ÔÇ×Betreten verbotenÔÇť.
Etwas an jenem Ort lie├č ihn innehalten. Da warÔÇŽ Kraft zu finden in den tosenden Wassermassen, die durch das Wasserkraftwerk str├Âmten. Der innere Widerstand, der Drang zur Konformit├Ąt mit Regelungen, war heute nur seltsam abgeschw├Ącht in ihm zu vernehmen. Und so folgte er ihr. ├ťber den unter dem Andrang der durch tagelangen Regen und der einsetzenden Schneeschmelze angeschwollenen Fluten leicht schwankende ├ťbergang aus Beton. Auf jene kleine mit Felsen best├╝ckte Insel. Inmitten alles mitrei├čender Wassermassen, im Auge jenes Sturms, lie├čen sie sich nieder.

Hier, eigent├╝mlich entr├╝ckt jener Welt des Allt├Ąglichen, schien das Unaussprechliche Form annehmen zu k├Ânnen: Er hatte damals einen ungerechten Frieden akzeptiert, um jenen zu sch├╝tzen, den er sich bedingungslos zu lieben verpflichtet w├Ąhnte. Nicht weil er Angst vor seinem Gegen├╝ber gehabt hatte. Sondern weil er Angst davor gehabt hatte, was er jenem antun mochte, w├╝rde er all die Wut und Emp├Ârung an die Oberfl├Ąche treten lassen. Warum unterdr├╝ckte er all dies seit Jahren, warum wendete er derma├čen viel Energie darauf auf, die Konfrontation zu verhindern, auch wenn es ihn offensichtlich k├Ârperlich wie seelisch schleichend vernichtete? Da war Raum in ihrem fragenden Blick, Raum f├╝r die ganze Wahrheit.
ÔÇ×Weil ich kein M├Ârder sein willÔÇť, gestand er ihr stockend, entsetzt ├╝ber die Macht seiner inneren Bilder. ÔÇ×Und er wom├Âglich die Wahrheit nicht ertragen kann.ÔÇť

Pl├Âtzlich war ihm, als m├╝sse er in den Fluss. Zum Fluss werden. Entledigte sich seiner Schuhe, trat einige Schritte hinaus in die Fluten.
ÔÇ×Schrei es heraus!ÔÇť, versuchte sie ihm Mut zu schenken.
ÔÇ×Ich tu mir so schwer mit sowas!ÔÇť, rief er verzagt zur├╝ck. Nahm einige Steine aus dem Flussbett, spielte mit ihnen herum. Bemerkte, wie sich seine Atmung mit dem Auf und Ab des Flusses einzustimmen begann. Das Wasser mochte eisig kalt sein, aber ├äu├čeres wurde ihm zunehmend egal.
ÔÇ×RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!ÔÇť ert├Ânte es hinter ihm. Sie war mit ihm. Schenkte ihm Kraft, Mut.
ÔÇ×RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!ÔÇť, erklang es erneut hinter ihm. Er begann zu schwanken, tiefer in den Fluss zu stolpern. Die Jeans hatte er bis zu den Knien aufgerollt gehabt, um sich nicht zu erk├Ąlten. Aber alle weise Voraussicht begann zunehmend an Wichtigkeit zu verlieren, w├Ąhrend Vergangenheit und Zukunft zusammenschrumpften, bis sie in einem einzigen Punkt, der Gegenwart, kulminierten. Nun stand er fast bis zur H├╝fte in den tosenden Wassermassen. Bekam endlich einen gr├Â├čeren Stein zu fassen, ber├╝hrte Grund, sp├╝rte Kraft in der resultierenden Gegenkraft.
ÔÇ×RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!ÔÇť
Der Stein erreichte beinahe das andere Ufer. Sein K├Ârper begann immer unkontrollierter zu zucken, als sich die so lange aufgestaute und nun aufgepeitschte Energie gegen die selbst auferlegten inneren Schranken warf. W├╝rde sie ihn nicht f├╝r v├Âllig verr├╝ckt halten? Doch sie l├Ąchelte ihn nur weiter aufmunternd an.
ÔÇ×RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!ÔÇť
Und der sch├╝tzende Damm brach endlich v├Âllig durch.

Wie lange er in den Wassermassen herumgestolpert war, wusste er nachher nicht mehr. F├╝r einige Momente schien der Impuls fast ├╝berm├Ąchtig zu werden, noch tiefer hinein zu waten, sich von der Str├Âmung tragen, mitrei├čen zu lassen. Da war so viel Tod in jenem Ur-Schrei gewesen, so viel Ungeborenes, Ungelebtes, das der unheiligen Gewalt des vermeintlich Notwendigen geopfert worden war, eine un├╝berschaubare Kettenreaktion an Verstrickungen, ├╝ber Generationen hinweg. Aber da war auch dieser Mensch am Ufer, der ihm ein ÔÇ×Bitte bleibÔÇť vermittelte. In dem so etwas wie eine lange verloren geglaubte Heimat zu finden war. Da war eine Alternative ├╝ber jenen pl├Âtzlich so willkommen scheinenden Tod hinaus. Durch den Schmerz hindurch.

Vor K├Ąlte zitternd, am Ende seiner k├Ârperlichen und seelischen Kr├Ąfte, erreichte er das Ufer, wo sie ihn umarmte und ihm l├Ąchelnd seinen Sweater ├╝berreichte. V├Âllig durchn├Ąsst brachte sie ihn nach Hause. Lie├č ihm ein hei├čes Bad ein. Brachte Tee, Kekse, Liebe dar.

An jenem denkw├╝rdigen Nachmittag, inmitten der Fluten und getragen von ihrer Liebe, hatte er es endlich vollends sp├╝ren k├Ânnen: es war sein Geburtsrecht, das er damals geopfert hatte, um diejenigen, die er liebte, vor ihrem eigenen Schmerz zu sch├╝tzen. Ein Geburtsrecht, dass auch jene sich selbst einst verboten haben mussten. Das ihnen Angst machte, weil mit seiner Macht auch die ├ťbernahme echter Selbstverantwortung und damit ein Wegfallen der allzu bequemen Opferthese einhergehen musste. Hatte unter Aufbringung all seiner Kraft das Aufwallen jener m├Ąchtigen Lebenskr├Ąfte in Zaum gehalten. Sich eingereiht in die lange Reihe seiner Vorfahren, die ebenso jenem lebensverneinenden Muster gefolgt waren.

Jenem anderen Pfad zu folgen, das eigene Geburtsrecht eines kraftvollen eigenen Weges anzunehmen und zu verteidigen ÔÇô allzu viele ÔÇ×Betreten verbotenÔÇť-Hinweise schienen dem im Weg zu stehen. Doch wie stabil war jene Welt der Verbote wirklich, und vor allem: wie notwendig? Was w├╝rde geschehen, w├╝rde jemand den Mut aufbringen, dem eigenen Pfad zu folgen, auch auf das Risiko hin, auf Widerstand zu treffen? Auch in der Bereitschaft, auftretendem Widerstand bisweilen zu ├╝berwinden, zu k├Ąmpfen, anstatt von vornherein Konflikten aus dem Weg zu gehen? War es wirklich vorrangige Aufgabe, bequem zu sein?

ÔÇ×Betreten verbotenÔÇť, war wohl auch einmal auf dem Schild zu lesen gewesen, das die Grenze des damaligen Kriegsschauplatzes kennzeichnete. Doch die Schrift war mittlerweile verwittert, die einst verbrannte Erde f├╝hlbar schwanger mit neuem Leben, wenn es auch noch nicht durch die alte Staubschicht gebrochen, sichtbar geworden war. Seine Wasser, einmal entfesselt, w├╝rden auch diesem Ort einen Neubeginn schenken. Hier war vor vielen Jahren eine Wahrheit gestorben. Weil er und andere sich aus vermeintlicher Liebe geweigert hatten, das ganze Ausma├č ihrer Macht einzusetzen, sie zu verteidigen. Hier erneut Fu├č zu fassen w├╝rde eine Konfrontation wom├Âglich unvermeidlich machen. Aber dieses Mal hatte er die L├╝gen durchschaut, die die Opferung der Wahrheit nur vermeintlich rechtfertigten.

Er nahm etwas Erde, wie er einige Tage zuvor einige Steine aus dem Flussbett genommen hatte, und schrieb l├Ąchelnd auf das verwitternde Schild: ÔÇ×WillkommenÔÇť. Zeit, andere Wege zu beschreiten. Setzte sich an jenen ihm f├╝r so viele Jahre verbotenen Ort. Tauchte ein in die Macht der Erde unter ihm, des Himmels ├╝ber ihm, der Sonne, der Sterne, des Windes, des Flusses, des Lebens, von dem er sich nun endlich, nach so vielen Jahren, wieder hemmungslos umsp├╝len, tragen zu lassen vermochte. Etwas in ihm war entfesselt worden, ein lange verloren geglaubtes Geburtsrecht wieder errungen und eine Wahrheit offen ausgesprochen. Dieses Mal w├╝rde er wohl nicht mehr vor der ihm eigenen Macht zur├╝ckschrecken, sondern sich ihr ├Âffnen, hingeben, anvertrauen.

An jenem so lange verbotenen Ort der Wahrheit, zuhause in seiner Kraft, ihrem endlich wieder ungest├Ârten Fluss, erwartete er die Ankunft seines Vaters.

Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, N├ľ. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen k├Ânnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen ­čÖé
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher ├╝ber freundliche R├╝ckmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel h├Ątten f├╝r ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast h├Ątte ich in ihn uriniert.

 

Gro├čz├╝gig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er kr├Ąuselte sich vor Lachen und ich

weinte hei├če Tr├Ąnen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht k├Ânne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hie├č,

nach meiner Absicht zu flie├čen.

 

Er ging seiner Wege

und k├╝mmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht sp├╝ren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betr├╝bt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er w├╝rde ├╝bergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne h├Ârte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben bliebÔÇŽ.

ICHÔÇŽ.stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also lie├č ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem str├Âmenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner Oberfl├Ąche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene K├╝hle,

w├Ąhrend meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines K├Ârpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollst├Ąndig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging ├╝ber vor tosender Kraft,

lie├č mich gedankenlos treiben

und k├╝mmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

Manchmal (viel zu selten) erinnere ich mich an eine Metapher, die sich mir zu verschiedenen Zeiten in meinem Leben aufdr├Ąngt: Ich bin wie Wasser, wie ein Fluss, und mein Wille nichts als die Str├Âmungsrichtung. Das mag auf den ersten Blick relativ absurd klingen, beschreibt jedoch einige meiner Erfahrungen auf sehr sch├Âne Weise.

Wahre Macht ist eine weiche Macht

Was passiert, wenn ein Wassertropfen mit gro├čer Geschwindigkeit gegen eine harte Fl├Ąche prallt? Er zerspringt in viele kleine Tr├Âpfchen. Wenn wir im Leben etwas erreichen wollen, nehmen wir unsere Ziele oft mit gro├čer Zielstrebigkeit in Angriff, setzen unsere ganze Kraft ein, sie zu erreichen und eine Bresche in unsere Hindernisse zu schlagen. Weil wir oft sehr exakte Vorstellungen von unseren Zielen haben, ├╝berfordern wir uns selbst und verpuffen zu Tr├Âpfchen, bevor wir etwas erreichen k├Ânnen. Anstatt in ungef├Ąhrer Richtung unserer Ziele zu flie├čen, auch bereit, gewisse Umwege in Kauf zu nehmen, wollen wir den direkten Weg.

Oft werden dann Menschen, die uns mit ihrer eigenen Energie helfen h├Ątten k├Ânnen zu weiteren ÔÇ×hartenÔÇť Hindernissen, weil wir sie als solche wahrgenommen haben. Manchmal mag es weiser sein, sanft in Richtung seiner Ziele zu flie├čen und durch sanfte Ber├╝hrung herauszufinden, wie m├Ąchtig die Hindernisse in unserem Weg sind, anstatt sogleich gegen sie anzurennen. Manchmal finden wir so sogar heraus, dass sich manche der vermeintlichen “Hindernisse” sogar bereit erkl├Ąren, uns aktiv zu unterst├╝tzen.

Um die Schule, an der ich jetzt arbeite, zu finden, habe ich Blindbewerbungen an knapp 150 Schulen ausgeschickt. Viele antworteten gar nicht, eine beschwerte sich ├╝ber ÔÇ×fehlenden RespektÔÇť und ├╝ber meinen alternativen Lebenslauf. ├ťber 30 Schulen jedoch antworteten sehr freundlich, und knapp 10 davon schrieben mir, ich solle doch vorbeikommen. Die gro├če Schulbesuchs-Reise, die daraufhin folgte, f├╝hrte mich zu der Schule, an der ich jetzt arbeite, weil ich hier das Gef├╝hl hatte, am meisten Offenheit f├╝r meine eigenen weichen Ziele vorzufinden.

ÔÇ×WeicheÔÇť Ziele zu haben hat jedoch auch noch einen anderen Vorteil gegen├╝ber ÔÇ×hartenÔÇť Zielen: die Sicht ist nicht so eingeschr├Ąnkt. Wer krampfhaft konkrete Ziele verfolgt, beurteilt alle M├Âglichkeiten, sie zu erreichen nach einem tendenziell bin├Ąren System (hilft mir/hilft mir nicht) und betrachtet sie als Mittel zum Zweck. Wer seine Ziele auf eine sanfte Art verfolgt, findet oftmals heraus, dass seine ÔÇ×UmwegeÔÇť ihn bereichert haben. In diesem konkreten Fall lernte ich viele andere Schulen und die dort vorherrschenden Methoden und Perspektiven kennen.

Der einfachste Weg ist nicht immer der beste Weg

Ein ÔÇ×weichesÔÇť Folgen des eigenen Willens darf nicht missverstanden werden als die Angewohnheit, immer dem einfachsten Weg zu folgen, sobald Hindernisse fester erscheinen. Wasser dreht auch nicht pl├Âtzlich um und flie├čt flussaufw├Ąrts, nur weil ein Stein im Weg liegt. Wenn wir in eine vermeintliche Sackgasse geraten sind, in der es einen Weg geben k├Ânnte, f├╝r den unsere Macht jedoch nicht zu reichen scheint, fallen wir gerne in die Falle, unseren Willen zu ├Ąndern. Wie die Katze, der die Maus entwischt ist und die dann stolz meint, sie h├Ątte sie ohnehin nicht erwischen wollen, erkl├Ąren wir dann unsere Ziele f├╝r nichtig, f├╝r zu gro├č.

Als ich erkl├Ąrte, auch ins Ausland bereit zu sein, wenn ich dort bessere M├Âglichkeiten vorf├Ąnde, meine Vorstellungen von Bildung auszuprobieren, meinte eine Freundin, es w├Ąre doch besser, erst einmal hier in Linz eine Arbeit zu suchen und zu warten, bis sich hier eine entsprechende Stelle finden lie├če. Niemand bekam sofort nach dem Studium den Job, den er sich w├╝nschte, warum sollte ich es also schaffen? Es hatte sich herausgestellt, dass ich in meiner Heimat ├ľsterreich nicht die M├Âglichkeiten vorfinden w├╝rde, die ich mir w├╝nschte, also sollte ich das Vern├╝nftige tun und meine Ziele vorerst niedriger stecken. Da ich zu jener Zeit bereits die Zusage meiner jetzigen Schule hatte, fand ich den Einwand anfangs ein wenig absurd. Zugegeben, die 1000km Entfernung von meiner vorherigen Heimat waren ein ordentlicher Umweg, den ich zur Erreichung meiner Ziele in Kauf nahm, aber ich w├╝rde ihnen tats├Ąchlich n├Ąher kommen, und das war es f├╝r mich wert.

Steter Tropfen h├Âhlt den Stein

In meiner immer wieder aufkommenden ├ťberheblichkeit habe ich nun also den ÔÇ×SteinÔÇť Schule hier bearbeitet, um meinen Vorstellungen von Schule n├Ąherkommen zu k├Ânnen. Schon in den ersten Wochen gab es Tage, an denen ich nach der Schule nach Hause gekommen bin und einfach nur frustriert war, weil nichts so funktionierte, wie ich mir das vorstellte. Manchmal kam mir auch der Gedanke, ob es nicht eine ziemlich d├Ąmliche Idee gewesen war, hier nach Kiel zu ziehen und ob die weiter oben erw├Ąhnte Freundin nicht recht behalten hatte, ob es nicht besser gewesen w├Ąre, in meinem Umfeld zu bleiben. Es war be├Ąngstigend, an seine Grenzen zu sto├čen und zu f├╝hlen, dass man hier in dieser fremden Stadt noch kaum jemanden kannte, der einen in solchen Situationen weiterhelfen und st├╝tzen konnte.

Und doch waren es nur die H├╝rden, die ein jeder Mensch bei allem, was er tun m├Âchte, zu ├╝berwinden hat. War es nur der Frust, den man lernen muss auszuhalten, wenn man etwas im Leben erreichen m├Âchte. Manchmal muss man sich eingestehen, dass die eigene Macht nicht ausreicht, um seine Ziele zu erreichen, muss man sich zur├╝ckziehen, um neue Kraft zu tanken, um dann am n├Ąchsten Tag mit neuer Macht weiterzuflie├čen. Nichts in dieser Welt ist von Dauer, weder die Hindernisse im Weg noch unsere Unf├Ąhigkeit, sie zu ├╝berwinden, wenn wir nur nicht aufgeben.

Wenn wir unsere Scham ├╝berwinden und andere Menschen um Hilfe bitten, wo unsere eigenen Kr├Ąfte nicht ausreichen, k├Ânnen wir viel erreichen. Und wenn wir in dem Bewusstsein handeln, f├╝r etwas zu arbeiten, was ├╝ber uns selbst hinausgeht, ob es sich nun um “Gottes Willen” oder ein selbstgestecktes Ziel, dass auch anderen dient, handelt, wird feststellen, dass er m├Ąchtiger ist, als er es sich selbst zugetraut h├Ątte.

Wasser ist geduldig

Wie viele Jahre kann es dauern, bis die Wellen einen Felsen ausgeschliffen haben? Bis sich ein Fluss einen Weg zum Meer bahnt? Wasser beklagt sich nicht, es flie├čt. Ich wei├č nicht, ob Wasser so etwas wie Dankbarkeit oder Freude empfinden kann, aber ich kann es. An diesem Samstagmorgen f├╝hle ich mich dankbar, dass ich die Wasser-Metapher schon fr├╝h in meinem Leben so verinnerlicht habe, dass sie mich auch dann noch unbewusst leitet, wenn mein Bewusstsein zu gefrustet ist, um noch positiv zu denken.

Niklas

Paulo Coelho schrieb in einem seiner B├╝cher ├╝ber die ÔÇ×dunkle Nacht des GlaubensÔÇť, die Situation, in der alle ├Ąusseren Umst├Ąnde daf├╝r sprechen, dass wir versagen werden oder bereits versagt haben, in denen einzig der Glaube an unseren Sieg, die Hoffnung, uns davon abhalten kann, aufzugeben. Dies seien die entscheidenden Momente, die dar├╝ber entscheiden w├╝rden, ob wir wirklich heldenhafte Entscheidungen zu treffen bereit sind, oder uns mit dem bereits erreichten zufrieden geben. Die meisten Menschen w├╝rden hier aufgeben, weil sie Angst haben, ihr Ziel nicht zu erreichen. Um meine geliebte Wassermetapher wieder einmal einzubringen, haben sie Angst, zu wenig m├Ąchtig, zu wenig druckvoll zu sein, um die Hindernisse aus dem Weg zu r├Ąumen. Dabei ist dies oft gar nicht n├Âtig.

Ego

Wasser hat die wunderbare Eigenschaft, fl├╝ssig zu sein. In dieser fl├╝ssigen Form ├╝berwindet es so gut wie alle Hindernisse, gr├Ąbt sich mit der Zeit seinen Weg in die Richtung, in die es sich hingezogen f├╝hlt. Dabei ver├Ąndert das Wasser seine Form. Viele un├╝berwindbar erscheinende Hindernisse erscheinen deswegen unverwundbar, weil wir nicht bereit sind, unsere aktuelle Form (unser aktuelles Ich) aufzugeben. W├Ąhrend wir von Kindern noch geradezu verlangen, sich unseren Vorstellungen anzupassen, sind wir selbst oft zu starr, um unsere Hindernisse zu ├╝berwinden. Zu stolz. Soll doch der andereÔÇŽ

Tu

In einem Konflikt hilft uns Wasser auch, die Macht von Empathie zu verbildlichen. Wer bereits einmal dem Meer zugesehen hat, wie neue Wellen auf alte, bereits zur├╝ckwandernde treffen, d├╝rfte bemerkt haben, dass die zur├╝ckrollende alte Welle der ans Land rollenden Welle die Kraft nimmt. Zwei Wellen, zwei Impulse in entgegengesetzte Richtungen verbrauchen sich nur gegenseitig. Hingegen bringen sich schr├Ąg aufeinandertreffende Wellen gegenseitig weiter, als sie alleine kommen w├╝rden. Mit nur einem Minimum an gemeinsamer Richtung kommen wir daraus folgend bereits weiter als alleine, und die f├╝r mich effektivste M├Âglichkeit, eine gemeinsame Richtung einzuschlagen, liegt im Versuch, den anderen wirklich zu verstehen, wirklich zu ├╝berzeugen, nicht ihn zu zwingen.

Nos

Abschliessend m├Âchte ich aus aktuellem Anlass noch zur vermutlich m├Ąchtigste Implikation von Wasser, Meer und Wellen kommen: dem Kreislauf, der Einheit von auf und ab, heiss und kalt, Krankheit und Gesundheit, Kummer und Gl├╝ck, Liebe und Freiheit. In meiner Erfahrung existiert das eine nicht ohne das andere, ist das eine nichts anderes als der Gegenpol des anderen auf einer einzigen Skala. M├Âglicherweise gab es wirklich einst einmal einen paradiesischen Garten, in dem alles eitel Wonne war, oder wir k├Ânnen ein Nirwana erreichen, in dem Leiden der Vergangenheit angeh├Ârt. Alles, was wir dazu vermutlich tun m├╝ssen, ist zu sterben. Aber zu leben impliziert Ver├Ąnderung, impliziert ein auf und ab, einen Wellengang entlang dieser Skalen.

Konfuzius meinte einst, wen man liebe, solle man loslassen. Wenn dieser Jemand dann zur├╝ckkomme, so sei er f├╝r immer unser. Er war nahe dran. Ich glaube, richtigerweise sollte man den letzteren Satz streichen. ÔÇ×F├╝r immerÔÇť impliziert ein Ende von Ver├Ąnderung ÔÇô Tod. Denn wenn wir nicht gerade necrophil veranlagt sind, sagen wir dem jeweils anderen dadurch, dass er sein pers├Ânliches Wachstum zu beenden hat. Ich glaube, es gibt keine ewige Liebe an sich. Liebe existiert nur im Moment.

So paradox es klingen mag, ich glaube, dass Liebe nur in diesem Loslassen l├Ąngerfristig tragbar ist. Wenn ich den anderen loslassen kann, wenn ich es akzeptieren kann, dass sein Wachstum ihn auch dazu bringen kann, mir zu entwachsen, so kann ich mich in jedem Moment neu meiner Liebe zum anderen hingeben. Ansonsten “lieben” wir eine tote Fassade und nicht den lebendigen Menschen dahinter.

Deus

Ich hatte das unglaubliche Gl├╝ck, einen solchen Menschen kennenlernen zu d├╝rfen, der dies (bewusst oder unbewusst) begreift. Der mir heute wieder einmal seine Zeit schenkte, was mich noch Stunden danach verzaubert durch die Strassen Curitibas wandern liess. Ich halte das ├╝bliche ÔÇ×Ich liebe dichÔÇť als umgelegten Schalter f├╝r eine zauberhafte gemeinsame Zukunft f├╝r ein Hirngespinst, aber in diesen zauberhaften Momenten hast du mir in einer Kernreaktion einen Stern entz├╝ndet, der noch einige Zeit nachglomm. Danke daf├╝r, dass du in jenen Momenten jener Mensch warst, der du warst, wer immer du jetzt bereits bist. Und w├Ąhrend ich deinem Ich in diesen Momenten zusehe, wie es zur├╝ckkehrt in das Meer deines Potentials, freue ich mich bereits auf die n├Ąchste Welle, mit der du mich ├╝berraschen, umsp├╝len, mitreissen und tragen k├Ânntest.

Wir waren alle, warden zwei, warden eins.
Es war eins, ward zwei, es waren alle.
Leben folgt Tod folgt Leben.
Vergehen und Wiederkehren.
G├Âttliche Kreise.

Niklas