Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschÀmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die NĂ€hrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwĂ€cher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kĂŒhlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nĂ€chsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wÀre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner BrĂŒder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kĂŒmmern. Du wĂ€chst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezĂ€hlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? KĂŒmmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir Ă€hnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu ĂŒberleben. Ich ĂŒberlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurĂŒck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des ZurĂŒckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurĂŒckschauen. Nun, verĂ€ndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je grĂ¶ĂŸer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare GrĂ¶ĂŸe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum ErfĂŒllung finden.

Nun ist ein MarienkĂ€fer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemĂŒtlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flĂŒchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berĂŒhrt. Mich nĂ€her an den Ursprung zurĂŒckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurĂŒckkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flĂŒchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je Ă€lter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behĂ€lt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. NatĂŒrlich, wenn man alles gut ĂŒbersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzĂ€hlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ĂŒberhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fĂŒhlen zu mĂŒssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschĂ€ftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun wĂŒrden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ mĂŒssen. Wir haben sogar VertrĂ€ge erfunden dafĂŒr! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

TatsĂ€chlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „GlĂŒcklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natĂŒrlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wĂŒnschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wĂ€r ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wĂ€r. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war stĂ€ndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschĂ€tzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die FĂ€den zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen Ă€hnlich anfĂŒhlen, erschien es fĂŒr eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafĂŒr, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ĂŒbrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lĂ€sst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuĂŒben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir wĂŒrden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fĂŒhlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufĂŒllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzĂ€hlte, meinte sie, ich wĂŒrde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rĂŒcken.

Was wĂŒrde ich Ă€ndern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht wĂŒrde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewĂ€hren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ ĂŒberhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darĂŒber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

WĂ€re das eine Welt, in der du gerne leben wĂŒrdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein StĂŒck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht
 und nur vielleicht
 wĂŒrdest du dann hier in deiner Ritze auch lĂ€nger weiterleben dĂŒrfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fĂŒhlen:
Ich bin es auch.

„Das ist total ĂŒbergriffig, was du da machst“, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? „Energien gelenkt“? Gar auf „rĂŒcksichtslose“ Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien ĂŒberhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum Bösewicht, zum TĂ€ter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte BachlĂ€ufe, Ströme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerklĂ€rliches Wissen der eigenen UnĂŒberwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft ließ ihn mit der Zeit alles ĂŒberwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so dermaßen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern spĂŒren zu können, zarte PflĂ€nzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verhĂ€ngnisvollen Tag, etwa ĂŒbergeschwappt aus den förderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so quĂ€lend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ersĂ€uft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener GĂ€rtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem fĂŒr das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich ĂŒberhaupt ein, ihn fĂŒr ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das möglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so völlig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu können? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben wĂŒrde weitergehen. Ihr Leben wĂŒrde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt wĂŒrde ihn fĂŒr „stĂŒmperhafte Energiearbeit“ verurteilen. Man konnte ja auch darĂŒber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen ließ, was er an jenem Abend tatsĂ€chlich angestellt haben könnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte fĂŒr einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. FĂŒr einen Moment hatte er wohl Angst verspĂŒrt, ihre inneren Blockaden niemals ĂŒberwinden zu können, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zurĂŒckgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so fĂŒrchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die Möglichkeit der Nachfolge, und wie sehr wĂŒnschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenstĂ€nde. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie wĂŒrde wachsen, wĂŒrde ihrer Intuition folgen, wĂŒrde wieder vertrauen, wieder glauben können an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine GrenzĂŒberschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch ĂŒbertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit wĂŒrde das Übrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu stĂ€rken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprießten die ersten kleinen TomatenpflĂ€nzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich tĂ€glich aufs Neue ĂŒber ihre ungestĂŒme Lebensfreude.

Er mochte nicht als GĂ€rtner geboren oder geschult worden sein. Aber er wĂŒrde lernen.

Sie sind in uns allen, hatte man ihr gesagt. StĂ€ndig. Schon in Kindern ließen sie sich feststellen, obwohl die körpereigenen Abwehrsysteme meistens kurzen Prozess mit ihnen machten, wo immer sie auftauchten. Krebszellen. Entartungen des eigenen Körpers. Wuchernde Übertreibungen der eigenen Wichtigkeit. Tödliche Fremdkörper, dem Eigenen entwachsend, die Fremde verbreitend.

Sie hatte begonnen, das Andere in ihr zu bekĂ€mpfen, den Teil von ihr, der ihr stets so vertraut erschienen war, und der sich plötzlich, bei genauerer Betrachtung, als ein ihr Fremdes entpuppt hatte. Sie hatte lernen wollen, anderen zu helfen. Aus der Tiefe ihres gebenden Inneren heraus. Wie groß musste der Schock gewesen sein, wie tief der Schmerz, als sie erkannte, dass sie in Wahrheit anderen helfen wollte, um nicht spĂŒren zu mĂŒssen, dass sie selbst es war, die Hilfe brauchte. Es herrschte ein kalter Krieg in ihr. Nicht, weil beide Seiten aufrĂŒsteten, um den anderen zu ĂŒbertrumpfen. Nein, die Schlachten waren schon geschlagen worden, lagen bereits so lange zurĂŒck, dass sie keine bewusste Erinnerung mehr daran hatte. Es war die KĂ€lte, die Hoffnungslosigkeit des vollends Besiegten, die aus der Tiefe der Erinnerung in ihr Bewusstsein drang. Angst ĂŒberkam sie, eine tiefe, alles ĂŒberschwemmende Angst, die Antwort auf die eine Frage herauszufinden, die ihr nun die Luft zum Atmen nahm. Worum hatte sie damals gekĂ€mpft? Was hatte sie damals verloren?

Sie hatte lernen wollen, zu helfen. Realisierend, dass sie erst lernen wĂŒrde mĂŒssen, sich selbst zu helfen, begann sie nun, genauer hinzusehen. Die Wahrheit. Es war Zeit, Klarheit zu erlangen, wiederzufinden, was sie nun deutlich als ein Loch, eine klaffende Wunde wahrnahm, die all die Jahre nur notdĂŒrftig geflickt worden war. Einige Tage zögerte sie. Doch zunehmend realisierend, dass ihr Körper, ihre Seele nur noch Fassade, nur noch Außen sein wĂŒrde, ja immer nur gewesen war, fand sie in sich nun den unbĂ€ndigen Mut, die Macht des LebensmĂŒden. Sie war es mĂŒde, nur zu leben, ohne einen Grund, ohne die Erfahrung der Tiefe, stets nur die Leere in ihr notgedrungen kaschierend. Es war Zeit, die Leere zu fĂŒllen. ErfĂŒllung zu finden.

Mit zitternden Fingern öffnete sie die alte Wunde. All der Schmutz, der Dreck, mit dem sie und andere versucht hatten, die quĂ€lende Leere in ihr zu stopfen, um sie nur nicht mehr fĂŒhlen zu mĂŒssen – nun drang er hinaus. Suchte sich eiternd seinen Weg, durchdrang ihren Körper, setzte sich fest an all den Stellen, denen die stĂ€rkende Struktur eines inneren Ichs, eines inneren Grundes fehlten. Krebs. Die Diagnose ĂŒberraschte sie nicht, spĂŒrte sie doch nun ganz deutlich das Fremde in ihr, das sie als Kind als ihr Eigenes akzeptieren hatte mĂŒssen, um zu ĂŒberleben. Im Endstadium, hatte der Arzt gemeint. Es war ĂŒberall. Doch erstmals in ihrem Leben war es sichtbar geworden, konnte sie es sehen. Hatte es einen Namen. Konnte sie es hassen. BekĂ€mpfen. Sie hatte eine Schlacht verloren, damals. Aber es war noch nicht vorbei.

Der Krieg dauerte nun schon ĂŒber zwei Jahre. Sie hatte sich bestrahlen lassen, um das Andere in ihr zu vernichten, hatte einen RĂŒckzug des Fremden in ihr erzwungen, nur um festzustellen, dass es wieder erstarkt war. Hatte einen LungenflĂŒgel geopfert, ihr Augenlicht, um zu siegen, um zu erringen, was ihr von Geburt an zugestanden war, was ihr in einem kurzen Krieg genommen worden war, an den sie sich kaum mehr erinnern konnte. Was hatte sie damals verloren? Die Frage kehrte mit Macht in ihr Bewusstsein zurĂŒck, und diesmal konnte sie es nicht verhindern, dass sich auch die Antwort ihren Weg bahnte. Ein Leben. Ihr Leben. Etwas wie ein Leben hatten sie ihr gelassen, aber ein anderes, nicht das ihre, das sich zu leben gelohnt hĂ€tte.

Vierzig Jahre. Vier Jahrzehnte lang hatte sie das Leben anderer gelebt, hatte das Fremde in sich aufgenommen, es genĂ€hrt, fĂŒr das Eigene gehalten. Was war das ĂŒberhaupt, das „Eigene“? WĂŒrden ihre von der Strahlentherapie geschwĂ€chten Augen es noch unterscheiden können? WĂŒrde ihr von all den Medikamenten geschwĂ€chter Körper je wieder Unbeschwertheit empfinden können? Und wer waren diese Menschen, die meinten, sie seien ihre Kinder, wer war dieser Mann, der meinte, sich um sie kĂŒmmern zu mĂŒssen, wenn sie in ihrer Umnachtung um Hilfe schrie? Wer waren all diese Menschen? Wer war sie? Was blieb ĂŒber von ihr, wenn all das Fremde wegoperiert, zerstrahlt, ausgetauscht sein wĂŒrde durch das, was wieder andere Menschen fĂŒr richtig hielten?

Und dann begann sie zu erahnen, dass es wenig Sinn machte, weiter fĂŒr etwas zu kĂ€mpfen, was sie kaum mehr als das Ihre unterscheiden konnte, weil sie lange bereits verlernt hatte, diese Unterscheidung zu treffen. In der Nacht ihrer Einsamkeit, so nah und doch so fern von all den Menschen, die sie – oder vielmehr den Menschen, fĂŒr den sie sich einst selbst gehalten hatte – liebten, und die sie nun nicht mehr wahrnehmen konnte, erkannte sie plötzlich, dass sie hier, in diesem DĂ€mmerzustand zwischen Leben und Tod, eine letzte Freiheit erwartete. Sie konnte gehen. Jetzt und hier. Und niemand in dieser Welt wĂŒrde sie dafĂŒr tadeln, kritisieren oder strafen können. Was auch immer andere von ihr und ihrer Entscheidung denken wĂŒrden – all ihrer Sinne beraubt, wĂŒrde sie nichts davon mitbekommen. Zum ersten Mal in ihrem bewussten Leben fĂŒhlte sie sich völlig frei.

Und traf ihre Entscheidung.

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Ja, sehr angenehm, Sie wiederzutreffen! Damals haben wir uns ja wohl ein wenig aus den Augen verloren. Aber nette Leute trifft man ja meistens zwei Mal, wie der Volksmund sagt – und sehen Sie, er hatte recht!

Sie fĂŒhlen sich unsicher, ob Sie mich wirklich kennen? Vielleicht kennen Sie mich auch unter meinem Zweitnamen? Ja, ich weiß, es ist fĂŒr viele Menschen schwer, sich meine beiden Namen zu merken. Aber frĂŒher oder spĂ€ter lernen wir uns ja doch meist besser kennen, und dann werden sie sich wieder erinnern, da bin ich mir sicher. Die meisten rufen mich nur Liebe, oder auch nur Hass. Manchmal kann ich alleine daraus einschĂ€tzen, welche Art von Menschen ich wohl gerade vor mir habe. Ist das nicht erstaunlich?

Es ist fast ein wenig komisch, dass so viele Menschen immer wieder ĂŒberrascht sind, mich anzutreffen, wo ich doch immer unter Leuten bin. NatĂŒrlich begegnen wir uns frĂŒher oder spĂ€ter wieder, die Welt ist ja bekanntlich recht klein. Ein wenig krĂ€nkt es mich dann schon manchmal, wenn Menschen mich behandeln, als wĂŒrden sie mich nicht wiedererkennen, oder als wĂ€re ich Luft fĂŒr sie. Als wĂŒrden sie etwas gegen mich haben… Ganz seltsam ist es, wenn Menschen mich wiedersehen und vor mir flĂŒchten. Was habe ich ihnen wohl angetan? Aber ich kann erkennen, dass Sie möglicherweise anders sind.

Was ich so mache? Ich wandere zwischen ihnen umher, diesen Menschen, deren Seelen oft so verdorrt erscheinen, als wĂŒrden sie gleich zu Staub zerfallen, und gebe mich ihnen hin, auf dass sie sich erfrischt fĂŒhlen und wachsen können. Es ist interessant, welch verschiedene Formen ihre Seelen angenommen haben, welche schönen Strukturen die Narben und Falten ihres Lebens ihnen verliehen hat. Ich kann ihr Leben fĂŒhlen, wĂ€hrend ich Tropfen fĂŒr Tropfen durch ihre Formen fließe, spĂŒre ihren Durst nach meinem lebendigen Wasser, höre ihr Rufen nach Erlösung von der Trockenheit. Und so finde ich meine ErfĂŒllung in der ihren.

Wie schön es ist, wenn ich eingeladen werde in eine jener Seelen! Doch wie viel schöner es erst ist, einer anderen Seele weitergeschenkt zu werden! Welch wunderbares GefĂŒhl es doch ist, zwischen Seelen fließen zu dĂŒrfen, spĂŒrend, wie ein jeder Tropfen die Narbenstruktur jener wagemutigen Pioniere aushöhlt und die Verbindung zwischen ihnen weiter öffnet! Durstige Seelen zu nĂ€hren ist wunderschön, doch zwischen Seelen zu fließen, welch göttliche Gnade! Wie schön, mich im Strahlen ihrer Augen wiederzufinden!

Und doch, die Menschen sind ein undankbares Volk. NĂ€hre ich sie, so wollen sie mich in sich bewahren. NĂ€hern sich ihnen andere Seelen, so wollen sie mich benutzen, um andere nach ihren Vorstellungen zu formen. Sie verkennen leider oft meinen natĂŒrlichen Aggregatszustand, in dem alleine ich fließen kann. Und so verhĂ€rte ich mich in ihnen zu einer Waffe, mit der sie anderen Seelen Wunden aufreißen und den Krieg erklĂ€ren. Oder ich verflĂŒchtige mich, weil es mir, tief in ihrem Inneren verwahrt, zu heiß wird.

Ich frage nicht ohne Grund, ob es mir gestattet ist, mich vorzustellen oder gar einzutreten. Manchmal trete ich TĂŒren ein, die die Menschen tief in sich verschlossen zu wissen glaubten. Manchmal öffne ich Narbengewebe, damit die Wunden ausheilen können. Manchmal fĂŒge ich Schmerzen zu. Mein Name ist Liebe, wenn es mir erlaubt ist, zu fließen, und Hass, wenn es mir verboten wurde.

Sie gestatten?

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Vor einigen Jahren wurde eine junge Gurke von ihrem Vater in die GĂ€rtnerei gebracht, in der junges GemĂŒse auf das Leben im GemĂŒsebeet vorbereitet wurde. Sie wĂ€ren bereits in einigen GĂ€rtnereien gewesen, meinte der Vater, aber keine hĂ€tte es fertig gebracht, den Armen zum Wachsen zu bewegen. Das doch etwas kĂŒmmerliche Dahinvegetieren machte nun auch ihm großen Kummer, weswegen er nach langem Überlegen nun bereit sei, es mit dieser besonderen GĂ€rtnerei zu versuchen. Man habe ihm erzĂ€hlt, das junge GemĂŒse wĂŒrde hier sehr gut behandelt werden und auch gut gedeihen. Ihm wurde erklĂ€rt, dass es keine Wachstums-Garantie geben und die GĂ€rtnerei auch keinerlei Anstrengungen machen wĂŒrde, ihre SchĂŒtzlinge zu etwas zu zwingen. Einzig eine fruchtbare Erde, Wasser, Sonne, Akzeptanz und Liebe wĂŒrden hier vollbringen, was alle bisherigen Anstrengungen nicht vollbracht hatten.

Und tatsĂ€chlich – es regte sich etwas in dem jungen GemĂŒse! Nach und nach begann es auszutreiben, erst zaghaft, dann mit sichtbar grĂ¶ĂŸerem Selbstvertrauen. Die grĂŒnen Triebe strotzten zunehmend vor Kraft, verzweigten sich, wurden stabiler. Die Vater-Gurke sah dem Sohn wohlwollend zu. Doch mit der Zeit begann sie sich dann doch Sorgen zu machen. Wo waren die BlĂŒten, wo die ersten FrĂŒchte des Jungen abgeblieben? So frisch, so grĂŒn war der Junge, es konnte doch nicht mehr lange dauern! Ungeduldig fragte er die GĂ€rtnerei, was sie denn an DĂŒnger zu geben gedachten, doch die winkten ab. Kein DĂŒnger, nur fruchtbare Erde, Wasser, Sonne, Akzeptanz und Liebe wĂŒrde die junge Pflanze benötigen, und wĂŒrde sie in dieser GĂ€rtnerei auch bekommen – in vertrauensvoller AtmosphĂ€re, und so lange, wie es eben notwendig war.

Die Wochen vergingen, und die Vater-Gurke wurde zunehmend nervöser. All die anderen Gurken hatten lĂ€ngst begonnen, erste Anzeichen der BlĂŒten zu zeigen, an manchen reiften schon die ersten BlĂŒten heran. Irgendwann hielt er es nicht mehr lĂ€nger aus und gab seinem Sohn nachts heimlich Gurken-DĂŒnger, um sein Wachstum zu unterstĂŒtzen. Doch die Erfolge waren minimal, solange diese sture GĂ€rtnerei sich an ihr dĂ€mliches Bio-Konzept klammerte und nicht einsehen wollte, dass es fĂŒr diese Gurke, ja vielleicht sogar fĂŒr viele Gurken, einfach zu wenig war. Vergeblich. Mit diesen Sturköpfen war einfach nicht zu reden.

Bald jedoch hatte er herausgefunden, dass er nicht der einzige unzufriedene Kunde der GĂ€rtnerei war, und eine ansehliche Masse an Mitstreitern gefunden. Gemeinsam versuchten sie nun, die Mitarbeiter der GĂ€rtnerei zum Einlenken zu bewegen. Doch einige hoffnungsvolle TrĂ€umer von Kunden hielten dagegen und verhinderten ein Machtwort zum Wohle aller. Daraufhin ersannen er und seine Mitstreiter eine neue Möglichkeit gewaltfreien Widerstands, die GĂ€rtnerei zum Einlenken zu bewegen: sie wĂŒrden einfach nicht mehr bezahlen, bis ihr guter Rat befolgt worden war. Dass der GĂ€rtnerei damit auch die Grundlage entzogen wurde, in ihrem Sinne handeln zu können, kĂŒmmerte sie lĂ€ngst nicht mehr.

Und als die GĂ€rtnerei irgendwann die Reißleine zog und ihnen mitteilte, dass sie die ZustĂ€nde nicht mehr mittragen wĂŒrde, weil immer mehr der eigentlich unbeteiligten Pflanzen unschuldigerweise unter dem Konflikt mitzuleiden begannen, sahen sie sich erst recht ungerecht behandelt. Es sei eine Frechheit, dass das junge GemĂŒse nicht fachgerecht mit dem DĂŒnger behandelt werde, das es zum guten Wachstum benötige, argumentierten sie. Die GĂ€rtnerei sei eine Bio-GĂ€rtnerei und habe stets klargemacht, dass sie dies nicht tun wĂŒrde, antworteten die Mitarbeiter. Im Übrigen stehe dies auch in den VertrĂ€gen, die mit der GĂ€rtnerei abgeschlossen wurden. Wir scheißen auf eure VertrĂ€ge, meinten die Unzufriedenen. Das ist auch der Grund fĂŒr die Vertragsauflösung, die Mitarbeiter der GĂ€rtnerei.
„Wann geht es hier eigentlich mal um mich?“, fragte der Sohn der Gurke die Konfliktparteien.
„Sei still, Sohn!“, antwortete der Vater, „Ein Vater weiß doch, was eine junge Gurke fĂŒr sein Wachstum braucht.“
„Dein Gurken-DĂŒnger hilft keinem Löwenzahn, Vater. Ich habe doch ganz andere BlĂ€tter als du! Bist du wirklich so blind?“
„Eine scheußliche Gurke bist du geworden, Sohn. Aber warte nur, das werden die bereuen!“
„Aber ich bin doch ein Löwenzahn, Vater!“
„Gar nichts bist du noch, Sohn. Aber mit dem richtigen DĂŒnger wird das noch
“
Grub den Sohn aus und ließ die fassungslosen Mitarbeiter der GĂ€rtnerei ratlos zurĂŒck.
„Schade um den schönen Löwenzahn“, meinte der eine, „so einen schönen hatten wir noch nie.“

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Als ich letzten Sommer an die Schule, an der ich arbeite, kam, habe ich mich gemeinsam mit einer Kollegin oft darĂŒber lustig gemacht, dass unser Supervisor immer zwischen Meinungen von Kriterien unterschieden hatte, wobei er unserer Ansicht nach einfach nur seine eigene Meinung als „Kriterium“ bezeichnete und damit als „bessere Meinung“ darstellte. Mittlerweile glaube ich, ihn damals einfach falsch verstanden zu haben. Denn sein Kriterien-Konzept ist, wenn man es einmal verstanden hat, ebenso einfach wie brillant.

Kriterien aufstellen, um Meinungsverschiedenheiten objektiv aufzulösen

Kurz zusammengefasst war es seine Ansicht, dass es in den meisten Konflikten möglich ist, Kriterien fĂŒr eine mögliche Lösung aufzustellen, auf die sich alle Konfliktpartner einigen können. Gerade in emotional aufgeladenen Konflikten ist es ja des Öfteren so, dass die Konfliktpartner eine Art „Tunnelblick“ entwickeln, der es ihnen erschwert, auch die BedĂŒrfnisse des anderen oder die dahinterliegenden BegrĂŒndungen des Anderen zu erkennen. Der Versuch, fĂŒr alle Seiten akzeptable Kriterien aufzustellen, bevor nach einer Lösung gesucht wird, macht diese BedĂŒrfnisse und Gedanken sichtbar und kanalisiert die BemĂŒhungen aller Parteien in Richtung einer Lösung, die möglichst alle Kriterien erfĂŒllt. Zudem fĂŒhrt ein solches Vorgehen manchmal erst dazu, dass die oft unbewussten HintergrĂŒnde von Konflikten sichtbar werden, weil ein solches Vorgehen dazu zwingt, in eine Meta-Ebene zu wechseln.

Ein Ă€hnliches Vorgehen lĂ€sst sich auch im privaten Bereich gut einsetzen, um Entscheidungen zu treffen, etwa ĂŒber einen Jobwechsel oder die Wahl eines passenden Wohnortes, vor allem, wenn mehrere Menschen gemeinsam etwas entscheiden mĂŒssen. So kann etwa, anstatt sich möglichst viele Wohnmöglichkeiten anzusehen und dann nach GefĂŒhl zu entscheiden (was bei vielen Menschen zu vielen verschiedenen Meinungen fĂŒhren kann), eine Kriterien-Liste mit erwĂŒnschten Eigenschaften der neuen Wohnsituation wie etwa eine geringe Distanz zum Arbeitsplatz, geringe Kosten, ein Garten (oder auch mit konkreten Zahlen) angelegt werden, um dann die einzelnen Möglichkeiten anhand der Kriterien-Liste objektiver bewerten zu können.

Kriterien als konstruktive Grenzen, um persönliches Wachstum zu fördern

Eine andere Möglichkeit, Kriterien sehr konstruktiv einzusetzen, ist das Aufstellen von Kriterien fĂŒr den Besuch von Kursen, die Aufnahme in Gruppen usw. Immer wieder kommt es an unserer Schule vor, dass Kinder (die ja auch selbst Angebote initiieren dĂŒrfen) bestimmte andere SchĂŒler grundsĂ€tzlich von ihren Angeboten ausschließen wollen, sei es aus Vorurteilen („die Kleinen nerven immer“), sei es als Folge von bisherigen als negativ erlebten Erfahrungen oder gar einfach nur aus RachegelĂŒsten („der hat mich auch letztes Mal rausgeschickt”, “der hat mir gestern eine gehauen”). Dies fĂŒhrt dann oft dazu, dass als negativ erlebte Verhaltensweisen eher noch verstĂ€rkt werden und sich gegenseitige Abneigungen noch vertiefen.

In den letzten Tagen habe ich einige Male von Kindern initiierte Turnhallen-Angebote begleitet (dort ist aus SicherheitsgrĂŒnden immer ein Lernbegleiter mitanwesend), und die jeweiligen Angebots-Leiter (die jeweils die Regeln der Veranstaltung festlegen dĂŒrfen, ob es Kinder oder Erwachsene sind) durch stĂ€ndiges Nachfragen dazu gebracht, Kriterien fĂŒr SchĂŒler aufzustellen, die das Angebot nutzen wollen, anstatt einfach nur ihnen unerwĂŒnschte MitschĂŒler rauszuschmeißen. Diese Kriterien wurden dann auch öffentlich mitgeteilt, und wer sich nicht daran gehalten hat, wĂŒrde eben (nach Verwarnungen) rausgeschmissen werden. Interessanterweise fĂŒhrte dies jedoch dazu, dass es nicht mehr notwendig war, ĂŒberhaupt jemanden rauszuschmeißen. Diejenigen, die sich nicht mehr an die Kriterien halten wollten oder konnten, verließen nach einer Weile selbststĂ€ndig die Turnhalle, und die anderen hielten sich soweit daran, dass sich der Angebotsleiter von ihnen nicht gestört fĂŒhlte.

Kriterien statt Hass

Vor allem aber verschiebt ein solches Vorgehen die Aufmerksamkeit von dem ganzen Menschen, der angenommen oder abgelehnt wird, auf spezifisches erwĂŒnschtes oder unerwĂŒnschtes Verhalten. Was in der Praxis leider nicht immer so umgesetzt wird, aber wĂŒnschenswert wĂ€re, ist eine Art „FĂ€higkeit zum Vergessen“ frĂŒherer Angebots-Besuche, bei denen unerwĂŒnschtes Verhalten zu einem Rausschmiss gefĂŒhrt hatte. In einem idealen Kurs kann ein Kind wohl auch 15 Mal aus einem Kurs rausgeschmissen werden, weil es sich an gewisse Verhaltensregeln nicht gehalten hat, und dann auch beim 16. Mal eine unvoreingenommene Chance bekommen. Wie schwierig dies fĂŒr die einzelnen Beteiligten auch sein mag, es wĂ€re die ideale Voraussetzung fĂŒr einen Neuanfang von bereits ein wenig zerrĂŒtteten Beziehungen.

Wenn ich als SchĂŒler (oder auch Erwachsener) weiß, welche Bedingungen in einer sozialen Situation (und nichts Anderes ist ja ein Kurs) gelten, und mich frei dafĂŒr entscheiden kann, mich dieser Situation auszusetzen oder nicht, wie es in unserer Schule ĂŒblich ist, kann ich diese Bedingungen als konstruktive Grenzen wahrnehmen. Verhaltensnormen kennenlernen, die mir schwer fallen mögen, die es mir aber ermöglichen, mich immer wieder an ihnen zu reiben und damit mich selbst kennenzulernen. Und – wenn mir diese soziale Situation wichtig genug ist – auch an ihr zu wachsen, so dass ich sie irgendwann auch voll erfĂŒllen kann.

Niklas

Sie waren gekommen, um zu helfen. Ein ganzes Dorf hatte Hunger gelitten, und die örtliche Regierung sah sich außerstande, die Krise zu beenden. Also waren die beiden GeschĂ€ftspartner aus den Staaten ihrem Herzen gefolgt und hatten sich bereit erklĂ€rt, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das den Hunger auch langfristig besiegen helfen wĂŒrde. Spendengelder waren schnell aufgetrieben, wenn Fotos trauriger indigener Kindergesichter fĂŒr Plakate vorhanden waren. Und so waren sie beinahe selbst ĂŒberrascht gewesen, als sie sich einige Monate nach dem ersten Spendenaufruf nun tatsĂ€chlich in dem Dorf nahe Lima wiederfanden. Die Finanzierung war gedeckt, der Auftrag war klar: helfen, den Hunger zu besiegen. FĂŒr die armen Kinder. FĂŒr immer.

Also hatten sie in Lima von einem GroßhĂ€ndler Nahrung gekauft, um es mit einem Lastwagen in das verarmte Dorf zu bringen und dort zu verteilen. Gierig waren die Bewohner ĂŒber die EssensvorrĂ€te hergefallen. Als trauten sie dem Frieden nicht und wollten sichergehen, dass die Bohnen und der Reis bereits im Magen war, wenn der Haken an der Sache klar wurde. Hier in den Dörfern lernte man frĂŒh, Geschenke Fremder dankend anzunehmen, ohne erst nach den BeweggrĂŒnden zu fragen. Ausgenutzt waren sie bereits genug worden von den Gringos mit ihrem ĂŒberheblichen und selbstzufriedenen Grinsen, warum nicht auch hin und wieder etwas davon haben?

SpĂ€ter, nachdem die grĂ¶ĂŸte Not abgewendet worden war, hatten sie eine Schule eröffnet, um den armen indigenen Kindern und Erwachsenen auch so etwas wie Bildung ermöglichen zu können. Doch niemand hatte sie besucht, denn die Kinder wurden gezwungen, auf den Feldern mitzuarbeiten. Erst, als die tĂ€glichen Essensrationen davon abhĂ€ngig gemacht wurde, ob die Kinder auch tatsĂ€chlich die Schule besuchten, freuten sich Volunteer-Lehrer aus aller Welt ĂŒber große Kinderaugen, die ihnen das GefĂŒhl gaben, etwas Sinnvolles fĂŒr die Welt zu tun. Von ihnen lernten die jungen Peruaner vieles: Englisch, mit Computern umzugehen, Gitarre spielen, Kapitalismuskritik (auch wenn die wenigsten der Kleinen auch nur das Wort aussprechen konnten). In unzĂ€hligen unbezahlten Arbeitsstunden bereiteten ĂŒbermotivierte Freiwillige aus aller Welt die Kinder aus dem armen Dorf auf weiterfĂŒhrende Schulen und sogar fĂŒr UniversitĂ€ten vor.

Einige Jahre spĂ€ter bekamen die beiden GeschĂ€ftspartner Heimweh und beschlossen, doch wieder in ihre Heimat in den Staaten zurĂŒckzukehren. Der Hunger war besiegt, die Kinder genossen eine gute Schulbildung und hatten echte Chancen in der Gesellschaft. Auch die Spender konnten zufrieden sein. Der Auftrag war erfĂŒllt, Zeit, die Zelte abzubrechen. Einer der Einheimischen, Chico, warnte davor, das Dorf jetzt im Stich zu lassen, doch sie hatten nach all den Jahren genug von Peru. Er solle sie fĂŒr das nĂ€chste halbe Jahr noch vertreten und die Hilfe langsam auslaufen lassen, dann blieben nur noch Abschlussberichte zu schreiben und die Freude, tatsĂ€chlich etwas beigetragen zu haben, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Chico’s Nachricht, die einige Wochen spĂ€ter bei ihnen einlangte, war jedoch verstörend. Das Projekt hatte zwar geholfen, den Hunger kurzfristig zu besiegen, doch niemand konnte langfristig etwas verkaufen, wenn gleichzeitig dieselben Produkte verschenkt wurden, und so hatten alle Produzenten aufgeben mĂŒssen. Es gab nichts mehr zu kaufen. Die Kinder der Produzenten waren alle in die Stadt gezogen, um dort zur Schule zu gehen, und die alten konnten das Land nicht ohne ihre Hilfe bewirtschaften. Die Not war schlimmer als jemals zuvor. Denn einst war es nur der Hunger gewesen, aber Hunger hatten sie immer gekannt und gelernt, mit ihm zu leben. Was neu war, war die AbhĂ€ngigkeit und die Hilflosigkeit, in die sie die „Entwicklungshilfe“ gebracht hatte.

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Anfangs erschien es wie eine gute Idee: Weil die Kassiererinnen an den Kassen des Supermarktes oft minutenlang mit ihren Kunden quatschten und sich bereits einzelne andere wartende Kunden beschwert hatten, war man dazu ĂŒbergegangen, Schnelligkeit zu belohnen. Einige Kontrollmechanismen spĂ€ter war es nun von der GeschĂ€ftsfĂŒhrung leicht nachvollziehbar geworden, welche Mitarbeiter weniger Zeit mit belanglosen GesprĂ€chen vertrödelten. Die fleißigsten Mitarbeiter wurden dann mit Bonuszahlungen prĂ€miert. So mussten die Kunden weniger lange warten, der Umsatz stieg und die fleißigen Mitarbeiter bekamen mehr Geld. Alle gewannen.

Was die Urheber der Idee nicht bedacht hatten, war der Domino-Effekt, der dadurch entstehen sollte. Dadurch, dass die Mitarbeiter von nun an in direkter Konkurrenz zueinander standen, begannen sich Konflikte anzubahnen. Anstatt fĂŒr einen reibungslosen Ablauf zusammenzuarbeiten und manchmal sogar die Arbeit des Anderen zu ĂŒbernehmen, begannen die Mitarbeiter, ihre Arbeitszeit genau zu nehmen, denn Zeit bedeutete nun auch leicht nachvollziehbar Geld. FrĂŒher waren die Mitarbeiter gerne noch einige Minuten nach Ladenschluss geblieben, hatten anfallende Arbeiten erledigt und sich ausgetauscht. Heute jedoch erachteten sie es als absurd, freiwillig lĂ€nger dazubleiben, wenn die selbe Arbeit am nĂ€chsten Tag Geld bringen wĂŒrde.

Doch das waren nur die ersten Steine, die eine Lawine ins Rollen brachten. Denn als sich herumgesprochen hatte, dass die Schlangen in diesem Supermarkt schneller bedient wurden als anderswo, kamen mehr Kunden. NatĂŒrlich zogen die anderen SupermĂ€rkte schnell nach. Die Marktgesetze, die den einen Markt beschleunigt hatten, zeigten ihre Wirkung erst recht zwischen den SupermĂ€rkten, die sich nun an Effizienz zu ĂŒberbieten suchten. Auch die Werbung wurde danach ausgerichtet, denn eingesparte Zeit war ja schließlich eingespartes Geld, auch fĂŒr die Kunden.

Weil alles immer schneller gehen musste, war es in kĂŒrzester Zeit zu langsam geworden, umstĂ€ndlich die Preise der Waren in die Kassa einzutippen. Ein LesegerĂ€t las automatisch Codes ein, so dass sich die Arbeit der Kassiererinnen darauf beschrĂ€nkte, mit einem LesegerĂ€t ĂŒber Waren zu fahren, das Wechselgeld, das die Kassa anzeigte, möglichst schnell aus den einzelnen MĂŒnzen und Banknoten zusammenzusetzen und die Kunden, nachdem sie bezahlt hatten, möglichst schnell aus dem Kassenbereich zu verscheuchen, damit sie die nĂ€chsten Waren erfassen konnten.

Weil die Entwicklung so schnell voranschritt, dass die Mitarbeiter selbst völlig von ihr ĂŒberrumpelt wurden, vergaßen sie immer öfter, die Kunden zu begrĂŒĂŸen oder zu verabschieden – es war schlicht keine Zeit dafĂŒr, wenn die PrĂ€mie eingestrichen werden sollte. Da dies nun auch so manchem Kunden missfiel, wurde ihnen von der GeschĂ€ftsfĂŒhrung aufgetragen, zumindest diese Floskeln an den Kunden zu bringen.

„Schönen Tag!“, meinte sie also mit roboterhafter Stimme zu einem Kunden, und, 4 Sekunden spĂ€ter, „Auf Wiedersehen!“, wieder gefolgt von einem „Schönen Tag!“. Doch sie hatte ins Leere gesprochen, es war kein weiterer Kunde in der Schlange. Der Kunde, der gerade in aller Ruhe seine Waren in seinen Rucksack packte, lĂ€chelte. Vor einigen Jahren noch hĂ€tte sie wohl die Zeit gefunden, dieses LĂ€cheln als Anlass fĂŒr ein GesprĂ€ch zu nehmen, doch die Zeiten waren vorbei. „Auf Wiedersehen“, dieses Mal mit mehr WĂ€rme in der Stimme, war alles, was sie zusammenbrachte, bevor auch dieser Mensch an ihr vorbei und ihr entglitten war, ohne das einer von ihnen auch nur irgendeinen Eindruck auf den anderen machen hĂ€tte können.

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Man möge mir verzeihen, dass die Geschichte erst jetzt erscheint. Ich habe die letzten Tage so viele andere Dinge geschrieben, dass ich es schwer fand, zusĂ€tzlich noch eine Geschichte zu schreiben, die meinen Anspruch von QualitĂ€t besteht. Außerdem ist sie ein wenig zu lang, was an der .pdf-Version sichtbar wird, bei der ich bei der SchriftgrĂ¶ĂŸe ein wenig getrickst habe. NĂ€chste Woche, in der ich sie wieder aushĂ€ngen möchte weil ich dann wieder in Linz sein werde, werde ich wieder mehr darauf achten, dass die “Vorschriften” eingehalten werden.

Vor einigen Tagen war ich zu Besuch in einer Schule, und drei meiner Geschichten wurden dort (es ging um kreatives Schreiben) vorgelesen. Es freute mich sehr, dass eines der Kinder sich völlig in die Geschichten hineinversetzen konnte und Partei fĂŒr die einzelnen Charaktere ergriff. Irgendetwas scheine ich doch richtig zu machen… aber nun zur Geschichte:

Es war ein Zimmer mit nur einem Fenster, in dem er den Großteil seiner Tage verbrachte, doch bis auf das Bisschen an Frischluft, das es ihm gewĂ€hrte, hatte es mehr einen nostalgischen als einen praktischen Nutzen. Durch die neuesten Errungenschaften der Technik war es möglich, die LichtverhĂ€ltnisse im Raum energiesparend und jeden Moment aufs Neue durch zusĂ€tzliche Licht- und Schwarzlichtquellen an seine BedĂŒrfnisse anzupassen. Anfangs benötigte der Körper einige Zeit, um sich darauf umzustellen, von den Rhythmen der Sonne unabhĂ€ngig zu werden, doch diese Phase hatte er bereits lange ĂŒberwunden.

Auch das – aus seiner jetzigen Perspektive – lĂ€cherliche Verlangen nach beinahe zufĂ€llig zusammengesetzten Nahrungsmitteln und die damit einhergehende Angst, Dinge zu sich zu nehmen, die nicht vertragen wurden oder dick machten, war lĂ€ngst ĂŒberwunden. Ein praktisches MessgerĂ€t am Arm ermittelte die fehlenden NĂ€hrstoffe fĂŒr seinen genetischen Typ, sandte sie ĂŒber das Internet an den Provider und der 6D-Drucker kĂŒmmerte sich um ein ansprechendes Aussehen im Retro-Look. Mit dem Unterschied, dass es garantiert nicht zu dick oder zu dĂŒnn machte. Das Aussehen war bei der chemischen Zusammensetzung natĂŒrlich egal, aber auch nach Jahrzehnten dieser Fortschritte war es eine lĂ€stige Gewohnheit der Menschen, nicht nur auf die effektive Befriedigung ihrer körperlichen BedĂŒrfnisse, sondern auch auf ein gewisses Maß an Ästhetik zu achten. FĂŒr die fortschrittlicheren unter ihnen war es mittlerweile auch möglich, die NĂ€hrstoffzufuhr automatisch ĂŒber das Internet in den Körper ablaufen zu lassen.

All diese Erfindungen, die den Menschen mit den Jahrhunderten immer unabhĂ€ngiger von der Natur, der er entstammte, gemacht hatten, ermöglichten es ihm, die freie Zeit, die dadurch entstanden war, zur Selbstbildung zu nutzen. Einst hatten sie junge Menschen in oft fĂŒrchterlich aussehende GebĂ€ude zusammengepfercht und ihnen mit Zuckerbrot und Peitsche das beigebracht, was sie fĂŒr wichtig hielten. Arme Wilde! Vieles davon war heute bereits als abwegig erkannt worden, etwa die völlig absurde Idee, einen jeden darin auszubilden, seine Nahrung aus ineffizient gewachsenen Grundzutaten, von der Natur produziert, herzustellen, oder sich mit jemandem zu verabreden und sich dann auch noch tatsĂ€chlich die MĂŒhe zu machen, sich dort hinzubewegen! Schon damals gab es erste VorlĂ€ufer der heutigen Programme, um zu telefonieren, wie ineffektiv war es da, Zeit zu verschwenden, sich hinzubewegen? Und erst der RĂŒckweg: Oft stundenlang, nur mit dem Zweck, den Fehler zu bereuen, sich ĂŒberhaupt von zuhause entfernt zu haben!

Damals wie heute gab es natĂŒrlich auch sinnvolle Dinge, etwa das Studium der Mathematik, um zu erkennen, wo ineffizient gearbeitet wurde. Und tatsĂ€chlich waren es Mathematiker, die den einstigen Schlafrhythmus, der durch die Sonne ausgelöst wurde, als ineffizient erkannten, da trotz aller Anstrengungen der Mensch ja doch nur eine gewisse Zeit leben konnte. Es waren Mathematiker, die erkannt hatten, dass es sich in dieser kurzen Zeit gar nicht lohnte, einer Arbeit nachzugehen, die ebenso und effizienter von Maschinen erledigt werden konnte.

Es waren Menschen mit großem Geist gewesen, die erkannt hatten, dass man, um die Fenster zu einer neuen, besseren Welt aufzustoßen, manchmal die Fenster zur Welt, in der man lebte, schließen musste. Und so hatten es die meisten von ihnen vorgezogen, durch die schönen Fenster ihres Internet-Portals in die schöne neue Welt zu blicken, die sie geschaffen hatten, fern von Leid, fern von MĂŒhe, und dort dem MĂŒĂŸiggang zu frönen, sich zu bilden und auszutauschen.

Bis der NĂ€hrstoff-Provider Probleme meldete, und nach Aufkommen einer allgemeinen Panik der erste den mutigen Versuch wagte, all die Fenster zur schönen neuen Welt zu schließen und sich fragte, wie es wohl in der alten, aus der sie stammten, aussehen mochte. Und erkannte, dass die Versprechen von der Nachhaltigkeit und der Umwelt, die sich von selbst regenerieren wĂŒrde, allesamt LĂŒgen waren. Dass sie ĂŒber Jahrhunderte ĂŒber ihre VerhĂ€ltnisse gelebt hatten, dass die schöne neue Welt mit all ihrem Glanz, die sie erschaffen hatten, nichts wert war ohne die Nahrung, die sie der alten Welt entzog. Doch da gab es nichts mehr zu entziehen. Die Welt um sie war wĂŒst und leer geworden. Wer wusste noch, sie zu bestellen, ihr Nahrung zu entreißen, sie zuzubereiten? Konnte man das Wasser trinken?

In ihrer Verzweiflung suchten sie sogar nach alten Gebeten im Internet und riefen einen Gott um Hilfe an, an den nicht einmal mehr ihre VorvĂ€ter noch geglaubt hatten. Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten realisierten sie, dass sie nicht nur vom Gott ihrer Ahnen, nicht nur von der Natur, sondern auch von ihren Mitmenschen so weit entfernt hatten, dass sie auf niemanden mehr zĂ€hlen konnten als auf sich selbst. Wer wĂŒrde sie erretten?

Doch eine Antwort blieb aus.

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„Ein besseres Europa schafft Arbeit durch Wachstum“ ist derzeit auf einem Wahlplakat fĂŒr die EU-Wahl von Ottmar Karas zu lesen. Da ich den Herrn Karas nicht persönlich kenne, gehe ich jetzt einmal davon aus, dass er tatsĂ€chlich zur großen Gruppe derjenigen Menschen zĂ€hlt, die daran glauben, dass Wachstum a) Arbeit schafft und b) zu einem besseren Europa fĂŒhren wird. Im Folgenden einige Gedanken dazu.

Wie meinen treueren Lesern mittlerweile bewusst sein wird, habe ich kein Wirtschaftsstudium vorzuweisen und halte mich auch nicht fĂŒr einen „Experten“ auf diesem Gebiet – was ich hier schreibe, ist nicht „die Wahrheit“, sondern eine, und zwar meine, Perspektive. Es bleibt die Verantwortung des Lesers, sich zu fragen, was davon nachvollziehbar erscheint und wo sich LĂŒcken in meiner Argumentation auftun mögen.

Wachstum schafft Arbeit?

Diese Hypothese basiert laut Wikipedia auf dem Okun’schen Gesetz, das besagt, dass Unternehmen ab einem bestimmten Wachstumsprognose eher geneigt sind, neue ArbeitskrĂ€fte einzustellen. Bei einem Wirtschaftswachstum von 3% sind Unternehmen demnach eher motiviert, neue Mitarbeiter zu suchen als bei einem Wirtschaftswachstum von beispielsweise 0,5%. Mit der VergĂŒnstigung von Maschinen, Computern und Automation treten diese jedoch zunehmend in Konkurrenz mit menschlicher Arbeitskraft. Wachstum entsteht heute unter anderem, indem menschliche Arbeitskraft eingespart anstatt angestellt wird. Die Produktion, der Gewinn und das BIP können damit wachsen, wĂ€hrend die BeschĂ€ftigungsraten gleichzeitig sinken.

Wachstum fĂŒr alle?

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass ein Wirtschaftswachstum etwa in Österreich tatsĂ€chlich zu mehr Arbeit fĂŒhrt, bleibt die Frage offen, ob es möglich ist, diese Methode auch weltweit zu kopieren und damit den Menschen weltweit zu Arbeit und Wohlstand zu verhelfen. Wenn wir davon ausgehen, dass Wachstum ein GewinnĂŒberschuss ist, muss es doch irgendwo auch einen Verlierer geben, von dem dieses Geld bezogen wird. Vielleicht habt ihr schon mal DKT/Monopoly gespielt, da gewinnt meistens derjenige, der irgendwann mehr Geld hat, wĂ€hrend die anderen (Überraschung!), ihr Geld verlieren. Am Ende wird das Geld wieder auseinandersortiert, die Spielfiguren zurĂŒckgelegt und das Spiel weggerĂ€umt.

Wirtschaftlicher „Wettbewerb“, wie es so schön genannt wird, endet jedoch kaum mit der Gratulation der Gewinner durch die Verlierer, und vor allem fĂŒr die Verlierer handelt es sich nicht nur um ein Spiel, sondern um ihre Lebensgrundlage: Nahrung, Wohnen, Transport. Und spĂ€testens dann finden es die „Mitspieler“ nicht mehr allzu lustig. Sind es wenige, flĂŒchten sie sich vielleicht noch in Alkohol, Drogen oder den Freitod. Je mehr es werden, desto mehr Potential erwĂ€chst jedoch auch fĂŒr ein Außerkraftsetzen der gesellschaftlichen Ordnung durch die Masse der Verlierer, die nicht mehr bereit ist, ein Spiel, in dem sie nur verlieren können, bis zum bitteren Ende mitzuspielen.

Die EU-weiten Arbeitslosenquoten von knapp 12% (Stand 2014) mit Spitzen von ca. 25% in LĂ€ndern wie Mazedonien, Serbien, Griechenland und, ja, auch Spanien sind absurd hoch. Spanien hat ĂŒber 45 Millionen Einwohner, das bedeutet, ĂŒber 11 Millionen davon sind arbeitslos gemeldet, und das sind noch die offiziellen Zahlen. 11 Millionen Menschen ohne Einkommen, ohne BeschĂ€ftigung, oft ohne ein GefĂŒhl von Sinn. Die Jugendarbeitslosigkeit war im Mai 2012 in Spanien bei ĂŒber 50% angesiedelt (Österreich: 8,3%).

UnlĂ€ngst sah ich einen Dokumentarfilm im Kino (Everyday Rebellion, empfehlenswert!), bei dem es auch um politische Selbstverwaltung der „kleinen“ Spanier geht, die es Leid sind, stĂ€ndig im Radio und Fernsehen von Suiziden ihrer Mitmenschen zu hören und begonnen haben, sich selbst zu organisieren. Bei dieser Masse an Menschen, die ihre Opferrolle abstreifen und sich politisch organisieren, besteht neben der Chance, echte VerĂ€nderung zu bewirken, auch die Gefahr, dass diese VerĂ€nderung von Gewalt oder der Übernahme gefĂ€hrlicher Ideologien aller politischen Richtungen, den “einfachen Lösungen” ĂŒberschattet wird. Und damit kommen wir zur nĂ€chsten These.

Wachstum schafft Frieden?

Mit der immer mehr ins Chaos zu stĂŒrzen scheinenden Ukraine, nur 813km oder 8,5h mit dem Auto (von Lemberg gerechnet) von Wien entfernt, stellt sich die Frage nach den Ursachen von Kriegen gerade wieder sehr aktuell. Auch wenn es in diesem speziellen Fall wohl um geopolitische Interessen Russlands, der USA und der EU geht, wie mir mein uspekistanischer Freund, der mir die russische Perspektive ĂŒbersetzt, erklĂ€rt, stellt sich die Frage auch in anderer Hinsicht: Was, wenn wir uns unsere Kriege selbst produzieren, und zwar eben durch unser Wachstum?

Wenn wir ein Spiel spielen, dass von vornherein nur wenige Gewinner und zahlreiche Verlierer vorsieht, bei dem wir (noch) zu den Gewinnern zĂ€hlen und deswegen nicht bereit sind, die Regeln zu ĂŒberdenken, wird dies nicht unweigerlich zum Konflikt mit denjenigen fĂŒhren, die zu den Verlierern gehören? Wir brauchen unser Wirtschaftswachstum also angeblich zum Erhalt oder zur Neuschaffung der ArbeitsplĂ€tze, und entziehen im gleichen Atemzug anderen Staaten ihre Lebensgrundlage – und wundern uns ĂŒber soziale Unruhen außerhalb, aber zunehmend auch innerhalb der Festung Europas.


und Frieden auf Erden?

Ich glaube, die Buddhisten haben Recht, wenn sie behaupten, dass alles mit allem verbunden ist. Es ist schön, wenn wir behaupten können, Europa sei befriedet, wir leben im Wohlstand und wir können innerhalb Europas reisen und arbeiten, wie wir wollen. Es ist dies eine große Leistung der letzten Generationen, der Achtung gebĂŒhrt. Doch ich denke, wir sollten nicht an den Grenzen Europas Halt machen. Wenn alles, was wir tun, Auswirkungen auf diese Welt hat, hat auch alles, was Menschen außerhalb Europas tun, Auswirkungen auf uns, so sehr wir uns auch hinter Mauern und Einwanderungsgesetzen verstecken wollen.

Wenn unser Wachstum Menschen anderswo ihre Überlebensgrundlage entzieht, werden diese Menschen eines Tages an unsere Festungsmauern kommen und uns vor die ethische Verantwortung fĂŒr unsere fetten Jahre stellen. und wer garantiert uns dann, dass sich die Millionen verzweifelter Menschen noch an unsere Gesetze halten, die wir aufstellen, um sie draußen zu halten? Gesetze bauen auf das Gewaltmonopol des Staates, sie durchzusetzen, wie wir derzeit gut in der Ukraine sehen können. Kiew hat das Gewaltmonopol verloren, und das Recht des StĂ€rkeren scheint bereits um sich zu greifen, wie die vielen Toten bezeugen.

An dieser Stelle mögen einige von euch denken, all dies sei Gutmenschentum (welch seltsame Wortschöpfung, „Gut-Menschen“ als schlecht abzustempeln) und scheinheiliger Altruismus, und natĂŒrlich ist es eine idealistische Einstellung meinerseits, dass es möglichst vielen Menschen (bzw. auch der Umwelt) gut gehen soll. Aber es ist auch eine pragmatische Einstellung, denn wenn es anderen gut geht, kann ich ihnen auch vertrauen, dass sie mir nicht in der Nacht aus Verzweiflung den SchĂ€del einschlagen. Ich kann auf ihre Hilfe zĂ€hlen, wenn es mir selbst eines Tages nicht so gut geht. Und der Tag wird kommen, heute, morgen oder in einigen Jahren/Jahrzehnten.

Ein besseres Europa?

Ich denke, ein besseres (und dazu zĂ€hle ich auch ein sichereres, sozialeres und sinn-volleres) Europa wird nicht daraus entstehen, in allen europĂ€ischen LĂ€ndern ein möglichst hohes Wirtschaftswachstum entstehen zu lassen. Ein besseres Europa wĂŒrde versuchen, der Herausforderung, die aus dem Auseinanderklaffen der ProduktivitĂ€t der Unternehmen und dem Einsatz menschlicher Arbeit entsteht, kreativ zu begegnen. Teilzeit-Erwerbsarbeit sowie zusĂ€tzliche Sinnfindung in sozialer, solidarischer Arbeit erscheint mir ein Zukunftsmodell, auf dem man aufbauen könnte. Ich glaube, es wĂŒrde Sinn machen, schrittweise (!) die AbhĂ€ngigkeit von der Geldwirtschaft mit ihren Wachstums-ZwĂ€ngen anzugehen.

Es wird langfristig wenig Sinn machen, die Gesellschaft in ErwerbstĂ€tige und Arbeitslose zu trennen, als wĂŒrde nur eine Gruppe etwas zum gesellschaftlichen Wohl beitragen. GefĂŒhlte Zufriedenheit besteht aus mehr als dem Wirtschaftswachstum, es besteht auch in so schwer fassbaren Kriterien wie sozialem Zusammenhalt, DiversitĂ€t und Sicherheit. Eine Anerkennung dieser Faktoren als ebenso wertvoll wie der rein monetĂ€re Aspekt könnte zu interessanten Lösungen fĂŒhren.

Wo ist meine Europa-Partei der WeltbĂŒrger, der TrĂ€umer und VisionĂ€re in dieser Wahl?

Niklas