„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

Es war etwa dreiviertel fĂŒnf an einem Dienstagnachmittag, als ihn ein kurzer, stechender Schmerz in seinem Herzen zusammenzucken ließ. Er war alt genug, um zu wissen, was dies bedeutete, und weise genug, seine letzten Sekunden nicht mit panischen AngstzustĂ€nden zu verbringen. So endet es also, dachte er, die HĂ€nde mit dem Buch, das er gerade gelesen hatte, sanft sinken lassend. Immer noch an den Baumstumpf gelehnt, der ihm die letzten Jahre wĂ€hrend seiner LektĂŒren im Park als treue StĂŒtze gedient hatte, atmete er tief ein. Vielleicht war es der letzte Atemzug, der ihm bleiben wĂŒrde, um all die Schönheit dieser Welt noch einmal in sich aufzunehmen.

Er sah den kleinen Teich, dessen Wasser schon seit langem ins GrĂŒnliche gekippt war, der jedoch trotz seines unansehlichen Äußeren zahlreichen Enten Lebensraum schenkte. Sah die GrĂŒppchen Jugendlicher, die sich wie jeden Tag wieder hier versammelt hatten, um sich auszutauschen, sich zu prĂ€sentieren und sich nĂ€her zu kommen. Er sah sie lachen, einige streiten, einige den Enten nachstĂ€nkern und sich dabei groß und stark vorkommen. Und er erinnerte sich ein wenig wehmĂŒtig an alte Zeiten, als auch er es ihnen gleichgetan hatte, in der festen Überzeugung, alles anders und besser zu machen als seine VorvĂ€ter. Nur um Jahre spĂ€ter festzustellen, dass er ihre Fehler ebenso wiederholt hatte wie die nĂ€chsten Generationen die seinen wiederholen wĂŒrden.

Er sah den Mann auf seinem Fahrrad, der sich sein gepflegtes Äußeres bewahrt hatte und sich doch verriet, weil er neben jedem MĂŒlleimer anhielt und verstohlen hineinspĂ€hte, ob sich nicht doch etwas daraus retten ließ, und einige Meter weiter die trotz ihres Lebenswandels noch sehr jung aussehende Frau, der man ansehen konnte, dass sie sich lĂ€ngst aufgegeben hatte. Die mit heruntergezogener Hose Tattoo-Botschaften entblĂ¶ĂŸte, die nicht einmal sie selbst kaum mehr ernst nehmen konnte. Sah die alte Frau mit ihrem Rollator, die sich zentimeterweise weiterquĂ€lte, fest entschlossen, es selbststĂ€ndig bis zur nĂ€chsten Parkbank zu schaffen, die gutgemeinte Hand der Tochter stolz ablehnend.

Er hörte das Gekreische einiger Kinderseelen, wie sie in unbĂ€ndiger Freude einigen Enten nachjagten, eine TĂ€tigkeit, die Erwachsene wohl auch in Hundert Generationen nicht als sonderlich interessant nachvollziehen können wĂŒrden, die ihm jedoch trotz alledem tiefen Respekt einflĂ¶ĂŸte. Solch unbĂ€ndige Freude, solch ungezĂŒgelter Genuss war ihm in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr vergönnt gewesen. Oder vielleicht hatte er sich diese auch einfach nicht mehr zugestanden, wer wusste das schon? Wenig bereute er in seinem Leben, denn mit dem Alter kam die Weisheit, dass die Menschen weiß Gott keine Heiligen waren und sich eher von Fehler zu Fehler kĂ€mpften denn von Erfolg zu Erfolg. Einzig keine Kinder, keine Enkel gezeugt zu haben, daran musste er mit einer gewissen Wehmut denken.

Seine Augen folgten dem Licht der sich gegen Westen neigenden Sonne und erfreuten sich noch ein letztes Mal an ihrer Magie, ihre Gabe alles mit ihrem Licht in diese fast ĂŒberirdische Schönheit zu tauchen – die BlĂ€tter, die mit ihrem Schattenspiel ein unnachahmliches Muster bildeten, die Wolken, die Gesichter der Menschen, die den Park durchwanderten. Und doch war selbst ihre Magie machtlos gegen den Lauf der Zeit, musste auch sie dem Wandel weichen, musste ihr Aufstieg einem Untergang vorangehen wie ein Einatmen nur das Ausatmen vorwegnahm, wie ein jedes Leben den Tod in sich barg. Alles war nur von begrenzter Dauer. Das Leben. Der Tod. Es hatte keinen Zweck, sich an etwas zu klammern, das so flĂŒchtig war wie der Atem.

Und dann atmete er aus.

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