So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch gl├╝cklich geworden waren. Es ├╝berwogen die Trag├Âdien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug f├╝r ein ÔÇ×gl├╝cklich bis ans Ende ihrer TageÔÇť?

An dem Tag, an dem er die Realit├Ąt hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen sp├╝rte, sondern mit ihr unmissverst├Ąndlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fr├Âhlichen Masken zu ├╝berdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht gl├╝cklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgel├Âschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Z├╝gen jener ÔÇ×Gl├╝cklichenÔÇť abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gew├Ąhrten, in jene, die ordnungsgem├Ą├č gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexit├Ąt, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu f├╝hren. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung daf├╝r in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergek├Ąuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man w├Ąhlen durfte, urspr├╝nglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht f├╝r eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war ├╝berhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis lie├č ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der h├Âchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe f├╝r sich allein beanspruchen wollten, ihn einschr├Ąnken, ihn an sich binden wollten. ÔÇ×Nehmt!ÔÇť, schien er ihnen zu sagen, ÔÇ×Es ist genug f├╝r alle da!ÔÇť. Und lange, ├╝ber viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch nat├╝rliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem F├╝hlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unab├Ąnderliche Essenz, und unbest├Ąndige, gewisserma├čen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, warÔÇŽ verg├Ąnglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, warÔÇŽ keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu w├Ąhlen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser ver├Ąnderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und t├Âten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner nat├╝rlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch ├╝ber Jahrtausende gelernt, Wasserl├Ąufe ein St├╝ck weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste flie├čen k├Ânnen. Und doch war es auch m├Âglich, es in Anerkennung seiner urspr├╝nglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeintr├Ąchtigen. War das etwa, neben der F├Ąhigkeit, unabh├Ąngig der gerade sichtbaren Formen an die immerw├Ąhrende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die f├╝r ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum f├Ârderlich sein w├╝rden. Liebte bedingungslos, und doch stets bem├╝ht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bed├╝rftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdr├Ąngt, und damit auch anderen den Raum zu er├Âffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu flie├čen, dass die gegenseitig gef├╝hlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der ├Âffentlichen Identit├Ąt, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu besch├╝tzen vorgaben, hinter die W├Ârter, die die Identit├Ąt des Einzelnen davor sch├╝tzten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und dochÔÇŽ fand er sich best├Ątigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosit├Ąt und Freude sp├╝rte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zur├╝ckkehrte. Hier warÔÇŽ M├Âgliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewisserma├čen Wasser in seiner urspr├╝nglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen ├╝berhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen L├Âsungen suchen durfte, diese realen Bed├╝rfnisse der Betroffenen auch erf├╝llt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedr├╝ckt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zur├╝ckgefunden, oder ohne die Menschen, f├╝r die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln lie├čen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein L├Ącheln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen sch├╝rfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anf├╝hlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten w├Ąhlen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen urspr├╝nglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den n├Ąchsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuh├Âren:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und S├╝chte darin? Was k├Ânnen wir daraus f├╝r den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – F├╝hren zur Selbstverantwortung (Wie f├╝hrt man andere so, dass sie eigenst├Ąndig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterst├╝tzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vortr├Ąge/Workshops┬á– ich freu mich auf euer kommen ­čÖé

 

Fern von hier lebt eine junge Frau in einem etwas seltsam anmutenden Haus. Es ist irgendwie nicht so ganz gerade geworden, das Haus, man k├Ânnte sagen: windschief, und die meisten Menschen, die daran vorbeigehen, k├Ânnen vor Neugier gar nicht anders, als stehenzubleiben und hineinzusehen. Manchmal haben sie dann Gl├╝ck, und die junge Frau f├╝hrt sie durch das Wunder, in dem sie viele ihrer Tage verbringt. Nein, gebaut hat sie es nicht, dieses Haus. Und trotzdem scheint sie es beinahe zu atmen.

Wenn sie dann diesen seltsamen Ort wieder verlassen, f├╝hlen die Besucher oftmals noch eine Art ÔÇ×NachklingenÔÇť, nur ohne einen dazugeh├Ârigen Ursprungston geh├Ârt zu haben.. Als w├╝rde etwas von diesem Haus, von dieser Umgebung, sich an ihnen festgehaftet haben.. Ein Gedanke, eine IdeeÔÇŽ vielleicht auch eine M├Âglichkeit? Aber mit der Zeit verblasst ihnen dieses Gef├╝hl, und sie kehren zur├╝ck in die so wohlbekannte Welt ihres Alltags, vergessen diesen Ort und seine so sonderbare Bewohnerin.

Denn sonderbar, so wirkt sie wohl, jene junge Frau. Als w├Ąre sie die rechtm├Ą├čige Erbin dieses Hauses, obwohl erdacht von einem anderen Geist, in anderen Zeiten, f├╝r andere Zwecke. Als w├╝rde sie sich diesen Ort angeeignet, Teil von ihm geworden sein. Verwurzelt.

Vielleicht ist es diese Art von Verbundenheit, die dem zuf├Ąlligen Besucher als erstes auff├Ąllig wird, dieses so sonderbare Fehlen von Distanz zwischen der jungen Frau und jenem Ort, diese Art von Hingabe, von Eins-Werdung. Wie liebevoll sie mit der Pflanze spricht, die sie gerade gie├čt, mit dem Habicht, der ├╝ber dem Tal seine Schwingen ausbreitet, sogar mit dem Raum selbst ÔÇô beinahe m├Âchte man glauben, sie w├╝rde tats├Ąchlich Antworten erwarten, w├╝rde tats├Ąchlich mit allem um sie herum kommunizieren, seien es Tiere, Pflanzen, R├Ąume, Orte. Wenn sie lapidar erz├Ąhlt, sie h├Ątte vor einigen Tagen eine kiloschwere Schiefer-Platte aus dem nahegelegenen Fluss den ganzen Weg hierhergeschleppt, weil sie sich von ihr.. angesprochen gef├╝hlt habe.. und der Besucher dieselbe Schieferplatte nun am K├╝chentisch in f├╝r das Auge kaum ertragbarer Sch├Ânheit als Fundament einer Art von Gesamtkunstwerk wiedererkennt.. man m├Âchte beinahe glauben.. ebenso sehen..

Aber nat├╝rlich siegt am Ende doch meist die Vernunft, die eine rote Linie an der Grenze zum ┬áUnbelebten zieht. Mit Tieren, mit Pflanzen sprechen, nun, das mag noch angehen, was wei├č die Wissenschaft schon auszuschlie├čen, dass nicht auch Tiere und Pflanzen kommunizieren und jemand nicht mit viel Geduld ihre Sprache erlernen kann? Aber mit Steinen, R├Ąumen, Orten? Das geht dann doch zu weit. Diese Grenze zu ├╝berschreiten hie├če, der eigenen Verr├╝cktheit T├╝r und Tor zu ├Âffnen.. und wo k├Ąme man denn da noch hin, diese inneren wie ├Ąu├čeren Pforten aufzusto├čen?

Die junge Frau aber sieht den verwirrten, an Verzweiflung grenzenden Blick des Besuchers und erkennt mit einem Hauch von Heiterkeit wie wehm├╝tiger Erinnerung ihr fr├╝heres Ich in jenen Augen. Bietet dem jungen Mann Tee an, bereits wissend, dass er ablehnen und diesen Ort so rasch er kann kopfsch├╝ttelnd verlassen wird. Vielleicht wird es ihm m├Âglich sein, niemals wiederzukehren. Ihr war dieser einfache Ausweg nicht verg├Ânnt gewesen. Als sie zum ersten Mal den ÔÇ×GeistÔÇť eines Raumes wahrgenommen, seine Bed├╝rftigkeit nach h├Âherer Ordnung, ja beinahe nach Liebe gesp├╝rt hatte, zum ersten Mal be-geistert gewesen war von einem Ort, der Andeutung eines Gegen├╝bers, nur dunkel erahnend, dass sie ÔÇô noch fast blind – einer Quelle nachsp├╝rte, die von Menschen ├╝ber den ganzen Erdball und alle Menschenalter gesucht worden war, hatte sie noch nicht so recht gewusst, was sie erwarten w├╝rde, wusste es bis heute nicht – folgte im Grunde nur stets aufs Neue in lichteren Momenten dieser leisen Ahnung, dass sie sich auf einem richtigen Wege befand.

Manchmal, selten, erf├╝llen sie dann doch Zweifel. Wer bin ich denn, was bin ich wert im Spiegel der Welt? Und dann fragt sie sich, wie sie sich und der Welt wohl beweisen k├Ânne, dass sie auch wirklich begeistert sei, von Geist erf├╝llt, und wei├č doch ÔÇô als ungeborene Gewissheit, noch ohne es sich und anderen eingestehen zu k├Ânnen – dass diese Art von Geist und Intuition sich eben gerade nicht beweisen, vorf├╝hren, in Formen pressen und verkaufen l├Ąsst. Dann qu├Ąlt sie sich, der Illusion der Notwendigkeit folgend, jemand anderes zu sein, ein Spiegel f├╝r die Welt des Normalen, um die Menschen im Au├čen nicht verwundern zu m├╝ssen, ihnen nicht Wunder zu sein. Will untergehen in einem Meer der Gleichartigkeit und Gleichg├╝ltigkeit.

Denn sie praktiziert eine sterbende Kunsttradition, und wei├č es.

Und doch ist es gerade diese Seltenheit, diese Besonderheit ihres Erlebens, der ihr neben all dem Schmerz der Vereinzelung auch eine Verantwortung aufb├╝rdet, die Aufgabe, eben nicht aufzugeben. Es gibt nur noch so wenige von uns, dass die Entscheidung eines jeden einzelnen z├Ąhlt.

Die Kunst der Begeisterung ist eine lebensspendende Kunst. Ohne sie stirbt uns unsere Umgebung aus dem Bewusstsein hinfort. Andere m├Âgen abbilden, sichtbar machen, die Begeisterung jedoch stellt den Ursprung, den ersten Riss in der Mauer zwischen uns und der Welt dar. Sie erschafft das Leben nicht, aber macht es uns erst lebendig erfahrbar.

Was also ist sie wert im Spiegel der Welt, diese sonderbare junge Frau? Viel, sagen diejenigen, die sie im Ansatz ihrer Tiefe kennengelernt haben. Wenig bis nichts, eine Nummer in einer Statistik, sagt eine Gesellschaft, die es im Angef├╝hl der S├Ąttigung vers├Ąumt hat f├╝r jene zu sorgen, die sie mit Lebendigkeit versorgen. Aber Menschen machen auch nur einen verschwindend geringen Anteil all derer aus, mit denen sie tagt├Ąglich zu tun hat.

ÔÇ×Ich liebe es, dich zu w├ĄrmenÔÇť, erz├Ąhlt ihr morgens die Sonne.
ÔÇ×Ich liebe es, dich mit meinem Gesang zu weckenÔÇť, der Vogel, der unter dem Dachbalken wohnt.
ÔÇ×Ich liebe es, in deinem wallenden Haar zu spielenÔÇť, der Wind.
ÔÇ×Ich liebe es, deine Seele zu tragenÔÇť, singt der Waldboden ihr sein Lied.

Und wieder verklingen all die anklagenden Stimmen, sie solle doch endlich erwachsen werden, sich einen Job suchen, im steten Strom der Gezeiten, und eine heitere, wohlige Gelassenheit erfasst sie.

Wenn ihr nur w├╝sstetÔÇŽ

Ja, wenn all jene nur w├╝ssten, sehen, sp├╝ren k├Ânnten.. wenn man nun auch andere begeistern k├Ânnte? Das, so f├╝hlt sie nun, das w├Ąre nun wirklich gro├če Kunst.. Eine Lebensaufgabe.. vielleicht, so beginnt sie nun zu ahnen, ist es nicht die meine, mir noch qu├Ąlend einen Job zu suchen, wo doch tagt├Ąglich mich findet, was zu tun bereit und notwendig sich anf├╝hlt, um die Lebendigkeit zu erhalten.

Nat├╝rlich hat sie den Gedanken nicht bis zur letzten Konsequenz zu Ende gef├╝hrt. Sie mag etwas Besonderes sein, an ein Wunder grenzen, ist aber doch einem allzu menschlichen Sein entwachsen und in all den Zweifeln und Achtlosigkeiten verwurzelt wie andere Menschen ebenso. Und doch.. ist sie eine sehr au├čergew├Âhnliche junge Frau. Vielleicht wird der Tag noch kommen, an dem sie ihre Geschichte umzuschreiben bereit ist und statt nur ein ÔÇ×Wenn ihr nur w├╝sstet..ÔÇť zu denken mit sicherer Stimme sprechen kann: ÔÇ×Sehet!ÔÇť

M├Âge jener Tag nicht mehr fern sein.

ÔÇ×M├Âge es dich begleitenÔÇť, hatte der Freund gemeint, und ihm das Amulett in die Hand gedr├╝ckt, ÔÇ×ich habe es dir aus Nepal mitgebrachtÔÇť. Es war nicht irgendein Mann gewesen, sondern derjenige, dessen Geschichten ihn stets beeindruckt hatten. Geschichten von fernen L├Ąndern, von sozialen Projekten. Es war der Mann gewesen, der ÔÇ×Ingenieure ohne GrenzenÔÇť ins Leben rufen wollte, eine Schwesterorganisation der bekannten ├ärzte ohne Grenzen, die freiwillige Ingenieure der ganzen Nation um sich versammelte, um in ├Ąrmeren L├Ąndern f├╝r eine fl├Ąchendeckende Versorgung mit Wasser, Strom und weiterer Infrastruktur zu sorgen. Alle paar Monate jedoch w├╝rde er zur├╝ckkehren, zu jenem Ort, an dem sich ihre Wege immer wieder aufs Neue zu kreuzen pflegten. Nun w├╝rde er wieder f├╝r einige Monate abreisen, und den J├╝ngeren tr├Ąumend zur├╝cklassen, tr├Ąumend, selbst ebenso eines Tages die Welt zu ver├Ąndern.

Jeden Morgen, wenn er aufwachte, w├╝rde er es nun um seinen Hals f├╝hlen, das Amulett des ├älteren, und von einer Zukunft tr├Ąumen, in der er selbst einer jener M├Ąnner sein w├╝rde. Sein Geist begleitete ihn durch den Tag, leitete ihn durch schwierige Entscheidungen, war da f├╝r ihn wie ein g├╝tiger Vater. Lange h├Ârte er nichts von dem Anderen, und doch f├╝hlte er sich nicht allein gelassen, f├╝hlte sich besch├╝tzt, beg├╝nstigt, beinahe auserw├Ąhlt. Hatte nicht er jenes Amulett erhalten, war es nicht seine Bestimmung, dem ├älteren nachzufolgen, Gro├čes zu leisten?

Und so hatte er dann auch seine ├ängste ├╝berwunden, war in die Ferne gereist, um das Leid mit eigenen Augen zu sehen, von dem der Freund so oft gesprochen hatte. Es war nicht genug, sich ├╝ber etwas zu beschweren. Nein, er w├╝rde handeln, w├╝rde helfen, w├╝rde heilen und gesund machen. Also bereiste er ferne L├Ąnder, gab den Armen und suchte ihre N├Ąhe, suchte, einer von ihnen zu werden, auf dass er sie aufrichten, dass er ihnen Hoffnung schenken konnte. Das Amulett war immer bei ihm, schenkte ihm Kraft, wo der Wille schwach zu werden drohte. Was war sein Leid gegen das Leiden der mittellosen Massen, was war seine selbstgew├Ąhlte Marter gegen die Machtlosigkeit der Trostlosen? Er war so schwach, so l├Ącherlich schwach angesichts des Leids, das ihm entgegenschwappte! Sein Wille musste eisern sein, durfte die Hoffnung nicht aufgeben, musste den Massen ein Leuchtfeuer der Hoffnung im Dunkel ihrer Armut sein. Und so lernte er mit der Zeit, das Leiden auszuhalten, ihm zu widerstehen und den Massen zu helfen, sich und ihnen geistige Freir├Ąume in ihrer Not zu schaffen, von denen aus sie ihr Schicksal in die Hand nehmen konnten. In einem umgebauten Bus fuhr er in die Favelas, um den Armen Tr├Ąume zu schenken.

Als er Jahre sp├Ąter wieder zu jenem Ort, an dem er einst das Amulett erhalten hatte, zur├╝ckkehrte, wirkte er gezeichnet von seinen Erfahrungen in der Fremde, doch die Jahre hatten ihm auch tiefe Lachgr├╝bchen geschenkt, und sein Schritt, nun etwas gefestigter, war von kraftvoller Federung. Kaum jemand erkannte in ihm noch den J├╝ngling von einst mit der unsicheren Stimme und den vertr├Ąumten Augen. Das Lederband, mit dem er das Amulett einst um seinen Hals befestigt hatte, war gerissen, das Amulett verloren, doch der Geist des Idols noch lebendig wie am ersten Tag.

Und so war es f├╝r ihn ein Schock, den Anderen so an jenem Ort wiederzutreffen, an dem er vor so vielen Jahren einst das Amulett erhalten, das ihn auf seinen Weg gebracht hatte. Der alte Freund, der ihm den Weg gewiesen, wirkte verst├Ârt, sein Blick war gehetzt und der untere Teil seines Gesichtes auf seltsame Art und Weise nach vorne verschoben. Er hatte gen├╝gend Zeit in den Untiefen der Favelas verbracht, um zu wissen, was geschehen war. Irgendwann auf seiner Reise musste der ├ältere den gef├Ąhrlichen Lockungen erlegen sein, die ihm von Entspannung und Frieden fl├╝sterten. Opium vielleicht. Oder Heroin. Seine Hand umklammerte das kleine Halsband in der Tasche, das er von dem Artensano in Bolivien f├╝r den Freund erstanden hatte und dass er dem gro├čen Vorbild als Zeichen seiner Dankbarkeit schenken hatte wollen.

Als er es dem Alten umlegte, kl├Ąrten sich die Wolken in seinen Augen f├╝r kurze Zeit. Ein L├Ącheln zog sich ├╝ber sein Gesicht, als er die Lachgr├╝bchen des J├╝ngeren ausmachte.
ÔÇ×Danke, dass du mich wieder zu lachen gelehrt hastÔÇť, sagte der ├ältere.
ÔÇ×Danke, dass du mich einst zu leiden gelehrt hastÔÇť, erwiderte der J├╝ngere.
Und zusammen staunten sie ├╝ber die unergr├╝ndlichen Kreisl├Ąufe des Lebens, die sie beide, das Leiden und das Lachen, immer wieder zusammenzuf├╝hren pflegte.

#42 Das Amulett als .pdf downloaden

Als ich letztens mit meinem Gro├čvater zusammensa├č und wir ├╝ber wirtschaftliche Entwicklungen sprachen, kam das Thema darauf, welche Arten von Arbeit wohl auch in Zukunft noch das Potential hatten, den Arbeitenden ein vertretbares Einkommen zu sichern. Mein Gro├čvater hatte selbst einst ein mittelgro├čes Unternehmen im Gastronomiebereich aufgebaut, und er sorgte sich um die Gastronomen und anderen Dienstleister der Branche, die sich einem knallharten Konkurrenzkampf ausgeliefert sahen, indem zunehmend alle verlieren w├╝rden.

Nat├╝rlich handelt es sich bei all diesen Dingen um hochkomplexe Probleme, die sich kaum isoliert und heruntergebrochen betrachten lassen, ohne wichtige Komponenten auszublenden. Trotzdem glaube ich, dass einige der ├ťberlegungen, die unser Gespr├Ąch begleiteten, auch f├╝r (angehende) P├Ądagogen interessant sein k├Ânnten. Immerhin geht es dabei unter anderem um die Frage, f├╝r welche Wirtschaftssituation wir unsere Sch├╝ler vorbereiten, und ob die derzeitige Sicht der Dinge auch in einigen Jahren noch zeitgem├Ą├č sein wird oder auch nur k├Ânnte.

Die Kosten, oh die Kosten…

Mein Gro├čvater sprach also von dem enormen Kostendruck, der heutzutage auf Gastronomen, aber auch andere Dienstleister der Branche laste, verst├Ąrkt noch durch die Gro├čen Ketten verwandter Branchen, die sich aufgrund ihrer schieren Gr├Â├če oft gewisse Tricks erlauben konnten, die einem kleinen B├Ącker oder Gastronom schlicht nicht zur Verf├╝gung standen, etwa wenn ein Hofer-Supermarkt sein Brot bewusst unter dem B├Ąckerpreis verkauft, weil er wei├č, dass die Kunden den geringen Brotpreis langfristig dadurch ausgleichen, dass sie andere Produkte gleich mitkaufen.

Dies zwingt den B├Ącker dazu, entweder darauf zu vertrauen, dass seine Qualit├Ąt (die von den Supermarktketten oft ÔÇô oder zumindest beinahe ÔÇô eingeholt werden) oder die Tradition seine Kunden an ihn bindet, oder g├╝nstiger zu produzieren. G├╝nstiger produzieren kann beispielsweise ein B├Ącker, indem er an der Qualit├Ąt seiner Zutaten spart (was schlecht f├╝r die Qualit├Ąt der Endprodukte ist, ein Teufelskreis). Alternativ k├Ânnte er versuchen, seine Prozesse innerhalb des Unternehmens zu optimieren, was oftmals darauf hinauslaufen wird, erfahrene (und damit teurere) Mitarbeiter abzubauen und durch Maschinen oder ungelernte Kr├Ąfte zu ersetzen ÔÇô um damit wiederum eine M├Âglichkeit zu verlieren, sich von der Konkurrenz abzuheben.

├ťberforderung aller als Konsequenz des Vertrauensverlustes

Als ich meinen Gro├čvater dann fragte, was denn eine L├Âsung f├╝r eben jene kleinere Betriebe sein k├Ânnte, sich gegen diese oft bedenklichen Entwicklungen zu wehren, meinte er, sich auf Dienstleistungen zu konzentrieren. Auch mit dem Aufkommen des Internets sei es heutzutage f├╝r die meisten Menschen, die sich damit ein wenig auskennen, m├Âglich, sich ihre Produkte direkt bei den Produzenten zu bestellen, was fast zwangsl├Ąufig g├╝nstiger als die Gesch├Ąftsvariante ist, die ja Mitarbeiter und Lagerkosten bezahlen muss.

Um sich dabei jedoch auch das richtige Produkt zu bestellen, muss sich der Kunde fast zwangsl├Ąufig gut mit den zur Verf├╝gung stehenden Produkten auskennen. Wer sich also ein neues Handy kaufen m├Âchte und dies ├╝ber das Internet tun will, wird sich die entsprechenden technischen Details und Preise ansehen m├╝ssen und Zeit aufwenden m├╝ssen, sich zu informieren ÔÇô oder einfach irgendetwas kaufen, was ihn m├Âglicherweise nicht so recht zufriedenstellt. Weitergedacht w├╝rde dies dazu f├╝hren, dass wir alle in Zukunft ein enormes Expertenwissen in den verschiedensten Bereichen aufbauen m├╝ssten, um die jeweiligen Produkte f├╝r unsere jeweiligen Bed├╝rfnisse richtig ausw├Ąhlen zu k├Ânnen. Und genau hier, so mein Gro├čvater, liegt eine Chance verborgen.

Denn ebenso, wie unsere Gesellschaft in der Produktion auf der Arbeitsteilung basiert, wird sie auch im Bereich der Erfahrung sinnvollerweise auch auf der Arbeitsteilung basieren. Unsere Leben sind schlichtweg zu kurz, um ├╝ber alle Lebensbereiche ausreichend informiert zu sein oder ausreichende praktische Erfahrung zu sammeln, um ├╝berall gute Entscheidungen zu treffen. Menschen mit theoretischer und praktischer Erfahrung k├Ânnen hier den einzelnen erheblich entlasten, und diese Art von Dienstleistung, jene guter Beratung, wird wohl auch zumindest in naher Zukunft nicht von Computern ├╝bernommen werden k├Ânnen, weil sie auch ein St├╝ck weit Intuition und Einf├╝hlungsverm├Âgen voraussetzen. Ebenso d├╝rften laut ihm auch praktische Dienstleistungen wie beispielsweise Haare schneiden oder Massieren auch langfristig kaum von Maschinen verdr├Ąngt werden.

Urvertrauen

Was dazu zwischen dem Kunden und dem Dienstleister vonn├Âten ist, ist ein gewisses Ma├č an Vertrauen. Ein Grund, warum viele Menschen in meinem Umfeld ├╝berhaupt angefangen haben, sich im Internet ├╝ber Preise und Produkte zu informieren, ist ja jener, dass sie den Gesch├Ąften nicht mehr vertrauten, ihnen die beste Beratung mit den besten Preisen und Produkten zukommen wollen zu lassen ÔÇô oder dass die Mitarbeiter in den Gesch├Ąften schlicht nicht mehr die Erfahrung hatten, dies zu bewerkstelligen, weil es ungelernte und damit austauschbare Kr├Ąfte waren. Wenn jedoch ein gewisses Vertrauensverh├Ąltnis zwischen mir und einem Dienstleister besteht, so kann ich ihm vertrauensvoll mein Problem ├╝bergeben und mich von ihm zu einer L├Âsung f├╝hren lassen. Womit wir in der P├Ądagogik angekommen sind.

Vor allem in freien Schulen scheint es oft eine starke Kluft zwischen jenen P├Ądagogen zu geben, die den Kindern gerne v├Âllige Freiheiten lassen w├╝rden, da sie ein starkes Vertrauen haben, dass die Kinder das schon alleine schaffen w├╝rden, und jenen, die zumindest ein dumpfes Gef├╝hl versp├╝ren, dass es auch wichtig sei, Kindern manche Dinge aufzutragen und Dinge von ihnen zu erwarten. In vielen Schulen wird sich, wenn die Zusammensetzung der P├Ądagogen stimmt, ein mehr oder weniger gesundes Mittelma├č zwischen den beiden Extremen absolute Freiheit lassen und befehlen einpendeln. Demgegen├╝ber m├Âchte ich das F├╝hren setzen, und zwar im obigen Sinn.

F├╝hren bedingt f├╝r mich ein Vertrauensverh├Ąltnis zwischen F├╝hrer und Gef├╝hrtem, und ist f├╝r mich notwendigerweise ein freiwilliger Vorgang, dem sowohl F├╝hrer als auch Gef├╝hrter zugestimmt haben. Er hebt sich davon vom Befehl ab der ja keineswegs auf Freiwilligkeit basiert, aber auch vom Lassen absoluter Freiwilligkeit, weil der Gef├╝hrte sozusagen einen Teil seiner Freiheit freiwillig (!) und f├╝r eine bestimmte Zeit (!) aufgibt, um sie in die H├Ąnde des F├╝hrenden zu legen, im Vertrauen auf gute F├╝hrung hin zu seinem eigenen (!) Ziel. Auch wenn ich gesinnungsm├Ą├čig urspr├╝nglich sicherlich eher vom Pol der absoluten Freiheit ausgegangen bin, halte ich es heute f├╝r absurd, Kindern die M├Âglichkeit nehmen zu wollen, sich F├╝hrung zu suchen, wo sie es selbst f├╝r sinnvoll halten. Einem Erwachsenen, der sich in einer fremden Stadt nicht zurechtfindet, verbieten wir ja ebenso wenig, andere um Hilfe zu bitten, warum sollten wir es bei Kindern anders halten?

Wenn sich P├Ądagogen nun bereit erkl├Ąren, jenen Kindern F├╝hrung zu geben, die sie erbitten, so k├Ânnen sie ihnen auch gleichzeitig ein direktes Vorbild daf├╝r sein, selbst einst andere zu f├╝hren ÔÇô als Friseure, als Verkaufsmitarbeiter, Manager, Vision├Ąre, was auch immer sie einst tun werden. Je nachdem, wie vorbildhaft sich die P├Ądagogen dabei verhalten (eben beispielsweise dabei zu bleiben, den tats├Ąchlichen F├╝hrungsgesuchen zu entsprechen, anstatt Reden zu halten oder andere Lebensbereiche als die erbetenen ebenso dominieren zu wollen), k├Ânnen sie ein leuchtendes Vorbild im F├╝hren von anderen sein.

Gute F├╝hrung

Realistischerweise wird auch der beste P├Ądagoge nicht in allen Lebensbereichen ├╝ber das Wissen und die Erfahrung verf├╝gen, andere gut zu f├╝hren. Schlechte, illegitime oder auch gar keine F├╝hrung f├╝hrt nicht gerade zu einem Mehr an Vertrauen in das Gegen├╝ber. Ich habe zwar auf diese Weise gelernt, sehr selbstst├Ąndig zu denken und zu handeln, doch die Kehrseite war ein gro├čes Misstrauen gegen├╝ber Autorit├Ątspersonen, selbst jenen, die es sicherlich nicht verdient h├Ątten (falls einer von euch das liest: es tut mir heute ziemlich Leid, es war nicht b├Âse gemeint).

Ich m├Âchte meinen Kindern (und Schulkindern) gerne erm├Âglichen, Autorit├Ąten (und damit auch mir) zu vertrauen, und ich glaube, dass manche Situationen, die ihnen zu viel werden, F├╝hrung notwendig machen, ebenso, wie es manchmal ein Lassen oder in Ausnahmef├Ąllen gar ein Befehlen sein wird. Die Grundvoraussetzung von all dem jedoch ist eine vertrauensvolle Beziehung, die wohl davon abh├Ąngt, ob in der jeweiligen Situation die richtige Wahl zwischen jenen drei M├Âglichkeiten getroffen wurde. Ich w├╝nsche meinen (Schul-)Kindern ein gut entwickeltes Selbst-Vertrauen, aber auch, dass sie sich, wenn sie sich ├╝berfordert f├╝hlen, vertrauensvoll an andere wenden k├Ânnen, sie sicher durch die Schwierigkeiten hindurchzuf├╝hren.

Niklas

Gestern Abend brachte ein Mitglied des ÔÇ×P├Ądagogischen QuartettsÔÇť im Rahmen der langen Nacht der Forschung eine Idee auf, die es wert ist, hier aufgegriffen zu werden: Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, wir w├╝ssten, wer der Andere ist oder was dieser Andere braucht. Nur, wenn wir annehmen, dass wir m├Âglicherweise nicht wissen, was der Andere braucht, kann Dialog entstehen. Und bereits vor knapp 50 Jahren schrieb ein Brasilianer namens Paulo Freire ├╝ber die Wichtigkeit des Dialoges in der P├Ądagogik. Dass dies in einer Milit├Ąrdiktatur nicht sonderlich gern gesehen wurde und er jahrelang nach Chile ins Exil geschickt wurde, unterstreicht nur das demokratische Potential der dialogbasierten P├Ądagogik.

Das Recht, eine Meinung zu haben, die sich von deiner Meinung unterscheidet

Um mit einem Kind einen Dialog f├╝hren zu k├Ânnen, muss ich nicht nur annehmen, nicht alles ├╝ber dieses Kind zu wissen. Ich muss ihm auch ein Recht auf eine eigene Meinung gew├Ąhrleisten, weil ansonsten zwar ein Gespr├Ąch zwischen zwei Menschen stattfindet, diese zwei Menschen sich jedoch nicht sonderlich viel zu sagen haben werden.

Das Recht auf eine eigene Meinung bedeutet jedoch nicht gleichzeitig das Recht, die eigene Meinung auch bedingungslos durchsetzen zu k├Ânnen. In dem Moment, in dem sich mehr als ein Mensch in einem Raum befindet, begeben wir uns auf eine politische Ebene. Nicht im Sinne von institutionellen Strukturen und Wahlrechten, sondern im Sinne von kollektiven Entscheidungsfindungs- und Umsetzungsprozessen. Innerhalb einer gut funktionierenden staatlichen Demokratie ist es m├Âglich, demokratisch, diktatorisch, totalit├Ąr oder sonstwie kreativ organisierte R├Ąume zu schaffen, und eine Schulklasse oder Schule ist in seiner Struktur ein Raum mit einem solchen Potential, wie an der teils sehr unterschiedlichen Atmosph├Ąre von Schulklassen beobachtbar ist.

Der politische Lehrer

Ein Lehrer, (hoffentlich) Vorbild seiner Sch├╝ler, muss sich selbst als politisches Individuum wahrnehmen, wenn er dieses politische Bewusstsein ├╝ber die eigenen Selbstwirksamkeit auch bei seinen Sch├╝lern erwecken will. Dies bedeutet, dass er die von au├čen auferlegten Einschr├Ąnkungen und den von au├čen erzeugten Druck zwar wahrnimmt, ihm jedoch nicht unkritisch erliegt. Dem Druck und den Anforderungen von au├čen stur zu folgen, w├╝rde ihn zum Manager degradieren. Doch ein guter Lehrer ist neben einem Manager und Organisator immer auch ein Politiker in dem Sinne, dass er Visionen hat, die er umzusetzen gedenkt.

Als Politiker, der den kleinen Raum, den seine Schule darstellt, (mit-)gestaltet, wird der Lehrer fr├╝her oder sp├Ąter gezwungen sein, Netzwerke aufzubauen, um auch auf den von au├čen kommenden Druck nicht nur managend, sondern auch gestaltend wirken zu k├Ânnen. So wird er sich vielleicht mit den Eltern seiner Sch├╝ler zusammensetzen und mit ihnen gemeinsam L├Âsungen herausarbeiten, oder mit seinen Kollegen gemeinsam ├╝berfl├╝ssigen Arbeitsaufwand reduzieren, indem die Zusammenarbeit verbessert wird. M├Âglicherweise entsteht sogar eine Informations-Kampagne zu den an der Schule erfolgreich angewandten Methoden, um die ├Âffentliche Akzeptanz und Wahrnehmung zu verbessern.

Politischen Vorbilder?

Wie sollen Kinder und Jugendliche politische Mitbestimmung lernen, wenn sie nur von gestressten Eltern und Lehrern umgeben sind, die dem Druck der Wirtschaft hilflos erliegen? Dem Druck, ├╝ber den wir uns dann von den Stammtischen bis hin zur sogenannten Elite beschweren, dass er immer gr├Â├čer werde, gegen den dann doch nur so wenige das einzig m├Âgliche Mittel einsetzen wollen: die Entscheidung, etwas anders zu machen, zu gestalten anstatt nur immer knapper werdende Ressourcen zu verwalten. Da wird sich dann aufgeregt ├╝ber die ÔÇ×Unf├Ąhigkeit der PolitikerÔÇť, anstatt zu realisieren, dass Politik im Grunde nichts anderes ist als gemeinschaftliche Gestaltung dieser Welt und wir keine hochdotierten Geh├Ąlter daf├╝r brauchen, diese Welt mitzugestalten. Wir alle sind politische Individuen, sowie wir Menschen sind. Wenn wir all diese politische Macht zur Mitbestimmung auslagern wollen, sollten wir uns nicht sonderlich aufregen oder wundern, dass diese Macht oft kontraproduktiv eingesetzt wird.

Lehrer und Lehrerinnen wird von der Gesellschaft die Verantwortung f├╝r eine eigene ÔÇ×kleine WeltÔÇť in Form einer Schulklasse ├╝berlassen. Wir sind verantwortlich f├╝r diese kleine Welt, und der Druck von au├čen ist da keine zul├Ąssige Ausrede, nur Auftrag an den Diplomaten in uns, dort Abhilfe zu schaffen, wo es unsere Sch├╝ler-/innen aufgrund ihrer nachteiligen Situation in der Gesellschaft noch nicht selbst schaffen k├Ânnen.

Kinder als ein selbstst├Ąndige politische Individuen anzunehmen, setzt voraus, auch uns selbst als selbstst├Ąndiges politisches Individuum annehmen zu k├Ânnen. Sind wir bereit, Verantwortung zu ├╝bernehmen? Sind wir bereit, zu gestalten, anstatt stets nur zu verwalten und darauf zu achten, dass alles funktioniert? Dazu braucht es eine geh├Ârige Portion Mut und Durchhalteverm├Âgen. Diese Welt braucht auch eure Vision von einer anderen Welt. Also lasst euch nicht unterkriegen. Sprecht dar├╝ber und gestaltet sie gemeinsam.

In all den bunten Farben und Formen.

Niklas

Es gibt in der Informatik zwei sich polar gegen├╝berstehende Entwicklungsmethoden, wenn es darum geht, Programme zu entwickeln, die bestimmte Probleme l├Âsen sollen. Im V-Modell wird zuerst ein m├Âglichst exakter Plan entwickelt, dem Auftraggeber vorgelegt, von ihm abgesegnet und dann ohne grosse weitere Abweichungen nach diesem Plan entwickelt. Die Vorteile sind eine gute, genaue Planung und vor allem auch, dass auf dem Weg auftretende Probleme nicht mehr in der Verantwortung des Entwicklers liegen.

Dem gegen├╝ber existiert das Modell des Extreme Programming, in der die einfachste lauff├Ąhige L├Âsung f├╝r ein Problem (Hack) zusammengeschustert wird, dies dem Kunden vorgelegt wird und darauf aufbauend st├Ąndige Verbesserungen nach Kundenw├╝nschen umgesetzt werden, bis eine lauff├Ąhige und nutzbare Endversion entstanden ist. Dadurch, dass weniger langfristig geplant wird, kann es passieren, dass bei neuen W├╝nschen der Kunden das bisherige Programm unbrauchbar wird und grosse Teile v├Âllig neu konzipiert werden m├╝ssen. Gut hingegen ist, dass st├Ąndig ein (zumindest eingeschr├Ąnkt) nutzbares Programm zur Verf├╝gung steht und dieses st├Ąndig an die Bed├╝rfnisse des Kunden angepasst werden kann. Vor allem, wenn sich diese Bed├╝rfnisse im Laufe der (oft mehrj├Ąhrigen) Entwicklung ├Ąndern sollten, ist es im Extreme Programming oft einfacher, auf diese Ver├Ąnderungen einzugehen.

Eine lernende Schule

├Źn den letzten Wochen habe sehr stark in Anlehnung an das zweite Paradigma gearbeitet. Ein bestehendes System wurde unter die Lupe genommen und dort ver├Ąndert, wo es Verbesserungen n├Ąher an die W├╝nsche der ÔÇ×KundenÔÇť, also in dem Fall jene der Kinder, Eltern, Organisatoren, der ├Âffentlichen Hand und auch uns P├Ądagogen bringen w├╝rden. Dies bedeutete, dass es ÔÇ×VerbesserungenÔÇť gab, die sich im Nachhinein nicht als solche herausstellten und wieder zur├╝ckgenommen oder weiter adaptiert wurden, aber auch jene, die sich bew├Ąhrt hatten und ein sehr nach dem V-Modell der exakten Vorplanung entstandenes System n├Ąher an die tats├Ąchliche Wirklichkeit anpassen konnten.

Es handelt sich hier um einen st├Ąndigen Prozess, eine st├Ąndig weiterlernende und sich weiter entwickelnde Schule, k├Ânnte man sagen, einen Prozess, der kein vorbestimmtes Ende hat, an dem dann alles reibungslos funktioniert. Tats├Ąchlich gibt es immer wieder Reibungen und Diskussionen ├╝ber die Sinnhaftigkeit bestimmter Regeln und Abmachungen. Ich halte diese Diskussionen jedoch f├╝r einen Ausdruck erwachender geistiger M├╝ndigkeit, wo sie ├╝ber den Hintersinn von Regeln gef├╝hrt werden und nicht mehr ├╝ber pers├Ânliche Pr├Ąferenzen des Momentes. Ich sehe diese Schul-Entwicklung, die zu einem nicht kleinen Teil mittlerweile auch von den Kindern aktiv mitgestaltet wird, sehr positiv, weil sie eine zutiefst demokratische ist.

Durch diesen st├Ąndigen Prozess wird es, glaube ich, auch m├Âglich sein, den sich weiterentwickelnden Bed├╝rfnissen sich weiterentwickelnder Menschen besser zu entsprechen als durch die Schaffung eines perfekten, starren und damit toten Schulsystems nach dem V-Modell. Um diese Entwicklung auch an Beispielen deutlich zu machen, hier einige auf diesem Wege erwirkten Ver├Ąnderungen:

Harmonischeres Zusammenleben

Die 10:00-Jausenpause wurde harmonisiert, in dem die alte Regel, dass alle gemeinsam mit dem Essen anzufangen haben und auch gemeinsam wieder in die Klasse zur├╝ckzugehen haben, dadurch ersetzt wird, dass diejenigen, die bereits fertig sind und ihre Dinge wegger├Ąumt haben, bereits in die Klasse d├╝rfen, wo sie sich den Rest ihrer Pause weitgehend selbst gestalten (z.B. auch Lego spielen) d├╝rfen. Dadurch wurde erreicht, dass diejenigen, die noch weiter essen und ein vern├╝nftiges Gespr├Ąch f├╝hren wollen, dies auch ohne St├Ârungen der sonst zu Langeweile verurteilten tun k├Ânnen. Zus├Ątzlich haben wir damit auch erreicht, dass das reine Spielen sich nun weitgehend auf die Pause konzentriert, w├Ąhrend in den anderen Zeiten nun mehr konstruktiver Arbeit nachgegangen wird.

Vorgaben des Schulsystems

Wir haben nun eine alte Idee von mir aufgegriffen, alle Lernziele der jeweiligen Klassen (testweise f├╝r VS-Mathematik) in kleine Bereiche unterteilt auf ein Plakat zu schreiben. F├╝r jeden Bereich existiert ein Probe-Test mit L├Âsungen und eine gleich aufgebaute Meisterschaft. Wer glaubt, den Probe-Test bereits ohne Hilfe absolvieren zu k├Ânnen (durch die L├Âsungen ist es m├Âglich, sich selbst zu kontrollieren), kann zur Meisterschaft ├╝bergehen, wer auch diese fehlerfrei schafft, hat diesen Bereich abgehakt und kann seinen Anfangsbuchstaben neben den entsprechenden Lernbereich kleben. Wer alle Bereiche seines Jahrganges erledigt hat, hat sein Muss-Pensum f├╝r dieses Jahr in diesem Fach erledigt (das ist wichtig f├╝r das ├ľffentlichkeitsrecht), kann aber nat├╝rlich auch mit h├Âheren Klassen weitermachen. Durch die Buchstaben kann ein jeder einsehen, wer ihm bei der Vorbereitung auf eine Meisterschaft ausser den P├Ądagogen noch behilflich sein kann.

Wenn auch anfangs eher zu leichte Lernbereiche gew├Ąhlt wurden, arbeiten nun die meisten Sch├╝ler bereits an den Bereichen ihres Jahrganges oder sogar dar├╝ber. Innerhalb weniger Wochen wurden zumindest f├╝r Mathematik (und den meisten Kindern) die Lernplanziele eines Jahres erledigt, und dies in dem Tempo, das f├╝r die Kinder passend erscheint. Was ohnehin leicht ist, kann schnell erledigt werden, f├╝r schwerere Brocken ist entsprechend mehr Zeit zur Verf├╝gung, und die Abh├Ąngigkeit von den P├Ądagogen sinkt, w├Ąhrend eigene, flexiblere Lernnetze aufgebaut werden.

Eine Universit├Ąt

Die Projekte der Sch├╝ler, eine grunds├Ątzlich gute Idee, aber durch ein V-Modell-Denken meiner Meinung nach zu verplant und von aussen vorgegeben, wurden f├╝r eine Weile eingefroren. Nun werden wir sie nach und nach als eine Art Universit├Ąt zur├╝ckbringen, auf freiwilliger Basis angebotene Vorlesungen, die auf ebenso freiwilliger Basis besucht werden k├Ânnen. Damit f├Ąllt der Stress weg, st├Ąndig an Projekten arbeiten zu m├╝ssen, ├╝ber den sich viele Kinder schon beklagt haben, und die Projekte, die gestartet werden, werden in Zukunft vermutlich eher den wahren Interessen der Kinder entsprechen und nicht aus der Not, st├Ąndig ein neues Projektthema parat zu haben, entstehen.

Als wir heute dann eine kurze Fragerunde veranstalteten, wer denn nun der Projektpr├Ąsentation einer Sch├╝lerin beiwohnen wollte, meldeten sich nur wenige Sch├╝ler. Die Pr├Ąsentation selbst war eher unmotiviert und krampfhaft an der damals verlangten Vorgabe des grossen Plakates orientiert, was bei drei Zuh├Ârern kaum sinnvoll war. Ein Zuh├Ârer wollte bald wieder gehen. Ein Fiasko, k├Ânnte man sagen, aber die Vortragende st├Ârte es nicht weiter, sie schien auch gar kein grosses Interesse an ihrem Thema gehabt zu haben. Dadurch, dass diese Projekte in Zukunft freiwillig angeboten werden, k├Ânnen wir solche F├Ąlle in Zukunft hoffentlich etwas vermindern. Wer Pr├Ąsentationen machen m├Âchte, soll in Zukunft seine zuk├╝nftige Zielgruppe auch fragen, was diese interessiert, damit die ÔÇ×VorlesungÔÇť f├╝r sie nicht langweilig wird, weil sie ohnehin bereits alles wissen.

In dieses Uni-System k├Ânnen dann auch wir P├Ądagogen Angebote schaffen, f├╝r die wir uns gesondert vorbereiten. Vor einigen Wochen erz├Ąhlte ich jenen, die Interesse hatten, beispielsweise so einiges, was ich ├╝ber den zweiten Weltkrieg gelesen und geh├Ârt hatte, was drei, sp├Ąter noch zwei Sch├╝ler erfreut nutzten. Diese Tage hatte ich einiges ├╝ber die Uhr vorbereitet, was jedoch dann doch keiner mehr h├Âren wollte. Wenn auch wir P├Ądagogen Teil des Uni-Systems werden und nach den gleichen (durch Vorschl├Ąge aller optimierbaren) Regeln unsere Vortr├Ąge und Seminare halten k├Ânnen, haben die Kinder damit die M├Âglichkeit, uns und unsere Arbeitsweise in der Wissensvermittlung am Modell zu erleben, anstatt sich wie bisher rein mit abstrakten Vorgaben und Formularen herumschlagen zu m├╝ssen.

Gelebte Demokratie

Bei aller Experimentierfreude m├Âchte ich hier doch anf├╝hren, was auch Myles Horton in einem Gespr├Ąch mit Paulo Freire anf├╝hrte: bevor experimentiert wird, m├╝ssen so weit als m├Âglich alle m├Âglichen Folgen bedacht werden. Und es ist moralisch verwerflich, an Menschen zu experimentieren, aber durchaus sinnvoll, mit Menschen zu experimentieren. Sie sind Teil, und zwar ein aktiver, mitgestaltender Teil des Prozesses. In diesem Sinne unterscheidet sich meine Arbeit als Lehrer nur wenig von der Arbeit eines wahrhaft demokratisch eingestellten Politikers. Paulo Freire schrieb einst, es g├Ąbe keine unpolitischen P├Ądagogen, wer dies behaupte, oder dass er politisch neutral unterrichte, verschleiere damit nur, dass er gedenke, das bestehende System zu unterst├╝tzen.

Nun, mein politischer, gestaltender Anspruch heute liegt euch offen: Freir├Ąume der konstruktiven Mitgestaltung aller zu schaffen, einen kleinen (und damit m├Âglichen) Schritt nach dem anderen.

Niklas

Gestern hatte ich ein faszinierendes Gespr├Ąch mit einem Menschen, den ich ├╝ber die Jahre kennen und lieben lernen durfte, bei dem es darum ging, dass besagter Mensch sich hoffnungslos f├╝hlte, was die Zukunft betraf, weil er sich seiner fr├╝her im ├ťbermass vorhandenen Kr├Ąfte nicht mehr sicher sein konnte, weil er sich ÔÇ×besch├ĄdigtÔÇť f├╝hlte. Weil ich mich (wie sehr oft) gerade wieder sehr intensiv mit dem Tod besch├Ąftige, bat ich diesen Menschen, sich vorzustellen, er h├Ątte nur noch begrenzt Zeit in seinem Leben. Faszinierenderweise waren die Priorit├Ąten in dieser Vorstellung jenen der so f├╝r diesen Menschen so krisenhaften Situation diametral gegen├╝bergestellt. Das Problem kam ├╝berhaupt nicht mehr vor.

Die letzten Monate

Im Zuge dieses Gespr├Ąchs dachte ich auch dar├╝ber nach, was ich selbst tun w├╝rde, h├Ątte ich nur noch bis zu meinem Geburtstag (im M├Ąrz) zu leben. Ich w├╝rde noch einige Wochen in der Schule, in der ich gerade arbeite, mitarbeiten, erstens, weil ich das Gef├╝hl habe, dass meine Arbeit hier zutiefst sinnvoll ist, dass Ich selbst hier zutiefst sinnvoll bin, und zweitens, weil ich f├╝r mich herausfinden m├Âchte, ob all das, was ich mir in teils praktischer Erfahrung, teils theoretischer Aneignung, erarbeitet habe, tats├Ąchlich der Wirklichkeit entspricht, und sollten diese meine Erfahrungen sich als wertvoll erweisen, w├╝rde ich sie in irgendeiner Form (diesem Blog, einem Buch, Videos, etc.) der Nachwelt hinterlassen wollen.

Ich w├╝rde einigen Menschen Mut machen wollen, den von ihnen eingeschlagenen Weg weiterzugehen, weil ich stolz auf sie bin und mich ihr Weg und Weiterkommen mit Freude erf├╝llt. Ich w├╝rde all meine Texte und Lieder, die ich gerne singe und f├╝r die ich auch bereits viel positives Feedback bekommen habe, in einem Tonstudio aufnehmen und frei verf├╝gbar machen, mitsamt Tabulaturen und sonstigen Werkzeugen, die denjenigen nutzen k├Ânnen, die einen Wert in diesen Liedern erkennen und sie selbst spielen m├Âchten.

Ich w├╝rde noch sehr oft mein Lieblingslokal besuchen, um einfach nur zu tanzen. Weil es mich erf├╝llt und ich merke, dass es auch andere erf├╝llen kann, wenn ich tanze. Vielleicht w├╝rde ich auch in der Schule den Tanz als eine Art ÔÇ×FreiveranstaltungÔÇť anbieten wollen.

Einige Wochen oder Monate, bevor es dann wirklich mit mir zu Ende geht, w├╝rde ich eine gute Freundin von mir bitten, mit mir zu kommen, und ob sie dann mit f├Ąhrt oder nicht, mit unserem Verschwindibus so lange in Richtung S├╝dafrika fahren, bis ich eines Tages einfach tot bin.

Der Tod ist ein sanfter F├╝hrer

Das Faszinierende an unserem Gespr├Ąch war jedoch weniger die exakte Auspr├Ągung der W├╝nsche, ÔÇ×falls ich bald sterben w├╝rdeÔÇť, sondern die ├ťberraschung, dass ich all das, was ich gerne noch tun w├╝rde, tue. Ich arbeite in einer sehr neuen Schule, was der Schulgr├╝ndung, die ich mir immer gew├╝nscht habe, ├Ąhnlich kommt, ich tanze und habe mir vorgenommen, die M├Âglichkeit dieser Tanz-Veranstaltungen an der Schule zumindest zu recherchieren, ich musiziere und singe oft und gerne mit anderen Menschen und ich schreibe regelm├Ąssig an diesem Blog. Im Sommer ist f├╝r mich klar, dass ich mit dem Bus Richtung Afrika fahren werde.

Wirklich spannend wird es jedoch erst dann, wenn man den Todeszeitpunkt beispielsweise an den n├Ąchsten Tag verlegt, wo sich die M├Âglichkeiten, sein Leben doch noch in die Hand zu nehmen, dann doch sehr reduzieren. Ich h├Ątte kein gr├Âsseres Problem damit, morgen zu sterben, wenn es sein muss. Ich habe es nicht vor, und ich w├╝nsche mir noch Zeit, um beispielsweise die Bus-Reise zu schaffen (weil es einfach im Sommer sinnvoller ist), aber wenn ich sie nicht mehr erleben w├╝rde, w├Ąre es ebenso in Ordnung f├╝r mich.

Und nun n├Ąhern wir uns einem faszinierenden Punkt: m├Âglicherweise ist die Angst vor dem Tod nur Ausdruck der Angst, etwas im n├Ąchsten Moment vielleicht nicht mehr tun zu k├Ânnen, was man in diesem Moment auf die Zukunft verschoben hat. Der Mann, der immer den Traunstein besteigen wollte, nur um dann kurz davor querschnittsgel├Ąhmt zu werden. Die Frau, die immer auf einen Bauernhof ziehen wollte, um dem einfachen Landleben zu fr├Ânen, dann aber mit 70 inmitten der Grossstadt verstirbt.

Der Tod (wie das Alter, das an ihn erinnert) wird in unserer Gesellschaft ganz gerne ausgeblendet: Sch├Ânheits-OPs, Altenheime, Pallitativ-Stationen usw. helfen, sich nicht allzu viel mit ihm besch├Ąftigen zu m├╝ssen. Die Besch├Ąftigung mit der eigenen Endlichkeit w├╝rde wohl bei vielen zu ├╝berraschenden Erkenntnissen f├╝hren (und kann ich einem jeden daher nur ans Herz legen).

Das, was wir halten, bindet uns die H├Ąnde

Ein spannendes Element ist beispielsweise jenes, dass angeblich ÔÇ×unm├ÂglichÔÇť aufzul├Âsende Situationen sich pl├Âtzlich entwirren k├Ânnen, dass die angebliche Unm├Âglichkeit der L├Âsungsfindung f├╝r einen Situation oft auch auf die Weigerung des vor dem Problem stehenden zur├╝ckzuf├╝hren ist, sich von bestimmten Dingen oder auch verh├Ąrteten Einstellungen zu l├Âsen. Wir k├Ânnen nichts mitnehmen, wir k├Ânnen einzig etwas hinterlassen, und Geld oder Besitz, den wir hinterlassen, sind keine zuverl├Ąssigen Zeugen unserer Existenz.

Wenn die Angst vor dem Tod besiegt wird, in dem wir eine bleibende Erinnerung an uns in die Welt bringen, so ist die effektivste M├Âglichkeit, diese Erinnerung in die Welt zu bringen, diejenige, ein unverwechselbares Leben zu f├╝hren. Wie es Viktor Frankl beschreibt, ein Werk zu vollbringen, dass nur ich vollbringen konnte, eine Liebe zu f├╝hlen, die nur dieses Ich nur mit diesem Du f├╝hlen kann oder ein edles Leiden zu erleiden, dass wahre Gr├Âsse wachsen und gedeihen l├Ąsst. Die Erinnerung an einen Menschen wird dort verbleiben, wo Menschen ihr Innerstes der Welt offenbaren, ob in der Liebe oder in der mutigen Ver├Âffentlichung der innersten Gedanken und Gef├╝hle. Ich glaube, es gibt keine innerlich oberfl├Ąchlichen Menschen und stille Wasser sind tats├Ąchlich tief, wie es heisst. Aber was hat die Welt davon, wenn diese Tiefe nie an die Oberfl├Ąche kommt? Oberfl├Ąchlichkeit ist Austauschbarkeit, und Austauschbarkeit bedeutet das rasche Vergessen, vor dem wir uns mehr f├╝rchten als den Tod selbst.

Was macht Dich einzigartig?
Und wie gibst du der Welt die Gelegenheit, diese Einzigartigkeit zu schauen, zu kosten?

In den Antworten zu diesen Fragen liegt der Schl├╝ssel zur Unsterblichkeit verborgen.

Niklas

Es gibt einen Satz, den ich (in all seinen verschiedenen Formen) langsam nicht mehr h├Âren kann: Ich w├╝rde, wenn ich k├Ânnte. Ich w├╝rde meinen Freund ja verlassen, aber er w├╝rde dann ungl├╝cklich sein. Ich w├╝rde mich ja gerne selbstst├Ąndig machen, wenn ich k├Ânnte, aber damit w├╝rde ich ein Risiko eingehen, dass mir nicht geheuer w├Ąre. Ich w├╝rde ja gern gl├╝cklich sein, wenn ich nur k├Ânnte. Ich w├╝rde ja gerneÔÇŽ nein, w├╝rdest du nicht. Du wirst Situationen aus dem Weg gehen, die aus deinem k├Ânnte ein Kann zu machen verm├Âgen, und selbst wenn dieses Kann eintritt, wirst du einen R├╝ckzieher machen, weil du Angst hast. Angst vor deiner eigenen Macht, die du dir so zu w├╝nschen scheinst, vor allem aber vor ihrer Kehrseite: der damit einhergehenden Verantwortung.

Viel schrieb ich hier ├╝ber die Freiheit, die, dem Lernenden im Gegenspiel mit seinen individuellen F├Ąhigkeiten gelassen, ihm wahre Freudenspr├╝nge des Lernens erm├Âglichen k├Ânne. Aber all diese Freiheit n├╝tzt ihm nichts ohne dem Bewusstsein seines eigenen Wertes und seines beinahe unendlichen Potentials. Ohne diesem Bewusstsein wird er sich ├╝berfordert f├╝hlen, wird er sich selbst klein halten, seine Fl├╝gel, nun ungestutzt, doch nicht ausbreiten, den Flug nicht antreten. Sein Kopf sagt ihm immer noch, dass es ja nicht funktionieren kann, es sei ja rational recht unwahrscheinlich und warum f├╝r diese d├Ąmliche Idee des Fliegens den Kopf riskieren?

Bleiben

Einer der traurigsten Anblicke, die diese Welt uns bietet, ist neben all der materiellen Armut wohl eine Armut der Hoffnung, der Hoffnung, aus eigener Kraft ├╝ber uns selbst hinauszuwachsen. Wir w├╝rden ja alle, wenn wir nur k├Ânnten, nur seltsamerweise kann es augenscheinlich kaum jemand. Seltsamerweise scheinen die M├Âglichkeiten, der g├╝nstige Wind, stets an uns vor├╝berzuhuschen, uns beinahe auszulachen. Ohnm├Ąchtig, machtlos stehen wir vor unserem Schicksal, beobachten, wie unsere Tr├Ąume in uns bl├╝hen, um zu verwelken, ohne jemals Fr├╝chte zu tragen. Es ist schade, aber kann man nichts machen. Wir w├╝rden ja, nat├╝rlich, wenn wir nur k├Ânnten.

Der Mensch als Spielball des Schicksals wirkt mir wie eine recht kl├Ągliche Karikatur des menschlichen Potentials, dessen Erbl├╝hen ich in einigen Menschen bereits beobachten durfte. Das K├Ânnte ein Schutzmechanismus, der uns vor Verantwortung sch├╝tzt, das W├╝rde die Verlagerung eines Traumes in unerreichbare Ferne, gerade nahe genug, uns am Leben zu erhalten, aber weit genug, nie erreicht zu werden. Ich w├╝rde ja gerne, aber ich kann nicht, ehe ich in Pension gehe. Um dann zu gebrechlich zu sein, um mir den alten Traum vom Reisen noch zu erf├╝llen. Schicksal oder doch eine unbewusst herbeigef├╝hrte, vorhersehbare Entt├Ąuschung?

Werden

Verantwortung f├╝r sein Werden zu ├╝bernehmen, bedeutet, neben der gern ├╝bernommenen Verantwortung f├╝r positive Erlebnisse auch die Verantwortung f├╝r ÔÇ×FehlerÔÇť, f├╝r alternative, manchmal als Umwege erscheinende Wege zu ├╝bernehmen. Bedeutet, nicht darauf zu warten, dass eine fremde Macht zuf├Ąllig g├╝nstig gestimmt ist und uns von sich aus zu Hilfe eilt, geschweige denn ├╝berhaupt weiss, was wir brauchen. Bedeutet, es diesen fremden M├Ąchten, unseren Mitbewohnern dieser Welt, einfach zu machen, uns zu helfen, sie direkt um Hilfe bei der Erf├╝llung unserer Bed├╝rfnisse zu bitten, und ebenso zu erkennen, dass wir kein wie auch immer verdientes Recht auf diese Hilfe haben sondern diese Hilfe aus ihrem freien Willen entspringen muss.

Verantwortung f├╝r sein Werden zu ├╝bernehmen, bedeutet, den Satz ich w├╝rde, wenn ich k├Ânnte, in ein ich tue, was ich kann und bitte um Hilfe bei dem, was ich noch nicht kann umzuwandeln. Ich entwickle zunehmend eine Abneigung gegen die Feststellung, dass jemand etwas eben nicht kann (ein Bruder des ich w├╝rde, wenn ich k├Ânnte), weil dieses Nicht-K├Ânnen einen Zustand darstellt, kein Schicksal. Nat├╝rlich werden die wenigsten, die sich zum ersten Mal vor ein Klavier setzen, sofort einen Beethofen spielen k├Ânnen. Aber die meisten Menschen haben das Potential, wenn sie den Willen dazu haben, ihr Klavierspiel mit der Zeit zu verbessern.

Es ist der Wille zum Werden, der Lernen ├╝berhaupt erm├Âglicht, und der Wille zum Bleiben, der Lernen verhindert, und beide m├Âgen ihre Berechtigung, ihre Zeit haben. Aber lasst euer w├╝rde-ja mal zuhause, liebe Freunde, und steht zu euren Entscheidungen. Wer zufrieden mit seinem Leben ist, der rede nicht von K├Ânnte und W├╝rde, denn alles, was euch zu einem Kann fehlt, ist der Wille zur Ver├Ąnderung. Und wollt ihr Ver├Ąnderung, so vergesst eure sch├Ânen Entschuldigungen und schreitet zur Tat.

Klingt einfach.
Ist es auch.

Niklas

Gestern Abend besuchte ich nach etwa einem Jahr erstmals wieder einen Ort, der mindestens so viel mit meinem Werdegang als Mensch zu tun hat als all die B├╝cher, die ich gelesen habe: das C. Das C, f├╝r die ├╝berwiegende Mehrheit von euch, die es nicht kennen werden, ist eine relativ abgetakelte Bar in einem Keller in Eberstalzell, nahe Sattledt hier in Ober├Âsterreich.

Als mich mein Bruder im zarten Alter von 17 Jahren erstmals dorthin mitschleppte, hatte ich nach einigen Erfahrungen mit meinen Schulkollegen in Linzer Lokalen, die meist in allgemeinen Saufgelagen endeten und mir als Nicht-Trinker keine rechte Freude bereitet hatten, zudem ich die Musik dort auf Dauer kaum aushielt, das Fortgehen bereits fast aufgegeben gehabt. Es war ein Fr├╝hling, Tag der Zeitumstellung, und ich verfluchte das Datum, weil ich nicht heim wollte. Es war eine Offenbarung.

WerdeMann

Einer meiner Hauptmotivationen, einige Monate sp├Ąter den F├╝hrerschein abzuschliessen, war es, selbst in dieses ohne Auto kaum erreichbare Lokal zu kommen, und fortan besuchte ich diesen f├╝r mich beinahe heiligen Ort fast jedes Wochenende, mit Freunden oder auch alleine. Ich entdeckte eine immense Lust, mich im Tanz zu einer Musik, die mich ausf├╝llte, auszudr├╝cken, entdeckte, dass es m├Âglich war, mit Frauen v├Âllig ungezwungen in ein Gespr├Ąch zu kommen, entdeckte, dass ich ein Mensch mit eigenem Wert sein konnte, entdeckte, dass sich Menschen ernsthaft ├╝ber meine Anwesenheit freuten, dass es einen Unterschied machte, ob ich existierte, hier an diesem heiligen Ort.

Einige Monate nach meinem ersten Besuch ereignete sich eine weitere Begebenheit, die mir wohl immer in Erinnerung bleiben wird: Mein Bruder, der mich erstmals mitgenommen hatte, war mit mir dort gewesen, wir waren bereits zuhause, putzten gerade die Z├Ąhne, als er mir sinngem├Ąss sagte, er sei stolz auf den Menschen, zu dem ich mich entwickelt hatte. Mein grosser Bruder, zu dem ich mein Leben lang, wohl oft ohne dass er es bemerkte, aufgeschaut hatte, hatte mich an diesem Morgen ÔÇô Zahnb├╝rste noch im Mund ÔÇô als seinesgleichen, als Mann akzeptiert.

Gotteskeller

Eines Nachts war eine Frau in der Bar in erheblich betrunkenem Zustand auf meine Schulter gefallen und lallte, dass dieser Ort etwas religi├Âses hatte, einer der wenigen Orte in dieser Welt, der es einem jeden erm├Âglichte, sich selbst zu erfahren und zu sein, und in ihrem Delirium hatte sie wohl eine tiefe Wahrheit ber├╝hrt. Dieser Ort war meine Kirche, war der Ort, an dem ich inmitten der lautesten Musik still werden konnte, meine nackten, manchmal durch Glasscherben verunstaltenden, aber umso mehr f├╝hlenden F├╝sse der Erde, dem Ursprung, einer Art von Erleuchtung so nahe waren wie nur in wenigen Momenten.

Wenn ich mich inmitten der tanzenden Massen wiederfand, v├Âllig verausgabt vom vollkommenen Ausdruck der Seele der Musik, der mir in diesen Mauern so einfach fiel, w├╝rden die Mauern fallen, die uns im Alltag oft zu trennen verm├Âgen, und Simone, meine Lieblingskellnerin, w├╝rde mir ein Glas Wasser reichen. Der Schweiss, der Qualm der Zigaretten, die Anstrengungen und Sorgen des Alltags w├╝rden dieser tiefen Verbindung weichen, die stets nur in Augenblicken m├Âglich ist. Wir h├Ârten auf, uns anzuschauen, und sahen uns. Und als wir uns sahen, sahen wir den Gott im Anderen. Wir sp├╝rten uns, wenn wir uns im Kreis wiederfanden, sp├╝rten uns, wenn wir uns gegen├╝berstanden und unsere Bewegungen wie von einer geheimnisvollen Macht geleitet synchron wurden, wurden eins und doch zwei, viele, wurden der Ursprung und das Ende, durchstiessen die Illusion ihrer Trennung im gleissenden Licht unserer wissenden Augen, bevor der Alltag uns wieder zur├╝ckwerfen konnte in das tr├╝be Gew├Ąsser der Trostlosigkeit.

Das CC ist meine Heimat in einer Art und Weise, wie es keine Wohnung, kein Haus, jemals sein k├Ânnen wird, denn es ist eine Art von spiritueller Heimat f├╝r mich, ein Ort der spirituellen Zusammenkunft, eine Zeit des Gebets in Form eines Tanzes, ein Ritual ohne Form. Der Ort, an dem ich mich selber immer wieder zu finden vermag und damit die Welt: Eins ist alles, alles ist eins.

Ich bin nicht naiv genug zu glauben, das C k├Ânnte diese Funktion f├╝r alle oder auch nur viele Menschen erf├╝llen. Vielleicht bin ich sogar der einzige, dem es so geht. Aber ich m├Âchte an dieser Stelle betonen, wie wichtig das Finden dieses f├╝r mich auf seine Art heiligen Ortes f├╝r mich war und bis zum heutigen Tage ist: es ist mein spiritueller Anker, der es mir erst erm├Âglicht, meine spirituellen Reisen zu unternehmen. Ich w├╝nsche einem jeden von euch, dass auch ihr euren Anker, euren Ort und eure Zeit bereits gefunden habt oder noch finden werdet.

Wir sehen uns dann auf hoher See.

Niklas

Ein Leser postete gestern ein Video als Kommentar zu meinem Beitrag, auf das ich heute eingehen m├Âchte. Kurz zusammengefasst geht es um die Aussichtslosigkeit, ├╝ber das W├Ąhlen oder Gr├╝nden einer Partei oder die Nutzung eines anderen Instruments unserer politischen Landschaft wirkliche Ver├Ąnderungen zu erzielen. Im Video wird argumentiert, dass ein jedes Spiel (ein Vergleich mit einem Casino wird gezogen) darauf ausgelegt ist, das System zu erhalten, wird argumentiert, man m├╝sse bei sich selbst anfangen, falsche mit richtigen Ideen zu ersetzen (wie es die Wissenschaft mit der Religion getan habe), um dann mit der Zeit das Interesse der anderen auf sich zu erziehen, dann k├Ânnte man etwas bewirken. Im Folgenden einige Anmerkungen dazu:

Religion als falsche Idee

Ich w├╝rde nicht so weit gehen, Religion als falsche, durch die Naturwissenschaften ├╝berholte Idee abzutun. Bei allen Missst├Ąnden, die in vielen, vielleicht sogar allen Religionen bis heute vorherrschen, haben sie doch in allen Zeiten einige wichtige Funktionen erf├╝llt, haben in unz├Ąhligen F├Ąllen Menschen F├╝hrung in ungewissen Gefilden gegeben, in denen die Wissenschaft nicht reichen kann und vielleicht nie k├Ânnen wird. Das Problem sehe ich weniger in der Religion oder Spiritualit├Ątt selbst sondern in der Idee, dass es am Ende des Tages eine Wahrheit zu geben habe (die ├╝brigens auch die Wissenschaft vertritt).

Religion, Spiritualit├Ąt und Wissenschaft stellen f├╝r mich keinen Widerspruch dar, weil sie alle in bestimmten Situationen ihren Zweck haben. Wenn ich die ├äderchen eines Blattes betrachte, mag ich manchmal interessiert an ihrem Aufbau sein, wie es dazu gekommen ist und wie alles zusammenspielt, ein anderes Mal m├Âchte ich vielleicht einfach nur staunen und ehrf├╝rchtig sein gegen├╝ber dieser Sch├Ânheit und Komplexit├Ąt. Im Video wurde erz├Ąhlt, die Religion wurde durch die Rationalit├Ąt besiegt, aber in meiner Erfahrung sind wir mehr als rationale Wesen, sind auch f├╝hlende, w├╝tende, traurige, liebende Menschen, und diesen Anteil wegzurationalisieren halte ich f├╝r sehr schade.

Das alte Lied vom falschen Ton

Im Weiteren halte ich es auch f├╝r gef├Ąhrlich, Ideen in richtige und falsche einzuteilen ÔÇô es bedeutet in der Folge, dass ich Recht haben kann und der jeweils andere Unrecht, oder umgekehrt. Wenn es das Ziel sein soll, diese unrechten Ideen durch die richtigen zu ersetzen, wer richtet dann dar├╝ber, was richtig und was falsch sein sollte? Was geschieht, wenn wir auf jemanden treffen, der unsere rechten Ideen als unrichtig ansieht ÔÇô wollen wir ihn zwingen, unsere Ansicht zu teilen? Darauf warten, bis er die Richtigkeit unser Perspektive einsieht?

Ja, auch ich glaube schon lange nicht mehr a Parteien, unsere Welt zum Positiven zu ver├Ąndern, glaube auch nicht an gewaltvolle L├Âsungen wie Revolutionen oder eine von aussen verordnete Bildung mit den richtigen Ideen oder daran, dass ich oder irgendjemand da draussen die ganze Wahrheit gepachtet, die ganze Wahrheit vorleben kann, weil diese ganze Wahrheit eine sehr subjektive Sache ist. Es ist nicht die Wahrheit, es ist meine Wahrheit und deine Wahrheit, die sich in einigen Punkten ├╝berschneiden mag, aber nicht ident sein wird.

Es mag mir verg├Ânnt sein, dem anderen einen Teil meiner Wahrheit zu offenbaren, durch gute Gespr├Ąche, durch mein Handeln, vielleicht auch durch diesen Blog, und es ist eine sch├Âne Sache, wenn der Andere diese meine Wahrheit als M├Âglichkeit in seine Wahrheit integrieren kann und will, aber dies bedeutet nicht, dass er danach so handeln wird wie ich. Es w├Ąre auch schade, ein so einzigartiges Menschenleben als Kopie zu verbringen wenn wir die M├Âglichkeit haben, ein Original zu sein.

Multiversen

Dieses ├ľffnen gegen├╝ber der Innenwelt, der Wahrheit des Anderen und der Versuch, sie zu verstehen, als M├Âglichkeit in das eigene Innenwelt zu integrieren, entspricht vermutlich in etwa dem, was wir Empathie nennen. Spannenderweise beobachte ich immer wieder, wie Menschen von anderen Menschen verlangen, dass sie ihre guten Ideen schon zu verstehen haben und jetzt gef├Ąlligst danach leben sollen. Als w├Ąren sie Tr├Ąger und Verk├Ârperung der absoluten Wahrheit, als w├╝rde, wenn nur alle nach ihren Ideen und Prinzipien leben, diese Welt ein besserer Ort sein. Diese Menschen sind leider sehr selten bereit, auch die Innenwelten, die Wahrheiten ihrer zu ├╝berzeugenden Gespr├Ąchspartner in ihre Wahrheit zu integrieren, halten sich f├╝r allwissend, f├╝r fertig und dadurch naturgem├Ąss mit der Aufgabe bedacht, dieses Allwissen nun an willige (oft auch unfreiwillige) Sch├╝ler weiterzugeben.

Es ist dies vermutlich die h├Âchste Aufgabe eines Meisters, seine Innenwelt den anderen zu offenbaren und deren Innenwelten in sich aufzunehmen, um ihnen dadurch zu erm├Âglichen, auch ihre eigene Innenwelt den farbenfrohen Welten des Meisters und sp├Ąter, mit erwachtem Mut und lodernder Abenteuerlust, auch der Welt. Es sind die grossen Meister gewesen, die es uns vorgelebt hatten, sei es ein Buddha, ein Jesus, ein Ghandi oder Martin Luther King Jr. Sie waren unfertig, sie sie blieben unfertig, schwach in einer Welt voller Gewalt – doch gerade in ihrer Kindlichkeit, ihrer Unfertigkeit und Schutzlosigkeit lag wohl ihre gr├Âsste Macht.

Diese m├Ąchtigen Seelen, so viele Welten in sich, auf sich nehmend, tragend, liebend, lassen sich schwerlich mit einem Politiker heute vergleichen. Sie agierten ausserhalb der herk├Âmmlichen Machtstrukturen, ausserhalb der herk├Âmmlichen Logik und Rationalit├Ąt der Macht, in dem sie die Macht, die ihnen gegeben wurde, hundertfach an ihre Anh├Ąnger zur├╝ckstrahlten. Nicht jeder hat die Chance, Politiker zu werden, aber ich glaube, in jedem von uns steckt das Potential, eine einzigartige Variante einer dieser grossen F├╝hrer zu werden. Sie sind Splitter der grossen Hoffnung auf einen Messias, die erkannt haben, dass dieser g├Âttliche Funke in einem jeden von uns darauf wartet, zu einer Flamme der Hoffnung entfacht zu werden. Wir alle sind diese F├╝hrer, diese Meister, sobald wir aufh├Âren, die Augen vor der Wahrheit zu verschliessen:

Und mit offenen Augen tr├Ąumen.

Niklas