„Betreten verboten“.
Etwas an jenem Ort ließ ihn innehalten. Da war… Kraft zu finden in den tosenden Wassermassen, die durch das Wasserkraftwerk strömten. Der innere Widerstand, der Drang zur Konformität mit Regelungen, war heute nur seltsam abgeschwächt in ihm zu vernehmen. Und so folgte er ihr. Über den unter dem Andrang der durch tagelangen Regen und der einsetzenden Schneeschmelze angeschwollenen Fluten leicht schwankende Übergang aus Beton. Auf jene kleine mit Felsen bestückte Insel. Inmitten alles mitreißender Wassermassen, im Auge jenes Sturms, ließen sie sich nieder.

Hier, eigentümlich entrückt jener Welt des Alltäglichen, schien das Unaussprechliche Form annehmen zu können: Er hatte damals einen ungerechten Frieden akzeptiert, um jenen zu schützen, den er sich bedingungslos zu lieben verpflichtet wähnte. Nicht weil er Angst vor seinem Gegenüber gehabt hatte. Sondern weil er Angst davor gehabt hatte, was er jenem antun mochte, würde er all die Wut und Empörung an die Oberfläche treten lassen. Warum unterdrückte er all dies seit Jahren, warum wendete er dermaßen viel Energie darauf auf, die Konfrontation zu verhindern, auch wenn es ihn offensichtlich körperlich wie seelisch schleichend vernichtete? Da war Raum in ihrem fragenden Blick, Raum für die ganze Wahrheit.
„Weil ich kein Mörder sein will“, gestand er ihr stockend, entsetzt über die Macht seiner inneren Bilder. „Und er womöglich die Wahrheit nicht ertragen kann.“

Plötzlich war ihm, als müsse er in den Fluss. Zum Fluss werden. Entledigte sich seiner Schuhe, trat einige Schritte hinaus in die Fluten.
„Schrei es heraus!“, versuchte sie ihm Mut zu schenken.
„Ich tu mir so schwer mit sowas!“, rief er verzagt zurück. Nahm einige Steine aus dem Flussbett, spielte mit ihnen herum. Bemerkte, wie sich seine Atmung mit dem Auf und Ab des Flusses einzustimmen begann. Das Wasser mochte eisig kalt sein, aber Äußeres wurde ihm zunehmend egal.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“ ertönte es hinter ihm. Sie war mit ihm. Schenkte ihm Kraft, Mut.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“, erklang es erneut hinter ihm. Er begann zu schwanken, tiefer in den Fluss zu stolpern. Die Jeans hatte er bis zu den Knien aufgerollt gehabt, um sich nicht zu erkälten. Aber alle weise Voraussicht begann zunehmend an Wichtigkeit zu verlieren, während Vergangenheit und Zukunft zusammenschrumpften, bis sie in einem einzigen Punkt, der Gegenwart, kulminierten. Nun stand er fast bis zur Hüfte in den tosenden Wassermassen. Bekam endlich einen größeren Stein zu fassen, berührte Grund, spürte Kraft in der resultierenden Gegenkraft.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Stein erreichte beinahe das andere Ufer. Sein Körper begann immer unkontrollierter zu zucken, als sich die so lange aufgestaute und nun aufgepeitschte Energie gegen die selbst auferlegten inneren Schranken warf. Würde sie ihn nicht für völlig verrückt halten? Doch sie lächelte ihn nur weiter aufmunternd an.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Und der schützende Damm brach endlich völlig durch.

Wie lange er in den Wassermassen herumgestolpert war, wusste er nachher nicht mehr. Für einige Momente schien der Impuls fast übermächtig zu werden, noch tiefer hinein zu waten, sich von der Strömung tragen, mitreißen zu lassen. Da war so viel Tod in jenem Ur-Schrei gewesen, so viel Ungeborenes, Ungelebtes, das der unheiligen Gewalt des vermeintlich Notwendigen geopfert worden war, eine unüberschaubare Kettenreaktion an Verstrickungen, über Generationen hinweg. Aber da war auch dieser Mensch am Ufer, der ihm ein „Bitte bleib“ vermittelte. In dem so etwas wie eine lange verloren geglaubte Heimat zu finden war. Da war eine Alternative über jenen plötzlich so willkommen scheinenden Tod hinaus. Durch den Schmerz hindurch.

Vor Kälte zitternd, am Ende seiner körperlichen und seelischen Kräfte, erreichte er das Ufer, wo sie ihn umarmte und ihm lächelnd seinen Sweater überreichte. Völlig durchnässt brachte sie ihn nach Hause. Ließ ihm ein heißes Bad ein. Brachte Tee, Kekse, Liebe dar.

An jenem denkwürdigen Nachmittag, inmitten der Fluten und getragen von ihrer Liebe, hatte er es endlich vollends spüren können: es war sein Geburtsrecht, das er damals geopfert hatte, um diejenigen, die er liebte, vor ihrem eigenen Schmerz zu schützen. Ein Geburtsrecht, dass auch jene sich selbst einst verboten haben mussten. Das ihnen Angst machte, weil mit seiner Macht auch die Übernahme echter Selbstverantwortung und damit ein Wegfallen der allzu bequemen Opferthese einhergehen musste. Hatte unter Aufbringung all seiner Kraft das Aufwallen jener mächtigen Lebenskräfte in Zaum gehalten. Sich eingereiht in die lange Reihe seiner Vorfahren, die ebenso jenem lebensverneinenden Muster gefolgt waren.

Jenem anderen Pfad zu folgen, das eigene Geburtsrecht eines kraftvollen eigenen Weges anzunehmen und zu verteidigen – allzu viele „Betreten verboten“-Hinweise schienen dem im Weg zu stehen. Doch wie stabil war jene Welt der Verbote wirklich, und vor allem: wie notwendig? Was würde geschehen, würde jemand den Mut aufbringen, dem eigenen Pfad zu folgen, auch auf das Risiko hin, auf Widerstand zu treffen? Auch in der Bereitschaft, auftretendem Widerstand bisweilen zu überwinden, zu kämpfen, anstatt von vornherein Konflikten aus dem Weg zu gehen? War es wirklich vorrangige Aufgabe, bequem zu sein?

„Betreten verboten“, war wohl auch einmal auf dem Schild zu lesen gewesen, das die Grenze des damaligen Kriegsschauplatzes kennzeichnete. Doch die Schrift war mittlerweile verwittert, die einst verbrannte Erde fühlbar schwanger mit neuem Leben, wenn es auch noch nicht durch die alte Staubschicht gebrochen, sichtbar geworden war. Seine Wasser, einmal entfesselt, würden auch diesem Ort einen Neubeginn schenken. Hier war vor vielen Jahren eine Wahrheit gestorben. Weil er und andere sich aus vermeintlicher Liebe geweigert hatten, das ganze Ausmaß ihrer Macht einzusetzen, sie zu verteidigen. Hier erneut Fuß zu fassen würde eine Konfrontation womöglich unvermeidlich machen. Aber dieses Mal hatte er die Lügen durchschaut, die die Opferung der Wahrheit nur vermeintlich rechtfertigten.

Er nahm etwas Erde, wie er einige Tage zuvor einige Steine aus dem Flussbett genommen hatte, und schrieb lächelnd auf das verwitternde Schild: „Willkommen“. Zeit, andere Wege zu beschreiten. Setzte sich an jenen ihm für so viele Jahre verbotenen Ort. Tauchte ein in die Macht der Erde unter ihm, des Himmels über ihm, der Sonne, der Sterne, des Windes, des Flusses, des Lebens, von dem er sich nun endlich, nach so vielen Jahren, wieder hemmungslos umspülen, tragen zu lassen vermochte. Etwas in ihm war entfesselt worden, ein lange verloren geglaubtes Geburtsrecht wieder errungen und eine Wahrheit offen ausgesprochen. Dieses Mal würde er wohl nicht mehr vor der ihm eigenen Macht zurückschrecken, sondern sich ihr öffnen, hingeben, anvertrauen.

An jenem so lange verbotenen Ort der Wahrheit, zuhause in seiner Kraft, ihrem endlich wieder ungestörten Fluss, erwartete er die Ankunft seines Vaters.

Es war noch frühmorgens, vielleicht kurz vor sieben, als er den Bahnhof betrat. Die Reise ging nach Wien, eine Strecke auf mehrere Stunden, und so hatte er sich entsprechend langwierige Lektüre eingepackt. Nach einer kulinarischen Stärkung packte er jene aus und setzte sich gemütlich im Schneidersitz auf den Bahnsteig, um zu lesen.
Vertieft in das Buch, fühlte er sich nicht angesprochen, als eine Stimme ihn anrief. Erst als diese drängender zu werden schien, sah er auf und fand sich einem der Security-Mitarbeiter des Bahnhofes gegenüber.
„Sie sitzen hier auf dem Boden“, meinte dieser.
Da er nicht wusste, was er sinnvollerweise auf diese Feststellung des Offensichtlichen antworten hätten sollen, schwieg er in Erwartung weiterer Erklärungen.
„Dort drüben auf den Bänken sind noch Sitzplätze frei“, fuhr der Beamte fort.
Die Richtigkeit der Behauptung anerkennend, wartete er weiter darauf, was nun kommen wĂĽrde.
„Bitte setzen Sie sich auf eine der Sitzbänke!“, meinte der Mitarbeiter nun.
Als er einwenden wollte, dass er schlicht gern auf dem Boden saß, weil er es für gemütlicher hielt, näherte sich der Security-Mitarbeiter, bis er in Flüster-Reichweite war.
„Manche der Gäste hier fühlen sich dadurch gestört, wenn Sie hier am Boden sitzen.“
„Warum das denn?“, gab er verwirrt zurück.
„Nun, man könnte meinen, Sie wären.. man könnte Sie für einen.. Menschen ohne festen Wohnsitz halten.“
„Weil ich mich nicht auf eine der Sitzbänke setze?“
„Weil Sie sich nicht auf eine der Sitzbänke setzen.“
Noch zu müde, sich auf eine längere Diskussion einzulassen, stand er eben auf und setzte sich auf eine der metallenen Sitzbänke, die sich auch tatsächlich als so ungemütlich herausstellten, wie sie ausgesehen hatten. Erst versuchte er, sich von dem kurzen Geplänkel nicht irritieren zu lassen und einfach weiterzulesen, aber ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los, wurde zu einer Serie, einer Flut von Gedanken.
So weit sind wir also bereits gekommen, dachte er. Ich kann verstehen, wenn sich Menschen von offensichtlich betrunkenen, pöbelnden Menschen gestört fühlen, die sich entsprechend asozial verhalten, und dass es Aufgabe der Beamten sein kann, andere vor diesen zu schützen. Aber auf welche Weise kann ich jemanden stören, wenn ich auf dem Boden sitze und mein Buch lese? Weder sitze ich jemandem im Weg, noch zeige ich sonst eine Verhaltensweise, die andere aktiv stören könnte. Was bedeutet, dass ich gerade durch meine bloße Anwesenheit, durch meine bloße Existenz an diesem Bahnhof, einem öffentlichen Ort, zum Störfaktor geworden bin. Weil jemand aus meinem Verhalten geschlossen hat, dass ich einer bestimmten Gruppe von Menschen angehören könnte.
Er sah von seinem Buch auf, sah sich um an diesem Bahnhof, diesem öffentlichen Ort. Sah sich die Menschen, die sich an diesem öffentlichen Ort bewegen, aufmerksamer an als bisher. Tatsächlich funktionierte die Normierung des erwünschten Verhaltens hier offenbar ganz vorzüglich. Obdachlose waren hier keine zu finden, und nun fiel ihm erst auf, wie offensichtlich es zu sein schien, dass niemand der hier Anwesenden Obdachlosen oder einer der anderen „unerwünschten“ Randgruppen zuzuordnen war. Etwas.. fehlte hier, und nach einer Weile fiel es ihm auch wie Schuppen von den Augen, was dieses Etwas war: Graustufen. Es gab hier kaum mehr Zwischenräume, kaum mehr Raum für legale und damit geduldete Andersartigkeit.
Der Zug traf ein. Pünktlich auf die Minute. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, auf dem Bahnsteig zu bleiben, den Zug fahren zu lassen, und auf den nächsten zu warten. Einfach, um den Sicherheits-Beamten zu verunsichern. Es hätte bedeutet, seinen Termin in Wien zu verpassen, deswegen entschied er sich schlussendlich doch dagegen. Und doch.. fühlte er es nun wieder, das Potential der Zwischenräume, das sich aus den winzigen Entscheidungen des Alltages speiste, den winzigen Freiräumen, die, wohl genutzt, zu einem Fluss, einer unbändigen Flut der Freiheit werden konnte. Genau dort, an den Rinnsalen, den ursprünglichsten Zuflüssen, war die Gefahr am größten, die Macht der individuellen Entscheidung zu verlieren – schienen diese Entscheidungen für sich doch so klein und irrelevant…
So fängt es an, aufzuhören, dachte er, im Kleinen. Und so beginnt es von neuem, wenn wir den Mut dazu haben, uns die Zwischenräume zu erschaffen, die vorher nicht sichtbar waren. Indem wir den bekannten Raum ausdehnen und den so geschaffenen, noch nicht definierten Raum einnehmen.
Zwischen Räumen verdankt sich unsere Freiheit.
Das erste, was er im Zug tat, war, sich seiner Schuhe zu entledigen. Weil es gemĂĽtlicher war. Aber auch als ganz bewusstes, gewissermaĂźen politisches Statement.

(Anmerkung: das hier beschriebene Modell basiert ursprĂĽnglich auf der Arbeit von Ralf Bolle, einem deutschen Psychotherapeuten, der weltweit die Arbeitsweise von Schamanen, Heiler, Psychotherapeuten etc. erforscht und verglichen hat, um schlussendlich ein universelles Grundmuster dieser Arbeitsweisen herauszudestillieren. Ich habe sein Grundmodell dann in verschiedensten Situationen selbst angewandt, und es aufgrund dieser Erfahrungen fĂĽr meine Zwecke weiterentwickelt bzw. auch manche Bezeichnungen/Interpretationen angepasst.)

Das Modell – ein kurzer Überblick

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf beschreibt 4 Phasen, die in einer jeden transformativen Entwicklung durchlaufen werden.

  1. Alltag: Alles ist wie immer. Mit der Zeit jedoch wird eine Art Unzufriedenheit spürbar, eine Art innerer Drang zur Veränderung.
  2. Loslassen: Die Person erlaubt, einen Teil von sich loszulassen, sterben zu lassen.
  3. Erkenntnis: Die Person erkennt eine ihre vorherige Alltagswelt transformierende neue Ordnung.
  4. Die Person versucht, die gewonnen Erkenntnisse in ihren Alltag zu integrieren, um einen neuen stabilen Alltag zu schaffen.

In der Mitte des Kreislaufes findet sich das Element des „Übergangs-Gegenüber“. Diese Rolle wird etwa vom Therapeuten, Schamanen, Heiler eingenommen, der der Person dabei behilflich ist, vertrauensvoll loszulassen, was im Sinne der Persönlichkeit einem (teilweisen) Sterben und Wiedergeborenwerden gleichkommt. Im ursprünglichen Modell wurde der Begriff „Übergangs-Persönlichkeit“ gewählt. „Gegenüber“ erscheint mir jedoch passender, weil ebenso die Vorstellung eines Gottes, oder auch ein Tagebuch als „Gegenüber“ möglich ist. Relevant erscheint also nicht so sehr die konkrete Ausformung dieses „Gegenübers“, sondern der Glaube der Person an die Beständigkeit des Gegenübers über den eigenen „Tod“ (= Loslassen eines Teiles der eigenen Persönlichkeit) hinaus.

Auch findet sich die Unterscheidung des Modells in eine Alltagswelt und eine Unterwelt, bzw. in Bewusstsein und Unterbewusstsein. Dies ist einerseits relevant, weil zahlreiche Mythen in allen Kulturen Geschichten über Reisen in die „Unterwelt“ erzählen, die grob diesem Modell folgen, was interessante Schlussfolgerungen zulässt. Andererseits beschreibt die Teilung auch sehr deutlich die Schlüsselfunktionen des Loslassens auf dem Weg zum Unterbewusstsein sowie der Re-Integration in den Alltag.

Keine „Abkürzungen“

Es gibt in diesem Prozess keine konstruktiven „Abkürzungen“. Dies ist insofern relevant, als dass dies ein sehr gutes Modell für die Erklärung von Suchtverhalten jeglicher Art bietet. Wer etwa bewusstseinsverändernde Drogen benutzt, um direkt aus dem Alltag in die Erkenntnis zu „springen“, hat den Loslassen-Schritt übersprungen. Dieser jedoch ist notwendig, um innerlich den „Platz“ zu schaffen, um die Erkenntnis re-integrieren zu können, weswegen der Kreislauf nicht vollendet wird, und die Person zurück in den Alltag „fällt“, ohne eine langfristig transformierende Entwicklung durchgemacht zu haben. „Erkenntnis“ steht hierbei auch immer für eine Art von Verbundenheit mit einer höheren Ordnung.

Ebenso erklärt uns dieses Modell, warum gute Vorsätze alleine selbst mit höchstem Einsatz einer Person auf Dauer scheitern. Wer nicht gleichzeitig bereit ist, sich den Ursachen seiner zu ändernden Verhaltensweisen zu stellen und diese „sterben“ zu lassen, wird früher oder später trotz größter Anstrengungen in seinen gewohnten Alltag zurückfallen, weil für eine neue Alltagsordnung schlicht noch kein „Platz“ geschaffen wurde.

Die Bedeutung des Glaubens fĂĽr die Heilung

An dieser Stelle seien noch einige faszinierende Erkenntnisse und Hinweise erwähnt, die der Urheber des Modells bei seinem Vortrag erwähnte. Der Erfolg einer Behandlung hängt laut ihm in sehr hohem Maße vom Glauben des Patienten an die Behandlungsmethode ab. Eine zusätzlich relevante Einflussgröße ist der Glauben der dem Patienten nahestehenden Menschen an die Behandlungsmethode. Dieser Placebo-Effekt macht in manchen Studien, soweit ich mich an den Vortrag erinnere, knappe 60% des Behandlungserfolges aus – auch bei „normalen“ Krankheiten! Dies würde erklären, warum manche objektiv nicht nachvollziehbare Behandlungsmethoden (Esoterik etc.) trotzdem gute Ergebnisse erzielen können: die zu Behandelnden glauben daran, und dies könnte einer der relevantesten Aspekte sein.

Wenn wir das Modell akzeptieren, ermöglicht es uns, Krankheit völlig neu zu betrachten: nämlich als eine Form der Kommunikation unseres Körpers mit uns, dass wir uns (noch) weigern, einen Anteil unseres Alltags-Ichs „sterben“ zu lassen. Wenn dieser universelle Entwicklungskreislauf den natürlichen Verlauf beschreibt, dann ist unsere Weigerung, unsere an unseren Anhaftungen festzuhalten anstatt sie loszulassen wo nötig, eine Art innerer Widerstand, der gewissermaßen symbolisch Reibung bis zu Blockaden erzeugt -> wir laufen unrund, werden krank, womit uns unser Körper sagen will, dass er es nicht mehr lustig findet mittlerweile.

Diese Beschreibung mag medizinisch betrachtet ein wenig daneben sein, aber mir hilft sie erfahrungsgemäß, im Durchschnitt gesund zu bleiben. „Wieder gesund werden“ bedeutet damit nämlich keine Wiederherstellung des Vorherigen, sondern ein Vertrauen auf ein Neu-Werden nach dem Loslassen des Alten.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂĽr das Lernen

Aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer habe ich festgestellt, dass dieses Modell und seine Lehren sich 1:1 auf das Lernen übertragen lassen, und spätestens hier wird es wirklich faszinierend. Denn auch beim Lernen erscheint der Glaube an das Übergangs-Gegenüber (z.B. den Lehrer) die Hauptrolle zu spielen, sowohl der Glaube des Lernenden selbst als auch der Glaube seiner engsten Bezugspersonen. Anders ausgedrückt: die Heil- wie die Lehrmethode hat oft weniger Auswirkung auf die Heilungs-/Lernchancen als der Glaube aneinander, der sich (auch, aber nicht nur) durch die Beziehung zueinander ausdrückt.

Nun entsteht jedoch aufgrund unserer wissenschaftlichen Methodik an sich eine Problematik: diese Art von Beziehung zueinander lässt sich mit der sonst so nützlichen wissenschaftlichen Methodik derzeit noch schlicht nicht abbilden (warum, werde ich in einem weiteren Artikel irgendwann in den nächsten Wochen hoffentlich konkret und nachvollziehbar nachweisen können). Wissenschaftlich betrachtet handelt es wohl sich um einen blinden Fleck – der paradoxerweise möglicherweise einen Großteil der tatsächlichen Wirkkräfte pädagogisch/medizinischen Handelns ausklammert.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂĽr die Lebensgestaltung

Wenn wir das Konzept des universellen Entwicklungskreislaufes akzeptieren, so ergeben sich für mich einige auf den ersten Blick paradoxe Folgen für eine alltägliche Lebensgestaltung. Beispielsweise würde sich der Zusammenhang zwischen Zeit und der subjektiv erlebten Freude bei einem Menschen, der den Schritt des Loslassens „überspringen“ möchte, mathematisch in etwa so darstellen lassen:

Er wird versuchen, von seinem Alltagserleben durch Selbstmotivation oder Stimulation (Drogen, …) zu mehr Freude zu gelangen, aber seine Anstrengungen sind nicht dauerhafter Natur, bzw. fühlt er sich vielleicht sogar mit der Zeit unglücklicher, weil die langfristigen Folgen ihn zusätzlich bedrücken.

Ein Mensch, der dem Entwicklungskreislauf „willig“ folgt, wird hingegen einen Verfall seiner Freude empfinden, bis er eine Art absoluten Nullpunkt erreicht, an dem er einen Teil seines Selbst „sterben“ lässt, was ihm zu einer Erkenntnis und höchsten Glücksgefühlen verhilft. Mit der Zeit wird er sich wieder in einen relativ stabilen Alltags-Level an Freude einpendeln, bevor der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Möglicherweise (aber nicht notwendigerweise) ist dieser neue Alltags-Level durch seine Erkenntnis höher angesiedelt als der vorherige. Das sieht dann ungefähr so aus:

Was für mich dabei besonders spannend erscheint, ist, dass Symptome einiger bei uns als eher negativ beschriebenen psychischen Ausprägungen wie der Depression in vielen spirituellen Traditionen sehr ähnlich unter einem anderen Namen beschrieben werden. Nur ein Beispiel von vielen: Die „Dunkle Nacht der Seele“, die dem Zustand kurz vor dem Loslassen in unserem Modell sehr nahe kommt.

Wenn nun also einem depressiv verstimmten Menschen Medikamente gegeben werden, um seine Stimmung aufzuhellen, berauben wir ihn damit möglicherweise seiner spirituelle Entwicklung, weil wir ihm nicht erlauben, den Nullpunkt – das Loslassen – zu erreichen? Wenn das Modell stimmt, bräuchte unser depressiv Verstimmter dann womöglich nur jemanden, dem er absolut vertraut, und der diesen Nullpunkt mit ihm aushält. Ich habe von einigen interessanten Studien gehört, nach denen z.B. Schizophrenie in manchen Kulturen als Zeichen eines zukĂĽnftigen Schamanen/Heilers betrachtet wird, der daraufhin von anderen, erfahrenden Schamanen/Heiler ausgebildet wird…

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂĽr den Tod

Dieser Artikel wäre nicht vollständig, ohne das für mich Offensichtliche nicht zumindest zu erwähnen: die Überschneidungen mit den Reinkarnations-Konzepten einiger östlicher Traditionen sind für mich doch sehr offenkundig. Ein möglicher Schluss daraus könnte sein, dass wir die Reinkarnations-Lehren dieser Traditionen bisher fälschlicherweise als mehrere Leben, wie wir sie kennen, verstanden haben, obwohl doch eher „mehrere Leben“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb eines einzigen Menschenlebens gemeint waren.

Ein anderer ist es, dass das Konzept vom „Sterben“, wie wir es kennen, möglicherweise auch kein anderer Vorgang ist als ein weiterer Schritt in einem „universellen Entwicklungskreislauf“, bei dem wir eben dann nicht mehr in unserem bisherigen Körper mit einer weiterentwickelten Persönlichkeit wiedergeboren werden, sondern in anderer Form (oder auch gar nicht). Möglicherweise ist eine „Erkenntnis“ nichts Anderes als ein Sich-Verbinden nicht nur mit dem eigenen Unterbewusstsein, sondern in eine Art Mehr- oder sogar All-Bewusstsein (es gibt einige Hinweise darauf). Und irgendwann ist es einigen von uns vielleicht einfach zu blöd, danach noch eine Re-Integration in einen neuen (physischen) Alltag anzustreben (wie es ja im Hinduismus angestrebt wird soweit ich das verstanden habe).

Natürlich können dies am Ende (oder besser ausgedrückt: bis zum Ende) nur Spekulationen bleiben. Trotzdem ist für mich auffällig, dass dieses Modell sowohl in der Heilung, im Lernen, in den meisten Mythen (siehe auch „Der Heros in Tausend Gestalten“) wie auch den meisten religiösen Traditionen wiederzufinden ist.

Seit ich vor einigen Jahre erstmals in einer Vorlesung des erwähnten Therapeuten Ralf Bolle von diesem Modell gehört und darüber geschrieben habe, haben mir unzählige Menschen, denen ich davon erzählt habe, unabhängig voneinander erzählt, wie wertvoll es auch in ihrem Leben bereits gewesen ist. Deswegen war es mir wichtig, nun noch einmal eine aktualisierte Zusammenfassung zu verfassen.

Niklas

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote Fäden sich ergeben
Während Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
Lärm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂĽttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂĽcklich ĂĽberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂĽnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂĽde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, dränge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den Träger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂĽtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂĽrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂĽrde

Jahrzehntelang hatte er dagegen angekämpft. Hatte sich eingeredet und einreden lassen, was denn so als korrektes Verhalten gelte, was denn zu gutem Ausgang für alle Beteiligten führe, was denn richtig wäre. Oh er fühlte das brennende Bedürfnis, es richtig zu machen! Es seinen Mitmenschen Recht zu machen! Ihre Liebe zu erringen, ihren Schritten nachzufolgen, einer von ihnen zu sein. Zu glauben, Teil einer größeren Wahrheit zu sein, zum größeren Glück der Menschheit beizutragen. Aber die Zweifel waren geblieben. Die Fakten würden doch für die alten Wege sprechen, wurde ihm gesagt. Aber es waren die Fakten, die dem Zweifel Aufwind schenkten. So viele Scheidungen. So viele Affären. Konnte es wirklich nur an den Fehlern der Menschen liegen?

Er hatte sich geschämt dafür was er tat, hatte es im Dunkel der Nacht getan. Hatte sich abgesichert mit Worten und Regeln, sich einen Raum geschaffen, zu erfahren, statt nur zu wissen. Was er fand, entfloh seinen Worten, blieb vage, unerreicht. Er hatte Antworten gesucht, und nur weitere Fragen gefunden. Warum war es falsch zu lieben? Falsch zu begehren? Warum schämte er sich dessen, was er doch in sich fand? War es dermaßen vermessen, wahrhaftig zu sein?

Und dann hatte er sie getroffen. Diese eine andere Seele, die sein erhitztes Haupt und Herz kühlte und ihm Wärme schenkte, wenn er drohte zu erfrieren. Die so verletzt war, so zutiefst erschüttert von der Erkenntnis ihres realen Innenlebens und der Erfahrung, dass die Welt im Außen keinen Platz wusste für die wahre Gestalt ihrer Seele. Deren Hand er gehalten, in deren Schoß sein ruheloser Geist Frieden gefunden hatte. Die mit ihm war in seiner verzweifelten Suche nach der Wahrheit, die genauso unfähig wie er war, in weniger als in Wahrheit zu leben und wie er gar nicht anders konnte als die Konsequenzen ihrer Wahrheit zu ertragen. Gemeinsam hatten sie gelernt, die Blutungen zu stoppen und die Narben mit Stolz zu tragen.

Später hatte er andere Seelen gefunden, die ihn riefen, ihr Wegbegleiter zu sein, ihr Führer auf ihnen allen unbekannten Wegen. Niemand wusste, wohin der Weg sie führen würde, aber sie alle schienen zu spüren, dass sie fort mussten, fort von altbekannten Pfaden, altbekannten Wunden. Und plötzlich war da Raum. Raum für Ängste, Raum für Scham, Raum für Trauer, Raum für Begehren, Raum für Lust. Raum, ihn mit Wahrheit zu füllen. Und zaghaft begann er, zu vertrauen.

Er sah die Ozeane eines Augenpaars und fühlte die Wahrheit einer Verbindung, noch bevor er ihre Lippen auf den seinen spürte. Am Tag nach ihrem ersten Kuss hatte er ihr davon erzählt, in angstvoller Erwartung, in seiner Wahrheit von ihr zurückgewiesen zu werden, doch seine Angst war unbegründet gewesen. Diese Seele fragte nach nichts als seiner Wahrheit. Und irgendwann stellte er fest, dass er sie dafür liebte wie nichts und niemand anderen sonst in dieser Welt. Mit ihr wagte er es, in Wahrheit zu sein. Mit ihr wagte er es, all die Normen und Glaubensbeweise hinter sich zu lassen, bis er keinen einzigen rationellen Grund für ihre Liebe mehr anführen konnte. Er brauchte keine vertrauten Formen mehr, keine Stützen seines Glaubens, denn wider alle Logik wusste er, dass er in einer einst ungeahnten Tiefe zu ihr gehörte und sie zu ihm.

Und so musste er schmunzeln, als eine weitere junge Frau in sein Leben tanzte und er auf den ersten Blick fühlte, dass sie Liebe füreinander empfinden würden. Sie würden den üblichen Tanz, die üblichen Missverständnisse durchleben, die Liebende eben zu überwinden hatten, aber zumindest für eine gewisse Zeit würde zwischen ihnen Liebe fließen dürfen, das wusste er vom Moment an, als er sie erblickt hatte. Er würde ihr davon erzählen, und sie würde sich freuen, an seiner Wahrheit teilhaben zu dürfen. Dass er mit ihr wagte, was sonst kaum jemand wagte: miteinander der Wahrheit treu zu bleiben.

Und diese Wahrheit, reduziert von allen etablierten Formen, war sehr simpel: Er liebte sie mit aller Macht seines Herzens, und wie sie fühlte auch er Liebe für viele weitere Seelen. Es gab für sie keinen ersichtlichen Grund, von einem Mangel an Liebe auszugehen. Es fehlte vielleicht an passenden Formen und Namen, aber im Grunde waren sie auch irrelevant, denn wider allem erlernten Wissen über die Notwendigkeit der Einhaltung bewährter Formen wussten sie, dass ihre Liebe Substanz hatte.

Ich habe deine Meinung angehört.
Ich habe deine BĂĽcher gelesen.
Dann habe ich darĂĽber nachgedacht.

Ich habe mich an neuen Erkenntnissen erfreut.
Ich habe über alte Wahrheiten gelächelt.
Dann habe ich Ehrfurcht erfahren
Vor der Anmut und Unendlichkeit des Lebens.

Doch deinen Glauben anzunehmen
DafĂĽr erschien es mir noch zu frĂĽh
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe deinen Körper berührt.
Ich habe die SĂĽĂźe deiner Lippen gekostet
Dann war ich voller GlĂĽck.

Ich habe deine Formen nachvollzogen.
Ich habe deinen Splitter des Immerwährenden erkannt.
Meine Seele dehnte sich, bis sie auf die deine traf
Und fĂĽr einen Moment waren wir zuhause

Doch deine Angst und Heilmittel anzunehmen
Ward mir in meiner Seele verboten
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch

 

Ich bin stundenlang durchs nasse Gras gelaufen.
Ich habe zwei Tage im Bett verbracht.
Dann habe ich mich wieder gespĂĽrt.

Ich habe mich an deinem Lächeln erfreut
Ich habe das Glück der Welt in Händen gehalten
Es umgedreht, und sodann, beschwert vom UnglĂĽck
War fĂĽr einen Moment ein stabiler Mittelpunkt zu finden

Doch zu verweilen an jenem Punkt der Stille
Mehr als einen Augenblick…
Ich hoffe, du verzeihst –
Wir leben noch.

 

Ich habe Jahre nach dir gesucht.
Ich habe dich jahrelang gefunden
Bis ich dich endlich erkennen konnte.

Ich habe mir so lange die Seele aus dem Leib gesungen
In der schallgeschützten Kammer meines Körpers
Du hast ihm die wahrhaftigen Töne entlockt
Und sie mit den deinen veredelt.

Froh locken, laden wir nun also die Welt zum Fest der tanzenden Seelen.
Verängstigt droht sie uns mit dem Unglück, das man gegen uns führen könnte.

Doch so sehr sie sich mĂĽhen, die HĂĽllen zu verletzen
Das Wahre kommt nur umso rascher ans Licht
Wir hoffen, sie können verzeihen –
Wir leben noch

 

Und wenn der Tag kommen wird
An dem die Endlichkeit in mein Leben tritt
Werde ich ihr gegenübertreten können.

Sie wird mit mir sprechen wollen.
Sagen, Aus! Nun ist es zu Ende!
Fragen, Hast du denn wahrhaftig gelebt?

Dann werden wir ihr sagen können: Ja!
Wir haben das Unverzeihliche gewagt:
Wir haben wahrhaftig gelebt.

Ich möchte mich fĂĽr die 2-wöchentliche Unterbrechung entschuldigen – die letzten Wochen waren in vielerlei Hinsicht schwierige Wochen – aber jetzt geht’s (hoffentlich auch im ĂĽblichen Rhythmus) erstmal wieder weiter. Danke fĂĽr eure Geduld!

Es war seltsam, wie ihm dieses Wort nun immer häufiger in den Sinn kam, war es doch ein Wort, mit dem er sich ansonsten selten beschäftigt hatte, den tieferen Sinn als ohnehin gegeben angenommen hatte. Doch nun, erschüttert von inneren Zweifeln, wie weit Integrität ihn bisher getragen, wie weit sie ihn wohl noch tragen würde, tauchte es immer wieder unvermittelt auf. Bisher, so erkannte er jetzt, war es noch immer irgendwie gutgegangen. Vielleicht hatte er einfach Glück gehabt, oder die Alternativen gar nicht in Erwägung gezogen, hatte ihn ein nicht angreifbarer, weil impliziter naiver Glauben an das Gute im Menschen weitergetragen, vor weitreichenden Entscheidungen beschützt.

Seit er 14 war, hatte er nicht mehr gelogen, aber es anderen im Zweifelsfall nachgesehen, wenn sie den Verlockungen ihrer „Notlügen“ erlagen. Sie hatten eben nicht das Glück gehabt, die Konsequenzen unwahren Handelns schon in jungen Jahren so intensiv wahrnehmen zu dürfen wie er, waren wohl noch am Weg. Aber nie hatte er in Zweifel gezogen, dass sie sich auf einem Weg befanden, und noch weniger die Richtung dieses Weges, die die Mehrheit der Menschen zu wählen pflegte. Doch nun, zum ersten Mal in seinem Leben, regte sich nagender Zweifel in ihm. Was, wenn er seine Entscheidungen, sein Handeln auf Illusionen baute?

Das ist eben so, hatte der Freund gesagt, und: es ist sinnlos, da Energie zu verschwenden oder überhaupt darüber nachzudenken. Kein Wunder, dass du so oft krank bist. Das macht kein anderer Mensch. Schau, dass du deinen Job bekommst, und dann kannst du vielleicht irgendwas machen. Da muss man einfach durch. Doch wer war man noch, nachdem man „durch“ gegangen war, durch jene Maschine? Was hatte man noch zu geben, wenn man aufgab, woran man glaubte, um an jene Position zu gelangen, von der aus man glaubte, geben zu können? Du denkst zu viel nach, hatte der Freund darauf nur gemeint, das tut dir nicht gut, kostet nur unnütze Energie. Alle anderen machen es ja auch.

Alle anderen? Nein, er kannte Menschen, die integer waren, die verlässlich waren, auf die man vertrauen konnte. Aber waren sie nur die Ausnahme der Regel gewesen, wie der Freund behauptet hatte? War es wirklich so unintelligent in dieser Welt, das Richtige zu tun, weil es einem im Grunde nur Nachteile brachte? War die Welt im Grunde schlecht, oder wurde sie, wie die älteren Mitglieder der Gesellschaft gerne zu behaupten pflegten, tatsächlich immer schlechter?

Es war, wie er nach einigen Tagen eines psychisch-seelischen Ausnahmezustands feststellte, an ihm selbst, diese Frage für sich zu beantworten und mit den Konsequenzen zu leben. Ja, das System, in das er sich begeben würde, belohnte Unaufrichtigkeit mehr als Integrität. Aber keine bösartige Macht hatte es verbrochen, nur die Folge eines kraftlosen Glaubens, der sich aus der Realität ableitete, anstatt die Realität den Hoffnungen eines starken Glaubens annähern zu wollen. Glauben – es war seltsam, dieses Wort in sich zu spüren, als gehöre es zu ihm, hatte er doch seit vielen Jahren keine Kirche mehr freiwillig besucht, nachdem er als Kind erkannt hatte, wie unwahrscheinlich die Geschichten über Gott erschienen. Aber den Glauben, wenn schon nicht an einen Gott, dann zumindest an die Menschen oder zumindest das Potential, das Göttliche im Menschen, den hatte er sich bewahren können. Gott als Projektion selbst war ihm irrelevant geworden, aber die Idee, etwas zu dienen, was größer war als man selbst, die Bereitschaft, die sofortige eigene Befriedigung einem größeren Zusammenhang unterzuordnen, war für ihn die Grundlage dessen, was die Menschen Hoffnung zu nennen pflegten.

Gab es nur ihn alleine, hatte er nur Verantwortung für sich alleine zu tragen, war er in Wahrheit allein in dieser Welt, so war es tatsächlich unsinnig den eigenen Vorteil für das Wohl aller in Frage zu stellen, wie der Freund behauptet hatte. Aber so sehr ihn manchmal die Furcht übermannte, ihn prüfte, ihn in die dunkle Nacht des Glaubens warf, so wusste er auch, dass er niemals ganz alleine sein würde, solange er noch zu hoffen wagte, zu vertrauen wagte. Vertrauen, das hatte etwas mit trauen zu tun, mit Mut, aber auch mit Bindung, und er fühlte sich seinen Mitmenschen verbunden, auch wenn er oft Schwierigkeiten hatte, ihre Liebe anzunehmen. Doch darum ging es nur am Rande.

An erster Stelle ging es um die Erfüllung einer heiligen Pflicht, die ihm sein Glaube auferlegte: an den guten Willen der Menschen zu glauben, selbst wenn nichts in der Welt noch auf ihn hinweisen würde. Denn Glaube war mehr als nur Illusion, ein Glaube, der stark war und sich auf Integrität stützte, war fähig, die Realität der „Illusion“ anzunähern. Es gab keine Medaillen, keine Belohnungen für heilige Pflichten, nur die Gewissheit, seinem Gewissen zu folgen, das Gefühl, ganz zu bleiben, sich nicht aufteilen, zersplittern, verkaufen zu müssen.

Nein, Integrität war nicht mehr gegeben gewesen, war kein Fixum mehr, sondern eine tagtägliche Entscheidung, ein tagtäglicher Kampf geworden. Aber es war ein heiliger Kampf, ein wilder, zornig ausgetragener und doch heiliger Kampf, der ihn ängstigte, niederwarf, Schmerz fühlen und bluten ließ, aber auch daran erinnerte, dass es noch etwas zu verlieren gab, dass es noch Werte in ihm gab, die sich zu verteidigen, für die es sich zu kämpfen lohnte, kostbarstes Gut aller Güter.

Nun, auftauchend aus dem Nebel der angeblichen Notwendigkeiten und Zwänge, sah er wieder klar: die Nacht war vorüber. Die ersten Sonnenstrahlen lockten, die ersten Knospen brachen durch das Eis, und eine wunderbare Lebendigkeit kam über ihn: der herrliche Duft des Frühlings wehte erneut in seinem Herzen.

Schon lange hatte er den alten Bekannten nicht mehr gesehen gehabt, der ihn jetzt unverbindlich grĂĽĂźte. Vor Monaten – oder waren es bereits Jahre? – hatten sie mal einige Wochen hintereinander miteinander gesprochen, Freude aneinander gefunden. Auslöser war ein Apfelstrudel gewesen, den er – wie fast jedes Mal, wenn er sie besuchte – von seiner Oma bekommen hatte und den er dann ins Lokal mitnahm, um ihn zu verteilen. Der andere hatte damals zufällig Geburtstag gehabt und sich besonders darĂĽber gefreut. Zum Ausgleich hatte er ihm als DJ des Lokals einige Wunschlieder mehr gespielt, und so hatte sich so etwas wie eine Bekanntschaft entwickelt. Doch in Ermangelung von Apfelstrudeln war der Kontakt dann irgendwie abgebrochen, mehr zufällig geblieben als Ausdruck einer tatsächlich vorhandenen Verbindung. Nun, als der andere vor ihm stand, folgte er einem inneren Impuls und schlug vor, doch auf die Treppe zu wechseln. Dort war die Musik zwar noch hörbar, aber in einer Lautstärke, die ein Gespräch ermöglichte.

Zwei Stunden später fiel ihm erst auf, wie intensiv das Gespräch geworden war. Der andere war vor Monaten in die Politik gegangen, um zu verändern, und war gescheitert – aber keineswegs verbittert. Rasch waren Bezüge zur eigenen Situation hergestellt, war das Gespräch zu einer Art von Mentor-Gespräch geworden. Erst jetzt war ihm aufgefallen, dass er seine eigene Sache zwar für sich vehement verteidigte und Lösungen zu finden suchte, aber mit kaum jemand darüber sprach. Als würde er sich nicht getrauen, offen darüber zu sprechen, oder als würde es ohnehin niemanden interessieren. Doch der alte Bekannte interessierte sich außerordentlich dafür, stellte kluge Fragen, bot mögliche Lösungswege für verzwickte Situationen an und teilte seine Erfahrungen in ähnlichen Situationen. Irgendwann wurde es doch zu kalt auf der Treppe, und sie trennten sich, erfrischt von der unerwarteten Tiefe des Gesprächs.

Eine Weile später lernte er einen jungen Mann kennen, der ihn in ein Gespräch über Flüchtlingsfragen und die diesbezüglichen Fragen betreffend dem Bildungssystem verwickelte, und stellte fest, dass er dazu einiges beizutragen hatte. Rasch entwickelte sich das nächste tiefe Gespräch. Und wieder einige Zeit später traf er noch einen alten Bekannten, mit dem er – nun geübter darin – nicht nur seine Erfahrungen, sondern auch seine Sorgen, Herausforderungen und Visionen teilte, und merkte, dass dies auch den Bekannten veranlasste, sich ihm mehr zu öffnen. Alle hatten sie ihre Sorgen, Enttäuschungen, alle ihre Hoffnungen, die sie verbanden – und ab dem Moment, an dem er auch die seinen mit ihnen teilte, entdeckte er darin den Schlüssel zu dieser Verbundenheit wieder, den er vor so vielen Jahren einst in den Wirren des vermeintlichen Erwachsenwerdens verloren hatte.

Damals, enttäuscht von der Erfahrung, dass selbst die tiefsten Bindungen nicht standzuhalten schienen, wenn er seine ganze innere Welt mit anderen Menschen zu teilen versuchte und nicht nur die schön lackierte Seite, hatte er für sich beschlossen, „erwachsen“ zu werden, un-abhängig, selbstständig. Irgendwann jedoch war ihm zunehmend bewusst geworden, dass seine Art der Selbst-Ständigkeit dazu führte, dass er in Wahrheit ständig nur auf sich selbst bezogen war, sich nur um sich selbst zu kümmern vermochte. Weil die Erfahrung ihn lehrte, dass sich niemand, selbst die älteren, wohl doch weiseren Erwachsenen, im tiefsten Inneren um andere Menschen scherten. Wohl übernahmen sie Verantwortung, erfüllten die Pflichten, die Gesetz und gesellschaftliche Normen ihnen auferlegten. In Wahrheit war der Mensch am Ende aber doch allein, und hatte sich wohl damit abzufinden. Darin bestand die Weisheit der Welt, und innere Größe darin, sie zu akzeptieren.

Nun jedoch, nach jener intensiven Nacht nachhaltig berührt, ließ ihn ein Gedanken nicht los: was, wenn er die Wahrheit verkannt hatte? Was, wenn nicht die Welt ihm verwehrte, mit ihr verbunden zu sein, sondern er es schlicht nicht mehr zuließ? Es war ein quälender Gedanke, der alten Schmerz und mit ihm noch viel älteren Schmerz aus der Tiefe hervorbrechen ließ. Doch auch wenn der Automatismus, den er im Laufe der Jahre entwickelt hatte, ihn davor schützte, den Schmerz zu fühlen, war nun etwas anders. Er wusste nun, dass er sein Leben auf einen Schutzmechanismus baute. Ihm vielleicht sogar sein Überleben verdankte. Aber zu welchem Preis? War es wirklich weise, Leid zu vermeiden, wie die Buddhisten zu behaupten schienen, wenn der Preis dafür war, sich von allem in der Welt abzuschotten?

Erschüttert erkannte er nun, dass er Herr über sein Leben war – selbst über seine Einsamkeit. Dass sein Grundsatz der radikalen Selbstverantwortung möglicherweise nur eine ins Gegenteil verkehrte Reaktion auf übergriffige Erfahrungen war, eine Art Vergeistigung eines akuten Problems, die aus einem konkreten, unerfüllten Bedürfnis eine starre Ideologie geformt hatte, die selbst er als Urheber kaum mehr zu durchbrechen vermochte. Seine Gedanken waren klar gewesen. Messerscharf hatte er die Begriffe herausgearbeitet, die Handlungsanweisungen seiner Ethik daraus abgeleitet. Es klang sehr einleuchtend, was er daraus zog, und vermied viele unnötige Konflikte.

Aber – und das erkannte er nun mit Erschaudern – es hatte auch die notwendigen Konflikte verhindert. Jene, an denen er hätte wachsen können. Aus seiner Maxime des friedvollen Umgangs miteinander war die Diktatur eines erzwungenen Friedens geworden – mitsamt friedfertigem Abbruch der Beziehungen, wo es notwendig war, um Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, bis hin zu seiner letzten grandiosen Idee, den Kontakt dort gar nicht mehr entstehen zu lassen, wo den Frieden gefährdende Folgen abzusehen waren. Und so hatte er in einer friedlichen, unanstrengenden Welt gelebt und sich beizeiten über jene leicht amüsiert, die noch in jener anderen, konfliktbehafteten und oft grausamen Welt lebten. Nur: das war eben der springende Punkt. Sie lebten in einer anderen Welt. Er lebte in einer anderen Welt, die er sich für sich geschaffen hatte und in die ihm kaum jemand zu folgen vermochte, weil er weder Lust verspürte, sie zu verlassen noch Lust verspürte, andere einzulassen. Kein Wunder, dass er sich oft einsam fühlte.

Aber das war nun vorbei. Wenn es stimmte, was Raul Seixas in seinem Lied besang, dass jeder Mensch ein Universum war, dann gab es auch außerhalb seiner schönen Welt noch einiges zu entdecken, einige Freundschaften zu schließen und an einer gemeinsamen Welt zu bauen, die sich für alle gemeinsam wohlig und behaglich anzufühlen vermochte. Dazu brauchte es alle, auch ihn. Es war an ihm, seine Geschichte zu erzählen, und an ihm, den ihren zuzuhören. Auch, um sich gegenseitig zu helfen, Probleme zu lösen, was er all die Jahre gerne getan hatte. Aber zuallererst, um sich gegenseitig ganz persönliche Geschichten zu erzählen, von sich zu erzählen, von der einzigartigen Sicht der Dinge, die ein jeder mit sich trug und die dazu beitrug, die Welt reicher zu machen. Dies – so erkannte er nun nach einer wild durchträumten Nacht – war eine notwendige Essenz des gemeinsames Seins, ohne die all seine Klarheit und sein Frieden nutzlos war: zu teilen, was man sah, was man fühlte, was einen belastete, worauf man hoffte. Zu teilen, und damit nicht mehr einsam, sondern gemeinsam zu sein.

In einer Welt und Zeit, in der es üblich geworden war, alles zu teilen außer das, was tatsächlich gerade in einem wohnte, würde es schwer sein, eine Lanze für das wahre Innere zu brechen, ihm Raum zu geben. Dieser Raum, so sagte man sich, war das Private, das Heimliche, das Für-Sich-Sein. Und doch brauchte es genau diesen Raum auch im Öffentlichen, das spürte er nun deutlich. Es brauchte die Mutigen, die ihre Tränen zu zeigen vermochten, wo Tränen angebracht waren, brauchte den öffentlichen Raum für den Schmerz, die Hoffnung, das Echte. Brauchte er selbst ihn. Und gerade darum war es auch seine Aufgabe, diesen Raum für sich und andere zu schaffen wie ihn auch einzufordern. Es war Zeit, hinter die Schutzmechanismen zu blicken. Die starren Ideologien zu durchbrechen und wieder in eine Art von Fluss zu kommen. Lebendig zu werden. Sofort sprang wieder der Mechanismus an, wollte ihn schützen – doch wovor? Und was konnte ihn noch erschüttern, wenn er nicht mehr alleine war, es zu ertragen, sich endlich die Tür öffnen traute, andere miteinzulassen, sein Leben mitzutragen?

Alles, sagte die Angst, alles kann dich erschĂĽttern, vernichten. Nur mich alleine, antwortete er ihr liebevoll. Aber ich bin nicht mehr allein. Diese Fesseln habe ich nun abgelegt.

Dies ist der zweite Teil eines Textes, den ich fĂĽr den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte. Ein Hinweis fĂĽr die Hetze-Jäger, die das Internet mittlerweile unsicher machen: in diesem Text versetze ich mich in die Rolle eines Agitators mit der Persönlichkeits-Struktur, die ich im ersten Text beschreibe. Er gibt nicht meine Vorstellung einer besseren Welt wider. Es ist erschreckend, wie einfach es ist, solche Hetze zu schreiben, denn Vorbilder findet man auch in der aktuellen Politik genug. Etwa, dass es sich mittlerweile fast quer ĂĽber die Parteienlandschaft etabliert hat, Migranten als “problematisch” zu bezeichnen (ob als kriminell oder als Kostenfaktor), bevor sie ĂĽberhaupt irgendetwas angestellt haben. Plötzlich mĂĽssen sie beweisen, dass sie konstruktive Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sein werden. Und selbst die, die sich positiv hervorheben, ändern nichts an dem unterschwelligen GefĂĽhl. Einer der Grundsätze der Rechtssprechung, der uns vom Stalinismus und Hitlerdeutschland unterscheidet, ist nicht nur gefährdet, sondern zumindest fĂĽr bestimmte Gruppen offensichtlich bereits weitgehend abgeschafft: Auf Wiedersehen, Unschuldsvermutung.

Die haben geglaubt, gehofft, es sind ja doch nur ein paar Wahnsinnige – aber sie haben sich geirrt, meine Freunde! Wir sind bei über 30%! Denn es geht nicht darum, wer Recht hat, wer Recht gebrochen hat, und wer es wieder zusammenflicken soll. Es geht ums gute, rechte Gefühl! Ums hoffnungsvolle Gefühl, dass unsere Wahrheit sich gegen die Lügen der Mächtigen am Ende doch durchsetzen wird. Wir bringen Bewegung ins Land!

Als erstes nehmen wir uns der Schmarotzer an, die unserem Volk das Blut aussaugen: die Ausländer! Diese waren uns ja immer schon verdächtig – und zu Recht! Unsere lustigen Gutmenschen da meinen dann immer, de sind ja gar ned so schlimm. Die sind ja gar ned alle kriminell. Aber geht’s darum? Nein! Es geht ums Gefühl! Ist ja wurscht, ob die jetzt schon was angestellt haben. De sind trotzdem alle kriminell in Wahrheit. Das werden wir denen schon noch nachweisen.

Des Problem war ja bisher immer, dass de Mächtigen das verhindert haben. Die haben ja immer verhindert, dass das einfache Volk autonom denkt und wird. Und die, die des ändern wollten, so wie zum Beispiel da Nikolaus Tesla mit seiner Energiemaschine, de habns glei moi umbracht. So is des nämlich, de Mächtigen biegen sich de Wahrheit schon a bisserl hin wies de brauchen. (Spöttisch) Na, den haben mir ned umbracht den Tesla. Der is vo selber gstorbn. Ja sicher! Und was war mim Hitler damals? Is der a vo selber gstorbn, vo eigener Hand wahrscheinlich a nu, wollns uns das erzählen? (Bestimmt) Der hat was fürd Wirtschaft tan der Mann, des war halt nu a Visionär seiner Zeit. Hat a bisserl mehr Straßen baut wie da Pühringer heute. Der hat international gedacht! In Infrastruktur investiert! Hat auf Tausend Jahr ind Zukunft bauen wollen und ned nur bis zur nächsten Wahl!

Des mid de Wahlen is ja gefühlt sowieso a Topfn. De schachern si de Posten zu, dass a Graus is, und wos habn wir Wähler davon? Nix! De könnma eigentlich glei abschaffen a. Spar ma si de ganzen Posten vo Bundesrat bis Parlament, de sitzen jo eh nur da und lesen Zeitung. Zeitung lesen! Als wenns damit das Volk weiterbringen würden! Habns mal de Sendung Parlament auf ORF 2 gseng? Nein? Habns nix verpasst!

Aber jetzt wird sowieso olles anders. Wir gehen nach Fähigkeiten. Die meisten Frauen haben halt eher die Fähigkeit zum Kochen vom Herrn mitbekommen, und putzen könnens a ganz gut, die Damen. Zumindest besser wie die Männer, und irgendwer muss das ja machen. Dann iss ja deppert, wenn das derjenige macht, der das nicht so gut kann! Das ist angewandte Wirtschaftskompetenz, meine Damen und Herren! Und die richtigen Männer brauchen wir bald wieder für ganz andere Aufgaben. Sie wissen schon.(Verschwörerisches Zwinkern ins Publikum) Die Mächtigen wollen uns was erzählen von Rechtsstaatlichkeit, obwohls doch in Wahrheit a völliger linker Haufen ist! Da stimmt doch etwas nicht! Da muss ein Mann mit echtem Rechts-Bewusstsein doch aufstehen und sagen: Ich glaube, da muss sich etwas ändern! Ich sage euch heute: da wird sich auch etwas ändern!

Die wollen uns weißmachen, dass es keine Probleme gibt in diesem Land, dass alles friedlich ist. Dass es der Wirtschaft gut geht, oder zumindest besser als sonstwo, und damit uns allen. Aber könnt ihr das auch fühlen? Nein! Sind es Stümper, die uns führen? (Verächtlich) Haben sie vielleicht einfach Pech gehabt in ihren Entscheidungen? Nein! Alle habens studiert! Auf Steuerkosten! Haben wir zahlt! Sie halten sich für schlau. Aber wir haben sie durchschaut! Wir befinden uns längst im dritten Weltkrieg. Geführt mit den Waffen der kulturellen wie finanziellen Unterwanderung! Aber wir sind wir, nicht ihr, und wir wollen wir bleiben! Und deswegen, all ihr anderen: schleichts euch ham!

Und wenn diese ganzen Ausländer an unsere Grenzen klopfen, wir werden ihnen von unseren stabilen Mauern deutschstämmiger Handwerkskunst aus zusehen. Wir werden auf sie runterspucken können, auf diese Unterwanderer, damits auch gleich sehen, wer auch menschlich über ihnen steht. Und wenn wir sie innerhalb unserer Grenzen vorfinden: wir werden sie verhaften müssen, wenns so deppert sind, si reinzuschleichen statt raus. Ned Deutsch glernt, kein Integrationswille. Da siagt mas wieder! Abschieben in ihre Heimat wollten wir sie ursprünglich nur, human wollten wir sein. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten! Aber die Mächtigen wollen es nicht! Also gut, werden wir Lager bauen müssen, um sie unterzubringen. Hat sich ja auch früher schon bewährt. Da werden die Mächtigen schön schauen, wie schnell da die Asylströme versiegen werden, wenn erst die rechten Maßnahmen getroffen werden!

(Zum Publikum) Der freundliche Herr in der ersten Reihe, wie heißen Sie? Der gibt mir irgendwie auch ein schlechtes Gefühl. Der gefährdet uns die Volksgesundheit mit seinem schlechten Gefühl! Wahrscheinlich fühlt er sich auch noch unschuldig, der feine Herr! Kommen Sie, was haben Sie angestellt? Na, irgendwas müssen Sie schon angestellt haben – woher sonst kommt denn mein Gefühl? Können Sie Ihre Unschuld beweisen? Nein? Sehen Sie! (wendet sich ab, murmelt zu sich selbst) Gerade war ich noch gut drauf gewesen. (Zum Herrn im Publikum) Na, Ihren Namen habe ich ja nun, den Rest werden wir schon herausfinden. Freuen Sie sich auf Besuch. Da sind wir mittlerweile sehr effizient geworden…

(Geht zurück zum Mikro. Pause. Räuspern.)

Da solls wohl tatsächlich Menschen geben, die sagen, sie sind unzufrieden mit dem, was wir jetzt machen. Dass sie das so nicht gewollt haben. Ich mein, wirklich? Wir waren ja jetzt nicht gerade heimlich unterwegs mit unseren Ansichten und Plänen für die Zukunft. Aber darum braucht das Volk ja wohl gute Führer, die ihm auch offiziell die Verantwortung abnehmen, die viel zu schwer auf ihm wiegt. Bald, meine Lieben, bald hammas gschafft, und ihr könnt euer Gewissen wieder für immer schlafen legen.

Ich wünsche bis dahin noch angenehme Träume. Funktioniert übrigens am allerbesten, wenns Ihre Augen weiter geschlossen halten… Dankeschön!

Dies ist der erste Teil eines Textes, den ich fĂĽr den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte.

Vor einigen Tagen war ich ein bester Freund aller Zeiten. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Einige Minuten später war ich das größte Arschloch. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Wieder einige Minuten später war ich dann der empathischste Mensch der Welt. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Und dann schuld daran, dass sie sich schlecht fühlt. Erraten: Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Sie, das ist eine ehemalige Freundin von mir. Was hat sich verändert, während ich insgesamt wohl so eine Stunde gleichmütig aus dem Fenster geschaut habe? Die meisten Menschen würden wohl davon ausgehen, dass ich irgendetwas an meinem Aus-dem-Fenster-Schauen verändert habe, um die wechselnden Gefühlszustände zu rechtfertigen. Aber damit liegen sie in diesem Fall falsch. Ich habe nichts getan. Und war ihrer Ansicht nach trotzdem verantwortlich an allem Positiven und allem Negativen, das ihr passiert ist.

Das ist nämlich der interessante Punkt: In ihrer Gedankenwelt kommt sie selbst als Handelnde kaum vor. Die Welt passiert ihr. Ich habe fast vier Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe dann in schlauen Büchern gelesen, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln soll. Borderline. Aber was ist das überhaupt, eine Persönlichkeitsstörung? Wer definiert, was „gestört“ ist und was nicht? Wer ist berechtigt, Menschen derart einzuteilen? Bin ich berechtigt, sie dafür zu verurteilen, dass sie schlicht anders ist als ich? Ist sie dann nicht ebenso berechtigt, mich dazu verurteilen, weil ich schlicht anders bin als sie?

Denn irgendwann, wenn man viel Zeit mit ihr verbringt, fängt man an, es selbst zu glauben, was einem so vorgeworfen wird. Man fängt an, seinem eigenen Urteil nicht mehr so ganz zu trauen. Sich zu verteidigen, zu versuchen, es ihr Recht zu machen, weil irgendetwas muss man doch angestellt haben, um so ein Verhalten zu rechtfertigen. Vielleicht unbewusst? Ohne es zu wollen? Ich muss ja wohl doch irgendetwas gemacht haben. Woher sonst käme ihr Gefühl?

Irgendwann bin ich dann gegangen, weil es mit der Zeit wirklich gefährlich wurde. Wenn man ständig damit rechnen muss, ohne Vorwarnung stundenlang angeschrien zu werden, ohne etwas dafür oder dagegen machen zu können, entwickelt man eine Art von Paranoia. Man ist ständig unter Adrenalin. Kann nachts nicht mehr schlafen. Fängt an, sich vorzustellen, sie würde in ihrer Wut irgendwelche Sachen in der gemeinsamen Wohnung kaputtzumachen, obwohl sie das wohl tatsächlich nie machen würde. Fängt also an, selbst irgendwie verrückt zu werden, sich von einer gemeinsamen, nachvollziehbaren Realität zu verabschieden. Ich traf dann die Entscheidung, mich lieber von ihr zu verabschieden, bevor dieser Prozess zu weit gegangen war.

Einige Zeit später hab ich sie dann wiedergetroffen. Ein Freund hatte mir von den Friedens-Mahnwachen erzählt, die überall organisiert werden. Da gabs allerhand zu hören gegen den Krieg, den Kapitalismus, gegen das System, das Schuld an allem sei. Etwa von einem jungen Mann mit Dreadlocks, von außen betrachtet wohl eher politisch links einzuordnen, der trägt eine fabelhafte Kapitulismuskritik vor, die er wohl 1:1 aus „Mein Kampf“ zitiert haben könnte. Der nächste wird gleich ein wenig direkter und schimpft gemütlich gegen die Juden, die sowieso an allem Schuld sind. Ich fühle mich an meine ehemalige Freundin erinnert. Tatsächlich ist sie unter den Zuhörern, klatscht begeistert mit, scheint sich sichtbar wohl, unter ihresgleichen zu fühlen. Bin ich etwa Jude, ohne es zu wissen? Vielleicht darf man mir deswegen grundlos die Schuld an allem in die Schuhe schieben? Dann ist es ja offensichtlich ok, wenn man den Rednern in ihrer Einmütigkeit Glauben schenken darf. Aber wäre ich Mitglied einer weltumspannenden Judenverschwörung, sollte ich wohl zumindest einen anderen Juden persönlich kennen. Und mir vermutlich auch ein wenig cooler vorkommen. Immerhin wäre ich dann laut den geschätzten Vortragenden beinahe allmächtig.

Es ist ja anstrengend genug, wenn eine Freundin dir die Ohren volljammert, was für ein Arschloch du bist, obwohl du nichts angestellt hast. Aber was, wenn das zur Normalität wird? Schuld sind ja immer nur die „bösen Mächtigen“. Die Welt, die passiert den Machtlosen. Aber was, wenn diese gefühlt Machtlosen selbst an die Macht kommen? Dann versuchen, die bösen Verschwörer auszuschalten, um die Öffentlichkeit zu schützen? Mich plötzlich jemand ganz offiziell zum Verschwörer bestimmt und mich verhaftet, obwohl ich weiter nichts anderes tue, als aus dem Fenster zu schauen und meinen Gedanken nachzuhängen? Nur, weil es sich für ihn so richtig anfühlt? Unser Bildungssystem ist tatsächlich ganz schön kaputt, wenn es den Jungen nicht vermitteln kann, wo uns das wieder hinführen möchte.

Ich bin dann ans Mikrophon, hab mich durchgekämpft, hab versucht, die Leute zur Vernunft aufzurufen. Wehret den Anfängen und so.
„Was soll schon passieren? Wir haben ja nichts angestellt! Aber die sollen mal büßen!“, rief ein Mann aus den hinteren Reihen, und die Menge klatschte begeistert.
„Tut mir Leid, Stimme der Vernunft“, meinte ein alter Mann, der ein wenig verschämt dreinblickte, zu mir. „Ich glaube, deine Zeit ist abgelaufen.“

Ich sah die johlende Menge vor mir, die schweigende Masse der Teilnahmslosen hinter mir, und musste ihm ernüchtert rechtgeben. Ich hätte noch viel zu sagen gehabt. Aber meine Zeit war abgelaufen. Der öffentliche Raum gehörte nun anderen.