PrĂĽfungen des Lebens meistern

Wer sein Handeln auf das Zustandekommen von äußeren Voraussetzungen baut, wird immer ein Stück weit Spielball des Schicksals bleiben. Die Alternative? Die Perspektive „Die Welt prüft nur gerade meinen Willen“. Und die Entscheidung, diese Prüfung auch erfolgreich zu bestehen.

Einige Fallbeispiele

  • Gegen Ende März dieses Jahres durfte ich hocherfreut feststellen dass meine Investitionen in die Selbstständigkeit nun endlich FrĂĽchte abzuwerfen schienen. In den 3 ersten Monaten des Jahres hatte ich knapp 2000€ plus an Einnahmen erwirtschaftet (gegen meine laufenden Kosten gerechnet). Dann kam eine völlig unerwartete Auto-Rechnung von 2200€. Selbstständigkeit deswegen aufgeben? Stattdessen Job suchen?
  • Kurz-Trip mit meiner Freundin nach SĂĽdtirol/Italien fĂĽr 4 Tage. Traumhaftes Wetter nach wochenlanger Kälte/Regen hier in Oberösterreich, wunderbare Landschaften und Orte. Kurze Toilettenpause entlang einer LandstraĂźe. Einbruch ins Auto. Spiegelreflexkamera um 400€ weg, einige Hunderter an Bargeld plus als Extra-Bonus eine zertrĂĽmmerte Seitenfensterscheibe. Waren wohl Profis, in 3min waren die wieder weg. Urlaub deswegen abbrechen?

Eine Liste an Kurzgeschichten die ein immer gleiches Grundmuster beschreiben lieĂźe sich beliebig fortsetzen. Immer geht es darum einen Plan/eine Vision zu haben, und um eine grundlegende ErschĂĽtterung der grundlegenden Voraussetzungen fĂĽr die Umsetzung dieser Vision. Und damit der Frage: Aufgeben – oder trotzdem durchziehen?

Wenn die Welt den Willen prĂĽft

Wenn sich solche Situationen im Leben häufen (wie es bei mir in den letzten Monaten interessanterweise oft der Fall war), kann man geneigt sein dies als Zeichen zu werten dass „die Welt es eben nicht zulassen will“ oder „Die Welt mir sagen will, dass die Entscheidung falsch war“. Und so lässt man die Vision, so schön sie auch ursprünglich wirkte, eben wieder sterben.

Aus purer Notwendigkeit ist in mir im Laufe der letzten Monate jedoch eine konstruktivere Betrachtungsweise zu der Problematik entstanden: die Welt prĂĽft mich und die Ernsthaftigkeit meiner Entscheidung.

Jeder kann das tun was er sich vornimmt solange alles gut läuft. Interessant wird es dort, wo es nicht gut läuft. Mache ich auch unter schwierigen Voraussetzungen weiter? Lasse ich meine Richtung von den Voraussetzungen diktieren, oder bestimme ich diese Richtung (weitgehend) unabhängig von den Voraussetzungen?

Im ersteren Fall werde ich gewissermaßen Spielball unkontrollierbarer Mächte bleiben. Im zweiten werde ich lernen müssen, Widerstände auszuhalten und auch bei „schwierigem Seegang“ auf Kurs zu bleiben.

Bedingte und unbedingte Visionen

Die Perspektive „Das ist jetzt eine Prüfung“ hilft mir, auch mit kleineren oder größeren Katastrophen gelassener umzugehen. Diese zeigen uns nämlich nur (wenn auch oft schmerzlich) unsere inneren (oft verborgenen) WENN-DANN-SONST-Konstruktionen auf: „WENN ich noch mehr als X€ am Konto habe DANN kann ich an meinem Ziel weiterarbeiten, SONST brauche ich einen Job“. Sobald der Kontostand nun X unterschreitet (oder sich X nähert) geht man in der WENN-DANN-SONST-Sichtweise davon aus dass die Vision (jetzt) nicht umsetzbar ist. Die Vision ist somit eine bedingte Vision, abhängig von Voraussetzungen.

Die Prüfungs-Perspektive hingegen fragt ganz konkret: ist es dir wichtig genug, auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen? Welche Risiken willst du eingehen? Was bist du bereit, möglicherweise dafür zu opfern? Sie ermöglicht ein bedingungsloses JA.

Auch die bedingungslose Vision braucht zu ihrer Umsetzung Voraussetzungen, kann mit den Widerständen wachsen und sich verändern. Aber im Unterschied zur bedingten Vision wird sie nicht aufgrund von fehlenden Voraussetzungen sofort und absolut aufgegeben. Um im navigatorischen Bild zu bleiben: der Sturm wird womöglich umschifft, oder es wird für die Dauer des Sturms geankert, aber die langfristige Ausrichtung und der Wille zum Erreichen des Ziels bleiben aufrecht.

Die Macht unbedingter Visionen

Die Vizerektorin der Pädagogischen Hochschule meinte vor einigen Jahren als es um Anrechnungen meines Auslandsjahres ging mal sinngemäß zu mir: „Es macht ĂĽberhaupt keinen Sinn, Ihnen Steine in den Weg zu legen, Sie werden Ihren Weg auf Dauer ohnehin gehen.” Das fand ich einen bemerkenswerten Satz von ihr, der mich in schwierigen Situationen begleitet hat.

In den Jahren nach dieser Aussage sind mir vom Leben immer wieder Steine in den Weg gelegt worden, aber sie hat sich im GroĂźen und Ganzen auf Dauer bewahrheitet. Und ich habe noch etwas herausgefunden: Wenn eine unbedingte Vision stark genug verfolgt wird, dann hilft das Leben auch bei ihrer Verwirklichung. Aber nur, wenn man die Willens-PrĂĽfungen auch besteht:

  • Nach dem Diebstahl ging es um die Frage: Urlaub abbrechen oder Urlaub fortsetzen? Wir haben beschlossen dass wir ihn fortsetzen und die gemeinsame Zeit unabhängig von dem Vorfall weiter genieĂźen werden. Das Auto nur noch so geparkt dass man nicht durch die kaputte Scheibe greifen konnte. Noch eine grandiose Nacht im Zelt auf einer alpinen Alm verbracht, bevor es 8h lang ĂĽber atemberaubende GebirgsstraĂźen nach Hause ging. Fotos gibt’s da die Kamera gestohlen wurde leider keine davon… aber die Freude ĂĽber das Erlebte kann uns niemand nehmen, und wir lassen uns die auch nicht trĂĽben.
  • Vor einigen Wochen war fĂĽr mich aufgrund der vielen unerwarteten Ausgaben fĂĽrs Auto schwierig abzusehen wie ich das „Sommer-Loch“ finanziell ĂĽberstehen wĂĽrde können. Trotzdem wollte ich an einigen Herzens-Projekten weiterarbeiten, damit diese wie geplant bis nächsten Herbst fertig werden können und bin das Risiko eingegangen ins Minus zu rutschen. Aus dem Nichts kam dann plötzlich eine Auftrags-Anfrage von einem Japaner, fĂĽr den ich letztes Jahr einige Ăśbersetzungen gemacht habe – womöglich mehrere Tausend Euro wert. Wird mich wohl weitgehend ĂĽber das Sommer-Loch bringen.

Gerade an letzterem Beispiel lässt sich eines gut deutlich machen: unsere rationalen WENN-DANN-SONST-Konstruktionen blenden oft Möglichkeiten aus, die zwar real existieren aber die wir (noch) nicht sehen können. So kann es sein, dass an sich umsetzbare Visionen begraben werden weil wir nicht bereit sind, die dafür notwendigen Risiken und Unwägbarkeiten lange genug auszuhalten.

Daher nochmal die Frage: Wer oder was richtet dein Leben aus? Unwägbare Voraussetzungen? Oder du selbst? Lässt du dich von Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, aufhalten? Oder erkennst du, wie es in einem wunderschönen Spruch formuliert ist, auch die Möglichkeit, daraus etwas Schönes zu bauen?

Niklas

„Betreten verboten“.
Etwas an jenem Ort ließ ihn innehalten. Da war… Kraft zu finden in den tosenden Wassermassen, die durch das Wasserkraftwerk strömten. Der innere Widerstand, der Drang zur Konformität mit Regelungen, war heute nur seltsam abgeschwächt in ihm zu vernehmen. Und so folgte er ihr. Über den unter dem Andrang der durch tagelangen Regen und der einsetzenden Schneeschmelze angeschwollenen Fluten leicht schwankende Übergang aus Beton. Auf jene kleine mit Felsen bestückte Insel. Inmitten alles mitreißender Wassermassen, im Auge jenes Sturms, ließen sie sich nieder.

Hier, eigentümlich entrückt jener Welt des Alltäglichen, schien das Unaussprechliche Form annehmen zu können: Er hatte damals einen ungerechten Frieden akzeptiert, um jenen zu schützen, den er sich bedingungslos zu lieben verpflichtet wähnte. Nicht weil er Angst vor seinem Gegenüber gehabt hatte. Sondern weil er Angst davor gehabt hatte, was er jenem antun mochte, würde er all die Wut und Empörung an die Oberfläche treten lassen. Warum unterdrückte er all dies seit Jahren, warum wendete er dermaßen viel Energie darauf auf, die Konfrontation zu verhindern, auch wenn es ihn offensichtlich körperlich wie seelisch schleichend vernichtete? Da war Raum in ihrem fragenden Blick, Raum für die ganze Wahrheit.
„Weil ich kein Mörder sein will“, gestand er ihr stockend, entsetzt über die Macht seiner inneren Bilder. „Und er womöglich die Wahrheit nicht ertragen kann.“

Plötzlich war ihm, als müsse er in den Fluss. Zum Fluss werden. Entledigte sich seiner Schuhe, trat einige Schritte hinaus in die Fluten.
„Schrei es heraus!“, versuchte sie ihm Mut zu schenken.
„Ich tu mir so schwer mit sowas!“, rief er verzagt zurück. Nahm einige Steine aus dem Flussbett, spielte mit ihnen herum. Bemerkte, wie sich seine Atmung mit dem Auf und Ab des Flusses einzustimmen begann. Das Wasser mochte eisig kalt sein, aber Äußeres wurde ihm zunehmend egal.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“ ertönte es hinter ihm. Sie war mit ihm. Schenkte ihm Kraft, Mut.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“, erklang es erneut hinter ihm. Er begann zu schwanken, tiefer in den Fluss zu stolpern. Die Jeans hatte er bis zu den Knien aufgerollt gehabt, um sich nicht zu erkälten. Aber alle weise Voraussicht begann zunehmend an Wichtigkeit zu verlieren, während Vergangenheit und Zukunft zusammenschrumpften, bis sie in einem einzigen Punkt, der Gegenwart, kulminierten. Nun stand er fast bis zur Hüfte in den tosenden Wassermassen. Bekam endlich einen größeren Stein zu fassen, berührte Grund, spürte Kraft in der resultierenden Gegenkraft.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Stein erreichte beinahe das andere Ufer. Sein Körper begann immer unkontrollierter zu zucken, als sich die so lange aufgestaute und nun aufgepeitschte Energie gegen die selbst auferlegten inneren Schranken warf. Würde sie ihn nicht für völlig verrückt halten? Doch sie lächelte ihn nur weiter aufmunternd an.
„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Und der schützende Damm brach endlich völlig durch.

Wie lange er in den Wassermassen herumgestolpert war, wusste er nachher nicht mehr. Für einige Momente schien der Impuls fast übermächtig zu werden, noch tiefer hinein zu waten, sich von der Strömung tragen, mitreißen zu lassen. Da war so viel Tod in jenem Ur-Schrei gewesen, so viel Ungeborenes, Ungelebtes, das der unheiligen Gewalt des vermeintlich Notwendigen geopfert worden war, eine unüberschaubare Kettenreaktion an Verstrickungen, über Generationen hinweg. Aber da war auch dieser Mensch am Ufer, der ihm ein „Bitte bleib“ vermittelte. In dem so etwas wie eine lange verloren geglaubte Heimat zu finden war. Da war eine Alternative über jenen plötzlich so willkommen scheinenden Tod hinaus. Durch den Schmerz hindurch.

Vor Kälte zitternd, am Ende seiner körperlichen und seelischen Kräfte, erreichte er das Ufer, wo sie ihn umarmte und ihm lächelnd seinen Sweater überreichte. Völlig durchnässt brachte sie ihn nach Hause. Ließ ihm ein heißes Bad ein. Brachte Tee, Kekse, Liebe dar.

An jenem denkwürdigen Nachmittag, inmitten der Fluten und getragen von ihrer Liebe, hatte er es endlich vollends spüren können: es war sein Geburtsrecht, das er damals geopfert hatte, um diejenigen, die er liebte, vor ihrem eigenen Schmerz zu schützen. Ein Geburtsrecht, dass auch jene sich selbst einst verboten haben mussten. Das ihnen Angst machte, weil mit seiner Macht auch die Übernahme echter Selbstverantwortung und damit ein Wegfallen der allzu bequemen Opferthese einhergehen musste. Hatte unter Aufbringung all seiner Kraft das Aufwallen jener mächtigen Lebenskräfte in Zaum gehalten. Sich eingereiht in die lange Reihe seiner Vorfahren, die ebenso jenem lebensverneinenden Muster gefolgt waren.

Jenem anderen Pfad zu folgen, das eigene Geburtsrecht eines kraftvollen eigenen Weges anzunehmen und zu verteidigen – allzu viele „Betreten verboten“-Hinweise schienen dem im Weg zu stehen. Doch wie stabil war jene Welt der Verbote wirklich, und vor allem: wie notwendig? Was würde geschehen, würde jemand den Mut aufbringen, dem eigenen Pfad zu folgen, auch auf das Risiko hin, auf Widerstand zu treffen? Auch in der Bereitschaft, auftretendem Widerstand bisweilen zu überwinden, zu kämpfen, anstatt von vornherein Konflikten aus dem Weg zu gehen? War es wirklich vorrangige Aufgabe, bequem zu sein?

„Betreten verboten“, war wohl auch einmal auf dem Schild zu lesen gewesen, das die Grenze des damaligen Kriegsschauplatzes kennzeichnete. Doch die Schrift war mittlerweile verwittert, die einst verbrannte Erde fühlbar schwanger mit neuem Leben, wenn es auch noch nicht durch die alte Staubschicht gebrochen, sichtbar geworden war. Seine Wasser, einmal entfesselt, würden auch diesem Ort einen Neubeginn schenken. Hier war vor vielen Jahren eine Wahrheit gestorben. Weil er und andere sich aus vermeintlicher Liebe geweigert hatten, das ganze Ausmaß ihrer Macht einzusetzen, sie zu verteidigen. Hier erneut Fuß zu fassen würde eine Konfrontation womöglich unvermeidlich machen. Aber dieses Mal hatte er die Lügen durchschaut, die die Opferung der Wahrheit nur vermeintlich rechtfertigten.

Er nahm etwas Erde, wie er einige Tage zuvor einige Steine aus dem Flussbett genommen hatte, und schrieb lächelnd auf das verwitternde Schild: „Willkommen“. Zeit, andere Wege zu beschreiten. Setzte sich an jenen ihm für so viele Jahre verbotenen Ort. Tauchte ein in die Macht der Erde unter ihm, des Himmels über ihm, der Sonne, der Sterne, des Windes, des Flusses, des Lebens, von dem er sich nun endlich, nach so vielen Jahren, wieder hemmungslos umspülen, tragen zu lassen vermochte. Etwas in ihm war entfesselt worden, ein lange verloren geglaubtes Geburtsrecht wieder errungen und eine Wahrheit offen ausgesprochen. Dieses Mal würde er wohl nicht mehr vor der ihm eigenen Macht zurückschrecken, sondern sich ihr öffnen, hingeben, anvertrauen.

An jenem so lange verbotenen Ort der Wahrheit, zuhause in seiner Kraft, ihrem endlich wieder ungestörten Fluss, erwartete er die Ankunft seines Vaters.

Letzten Sommer zog ich vom Norden Deutschlands zurück nach Oberösterreich. Eine Freundin von mir hatte uns eine Wohnung organisiert, in die wir am 1. August einziehen konnten – oder zumindest war das der Plan. Aufbauend auf diesen Versicherungen bot mir meine Schwester an, ich könnte einige meiner Sachen bis zum 1. August bei ihr unterstellen, so dass ich die letzten Juli-Tage nicht mit einem vollgepackten Bus herumfahren musste. Da dieser zunehmend Öl und Wasser zu verlor, plante ich, ihn sofort nach dem Umzug am 1. August reparieren zu lassen.

Tatsächlich verzögerte sich der Einzug in die Wohnung dann auf „unbestimmte Zeit“, was zur Folge hatte, dass ich meine auf dieser Abmachung basierenden Verpflichtungen nicht oder nur schwer einhalten konnte. Ich war dann – um die Abmachung mit meiner Schwester einzuhalten, die Sachen am 1. August wieder abzuholen, gezwungen, den Bus wieder mit all den Sachen vollzustopfen, und da ich ihn am 14. August wieder (repariert) brauchte, um jemanden vom Flughafen abzuholen und nicht wusste, wie lange eine Reparatur dauern würde, machte ich massiv Druck auf meine zukünftige Wohnungskollegin, mir endlich ein verlässliches Einzugsdatum zu nennen.

Am Ende klappte dann doch alles irgendwie, wenn auch fern von idealen Abläufen. Die Bus-Reparatur kostete mehrere Tausend Euro, der Einzug war am 10. August möglich und die Urlaubsreise mit meinem Gast, den ich vom Flughafen abholen sollte, dauerte statt 10-14 Tagen nur 5 Tage, was nicht unbedingt einem entspannten Miteinander entspricht.

Warum ich die Geschichte (oder einen Teil davon) erzähle? Weil sie geeignet ist, einige immer wieder auftretende Prozesse aufzuzeigen, die sich in vielfältigen Formen ständig im Alltag wie auch in der Schule abspielen.

Domino-Effekte

Ein interessantes Phänomen, das sich in der Geschichte zeigt, ist der Domino-Effekt, den einzelne Versäumnisse auf andere Menschen haben können. Da ich einige meiner Entscheidungen und Abmachungen mit anderen Menschen auf dem Einzugsdatum des 1. August basierte, war mit dem Fallen des Einzugstermins unklar, ob ich meine eigenen Verpflichtungen erfüllen würde können. Besonders unerträglich fand ich damals die Aussicht, dass sich das Einzugsdatum auf „unbestimmte Zeit“ verschieben würde, weil ich damit nicht einschätzen konnte, ob es schlauer war, die Sachen aus dem Bus bei anderen Freunden unterzubringen und ihn erst mal reparieren zu lassen oder die Sachen im Bus zu lassen, weil es ohnehin nicht mehr lange dauern konnte. Meine weiteren Entscheidungen waren in jener Situation abhängig davon zu treffen, wann ich in die Wohnung konnte. Ohne diese Information war es schwer bis unmöglich, gute Entscheidungen zu treffen.

Weitergegebener Druck

Aus dieser Verunsicherung heraus machte ich damals meiner zukünftigen Wohnungskollegin massiv Druck, mir einen verlässlichen Einzugstermin zu besorgen (sie war damals verantwortlich für die Klärung jener Fragen und wollte dies auch nicht ändern). Es stellte sich heraus, dass auch unser zukünftiger Vermieter von seinen Handwerkern hängen gelassen worden war und die Wohnung schlicht noch nicht fertig renoviert war. An jeder Stelle der Abhängigkeitskette hatten die einzelnen Akteure versucht, Druck auf das vorherige Glied der Kette auszuüben, was den Druck vom Ende der Kette bis zu ihrem Anfang weitergegeben hatte.

Interessanterweise kommt es jedoch üblicherweise nur selten vor, dass einzelne Menschen einen Überblick über die gesamte Kette an Abhängigkeiten haben. Meist sehen wir nur 1-2 Glieder weit, ohne zu überblicken, dass jene Glieder wiederum von anderen Menschen abhängig sind, die oft nicht „liefern“, was sie versprochen haben. Es wäre auch ein Stück weit anstrengend, so viele Stufen von Abhängigkeiten für jede Entscheidung durchdenken zu müssen. Kaum jemand, der in einem Supermarkt eine Karotte kaufen will, möchte sich überlegen, wie viele Menschen reibungslos zusammenarbeiten müssen, damit diese Karotte in diesem Supermarkt für mich bereit liegt. Wir verlassen uns einfach darauf, dass es so ist. Gibt es wider Erwarten an einem bestimmten Tag keine Karotten zu kaufen, wird eben der Besitzer des Supermarktes als verantwortlich angesehen, unabhängig davon, ob er selbst die Hauptverantwortung für das Nicht-Funktionieren der ganzen Kette zu tragen hat oder nicht.

Einerseits ist es für den Durchschnittsmenschen wohl auch einfach leichter, sich nicht mit allen Verkettungen beschäftigen zu müssen, andererseits ist es bei uns normalerweise auch sozial nicht sehr angesehen, sich darauf herauszureden, dass jemand anderer seine Verpflichtungen nicht eingehalten hat. Wenn ich bei jemandem eingeladen bin und mich jemand gebeten hat, ihn mitzunehmen, dieser dann aber morgens nicht hochkommt und einige Minuten zu spät zu mir kommt, so dass wir beide zu spät kommen, werde üblicherweise trotzdem ich als Fahrer gescholten. Oder auf die Schule bezogen: Verliert sich ein Kind bei einem Wandertag in der Betrachtung der am Weg wachsenden Blumen und trödelt dementsprechend herum, wird beim Zuspätkommen der ganzen Gruppe auch die Lehrerin verantwortlich gemacht, dass die Gruppe zu spät kam, nicht das trödelnde Kind.

Warum Schule gezwungen scheint, Druck auszuĂĽben

Nun kommen wir zu einem interessanten Phänomen: üblicherweise wird (wie oben beschrieben) ein Lehrer dafür verantwortlich gemacht, ob und was ein Kind lernt oder tut. Ersteres von außen kontrollieren zu wollen halte ich ohnehin für ein ziemlich absurdes Unterfangen, aber was ein Kind tut oder zumindest zu tun scheint lässt sich durchaus von außen steuern – wenn man bereit ist, Druck auszuüben. Dies ist nicht immer notwendig, um ein bestimmtes Verhalten zu erreichen, immer wieder werden Kinder auch von selbst Interesse für das entwickeln, was von ihnen verlangt wird, oder ihrem Lehrer weit genug vertrauen, seinen Anweisungen zu folgen. Aber wo dies nicht der Fall ist, werden Lehrer trotzdem dafür verantwortlich gemacht, was die ihnen anvertrauten Kinder machen. Wenn ein Kind laut ist, ist der Lehrer schuld, es nicht beruhigt zu haben. Wenn ein Kind sich weigert, eine Rechen-Übung zu machen, die es machen soll, ist der Lehrer schuld, es nicht dazu gebracht zu haben.

Mir geht es hierbei nicht um die Frage, ob es sinnvoll ist, dass ein Kind leise ist oder sein kann oder eine bestimmte Ăśbung macht – sondern um die Druck-Kette verketteter Abhängigkeiten. Und damit ein Lehrer seine Arbeit gegenĂĽber Eltern, Kollegen, Direktion und Gesellschaft „vorzeigen“ kann, ist er faktisch abhängig vom Verhalten seiner SchĂĽler. Er muss, um den Erwartungen, die an ihn gestellt sind, zu erfĂĽllen, die SchĂĽler dazu bringen, den Erwartungen, die an sie gestellt werden, zu erfĂĽllen. Ă„hnlich eine Hierarchiestufe aufwärts zwischen Direktoren und Lehrern und so weiter. Das kann auf freundliche Weise geschehen – oder unter Androhung und Anwendung von Druck bis hin zu Gewalt.

Den Druck nicht 1:1 weitergeben?

Ein jeder innerhalb dieser Kette an Abhängigkeiten kann sich jederzeit entscheiden, den Druck nicht weiterzugeben. Ein Direktor kann sich vor seine Lehrer stellen und ihnen mehr Freiräume gewähren. Ein Lehrer kann sich vor seine Schüler stellen und ihnen mehr Freiräume gewähren. Aber ein jeder, der so handelt, muss damit zusätzlichem Druck standhalten, belastet sich selbst mit dem Druck, den er von seinen ihm Anvertrauten nimmt. Es ist einfacher, den Druck, der auf einem selbst lastet, einfach weiterzugeben. Bequemer, und noch dazu üblicher.

Eine Bekannte hat mir unlängst erzählt, sie hätte einmal eine Kollegin gehabt, die sich „reingesteigert“ habe und versucht habe, den Druck von den Schülern fernzuhalten. Nach wenigen Monaten habe sie den Schuldienst mit Burnout verlassen. Auch selbst habe ich die massive Überforderung, die dadurch entstehen kann, schon ansatzweise spüren dürfen. Es braucht wohl eine gewisse innere Festigkeit, braucht Unterstützungssysteme, ob kollegial, ob in Form eines Unterstützungs-Netzwerks oder im privaten Umfeld. Ansonsten ist kaum eine nachhaltige Lösung wahrscheinlich.

Nichtsdestotrotz halte ich ein Graswurzel-Vorgehen immer noch für realistischer, auch nur in Ansätzen etwas zum Positiven für alle Beteiligten, Kinder, Pädagogen, Direktoren, Eltern und wer auch immer noch beteiligt sein mag, beizutragen, als darauf zu warten, dass von oberster Stelle (Bildungsministerium beispielsweise) sinnvolle und nachhaltige Veränderung auf den Weg gebracht wird. Die Kette an Abhängigkeiten, die Entscheidungen ganz oben durchlaufen müssen, bis sie bei den Kindern ankommen, ist wohl schlicht zu lang. Aber auf Klassen- wie Schulebene ist vielleicht etwas zu machen. Hier mag es tatsächlich auf den Einzelnen ankommen.

Niklas

Können Menschen tatsächlich mit Hilfe von Zuckerbrot und Peitsche so weit gebracht werden, dass ihr Verhalten zu 100% kontrollierbar, oder zumindest vorhersagbar ist? Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch „Elemente und UrsprĂĽnge des Totalitarismus“, dass diese Ansicht zumindest eine Zeit lang sehr weit verbreitet war. Sowohl im Nationalsozialismus als auch im Stalinismus, die die traditionelle telweise Fremdbestimmung in Form von Gottes Willen durch andere, totalere zu ersetzen suchten, war ein gewisser Hang zum Determinismus wiederzufinden. In beiden Weltanschauungen wurde ein Gesetz zur treibenden Kraft der Geschichte erhoben, deren Verlauf und Ende als vorhersehbar angesehen wurde. Der Rassenkampf wie der Klassenkampf waren deterministische Erklärungsmodelle der Welt, und eine Unterwerfung unter die entsprechenden „Naturgesetze“ wurde als notwendig angesehen. Während die Religion zumindest noch einem Gott (und in gewissem Sinne den Interpreten seines Willens) einen wirklich freien Willen zusprach, wurde in den totalitären System selbst dieser abgeschafft, und alles den zwingenden Notwendigkeiten der “entdeckten” historischen Naturgesetze untergeordnet.

Laut Arendt waren etwa die Konzentrationslager der Nationalsozialisten unter anderem auch Experimentierstätten, wie weit man Menschen mit Hilfe der Konditionierung formen konnte. In gewisser Hinsicht war es auch ein gesamtgesellschaftliches Experiment, aber nirgends war die Abschottung von einer eventuell rettenden Außenwelt so total wie in den Lagern. Für die Außenwelt machte es wenig Unterschied, ob die Menschen in den Lagern noch am Leben waren oder nicht – nachdem kaum Informationen in die Lager oder aus den Lagern drang, glichen sie dem Gleichnis von Schrödinger’s Katze. Wer drin war, konnte für die Außenwelt tot sein, obwohl er vielleicht noch am Leben war. In den Lagern war die Macht der Aufsichtspersonen, ihre Gefangenen zu konditionieren, so total wie selten sonst in der Geschichte der Menschheit. Und doch gelang es ihnen nicht, alle Insassen gleichmäßig zu konditionieren.

Der bekannte Psychologe Viktor Frankl, der selbst eine Zeit lang in den Konzentrationslagern verbracht hatte, beschreibt dazu eine interessante Theorie. Nach ihm existieren gewisse äußere Bedingungen, die auf einen Menschen Druck ausüben, auf bestimmte Art zu Handeln. Das spezifisch Menschliche am Menschen beschreibt er jedoch als die Fähigkeit des Menschen, frei auf diesen Druck zu antworten. Dies nennt er als den Grund, warum manche Menschen in den Konzentrationslagern unter enormen Druck zu Verrätern an ihren Mitgefangenen wurden, während andere zu Helden wurden. Die Bedingungen, denen sie ausgesetzt waren, waren weitgehend gleich. Würde die Konditionierung des Menschen direkt funktionieren, müssten die Menschen folgerichtig allesamt ähnliche Reaktionen auf die unmenschliche Behandlung in den Konzentrationslagern gezeigt haben. Doch das haben sie nachweislich nicht, was stark für die Theorie spricht, dass Menschen in ihrem Inneren eine Art Selbst haben, das mit dem Druck der Außenwelt im Dialog steht, und dessen Willens-Kraft es mit einem bestimmten Maß an äußeren Druck aufnehmen kann.

Konsequenzen fĂĽr die Schule

Wenn wir nun davon ausgehen, dass ein jeder unserer Mitmenschen diese innere Entscheidungsinstanz in sich hat, können wir feststellen, dass wir unsere Mitmenschen in Wahrheit immer nur indirekt kontrollieren können, indem wir einen bestimmten Druck auf sie ausüben. In vielen Fällen wird uns dies gar nicht auffallen, weil ihr eigener Wille sich mit dem ihren ohnehin weitgehend überschneidet. Interessant wird es dort, wo sich mein Wille mit dem eines Schülers spießt. Ich kann dann auf verschiedene Arten Druck ausüben, um seinen Willen zu überrumpeln, was umso leichter ist, je weniger entwickelt dieser noch ist. Man könnte sich dies als eine Art Kugel in einem 3-dimensionalen Raum vorstellen, die sich in eine bestimmte Richtung bewegen möchte, während die äußere Welt versucht, sie ebenfalls in bestimmte Richtungen zu bewegen. Je nach Kräfteverhältnissen wird sich die Kugel nun in die Richtung bewegen, die sie selbst einschlagen möchte, oder eher in die Richtung, die von außen von ihm verlangt wird. Vielleicht bewegt sie sich auch in eine Richtung, die man einen Kompromiss nennen könnte.

Wenn wir die Theorie Frankls akzeptieren, können wir auch die Konditionierung in einem neuen, tieferen Licht betrachten. Konditionierung funktioniert. Aber sie funktioniert nicht deswegen, weil Menschen über Belohnung oder Bestrafung „programmierbar“ sind, sondern weil diese Formen des Drucks sind, die die Entscheidungsfreiheit eines Menschen einschränken. Dies ist wertneutral gemeint. Worauf ich hinauswill, ist, dass man sich in Wahrheit nicht darauf verlassen kann, dass einmal konditionierte Verhaltensweisen auch auf Dauer Bestand haben, gerade eben weil sie nur Formen von Druck sind, die in einem komplizierten Wechselspiel mit zahlreichen anderen Bedingungen wie anderen „Druckmitteln“ von außen oder dem eigenen, sich entwickelnden Willen stehen.

Es ist ja mittlerweile vermutlich hinlänglich bekannt, dass Konditionierung mit Hilfe von Belohnungen meistens nur so lange wirkt, wie die Belohnungen aufrechterhalten beziehungsweise sogar gesteigert werden. Auch dies lässt sich mit Frankls Theorie erklären. Der Druck (oder Sog) auf die Kugel wird mit dem Wegfall der Belohnung schwächer, womit andere Einflüsse (oder der eigene Wille) relativ gesehen stärker werden. Das gleiche Prinzip gilt für Bestrafungen.

Bei einer gesunden Entwicklung junger Menschen, bei denen ihr Wille nicht dermaßen unter Druck gesetzt wurde, dass er bricht, wird dieser mit der Zeit widerstandsfähiger gegen Druck von außen. Es ist daher kein Wunder, wenn unsere Kugel bald nicht mehr von denselben äußeren Einflüssen wie früher „unter Kontrolle“ gehalten werden kann. Mitunter entwickelt sich dieser Wille dermaßen stark, dass selbst Erwachsene nicht mehr die Kraft aufbringen können, Kinder davon abzuhalten, destruktives Verhalten an den Tag zu legen. In vielen Fällen liegt diese Destruktivität der Kinder jedoch daran, dass sie nie verlässliche Vorbilder für ein weitgehend druckfreies Miteinander erlebt haben.

Um beim Bild mit der Kugel zu bleiben, gibt es für mich zwei Varianten, mit jemandem umzugehen, dessen „Bewegungsrichtung“ mir nicht behagt. Einerseits kann ich den Weg der Konditionierung wählen und versuchen, genügend Druck aufzubauen, seinen Willen umzulenken oder ganz zu stoppen. Dies führt jedoch rasch zu massiven Machtkämpfen ohne wirkliche Sieger. Die andere Variante, mit solchen Situationen umzugehen, habe ich aus dem Tao Te King bzw. dem Tai Chi Training. Wenn es mir gelingt, dass die Kugel etwas anderes will als das, was mir unpassend erscheint, muss ich keine Kraft aufwenden, um sie davon abzuhalten. Sie wird dann von selbst das machen wollen, was ich ebenso von ihr will. Dies setzt jedoch voraus, dass ich mich in die Weltsicht des Anderen hineinversetze, um ihn wirklich zu verstehen. Erst dann, wenn ich ihn wirklich verstehe, kann er mir genügend vertrauen, um sich von mir leiten zu lassen.

“Schlimme SchĂĽler” als logische Folge gescheiterter Konditionierung

Heute habe ich an einer Schule beispielsweise beobachtet, wie „Mein rechter Platz ist leer“ gespielt wurde, und ein Schüler wiederholt von Erwachsenen ermahnt wurde, das Spiel nicht zu stören. Während die anderen Kinder offensichtlich noch die Kraft und Energie hatten, weiterzuspielen, wirkte der Schüler überfordert mit der Situation. Offenbar war es ihm zu anstrengend geworden, still zu sitzen und darauf zu warten, dass er wieder dran war, weswegen er alle möglichen Faxen machte. Um ihn ruhig zu bekommen, wurde er mehrere Male ermahnt, dann umgesetzt und immer wieder mit einem „Shhh“ bedacht. Die Erwachsenen, die in der Situation die Position der Anführer der Gruppe für sich beanspruchten, nutzten die Mittel der Konditionierung, um ihn zum Schweigen zu bringen, waren aber nicht konstant genug in ihrer Aufmerksamkeit, um ihn völlig ruhig zu stellen. Vergeblich schienen sie zu hoffen, dass er von selbst aufhören würde, nachdem sie ihn mehrfach ermahnt hatten. Aber das Verhalten des Schülers folgte relativ genau dem oben beschriebenen Muster: solange Druck auf ihn ausgeübt wurde, beugte er sich der Übermacht der Erwachsenen. Fiel der Druck weg, regte sich in ihm wieder das eigentliche Bedürfnis, das er aufgrund des Drucks unterdrücken zu müssen glaubte.

Aus meiner Beobachterposition, und nicht verantwortlich fĂĽr die ganze Klasse, hatte ich den geistigen Freiraum, mich auf seine Welt einzulassen, und rasch war klar, was notwendig gewesen wäre: der Situation fehlte der geordnete, konstruktive Ausweg. Es gab fĂĽr den SchĂĽler keine (fĂĽr ihn sichtbare) Möglichkeit, den Sesselkreis zu verlassen, ohne negative Aufmerksamkeit zu erregen – deswegen suchte er – vergeblich – selbstständig alternative Wege, dies zu erreichen. Sein nach auĂźen getragenes BedĂĽrfnis, den Kreis verlassen zu können, erzeugte einen gewissen Druck, der von den Erwachsenen mit Gegendruck begegnet wurde. Er fĂĽgte sich zwar, fĂĽhlte sich aber sichtlich unverstanden. Eine jede Situation, in der mit Druck reagiert wird, anstatt die BedĂĽrfnisse der SchĂĽler in konstruktive Bahnen zu ĂĽberfĂĽhren, untergräbt die Autorität der FĂĽhrungskräfte, in dem Fall der Erwachsenen. Das einzige, was in solchen Situationen wirklich effektiv konditioniert wird, ist das Image des Unruhestifters, – beziehungsweise, je nach Ansehen der Erwachsenen – des Heldens, der als Revolutionär gegen schlechte FĂĽhrung zum Märtyrer wird.

Eine Alternative wäre es gewesen, im Vorhinein oder spätestens dann, wenn diese BedĂĽrfnisse offensichtlich werden, eine konstruktive Möglichkeit fĂĽr die SchĂĽler zu schaffen, sich diese BedĂĽrfnisse selbstständig zu erfĂĽllen. So könnte man etwa den SchĂĽlern mitteilen, dass sie den Kreis jederzeit verlassen könnten, wenn sie in einen bestimmten Bereich des Raumes gehen, wo die WeiterfĂĽhrung der Aktivität selbst nicht gestört wird. Existiert diese Möglichkeit, den Kreis selbstständig zu verlassen, wenn es einem SchĂĽler zu viel wird, steigt die Chance, dass er diese Möglichkeit nutzen wird, um seinen BedĂĽrfnissen nachzukommen, und sinkt die Chance, dass er zu destruktiven Verhaltensweisen greifen wird, um sie zu erfĂĽllen. Ăśberhaupt halte ich es fĂĽr realistisch, dass die meisten destruktiven Verhaltensweisen daher rĂĽhren, dass Menschen sich als FĂĽhrer ĂĽber andere Menschen aufspielen, deren BedĂĽrfnisse sie verkennen. Oder – was noch schlimmer ist – nicht fĂĽr wichtig genug erachten, sich damit zu beschäftigen. Auch hier gibt das Tao Te King einen schönen Rat: “Warum ist das Meer König Tausender FlĂĽsse? Weil es unter ihnen liegt”. Wer erfolgreich fĂĽhren will, muss lernen, zu dienen.

Aber im Alltag?

Natürlich ist es einfacher, diese Prozesse aus der Beobachterposition zu reflektieren, denn die pädagogische Praxis nimmt einen oft derart in Anspruch, dass solche Beobachtungen im Alltag schnell untergehen können. Ich will damit auch nicht die Erwachsenen in meinem Beispiel kritisieren, sondern damit nur illustrieren, welchen Unterschied es macht, ob man Situationen mit Hilfe von druckbasierter Konditionierung oder mit empathischer Führung zu lösen versucht. In jedem Fall wird es hilfreich sein, sich immer wieder zu fragen, wie gut man seine Schüler und ihre Bedürfnisse tatsächlich kennt – und wenn man unsicher ist, sie auch einfach zu fragen.

Ein Schüler, der regelmäßig die Erfahrung gemacht hat, dass seine Bedürfnisse und sein Wille von einem Erwachsenen wertgeschätzt und nicht (nur) mit Hilfe von Druck gelenkt wird, wird tendenziell umgekehrt auch andere Schüler wie Erwachsene ebenso wertschätzend behandeln. Wie wir weiter oben erörtert haben, ist alles, was wir tun, nur ein Faktor in einem sehr komplexen Wechselspiel vieler Faktoren im Inneren eines Menschen, und es mag Menschen geben, die von unserem empathischen Verhalten relativ unbeeindruckt bleiben. Aber das ist ebenso ihr gutes Recht wie unseres, uns tagtäglich dafür zu entscheiden, unsere Mitmenschen empathisch führen zu wollen.

Niklas

Eine lange Wartezeit auf meinen Anschluss-Bus, einige Gespräche mit Freunden und Bekannten zu verwandten Themen, das beständige mediale Bombardement mit jeweils mehr oder weniger versteckten implizierten Aufforderungen, sich einer der drei vorherrschenden Meinungen („Alle Ausländer sind böse“, „Alle Ausländer sind gut“, „Mir alles wurscht“) anzuschließen kulminierten heute Vormittag in einer Frage, deren Beantwortung mich die folgenden Stunden noch beschäftigte: Was macht den Unterschied zwischen jenen Menschen aus, die sich für die eine, und jenen, die sich für eine andere Meinung entscheiden? Und dann, nachdem ich dem einen mir fremden Mann 100 Euro geborgt hatte und kurz darauf zwei weiteren sagte, ich wolle ihnen nichts geben, auch noch die Frage, nach welchen Kriterien ich selbst in solchen Situationen eigentlich unbewusst entscheide, ob ich zu geben bereit bin oder nicht.

Über jene Fragen nachdenkend, ist mir meine immer wieder in meinem Kopf auftauchende Idee wieder eingefallen, eine Art monatliches „Budget“ für solche Situationen einzuplanen. In Bolivien, wo wir damals kaum eine Straße entlanggehen konnte, ohne angebettelt zu werden, ist mir damals die Lösung gekommen, jeden Tag am zentralen Markt eine bestimmte Anzahl an Keksen zu kaufen, und dann jedem, der um Geld/Essen/wasauchimmer bat, stattdessen einfach einen Keks zu geben – solange, bis keine Kekse mehr über waren. Da Kekse nicht unbedingt die gesündeste Nahrungsform darstellen, hatte ich mir unlängst überlegt, stattdessen monatlich ein Budget von 20 Euro, gestückelt in 5-Euro-Scheinen, einzuplanen. Jeder, der mich um Geld bitten würde, würde einen 5-Euro-Schein bekommen, solange das Budget noch nicht erschöpft war. Die einzige Bedingung würde es sein, von sich selbst und seiner (oder eine andere unterhaltsame) Geschichte zu erzählen. Als Hobby-Autor würde ich damit jemanden für seine Erfahrungen „bezahlen“, auch, um deutlich zu machen, dass jede (Lebens-)Geschichte und damit auch jedes Leben einen Wert hat, den auch eine noch so gefühlt verpfuschte Lebensführung nicht auslöschen kann. Oft sind es vor allem die gesellschaftlichen „Ausreißer“, die uns noch etwas über unser Menschsein lehren können.

Problem Nr. 1: Vampir-Beziehungen

Darüber nachsinnierend, ist mir aufgefallen, dass bei diesem Vorgehen sehr viele Aspekte Berücksichtigung finden, die ansonsten die Frage, ob ein Mensch in einer bestimmten Situation helfen kann oder will, erschweren. Ein sehr wesentlicher davon ist es, dass das Ausmaß der Hilfe nicht von der Bedürftigkeit des Anderen, sondern von der eigenen Kapazität zu helfen bestimmt ist. Es geschieht sehr rasch, dass sich eine einmal aus dem Moment angebotene Hilfe in eine Art „Vampir-Beziehung“ entwickelt, die die eigenen Kapazitäten überschreitet, die man aber aus dem Schuldgefühl, nun für den anderen verantwortlich zu sein, nicht vollends durchschaut. Als ich einmal einer jungen Frau 300 Euro schenkte, rief sie mich Tage später an und fragte, ob sie nicht mehr haben könnte. 300 Euro waren aber damals in etwa die Hälfte meiner monatlichen Ausgaben, und ich hatte damit meine Ersparnisse so gut wie aufgebraucht, fühlte mich jedoch trotzdem schuldig. Ich hatte das Gefühl gehabt, dass dieser Frau niemand half, und weil sie Hilfe brauchte, müsste eben ich ihr helfen, auch wenn es massiv über meine eigenen Kapazitäten hinausging.

Die wenigsten Menschen werden in finanziellen Belangen ein derart ausgeprägtes SelbstaufopferungsbedĂĽrfnis haben wie ich damals, aber vor allem im emotionalen Bereich ist ein ähnliches Verhalten sehr verbreitet. Die meisten von uns dĂĽrften wohl mindestens einen Menschen kennen, der einen spielend durch sein „Arm-Sein“ dazu bringt, seine Opfer-Rolle und damit die eigene Helden-Rolle zu akzeptieren. Vor allem, wenn man dies eine Weile zugelassen hat, wird man dann, wenn man diese Art der Beziehung hinterfragt, oft mit wĂĽsten Anschuldigungen oder projizierten SchuldgefĂĽhlen konfrontiert. Ich habe das mittlerweile schon so oft mit verschiedensten Menschen erlebt, dass ich mir die Vermutung zutraue, dass es sich bei diesen Menschen oft um welche handelt, die sich schwertun, sich selbst als eigenständiges Wesen, mit der Macht (und Verantwortung), ihr Leben zu bestimmen, wahrzunehmen. Meist wird dann von den “Helden” irgendwann der Kontakt abgebrochen (oft auch provoziert von den Opfern, die immer mehr verlangen, bis der Punkt erreicht ist), was die Opfer-Rolle wiederum bestätigt. Es benötigt sehr viel innere Klarheit, mit solchen Menschen langfristig auszukommen – andererseits ist es auch eine fantastische Möglichkeit, diese innere Klarheit in sich auszubilden und zu verbessern.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass sehr viele Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass sie anderen Menschen emotional, materiell und/oder finanziell unter die Arme gegriffen haben, und dann ĂĽberrascht waren, wie sehr der andere nicht nur undankbar war, immer mehr forderte, vielleicht sogar eine Art „Recht“ auf die WeiterfĂĽhrung dieser Art der Beziehung fĂĽr sich beanspruchte, so erscheint es sehr wahrscheinlich, dass diese Menschen, bevor sie bereit sind, einem Fremden zu helfen, erst einschätzen können wollen, ob sie die Gefahr einer solchen „Vampir-Beziehung“ ausschlieĂźen können. Ich glaube, dass ist der eigentliche Hauptgrund dafĂĽr, dass Menschen immer seltener bereit sind, anderen zu helfen. Meistens ist es nämlich nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Die zahlreichen Fundraising-Organisationen mit ihren Spenden-Abo-Keilern tragen auch nicht unbedingt dazu bei, diese Angst zu mindern…

Eine Freundin erzählte mir unlängst, sie hätte eine Frau, die vor ihrem betrunkenen und offensichtlich gewalttätigen Mann flüchtete, geholfen, sicher ins nächste Krankenhaus zu kommen. Ein nobler Akt der Zivilcourage – und zwar einer, bei der die Aufgabe klar umrissen war und ein klares Ende der Verantwortung in Sicht war: die Frau war sicher im Krankenhaus angekommen, und die dort würden sich weiter um sie kümmern. Hätten sie die Frau stattdessen zu sich nach Hause mitgenommen, wäre unklar gewesen, inwieweit sie fortan für sie verantwortlich gewesen wären. In diesem speziellen Fall existiert weiterhin der wütende Mann, der sie auch nach dem Krankenhaus noch eine Weile verfolgt hat. Möglicherweise ist die Sache mit einem einmaligen Entkommen für sie nun erfolgreich erledigt – möglicherweise trifft sie den Mann irgendwann wieder, und muss damit rechnen, dass versucht werden könnte, sie erneut in die Sache hineinzuziehen.

Problem Nr. 2: Fehlendes Bewusstsein ĂĽber die Konsequenzen

Ein zweiter wichtiger Aspekt neben der Einschätzung, ob die Hilfe nicht in eine dauerhafte Übernahme von Verantwortung übergeht, die die eigenen Kapazitäten übersteigt, ist die Möglichkeit, ganz konkret zu wissen, wie es um diese Kapazitäten eigentlich ganz allgemein steht. Ich sammle ja seit über einem Jahr meine Rechnungen und mache einmal im Monat eine simple Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. Nach einem Jahr kann ich relativ gut feststellen, wie viel Geld ich im Monat tatsächlich brauche, wie viel ich demnach verdienen sollte und wie groß mein finanzieller Spielraum bei der Arbeitssuche wirklich ist. Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es mich nicht in existenzielle Bedrängnis bringen wird, wenn ich (wie heute) jemandem 100 Euro borge, der zwar verspricht, es zurück zu überweisen, aber bei dem ich nicht wissen kann, ob er es tun wird, weil ich ihn gar nicht kenne. Würde ich das nicht ganz konkret für mich wissen, weil ich die Zahlen nicht hätte, würde ich wohl jetzt gerade darüber nachdenken, ob es schlau war, ihm zu vertrauen. So habe ich das Geld für mich abgeschrieben, und freue mich, falls es tatsächlich zurückkommt. Wenn nicht, weiß ich, dass es mir keine existenziellen Sorgen bereiten wird.

Geben und Nehmen… oder schenken?

Und damit nähern wir uns einem interessanten Phänomen. Politisch gesehen existieren ja wie eingangs schon erwähnt die zwei Extreme „Alle Ausländer sind gut“ bzw. „Alle Ausländer sind schlecht“, die ich beide für massiv fahrlässig halte. Aber in Wahrheit ist die Frage, ob die „gut“ oder „schlecht“ seien, ja eigentlich nur dann relevant, wenn ich von einer Art von Austausch ausgehe. Die meisten (politischen) Argumente gehen ja eher in Richtung „Das sind alles Schmarotzer“ bzw. „die sind gut für die Wirtschaft“, im Sinne von: Was bekommen wir von denen zurück? Aber wenn ich ein gewisses Bewusstsein für meine eigenen Kapazitäten erreiche, und diese zur Basis meiner Entscheidungen mache anstatt irgendwelcher ideellen Vorstellungen, wird die Frage irrelevant, was ich zurückbekomme. Es ist ein ziemlich mieses Gefühl, wenn ich einem Menschen Geld gebe, dass ich eigentlich selbst gerade dringend brauche, und mich dann frage, ob ich es wirklich zurückbekomme, oder er gerade mein Vertrauen missbraucht. Wenn ich jedoch weiß, dass ich einem Menschen gerade Geld gegeben habe, das ich nicht für mich selbst brauche, kann ich vollen Herzens geben. Oder ohne schlechtes Gewisse Nein sagen, wenn ich es für mich brauche.

Es ist sehr interessant, was passiert, wenn man anfängt, so zu denken und zu handeln, weil es offensichtlich so selten ist, dass es die meisten Menschen ziemlich irritiert. „Du tust immer nur wie ein Alternativ-Mensch, aber eigentlich bist du gar keiner“, warf mir unlängst etwa eine Freundin vor, weil ich –basierend auf meinen eigenen Kapazitäten – manchmal für sie da sein kann und manchmal eben nicht, anstatt – um als „richtiger“ alternativ eingestellter Mensch zu gelten – immer und unabhängig von meinen eigenen Kapazitäten für sie da bin. Die Idee der eigenen Kapazität ist ihr völlig unverständlich, was immer wieder zu Konflikten führt. Aber sie ist so logisch für mich, dass ich trotzdem darauf bestehe, mein Handeln danach auszurichten, und es tut mir sehr gut. Nur bemerke ich dabei umso deutlicher, wie sehr andere Menschen oft in ihren Vorstellungen leiden, was sie tun oder lassen sollten, egal, wie es ihnen geht.

Konstruktive Lösungen der “Ausländer-Frage”

Wirklich interessant wird die Sache jedoch vor allem dann auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene, und vor allem auch im Hinblick auf die „Ausländer-Thematik“. Die jeweiligen Budget-Zahlen sind dabei um ein Vielfaches größer, aber vielleicht ist es trotzdem möglich, diese Budget-Zahlen so aufzubereiten, dass sie diese Frage nachvollziehbar beantworten können: „Wie viel können wir ohne Bedenken entbehren, selbst wenn nie etwas zurückkommt?“. Diese Frage muss langfristig (> 10 Jahre) beantwortet werden, damit die damit verbundenen Entscheidungen nicht mehr ähnlich willkürlich beantwortet werden wie die Frage, welcher Bettler auf der Linzer Landstraße Geld von mir bekommt und welcher nicht. Es ist sehr leicht, das Gefühl aufkommen zu lassen, dass die Kapazität überhaupt nicht da ist, wenn es keine konkreten und für jeden Schüler verständlichen Zahlen dazu gibt, oder es sie gibt und nicht damit argumentiert wird.

Es ist meine Hoffnung, dass wir in Österreich (und Europa) über die Frage, ob Migration, Asyl usw. uns mit „guten“ oder „bösen“ Menschen „überschwemmt“, hinwegkommen, weil sie uns einfach nicht weiterbringt und zu Stillstand verdammt. Wenn wir zu den Fragen „Wie viel können wir entbehren?“ und „Was können wir mit dem, was wir entbehren können, tun?“ gelangen, werden wir feststellen, dass wir kurz- und langfristige Strategien brauchen. Kurzfristige werden sein, mit den vorhandenen Mitteln und Kapazitäten sinnvoller zu arbeiten, weil die derzeitige Vorgehensweise meiner bescheidenen Meinung nach einfach eine völlige Sauerei ist.

Und langfristig wird es ein Ziel sein müssen, die Kapazitäten hier weiterzuentwickeln, und zwar nicht nur finanziell. Zum Beispiel, in dem international versucht wird, eine weltweit einheitliche „Weltsprache“ zu etablieren, die überall als verpflichtende Zweitsprache gelehrt (und diese Lehre mit internationalen Mitteln gefördert) wird, so dass es irgendwann möglich sein kann, dass jeder Mensch mit jedem kommunizieren und die gegenseitigen Ängste und Vorurteile ausräumen kann. Dass wir in Österreich endlich mal alle zumindest Englisch lernen (wenn es international nicht so schnell klappt) und uns daran gewöhnen sollten, nicht nur Deutsch als „angemessene“ Sprache zu betrachten, sondern zumindest auch Englisch. Und wenn wir eine Sprache nicht können, sollten wir lernen, nicht über sie zu schimpfen, weil wir sie nicht verstehen, sondern sie entweder a) als alternative Möglichkeit der Kommunikation zu akzeptieren, die uns verschlossen bleibt oder b) sie einfach selbst zu lernen.

Es ist wichtig, Existenz-Ă„ngste mit Mitteln zu bekämpfen, die auch Sinn machen, und “wir lassen einfach keine Ausländer rein” wird genauso wenig helfen wie “wir lassen alle rein, wir glauben, die sind alle lieb”. Wenn wir die Angst entkräften können, dass dabei Vampir-Beziehungen entstehen (die Ăśbernahme von Verantwortung auf undefinierte, unbegrenzte Zeit und mit ebenso unbegrenzten Mitteln), oder dass wir eigentlich nicht genug haben, um guten Gewissens geben zu können, dann ist viel gewonnen. Aber wir mĂĽssen eben tatsächlich auch mit Zahlen vorrechnen können, dass wir genug haben. Und Entsprechende Gesetze und Regelungen haben, die unnötige Vampir-Beziehungen vermeiden helfen.

Solange dies nicht geschieht oder auch nur angestrebt wird, haben Rattenfänger aller Farben leichtes Spiel.

Niklas

In den letzten Wochen dämmerte mir eine Erkenntnis: Ich unterdrücke weite Teile menschlicher Erfahrung, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe. Und während der Gedanke noch zu neu ist, um die Folgen abschätzen zu können, bildet sich in den letzten Tagen nun so etwas wie eine Hypothese in meinem Kopf heraus: Ist Gewalt oft nur eine Folge der unterdrückten Anteile menschlicher Existenz in uns?

Ab ins Unbewusste mit euch

Lange Zeit dachte ich, dass es so etwas wie „gute“ Verhaltensweisen und „schlechte“ Verhaltensweisen gibt, die dem Menschen zur Verfügung stehen, und dass ich als Mensch, der gut mit anderen auskommen möchte, dazu einfach die positiven verkörpern und die schlechten kontrollieren lernen müsste. Tatsächlich hat es mich dazu geführt, dass ich nur sehr selten mit meinen Mitmenschen in Konflikt gerate, und wenn doch, fühle ich mich dabei moralisch meistens „im Recht“. Abgesehen davon, dass darin mit Sicherheit eine gewisse Überheblichkeit verborgen ist, stellt sich mir mittlerweile die Frage, wie konstruktiv mein Verhalten im Alltag tatsächlich ist. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass sich Menschen in Konflikten von mir unverstanden fühlen, und meine empfundene moralische Überlegenheit tröstet mich nicht wirklich darüber hinweg, dass ich (wieder einmal) unfähig war, einen anderen Menschen in seinem ganzen Sein zu sehen, zu verstehen, zu akzeptieren und wertzuschätzen.

Ich habe mich jahrelang gefragt, warum ich einerseits ein gutes intuitives Gespür für andere Menschen habe und mich oft sehr gut in sie einfühlen kann, und dann wieder derartige „Aussetzer“ habe, in denen ich das Verhalten anderer Menschen überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann. Es ist bisher nur eine – wenn auch interessante – Hypothese, dass mich der Kontakt mit jenen Menschen in Bereiche menschlicher Existenz bringt (oder bringen würde), die ich mir selbst irgendwann verwehrt habe.

Einigkeit und Abgrenzung

Ich glaube, es gibt zwei Arten von Möglichkeiten, eine Verbindung mit einem anderen Menschen, vielleicht allgemein einem anderen Wesen herzustellen: sich zu synchronisieren oder das entsprechende Gegenverhalten zu verkörpern. Ich kann ein Gefühl von Verbindung mit jemandem herstellen, indem ich seine Gefühle oder sein Verhalten spiegle. In der Pädagogik passiert dies oft, wenn sich Pädagogen mit ihren Schülern „verbrüdern“ und sich auf ihre Seite schlagen, nach der Marke „Ja, ich finde diese Regel auch doof“. Oder wir versuchen, einen entsprechenden Gegensatz zu finden, der in Verbindung zu einem größeren Ganzen führen kann – etwa, indem wir dem wir bewusst leiser werden, wenn jemand anfängt, zu schreien (das Bedürfnis nach Gehört-Werden wird durch das Zuhören erfüllt). In dem zweiten Beispiel könnte sich der Pädagoge auch auf die Seite des Schülers schlagen und ebenso mitschreien, um Verständnis auszudrücken. In den meisten Fällen jedoch wird der Schüler (wie auch wir selbst) durch das Herstellen eines größeren Ganzen mehr aus der Situation lernen können.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen im Regelfall zwischen den BedĂĽrfnissen nach Einigkeit, Verständnis, Harmonie und Abgrenzung, Autonomie, Spannung pendeln, so wĂĽrde es demnach auf zwei Fähigkeiten ankommen: einerseits, das BedĂĽrfnis des Anderen richtig abzuschätzen (Harmonie oder Autonomie) und dann die entsprechend passenden Handlungen fĂĽr die jeweilige Situation auszuwählen (bewusst aufeinander bezogene oder bewusst nicht aufeinander bezogene), um gewalttätige Konflikte vielleicht vermeiden zu können. Alle Beteiligten können dann dazu beitragen, die jeweiligen Verhaltensweisen entweder zu synchronisieren oder zu entsynchronisieren. Gewalt entsteht dann vermutlich dort, wo diese BedĂĽrfnisse falsch eingeschätzt oder geringgeschätzt werden, etwa wenn eine Mutter das BedĂĽrfnis des Sohnes nach Autonomie, ausgedrĂĽckt in betont unterschiedlichem Verhalten, durch Druck “korrigieren” oder durch die Anpassung des eigenen Verhaltens mit dem Sohn synchronisieren will und sein BedĂĽrfnis nach Abrenzung und Autonomie dadurch nur noch verstärkt.

Der halbvolle Werkzeugkoffer

Und nun kommt meine eingangs angeführte Feststellung ins Spiel, dass ich – wie ich zunehmend feststelle – einige Aspekte menschlichen Verhaltens in dem Glauben, damit dem Frieden zu dienen, unterdrückt habe. Es kostet mir beispielsweise große Mühe, Wut auszudrücken, und wenn ich es doch einmal tue, fühlt es sich irgendwie seltsam an, als wäre ich in jenem Moment gar nicht ich selbst sondern jemand anderer, der wütend ist, als könnte ich nicht wütend sein.

Eine Freundin versucht mir seit Jahren zu erklären, warum ich ihrer Ansicht nach nicht vernünftig singen kann, und als sie mir vor einigen Wochen beibringen wollte, wie man Salsa tanzt, habe ich wohl zum ersten Mal verstanden, was sie damit eigentlich meint, wenn sie sagt, bei mir klingen die meisten Leider gleich: ich habe gelernt (und ich bin es gewöhnt), manche Emotionen nicht auszuleben, zu blockieren, nicht zuzulassen. Deswegen verbreitet mein Tanzstil auch bei den eigentlich traurigsten Liedern Fröhlichkeit, klingt mein Gesang immer gleich nett. Nicht unschön, wahrscheinlich mit Potential, aber doch… fehlt etwas. Es fehlt der große Spielraum des Menschlichen, fehlt die Erfahrung im Negativen, um das Schöne und Positive umso mehr erstrahlen zu lassen.

Ich glaube, dass es mir nicht nur beim Singen oder Tanzen helfen wird, diese noch unterdrückten Möglichkeiten menschlichen Seins zu erlernen, sondern auch als Pädagoge, wenn ich zum jeweiligen Yang im Verhalten anderer Menschen das entsprechende Yin ausleben kann, ohne immer wieder an meine eigenen inneren Blockaden zu stoßen.

Es ist immer wieder schön, festzustellen, dass der GroĂźteil dessen, was man glaubt zu wissen, oft nur eine Illusion ist, hinter der sich eine noch viel tiefere, noch viel interessantere Wahrheit verstecken könnte, mit der man sich beschäftigen und ĂĽber die man nachdenken kann…

Niklas

Eine Freundin von mir sagte mir vor ein paar Tagen, sie würde gerne lernen, so friedfertig wie ich zu leben, und tatsächlich kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass ich auf viele meiner Mitmenschen wohl eine harmonisierende Ausstrahlung habe, während sie aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, oft mit ihren Mitmenschen in Konflikt gerät. Und so sehr ich mich manchmal über unnütze Konflikte ärgere, wird mir doch zunehmend bewusst, dass ich mich in meiner friedfertigen Welt ohne Menschen wie sie nicht sehr wohl fühle. Ich glaube, wir Menschen brauchen den Konflikt ebenso notwendig wie die Harmonie. Die Art und Weise, Konflikte auszutragen, halte ich oft für verbesserungswürdig, aber ich merke, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich auf Dauer in einer zu harmonischen Umgebung lebe. Harmonie ist wunderbar ent-spannend, aber es fehlt dann auf Dauer die Spannung.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Konflikte als etwas „Schlechtes“ wahrgenommen wurden und damit zu einem recht erfolgreichen Konflikt-Vermeider geworden. In vielen Situationen ist das eine sehr hilfreiche Eigenschaft, in anderen steht es mir jedoch auch im Weg. Dadurch, dass Konflikte für mich nichts Alltägliches, sondern Katastrophen waren, ist es für mich schwer nachzuvollziehen, dass man sich nach Konflikten auch wieder verstehen kann, während es für jene Freundin schwer nachvollziehbar ist, wie man Konflikten derart aus dem Weg gehen kann, weil man sich ja ohnehin danach wieder in die Arme nimmt und gerne hat. Ich bin ihr sehr dankbar, dass ich durch sie lernen konnte, dass Konflikte nicht das Ende der Welt (oder zumindest von Beziehungen) sind, sondern ein essentieller und ebenso wertvoller Teil des Lebens.

Ein-samkeit

Ein Kollege in meiner Schule, der sich viel mit dem Buddhismus beschäftigt hat, hat mir erklärt, dass viele Konflikte in der Welt aus der Illusion der Menschen entstehen, dass wir in der gleichen Welt leben (bzw. diese gleich wahrnehmen) und dann enttäuscht sind, dass der Andere anders als erwartet handelt. Wenn ein bestimmtes Handeln aus unserer Sichtweise völlig logisch erscheint, dann muss jemand, der anders gehandelt hat, das absichtlich getan haben, und wenn dieses Handeln mir schadet, dann will er mir folglich schaden. Er meinte auch, dass es eine sehr wunderbare Erfahrung sei, tatsächliches Verständnis für die individuelle Sichtweise des Anderen, tatsächliches Verstehen zu erleben, das die Illusion der Gleichheit ablöst.

Mein Kollege ist – soweit ich das beurteilen kann – ein eher kopflastiger Mensch, der Sachverhalte gerne rational erfasst und von Prinzipien ableitet, wohingegen ich mich eher als jemanden bezeichnen wĂĽrde, der Sachen „erspĂĽrt“ und aus diesen Ahnungen dann das ableite, was ich zu wissen glaube. Ich kenne diese Ăśbereinstimmung zwar auch aus Gesprächen, aber weit intensiver aus einer Art „energetischen“ Ăśbereinstimmung mit anderen (ich mag das Wort nicht so gerne, aber mir fällt kein besseres dafĂĽr ein). In jenem Zustand fĂĽhle ich mich mit anderen sehr verbunden, kann ihre GefĂĽhle und Ă„ngste nachfĂĽhlen, und was ich will, will auch der Andere. Es ist, als wĂĽrde ich in jenen Momenten die Grenzen meines eigenen Körpers ĂĽberwinden und seelisch mit anderen verschmelzen, fĂĽr einige Momente eins mit ihnen sein. Es fĂĽhlt sich dann ein bisschen so an, als wĂĽrde ich hingebungsvoll Gitarre spielen. Dann wird die Gitarre zu einem Teil des Körpers und meine Finger bewegen die Seiten ebenso unbewusst, wie die Muskeln in meiner Hand meine Finger bewegen, wenn ich spiele. Die Trennung voneinander löst sich dabei auf. Es ist ein Zustand völliger Harmonie, völliger Entspannung. Konflikte kommen erst wieder ins Spiel, wenn die Trennung spĂĽrbar wird und wir uns wieder “von auĂźen” begegnen.

Zwei-Samkeit

Die letzten Tage habe ich bei meinem Vater verbracht, in dessen Haus für mich seit einigen Jahren eine unglaublich entspannende Atmosphäre wirkt. Normalerweise fällt es mir schwer, freie Zeit zu nutzen, mich zu entspannen, doch in diesem Haus überfällt es mich regelmäßig. Und so habe ich den 25. Dezember eigentlich nur damit verbracht, im Wohnzimmer auf einer Couch zu liegen und mich damit ganz wohl zu fühlen. Niemand schrieb mir vor, was zu tun war, nicht einmal ich selbst fühlte mich müßig, unbedingt etwas erledigen oder tun zu müssen. Es war eine sehr entspannte Zeit, und sehr schön. Doch schon am 26. wurde es mir innerlich irgendwie zu viel der Harmonie. Also ging ich laufen, arbeitete an einem Gedicht, kurz: entfloh der Harmonie des süßen Nichts-Tuns. Es wird mir einfach nach sehr kurzer Zeit auch wieder zu langweilig. Vielleicht bin ich besonders sensibel für jene Bedürfnisse, aber ich denke, dass es uns allen so geht, dass wir ein Bedürfnis nach einem Wechsel von Spannung und Entspannung, von Harmonie und Konflikt, von Eins-Sein und Trennung haben.

Leben in Dualitäten

Es ist für mich eine der genialsten Erfindungen des Lebens, Konstruktion und Destruktion, Aufbau und Zerstörung als notwendige Bedingung für seinen Weiterbestand festzulegen, den Tod zur Grundbedingung für das Leben einzuführen. Als die Schlange Eva den Apfel anbot, der ihr das Wissen über Gut und Böse eröffnen würde, bat sie ihr das Leben selbst an, denn Leben ist Veränderung, und es kann ein „Gut“ nur in Abhängigkeit von einem „Bösen“ geben, ein „kalt“ nur in Relation zu einem „warm“, eine „Freude“ nur in Relation zu einem „Leiden“, ein Wachsen nur in Relation zu einem Schwinden und den Fortbestand einer Idee, etwas Bestehendem nur in einem stetigen und ausbalancierten Wechsel zwischen diesen Dualitäten. Was bestehen soll, muss gehen und wiederkehren können.

Gestern habe ich mir einen alten chinesischen Film angesehen, in der eine Frau einige faszinierende Sätze sprach. Sie meinte, sie hätte einen Mann nicht heiraten wollen, weil er ihr nicht sagen wollte, dass er sie liebte, auch wenn sie wusste, dass er sie liebte, denn sie hatte geglaubt, Worte würden länger leben als Gefühle, die doch stets vergehen. Doch sie hätte sich geirrt: Alles würde vergehen, und nun hätte sie die Blütezeit ihres Lebens ohne den Mann verbracht, der sie doch geliebt hatte.

In all dem natürlichen Fluss des Lebens und der Seele zwischen den Dualitäten scheinen wir Menschen uns doch nach der Beständigkeit zu sehnen, wollen etwas dem Tod entreißen, wollen schaffen, was auch in Zukunft, was auch nachdem wir gegangen sind noch besteht. Es mag paradox erscheinen, doch mir scheint es, als würde nur jenes die Jahre überstehen, was wir bereit sind aufzugeben. Nur Weltbilder, denen ich der Disharmonie abweichender Erkenntnisse aussetzte, konnten stärker wiederauferstehen, wohingegen alle fixen Ideen irgendwann an der Realität zerbrechen mussten. Nur die Liebe, die (oft schmerzlich) verblassen durfte, kehrte mit neuer Macht wieder, weil der Wunsch nach Eins-Sein nur im Wechsel mit dem Wunsch nach Zwei-Sein aufrecht bleiben kann, der Wunsch nach Harmonie nur in Disharmonie entstehen kann und das Bedürfnis nach Spannung nur in der Entspannung.

Und die Pädagogik?

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird vermutlich schon festgestellt haben, dass ich hier eine bunte Mischung aus praktischen Erfahrungsberichten, pädagogischen Spekulationen und allgemeinen Lebenserfahrungen veröffentliche. Dies hat den Grund, weil ich davon ausgehe, dass Pädagogik am Ende des Tages hauptsächlich Menschenkunde ist, und auch in der Menschenkunde an die Dualität der Harmonie (des Verstehens) und der Disharmonie (des Missverstehens) glaube. Es wird menschliche Eigenschaften geben, die sich auf andere Menschen, andere Situationen übertragen lassen, und welche, die eher speziell zu sehen sind, doch ich glaube, dass es wertvoll ist, eine Fülle an möglichen „Menschlichkeiten“ wirklich verstehen zu wollen. Einerseits hilft es dabei, andere Menschen besser zu verstehen, andererseits ist es eine schöne Idee, dass wir den jeweils anderen wohl niemals völlig verstehen werden. Denn dies bedeutet, dass er uns noch überraschen, dass er uns noch zum Staunen bringen kann.

Und anderen Menschen mit dieser interessierten Einstellung zu begegnen ist für mich schon an sich ein Grundpfeiler sinnvoller Pädagogik.

Niklas

Einer meiner Schüler fiel mir einige Wochen lang immer wieder durch eher als destruktiv zu bezeichnendes Verhalten auf. Er ärgerte andere Mitschüler und beachtete auch die von ihnen aufgezeigten Grenzen kaum. Immer wieder fühlte ich mich aufgefordert, ihn zurechtzuweisen. Bis ich eines Tages entdeckte, dass ich ihn im ständigen Fluss unserer Schule, die auf einem sehr freien Konzept beruht, bis auf diese Zusammenstöße kaum bewusst wahrgenommen hatte. Also versuchte ich ganz bewusst, ihn möglichst unvoreingenommen wahrzunehmen und mich für sein Leben zu interessieren, half ihm auch bei dem einen oder anderen technischen Problem weiter. Die Veränderung war augenöffnend: nun nahm er plötzlich meine Führung an, selbst in Situationen, in denen ich ihn aufforderte, etwas zu unterlassen, das ihm eigentlich wichtig war, solange es fair war.

… denn ich werde nicht gesehen

Ähnliche Erfahrungen machte ich auch mit anderen Kindern. Sobald ich es irgendwie einrichten konnte, mich tatsächlich mit ihnen zu befassen, mit ihrer Persönlichkeit, oft auch ihren Ängsten und Sorgen, änderte sich die Beziehung zu ihnen und damit auch ihr Verhalten mir gegenüber schlagartig. Besagter Junge, der seine Zeit wochenlang zu großen Teilen damit verbracht hatte, andere zu ärgern, half nun plötzlich von sich aus jüngeren Mitschülern bei ihren Mathematik-Aufgaben, wenn er bemerkte, dass sie Hilfe brauchten und gerade keiner der Lernbegleiter frei war, versuchte, Konflikte lösen zu helfen und war auch im Gespräch wie ausgewechselt. Möglicherweise ist es tatsächlich einfach eine der größten Sehnsüchte eines Menschen, nicht nur gesehen zu werden, sondern ganz gesehen zu werden. Wir alle wollen wohl jemand Besonderes sein, und zumindest von manchen Menschen dafür gehalten und auch entsprechend behandelt werden.

… denn Freiheit macht mir Angst

Unsere Schule ist eine sehr freie Schule, und entgegen der landläufigen Ansicht, dass eine solche Schule eine völlige Unterforderung der Schüler nach sich zieht, mache ich eher die gegenteilige Erfahrung, dass eine solche Schule für viele eine massive Überforderung darstellt. Vor allem für diejenigen, die aus einer Regelschule zu uns kommen, ist es offenbar eine riesige Herausforderung, so etwas wie einen eigenen Willen zu entwickeln, der sich nicht nur negativ auf den Willen des Lehrers bezieht und ihm zu entkommen sucht. Entsprechend lassen sich auch die beliebtesten Aktivitäten jener Schüler zusammenfassen mit Einkaufen, Reden, Essen, am Handy zu spielen und andere zu ärgern. Es ist erstaunlich, inwieweit sich hierbei die durchschnittlichen Pausen-Aktivitäten der Regelschule wiederspiegeln.

Der qualitative Unterschied der Begrenzungen, die wir dem Handeln auferlegen, zu der Gewohnheit, eben das zu machen, was ein Lehrer aufträgt, ist enorm, und die dementsprechende Anforderung an den Schüler ebenso. Dass wir oft auch destruktive Verhaltensweisen jener Schüler, die diese Entwicklung zu einem eigenen Willen durchmachen müssen, beobachten können, liegt wohl an mehreren Gründen. Einerseits mag es für einen Schüler, der es Zeit seines Lebens gewöhnt war, anderen aufs Wort folgen zu müssen, unglaubwürdig klingen, dass es nun anders sein solle, und ermöchte herausfinden, wann denn nun der Haken der Sache kommt. Andererseits muss er für die Entwicklung eines eigenen Willens und eigener Ziele auch die tatsächlichen Begrenzungen herausfinden und dabei manchmal auch überschreiten, um sie festmachen zu können, vor allem dann, wenn sie nur unklar formuliert oder nicht durchgängig verteidigt werden. So anstrengend und oft auch frustrierend dieser Prozess für alle Beteiligten manchmal sein mag, er ist doch notwendig, wenn wir unsere Schüler auf ein Leben in einer demokratischen Ordnung nach dem Grundgesetz vorbereiten wollen, die ebenso ein mündiges Leben innerhalb gewisser Grenzen (Gesetze) vorsieht.

Es mag für den freiheitsliebenden Leser schwer zu glauben sein, aber teilweise dürfte sich hinter destruktivem Verhalten in einem solchen Umfeld auch der (bewusste oder unbewusste) Wunsch verstecken, zurück in den gewohnten Rahmen zu kommen, in der der Schüler (un-)williger Ausführender des Willens des Lehrers ist. Es ist bekanntlich nicht einfach, Gewohnheiten abzulegen, selbst wenn man es will. Die Raucher unter uns können davon wohl ein Liedchen singen.

…denn es ist im Weg

In manchen Fällen mag es auch sein, dass ein oder mehrere Schüler ein zu enges Korsett vorzufinden glauben, um ihre tatsächlichen Ziele zu verwirklichen, und die Zerstörung dieses Korsetts erscheint ihnen als die einzige Möglichkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, in der ihre Ziele möglich sind, ähnlich vieler hoffnungsvoller Revolutionäre, die die Eroberung der Staatsmacht und die gesellschaftliche Umwälzung durch diese Macht als einzigen Weg sehen, Veränderung zu erreichen. Dabei macht es oft wenig Unterschied, ob es objektiv gesehen durchaus konstruktive Möglichkeiten gäbe, diese Veränderungen auf anderem Weg zu erreichen – es geht dabei um die Wahrnehmung des destruktiv handelnden: offensichtlich sieht er diese Möglichkeit (noch) nicht oder vertraut ihnen nicht. Die politische Mitbestimmung, die sich an vielen Schulen oft auf kosmetische Veränderungen beschränkt, mag hierbei ihren Teil dazu beigetragen haben.

Sollte dies der Fall sein, ist jedoch schon ein wichtiger Teil der Entwicklung geglückt: es gibt tatsächlich einen eigenen, konstruktiven Willen, und alles, was über bleibt, ist ihn in konstruktive Bahnen zu leiten.

Konstruktives Verhalten braucht gute Freiräume und damit gute Grenzen

Vielleicht mĂĽssen wir uns auch fragen, ob wir die Grenzen, die wir glauben zu setzen, auch tatsächlich selbst einfordern und halten, oder ob wir unsere SchĂĽler nicht auch noch mit wackeligen Grenzen weiter belasten. Grenzen mĂĽssen klar und eindeutig sein, mĂĽssen transparent sein – und auch standhalten. Sonst sind es keine sinnvollen Grenzen, sondern LuftschlĂĽsser, auf denen niemand seine Entscheidungen bauen kann.

Niklas

Als ich letztens mit meinem GroĂźvater zusammensaĂź und wir ĂĽber wirtschaftliche Entwicklungen sprachen, kam das Thema darauf, welche Arten von Arbeit wohl auch in Zukunft noch das Potential hatten, den Arbeitenden ein vertretbares Einkommen zu sichern. Mein GroĂźvater hatte selbst einst ein mittelgroĂźes Unternehmen im Gastronomiebereich aufgebaut, und er sorgte sich um die Gastronomen und anderen Dienstleister der Branche, die sich einem knallharten Konkurrenzkampf ausgeliefert sahen, indem zunehmend alle verlieren wĂĽrden.

Natürlich handelt es sich bei all diesen Dingen um hochkomplexe Probleme, die sich kaum isoliert und heruntergebrochen betrachten lassen, ohne wichtige Komponenten auszublenden. Trotzdem glaube ich, dass einige der Überlegungen, die unser Gespräch begleiteten, auch für (angehende) Pädagogen interessant sein könnten. Immerhin geht es dabei unter anderem um die Frage, für welche Wirtschaftssituation wir unsere Schüler vorbereiten, und ob die derzeitige Sicht der Dinge auch in einigen Jahren noch zeitgemäß sein wird oder auch nur könnte.

Die Kosten, oh die Kosten…

Mein Großvater sprach also von dem enormen Kostendruck, der heutzutage auf Gastronomen, aber auch andere Dienstleister der Branche laste, verstärkt noch durch die Großen Ketten verwandter Branchen, die sich aufgrund ihrer schieren Größe oft gewisse Tricks erlauben konnten, die einem kleinen Bäcker oder Gastronom schlicht nicht zur Verfügung standen, etwa wenn ein Hofer-Supermarkt sein Brot bewusst unter dem Bäckerpreis verkauft, weil er weiß, dass die Kunden den geringen Brotpreis langfristig dadurch ausgleichen, dass sie andere Produkte gleich mitkaufen.

Dies zwingt den Bäcker dazu, entweder darauf zu vertrauen, dass seine Qualität (die von den Supermarktketten oft – oder zumindest beinahe – eingeholt werden) oder die Tradition seine Kunden an ihn bindet, oder günstiger zu produzieren. Günstiger produzieren kann beispielsweise ein Bäcker, indem er an der Qualität seiner Zutaten spart (was schlecht für die Qualität der Endprodukte ist, ein Teufelskreis). Alternativ könnte er versuchen, seine Prozesse innerhalb des Unternehmens zu optimieren, was oftmals darauf hinauslaufen wird, erfahrene (und damit teurere) Mitarbeiter abzubauen und durch Maschinen oder ungelernte Kräfte zu ersetzen – um damit wiederum eine Möglichkeit zu verlieren, sich von der Konkurrenz abzuheben.

Ăśberforderung aller als Konsequenz des Vertrauensverlustes

Als ich meinen Großvater dann fragte, was denn eine Lösung für eben jene kleinere Betriebe sein könnte, sich gegen diese oft bedenklichen Entwicklungen zu wehren, meinte er, sich auf Dienstleistungen zu konzentrieren. Auch mit dem Aufkommen des Internets sei es heutzutage für die meisten Menschen, die sich damit ein wenig auskennen, möglich, sich ihre Produkte direkt bei den Produzenten zu bestellen, was fast zwangsläufig günstiger als die Geschäftsvariante ist, die ja Mitarbeiter und Lagerkosten bezahlen muss.

Um sich dabei jedoch auch das richtige Produkt zu bestellen, muss sich der Kunde fast zwangsläufig gut mit den zur Verfügung stehenden Produkten auskennen. Wer sich also ein neues Handy kaufen möchte und dies über das Internet tun will, wird sich die entsprechenden technischen Details und Preise ansehen müssen und Zeit aufwenden müssen, sich zu informieren – oder einfach irgendetwas kaufen, was ihn möglicherweise nicht so recht zufriedenstellt. Weitergedacht würde dies dazu führen, dass wir alle in Zukunft ein enormes Expertenwissen in den verschiedensten Bereichen aufbauen müssten, um die jeweiligen Produkte für unsere jeweiligen Bedürfnisse richtig auswählen zu können. Und genau hier, so mein Großvater, liegt eine Chance verborgen.

Denn ebenso, wie unsere Gesellschaft in der Produktion auf der Arbeitsteilung basiert, wird sie auch im Bereich der Erfahrung sinnvollerweise auch auf der Arbeitsteilung basieren. Unsere Leben sind schlichtweg zu kurz, um über alle Lebensbereiche ausreichend informiert zu sein oder ausreichende praktische Erfahrung zu sammeln, um überall gute Entscheidungen zu treffen. Menschen mit theoretischer und praktischer Erfahrung können hier den einzelnen erheblich entlasten, und diese Art von Dienstleistung, jene guter Beratung, wird wohl auch zumindest in naher Zukunft nicht von Computern übernommen werden können, weil sie auch ein Stück weit Intuition und Einfühlungsvermögen voraussetzen. Ebenso dürften laut ihm auch praktische Dienstleistungen wie beispielsweise Haare schneiden oder Massieren auch langfristig kaum von Maschinen verdrängt werden.

Urvertrauen

Was dazu zwischen dem Kunden und dem Dienstleister vonnöten ist, ist ein gewisses Maß an Vertrauen. Ein Grund, warum viele Menschen in meinem Umfeld überhaupt angefangen haben, sich im Internet über Preise und Produkte zu informieren, ist ja jener, dass sie den Geschäften nicht mehr vertrauten, ihnen die beste Beratung mit den besten Preisen und Produkten zukommen wollen zu lassen – oder dass die Mitarbeiter in den Geschäften schlicht nicht mehr die Erfahrung hatten, dies zu bewerkstelligen, weil es ungelernte und damit austauschbare Kräfte waren. Wenn jedoch ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen mir und einem Dienstleister besteht, so kann ich ihm vertrauensvoll mein Problem übergeben und mich von ihm zu einer Lösung führen lassen. Womit wir in der Pädagogik angekommen sind.

Vor allem in freien Schulen scheint es oft eine starke Kluft zwischen jenen Pädagogen zu geben, die den Kindern gerne völlige Freiheiten lassen würden, da sie ein starkes Vertrauen haben, dass die Kinder das schon alleine schaffen würden, und jenen, die zumindest ein dumpfes Gefühl verspüren, dass es auch wichtig sei, Kindern manche Dinge aufzutragen und Dinge von ihnen zu erwarten. In vielen Schulen wird sich, wenn die Zusammensetzung der Pädagogen stimmt, ein mehr oder weniger gesundes Mittelmaß zwischen den beiden Extremen absolute Freiheit lassen und befehlen einpendeln. Demgegenüber möchte ich das Führen setzen, und zwar im obigen Sinn.

Führen bedingt für mich ein Vertrauensverhältnis zwischen Führer und Geführtem, und ist für mich notwendigerweise ein freiwilliger Vorgang, dem sowohl Führer als auch Geführter zugestimmt haben. Er hebt sich davon vom Befehl ab der ja keineswegs auf Freiwilligkeit basiert, aber auch vom Lassen absoluter Freiwilligkeit, weil der Geführte sozusagen einen Teil seiner Freiheit freiwillig (!) und für eine bestimmte Zeit (!) aufgibt, um sie in die Hände des Führenden zu legen, im Vertrauen auf gute Führung hin zu seinem eigenen (!) Ziel. Auch wenn ich gesinnungsmäßig ursprünglich sicherlich eher vom Pol der absoluten Freiheit ausgegangen bin, halte ich es heute für absurd, Kindern die Möglichkeit nehmen zu wollen, sich Führung zu suchen, wo sie es selbst für sinnvoll halten. Einem Erwachsenen, der sich in einer fremden Stadt nicht zurechtfindet, verbieten wir ja ebenso wenig, andere um Hilfe zu bitten, warum sollten wir es bei Kindern anders halten?

Wenn sich Pädagogen nun bereit erklären, jenen Kindern Führung zu geben, die sie erbitten, so können sie ihnen auch gleichzeitig ein direktes Vorbild dafür sein, selbst einst andere zu führen – als Friseure, als Verkaufsmitarbeiter, Manager, Visionäre, was auch immer sie einst tun werden. Je nachdem, wie vorbildhaft sich die Pädagogen dabei verhalten (eben beispielsweise dabei zu bleiben, den tatsächlichen Führungsgesuchen zu entsprechen, anstatt Reden zu halten oder andere Lebensbereiche als die erbetenen ebenso dominieren zu wollen), können sie ein leuchtendes Vorbild im Führen von anderen sein.

Gute FĂĽhrung

Realistischerweise wird auch der beste Pädagoge nicht in allen Lebensbereichen über das Wissen und die Erfahrung verfügen, andere gut zu führen. Schlechte, illegitime oder auch gar keine Führung führt nicht gerade zu einem Mehr an Vertrauen in das Gegenüber. Ich habe zwar auf diese Weise gelernt, sehr selbstständig zu denken und zu handeln, doch die Kehrseite war ein großes Misstrauen gegenüber Autoritätspersonen, selbst jenen, die es sicherlich nicht verdient hätten (falls einer von euch das liest: es tut mir heute ziemlich Leid, es war nicht böse gemeint).

Ich möchte meinen Kindern (und Schulkindern) gerne ermöglichen, Autoritäten (und damit auch mir) zu vertrauen, und ich glaube, dass manche Situationen, die ihnen zu viel werden, Führung notwendig machen, ebenso, wie es manchmal ein Lassen oder in Ausnahmefällen gar ein Befehlen sein wird. Die Grundvoraussetzung von all dem jedoch ist eine vertrauensvolle Beziehung, die wohl davon abhängt, ob in der jeweiligen Situation die richtige Wahl zwischen jenen drei Möglichkeiten getroffen wurde. Ich wünsche meinen (Schul-)Kindern ein gut entwickeltes Selbst-Vertrauen, aber auch, dass sie sich, wenn sie sich überfordert fühlen, vertrauensvoll an andere wenden können, sie sicher durch die Schwierigkeiten hindurchzuführen.

Niklas

Heute möchte ich euch, liebe Leser, an zwei Versionen der selben Geschichte teilhaben lassen: der Geschichte der Entstehung und Entwicklung des Internets. In der ersten Version findet ihr meinen persönlichen Zugang zum Internet, aus dem vielleicht abzulesen ist, warum ich so ein großes Potential darin sehe, während der zweite Teil eher die möglichen Konsequenzen des politischen Zusammenlebens behandelt. Viel Freude damit!

Eine persönliche Geschichte des Internets

Als mein Vater vor 16 Jahren einen Computer um 24500 Schilling nach Hause brachte, war mit diesem aus heutiger Sicht nicht allzu viel anzufangen. Er hatte um die 8 Megabyte Arbeitsspeicher, und wenn ich SkiOrDie, mein geliebtes erstes Computerspiel spielen wollte, musste ich es über die DOS-Kommandozeile aufrufen. Später wollte ich dann selbst Computerspiele programmieren und lernte über die Schule, die ich besuchte, einige Grundwerkzeuge der Programmierung. Ungefähr zu jener Zeit begann ich das Internet als Haupt-Informationsmedium zu nutzen. Wir lernten, kleine Minimalprogramme zu programmieren, und meine Lehrer schienen auch kaum mehr zusammenzubringen. Doch im Internet fand ich Antworten auf viele meiner Fragen.

Ich erstellte (schrecklich hässliche) Websites und Levels für meine damaligen Lieblings-Computerspiele, wurde Teil diverser Foren-Communities und wuchs so in die Vorläufer des heute Web 2.0 genannten interaktiven Internets hinein. Das Internet wandelte sich vom Informations-Medium, dass Antworten auf Fragen geben konnte, wie es ein gutes Buch auch tat, zu einem Medium, in dem ich selbst Antworten auf die Fragen anderer geben konnte. In dem ich etwas schaffen konnte, das andere tatsächlich nutzten.

Ich schrieb zahlreiche Geschichten für eine größer angelegte Hobby-Spieleentwicklung. Ich veröffentlichte eigenen Levels für Warcraft 3, ein Computerspiel, und da gab es tatsächlich andere Menschen, die mir Feedback dazu gaben und auf eine neue Version hofften. Und diese Menschen aus allen Teilen der Welt, die ich nie getroffen hatte und vielleicht auch nie treffen würde, interessierten sich für das, was ich tat, unabhängig von meinem Aussehen, meiner Nationalität, meinem Alter, meiner Schulbildung oder meinem Bankkonto.

Aus dem Internet zog ich wesentliche Grundsteine meiner fachlichen und humanitären Bildung, die dem in der Schule gelernten oft widersprachen, und ich hatte gelernt, schulische Bildung nicht grundsätzlich höher zu bewerten als die Informationen und Geschichten, die ich im Internet fand. Ich hatte, und zwar ohne Fremdsteuerung sondern aus der Praxis, gelernt, kritisch zu denken. Und ich würde nicht der einzige sein. Erst viel später erkannte ich, wie ungeheuerlich dies eigentlich aus Sicht der bestehenden Weltordnung erscheinen musste.

Eine politische Geschichte des Internets

Jahrtausende lang hatte es in irgendeiner Form eine zentralistische Machtstruktur gegeben. Es waren Stammesführer, Kaiser, Könige, Tribunale, Gottes-Interpreter und gewählte Vertreter, aber wer auch immer sie waren, es waren einige wenige, die über viele herrschten. Es wirkte fast wie ein Naturgesetz, dass immer einige wenige Zugriff auf die wenigen Mittel hatten, viele zu erreichen. Ein Verlag konnte entscheiden, welche Bücher gedruckt wurde und damit großes Publikum erreichte. Ein (oft staatliches) Radio oder Fernsehen sorgte dafür, dass gewisse Interessen gewahrt wurden. Neben der politischen war auch ökonomische Macht ein Einflussfaktor: diverse Privatsender machten etwa staatlichem Fernsehen Konkurrenz. Aber immer waren diese Werkzeuge in den Händen einiger weniger. Das Internet zerstörte nach und nach jede Illusion, dass dies so bleiben würde.

Den Anfang machte der Computer und die Möglichkeit, eine Datei ohne Verlust an der Ausgangsdatei zu kopieren. Ein Text, ein Bild, ein Video konnte geschrieben, auf Diskette (später CD, DVD, USB, …) gespeichert und auf einem anderen Computer betrachtet werden. Aber die Überbringung dieser Datenträger war noch relativ leicht zu kontrollieren. Mit dem Internet konnten Daten in Sekundenbruchteilen vervielfältigt werden, und es war relativ irrelevant, ob jetzt ein oder eine Million Benutzer eine Webseite betrachtet. Die Information „vervielfältigt“ sich damit auf einer Million Computern und kann damit von einer Million Benutzern gelesen werden.

Aber selbst als immer mehr Menschen lernten, selbst Webseiten zu erstellen oder auf sonstigem Wege Informationen im Internet veröffentlichten, gab es noch ein großes Problem: diese Informationen zu finden, wenn man ihre Adresse nicht kannte. Ein kritischer Text würde wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen und in der Masse an anderen Seiten untergehen. Er war wie ein Buch, dass die Welt verändern könnte, das aber in Bücherregalen verstaubte. Das Internet war aufgrund seiner riesigen Masse an Informationen ungefährlich, weil es zu ungeordnet, zu chaotisch war.

Und dann begann die nächste große Welle der Evolution des Internets: die der sozialen Netzwerke. Soziale Netzwerke machten es plötzlich möglich, dass ein jeder über seine persönlichen oder virtuellen Kontakte eine Art „Mundpropaganda“ über interessante Informationen tätigen konnte. Innerhalb von Stunden konnten so interessante Informationen um die Welt gehen. Das Internet wurde damit aus einem übervollen Buchregal zu einem, das zwar immer noch übervoll war, bei dem aber praktischerweise einige nette Menschen Tipps zu besonders interessanten Büchern gaben. Nette Menschen, die man möglicherweise gar nicht persönlich kannte, die aber gemeinsam eine ziemlich große Reichweite ergaben.

Die Möglichkeiten des Internets als sozial vernetztes Kommunikationsmedium stellen viele der althergebrachten Traditionen in Frage. Unser politisches System der repräsentativen Demokratie basiert unter anderem auf dem Schluss, dass es unmöglich ist, bei der Mitbestimmung aller auf zentralisiert umsetzbare Entscheidungen zu kommen. Aber möglicherweise ist dies gar nicht immer nötig. Schon heute gibt es zahlreiche Initiativen, die Probleme über das Internet aufzeigen und dagegen protestieren. Der Knackpunkt ist jedoch, nicht an diesem Punkt stehen zu bleiben, sondern den einen Schritt weiter zu gehen und selbst Verantwortung für die Lösung der Probleme zu übernehmen. Sich etwa mit anderen Bürgern zu vernetzen und gemeinsame Lösungen gemeinsam umsetzen. Die möglichen Folgen des dadurch ausgelösten politischen Erdbebens sind derzeit noch kaum absehbar.

Vor die Verantwortung gestellt

Eine Freundin von mir meinte unlängst, dass es illusionär sei, das Internet als rettendes Medium zur Lösung vieler Weltprobleme zu betrachten. Zum einen hätten auĂźerhalb der Industrienationen kaum Menschen einen Internetzugang bzw. kaum jemand die finanziellen und technischen Voraussetzungen, diesen zu nutzen. Zudem wĂĽrde beispielsweise in China sehr stark zensiert werden. Doch gerade die Zensur und die Angst gewisser Regierungen vor dem Internet zeugt von seinem Potential, tiefgreifende Veränderungen zu ermöglichen. In Brasilien gingen letzten Juni trotz Verbot von Facebook durch die Regierung (“Jugendschutz”) an einem Tag 1.000.000 Menschen auf die StraĂźen, Menschen, die mir erzählt hatten, dass sie sich dies vorher aus Angst vor Verhaftungen nicht getraut hatten.

Veränderung bedeutet jedoch nicht automatisch Verbesserung. Wie jedes Werkzeug kann auch das Internet zu destruktiven Zwecken eingesetzt werden und das Leben anderer Menschen negativ beeinträchtigen. Doch wie kaum in der Geschichte der Menschheit ist es ein Werkzeug, das einer große Masse an Menschen zur Verfügung steht, die die Richtung mitbeeinflussen können, wie es sich in Zukunft entwickeln wird. Es wird, wie immer, einige schwarze Schafe geben. Man kann dagegen protestieren, und ich halte es für wichtig, Farbe zu bekennen und zu seiner Meinung zu stehen. Doch wie kaum eine Generation vor uns haben wir die Macht, mehr zu tun.

Unsere Generation stellt immer wieder die anklagende Frage an die letzten Generationen, wie sie es zulassen konnten, dass Millionen Menschen fĂĽr so viele sinnlose Kriege sterben mussten. Die Antwort lautet wohl oft, dass kaum jemand aus der Masse des “kleinen Mannes” die Möglichkeit gehabt hätte, etwas daran zu ändern. Unsere Kinder und Kindeskinder werden uns einst vielleicht ähnliche Frage stellen. Können wir uns dann, in Zeiten des Internets und seines Potentials, ebenso einfach auf unsere fehlenden Möglichkeiten herausreden?

Niklas