So, nun hat es doch um einiges länger gedauert, bevor ich wieder dazu komme, den nächsten Newsletter auszuschicken. So einiges ist passiert, und auch die (nahe) Zukunft sieht mittlerweile sehr ansprechend aus. Aber der Reihe nach 🙂

Buch-Verkäufe/Rückmeldungen bisher sehr gut

  • Ich habe ĂĽberrascht festgestellt, dass ich offensichtlich eine Funktion bei Amazon aktiviert habe, die es einem jeden ermöglicht, die eBook-Version unbegrenzt kostenlos zu lesen. Je nach Anzahl der gelesenen Seiten bekomme ich dann aus einer Art Fond anteilig Tantiemen ausbezahlt. Also die Info gerne auch weiterleiten! Man kann kostenlos das ganze Buch lesen, auch wenn man keinen Kindle besitzt! Es gibt dazu eine Art Browser-Kindle-Reader, den man ĂĽber Amazon nĂĽtzen kann.Wobei natĂĽrlich die Taschenbuch-Variante um einiges lässiger ist, und mit 15€ ist die ja auch durchaus leistbar.
  • 99 Menschen haben die 5 Tage-kostenlos-downloaden-eBook-Aktion im November genutzt. Auch wenn damit mein Ziel von 100 verfehlt wurde, darf man wohl durchaus zufrieden sein 🙂
  • Seit Verkaufsstart habe ich >60 Exemplare des Buches verkauft, zum größten Teil direkt. Zumindest derzeit kommt es auch weiterhin alle paar Tage vor, dass jemand ein weiteres Exemplar haben will. Damit sind meine Druckkosten schon nach 2 Monaten zum GroĂźteil abgedeckt.
  • Die RĂĽckmeldungen zum Buch sind durch die Bank sehr positiv, und es wird offensichtlich auch weiterempfohlen.
  • Was leider noch nicht so klappt, ist das Hinterlassen von Amazon-Rezensionen, obwohl ziemlich viele gemeint habe sie machen das gerne. Wobei mir auch rĂĽckgemeldet worden ist, dass einige das Buch wie einen guten Wein genieĂźen – in kleinen “Schlucken”, um jede Geschichte auch gut “einwirken” zu lassen. Möglicherweise sind die meisten auch schlicht noch nicht “durch” mit dem Buch. Wobei ich diese z.B. schon ziemlich genial fand (Auszug hier):Eine Schatzkiste voller Erfahrungen und Erlebnissen, zumeist aus einer fast neutralen Erzählperspektive geschildert, gibt dem Leser genau deshalb umso mehr Raum, SICH selbst einzuschwingen, hinein zu versetzen, sich wieder zu finden… in all die kleinen, oftmals unauffälligen, leisen Geschichten, die das Leben eben so schreibt.Das Erstlingswerk des jungen Autors hat bei mir daheim einen fixen Platz auf meinem Nachtkästchen gefunden. Da darf es nun liegen und wirken. Ich lese – mit Bedacht – nur ab und an eine der vielen Geschichten. Ă„rgere mich manchmal ĂĽber gewisse „Enden“…weine vor Freude, mich verstanden zu sehen…spĂĽre Traurigkeit und Schmerz…lache laut auf, weil Menschen ja wirklich manchmal so extrem komisch und seltsam handeln, denken, fĂĽhlen.Niklas Baumgärtlers Sprache empfinde ich persönlich als einzigartige Mischung aus märchenhaft blumig und knallhart analytisch.

    Meine 18jährige Tochter hat auch schon darin geschmökert und vor allem die Story „Ein kleines grĂĽnes Pony“ bot uns beiden die Gelegenheit, generationsĂĽbergreifend ĂĽber Frauenthemen zu diskutieren…abendfĂĽllend und schön.

    Deshalb meine ich, dass das Buch geeignet ist fĂĽr Leser im Alter von 18 bis 105. Zirka.
    Habt Freude daran, ich lege es euch wärmstens ans Herz!”

     

  • Nach einigen Lesungen, die auch gut angekommen sind, spiele ich gerade mit dem Gedanken, mittelfristig einige der Geschichten “vorzulesen” und in der Form auf YouTube zu stellen. Falls da jemand Lust hat, sich stimmlich zu beteiligen: sehr gerne! Einfach melden 🙂

Tai Chi Kurs im FreiRaumWels wird gut angenommen

  • Der Tai Chi-Kurs, den ich im FreiRaumWels kostenlos anbiete, wird gut angenommen, auch wenn aufgrund der Feiertage bisher nur 2 Termine stattgefunden haben. Der nächste Termin ist der Montag, 21.1. um 18:30. Wenn alle kommen, die bisher schonmal da waren oder sich vorangemeldet haben, sind wir mit mir dann schon zu 7.
  • Nächste Woche startet dann auch der Kurs fĂĽr Mitarbeiter einer Bank. Wer fĂĽr seine Mitarbeiter auch einen buchen will – einfach kontaktieren.

Aufnahme von 13 eigenen Songs

  • Diese Woche war meine Schwester fĂĽr zwei Tage zu Besuch und wir haben ziemlich nonstop 13 unserer selbst geschriebenen Songs aufgenommen. Einige erste RĂĽckmeldungen von Freunden/Bekannten denen ich die Aufnahmen zukommen habe lassen sind sehr positiv.
  • Deswegen werde ich im Laufe der nächsten Wochen/Monate wohl die Aufnahmen ĂĽber YouTube zur VerfĂĽgung stellen. Ihr findet die entsprechenden Links dann auf der Bunterrichten-FB-Seite. Kann aber noch ein wenig dauern, ich mach grad ziemlich viel gleichzeitig, und das hat gerade nicht oberste Priorität.

Neue Artikel/Geschichten

Zwei weitere Leseproben aus dem Buch

Heute mal zwei sehr Mut-Macher-Geschichten, auch weil sie thematisch meine letzten paar Wochen schön wiederspiegeln. Und nochmal der Link zum Buch, wo man es kaufen bzw. auch einfach online lesen kann:

#16 Verbindungsprobleme

#16 Verbindungsprobleme

Es begann harmlos in der Straßenbahn. Eine junge Frau, ganz ins Gespräch mit einer Freundin vertieft, war beim Aussteigen in die sich bereits schließende Schiebetür geraten. Doch anstatt sich zu ärgern, lachte sie darüber und brachte ihn damit selbst zum Schmunzeln. Für den kurzen Moment, indem sie sich nun so gegenseitig anlächelten, bevor die Menge an missmutigen Menschen hinter ihr sie aus seiner Sicht schob, fühlte er ein Gefühl von Verbundenheit mit dieser jungen Frau. Für den Bruchteil einer Sekunde waren sie Vertraute, fühlten sich weniger allein im Strudel der Zivilisation.

Noch den ganzen Tag über fühlte er die Nachwirkungen dieses kurzen Zusammentreffens. Erst am nächsten Tag erkannte er an dem Fehlen des Gefühls der Geborgenheit, wie einsam er sich tagtäglich eigentlich inmitten all dieser Menschen fühlte.

Doch die Begegnung mit dieser jungen Frau, die er möglicherweise nie wieder sehen würde, hatte ihn tiefer berührt, als ihm anfangs bewusst war. Seine Schritte wurden sicherer, sein Gang aufrechter, und er fand plötzlich, inspiriert von dieser Begegnung, auch in sich den Mut, den Passanten in die Augen zu sehen. Viele wichen seinem Blick verschämt aus. Andere jedoch nahmen die Einladung an, und ihre Gesichter hellten mit dem seinen auf. Je öfter er Menschen ein Lächeln schenkte, desto wohler wurde ihm ums Herz, desto verbundener fühlte er sich mit der Welt, die ihn umgab.

Es war fast, als wäre der Schleier der Zivilisation von der Welt gefallen, um das wahre Antlitz der Menschen, die sich in ihr tummelten, zu enthüllen. Das Lächeln, das er aussandte, kam in vielen Nuancen zu ihm zurück. So manches Mal war es ein Ausdruck reinster Freude, manchmal melancholisch, und manchmal erzählten ihm die Augen der Lächelnden Geschichten von höchster Not und Verzweiflung. Und doch war ein jedes Lächeln ihm lieb, ihm kostbar, weil es eine Verbindung schuf, die Freude verdoppelte und Leid leichter ertragen ließ. Es war ein beinahe göttliches Geschenk, und er ein Prophet, der es verkündete und unter die Menschen brachte.

Einst, als er aus seinem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kannte, ausgezogen war, um in die Stadt zu ziehen, hatte er lernen müssen, dass die Städter irritiert reagierten, wenn er sie grüßte und anlächelte. Hatte gelernt, sich an die unnahbare Masse anzupassen. Nun, innerlich gefestigt durch die Verbundenheit, die er durch die Masken der Passanten erspürt hatte, hatte sich etwas in ihm verändert.

Und ausgehend von diesem jungen Mann, der tagein, tagaus durch die Straßen der Stadt zog, entstand bald eine regelrechte Lawine. Langsam, fast unmerklich, einer nach dem anderen, legten die Städter ihren schweren Panzer ab und begannen, fast schüchtern, Kontakt mit ihren Mitmenschen aufzunehmen. Die Gespräche in den öffentlichen Verkehrsmitteln wurden häufiger, die Hilfsbereitschaft nahm zu, und die Menschen wirkten glücklicher.

Die junge Frau hatte er nie wieder gesehen. Doch ihr Lächeln, Geschenk eines Augenblicks, verließ ihn nie mehr. Und mit einem jeden Augenpaar, das sich mit dem seinen traf, verstand er besser. Dass er nicht der einzige war, der den inneren Ruf vernommen hatte. Dass es wohl in einem jeden Menschen eine leise Stimme gab, die ihn die Liebe zu seinen Mitmenschen fühlen ließ.

Und obwohl es ebenso in einem jeden Menschen die Stimme der Angst gab, die ihn davor zurückschrecken ließ, seine Mitmenschen, seinen Nächsten, wirklich zu lieben: Ein jedes Lächeln hatte die Macht, die feine Balance zwischen Liebe und Angst zugunsten der Liebe zu verändern. Hatte die Macht, die Angst zu überwinden, die die Menschen voneinander trennte, um zwischen ihnen Brücken der Begegnung zu erbauen.

Und damit die Macht, in vielen kleinen Augenblicken die Welt zu verändern.

#95 Inseln im Alltag

Gegen sechs Uhr zogen die beiden los. Der eine hatte sich zurechtgemacht, Jeans, Sakko, schön gestriegelt, gepflegt. Hatte sich eine schwarze Kiste umgeschnallt, die er nun abwechselnd laut lachend und vorsichtig auftretend – sichtlich nervös – über die Brücke trug. Der andere, im Kontrast, mit weit hinabhängenden Hosen, gemütlichem Pullover und der charakteristischen Halskette aus geschliffenem Holz. Sorgfältig auftretend, das Gewicht des Rucksacks und der länglichen schwarzen Tasche tänzelnd mit seinen nackten Füßen ausbalancierend, scherzte auch er mit dem Freund. Sie hatten sich erst vor einigen Wochen zum ersten Mal getroffen und auf Anhieb verstanden. Nun war die Zeit reif, sich auch kennenzulernen.

Während der Freund sich neben eine ältere Dame auf eine der zahlreich vorhandenen Bänke setzte, durchsuchte er seinen Rucksack. Natürlich hatte er in seiner Vorfreude wieder einmal nicht daran gedacht, Papier mitzunehmen, auf dem genug Platz war. Glücklicherweise fand er einen Klebestreifen und fertigte kurzerhand selbst eine Lösung. Ein paar alte Farbstifte waren alles, was zusätzlich noch notwendig war. Am Ende nutzte er den übrig gebliebenen Platz auf dem mit Hilfe des Klebestreifens kunstvoll vergrößertem Papier, um noch einen lachenden Smiley hinzuzufügen. Die ältere Dame blickte dem Treiben interessiert zu und ließ sich den Plan erklären. Sie könne zwar nur ein bisschen Englisch, aber „Hugs“ sei definitiv nicht richtig, das würde niemand verstehen, meinte sie. Und ob der junge Mann mit seinem improvisierten Free-Hugs-Plakat denn schwul sei, dass er bereit war, wildfremde Männer einfach so zu umarmen?

Etwa zwei Minuten später kamen ein älterer Herr und eine Frau auf ihn zu und umarmten ihn überschwänglich. Ein kurzes Gespräch später hatte er eine Visitenkarte des Mannes und eine Einladung zu einem Symposium in seiner Tasche verstaut. Eine Frau stoppte ihr Rad, umarmte ihn und erzählte, sie hätte so einen langen Tag gehabt, das wäre das Beste, was ihr heute noch hätte passieren können. Eine Gruppe für den Durchschnittseuropäer schwer dem korrekten Lande zuordbarer Asiaten passierte ihn in höflichem Sicherheitsabstand. Blieb dann einige Meter entfernt stehen, zückte kollektiv diverse Handys und Tablets und schickte diejenige junge Frau, die sich am wenigsten dagegen wehrte, für eine Umarmung zu ihm, während der Rest der Gruppe die Begegnung johlend filmte. Immer wieder kamen junge Frauen und Männer aus dem nahen McDonalds-Restaurant gerannt und wollten ihn ebenso umarmen.

Die ältere Dame war mittlerweile verschwunden (wohl auch, da ihre Argumente, niemand würde „Hugs“ verstehen und man müsse schwul sein, das zu machen, nicht mehr haltbar schienen) und der Freund mittlerweile aufgestanden. „Komm, trau dich, so unentschlossen herumstehend siehst du noch viel dämlicher aus!“, meinte er lachend zu dem gestriegelten Freund. Zwei Minuten später waren es nun zwei junge Männer, die in den nächsten Stunden Momente der Innigkeit, des Innehaltens mit Fremden wechselten. Manche der Umarmten suchten danach rasch das Weite, fast beschämt über ihren Mut, andere blieben eine Weile und ließen sich auf ein Gespräch ein.

Zwei junge Mädchen und ein Junge blieben am längsten, und als er meinte, es würde langsam dunkel und niemand könne die Plakate mehr lesen, waren sie begeistert, als aus den schwarzen Taschen Musikinstrumente zum Vorschein kamen. Über eine Stunde spielten sie noch gemeinsam Lied über Lied, bis es spät geworden war und ein aus vollen Kehlen gebrülltes „I wü ham noch Fürstenföd!“ das Ende ankündigte. Herzlich verabschiedete man sich voneinander, tauschte Kontaktdaten aus, freute sich auf ein mögliches baldiges Wiedersehen. Erst jetzt erkannten sie, dass sie bislang voneinander nicht einmal die Namen gewusst hatten.

Aber auf den Inseln im Alltag herrschten eben andere Gesetze.

 

Ich hoffe ihr hattet auch einige schönen Wochen bisher – meine waren trotz einer etwas hartnäckigen Erkältung groĂźteils super 🙂
Bis zum nächsten Mal!

Niklas

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glücklich geworden waren. Es überwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug für ein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die Realität hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spürte, sondern mit ihr unmissverständlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu überdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glücklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Zügen jener „Glücklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewährten, in jene, die ordnungsgemäß gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexität, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu führen. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafür in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekäuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wählen durfte, ursprünglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht für eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war überhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe für sich allein beanspruchen wollten, ihn einschränken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug für alle da!“. Und lange, über viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natürliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem Fühlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabänderliche Essenz, und unbeständige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war… vergänglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war… keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wählen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser veränderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natürlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch über Jahrtausende gelernt, Wasserläufe ein Stück weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprünglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeinträchtigen. War das etwa, neben der Fähigkeit, unabhängig der gerade sichtbaren Formen an die immerwährende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die für ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein würden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemüht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bedürftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrängt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefühlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen Identität, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschützen vorgaben, hinter die Wörter, die die Identität des Einzelnen davor schützten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch… fand er sich bestätigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosität und Freude spürte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurückkehrte. Hier war… Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprünglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen überhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen Bedürfnisse der Betroffenen auch erfüllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrückt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂĽckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂĽr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein Lächeln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schürfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfühlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wählen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂĽnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nächsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂĽchte darin? Was können wir daraus fĂĽr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂĽhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂĽhrt man andere so, dass sie eigenständig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂĽtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vorträge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

Letzten Freitag wollte ich mit einer Freundin die Grottenbahn am Linzer Pöstlingberg besuchen. Ich hatte damals, als ich meinen Hauptwohnsitz in Linz angemeldet hatte, ein Gutscheinheft mit unter anderem einer Freikarte fĂĽr zwei Personen fĂĽr die Märchenwelt bekommen, die wir auszunutzen gedachten. Da es ein schöner Herbsttag war, beschlossen wir, von der NibelungenbrĂĽcke aus zu Fuss den Pöstlingberg zu erwandern, suchten uns den ungefähren Weg im Internet heraus und legten los. Der Weg schien einfach – es hiess, einer Strasse zu folgen und dann in eine andere einzubiegen –weswegen wir es nicht fĂĽr nötig befanden, uns weitere Notizen zu machen.

Bald stellte sich heraus, dass wir den Namen der zweiten Strasse vergessen hatten, weswegen wir auf gut Glück eine der ungefähr in Richtung Pöstlingberg führenden folgten. Wir entdeckten eine kleine Weide mit Schafen, die wir fütterten, passierten wunderschön herbstlich gefärbte Wälder (beobachteten dabei auch zwei Eichhörnchen) und kämpften uns, als uns klar wurde, dass wir uns bereits viel zu weit nördlich befanden, auf geradem Wege durch einen Wald den Pöstlingberg hinauf, was zwar anstrengend, aber auch eine schöne Erfahrung war.

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Als wir dann endlich die Grottenbahn selbst erreicht hatten, war die nur einige Minuten dauernde Fahrt und die sich im Keller befindliche Märchenwelt im Vergleich mit den Erlebnissen, die uns unser Umweg beschert hatte, nicht mehr sehr aufregend. Warum ich euch die Geschichte überhaupt erzähle? Weil sie sich als Metapher für Lernprozesse gut eignet:

Eine Richtung statt einem Ziel

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Lernprozesse vielleicht keine fixen Ziele, wohl aber eine Richtung brauchen. Ohne unser Ziel, die Grottenbahn zu besuchen, hätten wir den Weg selbst gar nicht angetreten, wären vielleicht zuhause geblieben. Lernen, Wachstum, benötigt einen Impuls, eine Richtung, in die eine Veränderung beginnen kann.

Offenheit vs. Effizienz

Die Erreichung dieses Ziels ist immer über unzählige Wege möglich, wobei der effektivste wohl die Pöstlingbergbahn, die am Hauptplatz wegfährt, gewesen wäre. Wir wären zwar dabei wohl erheblich schneller an unserem (Lern-)Ziel angelangt, hätten aber all die Erfahrungen, die sich uns auf dem Weg dorthin eröffneten, verpasst. Die Optimierung von Lernprozessen, wie sie das Ziel vieler pädagogischen Methoden(-Verbesserungen) sein mögen, mögen in manchen Bereichen zu einer schnelleren Zielerreichung führen, gleichzeitig jedoch dadurch an Offenheit für andere interessante Erfahrungen verlieren.

Warum Ziele doch wichtig sind

Ein Ziel zu erreichen, das man sich selbst gesteckt hat, tut gut. All die schönen, zufälligen Erfahrungen, die wir auf unserem Umweg gemacht haben, hätten wohl einen schalen Beigeschmack bekommen, hätten wir die Grottenbahn gar nicht mehr gefunden, weil sie dann vielleicht auf Kosten des eigentlichen Ziels, als Ablenkung empfunden worden wären.

Wir haben uns das Ziel selbst ausgesucht. Wäre es etwa Teil einer extern gestellten Aufgabe gewesen, wäre ein Nicht-Erreichen deutlich negativer in Erinnerung geblieben. Es hätte zu einer Wertverteilung zwischen extern gesetztem Ziel (Grottenbahn) und zufälligen Erfahrungen zugunsten der Grottenbahn geführt, genauso wie es in der Schule eine deutliche Unterscheidung zwischen dem, was zur Prüfung kommt und dem Rest an möglichen interessanten Erfahrungen gibt. Sich selbst seine (Haupt-)Ziele stecken zu können, bedeutet auch, selbst eine Wertung über die verschiedenen möglichen Erfahrungen vorzunehmen.

Zeitliche Freiräume

Wir fühlten uns nicht unter Druck gesetzt. Natürlich hat die Grottenbahn ihre Öffnungs- und Schliesszeiten, an die wir uns zu halten hatten, aber da wir für eine Strecke von vielleicht 3 km einen Zeithorizont von fast sechs Stunden zur Verfügung hatten, konnten wir uns Umwege und spontane Genüsse erlauben, die den alleinigen Besuch der Grottenbahn selbst zu etwas Schönerem werden liess.

Vom Leben und Un-Leben

Um nun von dem Beispiel selbst wegzukommen: Ich glaube, dass es eine sehr wertvolle Erfahrung auch für sehr junge, angeblich „unverantwortliche“ Menschen sein kann, wenn sie sich ihre Entwicklungsrichtung selbst setzen (und damit eigene Wertungen diesbezüglich vornehmen) dürfen und genug (zeitlichen wie örtlichen) Freiraum haben, auch diese spontanen Erfahrungen zulassen zu können. Sie mögen nicht nur, wie es für den lehrplangewöhnten Erwachsenen erscheinen mag, ineffizient und sprunghaft in ihrem Handeln sein, sondern auch etwas viel wertvolleres: lebendig und damit in einem ständigen Entwicklungsprozess, der weder gut extern planbar noch steuerbar ist.

Wer keine Freude an dieser gerade Kindern eigenen Lebendigkeit und Unvorhersehbarkeit mehr empfinden kann, möge sich die Frage stellen, ob er nicht mehr Erfolge in der Arbeit mit fester, toter, begrenzter Materie, mit Nullen und Einsen, Schwarz und Weiss finden wird.

Denn das Leben selbst wogt in einem unbegreiflichen Tanz, und die Hand, die es uns reicht, ist das Jetzt.

Niklas

Es gibt einen Blog, zenhabits.net, den ich immer wieder ganz gerne besuche, weil der Schreiber augenscheinlich in vielen Bereichen eine ähnliche Einstellung zum Leben hat wie ich und ich daher aus dem, was er schreibt, auch sehr viel für mein eigenes Leben ziehen kann. Kürzlich schrieb er über The Flexible Mind, ein Thema, das ich heute gerne aufgreifen möchte.

Sinngemäss schreibt er, dass ein grosser Teil unserer Sorgen, Ängste und unserer Trauer daher rührt, dass sich die Dinge nicht so entwickeln, wie wir sie uns vorgestellt haben. Die Angebetete lehnt einen Heiratsantrag ab. Aus der schönen Nacht mit einer fremden erwächst eine Vaterschaft. Ein Geschäft kommt nicht zustande, obwohl unsere Vorbereitung perfekt war und wir viele Stunden hineingesteckt haben. Ich schreibe hier einen Artikel, stecke viel Herzblut hinein, und laut Statistik hat ihn niemand gelesen. Leo schreibt, dass die enttäuschte Erwartung, etwa das jemand das, was ich hier schreibe, auch liest, für unsere Enttäuschung verantwortlich ist, und nicht die Art und Weise, wie sich eine Situation objektiv entwickelt.

Ohnmacht

Wer starr seinen Plänen zuarbeitet, wird irgendwann feststellen, dass es Situationen gibt, in der selbst der gewissenhafteste Arbeiter überrascht sein wird. Unsere Fähigkeit der Kontrolle unserer Umgebung ist, von einiger Entfernung betrachtet, sehr eingeschränkt. Zahllose Einflussfaktoren ausserhalb unseres Wirkungsraumes beeinflussen neben uns ständig diese Welt. Unsere Macht ist keine absolute Macht, sondern existiert immer in Relation zu den anderen Mächten.

Es wird möglich sein, das eigene Verhalten vorausschauend zu planen, sich selbst Ziele (oder besser Richtungen) vorzugeben, aber sobald diese Ziele andere Akteure beinhalten, liegt es nicht mehr in unserer alleinigen Macht und gleichzeitig auch unserer alleinigen Verantwortung, ob diese Ziele auch erreicht werden können. Nicht nur andere Menschen, auch beispielsweise ein Holzwurm, der ein Gebälk eines Dachbodens zum Einsturz bringt, ist ein Akteur – ein geschlossenes System, wie wir es oft auch in der Physik zur Berechnung gewisser Phänomene verwenden, ist eine zwar für manche Situationen nützliche, aber nie mit der Wirklichkeit zu verwechselnde Abstraktion dieser.

Einen flexiblen Geist zu haben, wie es Leo beschreibt, bedeutet nun, von der Singularität der gesteckten Ziele abzugehen, weil wir deren Erreichung nur beschränkt beeinflussen können, und die Effekte unserer Arbeit, unseres Tuns, frei von unseren Vor-Urteilen dann zu betrachten und zu beurteilen, wenn sie eintreten. Anstatt uns über Fehlschläge zu ärgern, entdecken wir so womöglich leichter auch das Potential, das durch diese von uns ungeplante und eigentlich unerwünschte Veränderung zu eröffnen vermag.

Wenn wir die Effekte unseres Handelns nur begrenzt steuern, manchmal nicht einmal vorhersehen können, würde dies dafür sprechen, unseren Fokus von Tätigkeiten, die uns aufgrund ihrer erzielten Effekte motivieren, auf Tätigkeiten, die uns in ihrer Ausübung bereits erfüllen, zu verschieben, von einer extrinsischen zu einer intrinsischen Motivation überzugehen. Wenn ich Gitarre spiele, um Geld oder Anerkennung zu verdienen, etwas, das sehr stark von den Reaktionen von anderen Menschen und damit Akteuren abhängt, kann ich enttäuscht werden. Wenn ich spiele, weil ich das Spielen selbst geniesse und es mir Freude bereitet, wer kann mir diese Freude noch nehmen?

Seelenwanderer

Angewandt auf unsere Entwicklung als Mensch würde dies bedeuten, uns auf das zu fokussieren, was uns in seinem Tun selbst erfüllt. In meinem Fall würden da sicher Musik zu machen, das Schreiben, das Kennenlernen von mir bisher fremd gewesenen neuen Perspektiven auf Sachverhalte, die mir andere Menschen in Gesprächen und durch ihr Handeln schenken, dazugehören. Ich spiele nicht Gitarre, um irgendwann Rockstar oder berühmt zu werden. Ich spiele Gitarre, weil ich es liebe, wenn ich mich selbst, manchmal in Harmonie mit anderen, was eine weitere Qualität hinzufügt, als Teil dieser der Musik spüre. Ich bin dann die Musik, versschmelze mit ihr, verschmelze mit meinen Mit-Sängern. Als wir anfingen, in den Strassen Curitibas zu spielen, waren wir überrascht, wie viel Geld zusammenkam, aber es ging nie ums Geld. Es ging darum, öffentlich zu spielen, etwas von meiner Seele der Welt preiszugeben und diese irrationale Angst vor der Öffnung zu überwinden.

Es war nicht mein Plan, Strassenmusiker zu sein, es war auch nicht mein Plan, Volkschullehrer zu sein, es waren meine Richtungen, an denen ich mich zu bestimmten Zeiten orientieren konnte, um der zu werden, der ich heute bin. Vieles, was ich tat und tue, hat nur wenig mit diesen Richtungen zu tun, aber alles mit meinem mir eigenen Weg, den mir mein Inneres in lichten Momenten aufzeigt, einem Weg ohne Anfang und ohne Ende, wie es scheint, dicht verwoben mit den Leben anderer Menschen.

Einige Monate war dieser Blog eine sehr starke Richtung für mich, aber nun hat sich eine weitere Richtung aufgetan, die ebenso einen Teil meiner Zeit beanspruchen wird, und die Angewohnheit, jeden Tag einen Artikel zu schreiben, so lieb sie mir geworden ist, werde ich mit dem heutigen Tag aufgeben, weil ich vorhabe, mich in nächster Zeit in einigen anderen Bereichen umzusehen. Zudem habe ich bereits einige Rückmeldungen bekommen, dass bei all dem Inhalt, den ich hier veröffentliche, niemand mehr mit dem Lesen mitkommt, was ja schade ist. In Zukunft wird’s hier also etwas unregelmässiger von meiner Seite. Wenn ihr mehr lesen wollt, müsst ihr wohl auch selber mehr schreiben, war ja sowieso die Ursprungsidee, dass die Beiträge nicht nur von mir kommen. Vor einigen Jahren schrieb ich ein Gedicht, mit dem ich euch für einige Tage Österreich-Tour verlassen werde:

Dein Weg fĂĽhr dich
Entlang den Wassern
Der Fluss der Zeit
Der Fluss des Lebens
Reisst dich hinfort in die Welt hinaus

Dein Weg fĂĽhrt dich
Zu manchen Menschen
Relevante Begegnungen
Und seichte Gespräche
Was wird dich wohl erwarten

Dein Weg fĂĽhrt dich
Wer weiss wohin
Der wahrhaft weise
Bleibt ein Kind
Und staunt ĂĽber all die kleinen Wunder

Dein Weg fĂĽhrt dich
Ins Dunkel der Nacht
Wenn das letzte Streichholz
Längst erloschen
Hat dein Leben einen Sinn

Dein Weg fĂĽhrt dich
Nun auch zu mir
Ein ganzes Leben, eine schöne Erinnerung
Oder auch nur dieser eine Augenblick
Vielleicht ist es alles, was uns bleibt

Es ist ein seltsamer Weg
Denn er macht viele Umwege
Lass die Idioten lachen
Auf ihren schnellen Autobahnen
Sie haben nie gelebt

Abraços!
Niklas

Jetzt bin ich bereits wieder eine Woche in Österreich angekommen, was habe ich erreicht? Ich habe mein Zimmer in Linz wieder bezogen, viele alte Freunde wieder getroffen und relativ wenig geschlafen. Ein paar neue Menschen kennen gelernt, auch wenn es noch schwer fällt, aber was habe ich vorzuzeigen, wovon kann ich erzählen, welche meiner Ziele habe ich erreicht? Inmitten der vielen Momente, in denen ich sehr froh bin, den Pfad der fixen Zielsetzungen verlassen zu haben, gibt es diese Momente, in denen der innere Sklaventreiber wieder erstarkt: Was hast du heute grossartig erreicht? Welche signifikanten Ergebnisse bringt dein Tagwerk hervor?

Es tut gut, messbare Ergebnisse, sichtbare RĂĽckmeldungen des eigenen Tuns zu haben. Ich behaue ein StĂĽck Holz, und mit der Zeit, langsam, aber doch sichtbar, wird es zur Statue. Ich vermische einige Zutaten und aus der unkenntlichen Masse entsteht ein duftender Kuchen. Mein Tun hat sichtbare Folgen, nicht nur fĂĽr mich, sondern auch fĂĽr andere. Die mir anvertrauten Kinder bestehen nach meinen Belehrungen eine NachprĂĽfung. Mein Tun hatte, gut sichtbar, einen Sinn. Meine Methoden und Strategien fĂĽhrten zum gewĂĽnschten Effekt. Ich hatte die Sache unter Kontrolle. Die richtigen Strategien fĂĽhren zu den gewĂĽnschten Ergebnissen – ein Sinnbild meiner Kompetenz.

Ewige, heilige Suche

Was aber, wenn mein Ziel nicht die Erreichung eines bestimmten Zieles selbst ist, sondern diese Ziele nur Richtungen vorgeben, in die ich mich entwickeln möchte? Wenn Umwege vielleicht nötige Entwicklungen nach sich ziehen, wenn eine simple Unterscheidung in gut/schlecht, richtig/falsch nicht mehr so einfach erscheint? Manchmal wünsche ich mir diese einfacheren Zeiten zurück, in denen ich mich auf andere Menschen verlassen konnte, die mir sagten, was ich zu tun und was ich zu unterlassen hatte. Diesen Anforderungen zu entsprechen bedeutet auch, die entsprechenden bekannten positiven und negativen Rückmeldungen zu bekommen. Es ist manchmal einfach herrlich unkompliziert, in schwarz und weiss zu denken, es entlässt von einer Verantwortung, die manchmal schwer zu schultern ist: diese Bewertung der Wirklichkeit selbst vorzunehmen und für die Konsequenzen geradezustehen.

Wege abseits der ausgetretenen Pfade von Gut und Böse zu beschreiten, bedeutet, weite Strecken ohne diese externen Rückmeldungen, die wir so gewohnt sind, zurückzulegen, bedeutet, sich im freien Gelände über den Instinkt zu orientieren. Bedeutet unweigerlich auch, Fehler zu machen, vom Weg abzukommen, Umwege zu machen, die Richtung zu wechseln, Unterschlupf vor Unwidrigkeiten suchen zu müssen, an bitterem Hunger, an Einsamkeit zu leiden, vielleicht auch die gesteckten Ziele nie zu erreichen. Bedeutet, der Rolle des Touristen, der seinen touristischen Sehenswürdigkeiten folgt und enttäuscht ist, wenn die Attraktion geschlossen ist, abzustreifen, um in die Rolle des Entdeckers zu schlüpfen, der auf der Suche nach Abenteuern und neuen Entdeckungen viele Unwirtlichkeiten der Reise freiwillig auf sich nimmt.

Der Entdecker lebt den Prozess des Entdeckens, des Erforschens, des Neuen, und folgt keinem vorgeschriebenen Weg, weil er Neuland betritt. Natürlich verlässt er sich auf seine bisherigen Erfahrungen, vielleicht Hilfsmittel wie einem Kompass, wird Nahrung mitführen und vielleicht für eventuelle Notfälle vorgesorgt haben. Aber er hat kein festgelegtes Ziel ausser dem Weg, den er hinter sich bringt und die Erkenntnis, die ihm dieser Weg bringen wird. Er hat vielleicht Vorstellungen von der Beschaffenheit des Weges, aber legt sich nicht im Vorhinein fest, nur einen Trampelpfad zu betreten, wenn er wider Erwarten eine Schnellstrasse entdeckt. Er folgt dem Gelände in der Richtung, die ihm seine Erfahrung, sein Bauchgefühl, vorgibt, nicht um zu finden, sondern um unvoreingenommen zu erfahren.

Der Schmerz und die Freude

Ein Entdecker-Leben ist keine einfache Art, ein Leben zu verbringen, aber ich glaube, es ist eine sehr lohnende. Ein Entdecker muss mit dem Risiko leben, nichts Neues entdeckt zu haben, im Kreis gelaufen zu sein oder gar grosse Not zu leiden, wenn ihm die Vorräte ausgehen und er sich fern aller Zivilisation befindet. Vielleicht interessieren seine Entdeckungen auch niemanden ausser ihn selbst, hinterlässt er seine Spuren in Wäldern, um eines Tages von einer Klippe zu fallen, nie aufgefunden zu werden, während neues Gras über seine Fussabtritte wächst.

Doch diese Fssabdrücke, so klein und unbedeutend sie auch sein mögen, so wenig von ihrem Urheber bekannt sein mag, der einige Tagesreisen weiter tot in einem Abhang auf seine Auffindung wartet, diese Fussabdrücke gehen ein in den ewigen Fluss eines Waldes, einer Landschaft, werden Teil von ihr, eins mit ihr, veränderten das Gesicht der Erde, der Welt, um diese wenigen Zentimeter, die Folgen nach sich ziehen können. Weitere Wanderer stossen auf die Spuren, finden die Leiche, vermeiden die Klippe, eine Verbindung zwischen zwei Städten entsteht, Strassen werden gebaut. Oder durch das sanfte Auftreten des Entdeckers wurde die Erde durchlockert, was ihr Wachstum förderte, und hunderte Jahre spätDer Schmerz der Entdeckerer verläuft ein Waldstück entlang des alten Pfades des Entdeckers.

Entdecker stellen sich dem grössten Erfolgsdruck von allen: der eigenen Bewertung. Es ist schwer, sich selbst zufriedenzustellen, beinahe unmöglich. Und so verbringen diese rastlosen Seelen ihr Leben zwischen fast manischen Phasen des Aufbruches, des Reisefiebers und dem dumpfen Gefühl, sich nicht genug angestrengt zu haben, zu lasch gewesen zu sein, finden kaum Ruhe, kaum Rast, sind oft verzückt über neue Entdeckungen, dann wieder zutiefst traurig über ihre eigene Unzulänglichkeit, überanstrengen sich, brechen erschöpft zusammen, werden stärker, werden weiser, aber ihr Herz lässt sie nicht ruhen, solange es noch Hoffnung auf einen nächsten Schlag, einen nächsten Moment dieser köstlichen Freude des Neuen gibt.

Solange werden wir Entdecker brennen, leiden, lieben, leben.

Niklas