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, sich ĂŒber das Opfer herzumachen. Oder in die Sprache der Tiere ĂŒbersetzt: ein schutzloses Jungtier ist fĂŒr die Herde besonders schĂŒtzenswert, fĂŒr das Rudel Wölfe besonders einfach zu erlegen. Ein Ă€hnliches Verhalten habe ich mittlerweile mehrmals bei Kindern, Jugendlichen wie Erwachsenen beobachtet, auch in Österreich, und von Österreichern, fĂŒr alle, die ein solches Verhalten nur auf Zuwanderer projezieren wollen.

Auf einer gewissen Basis-Ebene sind wir wohl gegenĂŒber wie auch immer gearteten Fremdgruppen auch wie ein Rudel Wölfe. Der Intellekt baut sich darĂŒber einen Überbau von Werten und akzeptiert AutoritĂ€ten und Gesetze zu Schutze aller – doch existentielle Ängste können helfen, diesen Überbau zusammenbrechen zu lassen, wie sehr deutlich an Massenpaniken zu sehen ist. Eine diffuse existentielle Angst wie einem kommenden Zusammenbruch des Sozialsystems kann Ă€hnliche Tendenzen der RĂŒckkehr zum Gruppendenken des Wolfsrudels verstĂ€rken – im Zweifelsfall fĂŒr uns zuerst. Gleichberechtigung und Ethik wird dort zum Luxus, wo das GefĂŒhl entsteht, das (gute) Überleben sei nicht mehr fĂŒr alle gesichert.

Attributionsfehler

Da sich Menschen in vielen Situationen ĂŒber sehr viele sich ĂŒberlagernde Gruppen definieren, ist es fĂŒr den einzelnen oft nur noch schwer festzustellen, ob er sich in einem freundlichen oder gefĂ€hrlichen Umfeld befindet, was zu mehreren problematischen FehleinschĂ€tzungen fĂŒhren kann. Der offensichtlichste Fall ist jener, sich in einer gefĂ€hrlichen Umgebung zu sicher zu fĂŒhlen und sich Angriffen auszusetzen, denen man sich nicht erwehren kann: “Diese AuslĂ€nder, die fĂŒhren sich bei uns auf als gehörte ihnen das Land!”, oder die zweifelhafte Idee, den österreichischen Thronfolger in Serbien in einem ungeschĂŒtzten Wagen herumfahren zu lassen, wĂ€hrend der Hass sich schon lange zusammenbraute.

Der weniger offensichtliche ist, sich in einer befreundeten Umgebung zu befinden, dies falsch einzuschĂ€tzen und sich nicht zu trauen, Emotionsausdruck als soziales Stoppsignal oder BedĂŒrftigkeitssignal einzusetzen. In der Folge glauben Freunde, es handle sich immer noch um ein Spiel wĂ€hrend der Freund sich verletzt fĂŒhlt, oder reagieren Eltern nicht auf den verzweifelten Wunsch nach NĂ€he eines Kindes. Ich fĂŒr meinen Teil tendiere zum Beispiel eher zur zweiten Variante der Attributionsfehler, was dann (nicht mehr oft aber hin und wieder) dazu fĂŒhrt, dass ich meine eigenen Grenzen nicht rechtzeitig aufzeige und unnötig von Menschen emotional verletzt werde, die dies gar nicht beabsichtigen oder manchmal zu schĂŒchtern bin, um Hilfe zu bitten.

Erfahrungen, die sich ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume wiederholen, können sich verhĂ€rten und zu dem werden, was man gemeinhin den Charakter eines Menschen nennt. Mit der Zeit ist es zwar möglich, Entwicklungen auch wieder umzukehren, aber einfach ist es nicht unbedingt – zumindest fĂŒr mich.

AutoritÀt als Einigungsfaktor

Was in der Geschichte der Menschheit immer wieder dafĂŒr verantwortlich war, verschiedene Gruppen dazu zu bringen, sich nicht gegenseitig anzufallen, sobald ein Mitglied der anderen Gruppe SchwĂ€che zeigte, war eine von allen Seiten akzeptierte (oder gefĂŒrchtete) AutoritĂ€t, sei sie hergestellt durch ĂŒbermĂ€chtige KraftverhĂ€ltnisse oder FĂŒhrung, die Vertrauen schafft, sei sie in Form bestimmter Personen, Gruppen oder unpersönlich in Form von Gesetzen. In dem – schon etwas Ă€lteren – Film „Hero“ kommt eine Stelle vor, in der dem Kaiser sinngemĂ€ĂŸ die Absolution erteilt wird, das zerstrittene Reich zu einen, selbst wenn er dafĂŒr Gewalt ausĂŒben und Hass auf sich nehmen muss. SinngemĂ€ĂŸ spricht der Film vom Konzept des zentralisierten Gewaltmonopols, das alleine dauerhaften Frieden zwischen den verfeindeten Gruppierungen schaffen kann, weil nur so die Rechte aller unabhĂ€ngig von der Gruppenzugehörigkeit garantiert (= im Notfall unter Einsatz von schĂŒtzender Gewalt beschĂŒtzt) werden können.

Wo diese alle ihr sich Unterordnende schĂŒtzende AutoritĂ€t fĂŒr die sich Unterordnenden nicht spĂŒrbar ist, entsteht die Gefahr des RĂŒckfalls in gewalttĂ€tige Gruppenkonflikte, sei es weil Gesetze bestimmte Gruppen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig benachteiligen oder sich bestimmte Gruppen nicht mehr durch die Exekutive beschĂŒtzt fĂŒhlt. Ein Wir-sind-wir auf der einen Seite verstĂ€rkt das gleiche GefĂŒhl auf der Gegenseite, erschwert (emotionale) VerstĂ€ndigung und Empathie, weil der Ausdruck von Emotionen als Ausdruck von SchwĂ€che vor dem Anderen vermieden werden muss. Bei aller Hoffnung: offensichtlich sind wir weltweit betrachtet weit davon entfernt, uns wie eine einzige verbundene Welt zu fĂŒhlen.

ZurĂŒck zur Schule mag es fĂŒr Lehrer interessant sein, darauf zu achten, inwieweit die Kinder Emotionen frei auszudrĂŒcken wagen bzw. in welchen Konstellationen untereinander ihnen dies möglich ist. Möglicherweise kann es notwendig sein, in Gewalt eskalierende Gruppenkonflikte rigoros zugunsten eines zentralen Gewaltmonopols einzudĂ€mmen (was wiederum eine enorme Verantwortung bedeutet, es nicht zur eigenen Bequemlichkeit zu missbrauchen!). Ebenso interessant mag es sein, inwieweit der Lehrer selbst bereit ist, in der Klasse oder auch im Kollegium seine Emotionen klar auszudrĂŒcken oder wo er sich zurĂŒckhĂ€lt bzw. ob diese ZurĂŒckhaltung tatsĂ€chlich in einem gefĂŒhlt “feindlichen” Umfeld begrĂŒndet ist. Wenn ja, mag es im Kollegium wie in der Klasse sinnvoll sein, VerĂ€nderungen anzuregen.

Niklas